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Archive for the ‘Berlin’ Category

Döblin

Vor sechzig Jahren starb Alfred Döblin in Emmendingen bei Freiburg. Er war 78 Jahre alt und hatte nach seiner Rückkehr aus dem Exil keine guten Jahre mehr in Deutschland gehabt. Er fühlte sich vergessen und wenn nicht, dann auf seinen Roman „Berlin Alexanderplatz” reduziert. „Sie hatten mich auf eine Formel gebracht: Schriftsteller des Milieus, der Unterwelt, der Berliner Unterwelt, so dass, als ich in Berlin sprach, mich wieder diese Formel empfing.”

Döblin und Berlin. Er arbeitete als Armenarzt und schrieb; er schaffte ein gewaltiges Pensum. 1933 musste er die Stadt verlassen, 1947, nach dem Exil in Frankreich und den USA, nach Krieg und in der Nachkriegszeit, sah er sie wieder. Man kann nicht sagen, dass er erschüttert war. „Ich wusste schon alles. Es ist keine große Phantasie nötig, nachdem man ein Dutzend zertrümmerter Städte gesehen hat, sich auch diese vorzustellen. Verstümmelung ist Verstümmelung, also auch hier die traurigen Reihen der Häuserskelette, die leeren Fassaden, die Schutthaufen, alles, was die Kriegsfurie und der Brand übriggelassen hatten. ” Als Kind, 1888, war Döblin nach Berlin gekommen, das schon Großstadt war, aber die „eigentliche riesenhafte Entwicklung” noch vor sich hatte. Die Orte, wo er seine besten Zeiten erlebte, sind noch zu erkennen, aber zum Schweigen gebracht. Döblin versucht sich zu erklären, was falsch gelaufen war in Berlin und in Deutschland. Er erwähnt den fürchterlichen deutschen Provinzialismus, den geistigen Rückstand – man konnte sich nicht zur Großstadt, zur Demokratie, ja, nicht einmal zur Gegenwart bekennen. Alle Deutungen helfen ja nichts. Man fällt der Resignation anheim und bleibt, jedenfalls Döblin, angriffslustig und kämpferisch. „Und wieder sehe ich: Ein Mensch hat es leichter als eine Stadt, sich zu ändern. Ein Mensch kann sich wandeln. Eine Stadt stürzt ein.” Ein Kunststück so eine Bemerkung, die sowohl zu zuversichtlich als auch zu pessimistisch ist.

Zitate aus Alfred Döblin: Autobiographische Schriften und letze Aufzeichnungen, Walter-Verlag AG Olten 1980

An der Peripherie der Peripherie

Einsam zwischen den Bildern
© Fritz-Jochen Kopka

Wie hieß das Deutsch-Russische Museum in Berlin-Karlshorst zu DDR-Zeiten? Auf einer Schautafel steht: „Museum der bedingungslosen Kapitulation des faschistischen Deutschland im Großen Vaterländischen Krieg 1941 – 1945”. Oder noch kürzer: Sowjetisches Kapitulationsmuseum. Meine Erinnerung zweifelt. Ich meine, der erste Name würde ja schon mal darauf hindeuten, dass man im Bemühen um political correctness (die es damals nicht gab) normale Interessenten eher abstieß. Und der Kurzname ließ den verhängnisvollen Schluss zu, dass es nicht Deutschland, sondern die Sowjetunion war, die kapitulierte. Heute jedenfalls: „Deutsch-Russisches Museum”. Und es liegt mehr denn je an der Peripherie der Peripherie. Ortsunkundige werden Schwierigkeiten haben, es zu finden. An diesem Abend soll die Ausstellung „Kinder und Krieg” eröffnet werden. Einige Botschafter und Museumsleiter werden sprechen, und im Anschluss gibt es einen kleinen Empfang. Die Ausstellung ist eine Produktion des Zentralmuseums des Großen Vaterländischen Krieges in Moskau, was nicht heißt, dass die Karlshorster Museumsleute es leicht gehabt hätten mit der Einrichtung der Ausstellung für das deutsche Publikum.

Der Panzer vorm Fenster. Sa Rodinu – Für die Heimat

Das Museum hat militärische Tradition. Hier befand sich das Offizierscasino der Pionierschule 1 der Wehrmacht. Am 8. Mai 1945 wurde die Kapitulationsurkunde der Wehrmacht unterschrieben. Danach agierte hier der Chef der Sowjetischen Militäradministration. Karlshorst bekam den Beinamen Klein-Moskau. Etwas Düsteres ist dem Haus durchaus zu eigen. Vielleicht sind die Fenster für die Räume zu klein. Vielleicht nehmen die Bäume zu viel Licht weg. Vielleicht ist es die Düsternis des Geschichtskapitels, die den Eindruck der Lichtlosigkeit verstärkt.

Ingel Glesel: Ich bin ja erst achtzig

Die Ausstellung hat ihre Vernissage, und zu Beginn kann der Museumsdirektor Jörg Morré verkünden, dass wir unter uns sein werden. Weder die Botschafter der Russischen Föderation, der Ukraine und Weißrussland noch Viktor N. Skrjabin vom Zentralmuseum aus Moskau sind erschienen; warum auch immer. Dafür sind einige Überlebende des Kinderheims von Iwanowo, nord-östlich von Moskau gelegen, gekommen. In diesem, 1933 von der Internationalen Roten Hilfe gegründeten Heim lebten nach der faschistischen Machtergreifung die Kinder von Revolutionären und Antifaschisten, deren Eltern in ihren Ländern verfolgt oder getötet wurden. Inge Glesel war in diesem Interdom genannten Heim von 1945 bis 1945 und begrüßte alte Gefährtinnen und Gefährten, eine war trotz ihres hohen Alters gar aus Hamburg gekommen. Ich selbst bin ja erst 80, sagte Frau Glesel und gab einen konkreten Bericht vom Leben in diesem Kinderheim, in dem man nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion einen Überlebenskampf führte, auch als Kind. Die Versorgung brach zusammen, die Kinder hungerten. In den Wintern waren die Räume nicht warm zu kriegen. Die Kinder betrieben Landwirtschaft (als Technik gab es nicht mehr als den Spaten) und bekamen die Erlaubnis, in einem Waldstück Bäume zu fällen. In diesen schweren Jahren entstand ein Zusammenhalt, der für ein ganzes Leben reicht. Ich hoffe, ich habe mich verständlich ausgedrückt, sagte Frau Glesel. Daran war kein Zweifel. Anschaulicher kann ein Erlebnisbericht kaum sein.

Jörg Morré erzählte genau, beherrscht, mit historischer Umsicht die Geschichte des deutschen Krieges gegen die Sowjetunion, der als Vernichtungskrieg geplant und als Vernichtungskrieg auch geführt wurde. Die Toten, die Erniedrigten, die Ausgehungerten. Man meint, alles darüber zu wissen, aber in der Erzählung Morrés leuchteten für mich viele unbeachtete Aspekte auf. Er erzählte mit der kultivierten Resignation eines Mannes, der ein Haus leitet, das in mehrfacher Hinsicht an die Peripherie gerückt ist. In Russland zieht man es vor, den Sieg zu feiern, als der Kapitulation des Gegners zu gedenken, und die deutsche Politik erinnert sich an dieses Kapitel der Geschichte äußerst ungern, zumal man aktuell mit den Russen überkreuz ist und meint, allein die richtigen Werte zu bedienen.

Anschließend wurde die Ausstellung zur Besichtigung freigegeben. Kinder im Krieg, Kinder, die mit dem Hunger kämpfen, Kinder im Konzentrationslager, Kinder, die sich militärisch ausbilden, Kinder, die sich an die Front melden, Kinder, die zu den Partisanen gehen. Kinder als Helden?, hatte Morré in seiner Erzählung gefragt. Das ist nicht unbedingt unsere Sicht der Dinge. Aber kann es falsch sein, wenn die russischen Partner es so sehen?

Bedrückende Bilder. Ausbildung in der Suworow-Militärschule in Kursk

Der kleine Empfang: ein paar Flaschen Bier, ein paar Flaschen Wein, ein paar Flaschen Wasser. Gedämpfte Worte, nachdenkliche Stimmung.

Sauberste Stadt

Es wird jetzt hier sehr sauber werden demnächst …
© Kopka

Ich muss in die Stadt. Und wenn ich in die Stadt muss, dann will ich auch in die Stadt. So denken, fühlen und handeln Fatalisten. Von der neuen Fußgängerbrücke am S-Bahnhof herab sehe ich eine Schar von BSR-Mitarbeitern (oder Straßenbauern?), eine geballte Ladung Sauberkeit. Das wäre doch ein Slogan der Post-Wowereit-Ära: Berlin muss sauberste Stadt werden! Um jeden Preis. Mit aller Macht. Mit der Hundescheiße ist es ja schon viel besser geworden. Die Hundehalter haben ihre Tütchen dabei und sammeln alles auf, und auch die Hunde reißen sich zusammen, bis sie endlich in der freien Natur sind. Man kann einem Hund ja so unendlich viel beibringen. Wenn man kann. Bis der Hund schließlich fast ein Mensch ist. Aber macht das Sinn? Und auch die Sache mit der saubersten Stadt: Die Helden von der BSR säubern ja nicht nur die Stadt, sie erfüllen sie ja auch mit infernalischem Lärm mit ihrer Technik, die aus Horrorfilmen entliehen sein könnte. Was sie allein mit ihren verdammten Trennscheiben anrichten. Sagenhaft. Wir möchten lieber allein sauber machen. Wir können es nämlich auch leise, wir einfachen Berliner!

Berlin Alexanderplatz (29): Schattenflüchter

Schattenflüchter …
© Fritz-Jochen Kopka

Es ist die Zeit des Goldregens und des Flieders. Manchmal trifft uns unvermittelt eine sympathische Duftwolke, hüllt uns sein, und schon sind wir wieder vorbei. Kein Flieder mehr, S-Bahn. Am zweiten Tag ungebremster Sonne suchen wir die Schattenseite in der Bahn, aber die ist besetzt. Man sitzt und schwitzt. Im E-Book-Reader rufe ich Balzacs Verlorene Illusionen auf und bin abermals fasziniert, was der Mann in seiner Zeit bereits über die Ambivalenz der freien Presse wusste. Nicht auszuschließen, dass er gewisse Charaktere erst auf dumme Ideen brachte, was man mit einer Zeitung alles so anstellen kann. So lande ich am Bahnhof Alexanderplatz auch gleich mal im Presseshop. Da sind ein Angeber und ein Geduldsmensch aufeinander getroffen, und der Angeber ruft aus: Dafür hatte ich früher ja nie Zeit! Aber jetzt mache ich das alles. Früher hatte ich dafür nie Zeit.

… und Seifenblasenfänger

Er ist nach Berlin geeilt, trifft sich mit anderen Netzwerkern, sie arbeiten ihre Themen ab, werden aber auch das Jüdische Museum, den Bundestag, die Baustelle des Flughafens aufsuchen. Dafür! Hatte! Ich! Früher! Ja! Nie! Zeit!, ruft er abermals aus. Ihr seid also kein Unternehmen, sondern eine interaktive Gruppe, sagt der Geduldsmensch, um auch mal was zu sagen. Dafür hatte ich früher nie Zeit, wiederholt der Angeber ein übriges Mal. Ich haue ab. Mir eitern die Ohren. (Dafür hatten sie früher nie Zeit, die Ohren.) In einer Nische des Bahnhofsgebäudes hat eine Handvoll Polizeibeamte zwei Verdächtige gestellt. Die Verdächtigen werden nach allen Regeln der Dienstvorschrift auf Waffen, Drogen und Liebesperlen durchsucht. Die Polizisten gehen mit großer Akkuratesse vor, die Verdächtigen schneiden harmlose Gesichter und zeigen Geduld. Profis unter sich.

Nach einem Jahr suche ich wieder mal den Whisky Market in der Winsstraße auf. Auch in diesen stilleren Straßen flüchtet sich alles zu den schattigen Plätzen, und der Whisky Market ist mit seiner Ruhe und seinem dezenten Halbdunkel ein besonders günstiger Ort. Der Verkäufer will wissen, welche Marke ich normaler Weise bevorzuge, und weiß sofort bescheid, in Sherry-Fässern gereifte Whiskys, er könne mir aber, wenn es mir auf eine fruchtige Note ankomme, auch in Burgunder-Fässern gereifte Whiskys nahelegen. Ich entscheide mich für einen Highland Park Single Malt und bedanke mich für die Beratung. Ach, das war doch nichts, winkt der Verkäufer ab. Doch doch, sage ich, das bringt mir schon was.

The singer and the child

An der Straßenbahnhaltestelle klagt ein Mädchen ins Smartphone, dass ihr das Make up verlaufen sei in der Hitze, deshalb schminke sie sich ja selten, aber heute habe sie mal Lust dazu gehabt, und nun sei alles verlaufen. Je weniger sie zu erzählen hat, desto mehr sagt sie. Im Schatten des Funktionsgebäudes am Alexanderplatz singt jetzt Brea Robertson, eine Frau mit einer großen Stimme und einer kleinen Gitarre. Ein Kind hat sich neben dem Gitarrenkoffer niedergelassen, es hat nicht begriffen, dass es das Geldstück hier ablegen soll, die Mutter muss kommen und die Hand führen. Brea lacht, während sie singt, vor ihr hatte Lee Lo ihren Auftritt, nach ihr ein lustiger Typ, sie zupfen alle dieselbe kleine Gitarre und gehören zu einer lockeren Verbindung von Musikanten. Zusammen sind sie weniger allein auf der schattigen Seite des großen Alexanderplatzes. Vor dem Hotel verfolgen die Kleinsten der Kleinen, sofern sie schon laufen können, die Seifenblasen der Seifenblasenmacher. Ein Abenteuer der Poesie.

Sonne im Untergang

Im Haus Berlin sitzt Verheugen, von der Sonne im Beton der Innenstadt gemartert, am kleinen Tisch vorn rechts. Der einzige Tisch im Biergarten, der für ihn in Frage gekommen wäre, wird von Kartenspielern besetzt. Alle anderen sind zu sehr der Sonne ausgesetzt. Verheugen erzählt von den Wölfen Äthiopiens und davon, dass der Löwe kein Dschungel- sondern ein Savannentier sei. Du siehst wohl keine Tiersendungen, fragt er mit leisem Vorwurf. Ich sehe Sportsendungen, sage ich, das ist vergleichbar.

Wir trinken unsere fünf Bier. Dann gehen wir. Die Sonne scheint noch. Das Pflaster dampft noch. Die Kartenspieler spielen noch.

Momentaufnahme Tierparkcenter

Unlichte Tage
© Fritz-Jochen Kopka

Eine Kurzstrecke reicht von hier bis zum neuen Personalausweis. Das Center am Tierpark nebst Bürgeramt 3 in der illustren Otto-Schmirgal (wer war das?)-Straße singt den Rentner-Blues. Kommt her, die ihr mühselig und beladen seid. Und sie kommen. Ein riesiger Liefer-Truck versperrt die enge Straße zum Supermarkt, traut sich nicht weiter. Der Beifahrer dirigiert den ängstlichen Fahrer mit dramatischen, aber wenig hilfreichen Gesten. Wenn wir hier von Architektur reden wollen, müssen wir auch von Misslingen oder von gar nicht erst gehabten Ansprüchen reden. Eingang Ost, Eingang West, zehn Meter von einander entfernt. Dient das der Orientierung? Außen sieht’s sonderbar aus, innen ist es unwirtlich. Im ersten Geschoss funktioniert noch ein Italiener und das WC für alle Besucher, die 50 Cent erübrigen können. Das Bürgeramt selbst ist voller Gestalten verschiedener Nationen. Wir Deutschen sind dabei nicht die Schönsten. Es geht um Wohnungsanmeldungen, Kfz-Kennzeichen, Personalausweise und Ausreisen. Termine vergibt das Internet. Die Stimmung ist langmütig. Kein Mensch liest ein Buch außer einem. Du brauchst nur ein biometrisches Foto und eine Geldkarte. Deine Daten haben sie hier sowieso. Freiwillig kann dein Fingerabdruck gespeichert werden, was mehr Sicherheit bei Personenkontrollen brächte.

Diese Arbeiter haben immer Hunger. Oft wird ihnen auch die Zeit lang.

Kaiser’s ist jetzt Rewe. Der Beifahrer des Trucks steht schon wieder im Weg. Er breitet am Eingang des Markts eine dreckige Matte aus. Ich warte, weil ich nicht unter die Matte geraten will. Etwas schneller, sagt er, wenn’s geht. Das gilt auch für Sie, sage ich. Haben Sie ’ne Stoppuhr dabei? Er überlegt kurz und sagt ja. Die Probe aufs Exempel versage ich mir. Kunden und Mitarbeiter sind mit dem neuen Sortiment noch nicht vertraut. Die Rentner beäugen missmutig die kleine Schlange an der Kasse. Im Backshop kaufe ich ein Mettbrötchen und eine Tasse Kaffee. Das bereitet keine Schwierigkeiten. Ich frage zwei ältere Herren, ob ich an ihrem Tisch für einen Moment Platz nehmen darf. Sie sind großzügig. Große Künstler sind das, sagt der eine, aber wie die aussehen. Der andere kann darüber nur den Kopf schütteln. Ich habe jetzt zwei Möglichkeiten, ins Gespräch einzusteigen. Eins: Nennen Sie mal ein Beispiel. Zwei: Und habt Ihr Euch auch mal über Euer Aussehen Gedanken gemacht? Ich wähle keine von beiden und schweige. Cum tacent, clamant. Indem sie schweigen, schreien sie.

In dem Kinderwagen is wahrscheinlich ooch ’n Rentner drinne, ’n ganz kleener …

Hast du gestern Union gesehen? Verloren. Das war doch ne Chance gewesen. Ich breche mein Schweigen und sage: Sie haben nicht schlecht gespielt. Sag ich ja, sagt der Mann. Das Foul, das zum 1:0 führte, war gar kein Foul und schon gar keine Gelbe Karte, sage ich. Danke, ruft der Mann, als hätte ich ihn eben aus einem Abgrund gezogen. Der Schiedsrichter, Ittrich, war auch jener, der bei Hertha so lange nachspielen ließ, bis die Bayern den Ausgleich geschossen haben, lasse ich sie wissen. Die sind alle gegen Berlin, sagen die Männer einmütig. Und dann sind sie beim Weltfußball. Der achtjährige Sohn von Ronaldo bewegt sich schon genauso wie Ronaldo. Ich mag den ja nicht. Das is’n Angeber. Da bin ich anderer Meinung, sage ich, der hat keine leichte Kindheit gehabt und warum soll er nicht angeben mit dem, was er hat. Denken Sie mal an das Endspiel der EM, wie er verletzt am Spielfeldrand stand und das Team angefeuert und gecoacht hat.

Ach, Architektur

Okay. Ihnen passt die ganze Richtung nicht. Geld regiert die Welt und den Fußball erst recht. War früher besser, als nur drei Ausländer in einer Mannschaft spielen durften.

Diese Regel ist in einem demokratischen Verfahren gekippt worden.

Ach, Demokratie, winken sie ab. Geld! Es geht doch nur ums Geld.

Diese Entwicklung halten wir nicht mehr auf, sage ich.

Die Männer sind beim dritten Kaffee. Ja, möchte ich sagen, sie trinken den Kaffee wie Bier. Es ist elf Uhr am Vormittag. Bier können sie dann ab fünf trinken. Wir können uns jederzeit wieder in die Augen sehen.

Rückkehr der Kleingärtner

Gleich wird noch der rote Teppich ausgerollt für den Einzug der Kleingärtner

Genau. Die Rückkehr der Kleingärtner ist der dritte Teil der Frühlings-Trias. Die Rückkehr der Kleingärtner erfolgt nie zu früh. Der Kleingärtner weiß genau: Wenn er erst mal seinen Kleingarten in der Sparte wieder aufgesucht hat, dann ist er nicht mehr der Liebhaber schöngeistiger Literatur Johannes Zeißig oder der Serienfreak Gregor Langhans, nein, dann ist er nur doch der Kleingärtner. Kleingärtner bist du immer zu hundert Prozent. Es frisst dich auf. Deshalb freust du dich, wenn die Saison vorbei ist, freust dich über den Winter. Dann bist du wieder Mensch und kein Kleingärtner mehr.

Ich beobachte die Kleingärtner von meinem Fenster aus. Nicht aus Voyeurismus oder Neugierde, sondern nur, wenn es sich so ergibt. Ich bewundere ihre feinen Instinkte. Ich habe noch nie einen Kleingärtner lange nach einem Parkplatz suchen sehen. Sie kommen genau dann, wenn Platz ist. Sie müssen auch nicht lange manövrieren, der Stellplatz ist immer reichlich. Dann fangen sie an auszuladen, indem sie erstmal eine Schiebkarre aus ihrem Garten holen. Ich kenne keine Kleingärtner-Singles. Es sind immer Paare, die über die Jahrzehnte so eng mit einander geworden sind, dass sie sich, ohne zu sprechen, miteinander verständigen können. Sie sind schweigsam wie ihre Gewächse. Und wenn mal Not am Mann ist, genügt ein Stichwort (oder die wichtigste Silbe eines Stichworts) und alles ist klar. Hundehalter werden ihren Hunden ähnlich, Kleingärtner ihren Pflanzen.

Ich bin kein Feminist, wenn ich sage, dass Kleingärtner-Frauen es schwerer haben als Kleingärtner-Männer. Da ist etwa die hübsche Frau mit ihrer romantischen Tochter. Sie war mit einem musischen Mann zusammen, der sich aus künstlerischen Gründen die Haare blondieren und zu einem Afrolook gestalten ließ. Seine musikalischen Kenntnisse gab er an das Kind weiter. Mich störte an ihm, dass er auf einem Damenfahrrad fuhr. Aber die Frau muss wohl noch mehr an ihm gestört haben. Irgendwann kreuzte sie ihr hier mit einem athletischen Macho-Typ auf. Und mittlerweile ist auch dieser Typ verschwunden, und die Frau kommt auch nicht mehr.

Und dann die Missgestimmte. Eine Frau in mittleren Jahren mit einem üppigen, schlecht geordneten Haarschopf. Sie liebt große PKW. Sie kommt oft allein, dann ist ihre Laune noch schlechter als gewöhnlich. Aber sie versteht es doch immer wieder, Männer für ihren Garten zu interessieren. Ich habe noch nie gesehen, dass die Frau und der wechselnde Mann mit einander gescherzt hätten oder so. Die Männer werden jetzt immer älter. Sie könnten der Vater der Missgestimmten sein. Die Frau geht träge, der Mann scheint schnell zu gehen, aber er bleibt doch immer einen Meter hinter ihr zurück. Es ist Frühling, unser Bäcker hat ein Frühlingsbrot im Angebot, und die Kleingärtner kehren zurück mit all ihren Freuden und Schicksalen.

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Als ich noch auf die Berliner Schnauze usw.

März 20, 2017 2 Kommentare

Frühlingsanfang. Die Tische lauern auf Gäste und Verhängnisse

Im Imbiss an der Ecke

Gerhard: Ich denke, du trinkst nicht mehr, Harry?

Harry: Is richtig. Ich trink nichts mehr. Außer Bier und Schnaps.

Gerhard: Zwei Bier und zwei Schnaps für mein Freund Harry und seine Chefin.

Harrys Olle: Nö. Wir wollen keinen Schnaps.

Harry: Lass ihn doch. Wenn Jungens reden, bist du still.

Gerhard: Sieheste. So leicht kommt Harry sonst nich zu sein Schnaps.

Harry: Wat? Ick bring dir deinen Ofen zurück.

Gerhard: Den hab ick dir doch geschenkt, Harry.

Harry: Na, dann krieg ick von dir noch 47 Euro, wenn de mir den geschenkt hast.

Gerhard versteht nicht und geht lieber aufs Klo. Ist lange weg.

Harry: Das ist Münchhausen. Der ist 970 Jahre alt, wenn er alles erlebt hat, was er erzählt und immer dasselbe. Wahrscheinlich hat er sich zu dolle mit dem Staat hier eingelassen. Ick bin rübergegangen. Zu mir habense gesagt, als Filmvorführer bin ick Kulturfunktionär und muss in die Partei. Da wusst ick bescheid und weg.

Gerhard kommt hinkend zurück.

Gerhard: Verdammte Stufe, ick habe die Stufe nicht beachtet.

Harrys Olle: Aber die Stufe war doch schon immer da!

Gerhard: Wat is, Harry, hauste noch’n Bier rein?

Harry: Ick bin ’n friedlicher Mensch. Ich hau nich. Der macht sowieso sone Sachen, lädt einen ein, und denn hat er kein Geld bei und ick muss zahlen.

Gerhard: Ick hab immer alle Leute geholfen, aber jetzt, wo ick fertig bin, mir hilft keiner, Mensch, ick kann meine Miete nich zahlen.

Harry: Mir haste nich geholfen. Mir braucht keiner helfen.

Gerhard: Und was ist mit den Ofen?

Harry: Einen Kaffe für meinen Freund Gerhard.