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Archive for Oktober 2012

HALLO WIEN

© Fritz-Jochen Kopka

Wenn alle Menschen so kreativ wären – wie könnte die Welt da aussehen!

Es ist Halloween. Kleine Gestalten huschen durch das dunkle Quartier. Einmal sind sie schon wieder weg, als ich unten bin. Das andere Mal stehen zwei Ölgötzen da, stark verkleidet, aber ohne ein Wort. Ich sage: Seid ihr Gespenster? Sie sagen nichts, bis der kleine Junge sich vernehmen lässt: Ich bin ein Gespenst. Ich fülle ein paar Süßigkeiten in ihre Beutel, sie zeigen keine Regung, sagen auch nicht danke. Später sehe ich, wie  der Millimetermann eine Gruppe kleiner Kinder immer wieder mit Blitz fotografiert. Irgendwie sieht sowas kinderschänderisch aus.

© Fritz-Jochen Kopka

Mir kann keiner – ich bin Designer

Im Jahr darauf. Ich werde nur zweimal rausgeklingelt. Die Halloween-Kultur entwickelt sich. Die kleinen Gespenster sind liebevoll herausgeputzt, sie haben ihre Verse gelernt und halten jedes seinen Beutel hin. Anders als früher sind nun Eltern dabei. Man wird vorsichtig in diesen Zeiten.

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Die sich selbst besiegen

Oktober 30, 2012 1 Kommentar

Ist sicher Zufall, dass die Münchner Bayern, die sich anschickten, in kürzester Frist die deutsche Meisterschaft mit vollen Backen und ohne Punktverlust zu erringen, ihr erstes Bundesligaspiel verloren, nachdem Borussia Dortmund drei Tage zuvor Real Madrid besiegt hatte. Borussia Dortmund, ein Verein von nur regionaler Bedeutung, wie der dicke Uli vor lauter Ärger über die Dortmunder Erfolge in der nationalen Liga befand. Oder auch nicht Zufall – denn dass die Dortmunder nun auch international eine Größe geworden sind, könnte die Selbstgewissheit der Bayern schon erschüttert haben. Und wenn ich hier so unsachlich und unseriös vom dicken Uli spreche, dass ich mich vo mir selbst schämen muss, dann meine ich den Kummerspeck, den der Bayern-Präsident angesetzt hat. Er ärgert sich immer noch wie ein kleines Kind, wenn sein Verein nicht als der uneingeschränkt beste gilt. Es ist so lächerlich, und man möchte ihm helfen, einen Therapeuten empfehlen, aber was soll’s, er kann nicht aufhören, sich selbst als Abteilung Attacke zu sehen und überall reinzuquatschen. Nun verlieren sie also zu Hause gegen Bayer Leverkusen, und Hoeneß – als hätte er auf unseren Rat gehört – tut das beste, was er tun kann. Er schweigt. Seine Angestellten aber sind der Meinung, dass sie nicht gegen Bayer Leverkusen verloren haben, sondern gegen sich selbst. „Wir haben uns die Tore selbst reingehauen.” Man verliert halt immer noch lieber gegen sich selbst als gegen Bayer Leverkusen, Borussia Dortmund, Borussia Mönchengladbach, Hannover 96 oder Bate Borislav.

Die deutschen Medien haben das Kunststück fertiggebracht, die Bayern derart zu glorifizieren und im Umfeld eine Atmosphäre der Einschüchterung und Unterwürfigkeit zu entfalten, dass die anderen Teams gleichsam mit voller Hose gegen die Bayern antreten. Im vergangenen Jahr bewertete Bayer Leverkusen, noch unter Trainer Dutt, eine 0.3-Niederlage in München als Erfolg. Man hätte ja auch 0:10 untergehen können. Es passt zu den Deformationen der Bundesliga, wenn der Sieger jetzt glaubt, sich beim Verlierer entschuldigen zu müssen, wie das Leverkusens Sportchef Rudi Völler Tante-Käte-mäßig vorführte. „Das wird die Bayern nicht umwerfen… Für mich sind sie neben Barcelona eine der beiden besten Mannschaften Europas”, um anschließend zu prophezeien, dass diese beiden Teams „die Championsleague unter sich ausmachen können”. So arschkriecherisch das klingt, ist es doch auch ein herausragendes Beispiel für die Inhalt-Form-Dialektik. Dem semantischen Schwachsinn entspricht die Holprigkeit der Formulierung auf das glücklichste. Oder wollte Rudi Völler den Bayern Sand in die Augen streuen, damit sie sich in ihrer Selbstverliebtheit auch künftig selbst besiegen? Dann nehmen wir alles zurück und behaupten das Gegenteil.

 

Ivo und Franz

Die Münchner Kommissare Batic und Leitmayr alias Nemec und Wachveitl sind, wie sich das für diesen Job gehört, unauffällige Gestalten, was sich mit dem Alter ein wenig ändert, denn nun schießt der Silberfaktor in die Haare, und man nimmt sie schon ein wenig stärker wahr (beim gutem Ivo Batic wirkt der Haarschmuck fast wie ein Heiligenschein). An der Seite der alten Hasen müht sich ein Polizistenanwärter mit prächtigem Afrolook darum, die Volksweisheit „Blinder Eifer schadet nur” in jeder Lebenslage zu übertreffen. Da zeigen sich die Kommissare von ihrer väterlich-ironischen Seite, ab und zu erhebt der Leitmayr Franz auch mahnend den Zeigefinger, weil der junge Mann in seiner Tölpelhaftigkeit allzu schlau sein will.

Ermittelt wird im Milieu gemeinnütziger Stiftungen. Diese hier sammelt Geld, um vordergründig bedrohte Tiere zu retten und in Wahrheit die edlen Spender auszunehmen bis aufs Hemd. Ivo ergreift die Gelegenheit beim Schopfe und begibt sich, ohne Erlaubnis (keine Zeit), als verdeckter Ermittler unters Stiftungspersonal. Er ist immer besonders gut, wenn ihm die Handlungsmacht aus der Hand genommen ist und er als Opfer der Verhältnisse agiert. Ich erinnere mich an einen früheren Tatort, in dem er das Gedächtnis verlor, just zu einem Zeitpunkt, als das Verbrechen geschah, so dass er selbst verdächtig wurde und die Flucht ergriff, um die dunkle Stelle im Bewusstsein schließen und seine Unschuld beweisen zu können. Er rannte im Unterhemd von einer heillosen Situation in die nächste. Das war bizarr, kann gar nicht besser gemacht werden.

Dieser Tatort jetzt, Ein neues Leben, zeigte, wie die angeworbenen Drücker der Stiftung ihrer Identität beraubt wurden, sie gingen wie Gespenster von Haus zu Haus, alles im Auftrag zweier böser Frauen mit streng nach hinten gebundenen Haaren. Wo die Identität verloren geht und wir dem Bösen hilflos gegenübertreten, wird die Szenerie unheimlich. Das Verhängnis ist allgegenwärtig. Harmlos war dieses Gipfeltreffen des Bösen nicht. Das kann man ihm zu Gute halten.

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Jauchs Herzchen aus Neubrandenburg

In Jauchs Millionär-Sendung steht eine total ahnungslose Jung-Neubrandenburgerin bei 64 000 €. Die aber ihre Naivität so authentisch rüberbringt (ohne Minderwertigkeitskomplexe), dass man nur staunen und nicht böse sein kann. Sie steht jenseits von allem. Jenseits von Politik, Geschichte, Sprachen, Sport, Technik, von was eigentlich nicht. Das weiß ich nicht, das ist der Satz, den sie am häufigsten sagt, aber das ist ihr nicht peinlich, sie sagt es, als würde sie äußern: Ich habe noch nie einem Menschen Unheil zugefügt. Anscheinend funktionieren ihre Instinkte hervorragend, denn sie tippt in ihrer Unwissenheit immer auf das Richtige, und der Moderator, Jauch, ist einerseits perplex und andererseits fasziniert. Die Neubrandenburgerin möchte sich von ihrem Gewinn einen Duschvorhang leisten und, wenn sie ganz weit kommt, eine Polaroidkamera, falls es Polaroidkameras noch gibt. Damit möchte sie dann alles fotografieren, um es nicht zu vergessen. Von Digitalkameras hält sie nichts, die sind ihr zu groß und zu schwer (im Vergleich zu Polaroidkameras). Sie schwärmt von einem PKW, der seit zwanzig Jahren nicht mehr hergestellt wird. Der PKW gefällt ihr, weil er keine Türen, sondern eine Klappe hat, wenn ich das richtig verstanden habe. Oh Gott, bricht es einmal aus ihr heraus, ob ich jetzt gemobbt werde, weil ich so wenig weiß? Aber auch das wird sich wohl zu ihren Gunsten fügen. Davon bin ich überzeugt.

Worüber wir reden, wenn wir über Philip Roth reden

© Fritz-Jochen Kopka

Einige von vielen Büchern eines Autors, der kein Vielschreiber ist, sondern sagt, was zu sagen ist.

Wenn wir über Philip Roth reden, reden wir über den ewigen Kandidaten. Seit mindestens zwölf Jahren ist der Literaturnobelpreis für ihn fällig, aber er bekommt ihn nicht. Das ist von Seiten des Nobelpreiskomitees eine bemerkenswerte Nicht-Entscheidung. Jedesmal wieder. Seit zwölf Jahren legt Philip Roth, man möchte beinahe sagen, Jahr für Jahr neue Bücher vor, die sich nicht dadurch auszeichnen, dass sie die Geschwätzigkeit von Alterswerken besitzen, sondern ganz anders: Sie werden knapper, fokussierter, sie sind Knochen, Muskeln und Sehnen, kein Fett. Für jedes dieser Bücher, ob sie nun „Jedermann”, „Exit Ghost”, „Empörung” oder „Nemesis” heißen, hätte Roth den Literaturnobelpreis verdient, aber er bekommt ihn nicht. Er hat ihn auch dieses Jahr nicht bekommen, und so sind die Entscheidungen, die das Komitee trifft, in jedem Jahr auf zweifache Weise originell: Einmal, indem sie Roth den Preis verwehren, und zweitens, indem sie jemanden finden, an dem man nie gedacht hätte, selbst wenn man ihn kennte. Das Komitee hat alles Recht der Welt, sich so zu verhalten, also keine Wahl zu treffen, die auf der Hand liegt oder sich gar aufdrängt. Und etwas anderes, viel Wichtigeres kommt hinzu. Das ist der Fluch des Literaturnobelpreises. Er bringt Geld, hohe Auflagen und Ansehen, aber er nimmt den geistigen Hunger, die Lebendigkeit eines Autors und die Kreativität. Der Literaturnobelpreisträger ist mit dem Literaturnobelpreis ruhig gestellt.  Deshalb ist das Komitee nicht nur originell, wenn es Roth den Preis verweigert, sondern auch weise. Es erhält uns einen Autor, der uns noch viel zu geben hat, so lange er nicht ruhig gestellt ist.

Der Fußballnomade, overdressed

© Fritz-Jochen Kopka

Böhmen ist viel mehr als Prag

Lieber Ecki,

das hast Du richtig vorhergesehen: So schnell kriege ich meinen Hintern nicht hoch, obwohl es mich schon gereizt hätte, Deine Lieblingsmannschaft wiederzusehen und erstmals den Fuß auf Pilsener Pflaster zu setzen … Was soll man machen, man ist eben der, der man ist. Im Alter besonders.

Im Moment macht mir der Fußball nichts besonders viel Spaß. Düsseldorf – Bayern 0:5; wer will sowas sehen. Ja, richtig, viele, aber ich nicht. Hansa gewinnt mit dem obligatorischen Smetana-Tor und viel Glück gegen zehn Aachener 1:0. Dazu zwei Kreuzbandrisse in einer Woche.
Na ja. Ich werd gleich mal schauen, was Gablonz gemacht hat. Bist Du dort?
Lieber Fritz,

ja, ich war dort! Pilsen war wie immer schön, meine Gablonzer spielten 1:1. Als Du schriebst, saß ich im Stadion. Allerdings glich Vit Benes erst in der 85. Minute per Kopf aus. Ein wirklich hochklassiges Spitzenspiel, temporeich, Pilsen hatte mehr Ballbesitz, die Gablonzer aber mehr Chancen, sie sind einfach sehr effektiv, vielleicht liebe ich sie deswegen so … Über 10 000 Fans im Stadion, viel für Böhmen! Auch die Anfahrt via Chemnitz-Komotau: sehr schön. Noch ein kurzes stopover in Saaz. Diese Hopfenhauptstadt. Toll! Die böhmischen Kleinstädte sind ein Traum! Allerdings das Wetter neblig-trüb, die Sonne kam am Sonnabend nur nachmittags durch, in Pilsen schon nicht mehr. Also auch weit kühler als hier … Das gute Bier … Ich wohnte in einem alten Kasten, dem Hotel Slovan, eigentlich schön, aber ich nahm Kategorie B, Dusche und Klo auf’m Flur. Dafür 25 € pro Übernachtung und Frühstück. Die Lage top. Da wähle ich ja kühl zwischen den drei Polen Hbf – Hotel – Stadion. Alles andere ist unwichtig. Die Mitbewohner rätselhafte Gestalten. Eine Art Arbeiterwohnheim. Sahen aus wie Kaukasier oder Südrussen. Aber sehr freundlich.

Ich war für diese Landstriche eher overdressed. Beige Hose, ordentliches Sakko, gute Schuhe und nie kragenlos, das ist schon viel zu viel. Aber ich habe wenig Lust, mich obertrikotagenmäßig dem Ideal des amerikanischen Underdogs anzupassen, nur um nicht aufzufallen.

Die Rückfahrt ab Grenze auch sehr schön, ich nahm die Strecke Pilsen-Eger, dann weiter via Weischlitz, Gera. Also das Elstertal, zwischen Plauen und Gera eine wunderschöne Trasse. Auch der Bahnhof. Gera kann mir sehr gefallen.

Mir macht Gablonz großen Spaß! Auch sonst in Europa: Madrid ziemlich weg, AC Mailand geradezu abgeschlagen: Wunderbar. Beides!

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Die verliebte Staatsanwältin

Oktober 22, 2012 1 Kommentar

Aus Tatorten und Polizeirufen kennen wir Staatsanwälte als Verhinderer, Umstandsbolzen, Aufschneider, Zauderer und Diktatoren. Stuttgart präsentierte jetzt die verliebte Staatsanwältin. Wenn das mal reicht. Die von Natalia Wörner dargestellte Schwäbin war regelrecht liebestoll („Begierde brennt ihr immer im Gesicht”) und konnte ihr Glück kaum fassen, als sich herausstellte, dass ihr gut betuchter Lover auch noch unverheiratet war und ihr einen ehrlichen Antrag machen konnte. Die Staatsanwältin vernachlässigte ihre Dienstpflichten mit dem Großmut aller Liebenden, und keiner konnte der fröhlichen Frau irgendwas verübeln. Natürlich verlangte die Dramaturgie des Krimis, dass der gute Johannes bald zum Kreis der Verdächtigen zu zählen war und die Staatsanwältin sich selbst als befangen aus der Feuerlinie nahm. Und an ihre Stelle trat der gewohnte Volljurist, ein selbstherrlicher Eierkopp sondergleichen.

Für kommende Stuttgarter Folgen wünschen wir uns also Frau Wörner zurück, reif ist sie schon, und ruhiger wird sie auch noch werden. Muss aber nicht sein.

Es zeigt sich hier wie da: Wenn die Ermittler okay sind, so, wie in Kiel Milberg und Kekilli und hier in Stuttgart Richy Müller und Felix Klare, dann sind wir in der Lage, dem Tatort so manche Wirrnisse und obskure Täter zu verzeihen. Die Ermittler sollen eben nicht populistisch sein und sich beim Zuschauer mit Scherzchen und sogenannten liebenswerten Schwächen anbiedern. Bei Richy Müller durfte man in dieser Folge sagen: Wie die Nase des Mannes – so seine Weisheit und Güte. Er ist lebensklug und hat in fast jeder Lebenslage für jeden und jedes Verständnis. Fast möchte ich sagen: Er ist ein Fatalist (wie ich). Und diesem Kommissar sieht man das nach, wir erinnern uns an einen Schicksalsschlag, den er erlitten hat. Nicht jeden macht das Leben ungerecht und hart.

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