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Archive for Mai 2016

Paradiso

Vor uns die Südsee, hinter uns der Müll © Christian Brachwitz

Vor uns die Südsee, hinter uns der Müll
© Christian Brachwitz

Die Palme symbolisiert das Paradies, die Palme, und auch der etwas steif um die Gefährtin gelegte Arm, aber selbst hier, am Strand, neben der Palme, gehen die gemeinsamen Blicke in die Ferne, zum Paradies hinter dem Paradies, hinter dem Meer und hinter den Wolken, denn überall ist es schöner, wo wir nicht sind. Das haben wir so in den Genen: Dass wir das Glück nur in der räumlichen oder der zeitlichen Ferne ausmachen können. Wir erinnern uns an eine Zeit vor dieser Zeit und plötzlich stellen wir fest: Das Glück, das war ja das Glück. Was natürlich eine enorme Selbsttäuschung ist.

Wir sind hier in der Nähe des Westhafens in Berlin, ein unbeachteter Ort hinter der alten Mauer einer neuen, vermutlich lautlosen Fabrik. Ein bisschen Schutt, Reste von Vegetation, zusammengesuchte Zweige für ein Feuerchen, an dem man auch wieder vom Paradies träumen kann, das es tatsächlich gibt: früher. Oder weit weg. Man kann es malen, dann sieht es aus wie Kitsch.

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Die Zukunft rollt am Hbf

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann rollen sie immer noch © Fritz-Jochen Kopka

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann rollen sie immer noch
© Fritz-Jochen Kopka

Am Beginn einer Reise steht der Hauptbahnhof, er stimmt dich ein, das Reisefieber, vielleicht zwei bis drei Zehntel Grad, setzt ein. Der neue Hauptbahnhof in Berlin wird in diesen Tagen zehn Jahre alt, wir haben uns an ihn gewöhnt, wir haben gelernt, uns in seine Weiten zu orientieren, vor Abfahrt des Zuges eine Zeitung zu kaufen und eine Flasche Wasser, was ich sagen würde, wenn ich ihn loben sollte, wäre, dass er eine gewisse Entzerrung hervorgebracht hat. Dieses Gedränge und Geschubse, das wir mit Bahnhöfen immer verbanden, die überfüllten Bahnsteige, der Kampf um Plätze, die bedrängende Enge, all das gibt es zum Glück nicht mehr, ist aber in unserem Unter- oder Unbewussten noch abgespeichert und macht uns unruhig, auch wenn kein realer Anlass dafür mehr vorhanden ist. Der Hauptbahnhof hat, zehn Jahre nach seiner Eröffnung, etwas Kathedralenhaftes. Man könnte Choräle und gregorianische Gesänge einspielen. Ich würde mitsingen. Der reisende Mensch ist mehr Individuum als gewöhnlich, selbst wenn er in der Gruppe unterwegs ist. Man hat sein Gepäck und sein Schicksal dabei, auf Reisen ist einem das stärker bewusst als zu Hause, also diese Anwesenheit des Schicksals.

Allein unterwegs mit deinem Fahrrad, deinem Helm und deinem Schicksal

Allein unterwegs mit deinem Fahrrad, deinem Helm und deinem Schicksal

An einem Sonnabend im Mai beschäftigen mich in der riesigen Halle die Rolltreppen. Dieses maschinelle Gleiten von A nach B. Der Mensch steht still, und er bewegt sich doch. Wird dabei natürlich nicht schlanker. Das Auf und Ab mit den Rolltreppen ist für mich ein starker Verweis auf Zukunft. Immer mehr werden wir bewegt werden, immer weniger werden wir uns selbst bewegen. Die Rolle der Maschinen wird immer mehr zur Hauptrolle, und wir verschwinden fast in unseren Nebenrollen. Die einen fahren rauf, die anderen fahren runter. Das bedeutet gar nichts, es hat eben nur so eine symbolische Anmutung. Auf der anderen Seite macht sich eine Zwangsvorstellung breit: Dieselben Reisenden fahren rauf und runter, ohne je anzukommen, Sisyphos rollt den Stein.

Wir wissen von Rolltreppen, dass sie oft defekt sind und ausfallen. Am Hauptbahnhof habe ich das noch nicht erlebt. Da verrichten sie ihr Geschäft mit bewundernswertem Gleichmut. Dem Gleichmut der Maschinen könnten wir in der Zukunft unsere Spontanität entgegensetzen.

Der König und ich

In einem anderen Land

In einem anderen Land

Mein erster Versuch mit Dave Eggers hat funktioniert. Ich griff unverbindlich zu „Ein Hologramm für den König” und las es bis zum Ende. Günstig schon mal, dass Eggers in kurzen Sequenzen schreibt.

„Alan Clay erwachte in Dschidda, Saudi-Arabien.” Dann zwei Zeilen, Leerzeile, nächster Abschnitt.

„In Nairobi hatte er eine Frau kennengelernt.” Danach 13 Zeilen. Leerzeile. Nächste Sequenz.

„Mit einem Klicken betrat Alan um 1.12 Uhr sein Zimmer im Hilton.” 13 Zeilen. Leerzeile. Nächster Abschnitt.

Warum funktioniert das? Ich würde sagen, es ist filmisches Schreiben, ohne dass bewegte Bilder dabei unsere Phantasie entmachten. Und jede Sequenz machte sich durch ihren schnellen Abschluss bedeutend. Sie beinhaltet eine Action, ein Bekenntnis, ein Dilemma, eine Erinnerung und nie nichts.

Wenn man diesen Eggers liest, kommt man auf die Idee, dass zu einem gelungenen Roman nicht viel dazugehört. Zunächst mal der Held oder Antiheld. Das ist also Alan Clay, ein gescheiterter Manager, tief verschuldet, ein Mann der Old Economy mit seiner Geschichte, zu der eine Frau, eine Tochter und ein Freund gehören, der sich umgebracht hat, indem er ins Wasser ging, in den See vor seinem Haus. Zum Roman gehört eine Fläche, ein Umfeld, an dem der Mann seinem Leben die entscheidende Wende geben will. Das ist hier Saudi-Arabien. Alan Clay will dem saudischen König im Auftrag einer IT-Firma ein hochwertiges Informationssystem verkaufen. Er ist nicht besonders gut in Form. Er stolpert öfter mal, setzt sich neben einen Stuhl und quält sich mit einer Geschwulst am Hals herum, die er, alkoholisiert, selbst aufschneidet. „Seine ganzer Körper war von seinen Unfällen in den letzten Jahren mit Narben übersät. Er war linkisch geworden. Er stieß sich den Kopf an Küchenschränken. Quetschte sich die Hände in Autotüren.” . Er geht meistens ins Leere, es gelingt ihm nicht, die entscheidenden Leute zu treffen. Die Präsentation ist immerhin gut, aber der König entscheidet sich für die Technik der Chinesen. Alan Clay ist wieder gescheitert. Aber er ist besser drauf als am Anfang der Geschichte. Er ist wieder für eine Frau entflammt. Und auch für die Fremde. Er lässt Amerika hinter sich.

Tja, mehr gehört nicht zu einem Roman. Aber dann lese ich zwei Seiten lang, bei wem Dave Eggers sich zu bedanken hat, damit dieses Buch entstehen konnte. Er hat offensichtlich recherchiert ohne Ende. Und nun kommt ein weiteres Plus des Werks: Man merkt an keiner Stelle die Last der Informationen. Immer gewinnen Sprache und Handlung Oberhand, und alles scheint leicht zu sein.

Vielleicht ist folgende Bemerkung Eggers’ bezeichnend für seinen Umgang mit Informationen: „Ihm fiel kein einziges Beispiel dafür ein, dass eine in einem Reiseführer beschriebene Sitte oder Behauptung je in der Praxis bestätigt worden wäre.”

Dann sah ich im Kino einen Trailer. Woher kennst du das, dachte ich sofort. Es war Tom Tykwers Verfilmung von Eggers’ Roman. Tom Hanks spielt den Alan Clay. Das war eine Besetzung, die absolut auf der Hand lag. Aber man musste erstmal draufkommen.

Dem Narren geht es schlecht

Könnte auch einen Fata Morgana sein

Könnte auch eine Fata Morgana sein

In östlicher Richtung, am Stadtrand zwischen einer Straßenzeile und einem Wäldchen, ein kleiner Rummel, der um diese Zeit, dreizehn Uhr Mittag, noch nicht aufgewacht ist. Neben den Wohnwagen ist eine Wäscheleine gespannt. Der Rummel versucht, mit Hollywood-Image zu punkten. Unschwer zu erraten, dass ihm hier und wahrscheinlich auch anderswo kein Erfolg beschieden ist. Von Glück will ich nicht reden. Glück ist was anderes.

Nachmittag um fünf streifen wir das Gelände noch einmal, alles, was vom Abiturjahrgang 1962 sich in der Heimatstadt eingefunden hat. Wieder nichts los. Immer noch nicht aufgewacht, der Rummel. Meine Güte, sagte unsere Klassenbeste, wenn ich bedenke, was für ein Ereignis der Rummel in unserer Jugend war, in unserer kleinen Stadt. Da sind wir alle hingerannt, schon um die Westschlager auf einem öffentlichen Platz zu hören. Und ein bisschen rumzutanzen.

Wer vier Jahre lang Klassenbeste war, wird es sein Leben lang nicht mehr los. Ich sage nichts Schlechtes über die Klassenbesten in unserem Land.

Leben mit Wäschenleine, auf Rädern, am Stadtrand

Leben mit Wäscheleine, auf Rädern, am Stadtrand

Aber der Rummel war nicht Westmusik. Der Rummel war Abenteuer. Diese sonderbaren Leute, die durchs Land zogen und etwas kühner und verworfener aussahen als alle, die wir sonst so kannten. Kandierte Äpfel, Schlagkrem und Zuckerwatte. Warmes Bier, das uns sofort besoffen machte. Männer, die ihren Liebsten zeigen wollten, wie gut sie schießen konnten für eine Flasche Wein oder einen Teddybär oder eine sogenannte Kristallvase. Diese oder jene kleine Schlägerei. Alles, was hier passierte, musste man nicht so ernst nehmen. Das hatte man auch erstmal zu lernen.

Und heute ist der Rummel Nostalgie. La Strada. Anthony Quinn und Giulietta Masina. Zampano, dem Narren geht es schlecht. Dem Narren geht es schlecht, Zampano.

Von Benn bis van Gogh

Berliner Farben an einem unberlinischen Ort © Christian Brachwitz

Berliner Farben an einem unberlinischen Ort
© Christian Brachwitz

Blau ist das Südwort schlechthin, sagte Benn, mit den anderen Farben könne man im Gedicht nichts anfangen (er war sehr streng), aber Blau sei eben das Südwort schlechthin. Wir sind aber nicht im Süden, wir sind in Berlin, an irgendeiner Unterführung mit irgendeinem Graffiti und einem Zaun und einem gelben Kasten, einem Gebäude, das vielleicht auch irgendwo Fenster hat, bloß nicht da, wo wir hinschauen. „Die Farbe ist nichts Zufälliges, sondern etwas Arteigenes; das altägyptische Wort für Farbe bedeutet gleichzeitig ›Wesen‹”, sagt uns das Wörterbuch der Symbolik, und auch, dass Farben „in ihrer Verbindung mit einer Form zu sehen sind”. Aber das hat der Himmel für eine Form? Er hat eine Form, die durch die Wolken bestimmt ist und auch durch diesen gelben Kasten, den der Himmel erst richtig zum Leuchten bringt. Für van Gogh stand Gelb für Gott und für die Liebe und Blau für die Unendlichkeit. Bei uns Deutschen symbolisiert Gelb den Neid. Da bin ich ganz bei van Gogh. Ich mag Gelb.

Früher Sommer

Nicht viele gehen den Weg zum Strand © Andrea Doberenz

Nicht viele gehen den Weg zum Strand
© Andrea Doberenz

Erster Tag in Heringsdorf. Und gleich ans Meer. Der Horizont so weit, das Licht so blendend, die Luft so klar. Die frische Meeresbrise. Wie wird das Wasser sein? Wird man nach Hause fahren müssen, ohne gebadet zu haben? Alles, nur das nicht. Sind 12 Grad Wassertemperatur lebensbedrohlich?

Herren sollen sehen, wo sie bleiben

Herren sollen sehen, wo sie bleiben

Der Gang ins Tiefe ist weit und heroisch

Der Gang ins Tiefe ist weit und heroisch

Der zweite Tag ist der Tag des größeren Mutes. Jetzt sind wir dem Seeklima gewachsen, es kneift in den Waden, wenn man ins Wasser geht, das wie über Nacht zum Glück zwei Grad wärmer geworden ist. Helden wie wir gibt es nur wenige am Strand. Und das prickelnde Gefühl auf der Haut nach dem Bad kriegst du in Berlin nicht. Niemals.

Sonderbare Häuser, sonderbare Menschen

Sonderbare Häuser, sonderbare Menschen

Geheimnisvolle Häuser in der Nachbarschaft. Wir wohnen direkt an der Uferpromenade zwischen Heringsdorf und Bansin zwischen alten Villen und unbekümmerten Neubauten. Entschleunigung. Zwischen den Häusern und dem Meer gibt es nur den Radfahr- und Fußweg. Das alte Haus nebenan war voller junger Leute, die abends grillten und mäßig Lärm machten. Grillfleisch wurde uns keines rübergereicht. Wir hatten Salat mit grünem Spargel.

Gorki war groß und hager, und die Arme waren noch mal extra lang

Gorki war groß und hager, und die Arme waren noch mal extra lang

Schräg gegenüber die Villa Irmgard. Vor der Tür begrüßt uns Maxim Gorki in Bronze. Der proletarische Dichter „liebte Heringsdorf, die klare Seeluft, Sonne und Strand. In der Villa richtete er sich ein Wohn- und Arbeitszimmer ein”, das fast unverändert erhalten geblieben und zu besichtigen ist.

Wir haben Zeit

Wir haben Zeit

Der Mai ist gekommen, der Baum schlägt noch nicht aus. Entschleunigung Teil zwei. Die Kunden des Bäckers essen nur Meisterstücke, „mit Liebe gemacht”, und auch die Häuser und Villen wollen Meisterstücke sein. Geredet wird nicht viel, aber was gesagt wird, ist bedeutungsvoll.

Kultur war jeder zweite Herzschlag unseres Lebens, und was für’n Herzschlag!

Kultur war jeder zweite Herzschlag unseres Lebens, und was für’n Herzschlag!

Das Kulturhaus in Zinnowitz könnte Stalin persönlich gebaut haben. Mit dem momentanen Zustand wäre er nicht zufrieden, auch nicht damit, dass hier Luxuswohnungen für erste Adressen entstehen sollen. The times they’re changing. Die Sonne und die Luft hellen alles auf.

Gelassenheit am Achterwasser

Gelassenheit am Achterwasser

Schöne Zeiten im Café Knatter am Achterwasser. „Ob Fisch, Fleisch oder Pastavariationen – unsere Küche legt größten Wert auf die Frische der hier verwendeten Zutaten” – und den Sonnenuntergang gibt’s zum Tagesausklang gratis dazu. Der Service ist freundlich, lässt aber auf sich warten. Entschleunigung Teil III. Wir sind ja nicht auf der Flucht.

Gastbeitrag Andrea Doberenz

 

 

Lebt wohl, ihr stürmischen Bäume

Lebt wohl, ihr stürmischen Bäume

Das ist ja noch mal schiefgegangen

Prognose, auf den Arsch gefallen

Prognose, auf den Arsch gefallen

Nach der Saison ist vor der Saison. Anfang August 2015 sagten die Originalitätsmonster der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung das Ergebnis der Bundesliga-Saison 2015/16 voraus, das wir jetzt gerade live erlebten. So originell waren sie nun wieder nicht, dass sie einen anderen Meister als die Bayern vorausgesagt hätten. Sie meinten, es sei nur eine Frage des Punktvorsprungs, und so ist es ja auch gekommen. Aber dann übertrafen sie sich selbst. Wolfsburg landet auf Platz 2, und „das könnte eine lange Geschichte werden”. Also, der Werksklub auf Jahre hinaus der härteste Konkurrent der Bayern. Stand heute ist das ziemlich lächerlich, aber das wissen alle, die versuchen, Fußballergebnisse zu tippen, man schießt sich da ziemlich oft ins Knie. Manchmal hat man das Gefühl, die Mannschaften spielen nicht gegeneinander, sondern gegen dich, den Tipper, den Neunmalklugen, und auch der Schiedsrichter entscheidet oft genug nicht gegen einen Verein, sondern gegen dich. Bei den FAS-Burschen ist das aber noch ein wenig anders. Sie strotzen nur so vor Selbstgewissheit. Warum? Bei den Politikern wird öfter mal nachgefragt: Was haben sie vor der Wahl gesagt, wovon waren sie vor einem Monat überzeugt, vor einem Jahr. Die steilen Prognosen der Journalisten sind schon am nächsten Tag vergessen. Niemand nimmt sie beim Wort. Bei Borussia Mönchengladbach haben die FAS-Weisen ganz auf Trainer Lucien Favre gesetzt. Wir wissen, wie das ausging. Der VfB Stuttgart habe im Abstiegskampf ziemlich gut Fußball gespielt, „und unter dem neuen Trainer Zorniger geht es weiter in diese Richtung”. Ziemlich gut Fußball spielen und meistens verlieren. So haben sie es wohl nicht gemeint, die Jungs von der FAS. Sie waren auch nicht originell genug, den Aufsteigern eine Chance zu geben. Darmstadt trauten sie immerhin noch den Relegationsplatz zu, für Ingolstadt sollte es trotz der „Audi-Kohle auf dem Konto” nicht reichen, da gab man sich mal volkstümlich. Und ganz unten? Platz 18? Laut FAS Hertha BSC: „Dem Team mangelt es an Klasse, Sportdirektor Preetz an Ideen, Trainer Dardai an Erfahrung.” In der Realität hatte die Hertha nie was mit dem Abstieg zu tun. Stand sogar öfter auf einem Champions League-Platz. Den Fußballweisen von der FAS mangelt es an Demut. An Weitsicht. Und an der Einsicht, dass Fußball ein viel komplexeres Ding ist, als sie sich auch nur vorstellen können. Könnte sein, dass die Fehlprognose auch was mit Berlin-Hass zu tun hat. Sie ertragen es einfach nicht, dass Berlin so viele Leute anzieht.