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Archive for the ‘Berlin’ Category

Little Big-City-Moments

Trommeln am Alexanderplatz, sieht aus wie Kochen
© FJK

Den Silvester abmontierten Briefkasten wieder anschrauben. Der Nabu veranstaltet ein Vogelzählen. In unserem Garten stellen sich drei Eichelhäher und etliche Meisen ein, von Spatzen und Elstern ganz zu schweigen. Der Obst- und Gemüse-Vietnamese hat wieder geöffnet. War im Urlaub in der Heimat. Seine Augen glänzen. War leider zu kurz für die teure Reise. Der Klempner kommt, gleich zu zweit. Der Azubi ist dicker und bärtiger als der Meister. Zwei Frauen an der Gartenpforte, ich ahne schon, was kommt: Ein neues Jahr hat begonnen mit neuen Vorsätzen. Ist es für Sie ein guter Vorsatz, täglich in der Bibel zu lesen? Ich bin Analphabet, sage ich und schließe die Tür. Die Nachbarin und ihren Dackel können die Evangelistinnen in ein längeres Gespräch verwickeln. Die stattliche Dauerwellen-Frau mit Nordic-Walking-Krücken sieht in der Dunkelheit wie ein weiblicher Golem aus.

Lauter Wett-Veteranen auf der Trabrennbahn, die es nicht lassen können, ihr Geld aufs Spiel zu setzen, obwohl sie diese Existenzform sichtbar zermürbt hat. Der Haushandwerker der Bio-Company belehrt den farbigen Hilfsarbeiter: Kein Wasser vorm Eingang auskippen, Glättegefahr („… das kennt ihr in Afrika nicht.”). Durch die Gänge von IKEA stolzieren die Kunden, als wären sie im Wunderland. Selbstbedienung an den Kassen, „da werden Sie geholfen”, wenn Sie’s nicht hinkriegen. Türken-Imbiss in der freudlosen Greifswalder Straße. Saubere Sache, sattes Angebot. Auf dem Großbildschirm wird Zweitligafußball wiederholt. Nach dem Essen gibt’s Tee umsonst; typische Großstadtsituation, man fühlt sich heimisch, obwohl man gerade noch fremd war.

In der S-Bahn ein junger Feistling mit Kinderwagen, an dem fünf pralle Plastiktüten hängen. Ein Baby ist immerhin auch im Wagen. Der Vater schaukelt den Kinderwagen lässig mit dem rechten Fuß, der Rest seiner Aufmerksamkeit gehört dem Phone. Ich habe einen Plastikbecher vor der Nase. Die junge Bettlerin zeigt wenig Neigung weiterzugehen, ehe es nicht in ihrem Becher klingelt. Auf dem Bahnsteig greift sie in die Öffnungen des Fahrkartenautomaten. Da kann immer mal Geld liegen geblieben sein. Am Alex einer dieser hoffnungslosen Trommler hinter seinem gelben Fahrrad. Er schlägt auf ausgewählte Plastikbehälter ein, ab und zu fällt eine Münze. Zwei Typen in meinem Rücken, die ich nicht loswerde. Sie überholen mich nicht, bleiben aber auch nicht zurück. Was sie sagen klingt skandinavisch. Beim Friseur ist eine Frau ganz unter ihren Haaren verschwunden, nur ein Smartphone ist noch zu sehen, das unbewegt bearbeitet wird, ein Bild für die Götter oder für Dali.

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Jurassic Park in der Box

Januar 27, 2020 2 Kommentare

Zwischen Jurassic Park und Menschenpark
© ADe

Wir gehen, Dienstagabend, mit zwei online gekauften Tickets (Weihnachtsgeschenke) ins Deutsche Theater, nicht ins Haupthaus, nicht in die Kammerspiele, sondern in die sogenannte Box. Es gibt da, laut Ticket, als Willkommensgruß einen Prosecco. Ich will aber keinen Prosecco. Ich auch nicht, aber wenn das Theater sich um die Zuschauerbindung so verdient macht? Das haben die doch gar nicht nötig. Ist doch ausverkauft. Na ja, vielleicht perspektivisch.

Die Hinfahrt ist schon mal problematisch. Am Alexanderplatz findet eine Bombenentschärfung statt. Da wird die Bahn nicht halten. Umso besser. Aber dann sieht es so aus, als würde die Bahn erst gar nicht weiterfahren. Neben uns hat sich ein Zwerg niedergelassen, der immer wieder aufsteht, mit allen Sinnen die Lage checkt und den ganzen S-Bahnwagen verrückt macht. Das Subjekt ist natürlich kein echter Zwerg, sondern nur ein relativ kleiner Mann, der aber alle Verhaltensmerkmale von Zwergen zeigt. Er ist immer tätig, ohne sich je anzustrengen. Die Bahn fährt weiter, hält wie angekündigt nicht am Alexanderplatz. Der Zwerg hat sich wieder erhoben, als müsste er den Stand der Bombenentschärfung checken, um notfalls einzugreifen. Friedrichstraße können wir aussteigen und den Zwerg seinem Zwergenschicksal überlassen (das Zwergenschicksal kulminiert in dem Satz: Ich möchte nicht übersehen werden).

Wir sehen, in der Heinrich-Böll-Stiftung wird vor vollen Reihen referiert und sicher auch die Welt gerettet.

Die Aura des Platzes vorm Deutschen Theater. Wir haben hier die großen Jahre des Theaters erlebt. Benno Besson, Friedo Solter, Wolfgang Heinz, Peter Hacks. Inge Keller. Rolf Ludwig. Eberhard Esche. Dieter Mann. Else Grube-Deister. Fred Düren. Horst Drinda. Und Jutta Wachowiak, die wir heute sehen werden, war auch dabei. Sie ist, man kann es sagen, da sie selbst es sagt, gerade achtzig geworden. Die Übriggebliebene einer Epoche, ein Dino. Und damit sind wir am Punkt. Das Stück heißt: Jutta Wachowiak erzählt Jurassic Park. Sie hat das Ein-Personen-Stück zusammen mit Eberhard Petschinka und Rafael Sanchez erarbeitet. „Die Geschichte des Parks, den man weder verlassen noch unkontrolliert betreten darf, vermischt sich mit der Biografie Wachowiaks”. So steht es im Flyer. Verschiedene Textkörper werden geschickt collagiert. Das Motiv des Jurassic-Parks mit Krieg, Flucht, Heimat-, Berufs- und Selbstfindung. Die glückhaften Momente auf dem Theater. Die Stagnation im Land. Die Wende. Der Bruch. Die deprimierenden neunziger Jahre, in denen man plötzlich wieder ein unbeschriebenes Blatt sein sollte, auf dem nichts war außer lauter Minuszeichen. Der geschlossene Jurassic Park und der Übergang in den offenen Menschenpark. Du kannst überall hin. Du kannst alles und du kannst nichts. So frei, dass wir nicht auf Vorurteile, Vorverurteilungen und Ignoranz stießen, sind wir – nirgendwo.

Jutta Wachowiak hat ein Thema auf die Bretter gebracht, das sie seit langem umtreibt. Und sie ist dementsprechend in glänzender Form. Eine Erzählerin, wie sie im Buche steht. Sehr beweglich, sehr exakt, ironisch und selbstironisch, zagend, zweifelnd, wütend, radikal, immer im guten Kontakt mit ihren Zuschauern, unter denen die gequälte Ost-Seele manchmal etwas zu laut und bekenntnishaft auflacht. Was nicht weiter stört.

Ach ja. Der Prosecco. Ich ging rüber ins Haupthaus. Das Foyer war menschenleer, aber eine Servicekraft kam auf mich zu. Kann ich Ihnen helfen? – Ich schwenkte das Ticket: Wo gibt’s denn hier den Prosecco? – Den gibt’s nicht. Den gibt’s im Restaurant unten zusammen mit einem Hauptgericht. Das ist eine gescheiterte Werbung.

Aber ein gelungener Kapitalismus-Witz, dachte ich. Ich hatte mich sowieso verlesen. Den Prosecco gab’s nicht am Haupteingang, sondern zu einem Hauptgericht. Mit dem Theater hatte das nichts zu tun, nur mit dem im Haus befindlichen Restaurant Cinque.

Zwanziger Jahre erstes Rennen

Paradiesische Fläche
© FJK

Zum Neujahrsspaziergang schlug die Wanderleiterin den Weg in die Karlshorster Heide ein, während der Mann naturfern von seinen Fernsehabenteuern berichtete. Natürlich spielte dann auch die Oma als alte Umweltsau eine Rolle (Das gehört sich nicht. Das macht man einfach nicht. Das ist von der Satirefreiheit nicht mehr gedeckt.) Meine Güte. Ich weiß von keiner Oma, die sich von diesem Lied angesprochen fühlte. Man muss ja auch das Wort Sau nicht so ernst nehmen. Interessant auch, dass sich die Feministinnen nicht ereiferten, weil zwar von einer Oma, aber nicht von einem Opa als Umweltsau das Singen ist. Das hat einfach damit zu tun, dass in solchen umgetexteten Spottliedern die Oma eine viel effektivere Heldin ist als ein Opa. Ich weiß nur eins: Wenn ein solches Liedchen eine erbitterte Debatte von Morddrohungen bis zur kleinlauten Entschuldigung am Krankenbett des Vaters auslöst, dann ist das eine bedenkliche Verfallserscheinung. Zustände wie im alten Rom. Zu einem Neujahrsspaziergang am Anfang der zwanziger Jahre passiert das schon mal gar nicht.

Hart am Abgrund

Zum Glück kreuzten wir die Spiel- und Sportwiese vor einem mittleren gemischten Baumbestand, die sich zu jeder Tages- und Jahreszeit in einem besonderen Licht zeigt. Gerade hat sie noch ein modernes Klettergerüst erhalten. Kleine und Große spielen und trainieren ohne großes Geschrei, Familien lernen sich kennen, Kinder freunden sich an. Hunde begeben sich zur Notdurft selbständig in den Wald. Fahrräder und Roller haben Zeit sich auszuruhen.

Falls wir auf Sehenswürdigkeiten stoßen, machst du uns darauf aufmerksam und erläuterst sie uns? Die Wanderleiterin sagte zu.

All the pretty horses

An der Weggabelung nahmen wir die linke Richtung, um uns später nach rechts zu wenden, und da erreichten wir nun den sogenannten Rennsteig, und das war nicht zu Unrecht die Hauptsehenswürdigkeit, eine stillgelegte Bahnstrecke, die zu beiden Seiten hin steil abfiel. Diesen Weg auf den Höhen bin ich oft gegangen. Wo hat man sowas sonst schon in Berlin. Links war eine wilde Müllkippe inzwischen beräumt und aufgeforstet worden. Gefährlich nah am Abgrund stand eine rustikal zusammengezimmerte Bank. Anscheinend ist das Naturerlebnis ohne Nervenkitzel in der neueren Zeit nicht mehr viel wert. So auch luden die bizarr verästelten Eichen zum Klettern ein. Solche bizarren Eichen kennen wir sonst in Deutschland nicht, auch aus Russland können sie kaum zu uns gekommen sein.

Viel Pferdeverstand auf engem Raum

Endlich erreichten wir das Neubaugebiet und den Damm, der an der Trabrennbahn vorbeiführt. Der erste Renntag der zwanziger Jahre stand an. Die Frauen waren entzückt vom mühelos leichten Trab der Pferde und zeigten plötzlich Lust zu wetten. Sie betraten die zwielichtige Wetthalle im Tribünenunterbau, ließen sich kurz sagen, wie es gemacht wird und setzten auf Sieg für Grazia Greenwood und auf Platz für Thunder Jet. Der Stadionsprecher breitete sich aus über die Vorgeschichte der Pferde, ihren Rennrekord, Chancen hatten sie demnach alle, aber Thunder Jet trabte beim Einlaufen etwas zimperlich und Grazia Greenwood neigte zum Springen. Der Start erfolgte, keine leichte Prozedur, sieben Gespanne auf eine Linie zu bringen. Unsere Pferde mischten munter mit. Im Zieleinlauf holte Grazia Greenwood noch einmal mächtig auf, es reichte aber nur noch zum zweiten Platz, Thunder Jet wurde Vorletzter. Die Frauen waren erstaunt, dass sie nichts gewonnen hatten. Angesichts der vielen gewieften Wettprofis, die hundert Mal so viele Enttäuschungen wie Erfolge erlebt und weggesteckt hatten, konnten sie den Verlust von zehn Euro leicht verschmerzen, das Versagen ihrer weiblichen Intuition aber nicht so.

Silvester International

Über drei Filme musst du gehen ins Jahr 2020
© FJK

Silvester ist jeder Mensch heimatlos. Auch, wenn er zu Hause bleibt, dringt die Außenwelt mit ihren Raketenschlägen so in seine vier Wände ein, dass er sich schutzlos und unbehaust fühlt (ja, so sensibel sind wir). Inzwischen wird für und gegen die Böller gekämpft. Für die Böller, indem man sagt, wir klauen der Jugend mit unserer Lebensweise schon die Zukunft, wollen wir ihr jetzt auch noch das Erlebnis der krachenden privaten Feuerwerke nehmen?! Es finden sich immer Argumente.

Wir gingen Silvester ins Kino International. Das Kino in der Mitte der Stadt (und doch irgendwie am Rand) bot drei brandneue Filme, einen Imbiss und ein Glas Sekt für 29 Euro. Und ja, wir lieben das Kino International, wir kennen es, seit wir in Berlin sind, also ewig, es ist ein alter Neubau, der auch der Wende und dem Westen standhielt, es hat immer auch etwas Ausgefallenes zu bieten gehabt, und wenn man durch die Glasfassade im ersten Stock auf die Straße blickt, fühlt man sich mitten in der Welt.

Eher blöd ist die freie Platzwahl (man muss sowieso viel subtiler über Freiheit nachdenken, als das bislang geschieht), man steht in der Schlange vor der verschlossenen Eingangstür und weiß, dass man sich gleich seinen Platz erkämpfen muss, wir sind fünf, wir wollen zusammensitzen und nicht unbedingt in der ersten Reihe. Man will sich um diese Plätze auch nicht kloppen müssen. Aber es ging, wir brauchten nur Geduld und saßen vereint in der elften Reihe, Bionade und Bier hatten wir schon am Tresen geholt und die heimliche Bürgermeisterin von Mitte brachte selbstgebackene Käseplätzchen mit und ihre beste Freundin Stullen. Drei blutjunge Menschen betraten die Bühne und erzählten schüchtern und zweisprachig, was sie vorhatten. Pause mit Suppe und Pfannkuchen nach dem ersten Film, Pause mit Sekt und Begrüßung des Jahres 2020 nach dem zweiten Film und schließlich der dritte Film. Alle Filme waren OmU und hatten stattliche Überlängen. „Bombshell” (Das Ende des Schweigens) erzählt die Geschichte eines Missbrauchsskandals bei Fox News. Ich hatte Schwierigkeiten, in den ziemlich lauten Film reinzukommen, und Mühe, die belästigten TV-Blondinen auseinanderzuhalten, hielt gar zwei von ihnen für eine Person, aber als ich das endlich begriffen hatte, entfaltete das Movie seinen Drive auch für mich.

Pause. WC. Unendliche Schlangen bei den Frauen, moderate Schlange bei den Männern. Und nun ist es so, dass die Frauen sich ohne jede Scham auch bei den Männern anstellen, also, sie haben keine Angst vor der Männertoilette oder davor, angemacht zu werden, wir haben viel erreicht in diesen Jahren; sie gehen dann vermutlich aber in die Kabinen.

Die Suppe, eine Art Chili con carne, war gut, die Pfannkuchen waren unübertrefflich. Wir freuten uns auf den zweiten Film, „Little Women”, der für uns den Ausschlag gegeben hatte, die zweite Regiearbeit von Greta Gerwig, nach dem Roman von Louisa May Alcott, der wohl schon fünf Mal verfilmt wurde, mit Saoirse Ronan, Meryl Streep, Emma Watson und Timothée Chalamet. Vielleicht nicht günstig, dass Gerwig sich für ihre zweite Regiearbeit einen Kostümfilm mit viel Historie ausgesucht hat. Die Mädchen in dieser töchterreichen Familie haben alle ihre speziellen Talente, aber sie sind keine Charaktere. Saoirse Ronan kann ihre Genialität nur in Ansätzen zeigen. Trotzdem sieht man sich den Film mit allen seinen 131 Minuten gern an.

Zweite Pause. Wir tauschten unsere Plastikbuttons gegen Sekt, das neue Jahr begann mit einem Abba-Song, das Feuerwerk draußen war bunt, der Lärm gedämpft zu vernehmen, wir standen mitten in Raum und Zeit.

Filmisch begann 2020 mit „Knives out”, ein Krimi in der Nachfolge von Agatha Christie und Arthur Conan Doyle mit Daniel Craig. Da ich keine James-Bond-Filme kenne, war das für mich die erste Besichtigung Craigs. Seltsamer Mensch mit einem Kopf wie ein Würfel, und auch die Stimme ist ähnlich kompakt, die Augen schier unausdeutbar. 130 Minuten. Immer noch eine neue Volte bei der Aufdeckung des Mords und noch eine, ich spürte meine Augenlider schwer werden, aber das Ende ist überraschend genug, um uns wieder wach zu machen.

Es war drei Uhr. Vor dem Café Moskau wartete hühnchenhaftes Partyvolk auf den Einlass zu einer wahrscheinlich doch exklusiven Fete. Wir hielten nach Taxis Ausschau, aber die Bahnen fuhren wie in einer Weltstadt immer noch durch die Mitte der Nacht. So war Silvester. Sechs Stunden Film, maßvoll getrunken, wenig gegessen. Und die Helden dieses Jahreswechsels waren die Leute vom Kino International und die von der BVG.

Allen, die auf diesen Seite stoßen (und auch allen anderen, man ist kein Egoist) möge das Jahr 2020 geneigt sein und sie dem Jahr auch. Dann wird das schon.

Helgas Bilder, Clärchens Pizzen

Helga Paris am Pariser Platz in Berlin
© FJK, Corinna, Andrea

Pariser Platz und Brandenburger Tor voller Sonne und Menschen an einem Sonntag im Winter. Da kann man viel rumstehen und rumgehen. Am besten bewegt man sich doch in die Akademie der Künste: Helga Paris, Fotografin. Die Ausstellung geht nur noch bis zum 12. Januar.

Eingangs ein Film, der die Fotografin zeigt, wie sie eine Torte anschneidet, eine Geburtstagstorte wohl, sie ist achtzig geworden, ein Lebenswerk kann besichtigt werden, um sie herum Tochter, Sohn, Schwiegertochter, Schwiegersohn, Enkelin, mit der irgendwann auch Ronald Paris tanzt, der Opa. Ronald, sagt Helga Paris, dachte immer nur an die Kunst.

Helga kam im Krieg als Kind aus Pommern nach Zossen, zur großen Familie der Mutter, studierte Mode, kam durch Ronald Paris dem Bild näher, begann zu fotografieren, zunächst in der Nachbarschaft, Leute , die sie kannte, dann auch im Theater, sie durfte auf die Bühne, stört euch das laute Klicken der Kamera nicht?, nein, sagte Christian Grashof, du drückst immer im richtigen Moment des Bewegungsablaufs auf den Auslöser.

Sie sollte Theaterfotografin werden, aber sie wollte frei sein, und das ist sie geblieben. So konnte sie überall hingehen, wohin sie gehen konnte, nach 1989 auch nach New York. Aber vorher nach Halle, nach Leipzig, wo sie der Hauptbahnhof faszinierte, nach Siebenbürgen, Georgien und Moskau. Der Mensch, das Haus, die Straße. Die Kneipe, der Platz, der Betrieb, zum Beispiel VEB Treffmodelle. Alle Frauen tragen Kittelschürzen außer einer. Helga Paris fotografierte die Berühmtheiten schon, als sie noch nicht berühmt waren. So und nur so kennen wir eben auch deren junge Gesichter und Gestalten.

Der letzte Tango in Clärchens Ballhaus

Vor nicht langer Zeit haben wir eine ähnlich große Ausstellung von Roger Melis in den Reinbeckhallen in Schöneweide gesehen. Ebenfalls großartig. Aber wie unterscheiden sie sich. Melis war strenger, introvertierter, gedankenvoller. Helga Paris’ Bilder sind kommunikativer, keineswegs redselig. Eine Frau von ausgeglichenem Temperament, vor der sich keiner verschloss. „Jeder Mensch strahlt eine Schönheit aus … Die Offenheit eines Blicks.” Davon ist sie überzeugt, diese Schönheit findet sie, dieser Blick öffnet sich für sie. Sie findet auch die Schönheit einer geheimnisvollen Straße und eines brüchigen Hauses.

Wie in einem Stück von Anton Tschechow

Wir sind zu viert. Irgendjemand von uns hat Geburtstag. Irgendjemand sagt, dass wir heute Clärchens letzte Pizzen essen könnten, denn dann wird geschlossen und rekonstruiert, und was dann aus Clärchens Ballhaus geworden sein wird (Futur II), weiß kein Mensch. Wir gehen durch die Mitte der Stadt an der Spree entlang und am Haus, wo neuerdings Google arbeitet (und sie arbeiten viel), vorbei. Zur Auguststraße. In Clärchens Ballhaus ist das Tangomassaker entbrannt. Ein Albtraum für Leute, die nur tanzen, wenn sie allein oder angeheitert sind. Diese entfesselten Tangotänzer nehmen ihre Sache verdammt ernst, sie tanzen gewaltige Bögen, am besten beherrschen sie die jähe Blickwendung, wie man sie aus zahlreichen Filmen kennt. Die heimliche Bürgermeisterin von Berlin Mitte erstreitet, dass wir in den Wintergarten begeben, jeweils eine Pizza und ein Getränk zu uns nehmen dürfen. Ein Raum, nur für uns, hochspeziell, karg, mit abgeriebenen Wänden und alten Stichen. Wir behalten die Mäntel an, fühlen uns als erlesene Gesellschaft. Clärchens letzte Pizzen sind klasse, das Hausbier von munterer Frische. Und die Belegschaft kämpft mit den Gefühlen der Ungewissheit. Was wird sein, in einem Monat, einem Jahr.

Noch denken wir an die Fotos. Echt berühmt sind doch nur Sibylle Bergemann, Ute Mahler und Harald Hauswald von den Fotografen aus der DDR. Aber es gibt noch so viele andere auch sehr gute! Eins werden sie alle zusammen erreicht haben (wieder Futur II): In fünfzig Jahren wird man die DDR als ein Land sehen, in dem man atmosphärische, nahezu magische Fotos machen konnte. Schwarzweiß mit vielen Graustufen. Rätselhafte Menschen und rätselhafte Häuser, die man nicht so leicht entschlüsseln konnte.

Literarischer Zugang

Man kann sich auch verstecken, wenn man sich gar nicht verstecken muss
© Fritz-Jochen Kopka

Die Suhrkamp-Literatur war noch nie leicht zugänglich, aber jetzt im neuen Haus, zwischen Tor-, Rosa-Luxemburg-, Linien- und Zola-Straße, ist der Zugang noch schwerer, unwegsamer, aber auch berlinischer geworden. Die Situation mag eine vorübergehende sein (aber was ist in Berlin und in Deutschland überhaupt schon wirklich vorübergehend), der Verlag als Unternehmen von Weltrang bekennt sich zu diesem Zustand und macht uns nichts vor: „Suhrkamp Eingang hier” mit Pfeil, man würde das nicht vermuten, hinter diesem schrägen Kiesweg. Ein Bauwerk ist wie ein Buch; für beides müssen wir Wege finden, die in sie hineinführen, der Bau wird erst komplett durch seine Nutzer und Besucher wie das Buch durch seine Leser und Kritiker. Mit dem neuen, dem endlich eigenen Haus ist Suhrkamp in Berlin heimisch geworden und wird sich wohl offen zeigen für die Berliner Gesellschaft.

Es ist wieder da, das Räuberrad

Ein paar Schritte weiter, vor der Volksbühne, stellen wir fest, dass das Räuberrad zurück ist. Das war einst vom Bühnenbildner Bert Neumann für Castorfs Räuber-Inszenierung entworfen und vom Schweizer Bildhauer Rainer Haußmann gebaut worden. Nach Castorfs Vertreibung gab es Streit, das Rad wurde erst mal entfernt, in Avignon gezeigt und später in Berlin eingelagert, schließlich für 25 000 € saniert (das Rad selber hatte 22 000 € gekostet), die Hundepisse hatte den Füßen der Skulptur übel zugesetzt, und nun steht sie schon seit September 2018 wieder da, wo sie hingehört. Haben wir gar nicht mitbekommen, man kann nicht überall gleichzeitig sein in Berlin. Und das ist auch gut so.

Wie angenehm, nicht verstehen zu müssen

Auf der Suche nach der Modernen Kunst
© FJK

Nicht viel los im Hamburger Bahnhof an einem sonnigen Herbsttag zwischen Hauptbahnhof und Naturkundemuseum. Ich bin zu früh, aber auf einer Bank sitzt schon die Frau, die unsere Klassenbeste war vor einigen hundert Jahren und es in meiner Terminologie immer noch ist. Wir wohnen schon seit Ewigkeiten beide in Berlin, da kann man sich ja auch mal verabreden und nicht auf die Klassentreffen in Güstrow warten. Sie hat den Jüdischen Friedhof in Weißensee vorgeschlagen, ich die Galerie, das ist erst mal einfacher, auch wenn es jetzt nach der Nolde-Ausstellung kein spektakuläres Event gibt.

Wir kriegen unvorbereiteter Weise die volle Ladung moderne Kunst, Local Histories und Der Elephant im Raum aus der Sammlung Marx. Ich habe auch nicht viel Ahnung, aber unserer Klassenbesten sagt nicht mal der Name Marina Abramovic etwas, das wundert mich schon, nicht dass ich etwa denke, ich hätte sie im Laufe des Lebens eingeholt und überholt. Sie weiß sicher sehr vieles, was ich immer noch nicht weiß. So wandeln wir durch die Räume mit der gutmütigen Skepsis nicht ganz ungebildeter Ignoranten, die unentwegt von der neueren Zeit am Straßenrand zurückgelassen werden. Eigentlich, sagt unsere Klassenbeste, finde ich immer noch die Brücke-Maler modern. Das ist doch ermutigend, sage ich.

Wir sind nicht verpflichtet, irgendetwas gut zu finden, wir sind auch nicht dazu aufgelegt, die Modernen und ihre Werke zu verspotten. Ich habe schon in der S-Bahn genug nicht verstanden, als ich versuchte, Adornos Essay über – ausgerechnet – epische Naivetät zu lesen. Hier existiert nicht die Pflicht zu verstehen, hier heißt es nur sehen. Georg Baselitz zeigt einen männlichen Torso, der eindeutig die Geschlechtermerkmale unterläuft. „Die Sicherheit einer eindeutigen Zuordnung ist gestört, der Körper irritiert in seiner geschlechtlichen Identität.” Die Sehnsucht nach Ganzheit bleibe letztlich unerfüllt, sagt die Legende zum Bild. Es ist, wie fast immer, anregend, was die Kunstwissenschaftler an Deutung einbringen.

Marc Quinn, geboren 1964 in London, zeigt „Shit Head”, Scheiss-Kopf. Es geht nicht darum, dass der Kopf irgendwie Scheiße aussieht, sondern dass er aus den Materialien Edelstahl und Kot des Künstlers besteht. Kot des Künstlers (Künstler-Scheiße), sowas hab ich schon im MOMA in New York gesehen, in Büchsen. Es geht auch darum, Schranken zu durchbrechen, um zu sehen, was dann (nicht) geschieht. Wenn ich das richtig sehe, steht die Skulptur in einer Hülle mit doppelter Verglasung, vielleicht um Geruchsbelästigungen zu vermeiden. Endlich landen wir bei „The Capital Room”, der Installation von Joseph Beuys. 50 mit Kreide beschriftete oder auch bekritzelte Holztafeln, ein Konzertflügel, eine Axt, ein Speer, Messer, Taschenlampen, Kieselsteine, eine Zinkbadewanne, Seife, Handtücher, Gelatine, eine Gießkanne, eine Projektionsleinwand, elektronische Abspielgeräte, einige Kabel. Wir sind uns einig: Der Raum ist eindrucksvoll. Die Kunst erlaubt uns, ihn hinzunehmen, wie er ist, nicht erklären zu wollen, wie das alles zusammenpasst. Die Phantasie ist in Gang gesetzt. Was könnte hier geschehen sein. Welche Art Mensch hat hier agiert. Gebiert auch der Schlaf dieser Gegenstände Ungeheuer? (die Kunstpostkarte der Radierung von Goya gibt’s im Museums-Shop) Schon hat sich der Ausstellungsbesuch gelohnt, und noch liegt vor uns die Schau „Local Histories” in den angrenzenden Rieck-Hallen, die immer ein wenig unstrukturiert, um nicht zu sagen, mistig wirken, eine nicht enden wollende Flut von Räumen, Videos, Installationen, Gemälden, Fotos, Geräten, Geräuschen, Abgründen, die nach und nach zu unserer Irritation beitragen. Bis wir endgültig erschöpft sind und unsere Klassenbeste sich auf der Bank vorm Hamburger Bahnhof noch eine Zigarette gönnt. Die hilft beim Verarbeiten der vielfältigen Eindrücke.