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Posts Tagged ‘Deutschland’

Der Glaube versetzt gar nichts mehr

Was??? Ich war Zähneputzen! Und jetzt steht es 5:0!!

So ungefähr war das in der unwirklichen Nacht vom Dienstag zum Mittwoch. Am Ende 7:1. Ein solches Halbfinale hat es noch nie gegeben. Brasilien spielte ohne seinen Superstar Neymar und glaubte, ohne ihn noch besser zu sein, weil nun alle anderen für ihn mitspielen und das Beste und Letzte aus sich herausholen würden. Jedoch. Die Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat und der Glaube Berge versetzen konnte, sind lange vorbei. Die Brasilianer sind die Größten der Welt, sie tragen fünf Sterne am Trikot für gewonnene Weltmeisterschaften, aber gestern mussten sie die Spanier beneiden, deren Absturz gegen die Niederlange mit 1:5 vergleichsweise glimpflich ausging. Sie mögen es geglaubt haben, aber niemand konnte auch nur annähernd die Rolle von Neymar Jr. übernehmen, und auch der naive Innenverteidiger Thiago Silva erwies sich als unersetzbar. Misstraut dem Glauben! Beargwöhnt die Emotionen! Quatscht euch nicht besoffen! Das perfekte Spiel gibt es nicht, aber die deutsche Mannschaft spielte schon ziemlich vollkommen. Sie war grandios in ihrer Sachlichkeit, in ihren Spielverlagerungen, in ihrer schnellen Entschlossenheit. Sie war – zum Glück – nicht genial. Dazu war sie viel zu besonnen, zu professionell. Als die Brasilianer nach der Halbzeitpause aufbegehrten, raubte Manuel Neuer ihnen mit seinem Stoizismus die letzte Zuversicht. Auf den Tribünen spielten sich Dramen ab, die Tränen flossen still oder impulsiv.

„Ein Gänsehautauftritt der deutschen Elf, aber auch Mitgefühl für die Brasilianer”, sagte der einfühlsame Bela Rethy, und dann warf er sich für den brasilianischen Stürmer Fred in die Bresche, der von den eigenen Fans gnadenlos ausgepfiffen wurde: „So ist das, wenn die Massen einen ausgucken.” Am liebsten hätte er wohl gesagt: der Mob.

Der unglückliche Fred, der als Ungerührter, als Unbeteiligter durch diese Weltmeisterschaft ging, der Mann, den die Bälle nie erreichten und der trotzdem wie ein zufriedener Friseurmeister aus der Vorstadt aussah: Der Laden läuft, meine Kunden bezahlen mich gut, ich kriege sogar Trinkgeld. Seine einzige Heldentat war ein Schwindel: der gegen Kroatien herausgeholte Elfmeter. Was auch immer Fred in seinem Fußballerleben geleistet haben mag, in dieser Weltmeisterschaft ist er überhaupt nicht angekommen. Dass Trainer Scolari ihn trotzdem immer wieder in die Startelf stellte, zeigt ein Problem dieses Mannes, dieser Mannschaft und dieses Landes. Man fühlt sich eins mit Gott und glaubt in seiner Selbstgefälligkeit die Realität überlisten zu können.

Mich würde interessieren, welche Gebete die brasilianischen Spieler am Ende in den Himmel geschickt haben: Verzeih uns, dass wir Deinen Auftrag nicht ausführen konnten. Wir sind nur schwache Menschen. War es das? Oder: Mein Gott, warum hast du uns verlassen? Was wolltest Du uns mit diesem Debakel sagen? Vielleicht beteten sie auch: Lieber Gott, danke. Danke, dass du uns – hoffentlich für immer – erlöst hast von unserem hochfahrenden Glauben an unsere Genialität und von unserer Gewissheit, dass Du immer auf unserer Seite stehen wirst.

Das wäre wohl das Beste.

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Hausaufgaben und Körpersprache

Deutschland – Österreich 3:0. Waren wir so stark, waren die Ösies so schwach? Halten wir uns, wie so oft und so gern, an den Bundestrainer: „Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht.” Normalerweise hat man für solche Sätze fünf Euro ins Phrasenschwein zu werfen, aber hier gibt uns die Phrase die Deutung an die Hand. Die Österreicher haben ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Gewiss ist man mit einer solchen Erklärung so schlau als wie zuvor. Was mir als Laien auffiel: Die Österreicher waren devot. Man sah es an ihrem Trainer Marcel Koller, unmittelbar vor dem 1:0. Dem war eine Fehlentscheidung vorausgegangen. Koller protestierte, um sich sogleich beim deutschen Kapitän Philip Lahm zu entschuldigen und ihn mit großer Herzlichkeit zu umarmen. Es hätte Freistoß für Deutschland geben müssen oder Einwurf für Österreich, aber nicht Einwurf für Deutschland. Und dafür entschuldigt sich der nette Herr Koller noch. So kann man international nicht auftreten. Was mich weiter wunderte: In entscheidenden Situationen wirkten die Österreicher, ob vor dem eigenen oder dem gegnerischen Tor, immer zerstreut. Gelegentlich servierten sie den Deutschen die besten Pässe. Ich meine, eine Innverteidigung Mertesacker/Boateng müsste eigentlich zu knacken sein. Darüber hinaus taten die deutschen Innenverteidiger für den Spielaufbau so gut wie nichts. Immerhin hatten wir ein starkes, kompaktes Mittelfeld.

Das Münchner Stadion war ausverkauft. Aber es kam keine Stimmung auf. Die Loser aus dem Nachbarland machten da noch mehr Radau als die deutschen Fans. Natürlich fehlt die Spannung, vielleicht fehlten auch die spektakulären Szenen. So sieht das eben aus, wenn man seine Hausaufgaben erledigt.

Kann man einem Menschen eigentlich seine Körpersprache vorwerfen? Ich denke nicht. Man könnte ihm höchstens ein paar Szenen zeigen und sagen, schau, Jogi, so sieht das aus, wenn du jubelst, so sieht das aus, wenn du zornig bist. Etwas memmenhaft, nicht wahr? Denk mal drüber nach. Aber wo soll das enden? Man könnte ihm ja auch seine Statements vorspielen. Hör dir das mal an, Joachim, das sind deine Sätze, achte mal auf Floskeln und nichtssagendes Zeug und lass dir das durch den Kopf gehen.

Zwecklos, einen Menschen ändern zu wollen.

In der Nacht, im Traum, war mein Auto weg (in Wirklichkeit habe ich sowieso keines mehr). Ich hatte vergessen, wo ich es hingestellt hatte. Wollte einen Freund anrufen, der dabei gewesen war, aber das ging auch nicht im Traum. Bei all den Problemen entging mir, dass ich plötzlich drin saß in meinem Auto. Nun suchte ich aber eine Schnapsflasche, von der ich wusste, dass ich sie ins Auto gelegt hatte. Wieder wollte ich den Freund anrufen, wieder ging das nicht. Dann fuhr ich mit dem Auto ein Stück zurück und suchte das Auto, in dem ich ja saß, und die Schnapsflasche, mit der ich ja sowieso nichts hätte anfangen können. Müßig zu erwähnen, dass es dabei fast zu einem Unfall kam.

Vermutlich war das Fußballspiel schuld an diesem blöden Traum.

Das Schicksal schlägt zurück

Berlin ist tierlieb

Berlin ist tierlieb

Angestrichene Sätze aus dem Jahr 2007

In der Silvesternacht war der Zwergenkönig so klein wie ein Kind. Das Rentnerehepaar arbeitete eine Stunde schweigend und verbissen, um seine Raketen abzufeuern; sie sahen nicht mal hin, wenn eine Rakete aufstieg, es war eine reine Pflichtaufgabe.

Tischtennistraining. Der Rentner Dieter schmettert wie entfesselt.

Runder Geburtstag. Martin, der eine Rede schwingt, es aber nicht schafft, die Leute zum Weinen zu bringen.

Am Morgen kämpfte Horst Schiller aus Wurzen mit der hohen Stimme eines sächsischen Psychopathen im Deutschlandradio wieder einmal  für den Fortbestand der Demokratie, die – seiner Meinung nach – weniger gegen die Extremisten von rechts, als vielmehr gegen die von links verteidigt werden muss, die in Regierungen und Parlamenten sitzen und ausgemachte Demokratiefeinde sind.

Polizeiruf noch aus der DDR. Man kann sich da wirklich amüsieren über die extrem harmlosen Gestalten, die fortwährend um ihr Geld betrogen werden und sich dann bei den besorgten Genossen von der Volkspolizei ausheulen.

Langsam wird es lächerlich, wie Ole Einar Björndalen im perfekten, aber auch grotesken Skating-Schritt vor dem Feld herläuft und die besten des Feldes als panische Meute aussichtslos hinter ihm her hetzen.

Für den Demütigen kann der bittere Rest des Lebens auch süß sein.

Die Psychoanalyse/Schmeckt heut wie Frischgemüse.

Die marodierende Rentnerin erkennt mich nur in Verbindung mit meinem Haus.

Bei Genazino stößt man doch immer wieder auf befremdliche anatomische Details, die man nicht wissen möchte.

Was hassen Sie in oder an Deutschland? Vornamen von Männern und Hüte von Frauen. Wenn Frauen in Kneipen sitzen und ihre Kopfbedeckungen nicht abnehmen, kriege ich Magengeschwüre.

Leben wir, um zu rauchen, oder rauchen wir, um zu leben …

In den Kleingärten hantieren ein paar Kleingärtner. Zweifellos gehören sie der Unterschicht an. Wahrscheinlich schlafen sie in ihren Lauben, waschen sich nicht und scheißen an die Böschung oder auf ihre Komposthaufen.

Die Sturmwarnung sieht aus, als würde der Millimetermann sie ab und zu bei den Beinen packen und mit ihrem Schopf die Küche und das Bad schrubben.

Vier Menschen sitzen an einem Geburtstag vor dem TV-Gerät und drücken auf unterschiedliche Fernbedienungen. Modern times.

Sich sprachlich auf die andere Gesellschaft einstellen fällt immer noch schwer. Zum Beispiel Schumann: Arbeiternehmer.

Unterschicht ist oft gleich Übergewicht.

Rudolf Scharping auf Fotos sieht aus wie schlecht gemalte Heiligenbildchen.

Ja, keine schlechte Frage. Gibt es eine Vergangenheit? Oder ist das, was wir Vergangenheit nennen, Literatur?

Ich geh in den Saturn, halte nach Geschirrspülern, Rasierapparaten und DVD Ausschau, obwohl wir schon lange keine DVD mehr angeschaut haben.

Mittagsruhe im Garten. Meine Nachbarin liegt auf der Bild-Zeitung.

Halten Sie den Mund, wenn Sie mit mir reden, schnauzt ein Offizier den Rekruten Oliver Hardy an. Sowas ist noch das Beste, was vom Fernsehen her an unser Ohr dringt.

Ehepaare als Landplagen

Witwen und Witwer

Meine Mutter hegt den Verdacht, dass ihr Leben endlos sein könnte. Es gibt Gründe genug, beunruhigt zu sein, dass hier und da keine Enden abzusehen sind. Soll das denn alles nun für immer so bleiben, kein Ende finden, sich nicht ändern, fragt man sich. Deshalb freue ich mich auch irgendwie, wenn eine Tube leer, ein gelber Sack voll ist, irgendwas zum Abschluss kommt.

Man schlägt das Schicksal, und das Schicksal schlägt zurück.

Das Husten der Dienstboten. Sind sie eigentlich immer krank?

Vorsätzliche Täuschung

Oktober 17, 2012 1 Kommentar

Beim Länderspiel gegen Schweden im Berliner Olympiastadion ging einiges daneben. Vor Beginn gab es eine Ehrung für Miro Klose, weil er nicht gelogen hat, und eine Schweigeminute für den verstorbenen blonden Mittelfeldspieler Helmut Haller, in der über das Stadionmikrofon viel geschwatzt wurde. Ganz genau wusste hier niemand, wann er nun genau schweigen soll, äußerte sich der ARD-Reporter Tom Bartels irritiert. Das ist neuerdings ein Problem in Deutschland. Wir wissen nicht mehr genau, wann wir besser schweigen sollten.

Am Ende sagte Bartels: Das ist gespenstisch gewesen. So etwas habe ich noch nie erlebt.

Was war geschehen? Deutschland legte los wie die Feuerwehr. So gut habe ich die Mannschaft noch nie gesehen. Tempowechsel, doppelte Doppelpässe. Nach dem 2:0 sah Bartels den schwedischen Trainer Hamrin lächeln und meinte, dass das wohl eher Verzweiflung sei. Ich denke, dass es ein ironisches, vielleicht gar hinterlistiges Lächeln war: Die Deutschen gehen uns in die Falle. Denn es war so, dass die Schweden nur so taten, als spielten sie mit. In Wahrheit überließen sie den Deutschen alle Räume. Jerome Boateng konnte von rechts ungestört seine Eingaben schießen, Marco Reus links die schwedische Abwehr spielend überlaufen und überflanken, zur Halbzeit stand es 3:0, das Spiel war entschieden, Tom Bartels quatschte sich besoffen, und die deutsche Mannschaft spielte sich besoffen. Zu Beginn der zweiten Halbzeit zogen die Schweden unerwartet andere Saiten auf, sie kämpften, spielten nach vorn. Es fiel zwar noch das 4:0 für Deutschland, aber es war ein anderes Spiel geworden. Eine lange Flanke in den Strafraum. Ibrahimovic köpft über Neuer hinweg ins Tor. Und der kann es gar nicht fassen, dass es ihm wieder nicht gelingt, seinen Kasten sauber zu halten. Dafür beteiligt er sich zwei Minuten später am zweiten Tor der Schweden, der Ball, aus unmöglichem Winkel abgefeuert, braucht die Hilfe von Neuers Beinen, um ins Tor zu gelangen. Die Deutschen geraten ins Schwimmen. Nichts geht mehr. Vom Spielfeldrand her greift Jogi Löw mit wirren Backe-Backe-Kuchen-Bewegungen ein, die natürlich auch nichts bessern. Kurz und gut: In der dritten Minute der Nachspielzeit gelingt den Schweden das 4:4. Sie haben die Deutschen bewusst getäuscht. Haben sie spielen lassen, griffen nur pro forma ein, und als sie dann plötzlich ihr einfaches, aber wirkungsvolles, von Zlatan Ibrahimovic akzentuiertes Spiel aufzogen, konnten wir uns nicht mehr darauf einstellen.

In den Gesichtern der Spieler und den Erkärungen der Experten blieb eine Leere zurück, vielleicht auch eine Lehre. Die Kanzlerin amüsierte sich auf der Tribüne jenseits aller patriotischen Pflichtgefühle wie Bolle. Sie hatte, wie wir alle, ein Spektakel gesehen.

Unser Torwart Manuel Neuer bekommt inzwischen gar nicht mehr mit, wie selbstgefällig er geworden ist. Da sind die Medien nicht ganz unschuldig, die ihn gern zum besten Torwart der Welt ausrufen. Neuer benimmt sich so, als sei jedes Gegentor eine Majestätsbeleidigung. Er möchte unschlagbar auf der Linie, aber auch der supermoderne Torwart sein, der am Spiel teilnimmt und am besten schon die Torvorlagen gibt. Ein deutscher Musterknabe. Für die Zukunft ist dringend geboten, René Adler in die Nationalmannschaft zurückzuholen, denn das ist der Mann, der Manuel Neuer richtig Feuer unter seinem verwöhnten Bayern-Arsch machen kann. Ron-Robert Zieler und Marc-André ter Stegen sind noch nicht so weit.

Der reiche Rentner

Am Mittwochabend stellte sich Olympiamüdigkeit ein. Ein Quantum ist überschritten. Zuviel Jubel und Geschrei, wenn wir Medaillen gewinnen. Zuviel Gejammer und Missgunst, wenn wir leer ausgehen. Zu viele Sportarten, die einen kaltlassen, zu viele Sportarten, deren Namen man nicht schreiben kann und mit denen man sich gar nicht erst einlassen möchte.

Mittwochmittag hatten Timo Boll, Dmitri Ovtcharov und Bastian Steger Bronze im Tischtennis geholt. Das war nicht leicht gegen die Hongkong-Chinesen, und Timo Boll machte den dritten Punkt, nachdem er im entscheidenden Satz schon 3:8 zurückgelegen hatte. Von solchen Spielen träumt man ja.

Am Abend fuhr ich in die Halle der Richard-Wagner-Oberschule zum Training. Vor uns trainieren neuerdings die Judoka, nach uns haben die Tänzer ihren Auftritt. Das heißt, sie nehmen die Hälfte der Halle, wir spielen in der anderen Hälfte der Halle weiter. Ich weiß nicht, wie es den Tänzern geht, wir Tischtennisspieler jedenfalls spielen viel tänzerischer, wenn aus dem Laptop „Morning has broken” oder so erklingt. Die Situation ist skurril, Tango und Tischtennis, meine Güte, warum filmt das keiner.

Außerdem denke ich beim Training gelegentlich an Jürgen, gerade jetzt während der Olympischen Spiele. Der tauchte irgendwann auf und sah aus, als käme er gerade von einem Karibikurlaub. Ach, sagte er, ich muss nur einmal durch den Garten gehen, dann bin ich schon braun. Er wunderte sich über seine Rente. 1800 €, eine sagenhafte Summe für ostdeutsche Verhältnisse. Das hing damit zusammen, dass er wegen der Invalidität seines Vaters schon mit 14 Jahren arbeiten ging. Er machte das Abitur in der Volkshochschule nach und seinen Ingenieur im Abendstudium. So kam er auf 51 Arbeitsjahre und auf diese Rente, die er selber utopisch fand. Und er kam dazu, dass er, ohne dafür zu können, wohl situiert aussah mit seiner teuren Brille, was zumindest ambivalent zu werten ist. Wenn ich an ihn dachte, gab ich ihm den Beinamen „der reiche Rentner”.

Jürgen war ein guter Tischtennisspieler, seine Vorhand- und Rückhandangriffsschläge waren die technisch saubersten im Verein, man konnte nur staunen, wenn einem so eine krachende Vorhand um die Ohren flog. Dennoch spielte er nicht erfolgreich. Okay, als er zu uns kam, hatte er lange nicht mehr trainiert und musste erst wieder zu seiner Form finden. Das gelang ihm zusehends, und er zeigte sich optimistisch. Einmal schlage ich dich, sagte er zu mir, das weiß ich, einmal werde ich dich schlagen. Natürlich, sagte ich, es kann sein, dass du mich schon heute Abend schlägst. Nein, sagte er, heute noch nicht. Aber einmal werde ich dich besiegen.

An dem Abend schlug er mich nicht, aber auch an keinem anderen Abend. Das einzige Problem, das er als reicher Rentner wohl hatte, war eine Überfunktion der Schilddrüse. Wenn ihm einiges misslang, spürte man förmlich, wie die Schilddrüse tuckerte. Wenn ich nach ein paar langen Aufschlägen plötzlich einen kurzen einstreute, an den er nicht rechtzeitig herankam, fühlte er sich von mir betrogen. Und wieder tuckerte die Schilddrüse. In solchen Momenten, glaube ich, hasste er mich, und einmal rastete er wegen einer Nichtigkeit aus. Ich sah hinüber, wenn er an anderen Tischen spielte und sagte im Stillen: Der reiche Rentner ist immer der Loser.

Kurz und gut. Als Deutschland bei der Olympiade zunächst vergeblich den Medaillen hinterherhechelte, dachte ich an Jürgen, den reichen Rentner. War nicht Deutschland bei diesen Olympischen Spielen der reiche Rentner, der reiche Rentner als Loser? Der Sieg wird aus allem Möglichen geboren, aber nicht zuletzt auch aus der Not. Man sieht es an Robert Harting, dem Diskuswerfer. Wenn du dich weit von der Not entfernt hast, kann es sein, dass dir dein Kämpfertum abhanden kommt. Nicht nur ein Schwert ist zweischneidig, sondern auch unsere Existenz.

Irgendwann kam der reiche Rentner nicht mehr zum Training. Man hörte, dass er Knieprobleme habe. Er wolle aber noch eine Ausstandslage geben. Dazu ist es nicht gekommen.

Ich bedaure sehr, dass er uns verlassen hat. Er hatte so eine offene, offensive Spielweise, es waren immer schöne Matches, die man mit ihm spielte. Nur die Not war dafür verantwortlich, dass er immer verlor, die Not, sage ich, die er hinter sich gelassen hatte.

Hart gelandet, Deutschland

Jetzt, wo die Ratten aus ihren Löchern kriechen, kann ich nicht dabei sein. Ich bin die Ratte, die ihr Loch schon lange verlassen hatte, kein Löw-Fan. Kann ich mich nun bestätigt fühlen? Keineswegs. Ich hätte gern ein Endspiel mit deutscher Beteiligung gesehen. Spanien – Deutschland zum dritten. Wer allerdings die EM mit wachen Sinnen verfolgt hat, kann nicht anders als sagen: Die Italiener haben sich die Endspielteilnahme verdient, die waren super.

Uns fehlte ein Dämpfer zur rechten Zeit, etwa ein 2:2 gegen die Dänen in der Gruppenphase, mit dem Demut, Zweifel und Wachheit einziehen. So waren das gesamte Team, das mediale Umfeld und die Fanbewegung selbstgefällig und selbstverliebt. Und im Halbfinale wird ein Dämpfer, wie wir ihn gegen Italien erlebt haben, gleich zum Absturz. Hart gelandet, Deutschland.

Jogi Löw ist auch ein Medientrainer. Die Medien haben sich bemüht, aus ihm eine Lichtgestalt zu machen, seine blutleeren Sätze interpretiert, seine Entscheidungen glorifiziert, Mats Hummels in der Innenverteidigung, der Austausch der Stürmer gegen Griechenland – das alles soll ungeheuer mutig gewesen sein, voller Risiko – der Trainer macht alles richtig, der Trainer überrascht alle, der Trainer hat ein goldenes Händchen. Gegen Italien musste Löw den Medien wohl wieder ein Überraschungs-Ei präsentieren. Der erfolgreiche Griechenland-Sturm blieb draußen, also auch Reus, stattdessen stürmte Kroos auf rechts. Diese Aufstellung war – sicher unbewusst – mehr für die Medien gemacht als für die Lage auf dem Platz.

Langer Ball von Pirlo auf Chiellini, Chiellini auf Cassano, Cassano umspielt Boateng und Hummels, flankt in die Mitte, Badstuber springt nicht mit Balotelli  mit, versucht vielmehr, mit den Armen dessen Oberkörper zu umklammern und ihn auf dem Boden zu halten. Hat nicht geklappt, Kopfball Balotelli, Tor. Überhaupt haben mir die Unsrigen im Zweikampf zu sehr mit den Armen gearbeitet, Podolski und Badstuber am auffälligsten.

Beim zweiten Tor lässt Balotelli Lahm stehen, rennt aufs Tor zu, Neuer, statt ihm entgegenzulaufen, den Stürmer zu irritieren, zieht es vor, den Arm zu heben, Schiedsrichter war doch Abseits!, und schon rauscht der Ball an ihm vorbei. Das hat er in München schnell gelernt. Ich habe in den letzten drei, vier Jahren kein Bayern-Gegentor gesehen, bei dem die Münchener Abwehrspieler nicht die Arme hochgerissen und Abseits reklamiert hätten (außer bei Elfmetern).

Ich kann bei Jogi Löw kein Charisma ausmachen, die Gabe der Rede ist ihm nicht zueigen. Man erzählt von einem Trainer früherer Jahre, in dessen Taktikbesprechungen die Spieler eingeschlafen sein sollen, aber hier ist es so, dass die Spieler zum Trainer stehen und besser als sie können wir es nicht wissen. Einen positiven Wert kann man ihm vorwerfen: Treue. Die Treue seinerzeit zu Metzelder, der Treue zu Podolski, die Treue zu Schweinsteiger nach einer durch Verletzungen verkorksten Saison, die Treue zum Bayern-Block, zu den Bayern, die sich zuletzt warum auch immer zu einem Loserteam auf höchstem Niveau entwickelt haben. Der Bundestrainer Klinsmann hatte immerhin einen Assistenztrainer Löw, den der Bundestrainer Löw leider nicht hat. Er hat Hansi Flick, der nach allem, was man sieht, kein Kreativposten ist.

Inzwischen hat die Absetzbewegung der Medien begonnen, festzumachen an Michael Horeni, FAZ, der bislang einer der eifrigsten Hofberichterstatter war, Löw den deutschen Fußballingenieur nannte und von seiner Philosophie der Laufwege schwärmte. Nun weiß er nur noch zu berichten, dass sein Idol schon nach wenigen Minuten nervös auf seinen Fingernägeln kaute. Na danke. Da kriecht eine Ratte wie ich in ihr Loch zurück und sagt, dass wir eine goldene Generation junger Fußballer haben und einen taktisch beschlagenen Trainer, der sich nun die Zeit nehmen muss, die verkrustete Mannschaftsaufstellung aufzubrechen und mehr Varianten mit den genialen Kreativen einzuüben.