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Posts Tagged ‘arme Hansa-Rostock-Schweine’

Ich war mal auf dem Dorfe

Torwart Aubele rettet uns den Arsch
Foto: FB/Langschwager

Wir Armen-Hansa-Rostock-Schweine haben alles Menschenmögliche getan, um uns im Viertelfinale des Landespokals ein Armutszeugnis auszustellen. Es ging gegen den Verbands-, also Sechstligisten Greifswalder SC. Wir spielten zwar im Volksstadion in Rostock, es sah aber echt nach Dorffußball aus, der Platz ziemlich eng, bei Eckstößen konntest du nur zwei Schritte Anlauf nehmen, die Zuschauer standen locker aufgereiht auf einer Böschung, es war eine Stimmung wie an einem missglückten 1. Mai. Bei jeder Gelegenheit versuchte sich irgendein dörflicher Wichtigtuer vor der Kamera zu positionieren. Arvid und Olli, die Reporter des Fan-Radios und Hansa-Patrioten der ersten Kategorie, bewegten sich einige Male am Rande des Herzinfarkts und wussten sich öfter nur durch gutmütigen Spott gegen das eigene Team zu retten. Alter, was machst du da. Die Angst vor der Blamage führte die Regie auf dem Platz. Die Greifswalder kämpften nicht nur gegen Hansa, sondern auch gegen etliche Kilo Übergewicht, und das taten sie sehr clever. Cleverness ist das, was wir Armen-Hansa-Rostock-Schweine gerade im gegnerischen Strafraum überhaupt nicht zu bieten haben (ist ja auch ein Fremdwort). So ging es mit dem 0:0 bis in die Nachspielzeit und in die Nachspielzeit der Verlängerung und auch noch in die ersten Schüsse des Elfmeterschießens. Am Ende sagten alle, dass wir Armen-Hansa-Rostock-Schweine mit zwei blauen Augen davon gekommen sind. Aber echt jetzt mal. Gut, wir wissen, dass es viele Drittligisten gibt, die im Landespokal scheitern, aber so viel Provinz mitten in Rostock – man muss sich Sorgen machen.

Zwischen Liebe und Hass

Wir treten hier an, um den Schiedsrichter Peter Gagelmann zu ehren, der im Privatleben ein einfacher Angestellter im Veranstaltungsmanagement ist, aber als Schiedsrichter Maßstäbe setzt. Gagelmann kann das Wort Unparteiischer nur in Anführungsstriche setzen, er ist nicht für lau, er ist immer mit Liebe und Hass auf dem Platz unterwegs. Gagelmann bürstet das Geschehen gern gegen den Strich, er setzt sich nicht für die Schwachen ein (was man gemeinhin für eine Tugend hält), Gagelmann kämpft mit aller Macht für die Starken. Zum Beispiel, wenn Bayern München gegen den FC Augsburg spielt. Gagelmann pfeift kein Abseits gegen, sondern Ecke für Bayern München. Während die Augsburger sich noch aufregen, schießen die Münchner das 1:0. Noch in der 5. Minute der Nachspielzeit sieht Gagelmann ein gar nicht so einfach, wenn überhaupt erkennbares Handspiel der Augsburger, pfeift Elfmeter und verbannt den Augsburger Trainer auf die Tribüne. Dienst nach Vorschrift sieht anders aus.  Das ganze Spiel über zeigt Gagelmann, dass er die reichen Münchner liebt und die schäbigen Augsburger hasst. Den Münchnern begegnet er höflich, fast devot, gedanklich streicht er ihnen übers Haar und küsst ihnen die Füße, die Augsburger herrscht er an. Schlimm genug, dass man als Augsburger nicht in der Lage ist, das leidenschaftliche Verhältnis des Gagelmann zum Fußballsport zu würdigen, „uns hat er angeschrien, weggeschickt, fast schon beleidigt”, jammert ein Verteidiger aus der Fugger-Stadt. Fast schon beleidigt? „Verpiss dich”, soll Gagelmann zum Beispiel gesagt haben. Muss man als gestandener Mann über eine solche Lappalie Klage führen?

Nun mag man fragen, warum man eine übermächtige Mannschaft wie Bayern München auch noch nach allen geheimen Regeln der Schiedsrichterkunst bevorteilen muss. Was für eine Frage. Im Absurden liegt ja meist das Reizvolle.

Wir armen Hansa-Rostock-Schweine wiederum müssen es hinnehmen, dass der Gagelmann als Spitzenschiedsrichter selten oder nie in der dritten Liga pfeift. Als wackere Masochisten hatten wir immer viel Vergnügen daran, wie er uns früher so zuverlässig verpfiffen hat. Leider vorbei.

Deutschland legte los wie die Feuerwehr

So entspannt kann Fußball sein – vor dem Spiel. In der Alten Försterei, beim 1. FC Union Berlin

So entspannt kann Fußball sein – vor dem Spiel. In der Alten Försterei, beim 1. FC Union Berlin

Ehe es mit dem Fußball wirklich weitergeht, erlauben wir uns im letzten Moment einen Rückblick auf die Saison 2012/2013 in Zitaten, willkürlich, wie es unsere Art ist, ausgewählt, eine Mischung 1. Liga, zweite Liga, dritte Liga, Länderspiele, Championsleague, England, tschechische Gambrinusliga (der Fußballnomade!).

Teil I

Die Olympischen Spiele sind vorüber, der Fußball scharrt mit den Hufen. Wir armen Hansa-Rostock-Schweine sind schon wieder deprimiert, und die Hertha legt auch in der zweiten Liga einen Fehlstart hin. Die erste Liga beginnt mit dem, wie jeder weiß, bedeutungslosen Supercup, es sei denn, Bayern München gewinnt diesen Supercup, dann ist er natürlich bedeutungsvoll und ein Omen für die Saison. Sie, also die Münchner Bayern, führten schon nach 12 Minuten 2:0 gegen Meister Dortmund, und da konnte man sehen, wie tief die Demütigung bei ihnen sitzt, nachdem sie fünfmal in Folge gegen die Borussen verloren hatten. Sie bewegten sich plötzlich, als könnten sie vor Kraft kaum laufen, und so fand Dortmund, das am Anfang in der Innenverteidigung etwas schläfrig war, langsam ins Spiel. Die besten Münchner waren die Neu-Bayern Dante und Mandzukic, das ist nur logisch, da sie vom Bayern-Gen noch nicht infiziert sind, fehlt es ihnen an Selbstgefälligkeit.

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Was für ein Fest: Everton besiegt ManU 1:0 – hoch verdient! Ich sah mir die 2. Halbzeit im Killywilly am Leipziger Südplatz an, wo gestern die Jugend den Platz verdichtete, wie ich es noch nie sah. Sie lümmeln nun auf Bürgersteig und in den Hauseingängen herum, bringen ihre Getränke selber mit. Die Freisitze der Kneipen sind trotzdem voll.

Brünn gewann gegen Dynamo Budweis 3:1. Munteres Spiel. Allein schon den Repka zu sehen, ist eine Augenweide, der ist seit einem Jahr in Budweis.

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Merkwürdig berührt war ich schon, als ich beim 6:1 der Bayern gegen den VfB Stuttgart das breit lachende Gesicht von Jupp Heynckes sah (Wie sagt der Volksmund? Er lacht über alle vier Backen). So sieht das unerwartete Glück eines alten Mannes im Seniorenheim aus, wenn die ganze Familie ihn besucht und verspricht: Wir kommen jetzt jeden Monat, Opi. Meine Güte, der Trainer hat die Enttäuschungen der vergangenen Saison mannhaft weggesteckt, warum kann er es mit den Erfolgen der jetzigen nicht ebenso tun!

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Unterdessen wurde auch die entzauberte Nationalmannschaft wieder aktiv, wobei das Wort aktiv hier nur eingeschränkt verwendet werden kann. Gegen Österreich sah es so aus, als spiele da eine Mannschaft ohne Trainer, ohne Plan, aber mit viel Glück. Und der Trainer, den es natürlich doch gab, fummelte wieder an seiner Nase herum.

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Wir armen Hansa-Rostock-Schweine haben einen neuen Trainer und mit ihm gleich den ersten Auswärtssieg errungen. Was war mit dem alten? Wolfgang Wolf ist ein grundsolider Mann. Er wurde geholt, um den Abstieg zu vermeiden, das hat er nicht geschafft. Kann man dann weiter machen? Ja, sicher. Aber das Grundsolide ist meistens auch das Uninspirierte, Festgefahrene. In seiner Ratlosigkeit hat Wolf munter durchgewechselt und damit besonders den Offensivspielern den letzten Schneid abgekauft. Nun also Marc Fascher. Der kommt von unten, Hansa Rostock ist für ihn ein Karriereschritt. Wir armen Hansa-Rostock-Schweine schöpfen Hoffnung. Die von unten Kommenden sind meistens noch frisch und tatendurstig.

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FC Schalke 04 – Bayern München. In der zweiten Halbzeit haben wir unsere ganze Klasse ausgespielt, sagt der Trainer.

Besonders Thomas Müller. Wenn der einmal in den Strafraum des Gegners eingedrungen ist, traut sich kein Gegenspieler mehr an ihr ran, denn jeder weiß: Wenn er dem genialen Exzentriker zu nahe kommt, gibt es Elfmeter und vielleicht noch die Rote Karte. Thomas Müller ist der beste Elfmeter-Herausholer der Welt, urteilt die Süddeutsche Zeitung. Das wird wohl so sein.

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Auch wenn es um viel Geld, um viel Prestige und um Einzelkarrieren geht – wenn die Borussia kickt, ist Fußball immer noch ein Spiel, man könnte fast sagen, ein geistreiches Spiel, es hat Leichtigkeit und Lust, Lust an der Bewegung, an der Idee und auch am Risiko. Diese Lust hat auf der anderen Seite auch etwas Inkonsequentes, und vielleicht fiel auch deshalb nicht das 2:0, so dass Man City am Ende noch ein 1:1 schaffte, was eigentlich absurd war, aber was willst du machen, wenn der Ball in deinem Strafraum gegen deinen Arm gedroschen wird; du kannst ihn dir ja nicht abhacken! Wenn du Pech hast, kann so was immer passieren.

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Fühlen wir uns bemüßigt, noch etwas zum Abschied Michael Ballacks vom aktiven Fußball zu sagen? Vorerst nicht, vorerst nur, dass der Bundestrainer wieder einmal nachgewiesen hat, dass es ihm an menschlichem Format mangelt. Er hätte den Mund halten sollen. Er hätte dem Spieler, dem er mit seiner Instinktlosigkeit und seinem Talent zur Ungleichbehandlung das Karriereende versaut hat, nicht noch eine so lasche, verlogene Lobeshymne hinterhersingen müssen.

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Was war geschehen? Deutschland legte los wie die Feuerwehr. So gut habe ich die Mannschaft noch nie gesehen. Tempowechsel, doppelte Doppelpässe. Nach dem 2:0 sah Tom Bartels den schwedischen Trainer Hamrin lächeln und meinte, dass das wohl eher Verzweiflung sei. Ich denke, dass es ein ironisches, vielleicht gar hinterlistiges Lächeln war: Die Deutschen gehen uns in die Falle. Denn es war so, dass die Schweden nur so taten, als spielten sie mit. In Wahrheit überließen sie den Deutschen alle Räume. Jerome Boateng konnte von rechts ungestört seine Eingaben schießen, Marco Reus links die schwedische Abwehr spielend überlaufen und überflanken, zur Halbzeit stand es 3:0, das Spiel war entschieden, Bartels quatschte sich besoffen, und die deutsche Mannschaft spielte sich besoffen. Zu Beginn der zweiten Halbzeit zogen die Schweden unerwartet andere Saiten auf, sie kämpften, spielten nach vorn. Es fiel zwar noch das 4:0 für Deutschland, aber es war ein anderes Spiel geworden. Eine lange Flanke in den Strafraum. Ibrahimovic köpft über Neuer hinweg ins Tor. Und der kann es gar nicht fassen, dass es ihm wieder nicht gelingt, seinen Kasten sauber zu halten. Dafür beteiligt er sich zwei Minuten später am zweiten Tor der Schweden, der Ball, aus unmöglichem Winkel abgefeuert, braucht die Hilfe von Neuers Beinen, um ins Tor zu gelangen. Die Deutschen geraten ins Schwimmen. Nichts geht mehr. Vom Spielfeldrand her greift Jogi Löw mit wirren Backe-Backe-Kuchen-Bewegungen ein, die natürlich auch nichts bessern. Kurz und gut: In der dritten Minute der Nachspielzeit gelingt den Schweden das 4:4. Sie haben die Deutschen bewusst getäuscht. Haben sie spielen lassen, griffen nur pro forma ein, und als sie dann plötzlich ihr einfaches, aber wirkungsvolles, von Zlatan Ibrahimovic akzentuiertes Spiel aufzogen, konnten wir uns nicht mehr darauf einstellen. In den Gesichtern der Spieler und den Erklärungen der Experten blieb eine Leere zurück, vielleicht auch eine Lehre. Die Kanzlerin amüsierte sich auf der Tribüne jenseits aller patriotischen Pflichtgefühle wie Bolle. Sie hatte, wie wir alle, ein Spektakel gesehen.

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Düsseldorf – Bayern 0:5; wer will so was sehen. Ja, richtig, viele, aber ich nicht. Hansa gewinnt mit dem obligatorischen Smetana-Tor und viel Glück gegen zehn Aachener 1:0. Dazu zwei Kreuzbandrisse in einer Woche.

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Pilsen war wie immer schön, meine Gablonzer spielten 1:1. Als Du schriebst, saß ich im Stadion. Allerdings glich Vit Benes erst in der 85. Minute per Kopf aus. Ein wirklich hochklassiges Spitzenspiel, temporeich, Pilsen hatte mehr Ballbesitz, die Gablonzer aber mehr Chancen, sie sind einfach sehr effektiv, vielleicht liebe ich sie deswegen so … Über 10 000 Fans im Stadion, viel für Böhmen!

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Nun verlieren sie also zu Hause gegen Bayer Leverkusen, und Hoeneß – als hätte er auf unseren Rat gehört – tut das beste, was er tun kann. Er schweigt. Seine Angestellten aber sind der Meinung, dass sie nicht gegen Bayer Leverkusen verloren haben, sondern gegen sich selbst. „Wir haben uns die Tore selbst reingehauen.” Man verliert halt immer noch lieber gegen sich selbst als gegen Bayer Leverkusen, Borussia Dortmund, Borussia Mönchengladbach, Hannover 96 oder Bate Borislav.

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In Offenbach bekamen wir armen Hansa-Rostock-Schweine es mit den uns wohlbekannten Kickers  und dem mäßig bekannten Un-Unparteiischen Thorsten Schriever zu tun. Das ist ein ein untersetzter Verwaltungsangestellter, der gern zum Friseur geht und sein Übergewicht selbstgefällig über den Platz trägt. Auf Ballhöhe konnte er naturgemäß nur selten sein. Das musste er auch nicht, denn er hatte sich schon vorher auf eine asymmetrische Spielleitung festgelegt. Ein Zweikampf musste grundsätzlich zugunsten der Kickers ausgehen, und wenn nicht, pfiff er ein Foul gegen Hansa. Fouls der Kickers gab es nicht, und so fiel auch das erste Tor für Offenbach. Leonhard Haas wurde im Mittelfeld umgenietet, wir warteten auf den Pfiff, vergeblich …

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Niederlande – Deutschland. Der Eindruck verdichtet sich, dass die Ära Löw seit der Halbfinalpleite bei der Europameisterschaft vorbei ist. Das Glück hat Jogi Löw verlassen, so wie es ihn über Jahre begleitet hat. Er wandelt im Nebel. Ohne Glück ist er als Trainer nur Durchschnitt. Menschenführung fünf. Man kann das nicht mehr vom Tisch wischen. Die Legende vom deutschen Fußballingenieur ist nur noch ein Witz.

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FC Nürnberg – FC Bayern München. Was ist das für ein seltsames Klima dort, im Bayern-Paradies? Wer nicht verlieren, ja, wer nicht einmal ein Unentschieden ertragen kann, ist im Sport fehl am Platze. Sollte in die Politik gehen. Oder ins Kloster.

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Der Vorsprung der Bayern im fast schon entschiedenen Meisterschaftskampf kann nicht groß genug sein, und so sorgte Schiedsrichter Florian Meyer im Match beim SC Freiburg beizeiten für klare Verhältnisse. In der elften Minute bekommt Freiburgs Verteidiger Sorg den Ball aus kurzer Distanz an die Hand. Meyer gibt Elfmeter. In der 18. Minute zupft Diagne den Bayern Shaqiri am Trikot, Shaqiri stürzt in einer dramatischen Glanzleistung ins Bodenlose. Meyer zeigt dem Freiburger rot. Freiburg kämpft mit Rückstand und in Unterzahl tapfer weiter. Zehn Minuten später bekommt im Bayern-Strafraum Javi Martinez den Ball an die Hand. Hoi. Schiedsrichter Meyer möchte die Verhältnisse nicht wieder verunklaren und pfeift in diesem Fall keinen Elfmeter. Man staunt. Wenig später ein Foul im Bayern-Strafraum. Wieder kein Elfmeter. Der ARD-Reporter findet alle diese sehr widersprüchlichen Entscheidungen absolut in Ordnung. Der objektive Beobachter fängt an, sich Sorgen um Deutschland zu machen. Was ist hier los? Ist Bayern München Staatsdoktrin?

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Die ausbleibenden Erzählungen des Fußballs … Vielleicht ist das nur eine Sache der falschen Betrachtungsweise. Bei uns in der Bundesliga ist die Meisterschaft schon entschieden, also, was soll’s da noch groß zu erzählen geben. Das haben wir allerdings schon am Beginn der Saison gesagt, nach drei Spielen oder so, Bayern München ist Meister, da war es aber eher spöttisch gemeint. Jetzt ist es ernst, und wir hören mit Missvergnügen, wie Sonnabend für Sonnabend servile Reporterzwerge von den „Galavorstellungen der Bayern“ schwadronieren, gegen Fürth, gegen Mainz und so, aber – und damit kommen wir zu einer veränderten Betrachtungsweise – unterhalb dieses bayrischen Galavorstellungs-Tableaus gibt es doch tatsächlich spannenden, dramatischen Fußball mit tollen Toren und irrwitzigen Fehlleistungen, die auch wieder ausgeglichen werden können oder auch nicht, siehe Leverkusen gegen Dortmund, da bietet der Fußball alles, was man sich nur wünschen kann. Aber es ist eben unterhalb dieses unerreichbaren Tableaus des Vorzugsspieler-Fußballs. Wie wäre es, wenn nun in Europa eine Gala-Liga einrichtete, in der exklusiv nur jene Teams spielen, die in ihren heimischen Ligen mindestens zehn Punkte vor dem Rest der Nation stehen? (Vorschlag für’s Marketing: „Die Liga der Überflieger”) Dagegen kann Uli Hoeneß doch nichts haben, im Gegenteil es wäre eine Ehre, die nur wenigen zuteil wird.

Wir armen Hansa-Rostock-Schweine (5)

Seize the right moment, 1

Seize the right moment, 1

In Phasen nicht aufhören wollender Erfolglosigkeit fangen Fußballtrainer an, Unfug zu reden. Man muss nicht darauf warten, es geschieht unweigerlich. Und: Sie können nichts dafür, die Trainer. Es kommt wie von selbst. Das Gehirn ist vernagelt. Sie kriegen den Tunnelblick.

Wer hätte das schmerzvoller erfahren als wir armen Hansa-Rostock-Schweine. Wir traten an, um den sofortigen Wiederaufstieg in die zweite Liga zu schaffen, wir murksten in der dritten Liga herum, hatten zu Hause manchmal Glück, bekamen auswärts kein Bein auf den Rasen und der  Trainer begann, diesen unvermeidlichen Unfug zu reden. Wir lösten ihn ab. Holten den neuen Mann.

Mit ihm begann eine Erfolgsgeschichte. Und nach der Erfolgsgeschichte begann eine katastrophale Missrfolgsgeschichte, die uns in Abstiegsgefahr führte.

Was ist das für ein Unfug, den der Trainer dann redet, wie intelligent er ansonsten auch immer sein mag?

Zunächst mal gratuliert er nach dem Spiel dem Trainer des gegnerischen Teams zum Sieg. Wenn das mal für mal passiert, kann ich es wirklich nicht ertragen. Dann redet er von den ungünstigen Zeitpunkten, zu denen die Tore des Gegners fielen. Für ein Gegentor ist jeder Zeitpunkt ungünstig, sag ich mal. Sag ich mal so. Es folgt, dass wir einen hohen Aufwand betrieben haben, für den wir uns leider nicht belohnt haben und dass wir das hoffentlich beim nächsten Mal tun werden. Uns belohnen. Bei der Pressekonferenz vor dem nächsten Spiel beantwortet der Trainer jede Frage mit dem Satz: Wir wissen um die Bedeutung dieses Spiels. Und er sagt, dass in der dritten Liga ein Rückstand sehr schwer aufzuholen sei und dass man deshalb vermeiden wolle, in Rückstand zu geraten.

Alles Unfug, wie man weiß. Wir schießen ein Tor in der 22. Minute, haben also dafür gesorgt, dass der Gegner in Rückstand geraten ist, den er umgehend, in der 23. Minute, aufholt. Zu einem ungünstigen Zeitpunkt (45. Minute) geraten wir in Rückstand und zu einem weiteren ungünstigen Zeitpunkt geraten wir in einen schier aussichtslosen Rückstand, den wir aber binnen fünf Minuten in ein 4:3 umwandeln. So viel zum Thema, einen Rückstand kann man in der dritten Liga kaum wieder aufholen.

Es folgen acht Minuten Nachspielzeit. Acht. Als lebten wir noch in der DDR und spielten gegen den BFC Dynamo. Sind wir also gewöhnt, wir armen Hansa-Rostock- Schweine, wenn wir mal vorne liegen. Trotzdem. Wir fressen kein Tor mehr.

Alles gut?

Nein. Der Gegner erwägt, vor Beendigung der Saison in die Insolvenz zu gehen. Damit würde man uns die Punkte, die wir gegen ihn herausgespielt haben, wieder klauen.

Fass dir an Kopp und sag Kürbis gedeihe.

Seize the right moment, 2

Seize the right moment, 2

Kategorien:Fußballfieber Schlagwörter:

Man verdirbt sich sonst den Charakter

Was ich da sah und was ich im Vorfeld hörte, ließ mich an die Wiederkehr des ewig Gleichen denken. Die Olympischen Spiele sind vorüber, der Fußball scharrt mit den Hufen. Wir armen Hansa-Rostock-Schweine sind schon wieder deprimiert, und die Hertha legt auch in der zweiten Liga einen Fehlstart hin. Die erste Liga beginnt mit dem, wie jeder weiß, bedeutungslosen Supercup, es sei denn, Bayern München gewinnt diesen Supercup, dann ist er natürlich bedeutungsvoll und ein Omen für die Saison. Sie, also die Münchner Bayern, führten schon nach 12 Minuten 2:0 gegen Meister Dortmund, und da konnte man sehen, wie tief die Demütigung bei ihnen sitzt, nachdem sie fünfmal in Folge gegen die Borussen verloren hatten. Sie bewegten sich plötzlich, als könnten sie vor Kraft kaum laufen, und so fand Dortmund, das am Anfang in der Innenverteidigung etwas schläfrig war, langsam ins Spiel. Die besten Münchner waren die Neu-Bayern Dante und Mandzukic, das ist nur logisch, da sie vom Bayern-Gen noch nicht infiziert sind, fehlt es ihnen an Selbstgefälligkeit. Mandzukic hat allerdings schnell gelernt, nach Bayern-Art zu protestieren und zu reklamieren, wenn ein Zweikampf gegen ihn gepfiffen wird, lacht er höhnisch, als sei der Schiedsrichter geisteskrank. Hoch motiviert war Robben, ein Problemfall der vergangenen Saison, er will seine Zweikämpfe auf Biegen oder Brechen gewinnen, das sieht dann so aus, wie wenn Mädchen sich kloppen. Okay, letztlich brachten die Bayern in diesem so bedeutungslosen wie bedeutungsschweren Spiel vor eigenem, ebenfalls schwer gedemütigtem, Publikum einen 2:1-Sieg nach Hause. Das gönnen wir dem Team und vor allem dem  angeschlagenen Präsidenten Hoeneß, der bereits das Ziel ausgegeben hat, „unangefochten die Nummer eins zu sein”.  Wenn ick mal Zeit habe, erkläre ick ihm, warum es so bescheuert und langweilig ist, wenn man sich nach dem Zustand der Unangefochtenheit sehnt. Wenn ich nicht verlieren, wenn ich nicht damit leben kann, Zweiter oder Dritter zu werden, dann sollte ich mich aus dem Sport zurückziehen. Man verdirbt sich sonst den Charakter.