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Deutschland – Ukraine absurde Momente

Die Tiefenschärfe der Nachwuchssportler – von den Deutsch-Russischen Festtagen in Berlin-Karlshorst am Tag des Ukraine-Spiels © Fritz-Jochen Kopka

Die Tiefenschärfe der Nachwuchssportler – von den Deutsch-Russischen Festtagen in Berlin-Karlshorst am Tag des Ukraine-Spiels
© Fritz-Jochen Kopka

Unsere Grillgäste kamen auf scharfen schwarzen Fahrrädern quer durch die halbe Stadt. Zuletzt streiften sie noch das Deutsche Haus. Deutsches Haus? Hier bei uns in Karlshorst? Na ja, das Haus, wo die vielen Deutschlandfahnen hängen. Kapiert. Fußballeuropameisterschaft. Unser entfernter Nachbar Hans im Glück übertrifft sich noch einmal selbst. Überdimensionierte Fahnen, große Fahnen, mittelgroße Fahnen, mittelkleine Fahnen, kleine Fahnen, Wimpel schmücken das Haus. Abends kreuzen Freunde und Verwandte auf und haben Raketen im Gepäck. Auf der Terrasse steht eine große Videoleinwand. Allerdings vermochte Deutschland gegen Ukraine keine Begeisterung zu wecken. Es blieb – trotz Sieg – merkwürdig still. Keine Raketen wurden abgefeuert, es sei denn, wir sind vorsichtshalber taub geworden.

Für meinen Geschmack lieferte das Spiel einige absurde Momente. Zunächst, wie Jerome Boateng, das Selbsttor, das er zu erzielen im Begriff war, noch mit einem halben Salto oder so, für den er von jedem Turnlehrer eine 4 minus bekommen hätte, verhinderte. Das musst du erst mal können: Deine eigene Rückgabe auf der Torlinie abfangen. Ich meine, er sieht in seinen Bewegungsabläufen oft etwas ungelenk aus, aber er bringt es einfach.

Für den zweiten absurden Moment sorgte Bastian Schweinsteiger. Ja, ganz richtig. Männer dürfen seit einiger Zeit etwas fülliger sein, auch Sportler, das ist durchaus sexy (hört man aus eingeweihten Kreisen). Schweinsteigers müde Beine wurden von der erwartbaren Flanke Özils magisch angezogen, so dass dem Spieler nichts weiter übrig blieb, als ihnen zu folgen. Özils Ball erreichte seinen rechten Fuß, er drückte ihn technisch anspruchsvoll über die Linie, 2:0. Die Kraft reichte gerade noch, um zur deutschen Bank zu laufen. Noch beim Interview nach dem Spiel pumpte er wie ein Maikäfer, aber er hatte in fünf Minuten Einsatzzeit ein Tor geschossen. Man fragt sich, wie das möglich ist, aber es geschah. Absurd war natürlich auch, wie die Ukrainer es fertig brachten, aus ihren vielen Möglichkeiten in der ersten Halbzeit kein Tor zu machen, und als unser Mustafi ihnen gegen Ende des Spiels helfen wollte, gelang auch ihm das Selbsttor nur halb, und den Rest erledigte der vorzügliche Manuel Neuer, der den mitgelaufenen rumänischen Stürmer in den Rasen rammte. Dass der Schiedsrichter das laufen ließ, war auch absurd.

Und an die letzte Absurdität haben wir uns längst gewöhnt. Ersatzspieler und Stimmungskanone Podolski feierte Schweinsteiger derart triumphierend, als wären es seine, Podolskis, Beine gewesen, die den Ball erlaufen und das Tor erzielt hätten. Am Ende ist immer Podolski der Sieger, auch wenn er gar nicht gespielt hat.

Wenn ich schon Triple höre

Wenigstens hört jetzt das Geschwafel vom Triple auf, das uns sensiblen Fußballfreunden schon lange nervt, das Triple, das die Dienstzeit Pep Guadiolas beim FC Bayern in den Rang einer Epoche heben sollte. Sie haben das Triple ja schon mal gehabt, warum wollen sie es jetzt schon wieder haben; das ist vermessen (aber vermessen sind sie nun mal, die Bayern, und die ihnen huldigenden Medien), und es nährt nur die Illusion, der FC Bayern sei die beste Fußballmannschaft der Welt; es reicht doch, wenn sie die deutsche Meisterschaft so langweilig machen, dass man sich schon freut, wenn sie erst am vorletzten Spieltag Meister werden. Es hängt halt auch mit der Einfallslosigkeit der Medien zusammen, die in Anbetracht der Dominanz der Bayern immer neue Superlative und Lobeshymnen auskotzen, dievon Mal zu Mal inhaltsleerer werden.

Nun sind die Bayern also im Halbfinale der Champions League gegen Atletico Madrid ausgeschieden, gegen die Meister der Defensive, und ja, es fehlte nur ein Tor, es fehlten ein bisschen Glück und ein Schiedsrichter, der ihnen wohlgesonnen ist. Wenn sie im Viertelfinale gegen Juventus Turin ausgeschieden wären, wäre das erheblich begründeter gewesen, aber – wie sagen sie, besonders Thomas Müller, so gern: So ist Fußball. Da scheiden sie aus, obwohl sie den Welttorhüter zwischen den Pfosten stehen haben. Das ist auch so eine Formulierung, die nicht weniger schwachsinnig wird, wenn man sie ständig verwendet. Da sag ich: Wenn Manuel Neuer Welttorhüter ist, dann muss er den Schuss von Antoine Griezmann abwehren. Hat er nicht. Kein Vorwurf. Aber den Welttorhüter streichen wir jetzt mal.

Messi eines Mittwochabends

Als ich am Mittwochabend nach dem Tischtennistraining nach Hause kam, stand es zwischen dem FC Barcelona und dem FC Bayern München 0:0, und es sah ganz so aus, als sei das bis zur 64. Minute, in der ich einschaltete, eine zähe Angelegenheit gewesen. Aber dann wollte Neymar einen Elfmeter haben und sein Landsmann Rafinha zeterte mit ihm, weil er das Foul im Strafraum simuliert habe, Neuer wollte die Gelegenheit nutzen und einen schnellen Konter einleiten, aber Bernat verlor den Ball an Dani Alves, der zu Messi flankt. Messi steht an der Strafraumgrenze und zieht kurz und trocken (oder wie man so schön sagt: ansatzlos) mit links ab; der Ball schlägt rechts im Tor der Bayern ein; Neuer streckt sich vergeblich und tobt. Der Bann ist gebrochen. Barcelona jubelt. Aber das ist nur das bescheidene Vorspiel dessen, was drei Minuten später geschieht: Messi dringt mit dem Ball am Fuß in den Strafraum ein, aber da steht Jerome Boateng; der Mann mit den besten Zweikampfwerten, sehr schnell, beneidenswerte Physis. Messi deutet den Schwenk nach links an, dreht blitzschnell nach rechts ab, hat dabei Boateng derart verwirrt, dass der wir ein nasser Sack auf den Arsch fällt, Messi überlupft den aus dem Tor herausstürmenden Neuer, und das Kunstwerk ist vollendet. Unter dem Strich verwundert, dass Neuer, der nach dem 0:1 noch tobte, nun plötzlich (wie auch nach Neymars 0:3) locker hüpfend auspendelt. Was bleibt ist auch, dass man bei Boateng nun immer daran denken wird, wie er derart ausgetrickst wurde, dass er nur noch umfallen konnte. Und das kommt auch noch hinzu: Der brave ZDF-Reporter Bela Rethy schreit, dass Boateng fällt, in der Hoffnung, dass der Schiedsrichter ihn hört und ein Offensivfoul pfeift, aber Messi hat Boateng nicht einmal berührt. Messi, der Einzigartige. Er ist auferstanden. Lange Zeit hat er sich mit allen möglichen Problemen, mit Übergewicht und der eigenen Lustlosigkeit herumgeplagt, und wir mit ihm, denn ein solch begnadeter Spieler gehört nicht nur einem Land und einem Verein, er gehört der ganzen Welt und die Welt gehört ihm.

Es ist mittlerweile Verhaltenskodex in Deutschland, dass man sich über Niederlagen der Bayern im Inland freuen darf, weil die Liga durch ihre Überlegenheit langweilig geworden ist. Wenn sie aber in der Champions League spielen, muss der gute Deutsche fest an ihrer Seite stehen. Wie soll man diese Schizophrenie auf die Reihe kriegen? Zuerst zählt immer noch die hausbackene alte Weisheit, dass der Bessere gewinnen soll. (Manchmal ist aber nicht ganz sichtbar, wer der Bessere ist. In diesem Fall war es das aber.) Zweitens leben wir in einer Situation, wo die Grenzen durchlässig geworden sind und die Sympathiepunkte nicht mehr nach purem Patriotismus verteilt werden. Wenn man bei jedem Sieg der Bayern schon Angst haben muss vor dem Triumphgeheul, dass der Verein und die Medien dann anstimmen werden, wenn man an das dauernde Gefasel vom Triple denkt, dann kann man einfach nicht viel Gefühl für den FC Bayern aufbringen. In Barcelona zeigten sich die Bayern allerdings als faire Verlierer. Das haben sie auch nicht immer gekonnt. Jetzt sind sie dabei, es zu lernen.

… und zogen sich selbst die Lederhosen aus

Der Weg zum Tor und zum Sieg ist mit guten Vorsätzen, Taktikanweisungen, aber auch mit Glück tapeziert. In den Gärten der Welt, Berlin-Marzahn

Der Weg zum Tor und zum Sieg ist mit guten Vorsätzen und Taktikanweisungen, aber auch mit Glück tapeziert. In den Gärten der Welt Berlin-Marzahn

Ich habe auch nicht verstanden, warum Peter Gagelmann Bayern München im DFB-Pokal-Halbfinale den Bayern einen klaren und zwei erwünschte Elfmeter versagte. Am Ende hab ich es dann kapiert: Der Mann ist nicht nur Schiedsrichter und Verwaltungsangestellter, sondern auch ein Seher. Offensichtlich sagte ihm sein siebter Sinn, dass die stolzen Bayern an diesem Abend keinen Elfmeter verwandeln würden. So wollte er ihnen depressive Stimmungen nach einem verschossenen Elfmeter ersparen, die vermutlich schon in der offiziellen Spielzeit zu einer Niederlage geführt hätten.

Unbestreitbar war das Spiel ein großes Spektakel, und wir können uns freuen, dabei gewesen zu sein, am TV-Gerät. Dortmund verteidigte hoch, eroberte viele Bälle, griff aber halbherzig und uninspiriert das Bayern-Tor an. Das war nicht die Borussia, die wir mit echter Liebe bedenken konnten, und es sah ganz so aus, als hätte Jürgen Klopp keine Spielidee mehr für sein Team.

Aber dann. Dann wechselte der wieder ziemlich epileptische Guardiola (auch wenn diesmal seine Hose nicht riss) falsch ein und aus. Um den BVB zu erschrecken, brachte er das Phantom Robben, der nach Verletzungspause keine Spielpraxis hatte, auf der ungewohnten Position in der Mitte nichts zustande brachte und sich abermals verletzte. Dann unterlief Marcel Schmelzer das Handspiel im Strafraum (nun gut, wir hätten früher beim Kicken Sackschutz gesagt und auch keinen Strafstoß gegeben, er hatte die Hände vor dem schützenswerten Geschlechtsteil, aber diese Regel gilt heute nicht mehr). Der Seher Gagelmann gab diesen Elfer nicht, und die Dortmunder sagten sich: Hoppla, wir werden ja heute gegen die Bayern mal nicht benachteiligt, und spielten anschließend wie befreit auf. Dann wechselte Klopp richtig ein bzw. aus. Für den etwas fahrigen Kagawa kam der in dieser Saison extrem glücklose Mkhitaryan und brachte frischen Mut und frische Ideen ein. Dann wechselte Klopp den echt wirkungslosen Stürmer Aubameyang nicht aus und hatte auch damit recht, denn der machte das 1:1, das die Bayern schockierte.

Ich glaube nicht, mich zu täuschen, wenn ich sage, dass ich in der Verlängerung auf den Gesichtern einiger Dortmunder Spieler ein Lächeln sah. So kam es schließlich zum Elfmeterschießen, das ich (als Zuschauer) unbedingt vermeiden wollte, weil ich dachte, die Dortmunder Schützen werden zu viel Respekt vor Welttorhüter Neuer (so nennt man ihn ja gern) haben. Aber es kam anders. Die Bayern waren gehemmt, weil sie Dortmunds zweiten Torwart Langerak zu wenig kennen und einschätzen können. Sie zogen sich gleichsam selbst die Lederhosen aus. Die Initialzündung gab Philipp Lahm, der beim Schuss mit dem Standbein wegrutschte und den Ball in die Wolken schoss. Gündogan verwandelte für Dortmund mit dem Strahl von einem Schuss. Alonso fühle sich von Lahm eigenartig inspiriert und imitierte das Wegrutschen des Standbeins. Der alte Kehl schickte Neuer cool in die falsche Ecke. Dann kam der Ex-Dortmunder Götze, man muss ihn nicht Verräter nennen, aber seinen Elfer hielt Langerak souverän, so, wie Neuer den gewiss nicht schlecht geschossenen Elfer von Hummels hielt. Und nun, zum möglicherweise entscheidenden Elfmeter, trat der Münchner Torwart Neuer selbst (und selbstbewusst) gegen den Dortmunder Torwart Langerak an. Er holte aus und traf die Latte. Vier Münchner Elfmeter, kein Tor. Dortmund war im Finale, das ersehnte Triple der Bayern unerreichbar.

Mir fiel noch ein ( das war aber Quatsch), dass Neuers verschossener Elfmeter die gerechte Strafe war für seine Proteste gegen das Dortmunder Gegentor. Er hielt den Schuss von Aubameyang klar einen halben Meter hinter der Linie und behauptete mit rudernden Armen, dass er ihn vorher abgewehrt habe. Das war ein dreister Betrugsversuch. Auf sowas ist schon mancher Schiedsrichter reingefallen. Gagelmann gestern nicht. Er ist nicht nur Schiedsrichter, Verwaltungsangestellter und Seher, sondern auch Romantiker. Er fände es schön, wenn der scheidende Trainer Klopp noch einmal mit dem Laster um den Dortmunder Borsigplatz führe, mit dem Titel des Pokalsiegers in der Tasche.

Geht doch

Jeder Rekord hat auch seine Kehrseite. Bayern München hat in einem einzigen Spiel der Rückrunde so viele Gegentore hinnehmen müssen wie in der gesamten ersten Halbserie. Das darf man dann einen Negativrekord nennen.

Aber klar. Im Fußball geht es nicht um Rekorde, sondern um Punkte. Rekorde im Fußball sind nur die mediale Begleitmusik, die dann ertönt, wenn den Reportern und Kommentatoren zur Sache selbst nichts mehr einfällt. Dann stimmen sie die Hymne an, welchen Rekord der FC Bayern München jetzt schon wieder gebrochen oder aufgestellt hat. Rekorde, die nirgendwo offiziell verzeichnet sind und die man Lyrik nennen könnte, wenn das nicht ungerecht der Lyrik gegenüber wäre.

Wichtig ist vor allem, dass wir gestern sahen: Die Bundesliga könnte wieder spannend werden. Vielleicht noch nicht in dieser Saison, aber wohl dann in der nächsten. Der VfL Wolfsburg besiegte den mehr oder minder feststehenden Meister, der in der gesamten Hinserie unbesiegt geblieben war, klar mit 4:1. Es ist also möglich. Aber wie konnte das geschehen? Jedes Spiel hat seine eigene Dramaturgie, aus der sich eine ganz eigene Dynamik ergeben kann. Der VfL macht in der 4. Minute das 1:0. Balleroberung im eigenen Strafraum, drei Pässe, Schuss, Tor. Der Spielzug war so schnell und überzeugend, dass Bayerns Torhüter Manuel Neuer nicht mal wie sonst üblich auf Abseits reklamierte. Das frühe Tor spielte natürlich den Wolfsburgern in die Füsse. Sie wurden mutig und mit ihrem One-touch-Fußball auch spielerisch besser als die Bayern. Auffällig, wie überlegen die jungen Männer im Wolfsburger Mittelfeld mit ihrer Lauffreude den betagten WM-Helden zweier Nationen auf der Gegenseite waren. Und dann kommt zum psychologisch günstigsten Zeitpunkt, in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit, das zweite Tor. Und wieder hat Neuer keine Gelegenheit zu reklamieren, es war ein Fernschuss von Bas Dost, und das Tor hat ihm auch noch der Bayer Lewandowski mit einem missglückten Abwehrversuch aufgelegt. Und wieder zum psychologisch günstigen Zeitpunkt, früh in der zweiten Halbzeit, als die Bayern auf den Anschlusstreffer drängen, fällt das 3:0 nach einem Superpass von Maxi Arnold, mit seinen 20 Jahren schon eine der prägenden Gestalten dieser Wolfsburger Mannschaft.

Sagen wir es so: Nicht die Bayern spielten schlecht. Die Wolfsburger spielten einfach überragend. Ihnen fehlte es nicht an Mut, ihnen fehlte es nicht an Klasse, ihnen fehlte es nicht an Kaltblütigkeit. Was war bei den Bayern zu sehen? Nachdem die Wolfsburger mit ihrer läuferischen Überlegenheit die Mittelfeldspieler Schweinsteiger und Alonso abgemeldet hatten, fehlte den Münchnern ein Konzept. Dante, dem es merkwürdig an Körperspannung fehlte, sollte das Spiel von hinten heraus aufbauen, das waren in der Regel leicht vorhersehbare Abspiele. Robben zerfranste sich in Einzelaktionen. Thomas Müller verging schnell die anfänglich überschäumend gute Laune und von Lewandowski war wenig zu sehen. Die Liga könnte wieder interessant werden, auch wenn nur wenige Teams so viel Potential haben wie Wolfsburg.

Bela Rethy klärt auf. Unabsichtlich

Wer die Kunst des Lippenlesens beherrscht (wie etwa ich), konnte erraten, dass die deutschen Spieler den Text ihrer Nationalhymne nicht beherrschen, von jenen mal abgesehen, die nicht nur nicht so taten, als sängen sie mit. Man fragt sich, woran das liegen mag. Ich suche die Schuld nicht zuerst bei den Spielern, von denen ich sicher weiß, dass sie sich Worte, Zeilen und ganze Strophen merken können. Ich glaube viel mehr, dass der Text der deutschen Nationalhymne doch nicht ganz so signifikant ist, wie wir immer glauben, mit dieser Handvoll abstrakter Begriffe. Die Melodie ist okay. Aber um den Text sollten wir uns kümmern. Wir haben doch einen so energischen und selbstgefä …, äh, … bewussten Bundespräsidenten, vielleicht kann der da was ausrichten, aber nicht, dass er nun vorschlägt, dass wir wieder Deutschland, Deutschland über alles singen, das möchte ich bitte nicht.

Wir hatten Bela Rethy an unserer Seite, um das Spiel gegen Algerien mit der richtigen, ich sag mal, Heimatliebe anschauen zu können. Der Schiedsrichter, ließ er uns wissen, bevor noch irgendein Ball rollte, wird sehr aufpassen müssen: „Wir erwarten von den Nordafrikanern ein sehr körperbetontes Spiel.” Was heißen sollte: Das sind Holzhacker, die unseren begnadeten Edelkickern ordentlich auf die Socken geben werden. Außerdem sei die Mannschaft extrem defensiv aufgestellt – die wollen sich also ins Viertelfinale mauern.

Bei der Einblendung der Aufstellungen fehlte übrigens bei Bastian Schweinsteiger und nur bei ihm der Vorname. Sollte das unterstellen, dass er Schwein Steiger heißt? Ich weiß ja nicht.

Und dann rutschte uns guten Deutschen angesichts der ach so defensiven Algerier das Fußballerherz in die Hose. Die Jungs hatten ein echtes Konzept, was man bei uns total vermisste, und spielten unsere Abwehr ein ums andere Mal aus. Manuel Neuer bekam der Fußballkrieg wie eine Badekur, er konnte endlich, was er am liebsten tut, sein Tor verlassen und das gesamte hintere Drittel des Spielfelds befrieden, auch wenn das manchmal komisch aussieht. Deutscher Spielwitz sah nach Bela Rethys Worten so aus: Lahms Idee war, den Ball nach rechts zu spielen. Und mehr Ideen waren wirklich nicht. Positives wusste Rethy über Jerome Boateng zu vermelden. Der könnte auch so schnell sein wie die Algerier – „wenn er sich rechtzeitig entscheiden könnte, loszulaufen”. In der Verlängerung wurde noch alles gut. Thomas Müller, der sich nicht so recht entscheiden kann, ob er lieber Goalgetter oder Komiker sein will, brach links durch, flankte, Schürrle rauschte heran: Das macht er mit der Hacke, schrie Bela Rethy, das macht er mit der Hacke. Und dann gab er die Erklärung, warum das Spiel so lief, wie es lief. „In Brasilien hat die deutsche Elf ein unglaubliches Image.” So muss es sein. Der brasilianische Schiedsrichter Sandro Ricci benachteiligte die Algerier konsequent das ganze Spiel über. Er gab keine rote Karte und keinen Elfmeter, aber in den Zweikämpfen waren immer die Deutschen die Opfer. Nur als Philipp Lahm Yacine Brahimi die Hose zerriss, dachte der konservative Herr Ricci: Das sollten Männer nicht mit Männern machen, und zeigte gelb. Die Hose bezahlst du mir, dachte Brahimi, aber wie sagt man das auf Deutsch?

Demütigungen

Sprechen wir von Demütigungen. Zweifellos hat der FC Bayern die beste Fußballmannschaft der Welt gedemütigt. 7:0 in Hin- und Rückspiel, meine Güte. Und auch der ungarische Schiedsrichter aus dem München-Spiel hat Barcelona gedemütigt: So ein Wegsperren wie das von Thomas Müller vor dem Robben-Tor durchgehen zu lassen, wie soll man sich das erklären? Vielleicht mit Blindheit …  Auch das Vorgehen von Sergio Ramos gegen Robert Lewandowski in Madrid mit Faust- und Ellenbogenattacken laufende Meter, das ebenfalls nicht geahndet wurde, stellt eine Demütigung dar: eine des fairen Zuschauers nämlich, der seinen Augen nicht zu trauen glaubt. Was ist da plötzlich alles erlaubt! Und schließlich: Nicht mit dem 1:1 im Bundesligahinspiel, nicht mit dem 1:0-Sieg im Pokal hat Bayern München Borussia Dortmund gedemütigt, sondern mit dem schnöden Wegkauf von Mario Götze, der irgendwie symbolisch für diese aufstrebende, leidenschaftliche, phantasievolle Mannschaft stand. Du kannst einen noch so begeisternden Fußball spielen – du bist doch nicht davor geschützt, vom Großen Bruder der Liga auf empfindliche Art geschwächt zu werden. Was ist oder war das doch für eine geile boy group mit Götze, Reus, Gündogan, Lewandowski und und und! Wie kann man eine Mannschaft verlassen, die in kurzer Zeit so viel erreicht hat? Um statt fünf Millionen zehn Millionen im Jahr zu verdienen? Oder wegen der Trainerlegende Pep Guardiola? Dafür verlässt man doch aber auch viel, ich glaube, mehr, als man im Moment denkt. Eine – vielleicht jugendliche – Charakterschwäche entdecke ich da auf jeden Fall. Der Knick in der Karriere ist absehbar. Die Hälfte der Fußballgemeinde wird in Zukunft gegen ihn sein. Siehe Manuel Neuer, der bei allen Erfolgen der Ritter von der traurigen Gestalt ist und bleibt.