Startseite > Contemporary Art > Die die Göttin ihrer Bilder ist

Die die Göttin ihrer Bilder ist

Freier Blick auf freie Bilder
© FJK

IMG_5842 (1)

Momentum

Man kann froh sein, wenn überhaupt noch was stattfindet neben dem, was man selbst stattfinden lässt, und so ist man auch dankbar für eine Ausstellungseröffnung mit kleinem Besteck. Ellen Fuhr bei Helle Coppi, Berlin Mitte, Auguststraße. Keine Rede, keine Musik, kein Wein, aber eine Kanne und eine Turm von Bechern, vielleicht für Kaffee. Maximal 16 Besucher dürfen rein, aber als wir kommen, stellt sich das Problem nicht mehr.
Ellen Fuhr ist 2017 mit 59 Jahren gestorben; man begreift es nicht. Man begreift es noch weniger, wenn man ihre Bilder sieht, in denen so viel Kraft steckt. Man sieht da, was man in der Realität nur ahnt, das Eruptive der Großstadt, sie nimmt alles auseinander und setzt es neu wieder zusammen, Trassen, Brücken, Treppen = Auf- und Abstiege, Brandmauern, Hochhäuser, Stahl, Stein und Beton, die schrägen Winkel, die scharfen Kanten, die Kurven, der Text der Stadt, Gesichter, die plötzlich auftauchen und dich verfolgen, die Schluchten, der Dreck, der dir in die Fresse fliegt, und es liegt doch alles in der Hand der Malerin, die die Göttin ihrer Bilder ist. Die Hinterlassenschaft von Ellen Fuhr. Es ist mehr Döblins als Zilles Berlin, die Selbstbehauptung in der Verlorenheit. Für den Himmel bleibt wenig Raum. Und immer wieder dieses Berliner U-Bahn-Blau. Die Stadt war ihr Thema. Die Stadt. Das Meer. Der Kopf. Und das Glück. Die Köpfe: Das sind wie immer wenige kräftige Linien, du bist der Meinung, du kennst diese Leute, und du kennst sie wirklich, Simone Signoret, Elvis Presley, Christa Wolf, immer hat Ellen Fuhr das einzigartig Individuelle erfasst.
Im Gespräch mit Urszula Usakowska-Wolf hat sie erzählt, dass sie schon immer gezeichnet hat, schon als Kind, und dass sie die Erfahrung machte, dass die Leute das, was sie zeichnete, besser verstanden als das, was sie sagte. In der DDR war sie eine Künstlerin, die von den Radierungen, die sie verkaufte, gut leben konnte. „Es passierte nichts, man hat sich verkrochen, man hat seine Künstlerfreundschaften gepflegt, ich habe damals Kette geraucht, man hat sehr viel getrunken, man hat sehr viel gejammert. In Dresden war es noch schlimmer als in Berlin … da war schon eine sehr starke Selbstbemitleidung. Das war dann in Berlin nicht mehr so. Es gab im Prenzlauer Berg … damals noch eine sehr romantische und melancholische Grundstimmung, das war ein Lebensgefühl dort Wir kannten uns alle untereinander. Das hatte etwas von einer Schrebergartenkolonie.”
Als der Westen kam, dachte sie daran aufzuhören. Angeblich war nun alles falsch, was sie gemacht hatte, das gegenständliche, figürliche Malen, aber wie Neo Rauch konnte sie sich sagen: Was bin ich denn, wenn ich nicht male!, und so haben wir diese Bilder, diese Wirbel, diese Dynamik, diese Hinterlassenschaft, an einem Sonnabend im November und für immer.

  1. Corinna Fricke
    November 23, 2020 um 1:47 pm

    Wie immer – ein Gedicht, lieber Fritz. Kannst du das nicht der Berliner oder dem Tagesspiegel oder gar der Zeit oder der Süddeutschen verkaufen? Sei gegrüßt Corinna

    PS – Jaffa kann man noch mieten, aber nicht mehr so sehen. Also – vielleicht löscht Ihr noch nicht? >

  1. No trackbacks yet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: