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Archive for the ‘Short cuts’ Category

Nach der Wahl ist vor der Wahl

Männer ohne Eigenschaften, aber voll im Trend
© Fritz-Jochen Kopka

Juvenile Rentner: Jede Morgen kann ich mir aussuchen, welche Heldentaten ich im Laufe des Tages vollbringen möchte.

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Die Fehler des Kopisten sind ja gerade das, was seine Bilder einmalig macht.

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Ich bin zwar manchmal ordinär, aber niemals primitiv.

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Seltsam, dass besonders grobe Leute so gern die Formulierung „vom Feinsten” verwenden. Das ist wirklich vom Feinsten.

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Leuten misstrauen, die sich ständig gelangweilt fühlen, zum Beispiel vom Tatort. „Serviert mir gefälligst Spannung.” Spannung ist doch ein zweiseitiges Phänomen. Den stumpfen Charakter kann man nicht herausfordern. Der mufft vor sich hin.

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Die Ostdeutschen haben es gelernt, alles was schief lief in ihrem Leben, der DDR in die Schuhe zu schieben. Und die Westdeutschen haben sie darin bestätigt. (Und selbst, wenn es so gewesen wäre mit der Schuld der DDR – hilfreich war diese Haltung nicht.)

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Da steht nun einer vor Gericht, der einen AfD-Mann Fascho genannt hat. „Ich hatte nicht die Absicht, den Herrn zu beleidigen. Ich dachte, der freut sich. Ich wollte ihm ’ne Freude machen.”

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„Die Stasi war mein Eckermann” … und ich war mein Goethe.

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Deutschlandfunk Kultur: Die Moderatorin sagt „Teenagerin”. Es ist offenkundig kein Versprecher. Und der Moderator später spricht von Nick Cave als dem bestangezogensten Mann der Pop-Branche. Er weiß es nicht besser. Ein Superlativ ist schlimm genug, aber der doppelte in einem Wort: Horror. Kürzlich hat sich das Deutschlandradio Kultur in Deutschlandfunk Kultur umbenannt. Eine andere Umbenennung wäre angebrachter gewesen.

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Der Hochmut der Unterschicht gegenüber allen, die vermeintlich noch etwas tiefer stehen, und allem, was sie nicht verstehen. Die Wut über alle, denen es vermeintlich zu gut geht. Die Untertänigkeit vor der Macht.

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Der einsame Gärtner in der Erntezeit: Die ganze Scheiße verfault. Er hat keinen, der das pflücken und essen will.

„Der Gärtner hat keinen, der das frisst.”

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„Sie war die erfolgreichste, sozialdemokratischste Ministerin.” Auch Deutschlandfunk Kultur. Wer lernt mir englisch sprechen? Lern erst mal deutsch.

 

 

Irre unter Irren

Eigentlich ganz schön hier

Geschwisterliebe

Holger sitzt mit Helga unter der Markise vorm Haus, ein Bild wie Philemon und Baucis; die reine Güte. Aus dem Inneren des Hauses feuert Heinz einen grandiosen Furz ab. Das kann nicht wahr sein, johlt Holger. Helga schweigt und lacht auch nicht. Heinz ist ihr leiblicher Bruder.

Aus dem Leben eines Läufers

Am Ende der ersten Bahn spielt – auf dem Weg mitten im Wald – eine Kitagruppe. Die Kindergärtnerinnen erzählen sich ihre Sexgeschichten, und die Kinder taumeln autistisch über die Wege. Die scheren sich um nichts. Der Läufer muss Slalom laufen. Man kommt anscheinend auf die Welt und denkt, man ist da allein, obwohl man allein ja keine drei Tage überleben könnte. König der Welt ist das Herz, das sich liebt.

Ungeahnte Aussichten

Otto Mohtor schleicht mit schussbereiter Kamera die Straße runter, in der sein Zweit-Haus steht. Ich weiß auch warum. Der Nachbar seines verlassenen Hauses hat sein Auto vor Ottos Ausfahrt geparkt und ist in Urlaub gefahren. Da ist ein Beweisfoto fällig. Den Nachbarn, der eh nicht mit ihm redet, wird er anzeigen, obwohl Otto die Ausfahrt seit Jahren nicht mehr benutzt. Der wird abgeschleppt, das kostet mindestens 260 €, reibt er sich die Hände. Ich sage, eigentlich ist das nicht okay. Der Staat sackt das ganze Geld ein; du solltest mindestens 50 Prozent davon bekommen. Der Gedanke, um nicht zu sagen: das Geschäftsmodell,  gefällt Otto Mohtor. Ich sehe, wie es in seinem Gehirn rattert.

Ehe für alle

Lebt … in einer Beziehung mit einem BMW.

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Wenn Sturm ist

Als sie vor die Haustür traten, hörte der Regen plötzlich auf. Da hatten die Regenschirme keine Lust mehr, auszugehen und blieben einfach stehen. Der nächste Regen kommt bestimmt.
© Kopka

Beim Bäcker kaufe ich mehr als gewöhnlich, die Bäckerfrauen meinen auch, dass ich richtig zuschlage. Ja, sage ich, ich hab im Lotto gewonnen.

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Wenn Sturm ist, hat der Wind wenig Chancen.

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Ich bin jetzt wieder bei Isaak Babel, Die Reiterarmee, in der Ausgabe der Friedenauer Presse, neu übersetzt und erstmals kommentiert von Peter Urban. War Babel es nicht, der sagte: Das muss schon ein sehr guter Schriftsteller sein, der es wagt, zwei Attribute vor ein Substantiv zu setzen. Aber er macht das öfter. Was heißt, er hält sich für einen sehr guten Schriftsteller. Die Attribute sind allerdings auch immer ziemlich ungewöhnlich.

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So früh schon viele Leute mit der Flasche in der Hand und am Hals unterwegs, Alkoholfahnen im Bus, unsichere Beine, Säuferhaut, Übergewicht, Wichtigtuer am Handy, Berliner Schnauze.

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Vielsagende Ankunft

V: Das hab ich mir gedacht, dass du hier aufkreuzt. Was issen los?

T: Was soll denn los sein?

V: Wo kommst du denn her?

T: Wo soll ich denn herkommen?

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Wir haben immer versucht, die Kinderfeste so zu gestalten, dass die Kinder da nicht nur leiden müssen.

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Der Baum hat mir ’ne Wurzel gestellt, dachte der Läufer, rappelte sich auf und lief weiter. Der Ellbogen aufgeschürft, das Knie, der Oberschenkel, alles rechts. Der Baum hat mir ’ne Wurzel gestellt.

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Was vielen das Leben unnötig schwer macht: der Mangel an negativer Phantasie.

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Tragik des Dichters – der eigene PC erklärt sein Gedicht zur Spam.

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Viele wurden erst nach dem Ende der DDR antikommunistische Widerstandskämpfer. Das war ja auch vernünftig. Da zahlte sich der Widerstand wenigstens aus.

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Man merkt deinen Büchern an, dass du wenig gelesen hast in deinem Leben. Es mutet an, als wolltest du jedesmal das Buch neu erfinden.

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Sie schreibt ja unbestreitbar fabelhaft. Ja. Wenn sie nur auch ein bisschen Glück bei Männern hätte. Das würde auch ihrem Charakter gut tun.

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Der (angeblich) Schwerhörige: Wenn ich weiß, was du sagen willst, versteh ich auch alles.

Als ich noch auf die Berliner Schnauze hörte

Was soll das werden, Girls?
© Kopka

Wat meinste, wat ick mache, wenn ick aufjejessen habe! Denn sauf ick weiter! Denkste, ich bin blöd? Jeden Morgen muss ick essen.

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Geh zu Erwin, der bringt dir wieder hoch. Aber tu ihm nich enttäuschen. Denn isses aus.

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Mit die Grundfarben komm ick ja klar.

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Is ne Sache, die zwei Medaillen hat.

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Sind einfache Strukturen, aus denen ick komme.

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Zwei Jahre is ja zu spät. ’ne Kur zwei Jahre nach ’m Herzinfarkt is zu spät.

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Demokratie is schön und gut, aber so’ne Demokratie is Mist.

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Wat sind det ooch allet für Gestalten, die zu Hause rumhängen und nischt verdienen.

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Du könntest ooch ’n Sechser im Lotto haben und würdest det nicht merken.

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Kunde: Und was sagst du zur Zigarettenmafia?

Händler: Was für ’ne Mafia?

Kunde: Zigaretten.

Händler: Zigarettenmafia. Schießen könnense. Außerdem bin ich Nichtraucher.

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Det war ja damals immer schlimm, wenn einer den andern nischt gegönnt hat. Und jetzt is det noch viel schlimmer.

Kategorien:Berlin, Short cuts

Das Ich und das Unter-Ich

Die Kinder waren hin – und weg. Forum-Center Berlin Köpenick

Die Kinder waren hin – und weg. Forum-Center Berlin Köpenick

Ich habe das Idealgewicht, aber nicht die Idealfigur.

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Der Rentner in mir ist noch nicht erwacht. Rentner sind die immer die anderen.

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Es ist das Vorrecht des Alters, Unfug zu reden. Ich fange auch schon damit an.

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In meinem Leben geschieht nichts. Aber in meinem Fernsehapparat.

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Zu meiner Verwunderung bin ich auf dem Weg, Nichtalkoholiker zu werden. Jetzt fehlt noch der Fernsehverzicht.

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Hilf uns, oh Fernsehen, dass die Zeit vergeht, ohne dass sie uns drückt und quält.

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Es ist ein verdammter Irrtum zu glauben, dass das Internet einem Gesellschaft leisten kann.

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Warum setzen sich im Zug immer dicke Frauen neben mich? Ich habe keine Bewegungsfreiheit.

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Ich unterhalte mich doch nicht mit wildfremden Menschen über so was Intimes wie das Wetter.

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Es gibt Unfreiheiten, mit denen ich sehr gut zurecht komme, und Freiheiten, mit denen ich nichts anfangen kann. Natürlich kenne ich auch Unfreiheiten, die ich nicht ertrage, und Freiheiten, die ich genieße.

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Ich bin kein Gesamtkunstwerk.

Hat auch keiner behauptet.

Ja. Das kommt noch hinzu.

Arbeit und andere Mythen

Model, Fotograf und Assistent auf Planten und Blomen in Hamburg. Sieht nicht so aus, ist aber auch Arbeit.

Model, Fotograf und Assistent auf Planten und Blomen in Hamburg. Sieht nicht so aus, ist aber auch Arbeit.

Die Helden der Arbeit sind auch die Opfer der Arbeit.

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Wer nicht isst, soll auch nicht arbeiten.

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Arbeitslosigkeit: das Glück im Unglück.

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Die Arbeitslosen kommen frisch und unbekümmert an, um in den Wartezeiten merklich zu verfallen. Die Arbeitsamtsdamen rennen mit einem Affenzahn über den Korridor, als gehe es bei ihrer Tätigkeit um Zentimeter und Sekunden. Die Gesichter sind vom Drang nach Bedeutung verzerrt. Andererseits fällt auf, dass nur sehr selten mal ein Arbeitsloser hineingerufen wird; was machen sie die ganze Zeit? Und wenn die Arbeitslosen wieder hinauskommen, müssen sie entweder weiter warten oder sie gehen kopfschüttelnd aus dem Amt wieder hinaus; etwas Positives hat keiner hier erfahren. Wer noch nicht in den Wartezeiten verfällt, kommt nach seinem Termin verfallen aus dem Büro seiner sogenannten Arbeitsvermittlerin.

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Ich halte Arbeit für einen Fluch im biblischen Sinne, sagte Wolfgang Koeppen im Gespräch mit André Müller. Er fing immer wieder einen Roman an, er schrieb seinem Verleger, dass er wahrscheinlich noch einen Monat, höchstens zwei, benötige, er kassierte Vorschüsse über Vorschüsse, und nichts wurde noch fertig. Ich halte Nicht-Arbeiten für einen Fluch im Koeppenschen Sinne.

Lust an der Insolvenz

Zwischen zwei Unfreiheiten – unweit von Dublin © Julia Thalheim

Zwischen zwei Unfreiheiten – unweit von Dublin
© Emilia Thalheim

An unserem Haus vorbei ziehen die Kinder morgens lärmend auf die Wiese, wo sie dann spielen können, was ein sagenhaft euphemistischer Ausdruck ist. Es sind alles Schreikinder, und das Kind, das nicht schreit, ist gleichsam nicht vorhanden. Ich schreie, also bin ich. Die Kindergärtnerinnen ermuntern die Kinder. Sie haben allerdings Stimmen, und sie sprechen in einem Sound, der mich auch zum Schreien brächte. Darum bin ich – nicht nur, aber auch – für männliche Kindergärtner. Wird es mir gelingen, einer Kindergärtnerin mal ganz sachlich folgende Frage zu stellen: Bringen Sie den Kindern manchmal auch etwas Vernünftiges bei? Und haben Sie sich einmal überlegt, was aus diesen Kindern eigentlich werden soll? Mit diesen Voraussetzungen? Mit dieser Erziehung?

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Woran siehst du denn, dass das ein Arbeitsloser ist? – Weil er so tut, als könnte er vor Kraft nicht laufen.

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Wochenende Regen. Montag Sonnenschein. Die Werktätigen wittern eine Verschwörung.

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Blondgebleichte Mallorca-Berliner

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Idioten des Augenblicks

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Wer geht schon gern in den Keller!

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Ein guter Tag, um sich einen Mojito zu mixen.

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Es ist nicht mehr so, dass ich abnehme, wenn ich laufe. Aber ich nehme zu, wenn ich nicht laufe.

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Ich lasse mich nicht von mir unter Druck setzen. (Leichter gesagt als getan)

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Ich muss ehrlich zugeben, dass ich schon wieder zwei Tage lang keinen Alkohol getrunken habe.

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Langsam wird mir das zu viel. Man ist von Idioten umgeben und wird dabei selber zum Idioten.

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Sagen wir es so: Thomas Neumann wurde erst im Rentenalter jung.

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Das sind alles moderne Leute. Die sagen nichts.

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Auch ein Westdeutscher wird sich benehmen können, wenn er sich Mühe gibt. Ich sehe nicht ein, warum das anders sein soll.

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Das Schöne am Frauenfußball ist, dass das nicht nur ein Fußballspiel, sondern immer auch ein Gaudi ist, weil so viel schief geht und dem Zufall überlassen ist.

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Der Fußball sieht sich wieder mal nicht in der Lage, die gewünschten Ergebnisse zu liefern.

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Art van Rheyn: Männlichkeit ist eine Not, die sich als Tugend verkleidet.

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Er hatte Blähungen wie Adolf Hitler.

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Suhrkamp – die Lust an der Insolvenz

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Problematische Stärken: eine von Altersrücksichtslosigkeit nicht mehr unterscheidbare Urteilsfreudigkeit / Kepels neues Buch macht den Eindruck, als habe der Autor mit sämtlichen Terroristen des Nahen Ostens gezeltet. / Wer macht sich die Mühe, ständig unter dem Umständen zu leiden? (Peter Sloterdijk: Zeilen und Tage)

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Bei Kaisers, der stellvertretende Filialleiter: „Sind se aber ooch selber schuld. Wat gehn se in die Pampa. Hätten ja in Berlin bleiben können.”

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„Am Mikrofon ist weiterhin Gabi Wuttke und wünscht uns allen einen schönen Tag”, sich selbst also ooch. Ich wünsche mir einen guten Tag. Das kann ich aber auch für mich behalten oder?

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Die polnische Putzfrau spricht dieselbe Sprache wie Johannes’ Pferde, die ja auf einem Hof in Polen stehen.

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Konservatismus steht manchen Männern ganz gut, Frauen hingegen grundsätzlich nicht. Ich beobachte das beim Lesen der FAZ. Der Konservatismus männlicher Journalisten mag nicht sympathisch sein, er ist aber stimmig, scheint ihnen beinahe angeboren zu sein. Bei den Frauen wirkt der Konservatismus angeschafft. Man will sich mit Macht irgendwo zugesellen. Auf der sicheren Seite sein. Ich lese seit einiger Zeit die Texte dieser Journalistinnen gar nicht mehr. Sie gleichen sich alle.