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Archive for the ‘Dreamers’ Category

Als ich versetzt wurde

Wir haben alle unser Kreuz zu tragen
© Klaus

Ich komme in mein Büro und muss mir anhören, dass ich dort nicht mehr sitze. Du bist versetzt in die Abteilung Naturschutz und Glauben. Von einer solchen Abteilung habe ich noch nie gehört. Außerdem: Müsste mir das nicht der Chefredakteur sagen? Dennoch trolle ich mich und suche im trostlosen Redaktionsgebäude nach dieser seltsamen Abteilung. Ich bin nicht gerade ein Spezialist in Naturschutz- und Glaubensfragen. Diese Versetzung scheint mir eine Falle oder das Abstellgleis zu sein, aber im Traum hat man, das ist ja bekannt, keine Willensstärke. Ich öffne eine beliebige Tür. In dem Raum sitzt eine Gruppe mediokrer Typen. Ist das die Abteilung Naturschutz und – wie heißt es – Beten? Beten, lacht der Abteilungsleiter vergnügt. Ja, sage ich, ich bin hierher versetzt worden. Das scheint er schon zu wissen. Immerhin. Wenigstens hier ist man offenbar informiert worden. Das hast du dir aber auch selber verdient, dass du hierher versetzt worden bist, sagt der Abteilungsleiter, statt seine Freude zum Ausdruck zu bringen und mich willkommen zu heißen. Höre ich da eine Spur Spott heraus? Schadenfreude? Letztlich bekommt jeder, was er verdient, sage ich, das wird auch bei dir so sein. Du bist nur noch nicht so weit.

Was rede ich da für einen Quatsch! Habe ich hier überhaupt einen Schreibtisch? Ich setze mich irgendwo hin und überlege, welche Themen ich in der neuen Abteilung bearbeiten könnte. Naturschutz? Glauben? Oder Beten? Ehe mir etwas einfallen kann, schmeißt der Traum mich aus sich raus.

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Die Hilfe des Stalinisten

Normalität am anderen Ufer. Das Wasser ist viel zu tief. © Fritz-Jochen Kopka

Normalität am anderen Ufer. Das Wasser ist viel zu tief.
© Fritz-Jochen Kopka

Im Traum bin ich als Reporter in Rumänien. Da war ich schon mal, vor 40 Jahren oder so, fühle mich fast als Experte, obwohl mir so gut wie nichts in Erinnerung geblieben ist, nur unser Betreuer, ein Stalinist mit Übergewicht, Geheimagent sicher auch. Ich habe dieselben Schwierigkeiten wie in allen Reporterträumen. Ich komme mit den Verkehrsmitteln nicht zurecht und bin auch nicht in der Lage, mich zu erkundigen, wie ich von A nach B gelange. Alle Busse fahren an mir vorbei, ich würde sowieso in den falschen einsteigen. Ich bin nie da, wo ich sein soll, und überlege fieberhaft, was ich denn in meine Reportage schreiben soll, irgendwas Atmosphärisches vielleicht. Erlebnisse und Fakten habe ich nicht. Fehlanzeige. Null. Ich vergesse die Nummer meines Hotelzimmers, die Anzeichen verdichten sich, dass es auch von anderen Leuten genutzt wird, wie auch ich fremde Zimmer benutze, ohne es eigentlich zu wollen. Meine Sachen verschwinden nach und nach, am Hotelempfang ignoriert man mich, die Preise im Restaurant würden meinen Ruin bedeuten und den Rückflug verpasse ich, weil ich nicht in der Lage bin, von A nach B zu gelangen. Unser Betreuer von damals, der Stalinist von gewaltigen Ausmaßen, hätte mir sicher geholfen. Aber soll ich mich in seine Hand begeben? Man weiß ja, wie das endet. In solchen Träumen hasse ich mich, obwohl ich für nichts was kann.

 

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Die Gruppe des Träumers

Wohl auch verirrte Läufer © Fritz-Jochen Kopka

Wohl auch verirrte Läufer
© Fritz-Jochen Kopka

Traum oder Albtraum. Ich kriege mich nicht angezogen. Die Sportgruppe ist längst bereit. Was ich auch anziehe, alles ist falsch, gehört nicht mir, passt nicht. Die Gruppe kümmert sich nicht um mich, der Trainer gibt das Signal, kein Hahn kräht nach mir; ich weiß noch, dass ich am Vortag allen weggerannt bin, einige sogar überrundet habe; aber jetzt kriege und kriege ich mich nicht angezogen. Man macht sich verdammt noch mal nicht beliebt, wenn man der Gruppe wegrennt. Wo kommt nur dieser Berg von Klamotten und Schuhwerk her, der mich immer von neuem in Verwirrung stürzt. Schließlich habe ich am linken Fuß eine Treckingsandale, am rechten einen spießigen Hausschuh, man könnte auch sagen Puschenschlaben, ich will jetzt nicht länger probieren und verwerfen und mache mich auf die Verfolgungsjagd. Ich staune, es läuft sich gar nicht mal schlecht, mit der Sandale und dem Hausschuh, ich komme gut voran, von der Gruppe ist allerdings auch in der Ferne noch nichts zu sehen, nicht mal ein Nachzügler. Eine Pfütze kommt mir entgegen, ich springe locker drüber, verliere aber den Hausschuh, er schwimmt auf dem Dreckwasser, nur noch das Oberteil zu sehen, ich greife danach, rutsche weg, liege voll im Wasser, die Pfütze ist mindestens einen Meter tief, logisch, es hat ja lange geregnet in Süddeutschland, ich starte aufs neue, komme durch ein Dorf, dessen Bewohner ein Volksfest vorbereiten. Der Hausschuh ist dabei, sich aufzulösen, ich sehe ein, dass ich die Gruppe nicht mehr einholen kann und am besten am Ausgangspunkt wiedertreffe. Dann werde ich ihnen erzählen, was mit mir los war. Der Trainer wird mich trösten oder nach Hause schicken, je nachdem, wie ich bei ihm angeschrieben bin, dann spielen sie die EM ohne mich. Quer über den Hof kommt mir eine aparte junge Frau entgegen und wirft mir Blicke zu, es sind keine spöttischen Blicke, es ist ja möglich, dass ihr irgendwas an mir gefällt. Immerhin bin ich ja der Mann, der es trotzdem versucht hat, trotzdem versucht, Anschluss zur Gruppe herzustellen. Ich will nicht aufdringlich sein und gehe weiter. Troubles enogh of my own. Hab ich mal bei Raymond Carver gelesen. Ich habe selber genug Sorgen. Wie soll ich mich von diesem Traum befreien.

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In der Spülmaschine

April 25, 2016 2 Kommentare
Wie soll man leben in einer Spülmaschine?

Wie soll man leben in einer Spülmaschine?

In meinen Träumen darf ich neuerdings nicht mehr in den Westen reisen. Zumindest macht man mir Schwierigkeiten. Ich stehe also in einem Nadelöhr-artigen Gebäude, mit dem sicher der Tränenpalast gemeint ist, alle Leute werden durchgewinkt, nur ich werde einem Verhör unterzogen von einer biederen Beamten, die die Weisheit wahrlich nicht mit Löffeln gefressen hat (wie ich auch nicht). Ich kriege nicht mit, was sie eigentlich von mir will. Schließlich stellt sich heraus, dass ich irgendwann mal eine verdächtige Antwort in einem Fragebogen gegeben habe. Mann, sage ich, das ist doch ewig her! Worum ging’s denn da? Ob ich alles tun würde, um die Werte des Landes zu bewahren. Nein, alles nicht. Ich würde keinen umbringen oder so wegen irgendwelcher Werte. Ich versuche, diese Antwort zu erläutern mit meiner humanistischen Grundhaltung. Es klingt natürlich lächerlich, aber schließlich darf ich doch durchtreten. Im Ankunftsbereich des Westens ist niemand mehr. Ich will jetzt gleich meine Schwester besuchen, Dahlem, Pacelliallee Nr. 10, aber da fängt mich eine Frau ab, die der Beamten an der Sperre verdächtig ähnlich ist, bloß ohne Uniform. Wir gehen zu mir, sagt sie und erzählt etwas von ihrer Kommune. Ich kann mich gar nicht wehren. Die Gegend ist trostlos, trostloser noch als im Osten. Wir betreten das Haus, gehen hinauf bis in den fünften Stock und dann noch weiter auf den Dachboden durch Staub, Spinnweben und Gerümpel. Sie öffnet die Tür, ich befürchte das Schlimmste, aber wir befinden uns im Inneren einer riesigen Geschirrspülmaschine, es ist sehr warm und riecht nach Waschmitteln, alles blitzt vor Sauberkeit. Sehr schön, aber wie soll man leben in einer Spülmaschine!, frage ich mich, und es führt kein Weg zurück.

 

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Der Tote auf dem Rad

Das Licht der Träume – ist es grün?

Das Licht der Träume – ist es grün?

Im Traum ging oder fuhr ich zu Renate Beck. Ich hatte da was abzugeben, ich weiß nicht was. Unser letztes Treffen lag Jahre zurück. Beim Wiedersehen kam keine Freude auf, Unsicherheit war spürbar, Misstrauen auf beiden Seiten. Nichts von dem, was einer von uns sagen wollte oder hätte sagen sollen, wurde gesagt, Plötzlich brach sie in Gelächter aus, denn hinter uns fuhr Thomas Beck, ihr toter Mann, auf dem Fahrrad vorbei, als wäre das normal. Im Leben hatte ich ihn nie auf einem Fahrrad gesehen. Was die Toten noch alles lernen. Warum grüßt er nicht, er kennt mich doch? Und auch seine Witwe nimmt er nicht zur Kenntnis. Ist das die Rache der Toten an den Lebenden – sie tun so, als wären wir Luft?

Ja, sagte die Witwe, wir haben jetzt doch noch ein Jahr. So lange muss Sprosser noch warten. Und auch der kreuzte auf, alt und füllig geworden, er wirkte viel hinfälliger als der tote Thomas Beck. Was will sie denn mit dem, dachte ich, nichts gegen Sprosser, aber das war nicht mehr der alte lebens- und trinklustige Mann vom Bau.

Dann waren wir in ihrer überraschend unschönen Wohnung. Ich öffnete die Tasche. Da lagen rotbraune Cordjeans drin. Nee, sagte die Witwe wie aus der Pistole geschossen, diese Farbe ist nichts für Frau Brinkmann. Okay, sagte ich übellaunig, nehm ich sie wieder mit, und klappte die Tasche zu. Nein, lass mal, wir können es ja probieren, so genau weiß ich das auch nicht, antwortete sie schnell.

Dann war ich allein in ihrer Wohnung. Was habe ich hier verloren, dachte ich, verließ das Haus und wusste nicht, wo ich war.

Der Tote ging mir nicht aus dem Sinn. Mit einem Mal war mir so, als hätte ich schon viele Wiedergänger auf dem Fahrrad gesehen. Und war es nicht so, dass Leute, die nicht mehr gehen konnten, immer noch in der Lage waren, Rad zu fahren?

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Verheimlicht wird nicht

Ganz so schlimm war’s ehrlich gesagt nicht

Ganz so schlimm war’s ehrlich gesagt nicht

Auf allen Vieren kriechen wir einen Berg hinauf, der sich, je höher wir kommen, eher als eine industriell hergestellte Schiefe Ebene darstellt, riesig groß, die Neigung vielleicht 45 Grad. Wir erreichen den Scheitelpunkt; ich sehe hinunter auf die andere Seite, es geht steil bergab, ich kehre um, sage ich, hier geht’s nicht weiter, ich bin nicht schwindelfrei. Die Zeiten, da ich versucht habe, das zu verheimlichen, sind vorbei. Schön ist es nicht, unter Mühen den Gipfel zu erreichen und dann wieder umkehren zu müssen, ohne die andere Seite zu erkunden. In der nächsten Sequenz finde ich mich in einem halbrunden Container wieder, aha, Mülltrennung, denke ich, pflanzliche Abfälle, die Atmosphäre ähnelt der eines Treibhauses, aber es gibt offensichtlich Leute, die sich nicht an die Vorschrift gehalten haben, da liegt zum Beispiel ein Stück Kabel herum, und ich überlege, ob ich hier nicht aufräumen sollte, aber ich gebe den Plan auf, als ich feststelle, dass hier wohl auch dieser oder jener seine Notdurft verrichtet hat. Nichts wie raus. Ich habe überhaupt nichts erreicht in diesem Traum. Was will man mir damit sagen.

Vom Trauma zum Traum

… aber auf einem Acker kann man doch nicht Fußball spielen

… aber auf einem Acker kann man doch nicht Fußball spielen

Im Traum war ich mal wieder Teil einer Fußballmannschaft. Wir erreichten den Platz ziemlich spät, wir zogen uns um, natürlich im Freien, Kabinen gab’s nicht. Die Umzieherei dauerte bei mir ewig, ich glaube, ich zog mir auch Sachen an, die nicht dazu gehörten, inzwischen spielten die schon, ich war noch draußen, warum hatte der Trainer nicht nach mir gefragt, warum hatte er nicht darauf gedrungen, dass ich endlich aus der Hüfte komme! Bis mir bewusst wurde, dass ich nur Ersatzspieler war und dass ich in den letzten Spielen nicht mal eingewechselt wurde. Was hatte der Aschenbrenner nur gegen mich, der selbst ein guter Fußballer war, aber einen unanständig dicken Bauch vor sich hertrug. War es mein Alter, das ihn störte, aber danach konnte man doch nicht gehen, wenn man fit war. Ich suchte ihn, um mich in Erinnerung zu bringen, damit er mich gleich zur 2. Halbzeit einwechseln könne, aber es kam nicht dazu. Das Spiel war total konfus, und wenn ich es bedenke, dann sitzt das Trauma, dass ich in meiner Kindheit oft genug vom Trainer nicht aufgestellt wurde, verdammt tief. Wenn wir unter uns blieben, ohne Trainer, wenn die Mannschaften gewählt und aufgestellt wurden, war ich immer dabei, aber diese verdammten Trainer, diese Respektspersonen, stellten mich nicht auf. Ohne dass ich es wollte, war mir eine gewisse Respektlosigkeit zu eigen, das spürten sie. Als Fußballer war ich ganz okay, daran kann’s nicht gelegen haben.