Archive

Posts Tagged ‘Alfred Döblin’

Berlin Alexanderplatz (26): Kurz vor Ostern

März 25, 2016 2 Kommentare
Forder ick dir uff oder du mir?

Forder ick dir uff oder du mir?

Wieder spielte eine Band auf dem Alexanderplatz, dieses Mal unter der S-Bahnbrücke. Es war, wie ich meine, eine englische Band, eine junge Frau und fünf junge Männer. Viel Volk hatte sich um sie versammelt und fotografierte mit gezückten Smartphones. Eine Betrunkene mit bunt bemaltem Gesicht und ein Zugedröhnter, der sich eines Teils seiner Kleidung entledigt hat und seine picklige Schulter zeigt, finden sich zu einem taumeligen Tanz. Es ist Donnerstag vor Ostern und es scheint Mode zu sein, dass die Leute nicht mehr Eier bemalen, sondern ihre Gesichter. Die ewig gleiche Kulisse für alle Feste wird aufgebaut, Buden, Kinderkarussell, Biergarten, Windmühle. Ich bin auf dem Weg zu Verheugen und denke, er sollte hier nicht wohnen bleiben, es kreuzen zu viele abenteuerliche Gestalten hier rum. Bettler mit unterschiedlichen Techniken. Stille Demut in der Kälte und Frechheit siegt. Berlin Alexanderplatz wie bei Döblin. Aber es gibt auch sympathische Tage.

Mach mal Pause, Tambourineman © Fritz-Jochen Kopka

Mach Pause, Tambourine-Man
© Fritz-Jochen Kopka

Karl-Marx-Allee. Ich entsorge den Müll, dazu braucht man einen Schlüssel, sonst kommt man an das Entsorgungsparadies gar nicht erst daran. Die Container für den Hausmüll sind trotzdem am Überquellen. Und wieder gehe ich über den Alexanderplatz. Und wieder spielt eine Band, die aber hauptsächlich von der Konserve lebt. Ein Trinker tanzt mit seiner Pulle und findet es großartig, wenn er das Bier verschüttet, muss er es nicht mehr selber trinken, hat sowieso genug. Zwei Funkwagen stehen bereit. Die Bullen sehen sich das nicht lange an. Bei kik kaufe ich eine Freizeithose der Marke Identic und zwei Boxershorts. Beileibe nicht für mich. Jetzt habe ich Hunger und ordere eine Currywurst XL. Was zu trinken?, fragt der Verkäufer, Bier, Cola, Wasser, Wein, Schnaps? Nein. Nichts. Bei der Soße müssen sie noch lernen. Sie ist so dick wie Pudding und schmeckt auch ein bisschen puddingmäßig. Gegen acht gehe ich ein letztes Mal an diesem Tag über den Platz. Je dunkler der Alex ist, desto unheimlicher wird er auch. Auf in den Südosten Berlins, sage ich. Das ist eine ruhige und harmlose Gegend, meinte einst ein Mitarbeiter der Bundestagsverwaltung, der von Bonn nach Berlin ziehen musste.

Berlin Alexanderplatz (5): Zwischenzeit

September 12, 2013 1 Kommentar
Oben Sonne, unten Finsternis. Berlin Alexanderplatz

Oben Sonne, unten Finsternis. Berlin Alexanderplatz

Als wir noch mit der D-Mark zahlten und der Bahnhof Alexanderplatz gerade umgebaut wurde, fanden wir zwischen Bauzäunen und Gerüsten ein Licht in der Nacht, das war die Bierbar Alkopole. Die schönen Eckplätze waren reserviert. An der Bar gab es auch amerikanisches und australisches Bier, davon unberührt tranken wir Radeberger. Die reservierten Plätze gehörten drei dicken, nichtsdestoweniger jungen Männern, denen die Jeans etwa in den Kniekehlen saßen. Im Nu war die Bierbar überfüllt, weil die jungen Dicken unendlich viele prall gefüllte Plastiktüten abstellten und übereinander stapelten. Drei Frauen waren da, die wir – von ihrem Aussehen angeregt – Alice Schwarzer, Angela Merkel und Claudia Nolte nannten. (Claudia Nolte war eine junge Bundesministerin aus Thüringen, die oft mit ihren Rüschenblusen zu beeindrucken wusste.) Merkel wiederum beeindruckte durch ihren runden Rücken und ihre Lebenslust. Fing auch gleich an zu tanzen zur Musicbox, mal mit Schwarzer, mal mit Nolte, mal auch mit einem Mann mit kurzen Haaren, hageren Wangen und trainierter Gestalt. Dieser Enrico steckte öfter ein Fünf-Mark-Stück in die Musicbox, und Merkel tanzte, sie tanzte auch allein, wenn kein Tänzer zur Verfügung steht oder wenn sie einen zurechtgewiesen hatte: Nimmst du wohl mal bitte die Griffel von meiner Brust.

Enrico tanzte mit der Musicbox. Er machte mit erhobenen Armen Schlangenbewegungen, streichelte liebevoll die Rundungen des Apparats, hielt sich daran fest. Wir behaupteten, dass er ein sehr guter Tänzer und die Musicbox seine Geliebte sei. Das konnte er nur bestätigen. Er verdankte dies seiner Schwester, die ihm in seinen pubertären Jahren riet, seinen Körper, seine Ausstrahlung und seine Bewegungsmöglichkeiten kennenzulernen, wenn er ein guter Tänzer sein wolle. Da schnappte Enrico sich einen Besenstiel, umarmte ihn wie eben die Musicbox, tanzte los wie die Feuerwehr und achtete im Spiegel immer darauf, wie das aussah.

So konnte Enrico in seinem weiteren Leben das Herz vieler Frauen für sich einnehmen. Er war der Entertainer dieses Abends, konnte keine Sekunde still sitzen, unruhig, zappelig wie diese hypervitalen Kinder, die ganze Schulklassen durcheinanderbringen. Tanzt, Kinder, tanzt, sagte er beschwörend, tanzt, so lange ihr noch tanzen könnt.

Die Damen wollten weg. Besonders die Schwarzer machte Dampf. Wir müssen nämlich morgen wieder arbeiten. Wo arbeitet ihr denn? Hier, in dem neuen Dinea-Restaurant. Wie ist es denn da so? Die Schwarzer winkte ab: Is ’ne bessere Sparkassen-Kantine. Darum müssen wir jetzt los. Und außerdem muss ich sie – die Schwarzer zeigte auf die Nolte – erst mal nach Hause kriegen. Die will doch auf dem Weg in jede Kneipe einkehren.

Tatsächlich. Die Nolte hatte offensichtlich Blut geleckt und schlich wie ein Vampir durch die Bierbar.

Unvermutet wurde auch Enrico trübsinnig. Seit die goldenen Ostzeiten vorbei sind, sagte er, ist das Leben nicht mehr so schön. Man muss immer nur ackern, hat keine Power mehr. Früher sind wir dreimal die Woche ausgegangen, alles vorbei. Meine Frau hat sich ooch noch getrennt. Hab sie im Suff vergewaltigt beinah. Und denn fährt mir noch so’n Provinzler ins Auto rein, und ick soll Schuld sein. Ist schon immer mal Scheiße, wenn du im Heim warst, weil deine Eltern im Knast saßen. Das wirst du dein Leben nich los.

Er drückte mir fünf Mark in die Hand und schickte mich zur Box. Ich suchte ein paar schöne Schnulzen aus. Angel von der Kelly-Family, Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben, und plötzlich sang das ganze Lokal „Am Tag, als Conny Kramer starb”, alle Strophen und den Refrain.

Wir standen wieder auf der Straße und waren uns einig. Berlin Alexanderplatz. Döblin lebt.

Schlesingers Haus

„Ich rede nicht über eine beliebige Straße, ich rede über die Duncker.”

Am Sonnabend wurde in der Berliner Dunckerstraße eine Gedenktafel enthüllt, was selten oder nie vorkommt in der Duncker, einer unbedeutenden Street in einem unbedeutenden Teil des Prenzlauer Berg (falls es sowas geben kann). Auf dem Weg dahin sahen wir die blauen Schafe (was durchaus doppeldeutig zu verstehen wäre) vom Helmholtzplatz, die Tischtennisspieler in einer Häuserlücke, marodierende Politessen, aufschlussreiche Schilder, wir begegneten auch schon einigen Protagonisten der bevorstehenden Enthüllung, einem Verleger, einem Leierkastenmann und einer Witwe.

Dunckerstraße 4. Hier verbrachte Klaus Schlesinger Kindheit und Jugend. Das sagt nun eine Tafel aus weißem Porzellan. Es gäbe noch einige Tafeln, die von Schlesingers Leben erzählen könnten, denn er wohnte auch in der Brunnenstraße, in der Leipziger Straße, in der Potsdamer Straße, in der Jägerstraße, in der Torstraße und in einige anderen Berliner Straßen, die mir gerade nicht einfallen wollen. Wenn es überhaupt einen wirklichen Nachfahren des Berlin-Alexanderplatz-Döblin gibt, dann ist das Schlesinger. Er war im Zivilberuf zwar nicht Arzt wie Döblin, aber in seiner geteilten Wohnung in der Brunnenstraße befand sich eine Arztpraxis. Schlesinger war Chemielaborant, er schrieb eine Großreportage, die „Hotel oder Hospital” hieß, des weiteren lauter Bücher, die ihre zähen Helden haben neben der unverzichtbaren Hintergrundfigur: Berlin.

Nahebei: die blauen Schafe vom Helmholtzplatz

Nahebei: die blauen Schafe vom Helmholtzplatz

Ich zucke immer ein bisschen zusammen, wenn man nicht Schlesinger sagt, sondern Klaus. Denn Schlesinger war ein Charakter, der immer gefährlich werden konnte, er mochte keinen Stillstand, er wollte immer was bewegen, er konnte aggressiv und poelmisch sein, gewisse Schriftstellerkollegen sagten ihm eine gewisse Hysterie nach, was auch heißen sollte, man müsse das bei seinen Aktionen in Rechnung stellen.

Christoph Links, der Verleger und Redner, zeigt an diesem verhangenem Nachmittag, dass man Klaus sagen und Schlesinger trotzdem ernst nehmen kann. Der Mann, der die besten Berlin-Bücher nach Döblin schrieb, Bücher, die man wieder hoch schätzen wird, auch wenn  viele sie im Moment aus den Augen verloren haben, da bin ich mir ganz sicher. Ich wusste nicht, dass es so viele Berührungspunkte zwischen Schlesinger und Links gab, einmal, als seine Eltern verreisten, verbrachte der noch halbwüchsige Links drei Wochen bei Schlesinger, und der unterrrichtete Links über sein Berlin, die Kneipen, in denen sich einst die Kommunisten, und jene, in denen sich die Nazis trafen, und die Orte, wo sie sich trafen, um sich die Köpfe einzuschlagen. Er zeigte den Platz des weggebombten Hauses, wo heute die Tischtennisspieler spielen, und er erzählte die Legende der vorderen, der einzig wahren Dunckerstraße, und der hinteren, jener unbedeutenden Dunckerstraße der Zugereisten. Zwei Welten. Wie Schlesinger meistens in zwei Welten lebte und in Szenen. In der Schmugglerszene, der Szene aufbegehrender Literaten, der Hausbesetzerszene.

Ooch Szenetypen ausser Duncker

Ooch Szenetypen ausser Duncker

Wir standen da, bei Kaffee und Kuchen, bei Rot- und Weißwein („Jean Paul”), und Klaus Schlesinger, gestorben 2001, hatte uns abermals die Zungen gelöst. Stolze Kindergartenmütter, Retterinnen der Hauptstadt, der Bundesrepublik und der Welt, wie man weiß, fuhren durch uns hindurch. Wir konnten nicht aufhören von Berlin zu reden, dem östlichen, westlichen und dem geeinten, und wenn jemand nicht viel über Schlesinger wusste und fragte, mit welchem Buch er anfangen solle, sagten wir: Auf alle Fälle „Alte Filme”, das mochte er selbst wohl am meisten, dann natürlich „Berliner Traum” und „Die Seele der Männer”, wo er eine unvollendete Nachkriegsjugend in Berlin beschreibt: seine. Die er auch zu der unseren macht. Was Schlesinger über den Lehrling Brehm sagte, sagte er gleichzeitig über Berlin. Ich gestatte mir, mich selbst zu zitieren aus einem Text über Schlesingers nachgleassenes, fragmentarisches Buch:

„Man ist schon in Männergespräche involviert und kann mitreden, wenn es darum geht, wie sich ein Mann (wiewohl noch unschuldig, aber das bleibt geheim) vor Geschlechtskrankheiten schützt. Man versucht unauffällig Einblicke in Ausschnitte zu bekommen. Die rote Ilona, die angeblich besonders heftig nach Maiglöckchenparfüm riecht, wenn sie ihre Tage hat. Betriebsfeste, drängende Unterleiber, Pärchen, die mit roten Köpfen den Saal verlassen. Man fährt mit der Linie 40 zum Fußballspiel und wird um seine Brieftasche erleichtert, in der sich 120 Ost- und 5 Westmark befinden, aber dennoch hat sich Bolle ganz köstlich amüsiert. Berlin, eine Stadt, die sich aufrappelt. Eine Stadt, die aus zwei Teilen besteht, aus Boxern, Billardspielern, Ladenbesitzerinnen, Gewerkschaftsvertrauensmännern, Abenteurern. Der Mensch existiert gleichzeitig in zwei gesellschaftlichen System und findet das normal. Alle erwarten noch oder wieder etwas vom Leben. Arbeit, Liebe, Vergnügen und steigende Löhne.”

Feierlicher Moment, gelassen interpretiert

Feierlicher Moment, gelassen interpretiert

Berlin Alexanderplatz (4): Virtuelle Wolkenkratzer

Aus dem Schatten ins Licht

Aus dem Schatten ins Licht

Berlin schuldet dem Bund acht Hochhäuser am Alexanderplatz, sie sind lange geplant und sollen der Stadt und dem Staat ein futuristisches Image geben, und wenn wir Hochhäuser sagen, meinen wir wirklich Hochhäuser, 150 m hoch oder mehr, doch keiner der Investoren hat bisher gebaut, stattdessen entstand ein Saturn-Gebäude, das jetzt das Alexa als hässlichstes Bauwerk am Alexanderplatz und überhaupt abgelöst hat und verspottet wird als weiteres Zeichen von Berlins Unfähigkeit, irgendetwas, das größer ist als ein Pissoir, auf die Reihe zu bekommen. Ich finde den Saturn nicht mal so schlimm, das ist ein einfaches klares Gebäude aus hellem Beton und Glas, das deutlich zu erkennen gibt, Platz machen zu wollen, wenn wirklich etwas Großartiges realisiert werden kann. So lange aber nicht die acht Hochhäuser auf dem Alexanderplatz stehen, wird der Platz von den feinsinnigen Architektur-Kennern eine Brache genannt werden.

Aber Freunde! Brache! Wie oft habt ihr Euern Fuß auf den Alex gesetzt? Da ist immer was los. Keine Massen, gewiss, aber jede Menge Typen. Ich stehe im zweiten Stock des Saturn und beobachte, wie Leute den Platz kreuzen. Ich sehe das Oktoberfest, den Weihnachtsmarkt, Frühlingsevents, die Strand-Bar. Hütten und Buden. Die Straßenkids, die sich am Womacka-Brunnen niederlassen.  Pflastermüde Wanderer. Alle wissen, dass sie nicht irgendwo auf der Welt sind, nicht in Krähwinkel, sondern Berlin-Alexanderplatz. Weltberühmt und doch so normal, wenn man da ist. Döblin sah zu seiner Zeit Zeitungsverkäufer, Viehhändler, Fliegende Händler, Marktschreier. Und Franz Biberkopf verkoofte Schlipshalter.

Wo soll’n hier noch ’n Hochhaus hin?

Wo soll’n hier noch ’n Hochhaus hin?

In den umliegenden Büros finden kleine Überlebenskämpfe statt. Etwa so:  „Hier wird gerade wieder getippt, ohne Punkt und Komma, ohne nachzudenken.  Okay, dann tippe ich mal wieder mit, und jetzt heißt es aufgepasst: Wir tippen um die Wette – das neue Bürospiel, kann ich sehr empfehlen, und wir sehen: Wer als erster aufhört, hat verloren, zumindest seine Nerven oder was davon übrig geblieben ist, im langen Berufsleben, das ist nicht sehr viel – die Hölle, das sind die Kollegen, deren Eigenheiten man den ganzen Tag ertragen muss, so dass man am Abend völlig erschöpft ist.” Die Hauptsache ist, Kopf haben und dass man ihn gebraucht, und dass man weiß, was um eenen los ist, dass man nicht gleich umgeschmissen wird. Deutscher Michel, du gehörst in den Dreck, wo du drin liegst. Schön, Kollege, schönchen.

In der Zentrale der Berliner Sparkasse lässt eine Dame sich einen Teil ihres Vermögens auszahlen, 200 000 €, sie hat einen Sicherheitsdienst angeheuert, zwei feiste Männer in blauer Uniformkleidung, die führen nur Transporte bis zu eben dieser Summe durch. Die Frau will ihr Geld in einem Tresor unterbringen, sie findet diesen Vorgang aufregend, sie hat auch schon Geld im Garten verbuddelt. War ooch uffregend gewesen. Nicht vor dem Staat will sie ihr Geld verstecken, sondern vor ihren Erben, die immer nur nehmen und nie geben, und jetzt ist mal Schluss.

Der Alex macht Luftsprünge

Der Alex macht Luftsprünge

Neben der Weltzeituhr geht die Post ab. Zwei junge Männer, ein Weißer und ein Schwarzer, wirbeln durch die Luft, wirklich aufregend, was sie machen, die Zuschauer jubeln und klatschen, manchmal holen die Akrobaten sich jemanden aus der Menge und machen ihn auch zu einem Akteur, indem sie per Salto über ihn rüberspringen oder ihn zu ungewollten schlangenartigen Bewegungen veranlassen. Komisch und gekonnt.

Ich wende mich ab von diesen sportlichen Höhen und stoße dabei fast die unbemerkt heran geschlichene Straßenbahn um oder sie mich. Kleiner Schreck am Nachmittag.

Die Hochhäuser sollen solvente Leute zum Alexanderplatz locken. In den luftigen Straßenzügen im Umfeld sollen günstige Wohnbauten entstehen, und so soll es zu einer sozialen Durchmischung des Quartiers kommen, die eine Gegend aufregend macht. Dieses oder jenes Gebäude der DDR-Moderne wird diesen Plänen wohl zum Opfer fallen, aber vielleicht fallen die Pläne auch der Realität zum Opfer. Der Alexanderplatz lebt auch so.

Besser wie Vermögensberatung, wa? Vermögen wat?

Besser wie Vermögensanlage, wa?
Vermögen wat?

Eine Stadt, die Hauptstadt ist, kann nur zum Teil sie selbst sein. Gehört allen. Das sehen wir ein. Wir verstehen auch, dass Berlin ständig animiert wird, etwas Großes zu bauen. Einen neuen Hauptbahnhof, ein altes Schloss, einen Großflughafen, ein Mahnmal. Wolkenkratzer. Kanzler-U-Bahnen. Wie ich Berlin kenne, will es das alles selber nicht. Und wenn es dann nicht funktioniert mit den Bauten und wenn sie doppelt und dreifach so teuer werden wie geplant, dann höhnen die Länder und der Bund, die fest davon überzeugt sind, dass sie alles auf die Reihe kriegen. Kriegen sie ja auch, wenn sie die Augen verschließen.

Das versteht man unter Föderalismus.

Kursive Zeilen aus Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz

Kategorien:Berlin Schlagwörter: , , , ,

Berlin Alexanderplatz (2): That’s my song

© Fritz-Jochen Kopka

Reverend Shine und das rote Megaphon

Die S-Bahn hielt. Ale-xan-der–platz?, buchstabierte ein junger Russe fragend und sah mich an. Nein, antwortete ich charmant, Fritz-Jochen Kop-ka. Unten, am Brunnen, den man ungerechterweise Nuttenbrosche nannte, fragte ein Straßenkid: Hast du mal ’n Euro für ’ne Mini-Pizza? Ja, sagte ich, aber ich hab keinen Hunger.

Das sind alles so Sachen, die ich hätte sagen können, aber nicht wirklich gesagt habe, weil ich einerseits Humanist bin und andererseits keins auf die Fresse kriegen möchte. Ich erinnere mich an die Zeit, als es hier einen dünnen jungen Mann gab, der auf den Bahnsteigen die S-Bahnen abfahren ließ. Er gab mit seinen Armen die Signale, und die Bahnen fuhren. Ich meine, sie fuhren sowieso, und die Fahrer kümmerten sich nicht um diesen Mann, aber das konnte man auch anders sehen, und er sah das anders. Seine Arbeit verschaffte ihm Befriedigung, er sah fröhlich aus.

Dies ist der erste, immer noch bedeutendste deutsche Roman, in dem die Großstadt nicht nur Schauplatz und Rahmen, sondern Thema, Atmosphäre, aktive Dynamis und sprachproduktiv geworden ist, heißt es in Wilperts Lexikon der Weltliteratur über Döblins Berlin Alexanderplatz. Wenn ich es richtig sehe, interessierte Döblin weniger der Platz als vielmehr die abzweigenden Straßen. „Wie von gewissen alten Kirchen in manchen Städten strahlten von diesem Platz kleine finstere und zweifelhafte Straßen aus… Ich wandere die Münzstraße hinunter, hier gab es früher viele Lokale, auch zweifelhafte. Auch viel kriminelle Dinge sind hier passiert; es war ein ungeheuerliches Menschengewühl.” Diese Straßen sind jetzt dabei, ihre Finsterkeit zu verlieren. Sie sollen glänzen. Franz Biberkopf kommt aus dem Knast und denkt: die Strafe beginnt. Nein. Döblin sagt das voraus. Schuhgeschäfte, Hutgeschäfte, Glühlampen, Destillen. Warenhaus Tietz. Wo soll ick armer Deibel hin, denkt Biberkopf in der Sophienstraße. Kinoreklamen. „Wat machen wir?”, sagt Biberkopf. „Ick bin frei. Ich muss ein Weib haben.”

© Fritz-Jochen Kopka

Wohin schaust du, Johnny Jukebox, wohin geht deine Sehnsucht

Weiber gibt’s genug am Alexanderplatz. Sie stehen im Kreis um Johnny Jukebox herum, der an der Weltzeituhr steht und „Hallelujah” von Leonard Cohen singt. Es ist ein heiliger Moment. Nur der Mann im Rücken von Johnny Jukebox frisst stumpfsinnig seinen Superburger.

Auf einem Video bei Youtube steht eine Gruppe von Mädchen neben Johnny Jukebox, sie tragen vorwiegend gelbe Kleidung, und sie singen den Chorus seines Songs, und das tun sie verdammt gut. Es ist eine echte Vorführung. Johnny Jukebox lächelt und staunt. Es gibt hier keine Definition von Glück, aber das ist ein Beispiel. Da steht einer an der Weltzeituhr, Berlin Alexanderplatz, und singt sich die Seele aus dem Hals, und dann stellen sich die Mädchen neben ihn, die vielleicht aus Paderborn oder Speyer kommen, und sie sind sofort ein Team. Es ist Glück für Johnny Jukebox, und es ist Glück für die Mädchen. Wahrscheinlich werden sie diesen Moment ihr Leben lang nicht vergessen.

Vorletzten Freitag spielten Reverend Shine Snake Oil Co. auf dem Alexanderplatz. Die Band kommt aus Kopenhagen, zwei Musiker sind Amis. Der farbige Sänger, ich sag mal Reverend Shine, singt in ein rotes Megaphon. Es klingt nach Tom Waits. Der Reverend ist ein Entertainer, wie er im Buch steht. Er macht Spaß, er ist ernst, er streichelt das mittanzende Kind, er begrüßt im Publikum einen Musikerkollegen, alles ist leicht, und er ist ganz bei seinen Songs. Auch das ist ein großer Moment, der lange dauern kann, wenn man Zeit hat.

Berlin Alexanderplatz

© Fritz-Jochen Kopka

Weltzeituhr, Tram, kreuzende Wege – Ich muss noch hin, wo du schon warst

Warum ist der Alexanderplatz in Berlin berühmt? Wegen des Romans von Alfred Döblin; keine Frage. Und warum ist der Roman „Berlin Alexanderplatz” von Alfred Döblin berühmt? Wegen des Alexanderplatzes in Berlin-Mitte, ist auch klar. Es handelt sich um einen frühen Fall von Synergie.

Normalerweise ist auf dem Alexanderplatz nicht viel los. Man kann sich aber in den zweiten oder dritten Stock des Saturn-Marktes stellen und beobachten, wie die Leute den Platz kreuzen aus vier verschiedenen Richtungen, und wird dabei feststellen, dass die einen dahin gehen, wo die anderen herkommen. Absurd, könnte man sagen, oder eines der normalen Großstadtphänomene. Das, was die einen noch vor sich haben, haben die anderen bereits hinter sich. Da, wo die einen arbeiten, wohnen die anderen. Die Sinnlosigkeit ergibt letztlich einen Sinn. „Der Norden ergießt sich nach Süden”, schrieb Döblin, „der Süden nach Norden … Das Gesicht der Ostwanderer ist in nichts unterschieden von dem der West-, Süd- und Nordwanderer … ”

Eine Fläche von der Größe des Alexanderplatzes ist nicht leicht zu bespielen. Seit einiger Zeit fährt wieder die Straßenbahn über den Platz, sie fährt sehr langsam, fast im Schritttempo, damit niemand zu Schaden kommt, denn es ist so, dass der Berliner nicht in der Lage ist zu realisieren, dass die Tram wieder da ist, er ist mit sich selbst beschäftigt oder eben mit denen, die aus der Richtung kommen, in die er selber will, er findet auch, dass der Platz ihm gehört und nicht irgendwelchen Verkehrsmitteln, es sei denn, er will sie selbst nutzen. „Sie lesen Zeitungen verschiedener Richtungen”, schreibt Döblin über die Fahrgäste, „bewahren vermittels ihres Ohrlabyrinths das Gleichgewicht, nehmen Sauerstoff auf, dösen sich an, haben Schmerzen, haben keine Schmerzen, denken, denken nicht, sind glücklich, sind unglücklich, sind weder glücklich noch unglücklich.” Wo die einen herkommen müssen die anderen noch hin, es war schon immer so.

Hier steht das Kaufhaus, früher Tietz, dann Centrum, heute Kaufhof, hier steht das Berolina-Haus, ein Verwaltungsgebäude. Die DDR baute das Hotel „Stadt Berlin” mit seinen 36 Stockwerken und installierte die Zille-Stuben, ein volkstümliches Lokal nicht ohne Anspruch und mit Berliner Folklore auf der Speisekarte. Die gibt’s heute nicht mehr, die Zille-Stuben. Die DDR oder auch Ost-Berlin baute das Haus des Lehrers mit der Bauchbinde, heute ein Bürohaus, und den als Nuttenbrosche geschmähten Womacka-Brunnen, heute beliebte Hängematte von Punkern, Abgestürzten und Touristen. Die DDR baute auch die Weltzeituhr, ein Rendezvous aller erdenklichen Zeitzonen. Blaskapellen spielten hier, es konnte sein, dass ein vorübergehender Lebenskünstler sie plötzlich ungefragt zu dirigieren begann und zu ungeahntem Tempo trieb. Ein Gärtner legte jedes Jahr große Kakteenbeete an. Einmal sah ich, wie ein Polizist einen nicht mehr ganz jungen Mann verfolgte, der heiter davontrabte. Immer, wenn der Polizist zupacken wollte, legte der Mann einen Zahn zu (sowohl läuferisch als auch lächlerisch) und die Staatsmacht griff ins Leere. Das war wohl nicht das schlechteste Symbol für das alles.

Ich sehe gerade, dass auf dem Alexanderplatz doch mehr los war und ist, als ich dachte und berichte demnächst weiter…