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Archive for the ‘Berlin’ Category

Wat mir ufffällt

Man kann sagen: Volkskunst
© Fritz-Jochen Kopka

Auf dem Bahnsteig die Plakatwand, man kann jetzt auch Billboard sagen (angeregt durch den Film, der gerade läuft) – da hat jemand mit unübersehbarer Sorgfalt auf der weißen Fläche gearbeitet, gezeichnet, geschrieben, SEX MIT DEM SOZIALARBEITER, das fällt noch am meisten auf, die Sonne macht meinen Kopf zum Teil des Plakats.

Auf dem Alexanderplatz fragt ein, ich sag mal, Dreizehnjähriger, bei dem der Stimmenbruch noch nicht begonnen hat den Fish ’n Chips-Verkäufer aufgeregt, ob er sich setzen dürfe, ohne was zu kaufen, er hat noch eine halbe Stunde Aufenthalt: Ist das in Ordnung? Der Verkäufer begreift erst mal nicht, dann willigt er ein, aber nichts verzehren, was er anderswo gekauft hat, bittet er sich aus. Was für ein wohlerzogener Junge, denke ich, so was kommt selten vor in diesen Tagen, kein Wunder, dass der Knabe nicht aus Berlin ist, und nun holt er auch noch ein Paperback (wenn es auch ein Thriller ist) aus dem Rucksack und liest. Um die Jugend ist mir nicht bange, aber um die Trinker, die sich wieder in der Ecke vor dem Bahnhof eingenistet haben mit vollen, halbvollen und leeren Flaschen und viel Abfall.

Mir fällt jetzt auch die Polizeiwache auf dem Alexanderplatz uff, in den Medien ist viel die Rede von ihr gewesen, sie soll nämlich dafür sorgen, dass es endlich ein Ende hat mit der Gewalt auf dem Alexanderplatz. Ein Polizist steht neben dem Bürocontainer und antwortet auf die nichtgestellten Fragen eines unbesorgten Bürgers. Drinnen sitzen die Bürokraten und genießen ihre geruhsame Tätigkeit. Uff fällt mir auch, dass der Alexanderplatz an diesem sonnigen Wintertag an den Rändern belebt ist, die beliebten Primarktüten werden gehalten, in der Mitte aber viel Leere zu bieten hat.

Fremde Friseure

Ich gehe bis zum Hackeschen Markt und weiter bis zur Joachimstraße, blicke durch Schaufensterscheibe einer fremden Friseursalons, dessen Coiffeure sich als Künstler zu verstehen scheinen und gehe in den meinen. Meinen Friseur seit zweieinhalb Jahrzehnten, meine Friseurin muss ich sagen.

Da fällt mir uff, dass sich der ehemalige Azubi Norman zum Kinder- und Jugendfriseur spezialisiert hat. Ja, sagt Deborah, die Kinder lieben ihn. Er hat auch immer was zu erzählen. Meistens fragt er sie, was sie zu Mittag gegessen haben, das haben sie schon wieder vergessen, und dann reden sie darüber, dass sie alle Stampfkartoffeln mögen.

Sie sprechen auf Augenhöhe, sage ich.

Ja, auf Augenhöhe.

In einer pinken Welt. Ausstellung von Stephen Prina: As He Remembered It

In der Karl-Marx-Allee fallen mir in einer Galerie eine Menge pinkfarbener Möbel und am Straßenrand lauter Kleinbusse uff. Was kann das sein? Hier wird wieder ein Film gedreht. Ja, bestätigt die Kellnerin, aber der Drehstab kommt nicht zu uns rein, sie trinken kein Bier, essen keine Bulette, gehen nicht auf die Toilette. Sie haben das alles selbst. Je mehr Busse, desto teurer der Film, sagt Verheugen.

Er hatte heute den Handwerker im Haus. Ihm fiel uff, dass der pünktlich um halb neun kam, hingebungsvoll arbeitete, die Entlüftungsanlage vom jahrzehntealten Dreck befreite und nicht mal ein Trinkgeld annehmen wollte. Ein junger Mann noch. Ich hätte gar keine Albträume zu haben brauchen, sagt Verheugen.

Gemeinschaftlich fällt uns uff, dass es ziemlich dekadent ist, wenn sich die Gesellschaft mit hochrotem Kopf über ein schönes, aber auch harmloses Gedicht streitet. Und dass Frauen wiederholt mit halbvollen Gläsern vor die Tür des Restaurants gehen und ihre Lullen durchziehen. Halbvolle Gläser. Halbvolle Gläser und halbvolle Frauen. Halbvolle Frauen. Halbvolle Frauen und halblange Lullen. Halbvolle Gläser. Halbvolle Gläser und halbvolle Frauen. Gläser und Frauen und Lullen. Und zwei Bewunderer.

Sonntag im Zehngeschosser

Januar 31, 2018 1 Kommentar

Am Fenster: kein Wochenende weit und breit
© Fritz-Jochen Kopka

Ich hasse Leute, die mir ein schönes Wochenende wünschen. Oder solche, die fragen, hast du ein schönes Wochenende gehabt? Wie hast du dein Wochenende gestaltet? Das soll wohl höflich sein, Aufmerksamkeit und so weiter. Für mich gibt’s kein Wochenende. Für mich sind alle Tage gleich. Da ist kein Unterschied.

Aber das liegt doch auch an dir! Du kannst doch …

Was kann ich denn? Ich kann gar nichts.

Doch. Das fängt schon mit dem Frühstück an. Zum Frühstück machst du dir ein weiches Ei.

Ich esse kein weiches Ei. Höchstens mal ein Rührei. Aber nicht am Wochenende. Verstehst du denn nicht. Für mich sind alle Tage gleich.

Oder du benutzt ein besonderes Geschirr. Ein anderes als das in der Woche. Als Beispiel sag ich mal Rosenthaler oder Zwiebelmuster.

Ich schmeiß dir dein Zwiebelmuster gleich an den Kopf. Sowas Schwuchtelhaftes.

Legst dir ’ne schöne Platte auf. Mozart. Beethoven. Gustav Mahler.

Mach mich nicht verrückt. Es gibt kein Wochenende. Es gibt keinen Grund für sonntägliche Gefühle. Ein Tag wie der andere.

Kauf dir einen schönen teuren Whisky, den du nur am Wochenende trinkst. Ich hab gerade gesehen bei Real. Glenfiddich Single Malt, fünfzehn Jahre alt, 34,99 Euro.

Halt den Mund. Davon verstehst du nichts. 34,99! Dafür krieg ich vier Flaschen Johnny Walker im Angebot.

Aber das ist nichts Besonderes. 34,99 für einen guten Tropfen, das ist nicht zu teuer. Du hast doch das Geld. Leiste dir was. Mach es dir ein bisschen schön am Wochenende. Kleiner Plausch mit den Nachbarn.

Ich will meine Ruhe. Ein Wochenende gibt es nicht. Verstehst du denn nicht …

’ne Dampferfahrt auf der Spree mit Reederei Riedel! Da siehst du an den Ufern, was sich alles getan hat in Berlin, trinkst ’n Bier, isst ’ne Bockwurst, bist unter Menschen!

Was? Ich sehe diese überfüllten Dampfer, was soll ich da, ich will das nicht.

Die sind gar nicht so überfüllt.

Was weißt du denn. Ich will mit diesen Touristen nichts zu tun haben, Touristen, Touristen, Touristen.

Und abends mal ins Konzert, in die Oper. Berlin hat so viel zu bieten, gerade am Wochenende. Kunstgenuss, verstehst du. Und du bist unter gebildeten Menschen, kommst ins Gespräch in der Pause oder hinterher, ein Gläschen Wein …

Ich halt’s nicht mehr aus. Warum tu ich mir das immer wieder an. Es gibt kein Wochenende! Und ich brauch auch kein Wochenende! Im Gegenteil.

 

An einem warmen Wintertag

Hier war mal ’ne Post. Oder ’ne Bank. Lange her
© Fritz-Jochen Kopka

Im Radio erforscht eine Schriftstellerin die Psychologie der Bettler und der Passanten, die ihnen was geben oder auch nichts geben. Dafür bemüht sie ihre Freunde D. und A. und ihre Freundinnen K., C. und B. Das Ganze ist dann ein politisches Feuilleton. Es ist mein Augenarzttag. Schneller als gedacht ist die Zeit rum. Ich muss meinen Raum verlassen. Ohne Laufschuhe, wegen des Lochs im Obermaterial. Die normalen Herrenhalbschuhe sind meinen Beinen unangenehm. In der S-Bahn sitzt der Wiesel (wir nennen ihn so wegen seiner steten Eile) neben mir. Ich höre, während ich Simmel, Die Großstädte und das Geistesleben, lese, von ihm in Abständen ein inwendiges Stöhnen.

Mit den Bahnen habe ich Glück. Sie kommen ohne Verzug. Koch-Straße, das Haus, in dem wir das Begrüßungsgeld holen wollten, ist jetzt ein Starbucks. Das war damals eine Post oder eine Bank. Denen war das Geld ausgegangen, wir mussten weiter in die Ritterstraße, wo ein Mann aus der Provinz das Geld für seine gesamte Familie einforderte. Dann müsse er auch den Personalausweis seiner Frau vorzeigen. Der Mann rückte und rührte sich nicht. Wahrscheinlich hatte ihm seine Frau eingeschärft, dass er sich nicht abweisen lassen solle. Das mit dem Personalausweis – Das ist uns in Cottbus nicht gesagt worden, sagte er. Das wurde für uns zum geflügelten Wort. Das ist uns in Cottbus nicht gesagt worden. Immer, wenn etwas nicht nach unseren Wünschen lief. Friedrichstraße. Markgrafenstraße. Ich könnte hier ehemaligen Chefs und Exfrauen in die Arme laufen. Was mir erspart bleibt.

Alte oder dicke oder seltsame Männer beim Augenarzt. Man spürt, wie das Leben vage an ihnen vorbeizieht. Der Graue Star ist, wie sich das für ihn gehört, bei mir auf dem Vormarsch. Das muss nun in Halbjahresabständen beobachtet werden bis zur Operation. In der Nähe des Springer-Hauses rauchen viele hochgewachsene Männer E-Zigaretten. Der Vorgang hat etwas Technisches, gar nichts Genussvolles, eher Obszönes. Springer und die E-Zigarette, das passt zusammen, finde ich, kann es aber nicht begründen.

Es war einmal eine City-Klause

Ich gehe jetzt nicht die lange, lange Friedrichstraße runter, ich fahr mit der Bahn bis Oranienburger Tor. Da ist ein altes Eckhaus anspruchsvoll rekonstruiert. Das Partnerhaus an der anderen Ecke ist noch grau und voller Narben. Hat auch was. In der City-Klause hat sich immer noch nichts getan. Der Eigentümer war stolz auf seine besonders gute Bockwurst und seine prominenten Gäste, er nannte Nina Hagen und Armin Müller-Stahl, aber dann war hauptsächlich der Herr Friedrich da, das war eine lebensgroße Puppe, die potentiellen Gästen die Angst vor dem leeren Lokal nehmen sollte. Das nördliche Stück der Friedrichstraße wurde damals umgewühlt, Baulärm und Baudreck waren allgegenwärtig, die Straße war mehr oder weniger tot, und an diesem Ende hat sie sich auch noch immer nicht richtig erholt. Das war 1994. Dem City-Klause-Wirt sollte ein Reisebüro nachfolgen; aber nichts ist.

In der Reinhardt-Straße zweigt der kleine Nebenarm Am Zirkus ab, ansonsten gibt es hier italienisches Essen, japanisches Essen, türkisches Essen und liberales Essen. Und den Buchladen Langer-Blomqvist, den Autoren und Verlagsmitarbeiter besser meiden sollten wegen der halben Preise, zu denen ihre Bücher hier nicht lange nach Erscheinen angeboten werden. Man kann nichts dazu sagen. Diese Buchhändler sind clevere Leute, die einen guten Überblick über Verlage und Ausgaben haben. Jetzt gibt’s auch noch ’ne Bonuskarte. Wer 9 Taschenbuch-Mängelexemplare gekauft hat, bekommt eines gratis. Warum ist mir das nicht gesagt worden, sage ich scherzhaft und denke an den Mann aus Cottbus, siehe oben. Wahrscheinlich haben Sie keine Taschenbücher gekauft, sagt sie. Doch doch, sage ich, aber ich nehme an, ich sehe zu vermögend aus. Ja, sagt sie, reiche Leute profitieren nicht von dieser Maßnahme.

Koreaner, Studenten, Lebenskünstler

Ein Buchladen am Tag reicht. Ich geh heut nicht mehr ins Dussmann-Kulturkaufhaus. Das Currywurstbistro ist leer. Ich steige in die Bahn und Warschauer Straße wieder aus. Ein milder, fast schon ein Frühlingstag. Ich würde sagen, Döblins Berlin Alexanderplatz ist jetzt hier. Eine lärmende, unaufgeräumte Straße. Bettler aus aller Herren Länder sitzen auf ihren zusammengerollten Schlafsäcken und warten auf ihr Glück. Ein Russe mit dem bewundernswerten Bass der Ostkirchen. Ich will in den Malerbedarf, muss aber vorher was essen, sonst kriege ich schlechte Laune und kaufe gar nichts. Ein kleiner Koreaner. New Arirang. Zwei Achtertische, drei Zweiertische, siebzehn Leute, nach meiner Schätzung alle Studenten und Lebenskünstler. Und der größte Lebenskünstler ist der Wirt. Er kocht, er serviert, er kassiert, er verbeugt sich, was nicht das Unwichtigste ist, er springt zwischen Töpfen, Tiegeln und Pfannen hin und her. Flammen zischen auf, im Laufschritt geht es an die Tische. Ein junger Koreaner mit androgyner Ausstrahlung hat seine Freunde mitgebracht und bereitet ihnen am Tisch mit asiatischer Gelassenheit eine authentische Mahlzeit.

Vorspeisen. Rechts unten war die schärfste

Der Wirt ist ein Mann in mittleren Jahren mit langen Haaren und einer hohen Stirn. Unwillkürlich muss ich an den weitgehend unbekannten koreanischen Tennis-Spieler Hyeon Chung denken, der gerade die Australian Open aufmischt. Ein Sportler mit weißer Popart-Brille, Popart-Frisur und stämmigen Beinen, die extreme Bälle erlaufen. Das hat schon was Unheimliches. Erinnert an eine Comic-Figur. Ein künstliches Wesen. Er hat Sascha Zverev und Novak Djokovic aus dem Turnier geworfen. Aber hier, der Wirt im New Arirang, sein Landsmann, überzeugt mich mit seiner ungebremsten Leistungsfähigkeit davon, dass auch Chung zu hundert Prozent echt ist. Die Koreaner sind eben im Kommen.

Ich kriege erstmal ein koreanisches Bier und die Vorspeisen auf vier weißen Schälchen, mariniertes Gemüse, so feurig, dass mir der Rachen brennt. Gut scharf, sage ich. Der Wirt deutet auf die Sauce auf dem Tisch. Nein, nein, wehre ich ab, ist scharf genug.

Warschauer Straße kommt nicht zur Ruhe

Die Studenten und Lebenskünstler haben sich viel zu erzählen. Wir sind wie unter Schwestern und Brüdern. Es ist ein kleines Lokal in einer lauten Straße in Ostberlin, und es ist eine glückliche Stunde an einem verdammt warmen Wintertag.

 

 

 

Wasser und Boden

Diese trübe Brühe

In den temporären heimatlichen Sümpfen, dachte ich bei diesem Anblick. Oder: Berlin kann schon sehr feucht sein. Ich erkenne mein Umfeld nicht wieder. Normalerweise ist es hier trocken. Fing es mit der Sintflut auch so an? Wir atmen nicht Luft, wir atmen Wasser. Die Gefahr, dass man hier bis zu den Haarspitzen versinken könnte, liegt gar nicht so fern. Klar, wir neigen in unseren gemäßigten Zonen schon bei geringen Abweichungen zu Übertreibungen. Die echten Katastrophen finden woanders statt. Aber wo sind die Krokodile? Die Natur zeigt uns, wie das Gewohnte eine andere Gestalt annehmen kann. Vielleicht sind diese Sümpfe gar nicht so temporär, sondern dauerhaft.

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Geschenke weiterreichen

Das soll Heiligabend sein? Ja. 15.30 Uhr. Man weiß noch nicht, was auf einen zukommt.
© Fritz-Jochen Kopka

Wir saßen – Heiligabend – in der Bahn von Pankow nach Ostkreuz. So gegen neun. Lauter Gestalten, meistens Einzelkämpfer, die erschöpft schienen von den familiären Beanspruchungen des größten Festes, das die Deutschen kennen. Da war der Mann mit der Bierflasche, da war die sportive Dame in den besten Jahren, die Flakes Tastenficker las. Sie müsste öfter mal lachen oder wenigstens lächeln, dachte ich, Flake ist doch lustig, und dann erschien das Lächeln auch auf ihrem sportlichen Gesicht. Von Station zu Station traten Obdachlose in den Wagen und hielten ihre Ansprachen, die an Heiligabend besonders eindringlich gerieten. Die sportliche Frau, die Flake las und in deren Haaren sich das erste Grau zeigte, rührte sich nicht. Das hätte Flake sicher anders gemacht. Aber viele Passagiere fassten in ihren Taschen. Mir hilft jeder Cent, hatte der Obdachlose gesagt. Er bekam einige hilfreiche Cents, aber die Dame neben der Sportiven schenkte ihm mit einem schüchternen Lächeln eine Tüte mit Weihnachtsgebäck.

Der Obdachlosen-Zeitungs-Verkäufer zwischen Greifswalder Straße und Landsberger Allee hatte kurzgeschorene Haare und einen prallen Rucksack. Seine Ansprache geriet ein wenig zu lang, sie war auch weniger eindringlich als die seines Vorgängers. Abermals zeigte sich die Flake-Frau ungerührt (macht Flake die Menschen wirklich nicht besser? Oder auf eine nicht so offensichtliche Art besser?) Eine schöne Schwarzhaarige auf der letzten Bank fasste in ihre Tasche und fragte, ob der Mann sich über die Printen in einer weihnachtlichen Blechschachtel freuen würde. Er freute sich. Und zeigte das auch. Als er aussteigen wollte, fuhr die Bahn schon wieder an. Nun hatte er bis zur nächsten Station Zeit, der Frau zu erzählen, was für ein guter Tag der Heiligabend für ihn sei. Seine Kunden (wer immer das sei) hatten ihm ein noch sehr intaktes Paar Winterschuhe geschenkt. Er müsse sich nun gar keine Schuhe mehr kaufen. Er setzte den Rucksack ab und öffnete ihn. Fast acht Paar Socken hatte er bekommen, einen Schlafanzug und eine CD-Box mit deutscher Volksmusik im modernen Gewand. Alles neu. Er konnte Geld sparen und habe seinem Sohn im Nordrhein-Westfälischen 120 Euro schicken können, der solle auch schöne Weihnachten haben. Die nächste Station war Storkower Straße. Der Obdachlose hatte alles gesagt. Er wünschte der Frau schöne Weihnachten, sie solle gut auf ihre schönen Ohrringe aufpassen.

Die Flake-Frau fuhr noch bis Ostkreuz. Dann klappte sie den Flake zu. Sie hatte keine Geschenke, die sie hätte weiterreichen können.

Verkäufer-Philosophen

Alles ist erleuchtet. Vorweihnachtsabend in Köpenick
© Fritz-Jochen Kopka

In der Vorweihnachtszeit werden Verkäufer zu Philosophen. Auf der einen Seite sehen sie sich dem Ansturm der Kunden gegenüber, auf der anderen dem Ansturm der Waren, die Geschenke werden sollen. Das sind zwei Explosionen, die sich nicht so richtig treffen. Im Kopf haben die Kunden die Schlüpfer/Schlafanzug/Socken-Phase hinter sich gelassen und auch die Buch/CD/DVD-Sparte hat sich überlebt (das kann man sich ja alles irgendwie downloaden). Wir Kunden suchen eigentlich die zündende Idee: Ja! Das wäre ein Geschenk für Onkel Heinz! Da wird er staunen! Besonders belastend, dass uns bei einem Streifzug durch die überladenen Regale klar wird, dass wir uns nicht mehr auf der Höhe der Zeit befinden. Mit vielen Gegenständen können wir nichts anfangen. Das alles, diese Unsicherheit, dieses Ungenügen, diesen Frust bekommen die Verkäufer zu spüren, aber sie befinden sich auf einem anderen Level. Sie wissen um die drängenden Fragen der Kunden, auf die es nur schwache Antworten gibt, und Überleben durch Gelassenheit und milden Humor. Die Kunden stören eigentlich am wenigsten, sagte eine Verkäuferin im Saturn. Das Problem ist, dass so viele Kollegen ausfallen und dass die Technik langsam auch den warenkundigen Fachverkäufer überfordert. Die große Not des Fallada-Verkäufers Pinneberg hingegen gibt es nicht mehr, kein kleiner Mann was nun. Das Geld sitzt locker. Wer einem Kunden etwas aufschwatzen will, macht sich nur verdächtig. Es gibt bessere Strategien.

Power, Tempo, Rotation

Die ganze Tischtennis-Welt passt auf ein paar Quadratmeter
© Fritz-Jochen Kopka

Friedrichstraße Ecke Kochstraße. Alles, was es hier mal gab, gibt es nicht mehr. Die Sparkasse, wo wir an einem düsteren Abend das Begrüßungsgeld abholen wollten, die Pizzeria Romantica, das Steakhouse, der Grieche mit der üppigen Kellnerin, die so unschuldig wie erotisch die Treppe hinabstöckelte. An dieser Stelle frage ich mich immer, ob es ihn noch gibt, den TT-Shop, aber das ist ein Butterfly Store, ich kann beruhigt sein, der hält sich. Gerade hat ein älterer Herr sein Holz frisch bekleben lassen und erzählt, dass unser Sport in Indien einen Aufschwung genommen hat. Auch Malaysia, Hongkong, Thailand sind gut dabei. Der Mann besitzt eine Wohnung in Bangkok, wird sich demnächst wieder dorthin begeben und dann ausschwärmen; es ist alles sehr billig dort, ein Mittagessen für 50 Cent.

Ich find’s da ja auch gut, sagt Stamatow, der Inhaber, als der Mann sich schon auf dem Weg zum Flugplatz befindet, aber ich hätte mir nicht Bangkok ausgesucht, das ist so laut und dreckig.

Er empfiehlt mir, mein Holz neu bekleben zu lassen, auch wenn die Beläge noch gut aussehen. Die Unterschicht trocknet aus, du bekommst kein Tempo mehr in deine Schläge. Okay. Die noch so gut aussehenden Beläge lasse ich auf meinen Zweitschläger kleben, den habe ich übrigens vor Jahren in Singapur gekauft, ach ja, sagt Stamatow und sieht sich das Holz genau an, dieses Modell ist in Deutschland nie verkauft worden.

Jedes Mal bewundere ich, wie routiniert der Verkäufer, der ja eher ein Spezialist und ein TT-Sportler ist, die Hölzer beklebt. Er braucht dazu den Spezialkleber, den Pinsel oder Quast, einen Fön oder eine Heißluftpistole und eine Walze.

So, sagt er jetzt hast du wieder eine ganz andere Rotation. Die Bälle werden erst mal hinter den Tisch gehen.

Den Schläger ohne Belag nennen wir Holz

Der nächste Kunde sucht sich ein Holz aus und will wissen, wie viel es wohl wiege. Dafür steht eine Waage da. 87 Gramm. Zu Hause hat er ein Holz, das wiegt 94. Das ist ziemlich viel, sagt Stamatow, da bekommst du natürlich mehr Power rein. Der Mann will aber einen möglichst leichten Schläger.

Wann ist dein Kompagnon wieder da, fragt der Mann.

Erst mal gar nicht. Der liegt mit Bandscheibenvorfall im Krankenhaus.

Wie ist das denn passiert? Der ist doch immer so athletisch die Treppe rauf und runter.

Das war wahrscheinlich der Fehler, mische ich mich ein.

Wir Tischtennisspieler kokettieren ja immer damit, dass wir keine großartigen Athleten sind und vor Muskelmasse nicht gerade strotzen.

Der letzte Kunde ist ein kleiner Herr, der sich beim Betriebssportfest gründlich blamiert hat.

Er hat vor Jahren ganz gut gespielt, aber jetzt hat er alle Spiele verloren und insgesamt nur 11 Punkte gemacht. Er will einen einfachen Schläger, der nach was aussieht und ihn nicht überfordert. Stamatow bietet ihm einen für 50 € an, das ist die untere Stufe eines respektablen Niveaus: Da bekommst du schon eine gute Rotation in deine Schläge.

Wir haben ja ohne Schmettern gespielt, sagt der letzte Kunde, Schmettern war verboten, und dieser Schläger greift für ihn viel zu hoch.

Wir haben auch was für sechs Euro, sagt Stamatow ohne Dünkel , und dann den hier, für 20.

Da ist Timo Boll auf der Verpackung abgebildet. Für den letzten Kunden gerade das richtige.

Ich gehe wieder. Erinnere mich, wie Stamatow von den Chinesen erzählte, die in ihrer Liga spielen. Deren Aufschläge hatten einen solchen verqueren Schnitt, dass man sie einfach nicht returnieren konnte. Welten liegen zwischen den einzelnen Couleurs in diesem Sport. Wir, am unteren Ende, können weiter spielen, immer weiter spielen bis ans Ende der Zeit.