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Posts Tagged ‘Thomas Mann’

In deutschen Städten

Jeder Mensch ist Sonderling
© Fritz-Jochen Kopka

Nach Doktor Faustus fing ich mit Stiller an. Max Frisch. (Den ich sehr schätze). Und doch zweifelte ich schnell. Muss man das noch lesen? Ist das nicht arg aus der Zeit gefallen? Dieses: Ich bin nicht Stiller. Und dieses: Du sollst dir kein Bildnis machen. Die brotlose Kunst der Identitätssuche. Die unberührbare Frau. Bildnis der Frau in der Klinik.

Was mich überraschte. Ich hatte ein paar Bleistiftstriche hinterlassen. Auf den ersten Seiten und im Nachwort. Es war mir entfallen, dass ich in dem Buch gelesen hatte. Ich hätte geschworen, dass es die ganze Zeit unbenutzt im Regal stand.

Sowieso denke ich an Doktor Faustus zurück. Wie Thomas Mann gearbeitet hat. Was er über die Städte wusste, in denen sich seine Akteure aufhalten. Halle, Leipzig, München. Die universitäre Situation. Communitys von Künstlern und Gelehrten. Abgelegenheit und Naturnähe der Bauernhöfe. Die Leute, die Thomas Mann kennenlernte und ertrug und wie er sie in seine Romane hineinholte. Sein kameradschaftlicher Hochmut. Oder Kaisersaschern, wo Serenus Zeitblom und Adrian Leverkühn zur Schule gingen. Ich glaube, Naumburg ist gemeint.

„Das Kennzeichen solcher altertümlich-neurotischen Unterteuftheit und seelischen Geheim-Disposition einer Stadt sind die vielen ›Originale‹, Sonderlinge und harmlos Halb-Geisteskranken, die in ihren Mauern leben und gleichsam, wie die alten Baulichkeiten, zum Ortsbilde gehören.”

Wer, wenn nicht Thomas Mann, kann solche Gedanken zu solchen Sätzen formen. Und gabelt dann noch ein Wort wie Unterteuftheit auf. Seinem italienischen Übersetzer (und nicht nur dem) musste er es erklären. Das Wort kommt aus der Bergmann-Sprache und bedeutet das durch Bergwerkarbeit Unterminiertheitsein der Erdoberfläche. Teuf ist soviel wie tief. Unter den deutschen Städten spürte Mann sowas wie mittelalterliche Schächte. Das Mittelalter hatte nicht aufgehört. Es ging – Thomas Mann schrieb den Faustus von 1943 bis 1946 – um „die befremdlichen Züge des immer schon dämonisch inspirierten, phantastisch delirierenden, dem Wahnsinn nie ganz fernen Volkes” (Thomas Klugkist). Die Assoziation von Unterteuftheit zu Teufel war nicht ungewollt. Mann versuchte sich zu erklären, wie es dazu kommen konnte, dass sich die Deutschen dem Faschismus unterwarfen.

Natürlich zeigt Mann diese „Sonderlingstypen von Kaisersaschern” vor und ebenso die Rotte der Jungens, „die hinter ihnen herziehen, sie verhöhnen und in abergläubischer Panik vor ihnen davonrennen.” Hexenhafte alte Weiber („klein, greis, gebückt, tückisch von Ansehen, mit Triefaugen, Schnabelnase, dünnen Lippen”), Veitstänzer, ewige Bräute, Kleinrentner mit Warzennasen, die immer wieder dasselbe unsinnige Wort plapperten.

So, so hat jeder, in jeder Stadt und jeder Kindheit, es erlebt.

Irmgard Keun, eine von uns

Sieht uns an.
Schuber der Ausgabe, Ausschnitt

Bei Wallstein in Göttingen haben Heinrich Detering und Beate Kennedy eine Irmgard-Keun-Ausgabe herausgegeben*: Irmgard Keun: Das Werk. Drei Bände im Schuber. Band 1: Weimarer Republik. Band 2: NS-Deutschland und Exil. Band 3: Nachkriegszeit und Bundesrepublik. Eine großartige Sache (auch wenn die Ausgabe mir zunächst eine wenig kompakt erschien für Irmgard Keun und ihre leichthändigen Romane). Ich hatte keine Ahnung, dass Keun nach dem Krieg noch so viel geschrieben hat.

Irmgard Keun, das ist: „Gilgi, eine von”. „Das kunstseidene Mädchen”. „Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften”. „Kind aller Länder”. „Ferdinand, der Mann mit dem freundlichen Herzen”. Und viel, viel mehr, wovon wir nichts wussten. Das können wir jetzt lesen.

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung hat die Ausgabe mit in ihr Geschenke-Extra zu Weihnachten aufgenommen. Eine von 32 Empfehlungen. Das ist gut und liegt auf der Hand. Aber dann kommt der Unmut. Er beginnt mit so einem Satz: „… während man es liest, ist man beleidigt von der deutschen Literatur, da es keinen Sinn macht, dass Irmgard Keun noch immer von Männernamen verdeckt wird.” Da quietscht nun auch hier das Me Too zwischen den Zeilen. Ist denn, weil es jetzt gerade so passt, auch die deutsche Literatur ein einziger Geschlechterkampf? Für mich war Irmgard Keun nicht von Männernamen verdeckt, warum auch, ich kenne keinen, für den das so gewesen wäre. Aber weiter geht’s: „Denn sie schrieb schneller, klarer, in einer Sprache, die selbst im Jetzt ganz neu klingt. Keine gedunsenen und vollgestellten Sätze wie die von Joseph Roth, kein neureicher sprachlicher Exhibitionismus wie der von Thomas Mann, keine Posen des Pseudoproletarischen, wie die von Bertolt Brecht.”

Okay. Wenn ich eine Irmgard Keun nur loben kann, indem ich Joseph Roth, Thomas Mann und Bertolt Brecht zur Sau mache, dann bin ich wirklich arm dran. Das ist einfallslos, dümmlich, ein schwerer Charakterfehler und ganz mieser Stil. Alles, was ich zum Lob Irmgard Keuns sagen kann, kann ich aus ihr selbst holen, aus ihrem Werk. Leider hat die Empfehlung in der FAS eine Frau, Anna Prizkau, geschrieben.

War das jetzt schon wieder sexistisch?

* Zusammen mit der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Wüstenrot Stiftung

 

 

 

Doktor Faustus lesen

Gibt schon ausgefallene Namen im Telefonbuch, aber keinen Schildknapp und schon gar keinen Schlaginhaufen

Über die Namensfindung bei Thomas Mann ist noch zu reden. Adrian Leverkühn und Serenus Zeitblom habe ich schon erwähnt, die Protagonisten des „Doktor Faustus”. Sprechende Namen, man vernimmt das Knirschen der Konstruktion. Aber das reichte noch lange nicht. Der Dichter gab keine Ruhe.

Auf dem Hof Buchel der Leverkühns unweit von Kaisersaschern ist die Verwalterin des Molkereiwesens eine Frau Luder, eine haubentragende Witwe, „deren ungewöhnlich würdevoller Gesichtsausdruck zu einem Teil wohl der Verwahrung gegen ihren Namen galt”. Leverkühns Kommilitonen während seines Theologiestudiums in Halle/Saale heißen etwa Deutschlin, Baworinski, Dungersheim, Carl von Teutleben, Hubmeyer, Matthäus Arzt und Schappeler.

Die Dozenten: Eberhard Schleppfuß (Privatdozent), eine „leibarme Erscheinung”, Professor Ehrenfried Kumpf, der „saftigeste Sprecher an der ganzen Hochschule”, Kolonat Nonnemacher, der Philosophie las.

In erwähnten Sagen und anderen Überlieferungen kommt ein Heinz Klöpfgeißel, ein Fassbinder, vor.

Leverkühns Ärzte in Leipzig, seinem zweiten Sudienort: Dr. Erasmi und Dr. Zimbalist. Der eine stirbt, der andere wird in Handschellen abgeführt. Leverkühns Behandlung (Syphilis) kann nicht fortgeführt werden. Schicksal sowas.

Leverkühns neben Zeitblom wichtigster Freund, der Anglist Rüdiger Schildknapp, die vielleicht schönste Nebenfigur des Romans, bleibt lebenslang in Leverkühns Nähe.

In München, der nächsten Lebensstation, verkehren die Freunde im Salon der ursprünglich Bremischen Senatorswitwe Rodde und ihrer Töchter Ines und Clarissa. Dort treffen wir das Ehepaar Knöterich, den Gelehrten Dr. Kranich, die Maler Leo Zink und Baptist Spengler, den Geiger Rudolf Schwerdtfeger, den Papierfabrikanten Bullinger, die Wagner-Heroine Tanja Orlanda, den Heldentenor Harald Kjoejelund, „ein schon dicker Mann mit Zwicker und erzener Stimme”, Jeanette Scheurl, die Deutsch-Französin, den Verleger Radbruch, den Generalintendanten Exzellenz von Riedesel, „ehemaliger Reiteroberst”, den Privatgelehrten Dr. Chaim Breisacher, den Glattmaler Nottebohm.

Konkurrierende Salons finden in den Häusern Schlaginhaufen, Langewiesche und Rollwagen statt. Der Fagottbläser Griepenkerl leistet Leverkühn unschätzbare Dienste beim Kopieren seiner Werke. Ein längst verstorbener Musikprofessor Jimmerthal wird am Rande erwähnt.

Leverkühns Schwester Ursula heiratet den Optiker Johannes Schneidewein von Langensalza, einen „vortrefflichen Mann”. Ines Rodde ehelicht den Ästhetiker und Kunsthistoriker Dr. Helmut Institoris

In Pfeiffering, unweit von München, findet Leverkühn endlich sein ultimatives Domizil auf dem Gehöft der Schweigestills, ländlicher Menschen, die nur das Nötige reden. Dort wird von einer Baronin von Handschuchsheim erzählt, einer wahrscheinlich gemütskranken Frau, die bei den Schweigestills Schutz suchte. Als Kreisarzt amtiert ein gewisser Dr. Kürbis.

So speziell und modern Leverkühns Musik auch sein mag, er hat zwar wenige, aber doch sehr treue, aufopferungsvolle Verehrer, das sind vornehmlich Meta Nackedey, Klavierlehrerin, und Kunigunde Rosenstiel, Mitinhaberin eines Darmgeschäfts.

Der Erzähler Zeitblom wiederum wird, sich unweit von Leverkühns Pfeiffering, in Freising niederlassen. Das Haupt der dortigen theologischen Hochschule ist Monsignore Hinterpförtner.

In den Jahren des ersten Weltkriegs ist Zeitblom Teilnehmer eines Gesprächskreises in der Schwabinger Wohnung des Buchschmuck-Künstlers und Sammlers Sixtus Kridwiß, ein Gesprächskreis, der ihn eher belastet als entlastet, aber er braucht doch Austausch in der schweren Zeit. „Ich will nur … bekennen, dass ich mir eigentlich zu keinem von der Tischrunde so recht ein Herz fassen … konnte”: nicht zu Dr. Egon Unruhe, einem philosophischen Paläozoologen, nicht zu Professor Georg Vogler, dem Literaturhistoriker, dem Dürer-Forscher Gilgen Holzschuher und schon gar nicht zu dem Dichter Daniel Zur Höhe mit seinem auf Büttenpapier gedruckten Werk „Proklamationen”. Die hochgestochenen Debatten stressen Zeitblom derart, dass er vierzehn Pfund Gewicht verliert, worüber er sich, als vermutlich schmaler Mann, gar nicht freut.

Okay, das sind so Namen, und ich frage, ob Thomas Mann es nicht etwas unauffälliger hätte machen können, gelegentlich denke ich, ob ich nicht sogar etwas an Respekt verliere, wenn ich ständig über diese ausgefallenen Findungen und Erfindungen stolpere. Doch stelle ich auch fest, dass sich die Namen und die dazugehörigen Leute in meinem Kopf festmachen, sie kommen mir nicht so schnell abhanden, leiten zu Assoziationen. Und nicht zuletzt lässt sich nicht leugnen, dass es Thomas Mann Vergnügen bereitet haben muss, solche Gestalten zu erfinden und sie mit Namen zu versehen, die sie auch irgendwie festnageln. Der Leser spürt eben dauernd: So ausgefallen geht es im Leben eher selten zu, also das hier ist etwas Anderes, ist Erfindung, ist Roman, und ja: Alles richtig gemacht.

Als ich in der Lektüre-Krise steckte …

Oktober 24, 2017 1 Kommentar

In Halle/Saale verbringen Leverkühn und Zeitblom einige Semester ihrer Studienzeit. Unternehmen Ausflüge in die schöne Landschaft mit der Saale hellen Strand
© Fritz-Jochen Kopka

… das heißt, als alles beliebig schien, was ich lesen konnte oder wollte, noch ein Roman von Philip Roth oder weiter in seinen etwas nebulösen Essays, wieder ein Roman von Paul Auster oder ein Versuch mit Thomas Kapielski („Je dickens, destojewski!”), Essays von Carlos Fuentes oder die Trakl-Studie von Franz Fühmann, als das alles möglich, aber auch beliebig war, ging ich weg von den bereitliegenden Stapeln und griff in die Vergangenheit, an die Stelle der Regale, wo der Staub sich ablagerte, ich schnappte mir Frischs „Stiller”, Thomas Manns „Joseph und seine Brüder” und seinen „Doktor Faustus”. Hatte ich alles noch nicht gelesen und hätte ich alles längst lesen müssen. Ich machte bei allen Büchern den Anlesetest und entschied mich für den Faustus. Was stand zwischen mir und diesem Opus? Die Lobreden meiner belesenen Freunde. Der Hinweis auf die Tiefe des Werks und die nicht leichte Lesbarkeit. Eine gewisse Düsternis, die ein Titel wie „Doktor Faustus” auf mich abstrahlt (Deshalb habe ich ja auch so spät erst Gogols „Die toten Seelen” gelesen). Das Wissen darum, dass in den Roman viel Beratung von Adorno in Sachen Zwölftonmusik eingegangen war, Thomas Mann sich also etwas angeeignet hatte, was nicht zu ihm gehörte. Am meisten störten mich die Namen der Protagonisten, Adrian Leverkühn und Serenus Zeitblom, dieses Konstruierte, vorlaut Sprechende, aber gut, ich bin jetzt alt genug, über all das hinwegzusehen, und als ich den Test machte, gefiel mir der erzählerische Ton, den Thomas Mann seinem Zeitblom anheimgibt, dieses Umständliche, Aufgeräumte, Überzeugte, dass man ihm schon zuhören werde, auch wenn er noch so weit abschweife, das Biedere, aber auch Ironische, in einer solchen Gestalt ironisiert der Autor sich auch selbst: „Meine Name ist Dr. phil. Serenus Zeitblom … Mein Alter ist sechzig Jahre”, er kann partout nicht davon absehen, sich mit Titel vorzustellen, obwohl er doch weiß, dass sein Name nicht Dr. phil. Serenus Zeitblom ist, sondern eben Serenus Zeitblom, das ist schon unschlicht genug. Er gibt sich – gerade auch in Bezug auf seinen genialischen Freund Leverkühn – gerne bescheiden, ohne darauf verzichten zu können, sich angeberisch ins günstige Licht zu setzen.

Das alles passte mir gerade gut in den Streifen, und so hatte ich mich für den Doktor Faustus entschieden, die Beliebigkeit überwunden und die Lektüre-Krise beendet. Aus eigener Kraft, sag ich, als wäre ich auch ein Dr. phil. Serenus Zeitblom.

Die Kultur der Anderen

Bei den Spitzenkandidaten mag es schon wieder ganz anders aussehen. Ich glaube aber nicht 
© Fritz-Jochen Kopka

Da die „Berliner Zeitung” in der Hauptstadt geplant, recherchiert, geschrieben und vertrieben wird, ist sie natürlich eine Hauptstadt-Zeitung, wie genau man das Hauptstädtische im Übrigen auch definieren möchte.

Am Wochenende wollte sie, also die „Berliner Zeitung”, von Berliner Bundestagskandidaten wissen, was sie lesen, hören, sehen. Sie fragte also ungeniert nach dem Kulturniveau unserer Politiker, und dabei kam Folgendes heraus: Die Kandidaten mögen Filme wie „Love Story”, „Das Leben ist schön”, „Forrest Gump”, „Winnetou”, „Das Boot”, „Vom Winde verweht” und „Pulp fiction”. Als Berlin-Film bevorzugen sie den Kolportageschinken „Das Leben der Anderen”. Am Sonntagabend sehen sie am liebsten die Kasperköpfe des Münsteraner Tatorts, Thiel und Professor Börne alias Prahl und Liefers. Interessant, dass bei den Büchern keines zwei Mal auftaucht. Da gibt es also keine Übereinstimmungen, außer bei der speziellen Frage, welches Buch sie nicht zu Ende gelesen haben, da führt „Der Zauberberg” von Thomas Mann, der mit den „Betrachtungen eines Unpolitischen” noch ein weiteres Mal in dieser Minus-Rubrik vertreten ist. Als bestes Berlin-Lied werden „Dickes B” von Seeed und „Schwarz zu Blau” von Peter Fox bevorzugt.

Wir können also sagen, dass wir mit unseren Politikern mindestens auf Augenhöhe sind. Sie tun damit etwas für unser Selbstbewusstsein. Die größten Wüsten breiten sich für meinen Geschmack bei Büchern und Filmen aus. Da sind sie, die Politiker, wohl am nachhaltigsten auf Hilfe und Rat angewiesen.

Als ich Russe war

April 21, 2016 2 Kommentare
Bemerkenswert, wie groß das Wort Poem und wie klein die toten Seelen auf dem Originaltitel erscheinen

Bemerkenswert, wie groß das Wort Poem und wie klein die toten Seelen und der Autorenname auf dem Originaltitel erscheinen

… Quatsch, ich war kein Russe. Ich habe nur vor einiger Zeit (gar nicht so lange her) unentwegt (was man so unentwegt nennt beim Lesen) russische Klassiker gelesen. Erzählungen von Turgenjew, von Tschechow, Oblomow von Gontscharow. Die toten Seelen von Gogol. Ein Held unserer Zeit von Lermontow … Das ist natürlich Teil eines Nachholprogramms, dem man sich in meinem Alter unterzieht oder zu unterziehen beabsichtigt. Es ist nicht nur selbstauferlegte Pflicht und schlechtes Gewissen; es kann Lust und Gewinn bedeuten und irrationale Hürden beseitigen.

Einen Roman, der „Die toten Seelen” heißt …, also an dem geht man leicht vorbei wegen der Finsternis, die der Titel zu versprechen scheint. Oder weil man in der Schule auf die Bedeutung hingewiesen, weil er zur Pflichtlektüre erhoben wird.

Ein Kopf mit hohem Wiedererkennungsfaktor

Ein Kopf mit hohem Wiedererkennungsfaktor

Gogol entstammte dem ukrainischen Kleinadel und war ein russischer Schriftsteller. Was sagt uns das? Zumindest historisch kann man Russland und die Ukraine schwerlich auseinanderhalten. „Gebürtiger Ukrainer, schrieb nur in russischer Sprache”, einfacher geht es nicht. In seinen ersten Texten erzählte er aus der ukrainischen Provinz, in späteren fixierte er das Leben in russischen Großstädten, St. Petersburg und Moskau. In den toten Seelen aber geht er über die Dörfer, richtiger gesagt über die Landgüter, unerheblich, ob es russische oder ukrainische sind. Tschitschikow, der absurde Held, ein abgesägter Kollegienrat, fährt von Gut zu Gut, um den Gutbesitzern ihre toten Seelen abzuschwatzen, das heißt, jene Leibeigenen, die unlängst verstorben sind, für die aber bis zur nächsten Revision noch Steuern zu zahlen sind. Tschitschikow will diese imaginären Arbeitskräfte bei den Banken als Sicherheit für Darlehen verpfänden und so zu Reichtum gelangen; er ist mithin ein ziemlich moderner Halunke, der die Lücken im Finanzsystem für seine Zwecke nutzt.

Vielleicht hat nicht Robert Musil, sondern schon Nikolai Gogol den Mann ohne Eigenschaften erfunden, denn so führt er seinen Tschitschikow ein: „In der Kalesche saß ein Herr, nicht schön, aber auch nicht von hässlichem Äußeren, nicht zu dick und auch wieder nicht zu dünn; man konnte nicht behaupten, dass er alt, aber auch wiederum nicht, dass er sehr jung war.” Er ist sogar ein Mann ohne Merkmale, aber einer mit Auffälligkeiten. „In seinem Benehmen hatte der Herr etwas Solides, und die Nase putzte er sich ungeheuer laut. Ich weiß nicht, wie er das fertigbrachte, doch seine Nase schmetterte dabei wie eine Trompete.” Kollegienrat Pawel Iwanowitsch Tschitschikow reist, wie er auf ein Stück Papier kritzelt, „in eigener Angelegenheit”.

Mit Gogol, schrieb Thomas Mann, sei die Komik in die russische Literatur gekommen, „statt der Poesie der Kritizismus, statt der Naivität die religiöse Problematik und statt der Heiterkeit die Komik … Seit Gogol ist die russische Literatur komisch – komisch aus Realismus, aus Leid und Mitleid, aus tiefster Menschlichkeit, aus satirischer Verzweiflung, auch aus einfacher Lebensfrische … Was ist es denn aber, was der russischen Komik diese menschlich gewinnenden Kräfte verleiht? Dies, ohne Zweifel, dass sie religiöser Herkunft ist … ›Mein ganzes Streben‹, sagt er (Gogol) in einem Brief, ›geht dahin, dass jedermann, der meine Werke gelesen hat, nach Herzenslust über den Teufel lachen kann.‹ ›Den Teufel zum Narren machen‹ – das ist der mystische Sinn der russischen Komik, und ›Herzenslust‹ ist in der Tat die exakte Bezeichnung ihrer Wirkungen.” (Thomas Mann, Aufsätze, Reden, Essays, Band 3)

Tschitschikows Land- und Einkaufsfahrten konfrontieren ihn (und uns) mit einem aufschlussreichen und amüsanten Panoptikum russischer Gestalten, vor allem Gutsbesitzer, slawophil oder westlich, apathisch oder mobil, kleinlaut oder großkotzig.

Im Rückblick auf seine Jugend beklagte Gogol sich über unbegabte Lehrer, über „die große Nachlässigkeit im Unterricht”, „nie hatte ich andere Wegweiser als mich selbst”.

Offenbar war der Dichter mit einer scharfen und kritischen Beobachtungsgabe so gesegnet wie gestraft. Ihm fielen Details ins Auge, die anderen nicht auffielen, und sie wurden so übermächtig, dass sie ihn nachhaltig nervten. Die Literatur konnte ihm ein Mittel sein, seinen Frust zu sublimieren. Die Gestalten, die nun in seinem Roman, den er übrigens Poem nannte, auftauchen, nerven uns nicht mehr, sie kommen uns irgendwie surreal vor, oft gerade, weil ein illustres Detail beherrschend wird. Die Frage ist schon, ob man diese Gestalten überhaupt ernstnehmen kann. Zu unserer Verwunderung kann und muss man das.

Wie Dante in der Göttlichen Komödie wollte Gogol ein dreiteiliges Werk vorlegen, in dessen ersten Teil es vor negativen Figuren wimmelt. Reue und Läuterung sollte im zweiten und dritten Teil folgen. Das war, wie man sich denken kann, ein naiver Plan. Gogol ist am Positiven oder besser an seiner Darstellung gescheitert und verzweifelt. Nur vorrübergehend ist es ihm gelungen, „den Teufel zum Narren machen”.

Er starb am 4. März 1852 „infolge von Verweigerung der Nahrungsaufnahme”. Für die russische Literatur war das ein schwarzer Tag.

Wie normal bin ich denn!

Im Reich der Tagebücher und Biographien

Im Reich der Tagebücher und Biographien

Wäre ja auch zu einfach, wenn Vorfreude wirklich die schönste Freude wäre. Oft muss man leider sagen: Ich hab mich umsonst gefreut. So war es, als ich das Buch „Heute bedeckt und kühl. Große Tagebücher von Samuel Pepys bis Virginia Woolf” von Michael Maar, erschienen bei C. H. Beck, in die Hand nahm. Genau mein Thema, zumindest zeitweilig, und so war es fast zwangsläufig, dass ich mich unterfordert fühlte. Es funktioniert nur bedingt, wenn man Zitate aus „großen” (warum eigentlich: großen) Tagebüchern aufreiht und dazwischen elegant bis amüsant, oder auch kokett moderiert, immer um das Faszinosum herum, warum der Privatkram eines Schriftstellers die Öffentlichkeit derart interessiert oder auch, ob der Autor das Tagebuch wirklich für sich schreibt oder ob er immer schon die Um- und die Nachwelt im Blick hat. Und überschreitet er wirklich einen Rubikon, wenn er ausgerechnet in dieser Selbstaussprache lügt wie etwa Anais Nin?

In vielen Punkten hat Maar die richtigen Schlüsse gezogen: „Ein Tagebuch, nicht zuletzt darin liegt sein Reiz, gibt immer auch ein absichtsloses und um so getreueres Bild seiner Zeit.” Ja, andere, ferne Zeiten werden über das Tagebuch schreibende Individuum, ob es die Wahrheit schreibt oder nicht, zugänglicher und plastischer. Und auch wenn es nicht um vergangene Zeiten geht: Der Leser will wissen, wie Leben, wie Alltag bei anderen funktioniert; er will vergleichen. Wie normal oder unnormal bin ich denn.

Ein schönes schnödes  Zitat übrigens von Gottfried Keller: „Ein Mann ohne Tagebuch (er habe es nun in den Kopf oder auf Papier geschrieben) ist, was ein Weib ohne Spiegel. Dieses hört auf, Weib zu sein, wenn es nicht mehr zu gefallen strebt und seine Anmut vernachlässigt; es wird seiner Bestimmung gegenüber dem Mann untreu.” Die Frau von heute würde den guten Keller dafür unangespitzt in den Boden rammen. Treffend Maars Bemerkung über die Entlastungsfunktion des Tagebuchs. Der Diarist spricht offen aus, was er sonst nicht sagen kann, und das Ethos der Wahrheit führt zu literarischem Rang. „Das Unglück oder doch das Problematische scheint fast zum Diarismus zu gehören … ”

Was gehört noch zum Tagebuch. Bei Thomas Mann ist es zu lesen: Rechenschaft, Rekapitulation, Bewussthaltung und bindende Überwachung. Kurz und gut: Maar bietet einen Überblick über die Tagebuchliteratur. Macht aufmerksam auf Tagebücher Hebbels, von Platens, von Doderers, Cheevers, die man nicht im Blickfeld hatte. Tolstoi, Stendhal, Brecht kommen zu kurz. Kein Wort über Cesare Pavese, dessen Tagebücher zu den großartigsten, tiefsten und erschütterndsten zählen. Ebenso wenig ein Wort zum unbestechlichen, knochentrockenen Sándor Márai. Ja, müssen die Ungarn denn ewig unter den Tisch fallen! Nichts von Julien Green. Zu wenig zu den ganz unterschiedlichen Tagebuchkonzepten. Das tiefe Nachdenken ohne Realien auf der einen, die Orgien der Nebensächlichkeiten und des scheinbar ewig gleichen Alltags auf der anderen Seite. Und immer wieder der Eindruck, dass Maar nicht unbedingt die signifikanten Zitate ausgewählt hat. Aber das ist die Subjektivität, gegen die wir nichts einwenden wollen.