Archiv

Posts Tagged ‘Alfred Döblin’

Unlust auf Anderes

Berlin Warschauer Straße, unterer Bereich
© Fritz-Jochen Kopka

Ich habe eine Gutschein gestützte Tour durch sieben Berliner Buchhandlungen vor mir, und bei Shakespeare & Sons fange ich an. Warum bei Shakespeare & Sons? Weil das in der Warschauer Straße ist und die Warschauer Straße ist mir eben aufgefallen. Die Straße ist alles andere als hübsch. Vielmehr laut, dreckig, schroff. Und in der Nacht ist sie am S-Bahnhof Partymeile, wo die berüchtigten Antänzer auftreten und dich berauben. Hörensagen. Wenn du abends um zehn in der vollen S-Bahn sitzt, am S-Bahnhof Warschauer Straße steigen alle jungen Leute, vor allem junge Touristen, aus und erwarten was ganz Tolles von der Nacht. Aber das Erwartete kommt nicht. Kommt nie. Döblins Berlin Alexanderplatz ist jetzt hier, habe ich gesagt. Nicht der beste Ort, um etwas Neues anzufangen, und doch gibt es viele Läden, Restaurants, Bistros, mehr oder weniger wilde, bunte Versuche, mehr zu schaffen als den Start, und als ich das letzte Mal hier war, saß ich im New Arirang, einem koreanischen Imbiss, und hatte das Gefühl, ich sei in New York.

Der Fahrradhelden vom Frankfurter Tor

Ich steh am Frankfurter Tor und warte auf Verheugen, der beim Start der Tour dabei sein will. Am Rand des Platzes sitzen einige junge Fahrradkünstler, von denen ab und zu einer in die Pedale tritt, die Treppe des Turms in kurzen Sprüngen überwindet, abbiegt und mit einem einzigen Sprung hinunterstürzt, wobei er mitten im Flug vom Rad abspringt.

Verheugen ist mürrisch, weil er für das Stück vom Alex zum Frankfurter Tor zehn Minuten länger brauchte als angenommen. Sind das schon die nachlassenden Kräfte des Alters? Die Fahrradhelden interessieren ihn nicht, sowas sieht man in Berlin an jeder Ecke. Wir biegen in die Warschauer ein. Vollgestopft mit Straßenbahnen, PKW, schrägen Läden, Graffiti, alles schreit nach Aufmerksamkeit. Aufbruch, Durchhalten und Untergang. Hier hast du deinen Roman, sage ich, Berlin Warschauer Straße. Verheugens Mundwinkel haben Merkel-Format: So sieht’s doch überall aus.

Freche Gemeinschafts-Bettler in Feierlaune, melancholisch-schläfrige Solobettler. Sprachengewirr. Anmache und Verfall. Studenten, Groß- und Kleinfamilien. Händler, die vor ihren Läden stehen, um Kunden anzulocken. Bei New Arirang sind die Jalousien unten. Geschlossen. Das Poster mit dem Speisenangebot. Alles auf koreanisch, sagt Verheugen höhnisch. Eine Welt, die ihm immer fremder wird, wenn auch unter den koreanischen Zeilen die deutschen Übersetzungen stehen. Wir suchen das nächste Asia Restaurant auf. Der Laden ist leer, für Verheugen ein schlechtes Zeichen. Nicht mal die charmante Kellnerin hellt seine Stimmung auf. Er nippt nur mal so am Saigon Bier, stochert in seinem Chicken-Salat, um in Abständen zu sagen: Die Sauce ist komisch. Als könnte er von ihrem Genuss jeden Moment tot umfallen.

Shakespeare & Sons, Books & Bagels

Wo ist denn nun diese verdammte Buchhandlung! Sie ist genau da, wo sie unter anderem Namen schon zu DDR-Zeiten war. Ein langer Schlauch, rechterhand die Regale, links die Fensterfront. Viel verschenkter Platz für einen Buchladen. Und jetzt gibt’s neben Büchern eben auch Bagels, Tee- und Kaffee-Spezialitäten. An der Fensterseite Tische, an denen hacken sie in ihre Laptops, junge Typen in T-Shirts, Kniejeans und Basecaps. Das sind ja nur englische Bücher!, sagt Verheugen. Er ist schon immer ein großer Leser gewesen, hat mit elf Jahren Dostojewski, Thomas Mann und Tolstoi gelesen, aber dass er in einem Bücherparadies steht, das ihn ausschließt, da er kein englisch kann, das machte ihn echt cholerisch. Er ist wie der Verdurstende vor einem Krug Wasser, den er nicht zu öffnen vermag. Er will hier raus, sofort, und drängt mich zur Eile. Ich wähle James Joyce „Finnegans Wake”. Macht Sinn, ein unübersetzbares Werk zu kaufen. Mal sehen, was man als deutscher Leser damit anfangen kann. Willst du das mit’m Wörterbuch lesen?, fragt Verheugen höhnisch. Ich sage nichts. Der Tag ist nicht mehr zu retten.

An einem warmen Wintertag

Hier war mal ’ne Post. Oder ’ne Bank. Lange her
© Fritz-Jochen Kopka

Im Radio erforscht eine Schriftstellerin die Psychologie der Bettler und der Passanten, die ihnen was geben oder auch nichts geben. Dafür bemüht sie ihre Freunde D. und A. und ihre Freundinnen K., C. und B. Das Ganze ist dann ein politisches Feuilleton. Es ist mein Augenarzttag. Schneller als gedacht ist die Zeit rum. Ich muss meinen Raum verlassen. Ohne Laufschuhe, wegen des Lochs im Obermaterial. Die normalen Herrenhalbschuhe sind meinen Beinen unangenehm. In der S-Bahn sitzt der Wiesel (wir nennen ihn so wegen seiner steten Eile) neben mir. Ich höre, während ich Simmel, Die Großstädte und das Geistesleben, lese, von ihm in Abständen ein inwendiges Stöhnen.

Mit den Bahnen habe ich Glück. Sie kommen ohne Verzug. Koch-Straße, das Haus, in dem wir das Begrüßungsgeld holen wollten, ist jetzt ein Starbucks. Das war damals eine Post oder eine Bank. Denen war das Geld ausgegangen, wir mussten weiter in die Ritterstraße, wo ein Mann aus der Provinz das Geld für seine gesamte Familie einforderte. Dann müsse er auch den Personalausweis seiner Frau vorzeigen. Der Mann rückte und rührte sich nicht. Wahrscheinlich hatte ihm seine Frau eingeschärft, dass er sich nicht abweisen lassen solle. Das mit dem Personalausweis – Das ist uns in Cottbus nicht gesagt worden, sagte er. Das wurde für uns zum geflügelten Wort. Das ist uns in Cottbus nicht gesagt worden. Immer, wenn etwas nicht nach unseren Wünschen lief. Friedrichstraße. Markgrafenstraße. Ich könnte hier ehemaligen Chefs und Exfrauen in die Arme laufen. Was mir erspart bleibt.

Alte oder dicke oder seltsame Männer beim Augenarzt. Man spürt, wie das Leben vage an ihnen vorbeizieht. Der Graue Star ist, wie sich das für ihn gehört, bei mir auf dem Vormarsch. Das muss nun in Halbjahresabständen beobachtet werden bis zur Operation. In der Nähe des Springer-Hauses rauchen viele hochgewachsene Männer E-Zigaretten. Der Vorgang hat etwas Technisches, gar nichts Genussvolles, eher Obszönes. Springer und die E-Zigarette, das passt zusammen, finde ich, kann es aber nicht begründen.

Es war einmal eine City-Klause

Ich gehe jetzt nicht die lange, lange Friedrichstraße runter, ich fahr mit der Bahn bis Oranienburger Tor. Da ist ein altes Eckhaus anspruchsvoll rekonstruiert. Das Partnerhaus an der anderen Ecke ist noch grau und voller Narben. Hat auch was. In der City-Klause hat sich immer noch nichts getan. Der Eigentümer war stolz auf seine besonders gute Bockwurst und seine prominenten Gäste, er nannte Nina Hagen und Armin Müller-Stahl, aber dann war hauptsächlich der Herr Friedrich da, das war eine lebensgroße Puppe, die potentiellen Gästen die Angst vor dem leeren Lokal nehmen sollte. Das nördliche Stück der Friedrichstraße wurde damals umgewühlt, Baulärm und Baudreck waren allgegenwärtig, die Straße war mehr oder weniger tot, und an diesem Ende hat sie sich auch noch immer nicht richtig erholt. Das war 1994. Dem City-Klause-Wirt sollte ein Reisebüro nachfolgen; aber nichts ist.

In der Reinhardt-Straße zweigt der kleine Nebenarm Am Zirkus ab, ansonsten gibt es hier italienisches Essen, japanisches Essen, türkisches Essen und liberales Essen. Und den Buchladen Langer-Blomqvist, den Autoren und Verlagsmitarbeiter besser meiden sollten wegen der halben Preise, zu denen ihre Bücher hier nicht lange nach Erscheinen angeboten werden. Man kann nichts dazu sagen. Diese Buchhändler sind clevere Leute, die einen guten Überblick über Verlage und Ausgaben haben. Jetzt gibt’s auch noch ’ne Bonuskarte. Wer 9 Taschenbuch-Mängelexemplare gekauft hat, bekommt eines gratis. Warum ist mir das nicht gesagt worden, sage ich scherzhaft und denke an den Mann aus Cottbus, siehe oben. Wahrscheinlich haben Sie keine Taschenbücher gekauft, sagt sie. Doch doch, sage ich, aber ich nehme an, ich sehe zu vermögend aus. Ja, sagt sie, reiche Leute profitieren nicht von dieser Maßnahme.

Koreaner, Studenten, Lebenskünstler

Ein Buchladen am Tag reicht. Ich geh heut nicht mehr ins Dussmann-Kulturkaufhaus. Das Currywurstbistro ist leer. Ich steige in die Bahn und Warschauer Straße wieder aus. Ein milder, fast schon ein Frühlingstag. Ich würde sagen, Döblins Berlin Alexanderplatz ist jetzt hier. Eine lärmende, unaufgeräumte Straße. Bettler aus aller Herren Länder sitzen auf ihren zusammengerollten Schlafsäcken und warten auf ihr Glück. Ein Russe mit dem bewundernswerten Bass der Ostkirchen. Ich will in den Malerbedarf, muss aber vorher was essen, sonst kriege ich schlechte Laune und kaufe gar nichts. Ein kleiner Koreaner. New Arirang. Zwei Achtertische, drei Zweiertische, siebzehn Leute, nach meiner Schätzung alle Studenten und Lebenskünstler. Und der größte Lebenskünstler ist der Wirt. Er kocht, er serviert, er kassiert, er verbeugt sich, was nicht das Unwichtigste ist, er springt zwischen Töpfen, Tiegeln und Pfannen hin und her. Flammen zischen auf, im Laufschritt geht es an die Tische. Ein junger Koreaner mit androgyner Ausstrahlung hat seine Freunde mitgebracht und bereitet ihnen am Tisch mit asiatischer Gelassenheit eine authentische Mahlzeit.

Vorspeisen. Rechts unten war die schärfste

Der Wirt ist ein Mann in mittleren Jahren mit langen Haaren und einer hohen Stirn. Unwillkürlich muss ich an den weitgehend unbekannten koreanischen Tennis-Spieler Hyeon Chung denken, der gerade die Australian Open aufmischt. Ein Sportler mit weißer Popart-Brille, Popart-Frisur und stämmigen Beinen, die extreme Bälle erlaufen. Das hat schon was Unheimliches. Erinnert an eine Comic-Figur. Ein künstliches Wesen. Er hat Sascha Zverev und Novak Djokovic aus dem Turnier geworfen. Aber hier, der Wirt im New Arirang, sein Landsmann, überzeugt mich mit seiner ungebremsten Leistungsfähigkeit davon, dass auch Chung zu hundert Prozent echt ist. Die Koreaner sind eben im Kommen.

Ich kriege erstmal ein koreanisches Bier und die Vorspeisen auf vier weißen Schälchen, mariniertes Gemüse, so feurig, dass mir der Rachen brennt. Gut scharf, sage ich. Der Wirt deutet auf die Sauce auf dem Tisch. Nein, nein, wehre ich ab, ist scharf genug.

Warschauer Straße kommt nicht zur Ruhe

Die Studenten und Lebenskünstler haben sich viel zu erzählen. Wir sind wie unter Schwestern und Brüdern. Es ist ein kleines Lokal in einer lauten Straße in Ostberlin, und es ist eine glückliche Stunde an einem verdammt warmen Wintertag.

 

 

 

Döblin

Vor sechzig Jahren starb Alfred Döblin in Emmendingen bei Freiburg. Er war 78 Jahre alt und hatte nach seiner Rückkehr aus dem Exil keine guten Jahre mehr in Deutschland gehabt. Er fühlte sich vergessen und wenn nicht, dann auf seinen Roman „Berlin Alexanderplatz” reduziert. „Sie hatten mich auf eine Formel gebracht: Schriftsteller des Milieus, der Unterwelt, der Berliner Unterwelt, so dass, als ich in Berlin sprach, mich wieder diese Formel empfing.”

Döblin und Berlin. Er arbeitete als Armenarzt und schrieb; er schaffte ein gewaltiges Pensum. 1933 musste er die Stadt verlassen, 1947, nach dem Exil in Frankreich und den USA, nach Krieg und in der Nachkriegszeit, sah er sie wieder. Man kann nicht sagen, dass er erschüttert war. „Ich wusste schon alles. Es ist keine große Phantasie nötig, nachdem man ein Dutzend zertrümmerter Städte gesehen hat, sich auch diese vorzustellen. Verstümmelung ist Verstümmelung, also auch hier die traurigen Reihen der Häuserskelette, die leeren Fassaden, die Schutthaufen, alles, was die Kriegsfurie und der Brand übriggelassen hatten. ” Als Kind, 1888, war Döblin nach Berlin gekommen, das schon Großstadt war, aber die „eigentliche riesenhafte Entwicklung” noch vor sich hatte. Die Orte, wo er seine besten Zeiten erlebte, sind noch zu erkennen, aber zum Schweigen gebracht. Döblin versucht sich zu erklären, was falsch gelaufen war in Berlin und in Deutschland. Er erwähnt den fürchterlichen deutschen Provinzialismus, den geistigen Rückstand – man konnte sich nicht zur Großstadt, zur Demokratie, ja, nicht einmal zur Gegenwart bekennen. Alle Deutungen helfen ja nichts. Man fällt der Resignation anheim und bleibt, jedenfalls Döblin, angriffslustig und kämpferisch. „Und wieder sehe ich: Ein Mensch hat es leichter als eine Stadt, sich zu ändern. Ein Mensch kann sich wandeln. Eine Stadt stürzt ein.” Ein Kunststück so eine Bemerkung, die sowohl zu zuversichtlich als auch zu pessimistisch ist.

Zitate aus Alfred Döblin: Autobiographische Schriften und letze Aufzeichnungen, Walter-Verlag AG Olten 1980

Berlin Alexanderplatz (26): Kurz vor Ostern

März 25, 2016 2 Kommentare
Forder ick dir uff oder du mir?

Forder ick dir uff oder du mir?

Wieder spielte eine Band auf dem Alexanderplatz, dieses Mal unter der S-Bahnbrücke. Es war, wie ich meine, eine englische Band, eine junge Frau und fünf junge Männer. Viel Volk hatte sich um sie versammelt und fotografierte mit gezückten Smartphones. Eine Betrunkene mit bunt bemaltem Gesicht und ein Zugedröhnter, der sich eines Teils seiner Kleidung entledigt hat und seine picklige Schulter zeigt, finden sich zu einem taumeligen Tanz. Es ist Donnerstag vor Ostern und es scheint Mode zu sein, dass die Leute nicht mehr Eier bemalen, sondern ihre Gesichter. Die ewig gleiche Kulisse für alle Feste wird aufgebaut, Buden, Kinderkarussell, Biergarten, Windmühle. Ich bin auf dem Weg zu Verheugen und denke, er sollte hier nicht wohnen bleiben, es kreuzen zu viele abenteuerliche Gestalten hier rum. Bettler mit unterschiedlichen Techniken. Stille Demut in der Kälte und Frechheit siegt. Berlin Alexanderplatz wie bei Döblin. Aber es gibt auch sympathische Tage.

Mach mal Pause, Tambourineman © Fritz-Jochen Kopka

Mach Pause, Tambourine-Man
© Fritz-Jochen Kopka

Karl-Marx-Allee. Ich entsorge den Müll, dazu braucht man einen Schlüssel, sonst kommt man an das Entsorgungsparadies gar nicht erst daran. Die Container für den Hausmüll sind trotzdem am Überquellen. Und wieder gehe ich über den Alexanderplatz. Und wieder spielt eine Band, die aber hauptsächlich von der Konserve lebt. Ein Trinker tanzt mit seiner Pulle und findet es großartig, wenn er das Bier verschüttet, muss er es nicht mehr selber trinken, hat sowieso genug. Zwei Funkwagen stehen bereit. Die Bullen sehen sich das nicht lange an. Bei kik kaufe ich eine Freizeithose der Marke Identic und zwei Boxershorts. Beileibe nicht für mich. Jetzt habe ich Hunger und ordere eine Currywurst XL. Was zu trinken?, fragt der Verkäufer, Bier, Cola, Wasser, Wein, Schnaps? Nein. Nichts. Bei der Soße müssen sie noch lernen. Sie ist so dick wie Pudding und schmeckt auch ein bisschen puddingmäßig. Gegen acht gehe ich ein letztes Mal an diesem Tag über den Platz. Je dunkler der Alex ist, desto unheimlicher wird er auch. Auf in den Südosten Berlins, sage ich. Das ist eine ruhige und harmlose Gegend, meinte einst ein Mitarbeiter der Bundestagsverwaltung, der von Bonn nach Berlin ziehen musste.

Berlin Alexanderplatz (5): Zwischenzeit

September 12, 2013 1 Kommentar
Oben Sonne, unten Finsternis. Berlin Alexanderplatz

Oben Sonne, unten Finsternis. Berlin Alexanderplatz

Als wir noch mit der D-Mark zahlten und der Bahnhof Alexanderplatz gerade umgebaut wurde, fanden wir zwischen Bauzäunen und Gerüsten ein Licht in der Nacht, das war die Bierbar Alkopole. Die schönen Eckplätze waren reserviert. An der Bar gab es auch amerikanisches und australisches Bier, davon unberührt tranken wir Radeberger. Die reservierten Plätze gehörten drei dicken, nichtsdestoweniger jungen Männern, denen die Jeans etwa in den Kniekehlen saßen. Im Nu war die Bierbar überfüllt, weil die jungen Dicken unendlich viele prall gefüllte Plastiktüten abstellten und übereinander stapelten. Drei Frauen waren da, die wir – von ihrem Aussehen angeregt – Alice Schwarzer, Angela Merkel und Claudia Nolte nannten. (Claudia Nolte war eine junge Bundesministerin aus Thüringen, die oft mit ihren Rüschenblusen zu beeindrucken wusste.) Merkel wiederum beeindruckte durch ihren runden Rücken und ihre Lebenslust. Fing auch gleich an zu tanzen zur Musicbox, mal mit Schwarzer, mal mit Nolte, mal auch mit einem Mann mit kurzen Haaren, hageren Wangen und trainierter Gestalt. Dieser Enrico steckte öfter ein Fünf-Mark-Stück in die Musicbox, und Merkel tanzte, sie tanzte auch allein, wenn kein Tänzer zur Verfügung stand oder wenn sie einen zurechtgewiesen hatte: Nimmst du wohl mal bitte die Griffel von meiner Brust.

Enrico tanzte mit der Musicbox. Er machte mit erhobenen Armen Schlangenbewegungen, streichelte liebevoll die Rundungen des Apparats, hielt sich daran fest. Wir behaupteten, dass er ein sehr guter Tänzer und die Musicbox seine Geliebte sei. Das konnte er nur bestätigen. Er verdankte dies seiner Schwester, die ihm in seinen pubertären Jahren riet, seinen Körper, seine Ausstrahlung und seine Bewegungsmöglichkeiten kennenzulernen, wenn er ein guter Tänzer sein wolle. Da schnappte Enrico sich einen Besenstiel, umarmte ihn wie eben die Musicbox, tanzte los wie die Feuerwehr und achtete im Spiegel immer darauf, wie das aussah.

So konnte Enrico in seinem weiteren Leben das Herz vieler Frauen für sich einnehmen. Er war der Entertainer dieses Abends, konnte keine Sekunde still sitzen, unruhig, zappelig wie diese hypervitalen Kinder, die ganze Schulklassen durcheinanderbringen. Tanzt, Kinder, tanzt, sagte er beschwörend, tanzt, so lange ihr noch tanzen könnt.

Die Damen wollten weg. Besonders die Schwarzer machte Dampf. Wir müssen nämlich morgen wieder arbeiten. Wo arbeitet ihr denn? Hier, in dem neuen Dinea-Restaurant. Wie ist es denn da so? Die Schwarzer winkte ab: Is ’ne bessere Sparkassen-Kantine. Darum müssen wir jetzt los. Und außerdem muss ich sie – die Schwarzer zeigte auf die Nolte – erst mal nach Hause kriegen. Die will doch auf dem Weg in jede Kneipe einkehren.

Tatsächlich. Die Nolte hatte offensichtlich Blut geleckt und schlich wie ein Vampir durch die Bierbar.

Unvermutet wurde auch Enrico trübsinnig. Seit die goldenen Ostzeiten vorbei sind, sagte er, ist das Leben nicht mehr so schön. Man muss immer nur ackern, hat keine Power mehr. Früher sind wir dreimal die Woche ausgegangen, alles vorbei. Meine Frau hat sich ooch noch getrennt. Hab sie im Suff vergewaltigt beinah. Und denn fährt mir noch so’n Provinzler ins Auto rein, und ick soll Schuld sein. Ist schon immer mal Scheiße, wenn du im Heim warst, weil deine Eltern im Knast saßen. Das wirst du dein Leben nich los.

Er drückte mir fünf Mark in die Hand und schickte mich zur Box. Ich suchte ein paar schöne Schnulzen aus. Angel von der Kelly-Family, Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben, und plötzlich sang das ganze Lokal „Am Tag, als Conny Kramer starb”, alle Strophen und den Refrain.

Wir standen wieder auf der Straße und waren uns einig. Berlin Alexanderplatz. Döblin lebt.

Schlesingers Haus

„Ich rede nicht über eine beliebige Straße, ich rede über die Duncker.”

Am Sonnabend wurde in der Berliner Dunckerstraße eine Gedenktafel enthüllt, was selten oder nie vorkommt in der Duncker, einer unbedeutenden Street in einem unbedeutenden Teil des Prenzlauer Berg (falls es sowas geben kann). Auf dem Weg dahin sahen wir die blauen Schafe (was durchaus doppeldeutig zu verstehen wäre) vom Helmholtzplatz, die Tischtennisspieler in einer Häuserlücke, marodierende Politessen, aufschlussreiche Schilder, wir begegneten auch schon einigen Protagonisten der bevorstehenden Enthüllung, einem Verleger, einem Leierkastenmann und einer Witwe.

Dunckerstraße 4. Hier verbrachte Klaus Schlesinger Kindheit und Jugend. Das sagt nun eine Tafel aus weißem Porzellan. Es gäbe noch einige Tafeln, die von Schlesingers Leben erzählen könnten, denn er wohnte auch in der Brunnenstraße, in der Leipziger Straße, in der Potsdamer Straße, in der Jägerstraße, in der Torstraße und in einige anderen Berliner Straßen, die mir gerade nicht einfallen wollen. Wenn es überhaupt einen wirklichen Nachfahren des Berlin-Alexanderplatz-Döblin gibt, dann ist das Schlesinger. Er war im Zivilberuf zwar nicht Arzt wie Döblin, aber in seiner geteilten Wohnung in der Brunnenstraße befand sich eine Arztpraxis. Schlesinger war Chemielaborant, er schrieb eine Großreportage, die „Hotel oder Hospital” hieß, des weiteren lauter Bücher, die ihre zähen Helden haben neben der unverzichtbaren Hintergrundfigur: Berlin.

Nahebei: die blauen Schafe vom Helmholtzplatz

Nahebei: die blauen Schafe vom Helmholtzplatz

Ich zucke immer ein bisschen zusammen, wenn man nicht Schlesinger sagt, sondern Klaus. Denn Schlesinger war ein Charakter, der immer gefährlich werden konnte, er mochte keinen Stillstand, er wollte immer was bewegen, er konnte aggressiv und poelmisch sein, gewisse Schriftstellerkollegen sagten ihm eine gewisse Hysterie nach, was auch heißen sollte, man müsse das bei seinen Aktionen in Rechnung stellen.

Christoph Links, der Verleger und Redner, zeigt an diesem verhangenem Nachmittag, dass man Klaus sagen und Schlesinger trotzdem ernst nehmen kann. Der Mann, der die besten Berlin-Bücher nach Döblin schrieb, Bücher, die man wieder hoch schätzen wird, auch wenn  viele sie im Moment aus den Augen verloren haben, da bin ich mir ganz sicher. Ich wusste nicht, dass es so viele Berührungspunkte zwischen Schlesinger und Links gab, einmal, als seine Eltern verreisten, verbrachte der noch halbwüchsige Links drei Wochen bei Schlesinger, und der unterrrichtete Links über sein Berlin, die Kneipen, in denen sich einst die Kommunisten, und jene, in denen sich die Nazis trafen, und die Orte, wo sie sich trafen, um sich die Köpfe einzuschlagen. Er zeigte den Platz des weggebombten Hauses, wo heute die Tischtennisspieler spielen, und er erzählte die Legende der vorderen, der einzig wahren Dunckerstraße, und der hinteren, jener unbedeutenden Dunckerstraße der Zugereisten. Zwei Welten. Wie Schlesinger meistens in zwei Welten lebte und in Szenen. In der Schmugglerszene, der Szene aufbegehrender Literaten, der Hausbesetzerszene.

Ooch Szenetypen ausser Duncker

Ooch Szenetypen ausser Duncker

Wir standen da, bei Kaffee und Kuchen, bei Rot- und Weißwein („Jean Paul”), und Klaus Schlesinger, gestorben 2001, hatte uns abermals die Zungen gelöst. Stolze Kindergartenmütter, Retterinnen der Hauptstadt, der Bundesrepublik und der Welt, wie man weiß, fuhren durch uns hindurch. Wir konnten nicht aufhören von Berlin zu reden, dem östlichen, westlichen und dem geeinten, und wenn jemand nicht viel über Schlesinger wusste und fragte, mit welchem Buch er anfangen solle, sagten wir: Auf alle Fälle „Alte Filme”, das mochte er selbst wohl am meisten, dann natürlich „Berliner Traum” und „Die Seele der Männer”, wo er eine unvollendete Nachkriegsjugend in Berlin beschreibt: seine. Die er auch zu der unseren macht. Was Schlesinger über den Lehrling Brehm sagte, sagte er gleichzeitig über Berlin. Ich gestatte mir, mich selbst zu zitieren aus einem Text über Schlesingers nachgleassenes, fragmentarisches Buch:

„Man ist schon in Männergespräche involviert und kann mitreden, wenn es darum geht, wie sich ein Mann (wiewohl noch unschuldig, aber das bleibt geheim) vor Geschlechtskrankheiten schützt. Man versucht unauffällig Einblicke in Ausschnitte zu bekommen. Die rote Ilona, die angeblich besonders heftig nach Maiglöckchenparfüm riecht, wenn sie ihre Tage hat. Betriebsfeste, drängende Unterleiber, Pärchen, die mit roten Köpfen den Saal verlassen. Man fährt mit der Linie 40 zum Fußballspiel und wird um seine Brieftasche erleichtert, in der sich 120 Ost- und 5 Westmark befinden, aber dennoch hat sich Bolle ganz köstlich amüsiert. Berlin, eine Stadt, die sich aufrappelt. Eine Stadt, die aus zwei Teilen besteht, aus Boxern, Billardspielern, Ladenbesitzerinnen, Gewerkschaftsvertrauensmännern, Abenteurern. Der Mensch existiert gleichzeitig in zwei gesellschaftlichen System und findet das normal. Alle erwarten noch oder wieder etwas vom Leben. Arbeit, Liebe, Vergnügen und steigende Löhne.”

Feierlicher Moment, gelassen interpretiert

Feierlicher Moment, gelassen interpretiert

Berlin Alexanderplatz (4): Virtuelle Wolkenkratzer

Aus dem Schatten ins Licht

Aus dem Schatten ins Licht

Berlin schuldet dem Bund acht Hochhäuser am Alexanderplatz, sie sind lange geplant und sollen der Stadt und dem Staat ein futuristisches Image geben, und wenn wir Hochhäuser sagen, meinen wir wirklich Hochhäuser, 150 m hoch oder mehr, doch keiner der Investoren hat bisher gebaut, stattdessen entstand ein Saturn-Gebäude, das jetzt das Alexa als hässlichstes Bauwerk am Alexanderplatz und überhaupt abgelöst hat und verspottet wird als weiteres Zeichen von Berlins Unfähigkeit, irgendetwas, das größer ist als ein Pissoir, auf die Reihe zu bekommen. Ich finde den Saturn nicht mal so schlimm, das ist ein einfaches klares Gebäude aus hellem Beton und Glas, das deutlich zu erkennen gibt, Platz machen zu wollen, wenn wirklich etwas Großartiges realisiert werden kann. So lange aber nicht die acht Hochhäuser auf dem Alexanderplatz stehen, wird der Platz von den feinsinnigen Architektur-Kennern eine Brache genannt werden.

Aber Freunde! Brache! Wie oft habt ihr Euern Fuß auf den Alex gesetzt? Da ist immer was los. Keine Massen, gewiss, aber jede Menge Typen. Ich stehe im zweiten Stock des Saturn und beobachte, wie Leute den Platz kreuzen. Ich sehe das Oktoberfest, den Weihnachtsmarkt, Frühlingsevents, die Strand-Bar. Hütten und Buden. Die Straßenkids, die sich am Womacka-Brunnen niederlassen.  Pflastermüde Wanderer. Alle wissen, dass sie nicht irgendwo auf der Welt sind, nicht in Krähwinkel, sondern Berlin-Alexanderplatz. Weltberühmt und doch so normal, wenn man da ist. Döblin sah zu seiner Zeit Zeitungsverkäufer, Viehhändler, Fliegende Händler, Marktschreier. Und Franz Biberkopf verkoofte Schlipshalter.

Wo soll’n hier noch ’n Hochhaus hin?

Wo soll’n hier noch ’n Hochhaus hin?

In den umliegenden Büros finden kleine Überlebenskämpfe statt. Etwa so:  „Hier wird gerade wieder getippt, ohne Punkt und Komma, ohne nachzudenken.  Okay, dann tippe ich mal wieder mit, und jetzt heißt es aufgepasst: Wir tippen um die Wette – das neue Bürospiel, kann ich sehr empfehlen, und wir sehen: Wer als erster aufhört, hat verloren, zumindest seine Nerven oder was davon übrig geblieben ist, im langen Berufsleben, das ist nicht sehr viel – die Hölle, das sind die Kollegen, deren Eigenheiten man den ganzen Tag ertragen muss, so dass man am Abend völlig erschöpft ist.” Die Hauptsache ist, Kopf haben und dass man ihn gebraucht, und dass man weiß, was um eenen los ist, dass man nicht gleich umgeschmissen wird. Deutscher Michel, du gehörst in den Dreck, wo du drin liegst. Schön, Kollege, schönchen.

In der Zentrale der Berliner Sparkasse lässt eine Dame sich einen Teil ihres Vermögens auszahlen, 200 000 €, sie hat einen Sicherheitsdienst angeheuert, zwei feiste Männer in blauer Uniformkleidung, die führen nur Transporte bis zu eben dieser Summe durch. Die Frau will ihr Geld in einem Tresor unterbringen, sie findet diesen Vorgang aufregend, sie hat auch schon Geld im Garten verbuddelt. War ooch uffregend gewesen. Nicht vor dem Staat will sie ihr Geld verstecken, sondern vor ihren Erben, die immer nur nehmen und nie geben, und jetzt ist mal Schluss.

Der Alex macht Luftsprünge

Der Alex macht Luftsprünge

Neben der Weltzeituhr geht die Post ab. Zwei junge Männer, ein Weißer und ein Schwarzer, wirbeln durch die Luft, wirklich aufregend, was sie machen, die Zuschauer jubeln und klatschen, manchmal holen die Akrobaten sich jemanden aus der Menge und machen ihn auch zu einem Akteur, indem sie per Salto über ihn rüberspringen oder ihn zu ungewollten schlangenartigen Bewegungen veranlassen. Komisch und gekonnt.

Ich wende mich ab von diesen sportlichen Höhen und stoße dabei fast die unbemerkt heran geschlichene Straßenbahn um oder sie mich. Kleiner Schreck am Nachmittag.

Die Hochhäuser sollen solvente Leute zum Alexanderplatz locken. In den luftigen Straßenzügen im Umfeld sollen günstige Wohnbauten entstehen, und so soll es zu einer sozialen Durchmischung des Quartiers kommen, die eine Gegend aufregend macht. Dieses oder jenes Gebäude der DDR-Moderne wird diesen Plänen wohl zum Opfer fallen, aber vielleicht fallen die Pläne auch der Realität zum Opfer. Der Alexanderplatz lebt auch so.

Besser wie Vermögensberatung, wa? Vermögen wat?

Besser wie Vermögensanlage, wa?
Vermögen wat?

Eine Stadt, die Hauptstadt ist, kann nur zum Teil sie selbst sein. Gehört allen. Das sehen wir ein. Wir verstehen auch, dass Berlin ständig animiert wird, etwas Großes zu bauen. Einen neuen Hauptbahnhof, ein altes Schloss, einen Großflughafen, ein Mahnmal. Wolkenkratzer. Kanzler-U-Bahnen. Wie ich Berlin kenne, will es das alles selber nicht. Und wenn es dann nicht funktioniert mit den Bauten und wenn sie doppelt und dreifach so teuer werden wie geplant, dann höhnen die Länder und der Bund, die fest davon überzeugt sind, dass sie alles auf die Reihe kriegen. Kriegen sie ja auch, wenn sie die Augen verschließen.

Das versteht man unter Föderalismus.

Kursive Zeilen aus Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz

Kategorien:Berlin Schlagwörter: , , , ,