Archiv

Posts Tagged ‘FAZ’

Ist es Amnesie?

Früher war mehr Lametta

Spiegel online hat sich als einzige Zeitung daran erinnert, was sie vor vier Tagen geschrieben hat. Die Russen scheiden trotz des 5:0 gegen Saudi-Arabien noch in der Vorrunde aus. Weil sie spielerisch zu schwach sind. Wie sich zeigte, war das Quatsch. Aber Spon hat sich dazu bekannt. Das ist selten. Ansonsten kriegt man Maulsperre, wenn man liest, wie die Medienmeute umschwenkt. Besonders, wenn’s um die Nation geht. Also nach der deutschen Auftaktniederlage gegen Mexiko. Das ist dann nicht nur ein mieses Match, wie es jeder Favorit auf dem Weg zum Titel (oder auch nicht) hinlegt, man wird gleich prinzipiell und wähnt sich der Apokalypse nah. Unser Freund Horeni, den wir ja als Hofberichterstatter Löws der ersten Stunde kennen, geht in Totalopposition. Wahrscheinlich hat Löw ihm nach der Niederlage ein Interview verweigert. „Der Bundestrainer … zog sich immer weiter in sich selbst zurück.” Oder: „Die Wirklichkeit … prallt an den Plänen des Bundestrainers ab.” Horeni hält sich anscheinend etwas darauf zugute, dass er aus kaum beachteten Details eine Weltanschauung ableitet. Hier trifft es Toni Kroos. Der Taktgeber glaubte gefoult worden zu sein, lag am Boden und nahm den Ball auf. Aber der Schiedsrichter hatte gar nicht gepfiffen. Das wollte Kroos nicht glauben „und bot ihm die Stirn”. Na so was. Horeni nennt das eine „selbstgefällige Wirklichkeitsverleugnung, der sich Toni Kroos hingegeben hatte.” Und weitet diese frappante Wirklichkeitsverleugnung auf das ganze Team aus. „Schaffen es die Weltmeister von 2014 noch, in der Realität der Weltmeisterschaft 2018 anzukommen?” Schließlich diagnostiziert Horeni einen Konflikt der Generationen. Die selbstgefälligen Alten wie Kroos und Hummels gegen die hungrigen Jungen. Kroos und Hummels sind 28 und 29, das kann man fast noch bestes Fußballeralter nennen. Und gerade die Jungen im Team (Kimmich, Draxler und Werner) zeigten sich überhaupt nicht jung, schnell und dynamisch. Trotzdem, Horeni bleibt bei seinem Stiefel: „… das Alte und die Alten sind mächtig. Vermutlich zu mächtig für einen Wandel …”

Hosianna und Kreuziget ihn. Ist es Amnesie? Hat er und haben die anderen Apokalyptiker vergessen, was sie vier Jahre lang gedichtet haben? Wie sie jeden aus dem 2014er Aufgebot stets und ständig als Weltmeister titulierten, auch wenn er keine Minute des Turniers gespielt hatte? Wie sie Manuel Neuer immer wieder zum besten Torwart der Welt ausriefen? Wie sie nicht müde wurden, von der Mission Titelverteidigung zu reden? Und ist ihnen entgangen, dass auch die anderen Favoriten Schwierigkeiten mit ihren Gegnern hatten, nur mühsam gewannen oder gerade mal ein Unentschieden erreichten? Woher kommt diese Hysterie? Diese Weltuntergangsstimmung bei einem verlorenen Fußballspiel?

 

Böll

Falls es – abgesehen von Vermögensverhältnissen und Führungspositionen – noch Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen gibt, dann zeigen sie sich darin, dass Westdeutsche eine starke Selbstbestätigung darin erfahren, ihre Idole, die sie selbst gekürt haben, stürzen, soblald sie ihnen verbraucht erscheinen oder sich Blößen gegeben haben. Es scheint da ein ständiges „So gut sind die auch nicht, dass sie so viel Geld verdienen und ständig in den Medien sind” herumzuspuken („Das sollte besser uns zukommen.”)

Ich komme darauf, weil ich mich über einen Beitrag in der FAZ wunderte, über den ich mich eigentlich nicht hätte wundern müssen. Ein nachdenklicher Mann wie Jürgen Kaube machte sich anlässlich des 100. Geburtstags über Heinrich Böll her. Der Bundespräsident hatte für ein Gedenken ins Schloss Bellevue eingeladen, „… und alles drehte sich um den Rhein und das Rheinland. Um seine Leute, Waschküchen, Auen und Nebel, den Weinrhein bis Bonn und Schnapsrhein ab Köln … Der rheinisch-katholische Antikapitalismus wurde angesprochen, die Barmherzigkeit und dass es außer Religion und Liebe keine anderen interessanten Themen für den Schriftsteller gab”. Man spürt Kaubes unangenehm hochnäsige Position, da spricht Verachtung und Selbstüberschätzung mit. Kaube unterstellt Böll, dass Ästhetik für ihn uninteressant war, er löste eher Rührung aus.

Das deutsche Feuilleton bekämpft die deutschen Literaturnobelpreisträger, es sei denn, sie kommen ein bisschen von außerhalb. Für Günter Grass hatten sie bei der FAZ Edo Reents, der dem Nobelpreisträger, wenn’s irgend ging, ans Bein pinkelte.

Was ist das für ein Defekt? Versteht man das? Deutscher Selbsthass? Das Gefühl, man selbst wisse im eigenen Haus besser Bescheid als das Nobelpreis-Komitee? Elitedenken? Ein Literaturnobelpreisträger dürfe nicht für allzu viele Leute verständlich sein? Sollte sich auch nicht in die politischen Dinge einmischen, schon gar nicht von links?

Das Böll-Bashing hat eine lange Tradition. Das Gutmenschentum, das ihm unterstellt wurde, die schlichte Denk- und Schreibhaltung. Zwischendurch und auch jetzt, zum 100. Geburtstag, haben sich Leute aus guten Gründen für Böll stark (und gerecht) gemacht, aber das ist für die Anderen erst recht unerträglich. Und klar: Wenn du einen Literaturnobelpreisträger runtermachst, zeigst du, was du selber für ein Genie bist.

Ehe für alle bringt auch Frust

Es passt noch nicht alles bei der Ehe für alle
© Klaus

Vor ein paar Tagen las ich – ich glaube, es war sogar im Wirtschaftsteil der FAZ – von behördlichen Frustrationen im Zusammenhang mit der Ehe für alle. Anders als die Menschen kommt die veraltete Verwaltungssoftware mit der Ehe für alle noch nicht klar. In den Standesämtern häufen sich die Umsetzungsschwierigkeiten, zu denen etwa gehört, dass etliche Ehemänner noch als „Frau” geführt werden. Das mag einigen von ihnen gefallen, aber bei weitem nicht allen. Es war weiter zu lesen, dass die Ehe für alle ihren Namen insofern nicht verdient, dass sie nicht für alle gilt. Also, wenn ein Autofreak seinen BMW heiraten möchte – das klappt nicht. Nein, jetzt habe ich übertrieben. Richtig ist, dass die Ehe für alle noch nicht für Intersexuelle gilt. Die müssen nämlich laut Personenstandsgesetz von 2013 ihr Geschlecht nicht angeben. „Aber ohne Geschlecht können sie auch keine gleichgeschlechtliche Ehe eingehen.”

Heiratswillige und Standesbeamte sind frustriert. Heiratswillige beschimpfen Standesbeamte am Telefon als inkompetent und böswillig.

Ich finde so einen Artikel sehr lehrreich. Aber auch belustigend, obwohl das ja gar nicht lustig ist.

Sehen, um zu sehen oder so

Dahinten geht’s dann scheinbar nicht mehr weiter
© Kopka

Der FAZ-Kulturredakteur Platthaus möchte eine feinsinnige Würdigung der verstorbenen Jeanne Moreau schreiben. Er ist im Feuilleton der FAZ der Mann für Cartoons, Donaldismus und alle Fälle, dazu zählt dann auch Film. Wie fängt er seine Würdigung an? „Wo immer man sie auch sah, war sie gar nicht zu übersehen.” Wie schade, dass Jeanne Moreau das nicht mehr lesen konnte. Sie hätte gelacht und würde vielleicht noch leben.

Kategorien:Presseschau Schlagwörter: , ,

Der Angeber in mir

Ich glaube,diese CD hab ich mir vor Jahren in Boston gekauft, in einem traumhaften Plattenshop (wenn ich auch mal ein bisschen angeben darf)

Ich glaube, diese CD hab ich mir vor Jahren in Boston gekauft, in einem traumhaften Plattenshop (wenn ich auch mal ein bisschen angeben darf)

Chuck Berry lebt, wurde letzte Woche 90, da gab’s natürlich einige Würdigungen, und man erfuhr, dass er aus seiner Kindheit keine Elendsgeschichten zu erzählen hat, er stammt aus geordneten Verhältnissen. Urvater des Rock ’n ’Roll nennt man ihn. „Die persönlichen Eskapaden dieses Mannes, dessen Launenhaftigkeit und Reizbarkeit gefürchtet waren – man frage nur Keith Richards –, stehen auf einem anderen Blatt”, schreibt Edo Reents in der FAZ. Ja, genau, warum fragen wir nicht Keith Richards, wenn wir ein paar Interna über Chuck Berry erfahren wollen, seine Handynummer ist ja allgemein bekannt, vielleicht kommt er auch einfach mal vorbei, und warum fragen wir nicht den Papst, wenn wir wissen wollen, was er über Martin Luther denkt.

Ist aber wirklich blöd, wenn einer den Angeber in sich so wenig verbergen kann wie dieser Reents.

Wir kriegen alles geschenkt

Student schleppt geschenkte Ausbildung heim © Klaus

Student schleppt geschenkte Ausbildung heim
© Klaus

Was sehen meine entzündeten Augen? Einen Wirtschaftskommentar in der FAZ von Michael Psotta (der Name sagt mir nichts) unter der Überschrift „Nicht verzweifeln”. Wer soll nicht verzweifeln? Die Studenten sollen nicht verzweifeln angesichts der Tatsache, dass sich das Wohnen „in Zeiten des Immobilienaufschwungs” auch für sie verteuert, was dezent ausgedrückt ist. Und dann heißt es: „Sie werden im späteren Berufsleben wahrscheinlich zu den Besserverdienenden gehören*, und sie erhalten vom Staat eine wertvolle Ausbildung geschenkt …” Geht’s noch? Die Studenten haben kein Gehirn mehr, sondern eine Speicherfläche, und da schenkt der Staat eine wertvolle Ausbildung hinein. Der Student selbst muss gar nichts tun. Von dieser Sorte scheint auch die Ausbildung zu sein, die Michael Psotta geschenkt bekommen hat.

* Wenn sie in die FDP eintreten

Kategorien:Presseschau Schlagwörter: , , , ,

Tuchels Defizite

Wir verlangen von einem Trainer, dass er auch noch ein guter Verlierer ist. Das entnehme ich der FAZ, dem Kicker undsoweiter. Sie schätzen den Trainer, der dem siegreichen Team eine hervorragende Leistung bescheinigt und dem Trainerkollegen sportlich fair zum Sieg gratuliert, was immer in den neunzig Minuten zuvor auch passiert sein mag. Sie wollen den sogenannten Gentleman-Trainer. Den vorbildlichen deutschen Sportsmann vom Scheitel bis zur Sohle. José Mourinho verachten sie, und Pep Guardiola war ihnen ein bisschen unheimlich. Und jetzt versuchen sie, Thomas Tuchel zu erziehen. Thomas Tuchel hat gerade mit dem BVB bei Bayer Leverkusen verloren, ausgerechnet, nachdem Bayern München gegen Köln Punkte liegen ließ, und Tuchel wollte absolut nicht einsehen, dass die Leverkusener besser waren und dass man ein faires Spiel gesehen hatte. Er schob die Niederlage auf die harte Gangart der Leverkusener, auf die Menge taktischer Fouls, die das schnelle Dortmunder Spiel zerstörten. Alarmiert kramt die FAZ die wenigen Niederlagen des Tuchel-Teams heraus und stellt fest, dass Tuchel den siegreichen Gegner nie gelobt hat und immer fadenscheinige Gründe für den Sieg der anderen anführte. Die Fouls des Gegners. Der miserable Platz. Der eigene, fahnenflüchtige Mitspieler. „In der Fußballwelt von Tuchel kann nicht sein, was nicht sein darf.” Nie lobt er den siegreichen Gegner.

Wir verstehen: Unsere Sportjournalisten haben auch eine Verantwortung als moralische Instanzen. Sie wollen die Trainer erziehen. Die sollen nicht nur noble Sieger, sondern auch gute Verlierer sein. Und irgendwann werden sie, die Sportjournalisten, dann wieder beklagen, dass es bei uns im Fußball keine echten Typen, keine Charaktere mit Ecken und Kanten gibt. Nur eben brave Gentleman-Trainer.

Ich allerdings finde es richtig, wenn der Trainer den Grund für die Niederlage nicht in der Klasse des Gegners sucht, sondern nach Ursachen forscht, die er selbst abstellen kann. Und wenn man ihm den Frust über eine Niederlage anmerkt.

Tuchels Defizite? Ich seh keine.