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Archive for the ‘Berlin’ Category

Industrie im Untergang

Vor der Führung. Industriesalon Schöneweide
© FJK, ADe

Den Tag des offenen Denkmals verbrachten wir in Schöneweide, das ja ein offenes Industriedenkmal ist und noch ein großer Industriestandort sein könnte, wenn nicht die Wende und die Treuhand gewesen wären, aber das nur nebenbei. Wir trafen uns im Industriesalon, vor dem eine riesige Kabeltrommel steht, die auf Knopfdruck zu quasseln anfängt. Das war schon mal was. Im Salon selbst fand sich eine Unmenge technischer Gegenstände, dieses ganz verdammte Zeug, von dem unsereins nichts versteht, aber sie versuchen hier, irgendwie einen spielerischen Umgang mit diesen Dingen hinzukriegen.

Kabeltrommeln erzählen Geschichten

Unsere Führerin war eine energische Frau mit rotbraunen Haaren. Sie fing gerade an mit Emil Rathenau und AEG, als von nebenan eine Tuba fröhlich dazwischenfurzte. Oh, das will ich jetzt nicht haben, sagte sie, eilte rüber in den anderen Raum. Die sehen nicht so aus, als wären sie kooperativ, sagte sie, aber die Tuba verstummte tatsächlich.

In den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts fand Emil Rathenau in Schöneweide die ausgedehnten, preiswerten Flächen, die er für seine Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft brauchte. Es war der große Aufbruch der Industrie. Riesige Hallen wurde gebaut, und die Industriekapitäne waren selbstbewusst genug, um sich vom miesen Image der Werke zu verabschieden, von Unordnung, Dreck, Lärm und Finsternis. Ein Architekt wie Peter Behrens, der sich zunächst als Künstler sah, war der richtige Mann für Rathenau. Wir haben den Industriesalon verlassen und schauen uns die Hinterlassenschaft von Behrens und seinen Architekten-, Ingenieurs- und Statiker-Kollegen an. Der gelbe Klinker bestimmte das Bild der Schöneweider Industriearchitektur. Es ging um Helligkeit, Ästhetik und Licht. Klare Formen. Große Fensterfronten, Oberlicht. Solche Bedingungen fördern die Arbeitsfreude.

Was uns Amerika über Schöneweide zu erzählen hat

Am Anfang war Schöneweide noch ein Dorf mit ein paar hundert Einwohnern gewesen. Binnen kurzem arbeiteten und wohnten hier Tausende. Die Industriebauten befanden sich auf der Spreeseite, auf der anderen Seite der Wilhelminenhofstraße die Wohngebäude und dahinter Natur. In dieser Ordnung blieb es nicht. Zwangsläufig, dass die Schöneweider Industrie bald nach den Gründerjahren in Größenordnungen Kriegsgüter herstellte. Der erste Weltkrieg war auch ein Kampf der Massenvernichtungsmittel. Das Janusgesicht des industriellen Fortschritts.

Wir haben längst gemerkt, dass unsere Führerin einen anderen Drive hat als Stadt- und Museumsführer sonst so. Hab ich’s nicht gesagt?, fragt sie. Ich bin Amerikanerin. Das okay am Ende eines Gedankens kommt bei ihr aufmunternd rüber, sie spricht moderne Prosa mit großen Sprüngen, Vor- und Rückgriffen, Wiederholungen zur Verfestigung des Mitgeteilten. Und sie pflegt die Interaktion. Ich weiß, wir haben hier einige Experten unter uns. Was fällt Ihnen an diesem Gebäude auf? Welcher Stilepoche würden Sie diese Halle zuordnen? Einen Extrabeifall erhält ein ehemaliger TRO-Arbeiter, der sich bescheiden am Rande hält. KWO und TRO waren die großen DDR-Kombinate auf diesem Gelände. Nach der Wende wurde das alles abgewickelt, nicht nur die DDR-Wirtschaft, sondern auch die große AEG-Tradition, Niles, Rathenau, Siemens, und Schöneweide war wirklich am Arsch. Alles wurde für einen Schleuderpreis verkauft an Leute, denen Verfall nichts ausmachte. Die heutigen Besitzverhältnisse sind unübersichtlich.

Der Kahn der fröhlichen Leute

Mit gemischten Gefühlen landen wir am Sonnendeck, Restaurant-Bar-Bootsanleger, direkt an der Spree, erfreuen uns an hausgebrautem Bier, Margheritas und Flammkuchen, während auf dem Wasser unentwegt Dampfer und Phantasieboote vorbeischwimmen, deren Passagiere allemal in Partylaune sind.

Hinter den Illusionen

Ich kann mich gar nicht beruhigen. Was ist das für ein überraschendes Buch. „Marzahn mon amour” von Katja Oskamp. Nur am Titel habe ich was auszusetzen. Der klingt ein bisschen geklaut und trifft den Text nicht wirklich. Geschenkt.

Eine Frau wird 45, der Mann ist krank, das Kind aus dem Haus. Das Nichts zwischen gestern und morgen. Die Frau ist Schriftstellerin, eine, die nicht jeder kennt, wie es so vielen geht. Ihre Agentin bringt ihre neue Novelle nirgendwo mehr unter. Und die Novelle vorher wahrscheinlich auch schon nicht. Sie will nicht so dahindämmern. Gibt sich einen Ruck. Es geht nach unten zum Kurs Fußpflege A in einer Schule für Heilberufe und Kosmetik. Da trifft sie auf „Frauen wie ich, nicht mehr jung, nicht mehr schlank”. Es gibt viel zu lernen für den Kopf und viel zu üben für die Hände. Der Mensch hat achtundzwanzig Fußknochen, der Aufbau des Nagels will gekannt sein, die Deformationen des Fußes, die Geräte für die Behandlung, pflanzliche Heilmittel. Gitta ist die Lehrerin. Es gibt eine theoretische und eine praktische Prüfung. Alle Frauen, nicht mehr jung, nicht mehr schlank, eine Russin dabei, eine Georgierin, bestehen und bekommen ein Zertifikat. Und Katja hat eine Stelle in einem Kosmetikstudio in Marzahn.

Da hat sie es zu tun mit Tiffy, der Inhaberin des Studios, einsachtundfünfzig groß, Kosmetik und Massagen. Tiffy hat Katja auch auf die Idee mit der Fußpflege gebracht. Die dritte Kraft im Raum ist Flocke. Flocke, die Nageldesignerin, davor Tresenkraft in Berliner Kneipen, bis sie das Stehen nicht mehr aushielt.

Der Weg nach Marzahn ist für Katja vierzehn Straßenbahnstationen weit und einundzwanzig Minuten lang. Und dann ist Gelegenheit, Vorurteile abzubauen. Marzahn ist keine Betonwüste, sondern voller Grünflächen. Breite Straßen, ausreichend Parkplätze, intakte Gehwege, abgesenkte Bordsteinkanten. Nur die Hellhörigkeit der Plattenbauten ist keine Legende, die trifft zu. Die Marzahner sind, anders als man erwartet, keine alten DDR-Bonzen, sondern Raumpflegerinnen, Möbelpacker, Sekretärinnen, Krankenschwestern, Maurer und verfügen über Berliner Schnauze. Berliner Dialekt in seinen Nervigkeiten, Marotten, Schlagfertigkeiten. Sonderbar und irgendwie ärgerlich, dass mir ausgerechnet die Ausnahme besonders im Gedächtnis haftet: Herr Pietsch, ein Lehrer, der die Funktionärslaufbahn einschlug. Wenn man ihm glauben darf, war Genosse Pietsch ziemlich weit oben in der DDR und ein großer Fremdgänger. An den geänderten Verhältnissen hat er jede Menge zu meckern im Thüringer Dialekt, er kam bei einer Versicherung unter, wurde früh verrentet und hat von seiner Selbstgefälligkeit nichts verloren, so dass er die Fußpflegerin fragt, ob sie Interesse an Sex mit ihm hätte. Was sie natürlich nicht hat, was er natürlich nicht versteht. Aber auch Pietschs Leben ist zum Zuhören interessant, und das der vielen anderen Kunden, die in der Regel echt witzig sind, erst recht. Alles keine Menschen zweiter Klasse (das könnte den Medien so passen, dass sie sich zweitklassig fühlen!). Es ist ein Schatz, der aus der Schriftstellerin, die eine Fußpflegerin wurde, wieder eine Schriftstellerin macht.

Was das Buch so großartig macht: Wir erhalten eine erträgliche, ja optimistische Antwort auf die Frage, was hinter den Illusionen passiert. Es geht um die Metaphysik des reduzierten Lebens. Man geht zurück an die Basis, man arbeitet mit den Händen, der Tag besteht aus nahen Kontakten und lauter Überschaubarkeiten. Geerdetes Leben, mit Humor und Chuzpe getragene Schicksale. Man tut, was man kann und was man gelernt hat. Und lernt immer noch ein bisschen dazu. Kann sich selbst ein Bild machen. Und wenn sie so arbeitet und lebt, bringt eine Autorin einen Text zustande, der an Bündigkeit und überraschenden Alltagseinsichten kaum zu übertreffen ist.

Katja Oskamp, Marzahn mon amour, Geschichten einer Fußpflegerin, Hanser Berlin, 16 €

 

Durch die Stadt

Besonders wissbegierig sehen diese Leute nicht aus. Kennt ihr denn das alles schon?!
© FJK

Auf dem Bahnsteig stadteinwärts liegt ein Scheißhaufen. Ich habe ihn zu spät gesehen. Nun stehe ich in seiner Nähe. Fliegen umkreisen ihn. Es ist wahrscheinlich ein menschlicher Scheißhaufen, nachts tut sich einiges auf den Bahnhöfen, wenn die Trinker sehen müssen, wo sie bleiben. Nicht genug, dass ich schon so früh das Haus verlassen musste, verdirbt dieser Haufen erst recht die Tageslaune. Früher sagte man, jedenfalls bei uns in Mecklenburg: Da hat jemand einen Wachposten hingesetzt, aber das war nur ein fruchtloser Versuch, der Sache etwas Lustiges abzugewinnen. Die Bahn ist natürlich voll. Menschen mit Fahrrädern und Hunden, vom Smartphone ganz zu schweigen. Ich gehe davon aus, dass Ostkreuz einige die Bahn verlassen werden und kriege nicht nur Recht, sondern auch einen Platz. Eine Oma, ihre schwangere Tochter, ein etwa vierzehnjähriger Sohn und ein vielleicht achtjähriger, der seiner Mutter auf die Nerven geht, weil er mit seinen Schuhen an ihre Schuhe kickt. Die Oma zeigt im luftigen Kleid, was sie noch zu bieten hat. In meinem Rücken röchelt ein alter Mann. Ein Kleinkind schreit durchdringend. Was mich rettet, ist Eduard von Keyserlings Roman Wellen. Seine kurländischen Aristokraten. Am Bahnhof Zoo muss ich in den Bus umsteigen, den ich hasse. Es sind ja immer Abenteuerfahrten, die meistens sogar gut ausgehen. Man kann sich nur wundern. Der Bus schlingert wie ein trunkenes Schiff. Die Leute wissen nicht, ob sie lieber stehen oder sitzen sollen. Was ist weniger gefährlich. Vom Bus aus sieht die Stadt ungeordnet und beliebig aus. Man kann sich eigentlich nicht vorstellen, dass das Gerät einen an den Zielort bringt, und dann geschieht es doch. Luisenplatz Schloss Charlottenburg. Ich meine, der Weg ist nicht mal besonders weit, er kommt einem nur endlos vor. So, als führe der Bus durch völlig fremde Gegenden auf einem anderen Planeten.

Wenn man aber dem Bus einmal entronnen ist, blickt man direkt auf den Schlosspark. Eine Touristengruppe wird am Fuße eines etwas mickrigen Denkmals des Alten Fritz instruiert, wie es mal war und wie alles so gekommen ist. Auch am Luisenplatz wird gebaut wie verrückt. Kämpferische Radfahrer kommen uns entgegen. Eine hochgewachsene hagere Frau schiebt ihr Fahrrad, sie scheint eine andere Frau zu verfolgen und zetert in voller Lautstärke. „Der kommt höchstens für Lach-Yoga in Frage. Jawoll. Das wollt ihr alle nicht hören. Ihr Arroganten!” Eine Touristengruppe kreuzt ihren Weg. Merkwürdiger Weise verstummt sie vor der unbekannten Übermacht.

Mein Gastgeber wohnt im dritten Stock. Ich bewundere ihn sofort wegen Ordnung in seinen Räumen. Wie schafft man das. Da muss man wohl ein gänzlich anderer Mensch sein (als ich) oder mal einen klaren Schnitt in seinem Leben machen. Alles, was wir nicht brauchen, entsorgen.

Auf dem Rückweg mutiert der Bus zur Touristenschleuder. Die Touris kommen aus Spanien und aller Herren Länder und heben die Stimmung. Am Bahnhof Zoo liegt ein Obdachloser vorm Eingang inmitten seiner verstreuten Habseligkeiten. Ein voluminöser Security-Mann tritt auf ihn zu und ruft mit aufmunternder Lehrerstimme: Nicht hinlegen! Nicht hinlegen! Das ist nicht zulässig.

Der Mann rappelt sich auf. Lange wird er sich so nicht halten können.

Ich komme nach Hause und fange an, ein bisschen aufzuräumen. Gute Beispiele verbessern die Sitten. Ich weiß aber, dass ich meistens Sachen wegwerfe, die ich ein paar Wochen später brauche.

In der Galerie

Gut ins Bild gesetzt, auch wenn man nur Zaungast der Gruppe ist
© FJK

Die Berlinische Galerie ist nicht leicht auffindbar, finde ich. Die öffentlichen Verkehrsmittel halten Abstand zu ihr. Ich habe eine Wegbeschreibung vom U-Bahnhof Moritzplatz bis zur Galerie, die war geradezu grotesk in ihrem Hang zur Genauigkeit, der nur Verwirrung stiften konnte. Aber gut, wir waren da, wir haben einen einfachen, aber langen Weg genommen und mit der Weisheit des Trinkers nach Kneipen Ausschau gehalten, die man nach dem Kunstgenuss aufsuchen könnte, denn wir hatten ein Geburtstagskind in unseren Reihen. Infrage kamen ein Italiener, ein Kroate und ein Chinese. Nach ein paar tausend Metern war das Viertel von Kunst infiltriert. Schilder wiesen auf die Galerien des gesamten Landes hin.

Es war Sonnabend und einer der letzten Tage der Lotte-Laserstein-Ausstellung. Lotte Laserstein wurde 1930 berühmt, nach 1933 mehr und mehr vergessen, 2018 mit einer großen Ausstellung im Städel in Frankfurt am Main wieder berühmt. Das Vergessen lag an der jüdischen Herkunft der 1898 in Ostpreußen geborenen Künstlerin, die nach Schweden emigrierte, von Sammlern und Kunstmarkt abgeschnitten wurde und in Schweden blieb bis zu ihrem Tod 1993.

Lasersteins Palette, auch ein Stück Kunst
© ADe

Verheugen, der eben noch die modernen Bauten am Wege verachtete, zeigte sich von der Innenarchitektur der Galerie beeindruckt, kühl, mutig, schräge Treppen, die den Raum definierten. Vor Lasersteins berühmtesten Bild, drängten sich die Enthusiasten: „Abend über Potsdam”, gemalt 1930. Drei Frauen, zwei Männer auf einem Balkon, die Stadt in ihrem Rücken. Die Falten des gestärkten Tischtuchs, auf dem Tisch noch ein paar Früchte, man hat sich vielleicht mit Vorfreude getroffen und gesehen, dass man sich keinen Mut machen kann. Was kommt – es wird nicht gut sein. Man gehört zusammen und wird sich nicht helfen können. Eine Stimmung, die wir heute besser verstehen als vor fünf oder sechs Jahren.

Diskrete Aufsicht

Lotte Laserstein malte die neue Frau. Schlanke, unsentimentale Gestalten mit Bubikopf-Frisuren. Tennisspielerinnen, Kunstkritikerinnen. Mädchen mit fiebrigen Wangen und meerblauen Augen. Eine Spanierin, ein Mongole, ein Motorradheld, ein russisches Mädchen mit Puderdose. Laternenkinder.

War es so, dass Laserstein ihr Optimum nicht mehr erreichen konnte, nachdem sie Deutschland verlassen musste? Wir sind der Frage nicht nachgegangen. Wir wollten es lieber nicht glauben.

Im Anschluss entscheiden wir uns für den Kroaten, ein Ecklokal mit Tischen und Stühlen vorm Haus. Schopska Salat, Zagreber Platte, Budweiser und hausgebrannter Grappa. Die Bilder Lotte Lasersteins folgen uns. Diese Art zu malen, ohne zu urteilen, zu kommentieren, zu karikieren, zu fordern, anzuklagen. So sieht man am nachhaltigsten.

Am Fluss

August 8, 2019 2 Kommentare

Platz für alle
© FJK, ADe

Glücklich ist die Stadt, die einen Fluss in ihrer Mitte hat. Das hab bei meinem einzigen Aufenthalt in Köln gesehen. Wir saßen am Ufer des Rheins und aßen Haxe. Die Haxe war gut, das Leben war gut, allen Leuten um uns herum schien es gut zu gehen.

Pizza, Radler, Bier

Wir saßen in Halle an der Saale und nahmen in Dresden am Elbhangfest teil. Aber das große Flusserlebnis war eben Köln. Dafür musste die Stadt an einer Fülle von überschwänglichen Liedern leiden. Wenn das Wasser im Rhein goldner Wein wär und sowas …

Zwischen Landung und Start

Berlin hat sich nicht viel aus der Spree gemacht. Jedenfalls Ost-Berlin. Man konnte mit Heiner Müller vom verkommenen Ufer sprechen. Aber das ändert sich. Zunächst in Mitte. Du kannst es sehen am Schiffbauerdamm. Die Kneipen haben Tische und Stühle ans Ufer gestellt. Die Kellner müssen über die Straße rennen mit ihren Speisen und Getränken, aber das tun sie ohne Murren. Wir sind ja hier nicht an der Jannowitzbrücke, wo sie behaupten, man könnte ihnen die Kasse klauen, während sie das Bier in den Biergarten tragen. Man muss es selber holen. Im Gastraum sitzen nur zwei trübe Gestalten, die viel zu phlegmatisch wären, um sich an einer Kasse zu schaffen zu machen.

Sie kommen sogar aus dem Tirol herbeigeeilt

Auch in Karlshorst können wir jetzt am Wasser unter alten Bäumen sitzen, Pizza essen und Flaschenbier aus München trinken. Der Ort ist zwischen dem alten DDR-Radio und der Spree. Überhaupt nicht schick. Das Pflaster eines alten Parkplatzes, eine holprige Wiese, eine niedrige Uferbefestigung, auf der man auch sitzen kann. Lange Tische und Bänke. Die Stimmung erinnert an die der Leute am Rhein-Ufer in Köln. Sie wird von der ruhigen Strömung des Flusses vorgegeben. Kein Ruf, kein Schrei. Moderate Gespräche. Der Rundfunk hat ausgesendet. Viele kleine Musikfirmen nutzen die alten Studios und Sendesäle. Ein paar Meter entfernt im Gebüsch ist eine Art Ufo gelandet. Die Bäume fangen die Sonne ab. Das Personal spricht italienisch und englisch. Die lange missachtete Spree hat eine glänzende Zukunft vor sich, auch wenn sie nur die Wassersprache spricht. Das reicht.

Köpfe aus Mull

Den Blick aushalten
© FJK

Köpfe treffen Köpfe. Das muss ja so kommen bei einer Porträtausstellung. „Kopf an Kopf” heißt die in der Coppi-Galerie in der Auguststraße. An einem sonnigen Donnerstagabend im kühlen Mai wird sie eröffnet und an solchen schönen Abenden erweitert sich die Galerie bis auf die Straße und den Kinderspielplatz. Drinnen spricht die Galeristin, untersetzt vom allgemeinen Kunstgemurmel, das in solchen Räumen von selbst entsteht.

Einfühlung und Reduktion

Arbeiten von 17 Künstlern sind ausgestellt, von Lebenden und Toten, von Frauen und Männern, von Alten und Jungen, Berühmten und Unberühmten, Ost und West, Nord und Süd, Sizilien und Südkorea. Es ergibt sich, dass die Köpfe der Besucher und die Köpfe der Porträtierten in Beziehung treten. Jeder Kopf kann Kunst werden, und jedes Bild, jede Plastik lebt. Was wir von den Bildern lernen könnten (aber nicht lernen sollten) ist, dass wir vieles Nebengeordnete von uns weglassen könnten, dass wir uns auf einen Ausdruck oder auf ein Geheimnis oder auf einen Traum festlegen sollten – dann wären wir Charaktere einer größeren Intensität. Würden aber das Leben verfehlen.

Jinran Kim vor Samuel Beckett, verdeckt Karl Marx

Nicht zufällig hebt die Galeristin aus der Gruppe der Künstler die Südkoreanerin Jinran Kim heraus. Sie zeigt Porträts europäischer Dichter und Denker. Das verwendete Material sind zusammengeklebte Streifen von Mullbinden. Das Ergebnis ist ungewöhnlich suggestiv. Beckett, Marx und Tolstoi sind unter uns. Nicht, dass wir wagen würden, sie anzusprechen. Wir kennen die Botschaften. Sie sind uns noch mal nahe gerückt.

Roger Melis’ Ostdeutsche

Ostdeutsche gehen zu Ostdeutschen
© FJK

Am Donnerstag eröffnete die Ausstellung in den Reinbeckhallen. Wir kamen erst am Sonntag ins raue Schöneweide (Schweineöde), das aufatmet, sich nach und nach ordnet, aufräumt, erneuert, von der technischen Innovation, von der Industrie (AEG, zur DDR-Zeit KWO und TRO), von der räudigen Verlassenheit hin zu Kunst und Kunstbetrieb. Die alten Hallen sind renoviert, die Ausstellung „Die Ostdeutschen” zeigt Fotos von Roger Melis. Die Weite der geweißten Halle wirkt großartig und weist auf die Großartigkeit der Bilder hin, die den Osten zeigen von den Tag der Befreiung bis zum Tag der Deutschen Einheit. Nichts ist ausgelassen, nicht die Kleinstadt und nicht die Ostsee, nicht der Rummelplatz und nicht die Künstler, nicht die Feldarbeit und die Werkstatt, nicht die Kundgebungen und die Feste.

Gesicht und Bekenntnis im Lauf der Zeit

Roger Melis, ein Generationsgefährte („Ich sah die besten Köpfe meiner Generation…”), starb 2009 mit 68 Jahren. In den neunziger Jahren rückten die Ostdeutschen zusammen. Roger Melis hielt den Kontakt zur Redaktion, wenn die Redaktion in ihren Wirren nicht den Kontakt zu ihm hielt. Er war ein hagerer, gleichwohl untersetzt wirkender Mann, der nicht viel Worte machte und zu keinerlei Übertreibung neigte. Eines Tages brachte er seinen gerade in Marbach erschienenen Fotoband „Berlin, Berlin” mit. Ich war schwer beeindruckt und titelte „Dichter sehen dich an…“, und in der Unterzeile „… auch wenn sie an dir vorbeisehen”. Was mich verwundert: Ich schrieb damals, dass Roger Melis der Sohn des Dichters Peter Huchel sei, wenngleich ich gewusst haben muss, dass er dessen Stiefsohn war. Ich nehme an, dass Melis meinte, man könne schon sagen, dass Huchel sein Vater sei. So empfand er es wohl.

Halle voller Schicksale

Die Dichter-Porträts von damals finden sich in der großen Ausstellung in den Hallen wieder. Aber eben noch viel mehr vom Leben, Arbeiten und Untergehen in der DDR. Ich hatte immer den Eindruck, dass Melis einer war, der selten auf den Auslöser drückt, so erlesen wirkten seine Bilder. Hier zeigt sich, dass er viel unterwegs war und Wege zu den Leuten fand. Einige Bilder sind regelrecht ikonisch, etwa „Parteisekretär” oder „Holzfäller” aus der Uckermark mit ihren Äxten. Man erkennt sie nach Jahrzehnten wieder und sagt sich, ach, auch das war Roger Melis, diese leeren Kleinstadtstraßen, diese Mütter mit ihren Kinderwagen, diese auf der Stelle tretenden Sonntage.

Draußen: am steinernen Strand der Spree

Viele Leute kommen in die Hallen. Sie stehen vor den Fotos, verweisen auf Details, erklären sich den Bildaufbau. Man will den Menschen auf den Bildern mit Worten nicht zu nahe treten. Die Ostdeutschen sind dabei, die Ostdeutschen jetzt besser zu verstehen. Zu verstehen, dass sie ein Rätsel sind.