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Winterliches aus dem Leben der Raucher

Leben und Rauchen im Winter © ADe

Leben und Rauchen im Winter
© ADe

Wir sitzen in den Wernesgrüner Bierstuben und trinken Pilsner Urquell vom Fass. Gutes, frisches Bier. Nur mit Mühe konnten wir einen Tisch bestellen; es ist einer neben der Tür mit hohen Stuhlhockern oder Hockerstühlen, man kommt da schwer rauf und wenn man drauf sitzt, kann man den Hocker nicht an den Tisch heranziehen, aber man ist ja dankbar für alles. Die Kneipe ist tatsächlich voll, und die Kellner gerieren sich wegen dieses Erfolgs so, als seien sie was Besseres als Kellner. Entertainer, Coaches oder Philosophen. Sie fabrizieren ein instrumentiertes Lächeln und zwinkern verschwörerisch mit dem linken Auge; keine Ahnung warum. Wir wollen eigentlich nichts essen, höchstens was Kleines, und bestellen Eisbein. Nach dem dritten Bier soll zu Schnaps übergegangen werden, obwohl ich an diesem Tisch unter Leuten bin, die Schnaps trinken für eine Marotte halten. Sie sind eben von Kopf bis Fuß auf Pilsner eingestellt. Whisky ist hier doppelt so teuer wie Wodka, da schlage ich Moskowskaya vor, eine gute Wahl, wie ich finde, sauberer Schnaps. Wieviel Prozent hat der? Der Kellner weiß es nicht, vermutet 38 %, das kann nicht sein, schauen Sie bitte nach. Es sind natürlich 40 Prozent. Nach dem dritten Wodka sind wir irritiert. Ständig strömen Leute in die Kneipe, die ja ohnehin voll ist. Sie müsste eigentlich aus den Nähten platzen, tut sie aber nicht. Wie kann das sein?

Des Rätsels Lösung sind wie so oft die Raucher. Sie gehen hinaus mit ihren Entzugserscheinungen, um draußen bei Frost und Glatteis ihre Lulle zu genießen und kommen glücklich wieder rein, bis erneut Entzugserscheinungen auftreten. Was können wir für unsere Raucher tun? Nichts. Sie sind ja glücklich so.

 

 

Helden des Ostens (7): Mühle

In Mühles Welt

In Mühles Welt

Ab und zu tauchte Mühle auf dieser Seite auf, Kurt Mühle, Architekt, Dekorateur, was auch immer, Szenegestalt auf jeden Fall. Wenn jemand einen Film über Ostberlin und speziell den Prenzlauer Berg drehte, Petra Tschörtner oder Peter Voigt, bemühte man sich, Mühle einzubauen, Mühle, der sächsische Berliner, der nie ein Hehl aus seinem Faible für Spirituosen machte, Mühle, der Strickjacken und Trenchcoats trug, die ihm zu groß zu sein schienen, Mühle, der fröstelte und sich auf unnachahmliche Weise altmodisch ausdrückte.

In Peter Voigts Film „Dämmerung” fragte der Regisseur die heikle Frage: Mühle, wann stirbst du? Da hab ich noch keene Absicht, antwortete Mühle überrascht, aber freundlich. Da warten wir noch ’ne Weile. Ich will noch den Aufschwung erleben.

Und dann starb Mühle doch, im Jahr 1997. Ob er das, was er bis dahin erlebte, schon den Aufschwung genannt hätte, ist zweifelhaft. Ich erinnere mich an die Premiere des Dämmerung-Films im Grünen Salon der Berliner Volksbühne. Nicht zu Unrecht empfand Mühle sich als Hauptdarsteller dieses Films und genoss die Aufmerksamkeit von Publikum und Presse. Mühle, was machen wir jetzt, rief der Dichter Wawerzinek in die feierliche Stimmung hinein. Mein Herr, sagte Mühle, Sie sind mir weitgehend uninteressant. Später störte Wawerzinek abermals. Mühle, wie kommen wir denn jetzt nach Hause? Mein Herr, sagte Mühle noch vornehmer als zuvor, mein Herr, ich werde gefahren.

Mühles Begräbnis gestaltete sich würdevoll, wenn auch nicht ohne Zwischenfälle. Ich kam erst dazu, als im Lokal Wincent in Winsstraße sein Fell versoffen wurde. Der Wirt trug einen Zopf und kassierte jedes Bier sofort ab. Wawerzinek hatte Mühles Tod sehr angeregt. Er sprach im Nobelpreisträgerton über seine,Wawerzineks, Universitäten, die natürlich nicht in Hörsälen zu verorten waren, sondern in Straßen, Plätzen, Kneipen, Lesestuben. Er hatte sich immer an die schwierigen Meister (Hans Henny Jahnn) oder an die weithin unbeachteten Dichter gehalten. Er erzählte, wie die Presse ihm die Türen einrannte und wie sie ihn wieder fallen ließ und wie er sie aufs Neue für sich gewann. Plötzlich wandte Wawerzinek den Kopf und bezog mich in seine Suada ein, als eine der Personen, die seinen Weg zum Ruhm in der frühen Phase gekreuzt hatten, was ja stimmte. Nun trat der Kultrocker Renft in unsere Mitte, der gerade eine Alkoholpause machte und ganz fasziniert davon war, dass die Leber (das menschliche Organ) nach drei Monaten ohne Schnaps vollständig zu regenerieren in der Lage ist. Renft hatte diese drei Monate schon hinter sich, aber weil er so fasziniert war von seiner gesunden Leber wollte er noch weiter machen mit der Pause, ohne Druck, ohne Zwang, einfach so. Er trank alkoholfreies Bier und gab für seine Gesprächspartner eine Runde Wodka aus, ohne dass es ihn selbst danach gelüstete. Ich war so gerührt, dass ich als Festangestellter in der Folge für die Freiberufler (und mich) mehrere Runden Wodka ausgab, bis ich am Ende selbst nicht mehr laufen konnte. Das heißt, ich konnte noch laufen, aber nicht mehr dahin, wovon ich wollte. Nicht mehr geradeaus, sondern in rechten Winkeln. Und nun wurde Mühles Erbe wirksam. Seine Freunde nahmen sich meiner an, übten praktische Solidarität, wie Mühle es auch getan hätte, orderten ein Taxi, klärten den Chauffeur darüber auf, dass es mit mir keineswegs so schlimm stand, wie es aussehe. So überlebte ich an dem Tag, an dem Mühle zu Grabe getragen wurde, und werde ihn nicht vergessen.

Der Streifenpolizist als Volkserzieher

Häuser am Ende der Straße - immer ein spezielles Verhängnis

Häuser am Ende der Straße – immer ein spezielles Verhängnis

Das Haus am Ende der Straße aus Frankfurt war ein Tatort der besonderen Art. Der Ermittler Frank Steier hatte nichts zu tun, der psychisch schwer angeschlagene Mensch Frank Steier (Joachim Król sozusagen in einer Doppelrolle) hingegen alle Hände voll. Er musste sich selbst besiegen, um aus Rache nicht zum Mörder zu werden. Das alles hatte mit dem blauäugigen Gericht zu tun, das den Täter frei sprach, nur weil Steier als Zeuge am Vorabend der tragischen Ereignisse um eine Kindstötung sechs Wodka und eine Flasche Rotwein zum Essen getrunken hatte und somit als unglaubwürdig, wenn nicht unzurechnungsfähig hingestellt wurde (wer ist denn davon noch am nächsten Tag besoffen?), was letztlich dazu führt, dass er seinem arroganten Neu-Chef die Kündigung hinblättert. Und nun? Weiß er selber nicht. Er hängt sich an die Fersen des Täters, der ihn gerade noch verhöhnt hat, den Revolver mit einem Schuss Munition immer in Griffnähe. Frank Steier hat’s schwer. Er ist klein, schroff bis zum Autismus, nimmt zu und glaubt an die Gerechtigkeit. Im Haus am Ende der Straße wohnt der lebensmüde Ex-Streifenpolizist Poller, der drei junge Banditen bei einem Einbruch beobachtet. Der Rädelsführer will den Tatzeugen Poller ertränken; Steier rettet ihn im letzten Moment, und wird dafür von demselben Poller niedergeschlagen und mit den drei Halunken im Keller eingesperrt. In diesem Haus, in diesem Keller nun spielt sich der Krimi hauptsächlich ab. Poller, der seinen drogensüchtigen Sohn verloren hat, sieht in einem der Täter einen eigentlich guten Menschen und will im Stile eines naiven Volkserziehers seine Seele retten, an ihm wieder gutmachen, was er an seinem Sohn verdorben hat. Wir erleben hier den Schauspieler Armin Rohde endlich mal nicht in einer deutschen Prollkomödie und sehen, welch feiner Mime er ist, wenn man ihm die Chance gibt. Ah ja, übrigens, einer der häufigsten Sätze im deutschen Fernsehen: Wir müssen reden. Der kommt auch hier mindestens zweimal vor. Ist ja ein richtiger Angebersatz. Wir reden sowieso dauernd. Wenn zu mir jemand sagt: Wir müssen reden, schalte ich sofort auf Durchgang oder haue gleich ab. Das war wohl auch der letzte Auftritt von Joachim Król als Frank Kommissar Steier. Mancher Abschied fällt nicht leicht. („Abschied ist ein scharfes Schwert.”) Zumal, wenn man ahnt, dass danach nichts Besseres kommen wird.

Werner Bräunigs Sonderzone

Kann man sich Werner Bräunig als achtzigjährigen Senior vorstellen? Er starb ja schon mit 42 Jahren, zermürbt von den Repressionen der Funktionäre, zerstört vom Alkohol, getrennt von der Familie und doch verbunden mit ihr.

Und. Wer war das überhaupt, Werner Bräunig.

Geboren 1934 in Chemnitz. Gestorben 1976 in Halle-Neustadt. 2007 erschien im Aufbau-Verlag sein Roman „Rummelplatz”, der als verschollen galt, zum ersten Mal und wurde eine literarische Sensation.

Als er dreißig war © Mitteldeutscher Verlag

Als er dreißig war
© Mitteldeutscher Verlag

Von Bräunigs Hand existieren zwei Lebensläufe. Es sind die Lebensläufe eines Schriftstellers, der meinte, über Kalamitäten seines Lebens mit Charme und schwarzem Humor hinweggehen zu können. Die Mutter hieß Erna und war Näherin. Vater Kurt war Kraftfahrer. Er schrieb eine gute Handschrift, vermerkt der Sohn launig. Das heißt, er schlug zu. Nicht nur der Sohn, auch die Mutter bekam es zu spüren.

Den ersten Teil seines Lebens hat Bräunig unter der Überschrift Jugendsünden abgebucht. Nach der diffizilen Familie, der ambivalenten Schulzeit, der abgebrochenen Schlosserlehre, dem Jugendwerkhof, dem Abenteuer im Westen und dem Knast nach Schwarzhandel und Schmuggel nun das Leben des Aufsteigers, des Schriftstellers, Familienvaters und Kunstpreisträgers, dessen Vorleben nicht mehr gewesen sein soll als ein lastender Traum. Man wacht auf, erinnert sich dunkel, vergegenwärtigt sich, dass das keine Bedeutung mehr hat.

Werner Bräunig muss besessen gewesen sein von der Idee des Neuanfangs. Dass man, was immer war, wieder eine neue Chance bekommt, alles Prekäre hinter sich lassen kann.

Er glaubte, im Sozialismus angekommen zu sein. Ein neues Leben in einem neuen Staat.

Fördermann in der Wismut AG. Papiermaschinengehilfe. Instrukteur. Heizer. Schreibt für die Lokalpresse. Dann auch für Literaturzeitschriften. Studium am Literaturinstitut. Assistent und Oberassistent des Prosaseminars. Oktober 1965 Vorabdruck des Rummelplatz-Kapitels aus Bräunigs großanlegten Romans in der Zeitschrift Neue Deutsche Literatur. Der Einstieg in den Absturz. Abkanzelung durch Ulbricht auf einer Schriftstellerberatung, durch die Leipziger SED-Führung, das 11. Plenum. Aussprachen, Kampagnen, denunziatorische Briefe.

Bräunig soll guten Willen zeigen, ändern, umschreiben, was unmöglich ist, weil er im Inneren weiß, dass er Recht hat., er kennt die Verhältnisse, über die er schreibt. Die Funktionäre haben nur die ideologische Draufsicht.

Bräunigs Text war harter Realismus, irgendwie amerikanische Literatur, die in Deutschland spielte. Es ging um die wilden Wismut-Arbeiter, um Wodka, um Schlägereien, um den Müll, den Männer im Suff erzählen (aber nicht nur im Suff) und um Frauen, die auf der Seite der Sieger stehen, es ging um Funktionäre, die ihre Macht ausspielten und doch ohnmächtig schienen. Es ging um Deutschland, Ost und West, und es ging um die Wismut, ein sowjetisches Unternehmen auf deutschem Boden, in dessen Schächten das Uranerz gebrochen wurde, das die Russen benötigten, um das herzustellen, was man später Gleichgewicht des Schreckens nannte. Die Wismut war eine Sonderzone mit anderen Regeln, anderen Ausweisen, mehr Geld, Deputatschnaps und Ereignissen, die oft irreparable Folgen hatten. Ein Platz für Abenteurer, Gestrandete, Schurken und Helden. Apokalyptische Landschaften, Rummelplätze und Bahnhöfe, Kneipen und Barackenunterkünfte sind die Standorte des Romans, die Akteure haben den Schatten des Kriegs im Rücken und den Schatten der Vergeblichkeit vor Augen. Eine Sonderzone. Wenn es solche Sonderzonen gibt, muss es möglich sein, sie zu beschreiben.

1976, zehn Jahre nach den Rummelplatz-Verwicklungen, stirbt der ehemalige Wismutkumpel in einer Einraum-Neubauwohnung in Halle-Neustadt, die so eng war wie der Schacht. Da war er mit dem alten Kameraden Alkohol allein. Mit den Depressionen.

Am 12. Mai wäre er achtzig Jahre alt geworden. Wer genauer hinsah, konnte erkennen, dass dieser unauffällige Mann ein gutaussehender Typ war, der sich viel zutraute. Der schuften konnte. Ein skeptischer, offener Blick. Was sind das für Zeiten, in denen das alles vergeblich ist.

Helden des Ostens (4)

Erinnerungen an die Mangelwirtschaft

Erinnerungen an die Mangelwirtschaft. Sonne gab’s auch oft nicht

Vor ein paar Tagen ging es hier um das Thema Mangelwirtschaft. Also um die DDR. Apfelsinen  gab’s sowieso nicht, außer zu Weihnachten, in Berlin. Es gab Tage, an denen es keine Butter gab, Tage ohne Grieß, Tage ohne Reis. Und dann gab es Tage, an denen es etwas gab, was es sonst nie gab.

Manchmal gab es kein Sauerkraut. Und drüben sang Gus Backus „Ich esse gerne Sauerkraut und tanze gerne Polka”. Ein Betonkopf konnte auf die Idee kommen, dass das absichtlich geschah im Zuge des kalten Kriegs und des Klassenkampfs.

Rotkohl und Schnaps gab es allerdings immer in der DDR. Goldbrand, Adlershofer Wodka, Nordhäuser Doppelkorn. Warum das so war, bleibt rätselhaft. Jedenfalls gingen viele der Funktionäre aus der Arbeiterklasse hervor, und so wussten sie, dass der Alkohol viel Druck wegnehmen kann. Also, der Betrunkene kann schon erst mal aggressiv werden, aber dann schläft er auch schnell ein.

Es gab auch Wein in der DDR, aber in geringer Auswahl. Der Blaustengler zum Beispiel war ein ungewöhnlich herber, man könnte sagen: saurer Wein aus Ungarn, den gab’s oft. Einmal saß ich mit der Kollegin Voigt zusammen im Prater in der Kastanienallee beim, jetzt kommt’s, 3. Deutsch-Sowjetischen Artistenball. Als ich nach einer Flasche Blaustengler nunmehr eine Flasche Lindenblatt bestellen wollte, grinste der Kellner anzüglich: Sie haben wohl Angst, dass Ihre Frau wieder Jungfrau wird! Da waren wir natürlich platt und schalteten beide Osram ein. Etwas mehr Takt, mein Herr!

Und wenn wir schon mal dabei sind. Der Macho im Osten sagte gern: Die reiß ich uff wie ’n Westpaket. Das Westpaket war ein Mythos. Man erwartete Schätze wie Jeans und Pop-LP, aber manchmal waren stattdessen Erbsen und Salz im Paket. Dann mokierte man sich über die dämliche Westverwandtschaft, die glaubte, dass es im Osten rein gar nichts gäbe, wagte aber nichts zu sagen, weil sonst die Gefahr bestand, dass die Westpakete ganz ausbleiben könnten. Ja, so war das eben. So ungefähr. Alles klar?

Der Beckenbauer der Literaturkritik

April 10, 2012 1 Kommentar
Frieden im Regal. Warum auch nicht.

Frieden im Regal. Warum auch nicht.

Marcel Reich-Ranicki ist der Franz Beckenbauer der Literaturkritik. Jenseits von Gut und Böse. Alles ist ihm schon im Voraus verziehen und im Nachhinein erst recht. Immer wollen wir ihn befragen. Irgendwas Lustiges tritt dabei unter Garantie zutage. Das Bittere und das Süße. Ohne Rücksicht auf Verluste plaudert er alte Geschichten aus. Unabhängig davon, ob die Erinnerung funktioniert oder fabuliert. Günter Grass? Ja, dieses ekelhafte Gedicht. Reich-Ranicki kennt ihn schon seit 1958. Da war er noch Pole (Reich-Ranicki, nicht Grass). Ein Freund  bat Reich-Ranicki, dass er sich um den Gast aus Deutschland, Günter Grass, kümmere. Reich-Ranicki kümmert sich (wie ihm geheißen) und stellt fest, dass der junge Dichter aus Deutschland gegen Mittag schon eine Flasche Wodka getrunken hat. Ist denn das die Menschenmöglichkeit! Er hat mir Angst gemacht, sagt Reich-Ranicki. Er hatte so etwas Wildes. Er sah aus wie ein bulgarischer Partisan, nicht wie ein junger Autor aus Westdeutschland. Phantastisch. Dem Wirtschaftswunderland. Aus diesem Mund kommt doch immer etwas Bizarres. Man muss nur etwas Geduld haben. Bescheidene Frage. Was denkt Reich-Ranicki, wie er seinerseits auf Grass gewirkt hat? Hat er ihm Zutrauen eingeflößt? Fand Grass, dass sein Kümmerer wie der Papst aussieht? Oder wie ein polnischer Schnulzensänger? Oder wie ein Parteibonze? Ein Geheimagent? Und Grass? Ob er sich erinnert? Nun, Reich-Ranicki ist nicht langweilig, wirklich nicht. Da kommt immer noch eine überraschende Wendung. Grass ist für ihn eine Skandalnudel, aber die Formulierung „letzte Tinte” in diesem ekelhaften Gedicht, die ist gut, sehr gut. Verflucht noch mal!, schreit Reich-Ranicki im Gespräch mit der FAS. Er kann nicht erklären warum. Er ist der Franz Beckenbauer der Literaturkritik. Keine Frage. Während aber Beckenbauer, die Lichtgestalt, in himmlischen Gefilden wandelt, muss Reich-Ranicki viele Höllen durchqueren. Zu bremsen ist er nicht. Von nichts und niemand.