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Verbrecher können bewaffnet sein

Freunde sucht man vergeblich am Tatort Köln

Freunde sucht man vergeblich am Tatort Köln

Glaubt man den Feuilletons, hat der Schauspieler Armin Rohde den Tatort aus Köln gerettet. Wir sehen das anders. Die Kölner haben versucht, Rohde eine Paraderolle zu schreiben und dabei die Logik des Films zerstört.

„Dicker als Wasser” hieß das Werk, was kann das sein, das dicker als Wasser ist? Blut natürlich; der junge Erik Trimborn hat einen kleinen Betrieb und einen Vater, der ein skrupelloser Verbrecher ist, da aber Blut dicker als Wasser ist, hält er zu seinem Alten, auch wenn er damit sein eigenes Leben zerstört. Ralf Trimborn sprich Armin Rohde ist der große Verbrecher, zu schlau für alle anderen, zu schlau für seine Kompagnons, zu schlau für die Polizei, zu schlau für die Justiz, ein Gentlemankiller, schmierig, machtgierig, brutal, selbstverliebt, dazu nicht ohne Witz und ein Gourmet, der nur beste Weine trinkt. Rohde spielt das mit dem ihm eigenen robusten Charme, aber er kriegt es nicht hin, dass man ihm das Superhirn glaubt, die überlegene Intelligenz; und den Genießer nimmt man ihm auch nicht ab. Das ist nicht Rohdes Schuld, es liegt am Drehbuch, man kann sich nicht nach Belieben das Superhirn zusammenzaubern, wenn man selbst ein braver Drehbuchschreiber ist, es kommt dabei nur ein raffinierter, aber doch ziemlich biederer und tölpelhafter Halunke heraus. Nebenbei bemerkt glaubt man auch dem Sohn die Nibelungentreue zu seinem Vater nicht.

Es scheint im Moment Mode zu sein, dass die Kommissare Randfiguren werden, mit denen nicht viel los ist, während die Ganoven das große Rad drehen. Im Köln sind abwechselnd Schenk und Ballauf in der Sinnkrise; diesmal Schenk. Wohl ein Dutzend Mal muss Ballauf ihn mahnend fragen: Mensch, Freddy, was ist eigentlich los mit dir? Und ein weiteres Dutzend Mal möchte er ihn nach Hause schicken. Schließlich wollen sie dann doch gemeinsam den großen und den kleinen Trimborn auf frischer Tat stellen, und Kommissar Ballauf richtet mahnende Worte an die Einsatzkräfte: „Und noch was, Kollegen! Die Männer sind bewaffnet.” Na sowas. In deutschen Krimis geht’s zur Sache.

Alle sind Verlierer

Februar 2, 2015 2 Kommentare

Geht’s nach dem Fernsehen, besteht das Leben nur aus Kriminalfällen und Lachnummern. Die Tatortfolgen akzeptieren wir trotzdem, weil in die Krimis immer öfter auch noch das wahre, bizarre, beschissen schöne Leben passt, das den Kriminalfall an den Rand der Bedeutungslosigkeit drängt, so wie jetzt in Köln, wo „Freddy tanzt”, Kommissar Freddy Schenk (Dietmar Bär) liebt das Leben im Gegensatz zu seinem Kollegen Max Ballauf (Klaus J. Behrendt), der alle Illusionen und fast alle Ideale verloren hat, aber das graue Haar steht ihm gut, die graue Hose weniger, und er schätzt es gar nicht, wenn man ihn beim Schlafen stört. Ist viel zu oft viel zu früh geweckt worden in seinem verdammten Polizistenleben. Und jetzt weckt ihn eine Frau, von der er nicht weiß, dass sie seit sechzehn Jahren im selben Haus wohnt wie er, hat er einfach nicht mitbekommen, und bittet ihn um Hilfe, weil ihr Sohn verschwunden ist, aber der verschlafene Ballauf ist ungnädig und vertröstet sie, um sich wieder unter der Decke zu verkriechen. Der Sohn, Daniel Gerber, ist das Opfer in diesem Krimi, ein begabter Pianist, der sich den Gesetzen der modernen Leistungsgesellschaft verweigert und auf der Straße landet, wovon seine besorgte Mutter nichts mitbekommt, nur der Hund bleibt treu an seiner Seite. Irgendwann wird Gerber brutal verprügelt und verblutet in einem ehrenwerten Haus, weil niemand die Tür öffnet. Alle sind so mit ihrem eigenen verkorksten Leben beschäftigt, dass sie nicht in der Lage sind, eine Tür aufzumachen, wenn ein halbtoter Mann davorsteht. Das ist die Lage. Der Film (Regie Andreas Kleinert, Buch Jürgen Werner) steckt voller Feinheiten, erspart sich jede anklägerische Attitüde. Was Ballauf an Illusionen zu wenig hat, hat Freddy Schenk zu viel; er verliebt sich auf kuriose, nicht unsympathische Weise in eine Frau, in der er sich total verschätzt, er ist wie alle anderen ohne weiteres fähig, sein Leben zu versauen. „Du siehst rundum Klasse aus, so frisch”, sagt Ballauf zu seinem auf Freiersfüßen wandelnden Kollegen. Ein trauriger Witz. Alle sind Verlierer.

Wahrer Murks

Der Mörder war nicht der Gärtner, sondern der Hausmeister – diese Innovation hatte „Wahre Liebe”, der Tatort aus Köln, immerhin zu bieten. Ansonsten kann man von einem Krimi kaum sprechen. Der Mord beiläufig, das Motiv schwach, die Suche nach dem Täter verliert sich im Befragen irgendwo auf dem Schulhof oder auf der Straße aufgelesener Verdächtiger. Aha. Da kam einer einen Tag früher von einer Chinareise zurück und hat es nicht gesagt. Der müsste es wohl gewesen sein.

Nach dem Murmeltier-Muster wacht ab und zu mal die blonde Polizeipsychologin Lydia neben Max Ballauf auf, aber der Kommissar greift nur nach dem Wecker und sucht, angeregt durch den aktuellen Fall, weiter im Internet nach der passenden Partnerin, ein Algorithmus soll es richten, aber Lydia legt sich immer wieder neben den griesen Kommissar.

Neue Assistentin, neues Glück? Mehr Klamotte, mehr Quote, siehe Münster? Kathi Angerer, bekannt von der Berliner Volksbühne, räumt, obwohl sie nur Archiverfahrung hat, alle Schießscheiben ab und gibt eine Volksbühnenreife Einlage, aber dem Fall hilft das auch nicht auf die Beine. Randständige Episoden helfen uns über die neunzig Minuten hinweg, eine skurrile Galerie liebeshungriger Frauen, die sich von einem Internetbetrüger, den man einfältig den Zauberer nennt, des Vermögens berauben lassen und der sich irgendwo im Nichts verliert, die sogenannte Liebesformel, prollige Liebhaber mit Bierbauch und Tattoo und so weiter… Wenn man keinen Grundeinfall hat, häufen sich die Pseudoideen. Köln hat schon oft viel besser ausgesehen.

Freddy, es gibt bestimmte Dinge …

Familiendrama im Tatort Köln, der Fall der Familie Reinhardt, ein Brand in einer Villa, drei tote Kinder, die Mutter verstört, der Vater, wie sich herausstellt, seit zwei Jahren unauffindbar. Ein Fall, wie gemacht für Klaus J. Behrendt als noch einmal ein paar Grad ernster gewordener, leicht zu kränkender Kommissar Max Ballauf mit einem fast apokalyptischen Gesichtsausdruck, der sich auf der anderen Seite durch eine gewisse Geradlinigkeit, ja, auch Biederkeit auszeichnet, der Mann sieht mitgenommen aus, sein Miene ist frostig, aber wenn es in diesem Gesicht mal zuckt, dann geht es einem durch und durch. Und dann hat er noch so etwas kumpelhaft Väterliches: Freddy, sagt er zu Schenk, alias Dietmar Bär, es gibt bestimmte Dinge, aus denen… Hältst du dich am besten raus, ergänzt Schenk resigniert.

Es ist ein starker Film, der dem Ruf der Tatort-Reihe gerecht wird (was zuletzt nicht oft passierte), ohne Faxen, ohne krampfigen Humor. Die Leistung von Susanne Wolff als Karen Reinhardt – ich kann mir nicht vorstellen, dass man diese Frau in ihrer Not so schnell vergisst.

TAT.ORT.IN.FLA.TION

Weihnachten und Jahreswechsel sind Feste der Familie, der Besinnung, der guten Vorhaben, der Geiselnahmen, Morde und Ermittlungen, zumindest im TV. So viele Tatorte gab es noch nie. Zwei am Sonntag, davor auch an den Feiertagen unter der Woche. Mit der Masse kommt der Überdruss, die Beliebigkeit. Das kann schon von der reinen Vernunft her nicht alles gut sein. Der Acker der Einfälle ist irgendwann abgeerntet, dann greift man zur Müllhalde oder in die Jauchegrube oder zu den Sternen. Der Kritiker der Berliner Zeitung meinte nicht unrichtig, dass nur noch gemordet werde, damit es anschließend etwas zu ermitteln gebe. Am Sonntag hatten wir den „Eskimo” vom Tatort Frankfurt und „Franziska” vom Tatort Köln. Mit Franziska wurde die Schauspielerin Tessa Mittelstaedt aus der Reihe rausgeschrieben, und zwar so radikal, dass der Film zum Schutz der Jugend erst nach 22 Uhr gesendet werden konnte. Wahrscheinlich hat die begabte und sympathische Frau Mittelstaedt Nase voll von der ewigen Assistentin der Hagestolze Ballauf und Schenk. Und sie zeigte in dieser ihrer letzte Folge an der Seite des immer etwas unheimlichen Hinnerk Schönemann, dass sie wahrlich zu Höherem berufen ist. Ich weiß aber nicht, ob man wirklich so gnadenlos sein muss wie in diesem Film, wenn man aus der Falle des ewig Gleichen herauskommen will. Aber der Tatort war fast perfekt gemacht. Am Ende waren alle betroffen, und man konnte es ihnen glauben. Uns ging es auch nicht anders.

Der Frankfurter Tatort versuchte, der Beliebigkeit anders zu entkommen. Joachim Krol bzw. Kommissar Frank Steier soff und soff, weil er sich als Inhaber eines verfehlten Lebens sieht, so dass er schon gleich am Anfang dem Täter nicht mehr hinterherkommt. Er hätte ihn nur zu packen brauchen. Der Film wäre noch nicht vorbei gewesen, denn wann ist man im Tatort schon um eine zweite oder dritte Leiche verlegen. Ansonsten ist Krol als Steier ein Mann der Extreme. Mal feinfühlig und sanft, mal ungehobelt und rüpelhaft, je nachdem, wem er über den Weg läuft. Das Besondere dieses Tatorts war jedoch, dass wir es hier mit dem Multi-multi-multi-funktionstäter zu hatten. Er war männlich, weiblich und drittgeschlechtlich, er war Schüler und Soldat, er war Amerikaner und Deutscher, er war irdisch und außerirdisch, er war Geliebter und Lügner und am Ende war er eine Fackel. Dazu konnte nur eine abstruse Geschichte passen, die durch aberwitzige Kurven raste, also, ich verstehe Joachim Krol, wenn er keine Lust mehr hat auf diese Konstellation.

Des Bösen zuviel

Max Ballauf wirkte in dieser Folge des Kölner Tatorts („Trautes Heim”) weniger verhärtet und genervt als gewöhnlich. Hatte auch Sonne abbekommen und war beim Friseur. Eigentlich verwunderlich, dass er für seine Verhältnisse so relativ gut drauf war, denn vom Bösen dieses Landes bot der Film mehr als genug. Der Mann, der sich so omnipotent vorkommt, dass er zwei Leben führen zu können glaubt mit zwei Frauen, zwei Söhnen, zwei Wohnungen, alles sorgfältig voneinander getrennt. Die Leute in der Alibi-Agentur, die bei bester Laune Leuten helfen, ihre Lebenslügen durchzuziehen. Neiderfüllte, rachedurstige, zu allem entschlossene Familienangehörige.  Die betrügerische und die kriminelle Energie sind besonders begabt darin, Argumente für ihr Wirken zu finden. Ich könnte ihm eine Kugel in den Kopp schießen, sagt die aus allen Wolken fallende Ehefrau des doppelten Roman Sasse, eines zierlichen, zähen Mannes, der immer glaubt, alles im Griff zu haben. Das kann ich Ihnen nicht verübeln, muss Ihnen aber davon abraten, entgegnet Ballauf der Frau mit sprödem Charme.

Kurz vor Ende, da wir dem Täter selbständig auf die Spur gekommen sind, erliegt die Regie der Versuchung, die Schraube des Schreckens zu überdrehen. Da sollte man nun sagen: Weniger ist manchmal mehr. Sagen wir aber nicht. Köln ist okay als Stadt des Verbrechens und der Aufklärung des Verbrechens.

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