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Posts Tagged ‘FAZ’

Sehen, um zu sehen oder so

Dahinten geht’s dann scheinbar nicht mehr weiter
© Kopka

Der FAZ-Kulturredakteur Platthaus möchte eine feinsinnige Würdigung der verstorbenen Jeanne Moreau schreiben. Er ist im Feuilleton der FAZ der Mann für Cartoons, Donaldismus und alle Fälle, dazu zählt dann auch Film. Wie fängt er seine Würdigung an? „Wo immer man sie auch sah, war sie gar nicht zu übersehen.” Wie schade, dass Jeanne Moreau das nicht mehr lesen konnte. Sie hätte gelacht und würde vielleicht noch leben.

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Der Angeber in mir

Ich glaube,diese CD hab ich mir vor Jahren in Boston gekauft, in einem traumhaften Plattenshop (wenn ich auch mal ein bisschen angeben darf)

Ich glaube, diese CD hab ich mir vor Jahren in Boston gekauft, in einem traumhaften Plattenshop (wenn ich auch mal ein bisschen angeben darf)

Chuck Berry lebt, wurde letzte Woche 90, da gab’s natürlich einige Würdigungen, und man erfuhr, dass er aus seiner Kindheit keine Elendsgeschichten zu erzählen hat, er stammt aus geordneten Verhältnissen. Urvater des Rock ’n ’Roll nennt man ihn. „Die persönlichen Eskapaden dieses Mannes, dessen Launenhaftigkeit und Reizbarkeit gefürchtet waren – man frage nur Keith Richards –, stehen auf einem anderen Blatt”, schreibt Edo Reents in der FAZ. Ja, genau, warum fragen wir nicht Keith Richards, wenn wir ein paar Interna über Chuck Berry erfahren wollen, seine Handynummer ist ja allgemein bekannt, vielleicht kommt er auch einfach mal vorbei, und warum fragen wir nicht den Papst, wenn wir wissen wollen, was er über Martin Luther denkt.

Ist aber wirklich blöd, wenn einer den Angeber in sich so wenig verbergen kann wie dieser Reents.

Wir kriegen alles geschenkt

Student schleppt geschenkte Ausbildung heim © Klaus

Student schleppt geschenkte Ausbildung heim
© Klaus

Was sehen meine entzündeten Augen? Einen Wirtschaftskommentar in der FAZ von Michael Psotta (der Name sagt mir nichts) unter der Überschrift „Nicht verzweifeln”. Wer soll nicht verzweifeln? Die Studenten sollen nicht verzweifeln angesichts der Tatsache, dass sich das Wohnen „in Zeiten des Immobilienaufschwungs” auch für sie verteuert, was dezent ausgedrückt ist. Und dann heißt es: „Sie werden im späteren Berufsleben wahrscheinlich zu den Besserverdienenden gehören*, und sie erhalten vom Staat eine wertvolle Ausbildung geschenkt …” Geht’s noch? Die Studenten haben kein Gehirn mehr, sondern eine Speicherfläche, und da schenkt der Staat eine wertvolle Ausbildung hinein. Der Student selbst muss gar nichts tun. Von dieser Sorte scheint auch die Ausbildung zu sein, die Michael Psotta geschenkt bekommen hat.

* Wenn sie in die FDP eintreten

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Tuchels Defizite

Wir verlangen von einem Trainer, dass er auch noch ein guter Verlierer ist. Das entnehme ich der FAZ, dem Kicker undsoweiter. Sie schätzen den Trainer, der dem siegreichen Team eine hervorragende Leistung bescheinigt und dem Trainerkollegen sportlich fair zum Sieg gratuliert, was immer in den neunzig Minuten zuvor auch passiert sein mag. Sie wollen den sogenannten Gentleman-Trainer. Den vorbildlichen deutschen Sportsmann vom Scheitel bis zur Sohle. José Mourinho verachten sie, und Pep Guardiola war ihnen ein bisschen unheimlich. Und jetzt versuchen sie, Thomas Tuchel zu erziehen. Thomas Tuchel hat gerade mit dem BVB bei Bayer Leverkusen verloren, ausgerechnet, nachdem Bayern München gegen Köln Punkte liegen ließ, und Tuchel wollte absolut nicht einsehen, dass die Leverkusener besser waren und dass man ein faires Spiel gesehen hatte. Er schob die Niederlage auf die harte Gangart der Leverkusener, auf die Menge taktischer Fouls, die das schnelle Dortmunder Spiel zerstörten. Alarmiert kramt die FAZ die wenigen Niederlagen des Tuchel-Teams heraus und stellt fest, dass Tuchel den siegreichen Gegner nie gelobt hat und immer fadenscheinige Gründe für den Sieg der anderen anführte. Die Fouls des Gegners. Der miserable Platz. Der eigene, fahnenflüchtige Mitspieler. „In der Fußballwelt von Tuchel kann nicht sein, was nicht sein darf.” Nie lobt er den siegreichen Gegner.

Wir verstehen: Unsere Sportjournalisten haben auch eine Verantwortung als moralische Instanzen. Sie wollen die Trainer erziehen. Die sollen nicht nur noble Sieger, sondern auch gute Verlierer sein. Und irgendwann werden sie, die Sportjournalisten, dann wieder beklagen, dass es bei uns im Fußball keine echten Typen, keine Charaktere mit Ecken und Kanten gibt. Nur eben brave Gentleman-Trainer.

Ich allerdings finde es richtig, wenn der Trainer den Grund für die Niederlage nicht in der Klasse des Gegners sucht, sondern nach Ursachen forscht, die er selbst abstellen kann. Und wenn man ihm den Frust über eine Niederlage anmerkt.

Tuchels Defizite? Ich seh keine.

… machst du unseren Charakter so klein

Wir gehen lieber nach Friedrichshagen und schauen auf die Wasser und Flöße des Müggelsees © Fritz-Jochen Kopka

Wir gehen lieber nach Friedrichshagen und schauen auf die Wasser und Flöße des Müggelsees
© Fritz-Jochen Kopka

Von diesen Olympischen Spielen in Rio wollte ich mich eigentlich ausschließen. Wahrscheinlich bin ich auch gedopt (Hustenbonbons), es wird da nie eine Gerechtigkeit geben. Das Vorspiel hat mir schon gereicht, da ist man schon satt, wenn es mit den Spielen selbst beginnt. Das Gastgeberland Brasilien kann einem leid tun.  Es baut Stadien, die später in der nun einmal hingestellten Dimension nicht mehr gebraucht werden und wahrscheinlich verfallen, es verbraucht Unmengen Geld, und die Einwohner, die doch ein großes friedliches Spektakel erleben und zufrieden werden sollen, denken, dass dieses Geld doch besser ihnen zukommen solle, protestieren oder verweigern sich. Und dann die große Frage: Wem kann man trauen. Sie lässt sich am besten beantworten, wenn man sie so stellt: Wem kann man nicht trauen? Den Russen natürlich. Das weiß man schon von ihren Whistleblowern. Dennoch ahnen alle, dass die Frage damit nicht geklärt ist. Wie sagte ein deutscher Sportler: Es müssten auch noch andere Nationen ausgeschlossen werden. Jawohl, können wir fortsetzen, es müssen alle ausgeschlossen werden, die besser sind als wir, damit wir auch Medaillenchancen haben. Das wurde leider nicht geleistet. Und so dauerte es ein paar Tage, bis endlich auch Deutschland im Medaillenspiegel auftauchte, den die FAZ mit konstantem Stumpfsinn „Zerrspiegel” nennt. Warum sie das tut, steht im Kleingedruckten: „Aufgrund der Doping-Manipulationen, einem in manchen Ländern nicht oder nur unzureichend existierenden Kontroll-System und der teilweise bislang nicht nachweisbaren, verbotenen Substanzen übernimmt die Redaktion keine Gewähr für die Richtigkeit der Angaben. Eingefrorene Proben dürfen zehn Jahre lang nachkontrolliert werden. Mit einem endgültigen Ergebnis ist erst nach Ablauf der Verjährungsfrist 2026 zu rechnen.” Du lieber Himmel! Was soll man dazu sagen? Geht es hier um die Lottoergebnisse? Ohne Gewähr? Kann die FAZ verantwortlich gemacht werden, wenn sie den Medaillenspiegel abdruckt? Kann ein zwölfter Sieger bei ihr die Goldmedaille einklagen? Nimmt sich die Zeitung für Deutschland zu wichtig? Ja, sicher, das tat sie schon immer. Macht sie sich dabei auch lächerlich? Kommt drauf an, was für eine Art von Humor man hat. Man kann sich wundern, wie viel die FAZ zum Thema Doping druckt und wie wenig sie dabei aufklärt. Ein Interview mit der Schwimmerin Britta Steffen und ein kleiner Essay des Philosophen Slavoj Zizek, die sich allerdings auch in ihren Spalten fanden, sagen viel Konkreteres über das Problem als die jahrelange Polemik mit Schaum vorm Mund.

So lange Deutschland keine Medaille errungen hatte, befasste sich die Zeitung in ihrer Olympiaberichterstattung vorwiegend mit Dopingfragen. Am Dienstag, dem 9. 8., ganzseitig auf der Sportaufschlagseite unter der Schlagzeile „Das ekelt mich an”. Einen Tag später hatten deutsche Pferde und Kleinkaliberwaffen für die ersten Medaillen gesorgt. Da zog eine ganz andere, echt deutsche Stimmung, ein: „Der größte Reiter seiner Epoche”. Unterzeile: „Alles andere als Gold hätte wie ein Irrtum gewirkt …” (Solche Irrtümer gab’s aber einige.) Was sagen wir nun dazu? Und wieder, FAZ, machst du unseren deutschen Charakter so klein.

Die FAZ berichtigt sich

Die FAZ berichtigt sich. Sie hat sich vertan. Es ging um die berühmt-berüchtigte Rigaer Straße 94 in Berlin-Friedrichshain, oder sagen wir doch direkt: um linke Hausbesetzer. Die FAZ sprach von 7800 Straftaten, davon mehr als 2000 Gewalttaten, die von Personen dort seit 2011 begangen wurden. Das war ein Versehen, sagt tags darauf die FAZ. Es waren tatsächlich 78 Straftaten, davon 28 Gewalttaten. Ein Versehen, so so. Immerhin zeigt der Vorfall, dass die Verfasserin des Berichts keine Ahnung von den wirklichen Verhältnissen in der Rigaer Straße hat und dass sie es vorzieht, nicht zu überlegen, dafür aber gern polemisch zu werden. An ihren Fehlern sollt ihr sie erkennen. Was linke Verfehlungen anbetrifft, findet die Zeitung auch das Hundertfache des Tatsächlichen für sehr gut möglich. Und auch an ihren Angebereien erkennt man sie. Die kleine Notiz läuft unter der Spitzmarke: Ius non calculat. Man kennt diese Wendung eher in diesem Wortlaut: Iudex non calculat. Der Richter zählt nicht. Die FAZ meint jedoch: Das Recht zählt nicht. Weil es sowieso immer rechts steht? Soweit würde ich nie gehen. Wir bitten um Nachsicht, heißt es am Ende der sechs Zeilen. Ja, tut das, bittet um Nachsicht. Aber rechnet nicht damit.

 

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Adrenalin und Wermutstropfen

Ein paar deutsche Zwerge zwecks Kompensation

Ein paar deutsche Zwerge zwecks Kompensation

Lange gab’s für unser Land kein so erfolgreiches Sportwochenende wie gerade jetzt. Angelique Kerber gewinnt die Australian Open im Endspiel gegen Serena Williams, und die Handballer werden Europameister im Finale gegen Spanien. In beiden Fällen waren wir krasse Außenseiter. Da freut man sich natürlich doppelt, aber ein bisschen angst und bange wird einem auch. Was kommt nun aus den Medien auf uns zu. In der FAZ verkündet die Reporterin Simeoni: Der deutsche Torwart Andreas Wolff, „zeigte Reflexe, die auf nichts anderes mehr zurückzuführen sein konnten als auf eine übernatürliche Beziehung zum Ball. Danach schoss dem rothaarigen Riesen das Adrenalin so pfeilschnell in die Adern, dass er nur noch brüllen konnte. Jaaah! Einmal auch so brüllen! In diesen Zeiten des allgemein gefühlten Kontrollverlusts hat es gutgetan zu sehen, wie dieser deutsche Riese den anderen die Grenzen zeigt. Wie der Vierundzwanzigjährige zusammen mit seinem Team ganz Europa bändigt.”

Da ist dann bei mir die Freude schlagartig vorbei, da frage ich mich, ob die AfD schon einen Aufnahmeantrag geschickt hat. Das Übernatürliche! Der deutsche Riese! Den anderen die Grenzen zeigen! Europa bändigen! Das kann doch kein Zufall sein. Da wird doch über mehr gesprochen als über Sport.