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Archive for the ‘Berlin’ Category

Der Schlaf des Gerechten (9)

„Es soll aber kein Tod sein, sondern ein hundertjähriger tiefer Schlaf.”
© Kopka

Auf dem Alexanderplatz fand eines der vielen ununterscheidbaren Feste mit den immer gleichen Buden und den hoffnungslosen Angeboten statt, von denen das eine oder andere dann doch nachgefragt wird und seinen Mann ernährt. Nur die Touristen können daran noch Gefallen finden, alle anderen zeigen ihr Desinteresse und die Händler verbergen ihre Depression. Am Osteingang des Bahnhofs lagen zwei Männer, die der stickige Augusttag (und nicht nur der) an den Rand ihre Kräfte gebracht hatte. Zwei Helden am Ende der Schlacht, die sicher nicht gewonnen wurde. Immerhin war man mit dem Leben davongekommen. Oder wenn man so will: Die gute weise Frau hatte den Todesfluch der bösen weisen Frau in einen tiefen hundertjährigen Schlaf verwandelt. Wie Königssöhne erschienen zwei Ordnungshüter, die sich anschickten, die beiden Dornröschen wachzuküssen. Zunächst rüttelten sie an den Schultern, dann entwanden sie dem einen Schläfer eine noch zu drei Vierteln volle Schnapsflasche. Als auch darauf keine Reaktion erfolgte, wussten sie wohl, dass sie die rechten Königssöhne nicht waren oder dass die hundert Jahre Tiefschlaf noch nicht an ihr Ende gekommen sein konnten. In der Mitte zwischen den zwei Dornröschen stand ein Plastikbehälter, in den man Geld hätte hinein werfen können. Vielleicht hätte es die zwei Dornröschen munter gemacht, wenn da ein paar Scheine hineingefallen wären, doch dazu kam es nicht. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann schlafen sie noch heute.

Ein Leben ohne Regen

Auch in diesem Jahr hat es nicht immer geregnet
© Kopka

Aus dem gut sortierten Vietnamesen trat verstört eine junge Mutter, blickte sich wild nach ihrem Kind um und rief seinen Namen. Ich deutete mit dem Kopf zum Bäcker. Hat schon drei Stücken Kuchen genommen, sagte ich, nicht bezahlt. Das Kind kam aus dem Laden raus. Und sieht so harmlos aus, fügte ich hinzu. Die Mutter lächelte ambivalent. Sie war nur froh, dass ihr Kind wieder da war.

Beim Penny beklagte sich ein hochgewachsener, kahlköpfiger und bauchiger Mann, der aber noch jugendlich empfand, also, er beklagte sich darüber, dass seine Einkaufstüten immer umfallen, wie er sie auch abstelle. Und dann darüber, dass man ihm die Gepäckträgertaschen geklaut habe, am hellichten Tag. Wird immer schlimmer, sagte ich. Dann fragte er, was das für ’ne irische Gruppe sei auf meinem T-Shirt. Ist keine Gruppe, sagte ich, sind irische Dichter, Beckett, Joyce, Yeats und Oscar Wilde. Ja, den letzten kenne ich, sagte er, ich bin aber mehr auf Musik festgelegt. Was für Musik? Ach, alte Sachen, Psychedelic Rock, sechziger, siebziger Jahre. Komm davon nicht los. Wozu auch, sagte ich.

Am Montag saß ich auf der Terrasse des Griechen und aß Souflaki mit einem Riesenhaufen Pommes. Berlinisches Genöle von vorn und hinten. Sie quatschen von Dienstreisen, langfristigen Verträgen und cleveren Kollegen oder wahlweise von den Orten der Welt, die sie – oder ihre Bekannten – kennen. Aber wo wir noch nie waren, ruft eine Frau aus, als wäre es ein Phänomen, wir waren noch nie in der Schweiz. Das ist auch nichts für Sie, wollte ich sagen, da gibt’s keine Schnäppchen. Auf der Papierserviette kann man ein bisschen Griechisch lernen. Eno Ouzo parakalo. Einen Ouzo bitte. Der Satz, der nie gesagt wird, denn der Ouzo kommt von allein. Erst der Ouzo und dann der Salat. Und von beiden Seiten der lethargisch-ordinäre Berliner Jammerton. Besserwisserisch, wichtigtuerisch, lahmarschig.

Das sind Erinnerungen aus dem vergangenen Jahr, als es noch nicht unentwegt regnete. Ein Leben ohne Regen ist möglich. Es hängt nur vom Wetter ab. Idiot.

Das Leiden der Männer am Gartenkult

Auf die Wunder der Gartenkunst lässt sich der Mann gar nicht erst ein
© Kopka

Am Sonntag schleppen/prügeln/locken Frauen ihre Männer zur IGA nach Marzahn. Der U-Bahnhof Neue Grottkauer Straße heißt jetzt Kienberg und ist im gärtnerischen Geist rekonstruiert worden. Nun musst du nur den Frauen hinterherlaufen, die ihre Männer im Schlepptau haben und schon bist du da. Das Gelände der Gärten der Welt (wir sind schon oft dorthin verbracht worden) eignet sich perfekt für eine Internationale Gartenausstellung, man weiß, dass man wesentlich länger dort wird zubringen müssen als die angekündigten zwei Stunden und nimmt das ergeben hin. Unter einem ebenfalls desinteressierten Himmel reckt sich eine vielfarbige Blätter- und Kräuterwand empor. Das ist ja auch das Motto dieser IGA in Berlin, „Ein MEHR aus Farben”, und angesichts diesen naiven Wortspiels und der ungewohnten Kulisse kann Mann der Veranstaltung schon nicht mehr gänzlich ablehnend gegenüberstehen, bis zu dem Moment, als ihn angeblich gebrechliche Rentnerinnen brutal beiseite stoßen, weil sie den besten Platz in der Gondel ergattern wollen (was haben Männer hier eigentlich zu suchen!).

Marzahn. Stadt, Land, Gondel

Aber gut: Die Seilbahn über der Land- und Stadtschaft Marzahn ist der Clou dieser IGA, nichts weniger als eine geniale Idee. Kein Mensch hätte Berlin und schon gar nicht Marzahn eine solche landschaftliche Vielfalt zugetraut, wie wir sie jetzt reichlich von oben herab erblicken. Waldstücke, vielfarbige Wiesen, Hügel und Senken, Wasserläufe und Teiche, Schilf, Serpentinen und lauschige Wege, Holzeinschlag, weidende Kühe und Pferde, alles umrahmt von den berühmt-berüchtigten Marzahner Neuwohnblocks. Die drängelnde Rentnerin wird wieder Mensch und protzt mit ihrer Dauerkarte, sie kann jeden Tag hierher und alle Veranstaltungen besuchen, woraufhin die Russin in der Gondel, der Klassik verpflichtet, die Barenboim-Konzerte beschwärmt.

IGA-Wiese

Die Gondel hält. Wir verabschieden uns mit Do swidania, die Russin ist entzückt, die Rentnerin verstört. In den Blumenhallen kleine Inszenierungen in überschaubaren Beeten, die ausstellenden Gärtner waren um Ideen nicht verlegen: „Scharfer Müßiggang” heißt ein Stück mit einer Pergola aus roten Chilischoten und einem Liegestuhl.

So viel Schönheit …

… kann auch weh tun

Die Frauen machen einen glückseligen Eindruck, die Männer wirken wie Statisten, denen kein Regisseur gesagt hat, was sie tun sollen; manchem schlägt die ungewohnte Kulisse regelrecht auf den Magen.

Scharfer Müßiggang

Ein Highlight vor der Halle ist der Mann von Garten-Primus aus Jülich mit seinem Reservoir an Gartenscheren. Er macht nicht viele Worte, die Scheren liegen ausgepackt, zum Auspropieren bereit, Zweige und Äste liegen daneben, Ratschenschere, Buchsbaumschere, Powergleitschere, Herrenschere, Damenschere, Wunderschere. Praxistest geht über Reklame. Der Jülicher zeigt die richtige Handhaltung, korrigiert den Winkel der Klinge, leichte Scheren, mittelschwere Scheren, man darf nicht den Finger dazwischen haben, sagt die Kundin. Ah ja, sagt der Spezialist, man stellt sich ja auch nicht vors Auto, wenn man Autofahren will. Mit der Schere, für die sie sich entscheidet, ist die Kundin jedenfalls glücklich.

Wasserfall …

… und Nebelgarten

Den Rückweg gehen wir zu Fuß unter den schwebenden Gondeln, so entgehen uns nicht die Installation der Wasserfälle und der Nebelgarten, „eine mystische und undurchsichtige Welt”. An hohen Wänden mit einem dichten Pflanzenkleid ziehen feine Nebel vorbei. Die Formen verschwimmen und auch du, der Betrachter, bist dir deiner selbst nicht mehr sicher.

Spiel- und Sportwiesen, ungewöhnliche Sportgeräte zum Dehnen, Lockern und Ausbalancieren stehen am Wegrand. Die Frauen probieren alles aus. Die Männer stehen steif daneben und versuchen, witzig zu sein. Der Grill ist ausverkauft, keine Rostbratwurst, keine Steaks. Auf ins Restaurant. Die Frauen laben sich an Mohnkuchen und Latte Macchiato. Die Männer würgen trostlose Käserkrainer Würstchen hinunter. Ein greiser Philosoph, dem sein schwarzer Anzug mit den Jahren zu groß geworden und aus der Form geraten ist, irrt mit wirrem Haar und aufgelöster Schleife durchs Lokal. Schon zweimal hat er seine Begleiterin verloren, da könnte auch Absicht dahinterstecken.

Schöne Aussicht – Hellersdorfer Fenster

Am Ende kommen die Männer nicht umhin zuzugestehen, dass auf der IGA Außergewöhnliches geboten wird. Dann finden die Frauen noch einen Gartenarchitekten und Landschaftsgestalter. Das Fachgespräch kann beginnen. Aufhören wird es so bald nicht.

Der im Regen blieb

Happy Rain
© Kopka

Der angesagte Regen kam am Freitagabend gegen sechs. Wir saßen im Biergarten von Schlögl in der Liebknecht-Straße (wenn sie denn noch Liebknecht-Straße heißt), der Himmel verfinsterte sich, die ersten Tropfen fielen, wir gingen rein. Verheugen musste auf die Pfeife verzichten.

Das macht dir nichts aus, sagte ich, du bist ein starker Charakter.

Es regnet nicht wirklich, sagte er, wollen wir wieder rausgehen?

Wir bleiben jetzt hier.

Ich rauche sowieso zu viel.

Es war von innen schwer zu erkennen, ob es nennenswert regnete. Aber alle Gäste hatten sich ins Innere des Restaurants verzogen, nur ein Mann saß unerschütterlich in der Mitte des Biergartens im karierten Hemd und wich nicht. Verheugen hatte begonnen, von Enttäuschungen zu sprechen. Er war begeistert beim ersten Besuch der Pizzeria al dente, er war begeistert vom Qadmos, um beim zweiten Mal zu beklagen, dass von dieser Begeisterung nichts übriggeblieben war. Das hatte auch mit der Euphorie des Primärerlebnisses zu tun, mit den Finessen der Speisen oder ihrer Exotik oder eben auch mit der charmanten Kellnerin, zu der Verheugen sofort einen Draht fand und sie zu ihm. Deshalb müssen diese Orte nicht unbedingt schlechter geworden sein. Man sollte vorsichtig umgehen, mit seiner Euphorie wie auch mit seinen Enttäuschungen.

Inzwischen hatte es wirklich angefangen zu schütten, es sah aus wie Weltuntergang, aber der Mann im karierten Hemd draußen rückte nur ein Stück in die Mitte des Schirms und wich nicht. Er aß den Berliner Teller für 1 Person mit 1 kleinen Schnitzel, 1 Boulette und einer Currywurst, dazu Bratkartoffeln und gemischter Salat mit Dressing und war keineswegs bereit, sich dabei stören zu lassen. Im Gegenteil: Er genoss die Leere um ihn herum. Als er den Gastraum betrat, um die Rechnung zu erbitten, hatte das Hemd am Rücken ein paar nasse Flecken, und auch die Haare waren nass, aber der Mann hatte dem Unwetter standgehalten. Er ging davon, ohne sich vor dem Publikum zu verneigen. Helden sind so.

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Liebe Nachbarn, böse Nachbarn

Sensationen in der Nachbarschaft

Im Supermarkt stehen Frauen in Zweiergruppen und reden vom großen Regen. Es strömte von allen Seiten in den Keller, wir waren alle unten und haben geschöpft und geschöpft, bis in die Nacht, die Feuchtigkeit ist sogar in einige Wohnungen gedrungen.

Im Deutschlandfunk Kultur, wie sie sich jetzt nennen, reden sie über das Thema Nachbarschaft. Wir wohnen in einer kleinen Straße mit kleinen Häusern und respektierten Zäunen, sagt ein Hörer. Dann kam der große Sturm, der machte vor den Zäunen nicht halt, einige Bäume fielen um. Wir haben uns gegenseitig geholfen, seitdem haben wir eine gute Nachbarschaft.

Ganz anders bei der Frau, die des Nachts die Strahler störten, die die Nachbarn an ihrem Haus angebracht hatten. Nachdem sie das thematisierten, durfte ihre Katze nicht mehr den Garten des Nachbarn betreten. Sie hat es der Katze gesagt, aber die Katze macht, was sie will. Ja, sagt der Experte im Studio und kann sich ein Lachen nicht verkneifen, Katzen hören nicht. Er weiß auch nicht, wie man sich da einigen soll. Vielleicht die Strahler des Nachbarn akzeptieren.

In Deutschland verzweifeln viele Leute an ihren Nachbarn. Ich bin selbst versucht, zum Hörer zu greifen. Überall spielen sich diese Dramen ab, aber bei mir ist alles bestens. Ich habe Gründe, mit meinem Nachbarn nicht mehr zu reden, ja, ich grüße ihn nicht mal mehr. Daraus folgt, dass wir uns blendend verstehen. Es gibt niemals Streit. Mehr Harmonie geht nicht. Man muss nur zu schweigen verstehen.

Es geht auch anders. Meine Nachbarin zur Linken hat ein Paket für mich in Empfang genommen. Ich hole es ab und kriege jede Menge Infos über den Hund des Hauses. Ungefragt natürlich. Der Hund hatte es im Rücken, weil er immer die Garageneinfahrt runtersprang. Deshalb wurde die mit einem Drahtzaun abgesperrt. Und die Treppe zum Eingang, nun, da wurde eine Rutsche angebaut, weil dem Hund wegen des Rückens das Treppenhinabundhinaufsteigen schwer fällt. Bauen Sie ruhig das ganze Haus um für den Hund. Erst der Hund, dann der Mensch, sage ich. Na ja. Mit dieser Interpretation ist die tüchtige Nachbarin auch nicht ganz einverstanden. Im übrigen hat sie Mühe, das Paket für mich herauszufinden. Sie hat mehrere Sendungen in Verwahrung genommen, womöglich für die ganze Straße. Da böte es sich doch an, eine Filiale der Deutschen Post in ihrem Haus einzurichten. Das wäre ein echtes Geschäftsmodell. Brächte Geld und Anerkennung.

 

News aus dem Zehngeschosser

Ich will keinen Balkon neben meinem. Dann lieber keinen

Wie sagte ich? Ich wohne im zehnten Stock. Balkons gibt es nur bis zum neunten Stock und auch der Fahrstuhl fährt nur bis zum neunten. Den Rest oder den Anfang geht man zu Fuß. Die Wohnungsgesellschaft scheint das gelesen zu haben. Der Fahrstuhl soll jetzt bis zum zehnten Stock hinaufgeführt werden. Ja, toll. Das heißt nämlich auch, dass er wegen der Umbauarbeiten für drei Monate ausfallen wird. Für diese Zeit bekommen wir eine Mietminderung. Okay. Das Geld nehme ich. Aber ich möchte nicht zählen, wie viele fuß-, herz- und asthmakranke Herrschaften in diesem Haus wohnen, von mir selbst mal abgesehen. Ich nenne nur den kleinen Herr Schulz aus dem sechsten Stock, der mir ans Herz gewachsen ist und dessen Frau ab und zu aus dem Bett fällt und die dann allein und auch nicht mit seiner Hilfe wieder aufs Bett hinauf kommt. Ja, solche Schicksale. Herr Schulz oder Hans, wie ich ihn nennen darf, ist ein wahres Stehaufmännchen. Ich habe ihn beobachtet, wie er versuchte, über die Allee hinüberzukommen zur Apotheke. Ich habe Blut und Wasser geschwitzt, weil es ewig dauerte, und er war noch auf der Straße, als ein weiterer Pulk Autos heranraste. Inzwischen hat Hans sich wieder aufgerappelt. Mensch, Eugen, sagt er zu mir, du bist so ein toller Mann, warum lebst du allein? Du kannst doch haben … an jedem Finger eine! Ach, Hans, sage ich, wie soll ich mich denn als alter Mann noch an eine alte Frau gewöhnen. Aha, sagt der kleine Herr Schulz, du wartest auf ’ne junge, cleverer Bursche.

Ich bin nicht seiner Meinung, aber es schmeichelt mir. Von anderer Seite höre ich, dass ich fordern soll, dass wir jetzt auch einen Balkon bekommen wie die Etagen unter uns, wenn sie jetzt schon den Fahrstuhl bis zu uns hinaufführen. Das würde meine Lebensqualität verbessern. Ich denke an laue Sommerabende, ich sitze auf dem Balkon, trinke ein Bier, rauche meine Pfeife und schaue hinunter auf die Allee. Was sich dort tut. Bin allein, aber auch nicht allein. Spiele eine CD und denke entspannt über das Leben nach. Habe ich wirklich alles falsch gemacht? Kann ja nicht sein. Aber die Nebenwohnung hätte dann a auch einen Balkon. Der wäre direkt neben meinem – und diese Nähe: Ich will das nicht!

Döblin

Vor sechzig Jahren starb Alfred Döblin in Emmendingen bei Freiburg. Er war 78 Jahre alt und hatte nach seiner Rückkehr aus dem Exil keine guten Jahre mehr in Deutschland gehabt. Er fühlte sich vergessen und wenn nicht, dann auf seinen Roman „Berlin Alexanderplatz” reduziert. „Sie hatten mich auf eine Formel gebracht: Schriftsteller des Milieus, der Unterwelt, der Berliner Unterwelt, so dass, als ich in Berlin sprach, mich wieder diese Formel empfing.”

Döblin und Berlin. Er arbeitete als Armenarzt und schrieb; er schaffte ein gewaltiges Pensum. 1933 musste er die Stadt verlassen, 1947, nach dem Exil in Frankreich und den USA, nach Krieg und in der Nachkriegszeit, sah er sie wieder. Man kann nicht sagen, dass er erschüttert war. „Ich wusste schon alles. Es ist keine große Phantasie nötig, nachdem man ein Dutzend zertrümmerter Städte gesehen hat, sich auch diese vorzustellen. Verstümmelung ist Verstümmelung, also auch hier die traurigen Reihen der Häuserskelette, die leeren Fassaden, die Schutthaufen, alles, was die Kriegsfurie und der Brand übriggelassen hatten. ” Als Kind, 1888, war Döblin nach Berlin gekommen, das schon Großstadt war, aber die „eigentliche riesenhafte Entwicklung” noch vor sich hatte. Die Orte, wo er seine besten Zeiten erlebte, sind noch zu erkennen, aber zum Schweigen gebracht. Döblin versucht sich zu erklären, was falsch gelaufen war in Berlin und in Deutschland. Er erwähnt den fürchterlichen deutschen Provinzialismus, den geistigen Rückstand – man konnte sich nicht zur Großstadt, zur Demokratie, ja, nicht einmal zur Gegenwart bekennen. Alle Deutungen helfen ja nichts. Man fällt der Resignation anheim und bleibt, jedenfalls Döblin, angriffslustig und kämpferisch. „Und wieder sehe ich: Ein Mensch hat es leichter als eine Stadt, sich zu ändern. Ein Mensch kann sich wandeln. Eine Stadt stürzt ein.” Ein Kunststück so eine Bemerkung, die sowohl zu zuversichtlich als auch zu pessimistisch ist.

Zitate aus Alfred Döblin: Autobiographische Schriften und letze Aufzeichnungen, Walter-Verlag AG Olten 1980