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Posts Tagged ‘Tatort München’

Die letzten Untaten des Jahres

Trees in Heaven

Trees in Heaven

Da gab’s ja noch zwei Tatorte in den letzten Tagen des Jahres.

Es musste wahrlich Weihnachten werden, um uns das Gefühl zu geben, dass wir einem gelungenen Tatort aus Saarbrücken beiwohnen. Jawohl. Jetzt ist der Humor, den die Macher mit Kommissar Jens Stellbrink alias Devid Striesow im Sinn hatten, aufgegangen. Jetzt war der Kommissar nicht mehr nur ein komischer Kauz mit Yoga und rosa Vespa, sondern ein saarländischer Hans im Glück, der mit jedem Missgeschick nur noch ein bisschen freier und fröhlicher wird. Auch wenn der normale Bürger sich über den Bullen von der komischen Gestalt nur wundern kann: „Die haben Ihnen Ihren Ausweis geklaut und Sie sind Polizist?!”

Dabei hatten sich die Saarbrücker viel vorgenommen, zu viel, sollte man eigentlich meinen. Zu Weihnachten die Weihnachtsgeschichte nachzuspielen, die Geburt des Christkinds im Stall, das verlangt schon Verwegenheit und Sachlichkeit dazu. Stellbrink, der unbekümmert under cover unter den fleischigen Nutten im Puff ermittelt, mit Ko-Tropfen mattgesetzt wird und für die verschlafenen Stunden fünfhundert Euro blechen muss, das war echt nicht schlecht und beiläufig mit schrägem Humor in Szene gesetzt.

Alles wegen dem Scheißweihnachten – dieser und ähnliche Flüche werden in diesem Film öfter ausgestoßen. Ausgerechnet wegen dem Scheißweihnachten liefern die Saarländer ihren besten Tatort ab. Also dann Freunde, vielleicht nur noch zu christlichen Festen?

Und der Tatort aus München … „Das verkaufte Lächeln”. Man sah die Kinder oder, ach, Jugendlichen beim Smartphone-Malochen. Schwer vorstellbar, dass sie ohne Smartphones und Laptops überhaupt lebensfähig sein könnten. Eine der besorgten Mütter zerkloppt schließlich das Gerät ihres Sohns und staucht es in den Müll. Da ist es aber schon zu spät. Der Junge ist nicht mehr zu retten. Das Gerät ist die Grundlage seiner Existenz.

Generationskonflikte hat es immer gegeben. Aber so tief ist die Schlucht wohl noch nie gewesen. Die Jungen hinter ihren Computern sind kaum noch in der Lage, ihre Alten ernst- und wahrzunehmen. Sie kommen klar, ja?, fragen sie besorgt, wenn sie einen Erwachsenen am Computer erblicken. So wie wir früher gerührt waren, wenn wir einen Volkspolizisten in all seiner Hilflosigkeit an einer Schreibmaschine sitzen sahen. Jetzt ist es aber so, dass die computertechnischen Fähigkeiten der Jugendlichen ihren ethischen Standards weit voraus sind. Und aus dieser Diskrepanz ergeben sich dramatische Konstellationen, Missbrauch und Totschlag.

Die wackeren Missmutigen Franz und Ivo konnten da nur am Rand agieren, den Ereignissen immer das entscheidende Stück hinterher. Na klar. Die finale Kunst beim Tatort besteht meistens darin, unter den Verdächtigen den harmlosesten als Täter auszumachen. Das war in Saabrücken so und in München auch. Warum nicht. Es ist ein Spiel zwischen Drehteam und Zuschauer. Hier ging es auf.

Ein Teppich für Ivos Bibliothek

Die wohl dienstältesten Kommissare Batic und Leitmayr liefern mal wieder einen erstaunlichen Tatort-Krimi ab. „Der Wüstensohn” aus München. Eine solche Gestalt wie Nasir, den Sohn des Emirs von Kumar, hat man noch nicht gesehen. Der Prinz macht München unsicher, ihm kann keiner, er besitzt den Diplomatenstatus. Leider hat er gerade alle roten Ampeln überfahren und in seinem Auto einen erschossenen Landsmann transportiert. Batic und Wachveitl können so gut wie nichts machen, der Prinz wird bei Befragungen sofort wild, könnte jederzeit mit der Pistole um sich schießen und wird außerdem vom schmierigen Generalkonsul seines Landes und vom Oberstaatsanwalt, einem Knecht der Macht, wie er im Buche steht, geschützt. Die Kommissare sind auf dem Gipfel ihrer Resignation angelangt. Sie vergessen ihre korrekte Bürgerstube und überbieten sich in rassistischen Äußerungen, um sich anschließend gegenseitig zurechtzuweisen. Und plötzlich fängt der hochfahrende und jähzornige Prinz an, uns sympathisch zu werden, er ist ja ein treuherziger, fraternisierender Knabe, der die Welt, die er nicht versteht, mit Gunstbezeugungen, Geschenken und Mahlzeiten überhäufen will.

„Jetzt ist mir schlecht von dem ganzen Süßkram”, sagt Batic genervt. „Weil du immer so maßlos bist, wenn’s nichts kost’”, sagt Leitmayr. Der kleinlaute Sarkasmus der Kommissare ist einzig im deutschen Fernsehen. Ein netter Nebengag: Der Prinz schenkt Batic einen wertvollen Perserteppich für seine Bibliothek. Das hat Leitmayr dem Kollegen eingebrockt, zu Ermittlungszwecken, und alles witzelt herum, was das für eine Bibliothek sein könnte, die der gute Ivo sein eigen nennt.

Wir sehen: Humor im Krimi geht, wenn es nicht so gemacht wird wie in Münster.

Was wird aus Franz Leitmayr

Wir erinnern uns, dass irgendwann Kommissar Leitmayr (Udo Wachveitl) seinen Kollegen Batic (Miroslav Nemec) nicht mehr verstand, weil der sein Gedächtnis verloren hatte und plötzlich selbst verdächtig war. Nun wird, „Am Ende des Flurs”, Leitmayr vom Mordfall Lisa Brenner abgezogen, denn die Lisa war einst seine Geliebte, was der blass gewordene Leitmayr Franz verschweigt, bis einer der Verdächtigen es ihm auf den Kopf zusagt. Da fragt der Batic Ivo sich, ob sein Kollege und Freund total verrückt geworden ist und der allzeit hochnervöse Polizeichef Dr. Lammert („Wir haben nichts. Nur Tote.”) dreht erst recht durch. Leitmayrs Fehlverhalten ist nachvollziehbar. Songs von Johnny Cash haben die Liebe von Lisa und Franz begleitet, aber nun erfährt er, dass seine Geliebte eine Edelprostituierte war, Nutte, schlicht gesagt; das steckt auch ein hartgesottener Kommissar nicht weg, zumal ihn die Frau kurz vor ihrem Tod angerufen hat, weil sie Hilfe brauchte: „Verstehst du? Ich hab nicht zurückgerufen! Weil alles in diesem Drecksleben immer wichtiger ist.” Was mich an diesem Münchner Tatort irritierte, war das übertrieben Melodramatische der Inszenierung. Es musste viel untergebracht werden in diesen neunzig Minuten: zwei Berufsanfänger im Kommissariat, die Stammkunden (besonders ungebärdig Franz Xaver Kroetz) der Nutte und schließlich eine Messer und Hämmer schwingende Psychopatin. Ob da der suspendierte und auf eigene Faust ermittelnde Leitmayr Franz mit dem Leben davongekommen ist, wissen wir noch nicht genau. Und die Herrschaften in der Redaktion des Bayrischen Rundfunks scheinen sich auch noch nicht einig zu sein. Vielleicht wollen sie auch mal Täter sein.

Die Eiferer

Im Tatort aus München („Allmächtig”) stoßen mediale und religiöse Eiferer aufeinander. Die Leiche liegt anschließend im Hochwald. Wie realistisch auch immer: Es überrascht schon die schnöselige Arroganz der Medientypen, die sich dummstolz Entertainer nennen und die Welt- und Zeitabgewandtheit der Kirchenleute. Man fragt sich auch, ob es mehr die Medien- oder mehr die Spaßgesellschaft ist, an der wir uns offensichtlich laben und unter der wir leiden bis hin zum Untergang der einen oder anderen Existenz. Denn so ist es wohl: Was den einen die Tasche füllt und den Voyeurismus der anderen befriedigt, zerstört die Lebensgrundlagen der dritten. Also muss man wohl die Vermischung von Medien- und Spaßgesellschaft als verhängnisvoll empfinden. Wenn man die Schnösel agieren sieht in ihrer TV-Produktionsfirma, dann kann man schon das Kotzen kriegen. Wer ein Geschäftsmodell gefunden hat, will nach den Opfern nicht mehr fragen. Und im Netz beginnt nach Ausstrahlung der „soziale Abwärtsvergleich”, wenn man im TV wieder mal einen Messi vorgeführt hat.

Das Kreuz mit dem Kreuz und der Spaßgesellschaft

Das Kreuz mit dem Kreuz und der Spaßgesellschaft

Dazwischen die bewährten Kommissare Leitmayr (Udo Wachveitl) und Batic (Miroslav Nemec), beide mit korrektem weißen Haar, zu keinerlei modischen Verstiegenheiten neigend, höchstens mal zu einem undramatischen, müden Geplänkel, mal sagt es der Franz, mal sagt er der Ivo: Und das hast du jetzt ganz allein herausgefunden? Der Batic hat mittlerweile schon so ein empfindsames Gesicht, dass man ihm jedes kommende Verhängnis ansieht. Auch die freundliche Arroganz der beiden Profis gegenüber Neulingen und Berufsanfängern können wir teilen.

Wie immer der Himmel über Deutschland (hier mal gelb-schwarz), die Lichter der Metropole, Berge, Chausseen, federleichte Ironie. Gerechtigkeit gegenüber allen Berufsgruppen. Die Pfarrer sagen, was sie immer sagten (Wenn man mit dem Schmerz und der Not allein ist, das zerstört die Seele), und die Geschäftsführerin der Produktionsfirma weiß anzuklagen: Sie kennen sowas nicht, Sie haben Ihre festen Gehälter.

Man war träge genug, anschließend noch an einem Wallander hängenzubleiben („Vermisst”).  Da wird das kriminalistische Genre kompletter bedient, ohne dass sie dabei allzu konservativ vorgehen. Na ja, sie haben den Autor, der einfach die besseren Geschichten schreibt.

Too much, Munich

Wie beinahe zu erwarten war, hatte der Regisseur Dominik Graf mehr zu bieten, als ein Tatort an einem ambivalenten deutschen Sonntagabend vertragen kann. „Aus der Tiefe der Zeit” wehte uns das Schicksal eines SS-Hauptmanns an, eine Kunstschützin und Prinzipalin versuchte, die Szene zu beherrschen, die Allgegenwart von Meret Becker in wandelnden Kostümierungen war zu bewundern, ein Bruderzwist brach auf und ein, ein erpresserischer Coiffeur machte sich mausig, die kroatische Community sorgte für Unruhe, ein seltsamer Manager sprach irrwitzig von sich in der dritten Person, Politiker und Baufirmen wickelten krumme Geschäfte ab, Erdabrisse wie an Rügens Steilküste ereigneten sich, das Wasser des Schwimmbeckens färbte sich rot, das Navi nervte, das Licht war diffus, die Farben dramatisch, das Feeling amerikanisch, und wenn die Kommissare Verdächtige oder Zeugen befragten, ratterten gleich nebenan die Presslufthämmer. Ja. Etwas Ruhe und Gelassenheit brauchte auch der schärfste Krimi. Dabei war dieser Münchner Tatort mit hohem Formwillen, mit Charme, tollen Bildern und vielen Detailideen gemacht, aber die Story war nicht gerade stark und operierte nur zu gern mit Irrtümern, so dass am Ende mehrere Tote zu verzeichnen waren, aber kein wirklicher Mord. Trotzdem kamen angenehm banale Sätze vor wie dieser: „Wir haben auch eine Leiter im Haus, ja.” Für die Kommissare, die nicht viel mehr zu tun hatten, als dem Geschehen hinterherzulaufen, gab es immerhin eine Gewissheit: „Das Ende eines langen Arbeitstages ist der Anfang des nächsten.” Da hatten sie den fleißigen Deutschen an ihrem Sonntagabend aus der Seele gesprochen.

Nur die Ohmacht ist real

Der Münchner Tatort hieß zurecht „Macht und Ohnmacht”, oder nein: Die Macht war eingebildet. Nur die Ohnmacht war real. Polizisten laufen hinter Kriminellen her, und obwohl sie eigentlich wie gewohnt langsamer sind, fangen sie zwei unter persönlichen Opfern. Ihren Erfolg feiern sie unter der Dusche. So viele nackte Polizisten oder so viele Schauspieler, die nackte Polizisten spielen, haben wir lange nicht mehr gesehen. Aus einem übersteigerten Polizisten-Ethos wird schnell eine polizeiliche Bandenmentalität. Polizisten beim Prügeln, beim Vögeln, beim Saufen, beim Weinen und beim Morden. Dazwischen und daneben unsere Freunde, die Kommissare Leitmayr und Batic oder Franz und Ivo. Je weißhaariger sie im Duett werden, desto müder und genervter sind sie auch, aber sie drehen nicht durch. Niemals. Sie sind immer nur kurz davor. Das ist schon eine Qualität. Ihr alter Kollege Carlo kommt aus Thailand zu Besuch, wohnt in einer Hotel-Suite und hört den nur allzu wahren Satz: „Du kannst nicht einfach zurückkommen und erwarten, dass alles beim Alten ist.” Es ist alles nur komplizierter und aussichtsloser geworden. Wir erleben kriminelle Migranten mit einem fast nachvollziehbaren Selbstverständnis und nicht aufhörende häusliche Gewalt. „Vor unseren Augen passiert diese Scheiße, und wir können nichts dagegen tun.” Es bleibt dabei: Die Macht ist eingebildet, die Ohmacht ist real.

Gisbert, den wir nicht vergessen

Keine Ahnung, ob dieser Münchner ein besonders guter Tatort war („Der tiefe Schlaf”, Titel geborgt bei Raymond Chandler, why not), er war auf jeden Fall ein besonders guter Film, jenseits der Gesetze einer Reihe, kein Zweifel daran.

Wieder werden die Hauptkommissare Batic und Leitmayr (Ivo und Franz) im Job ihres Missvergnügens von einem übereifrigen Berufsanfänger genervt. Ihr Chef schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe und reibt sich die Hände. Einerseits beseitigt er die beklagte Personalknappheit in der Mordkommission und zum anderen piesackt er die spröden Kommissare mit diesem Gisbert Engelhardt (großartig ausgedacht, dieser Name): vier Jahre Bundeswehr, Technikfreak und hauptsächlich Nervensäge. Wie sollte er auch nicht enthusiastisch sein: Plötzlich ist er Detektiv, hat eine große Karriere vor sich, wird Verbrechen aufklären und die Menschheit beglücken. Zudem hat er als Technikfreak etwas einzubringen, was die altgedienten Polizisten nicht bieten können. Und so entdeckt er auf dem Mitschnitt des letzten Telefongesprächs des Opfers ein Atmen, ein Räuspern, ein Hecheln des Täters. Gisbert ist euphorisch, der zuständige Beamte macht den Scheibenwischer. Der Kerl ist verrückt.

Wo immer es eine falsche Spur gibt, Gisbert Engelhardt findet sie und sprintet los, um jedes Mal eine lächerliche oder gefährliche Situation heraufbeschworen zu haben. Die erstaunten Kommissare weiht er in seine ganz eigene Welt ein: Ich habe einen sehr, sehr guten Instinkt. Und ich habe am Ende immer recht. Bei der Obduktion kippt er aus den Latschen und wundert sich: Ich bin eigentlich sehr leichenfest.

Er ist ein großer Fingertrommler, Fensteraufreißer und Ideenhaber. Leitmayr reagiert genervt, Batic mit väterlicher Güte, was vielleicht noch kränkender ist. Wenn er in seinem Eifer wieder Mist gebaut hat, schlägt Gisbert vor, am Abend eine Hopfenkaltschale zu trinken. Und erläutert: Hopfenkaltschale – das ist ein Bierchen.

Die Hauptkommissare wollen den jungen Enthusiasten loswerden, aber der erkämpft sich eine letzte Chance und wird auf dieselbe brutale Weise ermordet wie das erste Opfer. Das ist der große Bruch in diesem Film Von da an ist nichts mehr, wie es war. Für Leitmayr, für Batic und auch für uns, die Zuschauer. Es kann niemanden geben, der nicht untröstlich ist. Und wie recht wir alle damit haben. Wie konnten wir es zulassen, dass dieser letzte arglose Enthusiast, dieser reine Tor aus dem Leben gerissen wurde! Warum haben wir über ihn gelacht! Warum haben wir ihn nicht anerkannt, seine Fähigkeiten nicht geschätzt, warum nur, warum! Weil wir uns daran gewöhnt haben, in einer zynischen Welt zu leben. Jetzt sehen wir erschüttert, dass dieser Gisbert sich ständig fotografiert hat, als müsse er sich selbst auf die Spur kommen, wir sehen diese großen Augen voller Fragen, voller Hingabe und können uns nicht entziehen. Es bleibt nur ein Trost. Engelhardt hat ein Vermächtnis hinterlassen. Der tief deprimierte Leitmayr erkennt das Atmen, das Räuspern, das Hecheln des Täters wieder, das Engelhardt aus dem Mitschnitt herausgefiltert hat. Der Täter wird gestellt. Sein Gesicht sehen wir nicht. Wir haben uns auf ein anderes Gesicht zu konzentrieren.

Fabian Hinrichs hat die Rolle des Gisbert Engelhardt auf unvergessliche Art gespielt. Nie werden wir in Zukunft einen Münchner Tatort sehen können, ohne bedauern zu müssen, dass er oder der junge Mann, den er spielt, nicht mehr dabei ist.