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Archive for the ‘Berlin’ Category

Wie ich einmal ein Gefährder war

Wat los in Karlshorst
© Fritz-Jochen Kopka

Bei uns in Karlshorst haben sie die „Theatergasse für alle” eröffnet. Verheugen versteht Theaterkasse für alle. Theaterkassen gibt’s genug, sagt er, abgesehen davon, dass ich keine Theaterkarten brauche.

Also noch mal richtig. Es gibt hier das Gebäude des ehemaligen Theaters, zeitweilig auch Russen-Oper genannt, daneben eine schmale Straße mit einem Laubengang und hinter der Mauer ein weiteres Gebäude, das war früher das Magazin des Theaters, ist jetzt eine Autowerkstatt, die gehört einem Mann namens Merten Mordhorst (nicht Karlshorst) und dieser Laubengang und der Bürgersteig gehören ihm gleich auch. Der Laubengang war recht verwahrlost und vermüllt, das Grünflächenamt ließ noch ein paar verwitterte Akazien rausreißen – für Mordhorst der Grund, noch mal aktiv zu werden, zu verhandeln, den Laubengang neu zu gestalten und zu Spenden aufzurufen. Das alles hat geklappt. Es wurde kalkuliert, geplant, Unternehmer und Bürger spendeten, eine regelrechte Beteiligungsatmosphäre entstand. Jetzt ist alles fertig. Neue Bodenplatten verlegt, Gewächse gepflanzt, Bänke aufgestellt, die Wand mit Gemälden aus der Geschichte Karlshorsts gestaltet. Die kulturelle Klasse des Ortsteils erscheint, der Innensenator erscheint (der sowieso in Karlshorst wohnt), die Bundestagsabgeordnete Lötzsch (die in Karlshorst zur Schule gegangen ist), der Bezirksbürgermeister, der Vorsitzende des Bürgervereins. Alle halten gerührte, aber kurze Reden, jeder erhält ein Glas Weißwein.

Alles unter Kontrolle

Ein überaus kräftiger Mann im supertollen schwarzen Anzug tritt mir fast auf die Füße und nimmt mir die Sicht sowie die Möglichkeit, nach links, rechts oder vorn zu gehen. Ich will schon frech werden, da fällt mir ein, dass das sicher ein Bodyguard ist. Was findet dieser Profi ausgerechnet an mir so gefährlich? Es dauert eine Weile, bis es mir dämmert. Ich trage ein T-Shirt aus Marokko, darauf das Profil eines Mannes mit Kufiya auf dem Kopf und ein paar arabische Schriftzeichen. Alles klar, aber ich kann mich ja jetzt hier nicht ausziehen.

Als das Fest zur Eröffnung am schönsten werden soll, kommt ein Sturm auf und stört.

So schön war, ist und wird Karlshorst

Was haben wir nun erreicht mit der Theatergasse für alle. Man kann sich hier hinsetzen, man kann die Bilder aus der Geschichte Karlshorsts betrachten, vielleicht kann man hier das eine oder andere kleine Fest feiern, wenn sich ein Veranstalter findet. So sieht ein Ereignis in Berlin Karlshorst aus, stimmungsvoll, ein bisschen absurd, genauso lieben wir es hier.

Leben mit Hyperaktiven

Sonnabendmorgen beim Bäcker. Ein leidgeprüfter junger Vater mit zwei hyperaktiven Töchtern. Vor der Tür belästigen sie schon mal die kleinen angeleinten Möpse. Im Laden erklettern sie den Tresen, drängen die Kunden beiseite, und mir treten sie auf den Fuß. Wir sind nicht allein hier, mahnt der Vater schüchtern. Ich will den Donut, den Donut, Papa, schreit die eine. Ja, aber wir sind noch nicht dran, erläutert der Vater. Aber nachher sind die Donuts weg, schreit das Mädchen. Dann bin dran. Ich möchte erst mal alle Donuts, die Sie noch haben, sage ich. Die Mädchen erstarren vor Entsetzen. Der Vater lacht befreit auf. Der Laden amüsiert sich. Auch so kann eine gute Tat aussehen.

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Unlust auf Anderes

Berlin Warschauer Straße, unterer Bereich
© Fritz-Jochen Kopka

Ich habe eine Gutschein gestützte Tour durch sieben Berliner Buchhandlungen vor mir, und bei Shakespeare & Sons fange ich an. Warum bei Shakespeare & Sons? Weil das in der Warschauer Straße ist und die Warschauer Straße ist mir eben aufgefallen. Die Straße ist alles andere als hübsch. Vielmehr laut, dreckig, schroff. Und in der Nacht ist sie am S-Bahnhof Partymeile, wo die berüchtigten Antänzer auftreten und dich berauben. Hörensagen. Wenn du abends um zehn in der vollen S-Bahn sitzt, am S-Bahnhof Warschauer Straße steigen alle jungen Leute, vor allem junge Touristen, aus und erwarten was ganz Tolles von der Nacht. Aber das Erwartete kommt nicht. Kommt nie. Döblins Berlin Alexanderplatz ist jetzt hier, habe ich gesagt. Nicht der beste Ort, um etwas Neues anzufangen, und doch gibt es viele Läden, Restaurants, Bistros, mehr oder weniger wilde, bunte Versuche, mehr zu schaffen als den Start, und als ich das letzte Mal hier war, saß ich im New Arirang, einem koreanischen Imbiss, und hatte das Gefühl, ich sei in New York.

Der Fahrradhelden vom Frankfurter Tor

Ich steh am Frankfurter Tor und warte auf Verheugen, der beim Start der Tour dabei sein will. Am Rand des Platzes sitzen einige junge Fahrradkünstler, von denen ab und zu einer in die Pedale tritt, die Treppe des Turms in kurzen Sprüngen überwindet, abbiegt und mit einem einzigen Sprung hinunterstürzt, wobei er mitten im Flug vom Rad abspringt.

Verheugen ist mürrisch, weil er für das Stück vom Alex zum Frankfurter Tor zehn Minuten länger brauchte als angenommen. Sind das schon die nachlassenden Kräfte des Alters? Die Fahrradhelden interessieren ihn nicht, sowas sieht man in Berlin an jeder Ecke. Wir biegen in die Warschauer ein. Vollgestopft mit Straßenbahnen, PKW, schrägen Läden, Graffiti, alles schreit nach Aufmerksamkeit. Aufbruch, Durchhalten und Untergang. Hier hast du deinen Roman, sage ich, Berlin Warschauer Straße. Verheugens Mundwinkel haben Merkel-Format: So sieht’s doch überall aus.

Freche Gemeinschafts-Bettler in Feierlaune, melancholisch-schläfrige Solobettler. Sprachengewirr. Anmache und Verfall. Studenten, Groß- und Kleinfamilien. Händler, die vor ihren Läden stehen, um Kunden anzulocken. Bei New Arirang sind die Jalousien unten. Geschlossen. Das Poster mit dem Speisenangebot. Alles auf koreanisch, sagt Verheugen höhnisch. Eine Welt, die ihm immer fremder wird, wenn auch unter den koreanischen Zeilen die deutschen Übersetzungen stehen. Wir suchen das nächste Asia Restaurant auf. Der Laden ist leer, für Verheugen ein schlechtes Zeichen. Nicht mal die charmante Kellnerin hellt seine Stimmung auf. Er nippt nur mal so am Saigon Bier, stochert in seinem Chicken-Salat, um in Abständen zu sagen: Die Sauce ist komisch. Als könnte er von ihrem Genuss jeden Moment tot umfallen.

Shakespeare & Sons, Books & Bagels

Wo ist denn nun diese verdammte Buchhandlung! Sie ist genau da, wo sie unter anderem Namen schon zu DDR-Zeiten war. Ein langer Schlauch, rechterhand die Regale, links die Fensterfront. Viel verschenkter Platz für einen Buchladen. Und jetzt gibt’s neben Büchern eben auch Bagels, Tee- und Kaffee-Spezialitäten. An der Fensterseite Tische, an denen hacken sie in ihren Laptops, junge Typen in T-Shirts, Kniejeans und Basecaps. Das sind ja nur englische Bücher!, sagt Verheugen. Er ist schon immer ein großer Leser gewesen, hat mit elf Jahren Dostojewski, Thomas Mann und Tolstoi gelesen, aber dass er in einem Bücherparadies steht, das ihn ausschließt, da er kein englisch kann, das machte ihn echt cholerisch. Er ist wie der Verdurstende vor einem Krug Wasser, den er nicht zu öffnen vermag. Er will hier raus, sofort, und drängt mich zur Eile. Ich wähle James Joyce „Finnegans Wake”. Macht Sinn, ein unübersetzbares Werk zu kaufen. Mal sehen, was man als deutscher Leser damit anfangen kann. Willst du das mit’m Wörterbuch lesen?, fragt Verheugen höhnisch. Ich sage nichts. Der Tag ist nicht mehr zu retten.

Ein komischer Mensch sein

Art and Nature
© Fritz-Jochen Kopka

In der S-Bahn waren nicht alle mit ihren Smartphones beschäftigt. Aber fast alle. Ein langer Typ mit Kappe und dichtem Bart versuchte, seine Begleiterin mit seinen Erzählungen zu beeindrucken, der ganze Wagen hatte was davon. Ich weiß gar nicht, was schlimmer ist. Die an den Smartphones oder die Performer. Markt auf dem Hackeschen Markt. Ein träger junger Bettler. Da wird schon was reinfallen, in seinen Plastikbecher, irgendwie, irgendwann und dann. Die Sparkassenfiliale ist geschlossen. Die Koreanerinnen haben keinen Reis mehr. Der Wurstverkäufer kann sein Englisch anbringen und ist bestens gelaunt. Die Gesichter hinter den Scheiben von Café Cinema. Die Fotos der Gäste, wahrscheinlich doch von Arvid Lagenpusch, wem der Name noch was sagt. Der lange Gang zum Kino. Viele junge Touristen, die die Street Art fotografieren. Ein paar liegengelassene Laufschuhe. Der Eisverkäufer hat keinen, der ihm ein Eis abkauft. Vor dem Asia Imbiss stauen sich die Asiatinnen und haben keine Lust, Platz zu machen für die Passanten. Ist das so bei euch? Die Gäste des Alten Europa unter schattigen Bäumen studieren minder begeistert die Speisekarte. Zwischen Liegewiese und Kinderspielplatz recken Bäume ihre radikal zurückgeschnittenen Äste in den wolkenlosen Himmel. Es brechen schon wieder neue Zweige aus. Der Königspudel der Friseurin soll nicht hinter fremden Hunden herrennen. Ein Ziehharmonika-Zaunteil hindert ihn weniger als seine Müdigkeit. Deborah hat die königliche Hochzeit in der British Embassy miterlebt. Harry und Meghan, sie lieben sich wirklich, das sieht man ja. Schön, dass sich das Könighaus für diese schöne Fremde, Schauspielerin, geschieden, geöffnet hat. Weniger schön, dass jetzt viele Britinnen sagen: Ich bin stolz, dass ich Britin bin. Was hat das eine mit dem anderen zu tun. Und seit dem Brexit ist alles anders. Im Ausland, sagt die Friseurin, ist es viel leichter, ein komischer Mensch zu sein als zu Hause. Den Rest des Tages verbringe ich im Biergarten vom Haus Berlin, Strausberger Platz. Verheugen hat seine Pfeife mitgebracht, eine ziemlich kleine, und eine ziemlich kleine Tabaksdose. Sieht bisschen schwul aus, sage ich. Unverschämtheit! Wieso, das ist doch nicht mehr abfällig zu verstehen. Das Schwule ist doch anerkannt. Er zögert, die Pfeife zu stopfen bei dem Wind. Der Wind kann schädlich für die brennende Pfeife sein. Ach was, sage ich, ich stopf dir die Pfeife mal richtig. Verheugen hasst es, wenn ich so tue, als verstünde ich mehr vom Pfeife rauchen als er, der er sein Leben lang Pfeife raucht (zur Zeit die Berliner Mischung) und sich schon die Zähne damit ruiniert hat. Man kann auch zu Hause ein komischer Mensch sein.

Was sagt uns das jetzt?

Immer mal schön, in Berlin zu sein

Das wird schon wieder

Einzelkämpfer und Gruppe. Und wo sind die Girls?

Irving Penn im Amerika-Haus

An einer schroffen Stelle der Stadt

Wer Gäste hat, geht die Stadt, in der er lebt und die er nur oberflächlich wahrnimmt, etwas aktiver an und lernt andere Seiten kennen. Oder sieht, was aus alten Seiten inzwischen geworden ist. Am Bahnhof Zoo gibt es noch den schier unveränderlichen Verbrauchermarkt Ullrich, ganz im Gegensatz zur Heinrich-Heine-Buchhandlung, die längst mit ihrem Inhaber untergegangen ist. Draußen vor der Tür ein ausgedehntes Tag- und Nachtlager der auf der Straße Lebenden. Sie gehen an die markanten Orte und zeigen: Das ist unsere Stadt. Uns wird es immer geben und dieses Terrain, das wir durch Matratzen, Decken und Behälter als das unsere markiert haben und vor dem die Passanten die Blicke abwenden.

Nur ein paar Schritte sind es bis zum guten alten Amerika-Haus mit seinen hellen Blaufarben. Auch dieses Haus stand auf der Kippe, als ein Amerika-Haus nicht mehr gebraucht wurde, bis die C/O-Galerie aus Mitte vertrieben wurde und hier ein neues Zuhause fand. Das Foyer, rechts das Café, links der Museums-Shop, in der Mitte der Tresen, Eintritt 10 €. Es geht um Irving Penn, den Jahrhundert-Fotograf.

Wer war Irving Penn? Noch wissen wir nicht viel. Und auch, nachdem wir uns mit ihm befasst haben, wissen wir nicht viel mehr. Geboren 1917 in New Jersey. Sohn eines jüdischen Uhrmachers. Älterer Bruder des Regisseurs Arthur Penn. Ausbildung als Designer. Der Job bei der Vogue. Die Reisen. Die erste Frau. Die zweite Frau, ein Mannequin. Er konnte sehr harmlos aussehen.

Aber was zählt, sind die Fotos. Wenn man versucht zu beschreiben, worin ihre Wirkung besteht, redet man ins Leere. Er arbeitete mit einer Rolleiflex 3.5, eine zweiäugige Spiegelreflexkamera, er sagte: Ich hatte immer große Ehrfurcht vor der Kamera. Ich erkannte sie als das an, was sie ist: halb Stradivari, halb Skalpell.

Hinter diesen Fenstern werden natürlich lauter Individualisten leben

Die Modefotos. Die Stillleben. Die Akte. Frauenleiber wie in Stein gehauen. Die Gruppenbilder. Die Porträts. 1946 etwa Porträts von Tänzern und Prominenten. Er stellte die Leute vor spitzwinkelige Stellwände. Er setzte sie auf mit Teppichen bedeckte Kisten. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus, dass man diese unvergleichlichen Porträts von Truman Capote, T. S. Eliot, Marlene Dietrich, Wystan Hugh Auden, Salvatore Dali, Tom Wolfe, Joan Didion, Ingmar Bergmann, George Grosz, Joan Miro noch nie gesehen hat. Eine Serie Handwerker-Bilder, abgearbeitete, stolze, heitere Männer. In den siebziger Jahren sammelte Penn auf der Straße weggeworfene Gegenstände auf, machte Stillleben von Zigarettenkippen, wollte hinter Geheimnisse kommen, wurde nicht verstanden. Die Ausstellung sagt das Nötige, kein Wort zuviel.

Während wir im offenen Restaurant Kaffee trinken, Holzofenbrote essen und nach Worten für die Bilder suchen, sind draußen Sozialdienste und Polizei angerückt. Das Lager wird geräumt, mit Handschuhen und Plastiksäcken; das geht ohne Aufregung vor sich; nur an der Ecke steht einer und pinkelt als Protestnote den Bahnhof an.

Das Zoo-Viertel, Mitte des alten West-Berlin, ringt um Aufwertung. Wolkenkratzer und Abfall, kein Ende der Bauerei abzusehen, unklare Straßenverläufe, ein Highlight wie das Bikini-Haus mit Blick auf das Freigehege des Zoos. Wie auch immer es werden wird, ungemütlich wird’s auf jeden Fall. Mit Absicht.

Menschen in der Großstadt (2)

Achtung, Achtung, neuer Sender: Egon fällt vom Treppengeländer
© Fritz-Jochen Kopka

Hieß er Karl? Der Junge in Sven Regeners erstem Herr-Lehmann-Buch, der aus der Provinz nach Berlin, dem alten West-Berlin, zog und irgendwann durchdrehte, einfach verrückt war? Das ging mir nie aus dem Kopf. Die jungen Landeier, die große Träume mit der Metropole verbanden, unendlich viele Möglichkeiten entdeckten, aus denen letztlich nie etwas wurde, viele Freunde fanden, die in entscheidenden Momenten nicht da waren, wenn man sie am meisten gebraucht hätte. When I needed you most.

Wenn die Frauen älter werden, kontrollieren sie gerne die Müllcontainer nach dem Prinzip, was werfen die hier weg, was ist noch zu gebrauchen, was gehört hier nicht rein, wie trennen die überhaupt den Müll, diese Kulturbarbaren.

Der Kleingärtner tritt aus der Laube und ruft in die Welt hinaus: Bombe entschärft! Hört sich so an, als hätte er es selbst gemacht. Zum mindesten lag die Logistik in seinen Händen.

In der S-Bahn sitzt auf der Bank neben uns ein wohl noch junger Mann mit nicht unverdächtigem Image. Ein sonniger Sonntag in der Großstadt im April. Wärmer, als man erwartete. Der Mann neben uns springt auf und reißt sich das Hemd vom Leibe. Wilde Blicke wirft er dabei in den Wagen. Hat etwa jemand was dazu zu melden? Irgendwelche Proteste? Jetzt sitzt er da in einem mausgrauen Turnhemd, aber es reicht ihm noch nicht. Jetzt reißt er sich mit ebenso wilden Blicken den Schuh vom Fuß. Reicht immer noch nicht. Er stürzt sich auf das Fenster in unserem Abteil und reißt es auf. Eine Ladung Aggressivität ist in seinen auf mich gerichteten Augen. Alles gut, sage ich. Er geht zurück auf seine Bank, wirft sich hin und her. Müssen wir umsteigen, fragt meine Schwester. Ich schüttele den Kopf, aber Ostkreuz erhebe ich mich doch und sage komm. Wir steigen aus und gehen in den nächsten Wagen. Das wurde mir doch zu bunt. Er ist auch ausgestiegen, sagt meine Schwester. Aber der Gestank ist nicht ausgestiegen, sage ich. Oh ja, das war infernalisch. Keine weiteren Zwischenfälle in S- und U-Bahn. Am Bahnhof Pankow warten wir auf den Bus, aber der kommt nicht. Vielmehr kommt eine Frau, die sich als routinierte Schwätzerin entpuppt. In ihrem Schlepptau ein lächelnder Mann. Der Frau redet unentwegt, der Mann lächelt unentwegt, Hände in den Hosentaschen, und sagt kein einziges Wort. Der scheint clever zu sein. Man weiß nicht, ob er überhaupt zuhört. Sein indifferentes Lächeln kann alles bedeuten. Wahrscheinlich ist die Frau Lehrerin, vielleicht sogar Direktorin.

Sonntag beim Bäcker. Ich kann leider nur mit einem Hundert-Euro-Schein zahlen, sage ich. Den darf ich ja gar nicht nehmen, sagt die Bäckersfrau. Na dann, sage ich und geb ihr zehn Euro. Ick lass mir heut sowieso nicht ärgern. Es kostet dann 5,56 €. Ob ich sechs Cent habe. Zählen Sie mal mit, sage ich. Sind schon sieben, sagt sie. Sehen Sie, so bin ich zu Ihnen und wie sind Sie zu mir?, sage ich. Ich freu mir, wenn ick mal Zeit habe, sagt sie. Vorbildlich akausal, diese Antwort.

Als wir aus dem Kino kommen, ist halb Friedrichshagen betrunken, jedenfalls soweit es sich in Bahnhofsnähe befindet. Auf dem Bahnsteig steht ein älterer fülliger Herr in Safari-Kleidung und trompetet ins Telefon. Er redet endlos, sagt aber dabei immer nur, dass er schon Bier besorgt hat. Man kann in der Großstadt nicht alleine sein.

Retter der Tiere

Eine Sekunde vor der Freiheit. Die Umrisse des Gesichts des Retters. Die Hornisse, die sich plötzlich ziemlich klein macht.
© ADe

Das Geräusch erfüllte das Dachzimmer. Ein Brummen wie von einem kaputten Radio. Am oberen Fenster versuchte – es konnte nur eine Hornisse sein – die Hornisse hinaufzuklettern. Tiere mögen alles Mögliche begreifen, aber was Glas ist, das geht über ihren Verstand. Sie rutschte ab und kletterte wieder nach ob, aber wozu? Oben war das Glas nicht weniger undurchdringlich als unten. Auch mit einem Hornissenhirn muss man das doch irgendwann einsehen. Sie hätte sich nur an eines der unteren Fenster begeben müssen, dann hätte ich aufgemacht und der Kampf um die Freiheit wäre gewonnen gewesen, wenn auch nicht aus eigener Kraft. Kommt es denn darauf an, wenn es um die Freiheit geht? Mit der Fliegenklatsche hätte ich die Hornisse erreichen können, aber so ein erhebliches Tier erschlägt man nicht. Man will eine Hornisse auch nicht in Wut bringen, man hat Respekt vor ihrer Gefährlichkeit. Am zweiten Tag – die Hornisse wirkte schon sehr entkräftet – schleppte ich eine Leiter nach oben und stieg nicht ohne Beklemmung hinauf. Nun war die Hornisse intelligent genug, aus dem offenen Fenster hinauszufliegen.

Wir haben hier schon viele Tiere gerettet. Frösche und Kröten, die sich in der Regentonne abstrampelten, Igel, die sich in den angekippten Kellerfenstern eingeklemmt hatten, einen Buntspecht, der wie tot im Blumenbeet lag. Man macht das, ja, aus Menschlichkeit kann man nicht sagen, macht man es aus Animalität? Kreatürlichkeit? Man will dafür auch keine Auszeichnung haben.

Ich habe nachgelesen. Die Gefährlichkeit von Hornissen wird überschätzt. Man braucht schon ungefähr 300 Hornissenstiche, um zu sterben, nicht drei, wie oft behauptet wird.

 

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