Archive

Posts Tagged ‘Tatort’

Die verliebte Staatsanwältin

Oktober 22, 2012 1 Kommentar

Aus Tatorten und Polizeirufen kennen wir Staatsanwälte als Verhinderer, Umstandsbolzen, Aufschneider, Zauderer und Diktatoren. Stuttgart präsentierte jetzt die verliebte Staatsanwältin. Wenn das mal reicht. Die von Natalia Wörner dargestellte Schwäbin war regelrecht liebestoll („Begierde brennt ihr immer im Gesicht”) und konnte ihr Glück kaum fassen, als sich herausstellte, dass ihr gut betuchter Lover auch noch unverheiratet war und ihr einen ehrlichen Antrag machen konnte. Die Staatsanwältin vernachlässigte ihre Dienstpflichten mit dem Großmut aller Liebenden, und keiner konnte der fröhlichen Frau irgendwas verübeln. Natürlich verlangte die Dramaturgie des Krimis, dass der gute Johannes bald zum Kreis der Verdächtigen zu zählen war und die Staatsanwältin sich selbst als befangen aus der Feuerlinie nahm. Und an ihre Stelle trat der gewohnte Volljurist, ein selbstherrlicher Eierkopp sondergleichen.

Für kommende Stuttgarter Folgen wünschen wir uns also Frau Wörner zurück, reif ist sie schon, und ruhiger wird sie auch noch werden. Muss aber nicht sein.

Es zeigt sich hier wie da: Wenn die Ermittler okay sind, so, wie in Kiel Milberg und Kekilli und hier in Stuttgart Richy Müller und Felix Klare, dann sind wir in der Lage, dem Tatort so manche Wirrnisse und obskure Täter zu verzeihen. Die Ermittler sollen eben nicht populistisch sein und sich beim Zuschauer mit Scherzchen und sogenannten liebenswerten Schwächen anbiedern. Bei Richy Müller durfte man in dieser Folge sagen: Wie die Nase des Mannes – so seine Weisheit und Güte. Er ist lebensklug und hat in fast jeder Lebenslage für jeden und jedes Verständnis. Fast möchte ich sagen: Er ist ein Fatalist (wie ich). Und diesem Kommissar sieht man das nach, wir erinnern uns an einen Schicksalsschlag, den er erlitten hat. Nicht jeden macht das Leben ungerecht und hart.

Kategorien:Tatort TV Schlagwörter: , , ,

Der Täter-Versteher

September 24, 2012 1 Kommentar

Wir kennen den Frauen-Versteher, der keinen besonders guten Ruf hat, wir kennen die Prominenten-Versteherin, die sich in der Regel selbst für prominent hält, und jetzt lernen wir den Täter-Versteher kennen, das ist Peter Faber, der Kommissar im Tatort Dortmund, dessen erster Film „Alter Ego” heißt, und damit ist es auch schon gesagt: Der Kommissar sieht sich als anderes Ich des Mörders, er denkt und fühlt sich in ihn hinein, er simuliert die Tat, und so kommt er dem Täter auf die Spur. Das könnte auf die Dauer und in künftigen Folgen nervend werden, auch das ausgebreitete Binnenklima der Dortmunder Mordkommission, Weisungsbefugnisse, Unterordnung und Aufbegehren, Frust und Unmut, Liebe und Sex – so viel Information über diese vier Kriminalisten wollten wir gar nicht haben. Faber wird von Jörg Hartmann dargestellt und scheint eine schwierige Vorgeschichte zu haben, nimmt nämlich Antidepressiva und löffelt Ravioli aus der Büchse. Da werden wir wohl in künftigen Folgen noch einiges zu erfahren haben. Die Konstruktion dieser Kommissarsfigur beruht auf der Erkenntnis, dass in jedem Menschen Gutes und Böses steckt, das zu fördern und zu beherrschen sei. Vielleicht ist diese Konstruktion ein wenig zu banal. Wir werden sehen.

Die Tatorte haben es sich zu Eigen gemacht, in Zwischenschnitten den Himmel über Deutschland zu zeigen. Und der ist merkwürdiger Weise nie banal. Dafür können wir alle, Filmschöpfer und Zuschauer, nichts.

Kategorien:Tatort TV Schlagwörter: , ,

Tatort Dorf

September 17, 2012 1 Kommentar

Beim Bremer Tatort werde ich hochgradig nervös. Es ist keine Ermittlerarbeit zu besichtigen, sondern eine Geiselnahme, in die die Kriminalisten verwickelt sind. Der Graf von Monte Christo erlebt schon wieder eine Reinkarnation. Er heißt hier Wolf und hat wegen eines Mordes an seiner Liebsten, die auch ein Flittchen war, im Knast gesessen und wird sich nun rächen und den richtigen Mörder finden inmitten einer irrwitzigen dörflichen Hochzeitsgesellschaft. Das ist eine echte Scheißgeschichte, in der viel rumgeschrien und mit Waffen gefuchtelt wird und normale Leute eher nicht vorkommen. Ich muss sagen, dass ich noch keinen Tatort aus Bremen gesehen habe, der mir gefallen hätte. Frau Postel ist meistens kränklich oder eingeschnappt und ihr Kollege, ja, was soll man über den nun sagen! Hier verliert er seine Hose und rennt unten ohne durch Dunkelheit und Film. Frau Postel heißt im Tatort Inga Lürsen, und er ist der Kollege Stedefreund. Man kann sagen, dass so schamlos ausgedachte Namen immer schon ein Indiz für die Qualität des Drehuchs sind. Wohnte ich auf dem Dorf, würde ich mich wahrscheinlich beschweren über die hirnrissigen Dorfdeppen, wie sie hier vorgeführt werden. Wo leben wir denn. Eine Rezensentin in der FAZ phantasiert etwas „über einen Ton, der zwischen trockenem Witz und Drama äußerst gekonnt balanciert”. Das finde ich fast noch empörender.

Tat-Ort-Zeit

Würden Sie bitte aufhören, mich ständig zu duzen! Das war für mich irgendwie der am besten –  so beleidigt, empört und vornehm – gesagte Satz im Tatort „Fette Hunde”. Max Ballauf oder besser Klaus J. Behrendt, ein Schmerzensmann und grauer Wolf, sagt ihn zum schnöseligen Besitzer eines schmierigen Hotels. Bei Andreas Kleinert, denn das ist der Regisseur, ist das Leben immer besonders düster und schlimm. Die Ästhetik des Unheils schlägt durch. Von der stets misslingenden Rückkehr deutscher Soldaten aus Afghanistan ins gewöhnliche bundesrepublikanische Leben zu erfahren, gehört nicht zu meinen Lieblingssujets. Bemerkenswert töricht, wenn die FAZ ihre Vorabrezension untertitelt: „Ein sehenswerter Kölner ›Tatort”‹ bringt den Afghanistan-Konflikt nach Deutschland”. Er ist schon lange in Deutschland, der Konflikt, oder er wird nie hier sein. Also. Der Tatort ist sehr gut, sehr clever gemacht. Aber er will einem nicht gefallen. Das Leben im Film hat Schlagseite. Da helfen auch die Trostpflästerchen, sich anbahnende Liebesgeschichten und ein bisschen Humor, nicht. Die wirken eher unecht.

Kategorien:Tatort TV Schlagwörter: , ,

Vor der Glotze

Freitagabend sahen wir, vermutlich per Zufall, auf Arte „Die Reisen des Windes”, einen kolumbianisch-deutsch-argentinisch-holländischen Film von Ciro Guerra mit Marciano Martinez. Er erzählt von der letzten Reise des Akkordeonspielers Ignacio Carillo, der nach dem Tod seiner Frau nicht mehr Akkordeon spielen will, weil er sozusagen das Akkordeon des Teufels in seinem Besitz hat. Wie eine Klette hängt sich der Junge Fermin an Carillo dran, weil er auch Akkordeonspieler werden möchte. Talent scheint nicht vorhanden zu sein. Ignacio gibt sich nicht die geringste Mühe, den Jungen zu ermuntern oder ihm gar etwas beizubringen. Beeindruckend war der Film durch die unerwarteten und großartigen Bilder, ungesehene Landschaften, seltsame Menschen, im Stehen schlafende Dörfer, durch seine Einsilbigkeit und auch dadurch, dass er kein Thema bediente und nichts erklärte. Ignacios Sprödigkeit, der Eifer des Jungen, und alles führt letzten Endes zu nichts. Kein Trost, keine Illusion, keine Nähe, nur die spröde Wahrheit. Aber ist die Wahrheit wirklich die Wahrheit, wenn man ignoriert, dass der Glauben Berge versetzen kann oder wenigstens diesen oder jenen Misthaufen?

Am Sonnabend schoben wir aus Verzweiflung über das Programm die DVD „Es begann in Neapel” ein, Sophia Loren und Clark Gable. Der Film war wahrscheinlich nicht lange vor Clark Gables Tod gedreht worden, Gable sah nicht aus wie ein gesunder Mann und hatte eine Figur wie ein Maikäfer. Auch für Sophia Loren war das anscheinend nicht die beste Zeit. Sie musste des Öfteren in einer Bar tanzen, was sie eher hölzern tat. Die stattliche Frau wirkte hier gedrungen, war unvorteilhaft gekleidet, und Erotik suchte man vergebens. Es fielen nur die breiten Oberschenkel und der unförmige oder auch formlose Hintern auf. Mag auch sein, dass sich bei der Transformation von der Leinwand auf den Bildschirm Verzerrungen ergeben, so dass der Sex Appeal verloren geht, denn es kann ja wohl nicht sein, dass die fünfziger und sechziger Jahre so bieder und unerotisch waren, wie es hier schien.

Mir fiel ein, dass es zu jener Zeit wohl ein richtiges Genre gab, das in der Regel reiche Amerikaner auf ihren Europatouren zeigte, das Zusammentreffen der Alten und der Neuen Welt, die Irritationen zwischen den knallharten, aber nicht humorlosen amerikanischen Geschäftsleuten und den romantischen Europäern. Daneben gab’s dann auch die Filme mit den unechten Amerikanern, etwa Hans Moser in „Der Onkel aus Amerika” und Alberto Sordi in„Ein Amerikaner in Rom”.

Sonntag schließlich der letzte Tatort mit dem, Zitat FAZ, großartigen Mehmet Kurtulus als verdeckter Ermittler Cenk Batu. Angeblich war der Film ein Skandal. Batu wird von der todkranken Auftragskillerin Valerie erpresst, ihren Auftrag, den Kanzler zu töten, auszuführen, da sie selbst es nicht mehr schaffen kann. Am skandalösesten führten sich in diesem Film allerdings die jungen Trader (Banker) auf, die glaubten, die Welt zu beherrschen und die letztlich den Auftrag zum Attentat auf den Bundeskanzler auslösten zwecks Milliardengewinn. Die seltsame Rolle der Valerie musste die arme Corinna Harfouch spielen, eine irgendwo abgeschriebene Gestalt aus dem Krimi- und Thriller-Universum, mit der man sich wohl nur unbeliebt machen kann. Für Mehmet Kurtulus, meint das Feuilleton, war es ein denkbar schlechter Abschied. Finde ich nicht.

Mühsam kommt ein Mord zustande

Die Harmlosigkeit auf dem Lande

Die Harmlosigkeit auf dem Lande

Skepsis ist geboten, wenn die Rezensenten einen Tatort oder eben Polizeiruf vorab beschwärmen, jetzt also den Polizeiruf „Die Gurkenkönigin” aus Brandenburg, mithin den Dorfkrimi mit dem stämmigen Hauptwachmeister Krause als Konstante. An seiner Seite dieses Mal Sophie Rois, der Volksbühnenstar, als Aushilfskommissarin für die schwangere Standardpolizistin. Und das war auch der Grund, warum die Rezensenten jubelten: Sophie Rois, die wir alle lieben, macht’s. Sie steigt, wie Orpheus, herab zum kleinen Polizeiruf in Brandenburg, spielt es natürlich blendend und plötzlich ist alles ringsum ebenfalls phantastisch. Der kauzige Krause sowieso,  der Regie gelingt es, „witzig, lässig und sehr sophisticated, die erzählerisch sehr überzeugenden Themenkomplexe in ihrer Widersprüchlichkeit plausibel zu verknüpfen” (hallo, Frau Bazinger, hallo, FAZ, haben wir hier nicht die Gurkenkönigin gesehen, sondern Faust, der Tragödie dritten Teil?); „geistreich komische Dialoge”, „famose Kameraführung”, „leicht aufgebaute” und ebenso leicht „ausgehebelte Klischees”, und selbstverständlich darf auch der blödsinnige Standardsatz nicht fehlen: „Susanne Lothar brilliert als undurchsichtige Unternehmerin”. Nun, für mich ist es eine alberne Dorfklamotte und wäre ich ein Landbewohner, würde ich protestieren gegen die Harmlosigkeit, mit der hier die Dörfler vorgeführt werden. Nur mühsam kommt ein Mord zustande, der sich umgehend mehr oder minder selbst aufklärt. Mit Krauses Dienstpistole witzigerweise wird er vollzogen, die der Wachtmeister verliert, als er einen als Vampir maskierten Einbrecher stellen will, dabei stürzt, der Einbrecher entführt die Waffe und steckt sie später hoch diabolisch dem potentiellen Täter zu. Um die Sache nicht gar so simpel zu machen, bietet sich noch eine weitere Verdächtige irrtümlich als Täterin an. Die Tote liegt indessen wie Ophelia mit einer Stirnwunde im Wasser. Darunter machen wir’s auf dem Dorfe nicht.

Sophie Rois spielt die Fremde im Dorf mit herausfordernd fröhlicher Vertraulichkeit, die sie nur umso mehr zur Fremden macht. Man darf davon ausgehen, dass sie ein wenig an Inspektor Columbo gedacht hat. Wenn sie so kindlich wie ironisch „Ich bin die Polizei” sagt, jubeln die Rezensenten auf, wenn sie auf High Heels durchs Dorf stakst, schwärmen sie von ihrem Sex Appeal. Und wenn sie am Ende sagt: „Schuld ist immer der, der abdrückt”, gehen die sonst so gern maulenden Rezensenten zufrieden ins Bettchen. Es scheint eine Berufskrankheit zu sein. Sie können nicht mehr einordnen, was sie sehen. Tausend andere Szenen spuken in ihren Köpfen herum.

Nebenbei gesagt sollte der Polizeiruf sich endlich mal einen professionellen Vorspann zulegen, es gibt Leute, die so was sehr gut hinkriegen, aber ein Schuh, eine umgekippte Flasche Wein und ein in den Fluss geworfener Metallkoffer schwunglos zusammengeklebt – geht’s noch dilettantischer?

Kategorien:Tatort TV Schlagwörter: , , , , ,

Der Täter stempelt sich ab

April 10, 2012 1 Kommentar

Nach fast drei Stunden Doppel-Tatort ist die Lösung eines Serienmords absurd einfach. Der Name des Täters ist auf die Rückseite eines Fotos gestempelt. Foto Bransky. Die Leipziger Polizistin Saalfeld wird daraufhin so leichtsinnig, dass sie mit geschürztem Mund das Fotoatelier betritt, vom Täter umgehend einen Schlag auf den Hinterkopf erhält, so dass sie das Bewusstsein verliert, fachmännisch gefesselt und der Dienstwaffe entledigt wird.

Die Doppelfolge war gerechtfertigt, weil Kölner und Leipziger Kommissare gemeinsam ermitteln und beide Städte abgefilmt werden mussten, Kölner Dom und Leipziger Unihochhaus, Wurstbraterei und Babystrich, wenn sich auch die Polizisten erstmal gegenseitig Nasenstüber versetzten, weil sie unabgesprochen im fremden Revier auftauchten. Wenig später beginnen Kommissarin Saalfeld (Eva) und Kommissar Schenk (Freddy) Süßholz zu raspeln, der Gang von Kommissar Ballauf wird stetig zierlicher und Kommissar Keppler lässt überraschend Charme aufscheinen. Das alles klingt nicht umsonst etwas altmodisch, es ist auch so gedacht und gemacht und warum auch nicht.

Die Kommissare haben alle mit ihrem Gewicht oder anderen menschlichen Schwächen zu schaffen. Die dickeren haben bereits aufgegeben und verspeisen mit drei, vier Bissen riesige Brathähnchen, die anderen kämpfen (noch) und nagen an freudlosen Käsebrötchen. Auffällig, dass die Tatorte zwar regional, aber nicht unbedingt dialektfreundlich daherkommen. Nur die unteren Chargen dürfen Dialekt sprechen, etwa der Wachtmeister, der die Verdächtigen abführt. Das ist in Wien natürlich ganz anders.

Am Ende muss der gute Freddy Schenk gleichsam im letzten Moment den Täter erschießen, der ihre eigene Dienstwaffe auf Eva Saalfeld gerichtet hat. Es ist nicht das erste Mal in Schenks Polizistenleben, dass ihm so was widerfährt. Was die Sache nicht leichter macht, wie alle meinen, Zuschauer eingeschlossen.