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Archive for the ‘Short cuts’ Category

Als ich noch auf die Berliner Schnauze hörte

Was soll das werden, Girls?
© Kopka

Wat meinste, wat ick mache, wenn ick aufjejessen habe! Denn sauf ick weiter! Denkste, ich bin blöd? Jeden Morgen muss ick essen.

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Geh zu Erwin, der bringt dir wieder hoch. Aber tu ihm nich enttäuschen. Denn isses aus.

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Mit die Grundfarben komm ick ja klar.

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Is ne Sache, die zwei Medaillen hat.

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Sind einfache Strukturen, aus denen ick komme.

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Zwei Jahre is ja zu spät. ’ne Kur zwei Jahre nach ’m Herzinfarkt is zu spät.

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Demokratie is schön und gut, aber so’ne Demokratie is Mist.

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Wat sind det ooch allet für Gestalten, die zu Hause rumhängen und nischt verdienen.

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Du könntest ooch ’n Sechser im Lotto haben und würdest det nicht merken.

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Kunde: Und was sagst du zur Zigarettenmafia?

Händler: Was für ’ne Mafia?

Kunde: Zigaretten.

Händler: Zigarettenmafia. Schießen könnense. Außerdem bin ich Nichtraucher.

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Det war ja damals immer schlimm, wenn einer den andern nischt gegönnt hat. Und jetzt is det noch viel schlimmer.

Kategorien:Berlin, Short cuts

Das Ich und das Unter-Ich

Die Kinder waren hin – und weg. Forum-Center Berlin Köpenick

Die Kinder waren hin – und weg. Forum-Center Berlin Köpenick

Ich habe das Idealgewicht, aber nicht die Idealfigur.

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Der Rentner in mir ist noch nicht erwacht. Rentner sind die immer die anderen.

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Es ist das Vorrecht des Alters, Unfug zu reden. Ich fange auch schon damit an.

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In meinem Leben geschieht nichts. Aber in meinem Fernsehapparat.

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Zu meiner Verwunderung bin ich auf dem Weg, Nichtalkoholiker zu werden. Jetzt fehlt noch der Fernsehverzicht.

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Hilf uns, oh Fernsehen, dass die Zeit vergeht, ohne dass sie uns drückt und quält.

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Es ist ein verdammter Irrtum zu glauben, dass das Internet einem Gesellschaft leisten kann.

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Warum setzen sich im Zug immer dicke Frauen neben mich? Ich habe keine Bewegungsfreiheit.

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Ich unterhalte mich doch nicht mit wildfremden Menschen über so was Intimes wie das Wetter.

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Es gibt Unfreiheiten, mit denen ich sehr gut zurecht komme, und Freiheiten, mit denen ich nichts anfangen kann. Natürlich kenne ich auch Unfreiheiten, die ich nicht ertrage, und Freiheiten, die ich genieße.

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Ich bin kein Gesamtkunstwerk.

Hat auch keiner behauptet.

Ja. Das kommt noch hinzu.

Arbeit und andere Mythen

Model, Fotograf und Assistent auf Planten und Blomen in Hamburg. Sieht nicht so aus, ist aber auch Arbeit.

Model, Fotograf und Assistent auf Planten und Blomen in Hamburg. Sieht nicht so aus, ist aber auch Arbeit.

Die Helden der Arbeit sind auch die Opfer der Arbeit.

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Wer nicht isst, soll auch nicht arbeiten.

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Arbeitslosigkeit: das Glück im Unglück.

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Die Arbeitslosen kommen frisch und unbekümmert an, um in den Wartezeiten merklich zu verfallen. Die Arbeitsamtsdamen rennen mit einem Affenzahn über den Korridor, als gehe es bei ihrer Tätigkeit um Zentimeter und Sekunden. Die Gesichter sind vom Drang nach Bedeutung verzerrt. Andererseits fällt auf, dass nur sehr selten mal ein Arbeitsloser hineingerufen wird; was machen sie die ganze Zeit? Und wenn die Arbeitslosen wieder hinauskommen, müssen sie entweder weiter warten oder sie gehen kopfschüttelnd aus dem Amt wieder hinaus; etwas Positives hat keiner hier erfahren. Wer noch nicht in den Wartezeiten verfällt, kommt nach seinem Termin verfallen aus dem Büro seiner sogenannten Arbeitsvermittlerin.

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Ich halte Arbeit für einen Fluch im biblischen Sinne, sagte Wolfgang Koeppen im Gespräch mit André Müller. Er fing immer wieder einen Roman an, er schrieb seinem Verleger, dass er wahrscheinlich noch einen Monat, höchstens zwei, benötige, er kassierte Vorschüsse über Vorschüsse, und nichts wurde noch fertig. Ich halte Nicht-Arbeiten für einen Fluch im Koeppenschen Sinne.

Lust an der Insolvenz

Zwischen zwei Unfreiheiten – unweit von Dublin © Julia Thalheim

Zwischen zwei Unfreiheiten – unweit von Dublin
© Emilia Thalheim

An unserem Haus vorbei ziehen die Kinder morgens lärmend auf die Wiese, wo sie dann spielen können, was ein sagenhaft euphemistischer Ausdruck ist. Es sind alles Schreikinder, und das Kind, das nicht schreit, ist gleichsam nicht vorhanden. Ich schreie, also bin ich. Die Kindergärtnerinnen ermuntern die Kinder. Sie haben allerdings Stimmen, und sie sprechen in einem Sound, der mich auch zum Schreien brächte. Darum bin ich – nicht nur, aber auch – für männliche Kindergärtner. Wird es mir gelingen, einer Kindergärtnerin mal ganz sachlich folgende Frage zu stellen: Bringen Sie den Kindern manchmal auch etwas Vernünftiges bei? Und haben Sie sich einmal überlegt, was aus diesen Kindern eigentlich werden soll? Mit diesen Voraussetzungen? Mit dieser Erziehung?

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Woran siehst du denn, dass das ein Arbeitsloser ist? – Weil er so tut, als könnte er vor Kraft nicht laufen.

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Wochenende Regen. Montag Sonnenschein. Die Werktätigen wittern eine Verschwörung.

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Blondgebleichte Mallorca-Berliner

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Idioten des Augenblicks

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Wer geht schon gern in den Keller!

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Ein guter Tag, um sich einen Mojito zu mixen.

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Es ist nicht mehr so, dass ich abnehme, wenn ich laufe. Aber ich nehme zu, wenn ich nicht laufe.

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Ich lasse mich nicht von mir unter Druck setzen. (Leichter gesagt als getan)

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Ich muss ehrlich zugeben, dass ich schon wieder zwei Tage lang keinen Alkohol getrunken habe.

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Langsam wird mir das zu viel. Man ist von Idioten umgeben und wird dabei selber zum Idioten.

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Sagen wir es so: Thomas Neumann wurde erst im Rentenalter jung.

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Das sind alles moderne Leute. Die sagen nichts.

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Auch ein Westdeutscher wird sich benehmen können, wenn er sich Mühe gibt. Ich sehe nicht ein, warum das anders sein soll.

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Das Schöne am Frauenfußball ist, dass das nicht nur ein Fußballspiel, sondern immer auch ein Gaudi ist, weil so viel schief geht und dem Zufall überlassen ist.

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Der Fußball sieht sich wieder mal nicht in der Lage, die gewünschten Ergebnisse zu liefern.

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Art van Rheyn: Männlichkeit ist eine Not, die sich als Tugend verkleidet.

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Er hatte Blähungen wie Adolf Hitler.

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Suhrkamp – die Lust an der Insolvenz

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Problematische Stärken: eine von Altersrücksichtslosigkeit nicht mehr unterscheidbare Urteilsfreudigkeit / Kepels neues Buch macht den Eindruck, als habe der Autor mit sämtlichen Terroristen des Nahen Ostens gezeltet. / Wer macht sich die Mühe, ständig unter dem Umständen zu leiden? (Peter Sloterdijk: Zeilen und Tage)

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Bei Kaisers, der stellvertretende Filialleiter: „Sind se aber ooch selber schuld. Wat gehn se in die Pampa. Hätten ja in Berlin bleiben können.”

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„Am Mikrofon ist weiterhin Gabi Wuttke und wünscht uns allen einen schönen Tag”, sich selbst also ooch. Ich wünsche mir einen guten Tag. Das kann ich aber auch für mich behalten oder?

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Die polnische Putzfrau spricht dieselbe Sprache wie Johannes’ Pferde, die ja auf einem Hof in Polen stehen.

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Konservatismus steht manchen Männern ganz gut, Frauen hingegen grundsätzlich nicht. Ich beobachte das beim Lesen der FAZ. Der Konservatismus männlicher Journalisten mag nicht sympathisch sein, er ist aber stimmig, scheint ihnen beinahe angeboren zu sein. Bei den Frauen wirkt der Konservatismus angeschafft. Man will sich mit Macht irgendwo zugesellen. Auf der sicheren Seite sein. Ich lese seit einiger Zeit die Texte dieser Journalistinnen gar nicht mehr. Sie gleichen sich alle.

Sieben Minuten Begeisterung

Mauer in Berlin Mitte. Natürlich im Durchgang zum Kino Central Rosenthaler Straße

Mauer in Berlin Mitte. Natürlich im Durchgang zum Kino Central Rosenthaler Straße

Lange her. Halbfette Sätze aus dem Jahr 2004. Gerhard Schröder war Kanzler, Marlon Brando wurde 80 und starb, Wolfgang Hilbig lebte noch, Florian Gerster, der Direktor der Arbeitsagentur, musste seinen Dienst quittieren, Herr Jauch war noch Frau Christiansen, der Schauspieler Krug entdeckte einmal mehr, dass er auch Schriftsteller war, und Griechenland wurde Fußballeuropameister.

Am Telefon

Silke Engel ruft an, sie hat eine so tiefe Stimme, dass ich sie zuerst für ihren Mann halte. / Vom Parlament ruft ein Herr Kruse an, ich soll eine Rezension über das Politbüro-Buch machen. Er ist so nett, dass er mir alsbald auf die Nerven geht.

Fehlurteile

Der abgelöste Gerster taucht bei Christiansen auf und benimmt sich, als wäre er ein Held, dem man eine hohe Auszeichnung verliehen hat. / Im Fernsehen liest Krug aus seinem dürftigen Buch und verhält sich dabei, als sei ihm eine große Kostbarkeit zwischen die Finger gekommen.  / Wer eines der blödesten deutschen Wörter, Geldbörse, verwendet, tut dies, weil er nicht weiß, wie Portemonnaie geschrieben wird. Redakteurin K. beweist es. Sie schreibt, dass sie träumt, ihre Geldbörse werde gestohlen (der denkbar schlimmste Albtraum) und dann schreibt sie in der Not, um nicht gleich noch mal Geldbörse sagen zu müssen, Portmonae.

Unter Künstlern

Der Liedermacher will jetzt nur noch Anzüge tragen und kein Bier mehr trinken. / In Piepers Sozialstation sitzt neuerdings auch der Dichter Hilbig. Trinkt er Bier oder Brause, frage ich./ Marlon Brando, der vergangenen Sonnabend 80 wurde, sagte als Dreißigjähriger: Ich kann mich an etwas begeistern, aber es dauert nie länger als sieben Minuten. Genau sieben Minuten. Das ist meine Grenze. / Gespenster, sagt Christian Petzold und so heißt auch der Film, den er im Moment dreht, das sind Gestalten, die nicht einsehen wollen, dass sie tot sind… / Raymond Chandler empfindet seinen Charakter als „unverträgliche Mischung aus äußerlicher Schüchternheit und innerlicher Arroganz”, rororo-monographie von Thomas Degering,  / „Ich kann nicht verstehen, wie man schwul sein kann, das Normale ist doch schon unangenehm genug.” Egon Friedell.

Sport und Sportler

Die Aufschläge, die das Tier macht, sind oft turnerische Glanzstücke, manchmal verenden sie aber auch schon an seinem eigenen Hemd. / Unser Führungsspieler erscheint als letzter und benötigt eine halbe Stunde, um sich auf seinen Auftritt vorzubereiten. / Im Tabellenkeller ist es noch eng. / Das ist der neue Trend: Die Schiedsrichter sehen etwas, das gar nicht war, und sehen nicht, was war. So werden sie originell.  / Robert Gernhardt: … auch in intellektuellen Kreisen kann man es sich heute nicht mehr leisten, von Fußball keine Ahnung zu haben. Sonst ist man ausgegrenzt. (FAS) / Guru der Fußballvergangenheit / Er ist die Inkarnation der manisch-depressiven deutschen Fußballseele”, heißt es da (FAZ). „An Kerners Populismus wird man sich nie gewöhnen.” An anderer Stelle: Kerner, der sein Fähnchen urteilskraftfrei in den Wind hängt. / Der Erfolgstrainer Rehhagel scheint schwachsinnig zu werden vor Glück. Nun ist es so weit gekommen, dass die Deutschen ihren hässlichen Fußball mit großem Erfolg ins Ausland exportieren. Otto Rehhagel hat den hässlichen deutschen Fußball zu einem begehrten Exportgut gemacht.  Die modernen Gesellschaften finden keine Antworten auf die alten Fragen. Keine Mannschaft hat ein Mittel gefunden, um die griechische Abwehr auszuspielen. Otto, der Rentnerkönig. / Armstrong ist mir nicht geheuer. Nicht diese Überlegenheit, nicht dieses Gesicht. Man sagt sich immer: eine typische Version von Hochmut kommt vor dem Fall. Aber der Fall lässt sich Zeit. Der Bush-Amerikaner, der die Weltherrschaft beansprucht und sich gottgleich sieht. / Alle interessieren sich für Fußball, niemand interessiert sich für Fußballbücher.

Haus, Straße, Kontaktbereich

Sprachliche Fehlleistung. Jürgi ist noch in der Stotterschule. Was soll er denn da? Er kann doch schon stottern. / Frau König wird völlig von ihrem Pudel dominiert. / Die Arschlöcher mähen ihren Rasen jeden Tag. / Der frisst, wat seine Olle ihm vorsetzt. / Die tragische Figur aus der Rheingoldstraße. Das Opfer aus dem Wachregiment. Der Gatte der Staatsanwältin. Der Herr der Schildkröten. Der Sittlichkeitsverbrecher./ Dem Arbeitslosen bekommt die Ruhe nicht. Deshalb muss man ihn immer wieder aufstören (oder aufstöbern?) in seinem Nest. / Käfers Hand greift zum Bier. Bier und „Bild“, Schutz und Schild. / Der Millimetermann muss sich immer gegen den Sturm stemmen, auch wenn es keinen Sturm gibt.

Aber der Lorbeer ist immer noch bitter

Man kann ja auch befreundet sein, ohne Kontakt miteinander zu haben oder Notiz voneinander zu nehmen. / Wie  schön Grimma nach der Flut wieder geworden ist. Unter den Kommunisten, sagt der begeisterte Propagandist den Menschen, hättet ihr jetzt noch in Zelten gelebt. Unter den Kommunisten hätte es gar keine Flut gegeben, sage ich. /Ich bin der Meinung, dass Männer, die gut und leidenschaftlich gern tanzen, immer auch ein bisschen lächerlich sind. / Zehn Deutsche sind natürlich dümmer als fünf Deutsche, sagte Heiner Müller. Zehn Russen sind mir lieber als een Wessi, sagt ein Mann im Ost-Dorf Straguth. (Dokfilm von Thomas Heise) / Einige Studenten waren schon sehr dick, vom Assistenten ganz zu schweigen, Hans Brenner mit der lichten Stirn, dessen Bauch im Fußballdress ungeahnte Dimensionen zeigte. / In diesem Land hat man nicht nur Albträume, sondern auch Albwachen. Da stehen dann Mitarbeiter des Finanzamts an der Gartenpforte und murmeln etwas von Vollstreckung. Was wird vollstreckt? Das Todesurteil?  / Diese deutschen Vornamen sind nach wie vor unter eine Katastrophe, besonders die männlichen. / Es geschieht ihnen Unrecht, aber das zu Recht. / „Auf der Welt gibt es keine erfolgreiche Boulevardzeitung, die nicht rechts stünde”, sagt Peter Übersax, Ex-Chefredakteur des Schweizer „Blick”.  / Ein Westler ist ein Mensch, der keine Gelegenheit auslässt, ja, wo laufen sie denn! zu sagen und auf Heiterkeitsausbrüche zu warten. Einige vaterlandslose Ostler quatschen das nach, weil sie glauben, sie wären als Ostler nicht mehr erkennbar, wenn sie diesen Signalsatz beherrschen. / Die Ministerin sieht aus wie ein Vampir nach der Chemotherapie.  / Hans D. Barbier (FAZ) gesteht dem Kanzler einen naturwüchsigen Streetfighter-Charme zu. / Hinter jeder Frau, die gegen das Elend der Welt kämpft, steht ein gelassener Mann.

Aus meinem Leben

Regen. Einkaufen. Briefe schreiben. / Mutter (93): Schlimm, dass du alles dreimal sagen musst! Sohn (60): Dreimal ist okay. / Ich spiele einen Wutfanfall, weil ich die 500 000-€-Frage auf Anhieb glaube beantworten zu können, während der Kandidat aufgibt. / Sind Sie der Autor?, fragt die Frau, es ist die Regisseurin, ich hatte Sie mir attraktiver vorgestellt. / Man kommt nicht an sich heran. / Die Sonne hat sich verabschiedet. Der durchgängig graue Himmel wirkt beruhigend. Ein Wetter zum Romane schreiben. (Na, dann mach doch!)

Der Genießer redet nicht vom Genuss.

 

Die großen Rätsel der Menschheit

Lasst alle Hoffnung fahren…

Lasst alle Hoffnung fahren …

Wie mitten in der Steppe: der Regionalbahnsteig in Berlin-Karlshorst. Im verwahrlosten Wartehäuschen versucht eine junge Mutter, ihre Söhne zu bändigen.

„Ich wiederhole mich nur ungern, Lukas. Du gehst sonst zu Fuß nach Spandau. Wer nicht hören will, muss leiden.”

„Und ich muss kackern.”

„Hör auf, Justin. Das muss keiner weiter wissen.”

Es sieht so aus, als fördere die Erziehungsaufgabe auch das rhetorische Vermögen der Eltern.

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Der Bus, der unter anderem am Krankenhaus hält, ist wie immer voller alter und gebrechlicher Leute.

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Zahnarzt, Anmeldung. Ich habe einen Termin bei Frau Nahr, sage ich, und füge hinzu: wie eigentlich jeden Tag. Eine wartende Patientin bricht in verständnisvolles Gelächter aus.

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Wenn du Studien treiben willst, musst du dich in eine Umkleidekabine bei H & M begeben. In diesen Kabinen verbringen weibliche Jugendliche ganze Tage, probieren alles Mögliche an und erzählen sich dabei die merkwürdigsten Sachen.

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Hast du eben grad Nutte zu mir gesagt?!

Was??? Sorry. Ich hab mir nicht zugehört.

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Drei Frauen, die auf einem Mann rumhacken. So wird Geschlechtergerechtigkeit nicht zu erreichen sein.

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Gib Männern einen Kran oder einen Bagger und ein (sinnloses) Objekt und sie sind mit Leib und Seele bei der Sache, brauchen nichts anderes.

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Es gibt kein Recht auf Vergessenwerden im Internet, bestätigt der Europäische Gerichtshof zugunsten der Internetsuchmaschine Google.

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Die wichtigste Einnahmequelle von Studenten bleiben nach wie vor die eigenen Eltern, berichtet die FAZ.

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Zwei rote Notrufwagen zwinkern ihr blaues Licht in die Straße. Die Rettungsmänner kommen aus Rettichs Haus, holen einen Rollstuhl aus ihrem Wagen und gehen wieder ins Haus. Dann dauert es. Wen hat’s erwischt? Frau Rettich? Herrn Rettich? Einen Enkel? Man muss doch Anteil nehmen. Die Retter kommen wieder aus dem Haus heraus, die Rettich turnt wie eine kleine Generalin oder Feldmarschallin um sie herum. Im Rollstuhl sitzt Rettich, klein wie eine Mumie. Die Rettich zeigt weder Trauer noch Besorgnis, aber Geschäftigkeit. Mit rudernden Armen und krächzenden Worten beschreibt sie den Männern den Weg. Wie sie am besten herauskommen aus dem mehr oder minder stillgelegten Quartier Karlshorst.

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Peter Sloterdijk, aus der Rede zum Börne-Preis:

Ich wusste jetzt, dass Massenmedien, eben weil sie sind, was sie sein müssen, primär nicht informieren, sondern zeichenbasierte Epidemien erzeugen, ich wusste, dass die Menschenrechte des Originals gegen die Gewalt der Paraphrase nicht zu schützen sind, dass es auf massenmedialer Ebene nie um Argumente geht, sondern um die Einspritzung mentaler Infektionen, vor allem aber wusste ich, dass es auf Meinungsmärkten keine Missverständnisse gibt. Mir war klargeworden, auf der Themenbörse haben nur jene Verzerrungen einen Marktwert, die dem Verzerrer Gewinn eintragen.

Zum einen meinte ich, dass man im Prozess der Demokratie mehr und mehr auch für seine Feinde verantwortlich wird.

„Gesellschaft” ist der seit der Aufklärung gebräuchliche Codename für eine massenmedial integrierte, zumeist polythematische Stress-Kommune.

FAZ,  19. 6. 13

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Die Köppke. Geht einerseits am Stock, andererseits in einem Affenzahn. Was ist bloß in diese Rentner gefahren!

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Sir Michael Caine

Ich will keine Liebesszenen mehr spielen. Ich habe sie immer gehasst. Vor allem, wenn sie Nacktheit erforderten … Beim Filmschauspielen geht es um Kontrolle. Wenn du als Mann auf der Leinwand frontal nackt zu sehen bist, hast du die Kontrolle verloren. Man muss die Kontrolle bewahren. Und … in dem Moment, in dem du als Schauspieler nackt von vorn zu sehen bist, hast du die Kontrolle verloren. Da gucken alle nur noch auf deine Körperteile.

FAS 7. 7. 13

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Gavin Pretor-Pinney

An der Küste treffen der Ozean, das Festland und der Himmel zusammen. Die Art und Weise, wie Welle auf Welle auf die Küste trifft, immer auf ähnliche Weise, aber nie genau gleich, zeigt uns, wie die Maschine der Natur arbeitet. Es erinnert daran, dass es ein Grundprinzip des Lebens auf der Erde ist, dass Energie übertragen wird. Bei dem, was wir als Meereswelle wahrnehmen, bewegt sich Energie durch das Wasser als Medium auf die Küste zu … Die Wellen sind die Mimik auf dem Gesicht des Ozeans.

Ja, eigentlich könnte man sagen, dass es sinnlos ist, Wellen zu beobachten. Man erreicht dabei nichts. Aber Aktivitäten wie das Wellenbeobachten legitimieren sozusagen das Nichtstun – und das wiederum ermöglicht, Denkblockaden zu lösen, unter denen übrigens nicht nur Schriftsteller leiden.

FAS 7. 7. 13

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Sonntag 12 Uhr. Es riecht schon wieder so ordinär nach Essen.

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Im Garten. Wie Nachbarn ihr Leben nach außen tragen! Man hat das Gefühl neben einem Rentnerferienlager zu wohnen. Rentner wie Kinder essen die Mahlzeiten in der Gemeinschaft mit Feuereifer auf und kratzen anschließend mit Gabel und Messer auf den Tellern herum. Am Ende rächt sich der Eifer in Erbrochenem oder starkem Aufstoßen. Die gesundheitlichen Malaisen werden leidenschaftlich outriert.  Dumpfe Beschreibungen, Stöhnen, Husten, fatales Gelächter, Ächzen und Seufzen.

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Herr Rebschneider ist wirklich einer, der glaubt, die Welt verstanden zu haben, was er dem Studium der Bildzeitung verdankt. Aber wenn er die Welt nun bereits verstanden hat, warum fährt er dann fort, die Bildzeitung zu lesen? Langeweile, Neugier, Voyeurismus, Niedertracht? Eines der großen Rätsel der Menschheit.

Das Schicksal schlägt zurück

Berlin ist tierlieb

Berlin ist tierlieb

Angestrichene Sätze aus dem Jahr 2007

In der Silvesternacht war der Zwergenkönig so klein wie ein Kind. Das Rentnerehepaar arbeitete eine Stunde schweigend und verbissen, um seine Raketen abzufeuern; sie sahen nicht mal hin, wenn eine Rakete aufstieg, es war eine reine Pflichtaufgabe.

Tischtennistraining. Der Rentner Dieter schmettert wie entfesselt.

Runder Geburtstag. Martin, der eine Rede schwingt, es aber nicht schafft, die Leute zum Weinen zu bringen.

Am Morgen kämpfte Horst Schiller aus Wurzen mit der hohen Stimme eines sächsischen Psychopathen im Deutschlandradio wieder einmal  für den Fortbestand der Demokratie, die – seiner Meinung nach – weniger gegen die Extremisten von rechts, als vielmehr gegen die von links verteidigt werden muss, die in Regierungen und Parlamenten sitzen und ausgemachte Demokratiefeinde sind.

Polizeiruf noch aus der DDR. Man kann sich da wirklich amüsieren über die extrem harmlosen Gestalten, die fortwährend um ihr Geld betrogen werden und sich dann bei den besorgten Genossen von der Volkspolizei ausheulen.

Langsam wird es lächerlich, wie Ole Einar Björndalen im perfekten, aber auch grotesken Skating-Schritt vor dem Feld herläuft und die besten des Feldes als panische Meute aussichtslos hinter ihm her hetzen.

Für den Demütigen kann der bittere Rest des Lebens auch süß sein.

Die Psychoanalyse/Schmeckt heut wie Frischgemüse.

Die marodierende Rentnerin erkennt mich nur in Verbindung mit meinem Haus.

Bei Genazino stößt man doch immer wieder auf befremdliche anatomische Details, die man nicht wissen möchte.

Was hassen Sie in oder an Deutschland? Vornamen von Männern und Hüte von Frauen. Wenn Frauen in Kneipen sitzen und ihre Kopfbedeckungen nicht abnehmen, kriege ich Magengeschwüre.

Leben wir, um zu rauchen, oder rauchen wir, um zu leben …

In den Kleingärten hantieren ein paar Kleingärtner. Zweifellos gehören sie der Unterschicht an. Wahrscheinlich schlafen sie in ihren Lauben, waschen sich nicht und scheißen an die Böschung oder auf ihre Komposthaufen.

Die Sturmwarnung sieht aus, als würde der Millimetermann sie ab und zu bei den Beinen packen und mit ihrem Schopf die Küche und das Bad schrubben.

Vier Menschen sitzen an einem Geburtstag vor dem TV-Gerät und drücken auf unterschiedliche Fernbedienungen. Modern times.

Sich sprachlich auf die andere Gesellschaft einstellen fällt immer noch schwer. Zum Beispiel Schumann: Arbeiternehmer.

Unterschicht ist oft gleich Übergewicht.

Rudolf Scharping auf Fotos sieht aus wie schlecht gemalte Heiligenbildchen.

Ja, keine schlechte Frage. Gibt es eine Vergangenheit? Oder ist das, was wir Vergangenheit nennen, Literatur?

Ich geh in den Saturn, halte nach Geschirrspülern, Rasierapparaten und DVD Ausschau, obwohl wir schon lange keine DVD mehr angeschaut haben.

Mittagsruhe im Garten. Meine Nachbarin liegt auf der Bild-Zeitung.

Halten Sie den Mund, wenn Sie mit mir reden, schnauzt ein Offizier den Rekruten Oliver Hardy an. Sowas ist noch das Beste, was vom Fernsehen her an unser Ohr dringt.

Ehepaare als Landplagen

Witwen und Witwer

Meine Mutter hegt den Verdacht, dass ihr Leben endlos sein könnte. Es gibt Gründe genug, beunruhigt zu sein, dass hier und da keine Enden abzusehen sind. Soll das denn alles nun für immer so bleiben, kein Ende finden, sich nicht ändern, fragt man sich. Deshalb freue ich mich auch irgendwie, wenn eine Tube leer, ein gelber Sack voll ist, irgendwas zum Abschluss kommt.

Man schlägt das Schicksal, und das Schicksal schlägt zurück.

Das Husten der Dienstboten. Sind sie eigentlich immer krank?