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Archive for Februar 2014

Das Land der Frühaufsteher

Touristen in den besten Jahren neben dem Alten Dessauer © Christian Brachwitz

Touristen in den besten Jahren neben dem Alten Dessauer
© Christian Brachwitz

Im Land der Frühaufsteher (Sachsen-Anhalt, Selbstaussage) stoßen wir auf den Alten Dessauer, in Dessau selbstredend, neben der Marienkirche. Der Alte Dessauer, offiziell Fürst Leopold I. von Anhalt-Dessau, übernahm als Frühaufsteher bereits in jungen Jahren das Regiment Anhalt zu Fuß. Er führte den Gleichschritt und den eisernen Ladestock ein. Der war vorher aus Holz gewesen. Für eine allseitige Ausbildung des jungen Mannes blieb keine Zeit, so war sein „schriftlicher Ausdruck … ungelenk, seine Handschrift … völlig unorthographisch”, womit er nicht allein war und ist.

Es gibt für uns Heutige Gründe genug, zusammen mit dem Alten Dessauer zu posieren, er war der erste wichtige preußische Heeresreformer, einer der populärsten preußischen Generale und gilt der Legende nach als Vorbild des Königs Drosselbart, weil er unzufriedenen Marktfrauen das Geschirr zerschlagen und sie anschließend entschädigt haben soll. Bei You tube kann man sich den Dessauer Marsch anhören, der ebenfalls auf Leopold I. zurückgeht. Wohlgenährte Militärmusiker spielen schwungvoll das alte, mit einem grandiosen Trompetensolo bekrönte Stück, das uns alten Preußen noch im Ohre klingt: „So leben wir, so leben, so leh’m wir alle Tage… ” sangen wir dazu. Fontane nannte den Alten Dessauer „im Leben beschränkt”, sein Lied wollte ihn dennoch preisen, „weil nie mit Worten/Er seine Feinde fraß/Und weil ihm rechter Orten/ So Herz wie Galle saß”. Das Problem im Land der Frühaufsteher besteht unabhängig von allem anderen darin, früh aufgestanden zu sein und danach nicht zu wissen, was man nun anfangen soll.

Im Einsatz für die Frauen

Berlin Alexanderplatz. Zwei Fäulein und viele, viele Russenmützen

Berlin Alexanderplatz. Zwei Fäulein und viele, viele Russenmützen

Die deutsche Sprache weist einige Ungerechtigkeiten mit Diskriminierungspotential auf. Im Moment meine ich das Wort „Fräulein”. Nenne mir jemanden, der, äh, die so angesprochen werden möchte. Zeige mir jemanden, der das Wort verwendet und es nicht verletzend meint. Das Fräulein ist laut Duden eine unverheiratete weibliche Person. Die meisten weiblichen Personen möchten nicht unbedingt verheiratet sein, aber Fräulein wollen sie trotzdem nicht genannt werden. „Im ersten Stock wohnt ein älteres Fräulein”, vermerkt das Stilwörterbuch als Beispiel. Oder: „Gegenüber wohnen nur zwei ältere Fräulein.” Das Synonymwörterbuch erläutert: „Bei der Anrede für eine erwachsene weibliche Person sollte, unabhängig von Alter und Familienstand, immer Frau statt Fräulein gewählt werden. Die Anrede Fräulein ist nicht mehr üblich, es sei denn, die angesprochene Frau wünscht diese Bezeichnung selbst.”Das ist ja schon ein Fortschritt. „Auch als Anrede für eine Serviererin sollte Fräulein vermieden werden. Die vorgeschlagene Ausweichbezeichnung Frau Ober hat sich bisher allerdings kaum durchgesetzt”, bekennt das Wörterbuch. Ein Fräulein beklagt sich bitter, in diesem Kästner-Titel ist die ganze Zimperlichkeit enthalten. Empörend finde ich, dass es kein Gegenwort zu Fräulein gibt. Ein Herrlein beklagt sich bitter. Das wäre gerecht. Herrlein als Ausdruck für eine unverheiratete männliche Person. Im ersten Stock wohnt ein älteres Herrlein. Gibt’s aber nicht. Schreit zum Himmel. Es existiert jedoch, kann man mir entgegenhalten, das Wort Herrchen. Ja, aber nur im Zusammenhang mit Hunden. Sowas zählt nicht.

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Wie normal bin ich denn!

Im Reich der Tagebücher und Biographien

Im Reich der Tagebücher und Biographien

Wäre ja auch zu einfach, wenn Vorfreude wirklich die schönste Freude wäre. Oft muss man leider sagen: Ich hab mich umsonst gefreut. So war es, als ich das Buch „Heute bedeckt und kühl. Große Tagebücher von Samuel Pepys bis Virginia Woolf” von Michael Maar, erschienen bei C. H. Beck, in die Hand nahm. Genau mein Thema, zumindest zeitweilig, und so war es fast zwangsläufig, dass ich mich unterfordert fühlte. Es funktioniert nur bedingt, wenn man Zitate aus „großen” (warum eigentlich: großen) Tagebüchern aufreiht und dazwischen elegant bis amüsant, oder auch kokett moderiert, immer um das Faszinosum herum, warum der Privatkram eines Schriftstellers die Öffentlichkeit derart interessiert oder auch, ob der Autor das Tagebuch wirklich für sich schreibt oder ob er immer schon die Um- und die Nachwelt im Blick hat. Und überschreitet er wirklich einen Rubikon, wenn er ausgerechnet in dieser Selbstaussprache lügt wie etwa Anais Nin?

In vielen Punkten hat Maar die richtigen Schlüsse gezogen: „Ein Tagebuch, nicht zuletzt darin liegt sein Reiz, gibt immer auch ein absichtsloses und um so getreueres Bild seiner Zeit.” Ja, andere, ferne Zeiten werden über das Tagebuch schreibende Individuum, ob es die Wahrheit schreibt oder nicht, zugänglicher und plastischer. Und auch wenn es nicht um vergangene Zeiten geht: Der Leser will wissen, wie Leben, wie Alltag bei anderen funktioniert; er will vergleichen. Wie normal oder unnormal bin ich denn.

Ein schönes schnödes  Zitat übrigens von Gottfried Keller: „Ein Mann ohne Tagebuch (er habe es nun in den Kopf oder auf Papier geschrieben) ist, was ein Weib ohne Spiegel. Dieses hört auf, Weib zu sein, wenn es nicht mehr zu gefallen strebt und seine Anmut vernachlässigt; es wird seiner Bestimmung gegenüber dem Mann untreu.” Die Frau von heute würde den guten Keller dafür unangespitzt in den Boden rammen. Treffend Maars Bemerkung über die Entlastungsfunktion des Tagebuchs. Der Diarist spricht offen aus, was er sonst nicht sagen kann, und das Ethos der Wahrheit führt zu literarischem Rang. „Das Unglück oder doch das Problematische scheint fast zum Diarismus zu gehören … ”

Was gehört noch zum Tagebuch. Bei Thomas Mann ist es zu lesen: Rechenschaft, Rekapitulation, Bewussthaltung und bindende Überwachung. Kurz und gut: Maar bietet einen Überblick über die Tagebuchliteratur. Macht aufmerksam auf Tagebücher Hebbels, von Platens, von Doderers, Cheevers, die man nicht im Blickfeld hatte. Tolstoi, Stendhal, Brecht kommen zu kurz. Kein Wort über Cesare Pavese, dessen Tagebücher zu den großartigsten, tiefsten und erschütterndsten zählen. Ebenso wenig ein Wort zum unbestechlichen, knochentrockenen Sándor Márai. Ja, müssen die Ungarn denn ewig unter den Tisch fallen! Nichts von Julien Green. Zu wenig zu den ganz unterschiedlichen Tagebuchkonzepten. Das tiefe Nachdenken ohne Realien auf der einen, die Orgien der Nebensächlichkeiten und des scheinbar ewig gleichen Alltags auf der anderen Seite. Und immer wieder der Eindruck, dass Maar nicht unbedingt die signifikanten Zitate ausgewählt hat. Aber das ist die Subjektivität, gegen die wir nichts einwenden wollen.

Hassfiguren braucht der Mensch

Ein Tatortkrimi lebt auch von den Hassfiguren, die er dem Zuschauer präsentiert. Da gab es beim Tatort Bremen einige: die bösen Brüder Nidal, aus der Osttürkei nach Deutschland gekommen, ihr niederträchtiger, mit einem falschen Schnurbart verzierter Verteidiger, der nach allen Regeln der Demagogie für das Unrecht kämpft, und auch der feige Polizist Förster, der im Alleingang seine Ehre wiederherstellen will. Ja, der Tatort „Brüder” blieb nicht ohne Wirkung. Alarmierend der Zynismus und die Brutalität der Nidal-Brüder, angsterregend die Hilflosigkeit der Gesetzeshüter, beklemmend, wie der türkische Clan den Gerichtssaal erobert und die Justiz verspottet. Ist hier noch jemand Herr im eigenen Haus? Unterderhand drängt sich die Frage auf, ob mit solchen Filmen nicht eine ganze Menge Dreck an allen türkischen Mitbürgern hängenbleibt. Okay, man soll in der Kunst nicht zimperlich sein, man kann nicht im Sinne der politischen Korrektheit agieren, aber wenn man nun beginnt, jedem Türken im weiten Bogen aus dem Weg zu gehen, kann das in Ordnung sein? Also, ich weiß nicht, wie man das lösen soll.

Guten Tag, ich bin Inga Lürsen von der Kripo Bremen, und das ist mein Kollege Stedefreund. Das klingt schon recht bescheuert, aber so heißen sie nun mal, die Bremer Kommissare. Und während Sabine Postel konsequent am Image der mürrischen Polizistin arbeitet, versucht man für den Kollegen Stedefreund alias Oliver Mommsen vielerlei, um den Turnlehrer, der immer korrekt handelt, irgendwie mit Charakterzügen aufzupolieren. Mal auf dramatische Weise, indem man ihn auf hoffnungslose Sinnsuche nach Afghanistan schickt, mal eher heiter, indem er im ländlichen Sumpf die Hose verliert und unten ohne durch die Dörfer hüpft. Hat alles noch nicht viel gebracht. Hier nun hatte er einen guten Draht zum verdächtigen Polizisten und redete mit Engelszungen auf ihn ein. Kann helfen, kann helfen. Hat aber auch nichts genützt.

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Zugemutete Zumutungen

Alles, was ins Auge geht. Street Art Berlin Mitte

Alles, was ins Auge geht. Street Art Berlin Mitte

Warum mutet mir die FAZ einen Text des kriegslüsternen Wirrkopfs Bernard-Henri Lévy zu! Der heißt fordernd „Verlasst Sotschi!” und fängt mit einem Schwachsinnssatz an: „Zwei Bilder wechseln einander an diesem Mittwochmorgen in den Köpfen ab … ” Er weiß also, was sich in den Köpfen abspielt, offensichtlich ist er der Herr der Köpfe. Die Bilder sind der makellose Schnee in den Bergen bei Sotschi und der blutbespritzte Schnee auf dem Majdan von Kiew. Für all das sei Putin zuständig, wie auch für die 130 000 Menschen, die in Syrien ums Leben kamen. Man möchte einen Philosophen um ein so simples Weltbild nur beneiden. Die Medaillen in Sotschi schmecken nach Blut. Lévy weiß das. Er musste nicht viel nachdenken, um den Schuldigen für alles Unglück der Welt zu finden. Und während er fordert, Sotschi zu verlassen, haben die Ereignisse in der Ukraine ihre eigene Sprache gesprochen, und Verhandlungen haben dabei keine geringe Rolle gespielt.

Warum mutet man mir wochenlang Russenhass zu! Warum versucht man wochenlang, mir die Olympischen Spiele in Sotschi madig zu machen! Die interessieren mich sowieso nur marginal. Ich kann mich für das Curling genannte Wischen nicht begeistern; ich bringe nicht mehr die Geduld auf, die Regeln der sogenannten Trendsportarten zu durchschauen, die Rechnerei beim Skispringen geht mir auf den Geist und Eiskunstlaufen fasziniert ja nicht mal mehr die begeisterten Schlittschuhläufer. Also, ich kann mit dieser Olympiade ganz allein gelassen umgehen, ich benötige keinerlei Unterstützung. Aber wir leben wohl in einer Zeit, in welcher der Staat, die Medien und die Institutionen massenhaft Zumutungen für alle bereithalten müssen. Ich unterschreibe einen Autorenvertrag und stelle, natürlich zu spät, fest, dass auch der einige Zumutungen, um nicht zu sagen, Demütigungen enthält, natürlich in schlechtem Deutsch. Das muss doch nicht sein. Das kann man doch weglassen. Wozu ist das nötig. Anscheinend gibt es genügend Leute in diesem Land, die nicht leben können, wenn sie nicht andere Menschen nerven können. Dabei ist doch sicher, dass sich das alles irgendwann rächt.

Dass der Fußball uns ständig die falschen Ergebnisse beschert ­ darüber will ich gar nicht erst reden. Kann sein, dass dafür keiner was kann.

Die Puppen fechten’s besser aus

Humor hat viele Facetten © Christian Brachwitz

Humor hat viele Facetten
© Christian Brachwitz

Ein einschneidendes Erlebnis mit einer lebens- oder überlebensgroßen Puppe im wahren Leben hatte ich in der City-Klause Berlin Friedrichstraße. Da saß der letzte Kunde, hatte die Mütze aufbehalten, bewegte sich nicht, und war natürlich eine Puppe. Das ist unser Herr Friedrich, sagte der Wirt. Der sollte den Leuten die Schwellenangst nehmen vor der leeren Kneipe, was aber nicht animierend, sondern gespenstisch wirkte. Das war zu einer Zeit, als der Ort unter dem Baugeschehen ächzte, seit sechs Jahren schon wurde die Straße durchgeknetet, der Kundenstrom versiegte, und als die Bauarbeiter endlich abzogen, war die City-Klause nicht mehr zu retten, in der es vormals noch „die jute Bockwurscht vom Fleescher um die Ecke” gegeben hatte. In dem Handwerk ist noch das Geschmackliche, verriet der Wirt; aber daher konnte die Rettung auch nicht kommen.

Zwischen „Die große Fracht des Sommers ist verladen” (Ingeborg Bachmann) und „Herbst der Gedanken und letzte Zuflucht für mich” (André Heller) sitzen die Puppen in ihren Gartenstühlen und bitten, nicht wirklich, um einen 1-Euro-Job. Flüchten sich in ihre Schals, denn es wird kalt. Trösten sich mit Hasseröder Pils aus Magdeburg und Klarem. Mohrrüben, Sellerie, Zucchini, Kürbis, Wrucken und Mais sind bereit, verzehrt zu werden. Uns ist aber der Appetit vergangen. Die Blätter sind gefallen, der Kalk aus den Fugen gekratzt. Die Lust, eine Welt zu veräppeln, in der man um einen 1-Euro-Job kämpft, hält an. Die Puppen fechten’s besser aus.

 

 

Und das Spiel war ruiniert

Als ich vom Training nach Hause komme, führt Bayern München bei Arsenal London 1:0. Was für ein seltsames Spiel. Die Bayern können sich unbedrängt den Ball zuspielen, die Londoner greifen nicht ein, haben vielmehr zwei Viererketten vor dem Tor postiert; sie tun nach vorne nichts, das Spiel ist eine Farce. Endlich kriege ich mit, dass sie ja mit einem Mann weniger auf dem Platz stehen. Arjen Robben, der alte Holländer, hat einen Elfmeter und einen Platzverweis für die Bayern herausgeholt. Auf Grund der ihm eigenen Konstitution gelingt es ihm, Zweikämpfe immer besonders dramatisch aussehen zu lassen; er wirkt in solchen Fällen wie ein Kriegsveteran, der auf offener Straße zusammengeschlagen wird und nicht in der Lage ist sich zu wehren, obwohl er zuvor selbst den Kampf gesucht hat und zwar auf ziemlich riskante Weise. Arsène Wenger, der Arsenal-Trainer, sagt, der Schiedsrichter habe mit dieser Entscheidung das vorher hochklassige Spiel ruiniert. (Unser Torwart wollte den Ball spielen. Er hat Arjen berührt, und der hat mehr daraus gemacht.) Danach war das Spiel für neutrale Zuschauer nur noch langweilig. Das ist wohl wahr. Das Spiel war wirklich ruiniert. So macht Fußball keinen Spaß, unabhängig davon, dass man sicher Argumente für die Entscheidung des Schiedsrichters finden kann (besonders wenn man Bayer ist), aber letztlich hat kein Mensch etwas davon, wenn ein potentiell großes Spiel derart vereinseitigt wird, dass eine Mannschaft sich nur noch in der Lage sieht zu verteidigen. Konsequenter Schiedsrichter schön und gut, aber das Regelwerk ist Papier und Krücke. Fußball ist Leben und Spiel. Keine Frage, wem man im Zweifelsfall Vorrang einräumen sollte.