Archiv

Posts Tagged ‘Angela Merkel’

Machen wir uns doch nichts vor

Die Grünen, Linken, Liberalen möchten gern am Kanzler-Duell von Angela Merkel und Martin Schulz teilnehmen, um die Demokratie zu wahren, sie hätten nichts dagegen, wenn die AfD dabei wäre, auch wegen der Demokratie. Das scheint mir der falsche Ansatz zu sein. Auch Martin Schulz ist nicht Volkspartei genug, um sich ins Duell begeben zu können. Angela Merkel sollte das Kanzler-Duell mit sich allein führen. Vielleicht erfahren wir dann etwas über ihre inneren Kämpfe und Zweifel.

I’m worried

Da fand ja letzte Woche in Berlin das Treffen von elf mächtigen Frauen mit Angela Merkel an der Spitze statt. Die mächtigen Frauen waren nett zueinander (ganz anders als mächtige Männer), plauderten ein bisschen über Feminismus und neckten sich damit, wer von ihnen eine Feministin im strengen oder lockeren Sinne sei. Viel mehr drang nicht durch. Aber sie stellten sich auf zu Fotos von dieser geballten Frauenpower, die eher lieblich daherkommt (aber das sieht nur so aus). Eines dieser Fotos löste bei mir Sorge aus. Da ist Ivanka Trump zu sehen, der heimliche und unheimliche Mittelpunkt dieses Treffens, Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds, die ein wenig aussieht wie ein Gespenst aus den Höhensonnen- Regionen, und auch unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ivanka Trump trägt ein geblümtes Sommerkleidchen und spitzt die Lippen. Frau Lagarde lacht entzückt, unsere Kanzlerin lächelt. Die beiden älteren Damen wirken angestrengt zugeneigt, beinahe ehrerbietig. Das Früchtchen aus Amerika hat etwas gesagt, was sicher weder besonders lustig noch tiefgründig ist, aber man will ja zeigen, dass man es hier mit der Tochter (und Beraterin) des mächtigsten und unberechenbarsten Manns der Welt zu tun; vielleicht erzählt sie ja ihrem Vater, wie nett und entgegenkommend diese einflussreichen Frauen aus dem alten Europa sind, die sollten wir auf jeden Fall zurückhaltend und schonend behandeln, Dad. Ja, so ist es, diese allzu menschliche Ergebenheit in der Politik stimmt mich besorgt. Ein wenig sichtbare Distanz würde der Orientierung dienen.

Das Schulz-Phänomen

Hinter allen Fenstern Schulz-Sympathisanten (falls überhaupt jemand da ist)

Hinter allen Fenstern Schulz-Sympathisanten (falls überhaupt jemand da ist)

Wer erklärt mir das Phänomen Martin Schulz. Ach nein, ich erklär es mir lieber selbst. Ich weiß von einer Kneipe, die ein Ingenieur, der nicht mehr richtig beschäftigt wurde, aufmachte, mitten in der größten Verdichtung der Stadt, eine Kneipe, in der man für wenig Geld saufen und Kartoffelsalat essen konnte und wo alle einen Platz fanden, auch jene, die anschreiben ließen. Aber die Kneipe lief nicht. Und als der Ingenieur sie abgab – nun, bei seinen Nachfolgern lief sie plötzlich. Irgendwie hatte der Wirt, den die Schwermut erwischt hatte, die Leute vertrieben. Und so ist es auch bei der SPD. Der Gabriel konnte tun, was er wollte, er konnte clever sein, energisch, raffiniert, kraftvoll – er sah doch immer irgendwie verhängnisvoll aus, eine Karikatur seines sympathisch barschen Landmanns Gerhard Schröder („Alles schickt sich nicht für alle”). Und kann man von den Leuten verlangen, dass sie ihr Verhängnis wählen? Oder jedenfalls etwas, das so aussieht wie ihr Verhängnis? Nein. Sie waren einfach erleichtert, als Martin Schulz kam oder besser: als Sigmar Gabriel weg war. Und das reicht schon, um das Phänomen Schulz zu erklären? Noch nicht ganz. Natürlich sind die Leute auch Merkel-müde, Merkel selbst ja auch. Und dann war es natürlich auch wichtig, dass niemand aus dem engeren Berliner SPD-Führungszirkel und dem öffentlich-rechtlichen Talkshow-Zirkus präsentiert wurde, keines dieser verbrauchten Gesichter, kein Steinmeier, kein Steinbrück, kein Oppermann, sondern der Luftikus aus Brüssel, der so nett von den hart arbeitenden Menschen im Lande spricht. Da fühlt sich jeder angesprochen und geehrt, sogar die Faulpelze. Das muss als Erklärung jetzt erst mal ausreichen. Wir sind ja noch nicht am Ende der Fahnenstange.

Das Schloss liegt gut im Plan

Marx schaut noch grimmig, Engels hat resigniert © Fritz-Jochen Kopka

Marx schaut noch grimmig, Engels hat resigniert
© Fritz-Jochen Kopka

Angeblich lohnt es sich, nach dem Berliner Schloss zu sehen, dem Neubau, bei dem es nicht die üblichen Schwierigkeiten sonstiger Großprojekte gibt. Ist in diesem Fall ein Wunder: Erstens haben unsere Vorfahren den Bau schon mal vorgemacht, es ist in den modernen Zeiten allemal leichter, ein altes Schloss zu bauen als einen Großflughafen, eine Philharmonie oder einen unterirdischen Bahnhof. Und zweitens: Was hindert die Bauherren eigentlich, die Kosten und die Fristen schon von Anfang an realistisch einzuschätzen und noch ein Polster draufzugeben, n plus x oder so. Kann sein, dass man das Projekt schwerer durch die Gremien bekommt und lieber den Spott über die explodierende Bausumme und die Verschiebung der Fertigstellung erträgt. Jeder Hohlkopf in Presse, Funk und TV glaubt, da noch einen Witz in petto zu haben; und es stimmt ja, die Leute lachen immer noch und fühlen sich erhaben über solchen Planungsmurks. Beim Schloss stimmen die Kennziffern anscheinend mehr oder minder.

 

Die Rückseite des Schlosses ist schon ziemlich fertig

Die Rückseite des Schlosses ist schon ziemlich fertig

Der Baum über der Kuppel muss noch entfernt werden

Der Baum über der Kuppel muss noch entfernt werden

Wer vom Alexanderplatz aus zum Schloss will, muss über den Weihnachtsmarkt. Jeder Berliner, der nach dem Anschlag über einen Weihnachtsmarkt geht, erhält die Heldenmedaille, wenigstens virtuell. Wir sehen zuerst die moderne Rückfront des Schlosses auf der Spreeseite und diesseits der Spree, in einer Dreckecke, das Marx-Engels-Forum, das zu einem Wanderdenkmal geworden ist. Sacco und Jacketti alias Marx und Engels schauen bedröppelt auf den Fortgang der Bauarbeiten, sie sind mit ihrer stolzen Idee nun in der Freiluft-Besenkammer des Hohenzollern-Schlosses gelandet und bewahren Haltung im Gegensatz zu den Edelstahlstelen mit Schattenrissen von Fotos aus der Geschichte der Arbeiterbewegung; das sieht schon ziemlich kläglich aus. Und das Schloss, ja, da Schloss, es ist einfach sehr, sehr groß. An der historischen Fassade wird gearbeitet, Gerüste erlauben nur einen fragmentarischen Blick, das mag alles sehr schön werden, aber wie man diesen Koloss füllen und bespielen will, ist rätselhaft. Im Halbschlaf träumt mir, dass in Deutschland die Monarchie ausgerufen und Angela Merkel zur Königin erklärt wird, was ihr einen schweren und verletzenden Wahlkampf ersparen würde. Dann bekäme sie das Schloss und mit ihr die Ex-Kanzler und nunmehr Ex-Könige Helmut Kohl und Gerhard Schröder. Die drei müssten die Köpfe zusammenstecken und beraten, wie sie das Gebäude füllen. Jeder der drei hätte da seine Wohnung, seinen Hofstaat und die Sachzeugen der Highlights seiner Regierungszeit. Damit wäre das Schloss sicher noch nicht voll, aber den drei Kanzlern/Königinnen würde schon noch was einfallen. Die Frage ist, ob wir mit dem Schloss glücklicher sein werden als ohne das Schloss und ob dieser Platz schöner aussehen wird als vorher, was kein Kunststück wäre.

Blick aus der Humboldt-Box

Blick aus der Humboldt-Box

Wenn man das Schloss besucht, ist man drin in den Touristenströmen und empfindet die Ödnis vorgezeichneter Wege. Der Fremde wird einiges Aufregende entdecken, er ist in der Gruppe und findet Platz in überdimensionierten Restaurants, wo das angeboten wird, was es überall gibt. Der Einheimische sieht, dass die Stadt sich viel zu schnell verändert und dass sie in ihrer Mitte alles Inoffizielle und Intime verliert. Du kannst eine Idee haben, du musst aber auch die Miete zahlen können. So doof war der Plan nicht, ein Haus des Volkes in die Mitte der Stadt zu setzen mit originellen Restaurants, Sälen für große Konzerte, einem kleinen Theater, einer Bowling-Bahn, einem Jugendtreff, einer Galerie. Einerseits soll die Stadt aussehen wie zu Königs Zeiten, andererseits soll sie den Ansprüchen der Zukunft genügen, und noch mal: Man gibt ihr zu wenig Zeit.

Zwischen den Zeiten

Zwischen den Zeiten …

Immerhin gibt es ein Entrinnen aus der Mitte, du kannst schon am Hackeschen Markt draußen sein, in die Sophienstraße und in die Großen Hamburger einbiegen, wo zwei junge Männer in einem irischen Shop etwa hundert Kopfbedeckungen ausprobieren und von jeder noch ein bisschen mehr fasziniert sind als von der vorher ausprobierten. In der Boutique nebenan läuft ein Song von Angus und Julia Stone. „I’m a soldier, but I don’t know, how to fight … I’m the darkness but I want to be the light.” Beim Schreiben der Rechnung versagen sämtliche analogen Kugelschreiber. Wir sind endlich wieder in Berlin. Das Eckhaus, das vor Jahren seine grob gemauerten Wände in ihrer verwirrenden Nacktheit darbot, ist inzwischen vornehm verputzt. Ein Paar Meter weiter leuchtet der Laden „Viel Spiel” durch die Dunkelheit. Kein elektronisches Fiepen ist zu vernehmen im Paradies zeitloser Spielsachen aus Holz und Blech, Pappe und Papier für Kreative und Phantasten.

… und jenseits der Zeit

… und jenseits der Zeit

Ein kurzes Gespräch über die Pflicht

Denk ich an Pflichten in der Nacht …

Denk ich an Pflichten in der Nacht …

Am Sonntagvormittag ruft mich eine alte Mitschülerin an (wir sind ja jetzt alle alte Mitschüler), um mit mir ein kurzes Gespräch über die Ehre zu führen. Weißt du schon, welche Ehre unserer kleinen Heimatstadt widerfahren ist? Nein, sage ich zögerlich, weil ich vermute, dass ich es eigentlich wissen müsste. Unser alter Mitschüler Heino ist zum Neujahrsempfang des Bundespräsidenten eingeladen gewesen. Seltsam. Bei unserem letzten Klassentreffen hatten noch alle Mitschüler ein ziemlich kritisches oder wenigstens distanziertes Verhältnis zu den Politikern. Aber wenn man von ihnen umarmt wird, verwandelt sich Distanz schnell in Euphorie. Das muss man also wissen. Ist das nicht toll? Ich bin keineswegs geneigt, Essig in den Wein zu gießen, wie stünde man dann da, und sage, ja, das ist schon mal was. Er wurde eingeladen, weil er Jahrzehnte lang ehrenamtlich als Schwimmer tätig war. Da kann man mal sehen, sage ich. Ich bin nicht so viel geschwommen. Und dann hat Heino da auch ein längeres Gespräch mit Angela Merkel gehabt. Super, sage ich. Die Worte fallen mir einfach so zu. Sie hat erzählt, was sie für ein Programm in den nächsten zwei Tagen zu bewältigen hat. Und da hat er zu ihr gesagt: Frau Bundeskanzlerin, mit Ihnen möchte ich nicht tauschen. Ich bin froh, wenn ich wieder auf meinem Dorf bin. Das war ja mutig, sage ich scheinheilig. Das kriegt sie nicht mit, also diese Scheinheiligkeit. Ja, sagt sie, aber das trau ich ihm auch zu. Fast ein bisschen rebellisch, sage ich. Er hat ja recht, sagt sie. Ich möchte das auch nicht machen. Diese Verantwortung! Diese Pflichten! Ich könnte nachts kein Auge mehr zumachen. Du wirst ja Bundeskanzlerin nicht von einem Tag auf den anderen, sage ich. Du bist ja vorher durch viele Gremien, viele Wahlen, viele Höllen gegangen. Das wird dann dein ganz normales Leben. Du, ich hatte mal die Verantwortung für zehn Leute. Und das war mir schon zu viel. Ich konnte nicht mehr schlafen. Wenn man so veranlagt ist, macht man sich die Sorgen so oder so. In diesen Momenten der Schlaflosigkeit. Da ist es doch schon besser, man kann wegen großer Dinge nicht schlafen als wegen Lappalien. Ich wachte nachts auf, sagt sie, lag wach und grübelte: Hab ich heute den oder jenen ungerecht behandelt? Was denkt er von mir. Und ich fand keinen Schlaf. Das ist schon mal der völlig falsche Ansatz, sage ich. Wenn du nachts aufwachst, muss die Fragestellung so lauten: Ist es mir heute unterlaufen, dass ich jemanden von meinen Mitarbeitern gerecht behandelt habe? Da kommst du dann zu viel besseren Antworten. Danach war das kurze Gespräch über die Ehre, das sich alsbald zu einem Gespräch über die Pflicht wandelte, auch bald beendet.  

Beruhigung und Trost

Nach dem Interview ist vor dem Interview …

Nach dem Interview ist vor dem Interview …

Journalistenträume sind immer Albträume. Nur mag der Alb mehr oder weniger lastend sein. Hubert Schubert träumte davon, dass drei Kollegen/innen und er die Kanzlerin interviewten. Da waren zwei Führungsjournalisten, zu denen Hubert Schubert natürlich nicht gehörte, und zwei Hilfskräfte. Trotz langwieriger Vorbereitungen fing die Chose sofort an, schief zu laufen. Die Führungsjournalistin stellte eine Aufwärmfrage, und Frau Merkel antwortete breit und belanglos, bis die Führungsjournalistin, statt einzuhaken und konkreter zu werden, die Kanzlerin stoppte wie eine Lehrerin und noch mal von vorn begann, aber nun lief es erst recht schlecht. Irgendwann fragte Hubert Schubert, welchen Film die Kanzlerin zuletzt gesehen habe. Sie wurde sofort freundlich, breitete die Arme aus und sagte, ach, ich weiß nicht, es war so wenig Zeit in letzter Zeit. Danach löste sich alles in Wohlgefallen auf, und die Journalisten belehrten die Kanzlerin dahingehend, dass man aus einem Interview im nachhinein noch sehr viel herausholen könne, auch wenn im Gespräch selbst kaum Nennenswertes gesagt worden sei. Das war als Beruhigung und Trost für die Kanzlerin gedacht. Man hat als Journalist doch eine große Verantwortung wahrzunehmen.

Berlin Alexanderplatz (6): Sommergäste

Pflastermaler arbeiten wie Artisten

Pflastermaler arbeiten wie Autisten

Ich habe auch diesen Sommer keine Wolkenkratzer am Alexanderplatz vermisst. Das einzige Hochhaus, das da steht, ist unzugänglich. Ich sah viele Berlin-Touristen, die sich gleiche T-Shirts gekauft hatten, um unbedingt als Gruppe erkennbar zu sein (Die wilden 13 on tour). Die Männer, die russische Pelz- und Offiziersmützen verkaufen, sahen wie Zig…, äh, wie Sinti oder Roma aus. Die Passanten würdigten diese Mützen mit keinem Blick, ja, sie taten so, als seien diese Prachtexemplare ansteckend. Die Welt dieser hochwertigen Mützen ist zweifellos eine Parallelwelt. Ein einsamer Kämpfer machte, wie wir wissen, kontraproduktiven Wahlkampf gegen Angela Merkel. Sie sei mit ihrem Latein am Ende und müsse griechisch lernen. Immer wenn der Wahlkampf etwas anspruchsvoller wird, geht es gründlich schief. Wahlkampf ist das Einfache, das schwer zu machen ist.

Gar nicht ignorieren

Gar nicht ignorieren

Eines Tages dachte ich, ich stehe kurz vor Ulan Bator. Weiße Jurten, die sich dann aber als ungewöhnlich gestaltete Zelte erwiesen, in denen hart für die Verkehrssicherheit gearbeitet wurde, wenn sich denn jemand bereit fand, mitzumachen. Auf dem Alex war in diesem Sommer einfach immer was los, da hätten die ersehnten Wolkenkratzer nur gestört. Aus Kreuzberg wurde das Straßentheaterfestival „Berlin lacht” importiert. Clownerie, Körperkunst, Stelzentheater, Pantomime, Feuershows und etliche skurrile Apparate, an denen der Mensch seine Ungeschicklichkeit erproben konnte. Ein blondes Mädchen brachte ihrem Freund, dem Trompeter, Würstchen und Saft. Er beendete seinen Song, setzte sich neben dem Mädchen aufs Pflaster, zuerst wurde der Hund versorgt und dann picknickten die beiden.

Wie unser kleiner Trompeter

Wie unser kleiner Trompeter

Ich sah Leute mit mannshohen Blumenrädern an der Weltzeituhr. Ich sah die Pflastermaler am Werk. Die Pflastermaler, vier Künstler, Männlein wie Weiblein, wirkten wie Autisten. Wer etwas mit Inbrunst tut, ohne dafür Geld zu bekommen, muss ja schon mal ein Autist sein. Sie hatten keinen Kontakt zueinander, sie hatten keinen Kontakt zu den Zuschauern, sie schienen nicht einmal Kontakt zu ihren Kunstwerken zu haben, und so ergab sich das Faszinierende dieser Abbilder: Sie waren schön, flächig, kühl, unnahbar. Und bald würden sie zertreten werden. Die Passanten, die zusahen, ohne Geld in den Hut zu legen und ohne sich ein Urteil zu bilden, waren natürlich auch Autisten. Wir alle leben aneinander vorbei, ist das nicht schon das Beste, was man über uns sagen kann? Ich streifte noch durch den Saturn, kaufte aber nichts. Wie ein Autist.

Ein athletischer Rothaariger spielte ein Instrument, das wie ein Saxophon klang, aber ein elektronisches Saiteninstrument war. Hatte schon seine Fans. Übergewichtige Wanderer saßen zusammengestaucht und erschöpft auf den Bänken. Eine Mutter stillte ihr Kind.

Wer kein Geld hat – die Bank ist nebenan

Wer kein Geld hat – die Bank ist nebenan

Das Artisten-Duo Analog gab sich als Wohltäter der Menschheit zu erkennen. Gewöhnlich spielten sie in Theatern und Varietés.  Da sie das aber ungerecht fänden gegenüber jenen Leuten, die nicht die teuren Eintrittspreise zahlen könnten, stünden sie jetzt also hier. Als soziale Maßnahme. Man habe die Zuschauer jetzt für die Zeit eines Kaffees unterhalten, okay, das Geld für einen Kaffee sollten sie dann am Ende in den Hut tun. Oder auch ’n Fünfer oder ’n Zehner. Wer kein Geld habe, auch kein Problem, hier gleich nebenan sei ’ne Bank. Der Redner griff zur Gitarre, sein Partner stieg in einen mannshohen Rad und rollte so abenteuerlich über den Platz, wie sein Compagnon argumentiert hatte. Den sollten die Parteien als Wahlkampfmanager holen.

Toby Parker, Wandering Minstrel aus Liverpool

Toby Parker, Wandering Minstrel aus Liverpool

Busking. Das heißt auf der Straße für Geld Musik machen. Toby Parker ist ein Busker. First he took Liverpool and now he takes Berlin: First no luck under the Alexanderplatz world clock, meinte er, so I moved 50 m under the bridge and generated some cash (funny how that happens), not too bad. Amazing what good acoustics can do.

Unter der Unterführung klang es wirklich besser. Da lag schon ein junger Obdachloser inmitten seiner Habseligkeiten und tippte unentwegt auf sein Handy. Mag sein, dass man keine Bleibe hat. Aber kein Handy haben – unmöglich. Toby Parker sang: Ramblin’ Is My Way. Auf dem Alexanderplatz hatte er den Zeitgeist getroffen. Die Stahlsaiten klirrten.

Kurz vorm Einschlafen

Kurz vorm Einschlafen

Abend fiel über den Platz. Das blaue Licht des Saturn, das rote Licht des New Yorker. Der Strom der Menschen war versiegt. Wir sahen nur noch Einzelgänger, wie wir selbst auch welche waren, in diesem und jenem Moment. Auch der Platz braucht seine Einsamkeit.