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Archive for the ‘Heroes of Literature’ Category

Hunter S. Thompson, der haltlose Jäger

Cover der Buchausgabe, Ausschnitt

Im Zug von G. nach B. las ich „Rum Diary” von Hunter S. Thompson zu Ende. Man kann in der Bahn gut lesen, wenn man keine Begleiter hat, man schottet sich mit dem Buch ab gegen das Treiben um einen herum, verwöhnte Kinder, vorbildliche Väter, Leute mit Laptops und schwachen Blasen, Handy-Schwätzern, streitenden Paaren.

Von Hunter S. Thompson hatte ich nur eine oberflächliche Ahnung. Er ist der Erfinder des Gonzo, einer besonders subjektiven Spielart des Journalismus, ein hartgesottener Bursche. Nun dieser Roman. Paul Kemp geht nach San Juan, der Hauptstadt von Puerto Rico, weil er bei der San Juan Daily News angeheuert hat. Vor dem Abflug trinkt er Bier, um im Flieger schlafen zu können. Nach der Ankunft bestellt er Drinks und starrt auf den Ozean. „Ich fühlte mich wie Strandgut.”

Am Anfang hatte ich kein gutes Gefühl mit dem Buch. Da gibt einer mit seinen schlampigen Heldentaten an.

Die Redaktion der News ist noch verrückter als Paul Kemp und der ganze Laden immer hart an der Pleite. Entsprechend hysterisch agiert der Chefredakteur, Lotterman, ein kleiner Typ mit einem großen Maul, Weltmeister im Beschimpfen seiner Leute.

Man lebt an einem Ort, an dem die Leute vierundzwanzig Stunden am Tag schwitzen. Die Redakteure schätzen sich glücklich, wenn sie Eis für den Rum kaufen können, aber wenn es kein Eis gibt, trinken sie den Rum auch ohne, Hauptsache Rum. Ich wundere mich, wie Kemp seine Artikel zustande bringt, wie er überhaupt schreiben kann, aber Thompson war auch ein großer Trinker, und er konnte schreiben. Ihm fielen die besonderen Details auf, er fand griffige Formulierungen.

Tatsächlich packte mich der Roman, obwohl es immer um Sauftouren und Abstürze geht, aber irgendwann kriegt man mit: Das ist alles kein Spaß. Die Stimmung, die das Buch verbreitet, ist authentisch, die Leute schweben oder taumeln eine Handbreit über dem Abgrund, „ich kam mir alt vor und war ein bisschen unruhig, weil ich nach so vielen Jahren so wenig erreicht hatte”, aber das ist noch das mindeste. Du bekommst das Gefühl, dass hier ein potentieller Selbstmörder schreibt. Und so war es auch: „Von den Folgen eines reichlich erfüllten Trinkerlebens erschöpft, erschießt er sich am 20. Februar 2005”, schreibt sein deutscher Verlag. Immerhin war Thompson da schon 67 Jahre alt. Das schaffen nicht viele Leute seines Schlages. Johnny Depp, der in zwei Filmen, die nach Büchern von Thompson entstanden, die Hauptrollen spielte, beschreibt die erste Begegnung: „Hoch aufgeschossen und schlaksig, mit einer wollenen, indianisch anmutenden Strickmütze auf dem Kopf, die ihm nach hinten gerutscht war, und die unvermeidliche Pilotenbrille mitten im Gesicht, reckte er mir seine gewaltige Hand entgegen.”

„Der Roman”, sagt Thompson über „Rum Diary”, „ist ein enorm mangelhaftes Meisterwerk.“ Er war hemmungslos, er hatte Humor, und mit 67 Jahren hatte er, wie er fand, schon siebzehn Jahre zu lange gelebt.

Hunter S. Thompson, Rum Diary, Blumenbar Verlag

Albtraumhafte Ehe

September 11, 2017 2 Kommentare

Lost in America
© Fritz-Jochen Kopka

Philip Roth’ „Mein Leben als Mann” kommt ins Haus geflattert, ein ziemlich früher Roman (1970), in Deutschland erstmals 1990 bei Kellner  erschienen, was darauf hindeutet, dass die deutschen Verlage mit diesem Werk so ihre Probleme hatten. Roth war damals noch ein ganzes Stück davon entfernt, weise oder gar gütig zu sein, und „Mein Leben als Mann” ist die schlimmste Mann-Frau- oder Frau-Mann-Geschichte, die ich kenne. Da Roth immer dazu neigte, die eigene Geschichte zu verarbeiten, kann man dem Roman entnehmen, dass seine erste Ehe ihn fast zerstört hätte und die Frau erst recht, obwohl die Schuld, wenn wir dem Protagonisten in „Mein Leben als Mann”, Peter Tarnopol, glauben wollen, zu 99 Prozent bei ihr liegt. Sie heißt Maureen und hält sehr viel von sich. Sie ist Studentin, Schauspielerin, dann Tänzerin, dann Malerin, dann Bildhauerin, alles fängt sie an, alles lässt sie liegen. Schließlich tritt sie in einen, zunächst heimlichen Konkurrenzkampf zu Tarnopol; sie, die nichts zustande bringt, hält sich in der Tat für die bessere Schriftstellerin verglichen mit ihrem Mann, der mit seinem ersten Roman schon ziemlich viel Ruhm eingeheimst hat, ehe sie ihn dann mehr oder minder schreibunfähig macht („Obwohl ich weiterhin Tag für Tag schrieb, hielt ich mich inzwischen nicht mehr für fähig, irgendetwas hervorzubringen, außer meinem eigenen Elend.”).

Roth erzählt, dass du als Mann gegen eine hysterische Frau keine Chance hast, du magst ihr intellektuell noch so überlegen sein. Maureen ist ein Genie an Heimtücke und Kampfkraft. Natürlich gibt der Autor dezente Hinweise darauf, dass sein Protagonist ebenfalls erhebliche Schwächen und Störungen aufweist. Zudem deprimiert ihn, dass er in seiner zaghaften Abwehrschlacht keine Helfer hat. Sein Psychoanalytiker, Dr. Spielvogel, sorgt mäßig für Entlastung, bietet dafür aber analytische Spitzfindigkeiten, die Tarnopol, ganz gegen seine Erfahrung, zum monströsen Mutteropfer machen. Besonders niederschmetternd sind die Aktionen des Richters Rosenzweig, der sich als Retter sitzengelassener Ehefrauen kapriziert. Peter hat zwar keine Scheidung erreicht, aber die Trennung vollzogen. Jahr für Jahr muss er nun mit Kontoauszügen, Einkommenssteuerbescheiden und Honorarabrechnungen vor Gericht antanzen. Er wird buchstäblich zum Sozialfall heruntergerechnet, der sich von seinem Bruder durchfüttern lassen muss. Tarnopol ist traumatisiert. Er hat die fixe Idee, dass der Staat New York und die Gerichte sich gegen ihn, den „ allseits bekannten Verführer junger Collegestudentinnen” (Maureens Darstellung) verschworen haben und ihm den letzten Blutstropfen abpressen.

Der Roman endet mit Maureens tödlichem Autounfall. Das letzte Kapitel heißt „Frei”. Der Befreite steht da, mit leeren Händen, erschöpft, ausgelaugt. Es kann jetzt nur darum gehen, „die Vergangenheit zu entmystifizieren und sein anerkanntermaßen unzuträgliches Gefühl des Versagens zu mildern.”

Philip Roth schrieb damals nicht so gut wie in seinen reifen Jahren, in denen er alljährlich als Kandidat für den Nobelpreis gehandelt wurde, den er nie bekam. In diesem Buch weist er offenherzig auf seine Unzulänglichkeiten hin. Und ziemlich am Schluss attackiert er in böser Voraussicht das Nobelpreiskomitee, indem er sich über William Faulkners pathetische Nobelpreisrede aufregt. „Wie konntest du Schall und Wahn schreiben, wie konntest du Das Dorf schreiben, … und dann so was verzapfen? … Ausharren? Siegen? Wir können von Glück sagen, meine Herren, wenn wir’s morgen schaffen, uns die Schuhe anzuziehen. Das hätte ich diesen Schweden gesagt. (Vorausgesetzt, sie hätten mich gefragt.)”

Na klar. So einen fragt man nicht.

Philip Roth, Mein Leben als Mann, Carl Hanser Verlag 2007

Wer schützt die Alleen, die Blumen?

Gehe hin, stelle einen Wächter
© Fritz-Jochen Kopka

Warum soll ich nicht auch ein Wort verlieren über das Giebelgedicht von Eugen Gomringer. Kein spanisches Gedicht, aber ein Gedicht in spanischer Sprache, das an die Südfassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin-Hellersdorf gedruckt ist und über das ein Streit entbrannte, weil der Asta der Hochschule den Text als frauenfeindlich empfindet.

avenidas / avenidas y flores//flores / flores y mujeres // avenidas/ avenidas y mujeres // avenidas y flores y mujeres y / un admirador

Ich kann das Gedicht, über das jetzt dauernd diskutiert wird, auch der PEN hat sich eingeschaltet, schon auswendig. Auf Deutsch geht es so:

alleen / alleen und blumen // blumen/ blumen und frauen // alleen/ alleen und frauen // alleen und blumen und frauen und / ein Bewunderer

Eugen Gomringer gilt als Erfinder der Konkreten Poesie. Dieses Gedicht hat seriellen Charakter. Man denkt, was ist schon dran an diesem Text. Und: Kann man wirklich so weit gehen, sich darüber aufzuregen? Kann man so weit gehen zu verlangen, dass dieses Gedicht entfernt wird? Kann man so weit gehen, in diesen Text hineinzuinterpretieren, dass Frauen hier zu „bewunderungswürdigen Objekten degradiert” werden, es erinnere „zudem unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen* alltäglich ausgesetzt sind“.

Da gibt es nun einen Antrag, darüber wird ernsthaft diskutiert, das Gedicht soll entfernt oder erweitert oder kommentiert oder irgendwie geradegebogen werden.

Was hat diese Protestierer gestochen (oder anders gedacht: Was hat sie nicht gestochen?) Offensichtlich lesen sie nicht viel. Was könnten sie kämpfen, wenn sie Gedichtbände und Anthologien läsen, was würden sie da alles finden.

Ich bin nach Hellersdorf gefahren. Für das Gedicht an der Fassade interessiert sich da kein Schwein. Das Gebäude befindet sich direkt am U-Bahnhof. Eine junge Frau geht vorbei, ich denke, die ist bestimmt vom Asta, die wird jetzt gleich an die Fassade spucken oder so. Später hält sich ein Mann dort auf. Ich denke, der ist vielleicht vom PEN, der will das Gedicht beschützen. Es tut sich nichts.

Ich denke an die chinesische Kulturrevolution und an die islamistischen Denkmalstürmer. Ich denke an amerikanische Universitäten, wo ein Dozent oder auch eine Dozentin sich seiner oder ihrer selbst nicht mehr sicher sein kann, wenn er oder sie feministische Auslegungsmöglichkeiten seiner oder ihrer Vorträge außer Acht gelassen hat. Sah ein Knab’ ein Röslein stehn. Das geht gar nicht. Eigentlich geht überhaupt nichts, ohne dass man sich den Verstand verrenkt.

Aber man kann auch anders an das Gedicht herangehen. Werden hier nicht auch die Alleen und die Blumen degradiert? Denkt niemand daran, dass in den Alleen Papier und Müll fallengelassen werden? Denkt niemand daran, dass Blumen abgeschnitten werden und in irgendwelchen Vasen verdorren, ausgebeutet? Warum denkt der Asta nur an die Frauen? Warum schützt er nicht die Alleen? Wer schützt die Blumen?

Produktiver wäre die Frage, ob die dritte Strophe nicht mit avenidas anfangen sollte, sondern mit mujeres und danach ein neuer Begriff eingeführt werden müsste: mujeres / mujeres y ideas. Oder mujeres y carteras, frauen und handtaschen.

Na, das gäbe ein Geschrei.

Aber Gomringer war resolut und unsentimental genug, die Serie schnell und unerwartet abzuschließen. Bleiben wir bei dem, was ist.

 

Ein Monat zum Sterben

Down to the Cemetery and Pray
© A. D.

Der August ist ein Monat zum Sterben. Ein Monat zum Sterben für Literaten. Wenn ich in den Literaturkalender schaue, sehe ich Kreuz an Kreuz. Konrad Duden, Robert Wolfgang Schnell, Oswald von Wolkenstein, William S. Burroughs, James Krüss, Adolf Endler, Joseph Conrad, Colette, Wladimir Tendrjakow, Alexander Solschenizyn, Hans Christian Andersen, Georg Maurer, Ben Johnson, Johann Beer, Aksel Sandemose, Walter Werner, Jorge Amado, Alexander Blok, Rábindranath Tagore, Antonis Samarakis, Hermann Hesse, Ulrich Plenzdorf, Edith Wharton, William Blake, Thomas Mann, H. G. Wells, Klabund, Werner Bräunig, John Priestley, Elias Canetti, Czeslaw Milosz, Slawomir Mrozek, Margaret Mitchell, Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, Irene Némirovsky, Alexander Wampilow, Honoré de Balzac, Leonhard Frank, Tibor Déry, Federico Garcia Lorca, Martin Opitz, Alfred Kubin, Adalbert von Chamisso, Wolfgang Hildesheimer, Nicolaus Lenau, Jan Neruda, Roger Martin du Gard,, Karl Immermann, Friedrich Nietzsche, Eyvind Johnson, Truman Capote, Franz Werfel, Wolfgang Herrndorf, Lope de Vega, Cesare Pavese, Benno Pludra, Konstantin Simonow, Michael Ende, Peter Hacks, Vicki Baum, Siegfried Pitschmann, Nagib Mahfus, Seamus Heaney, Oliver Sacks, Charles Baudelaire, Marina Zwetajewa, Ilja Ehrenburg.

Alexander Wampilow, der hoffnungsvolle russische Dramatiker, Sohn eines Burjaten und einer Russin, ertrank beim Fischen im Baikalsee, einen Tag vor seinem 35. Geburtstag. So gab es einige frühe tragische Tode. Garcia Lorca, von Falangisten erschossen, Irene Némirovsky, in Auschwitz ermordet, Truman Capote richtete sich mit Drogen zu Grunde, Klabund starb mit 37 Jahren an Lungentuberkulose, Werner Bräunig starb, von Dogmatikern gemaßregelt, vom Alkohol zerrüttet, Wolfgang Herrndorf, schwerkrank, erschoss sich.

Und es gab die langen, erfüllten Leben, Dichter, die das Ihre gegeben hatten und besänftigt die Augen schließen konnten.

Warum Sterben im August? Ach, ich weiß nicht. Vielleicht ist es in den anderen Monaten genauso. Wir werden in Zukunft ein Auge darauf haben. Immerhin gibt Gottfried Benn in seinem Gedicht „Was schlimm ist” eine Antwort:

„Am schlimmsten:/nicht im Sommer sterben,/ wenn alles hell ist /und die Erde für Spaten leicht.”

Remember Mörike

Eduard Mörike trug eine modische Brille

Ich komme zufällig auf Eduard Mörike. Lese „Maler Nolten”. Eine recht ausgedehnte Novelle im relativ hohen Ton verfasst. Um Proportionen haben sich die Literaten vergangener Zeiten keine Sorgen gemacht, vielleicht in der Hoffnung, dass eine Masse Text auch eine Masse Geld bringt. Vielleicht waren sie auch einfach schreibverliebt. Dann ist hier noch ein Reclam-Bändchen von 1983, „Halb ist es Lust, halb ist es Klage”. Lyrik und Prosa. Ich suche nach Mörike-Gedichten, die mir in der Schule begegneten. Das berühmte „Er ists”. „Frühling lässt sein blaues Band/Wieder flattern durch die Lüfte … ” Manchmal dachte man, es sei von Eichendorff. Und hier: „Novembermorgen”. Unser blutjunger, sächsischer Deutschlehrer versuchte, es hochdeutsch vorzutragen. „Bald siehst du, wenn der Schleier fällt/Den blauen Himmel unverstellt/Herbstkräftig die gedämpfte Welt/Im warmen Golde fließen.” Er hatte wohl vor, die Magie der Verse rüberzubringen. Dabei dehnte der das u bei unverstellt ins Uuuuunermessliche, und aus dem e bei herbstkräftig machte er einen Vokal, wie wir ihn noch nie gehört hatten. Dabei verzerrte er sein Gesicht zur Grimasse. Wir alberne Bauernkinder wollten uns ausschütten vor Lachen.

Schließlich fällt mir noch ein Gedicht auf, das ich nicht von früher kenne, das mir aber auf Anhieb gefällt.

In Gedanken an unsere deutschen Krieger

Bei euren Taten, euren Siegen

Wortlos, beschämt hat mein Gesang geschwiegen,

Und manche, die mich darum schalten,

Hätten auch besser den Mund gehalten.

Wahrscheinlich fand ich Gefallen an dem Text, weil er mich an unsere deutschen Krieger bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in London denken ließ. Und an unsere deutschen Reporter, die den Mund nicht halten durften, auch bei den vielen Niederlagen nicht, und auch nicht bei den zahlreichen Wettkämpfen, die vorsorglich ohne deutsche Beteiligung stattfanden. Wir, dachte ich, arbeiten an unserer Unsichtbarkeit. Warum nicht. Am Ende sorgen nun die Speerwerfer und Zehnkämpfer und eine Hürdensprinterin doch noch dafür, dass wir sichtbar sind. Worauf soll man sich nun einstellen?

 

Balzac der Verschwender

Ein dicker, äußerst vitaler Dichter
Illustration: H. Thannhaeuser © Transmare Verlag

Der E-Book-Reader dient mir unter anderem dazu, Lektürelücken zu schließen. Ich habe einiges downgeloadet, was ich in meiner Leserbiographie vernachlässigt habe. Jetzt waren „Verlorene Illusionen” von Balzac dran. Balzac war für mich ein weißer Kontinent, das heißt, auch wieder nicht, denn recht früh hat mich Stefan Zweigs Balzac-Biographie-Roman gefesselt, seltsamerweise aber nicht bewegen können, Balzac direkt zu lesen. Das ist wahrscheinlich ein geläufiges Missverständnis: Man liest die Biographie und meint, man wüsste alles. Und was ist von Stefan Zweigs Biographie hängengeblieben? Balzac war immer in Geldnöten. Er schrieb nachts, trank Unmengen von Kaffee und entdeckte irgendwann das Zauberwort für seine Art zu schreiben: Intensität. Er begann, mit der polnischen Gräfin Hanska zu korrespondieren und verliebte sich in sie, auch weil er hoffte, dass sie ihn von seinen Geldnöten erlösen könnte. Aber das konnte keiner. Balzac war ein enormer Verschwender. Geld faszinierte ihn. Und alles, was man mit Geld tun konnte, faszinierte ihn noch mehr, kaufen, Luxus anhäufen, Schulden machen und Schulden machen, um sich von Schulden zu befreien, was auf noch mehr Schulden hinauslief.

Illusions perdues schrieb Balzac, als er wieder in höchster Bedrängnis war. Er konnte das: Arbeiten unter Druck, alles ausblenden, schreiben, 15 Stunden am Tag. Die Illusionen sind ein Roman der Jugend, die in der Zeit der Restauration, nach dem Verblassen der heroischen Ideale, ihren Weg verfehlt. Die Freunde Lucien Chardon und David Séchard verfolgen unterschiedliche Pläne. Der hochbegabte Lucien geht nach Paris, um als Dichter Karriere zu machen. David übernimmt die Druckerei seines Vaters und bleibt in der Kleinstadt Angouleme. Lucien ist leichtsinnig und verführbar, er rennt (wie Balzac) dem schnellen Geld und dem Luxus hinterher. Klar, dass er scheitern muss, weniger klar, dass er auch seinen Freund David und seine Schwester Eve, die David geheiratet hat, mit ins Unglück zieht.

Wenn man’s genau nimmt, hat Balzac sein persönliches Schicksal hier doch nicht ausblenden können, denn auch er war Druckereibesitzer und Unternehmer gewesen, auch er scheiterte, auch er schrieb seichte Texte, um Geld zu machen, auch er musste sich vor dem Gerichtsvollzieher verstecken, auch er war leichtsinnig und wurde Opfer von Intrigen, Opfer aber auch seiner Oberflächlichkeit. Man spürt, dass der Autor hier in langen Passagen einiges abzuarbeiten und für sich selbst geradezurücken hat. Seine Helden scheitern vielleicht auch an ihrer Blauäugigkeit, hauptsächlich aber an den Intrigen und kriminellen Machenschaften ihrer Rivalen. So rückt Balzac auch sein Selbstbild zurecht. Genützt hat es ihm nichts, er machte immer die gleichen Fehler. In aller Ausführlichkeit beschreibt er die Macht der Medien und ihre Unmoral, hinterhältige Finanztransaktionen und juristische Fallen. Dem Roman fehlt die Balance der Proportionen, den Charakteren die Vielschichtigkeit. Aber das war gewollt. Balzac legte jede seiner Figuren auf einen Hauptcharakterzug fest. Sie sind ausrechenbar, aber auch intensiv. Und so war wohl auch er.

Das Motiv der verlorenen Illusionen hat mich vorrangig interessiert. Ich denke schon ein Weilchen über die, wenn man so will, Metaphysik der Illusionen nach. Wir machen uns Illusionen über unsere eigenen Aussichten, wir machen uns auch Illusionen über unsere Umgebung, über unsere Freunde zumal. Ich denke nicht mal, dass wir diese Illusionen verlieren. Sie verschwinden eher unmerklich, irgendwann stellen wir dann fest: Sie sind nicht mehr da, wir können auch ohne sie leben, vielleicht sogar besser. Es geht um einen Zustand von Nüchternheit. Wir haben einige Freunde verloren, einige Freunde haben uns verloren. Da hat es nicht mal Streit gegeben. Wenn die Illusionen, die man mit Personen seines Umfelds verbindet, verschwinden, dann kommen einem auch die Emotionen abhanden, die für eine Freundschaft auch benötigt werden. Dann hat man keine zwanzig Freunde mehr, sondern zwei.

Man mag, dies noch nebenbei, bezweifeln, ob es sinnvoll ist, Lektürelücken zu schließen. Das hat so etwas Anti-Fatalistisches. Man kann auch sagen: Wenn es eben so gekommen ist, dass ich einige der Großen der Weltliteratur nicht gelesen habe, dann kann man es auch dabei belassen. Vielleicht passen die einfach nicht zu mir.

Es gibt diese Loser, aber es müsste sie nicht geben

Fatale Häuser
© Kopka

2010 brachte Paul Auster „Sunset Park” heraus. Er meinte, es sei das erste Mal, dass er sich ausdrücklich mit dem Jetzt befasste; bis dahin herrschte in seinen Romanen ein distanziertes Verhältnis zur Gegenwart vor, aber in Sunset Park ging es um die Krise in Amerika, die schwierige Phase, die die Amerikaner durchlebten. Immobilienblase, Bankencrash, Wirtschaftskrise, Zukunftslosigkeit.

Miles Heller ist so ein junger Mann ohne Zukunft. Er hat sein Studium geschmissen und seine Familie verlassen. Seine Eltern haben lange keine Ahnung, ob er überhaupt lebt. In Florida gehört Miles zu einem Vier-Mann-Trupp, der verlassene Häuser entrümpelt. „Jedes Haus hat eine Geschichte des Scheiterns.” Heller, der eben kein gewöhnlicher Entrümpler ist, nimmt es auf sich, die aufgegebenen Dinge zu fotografieren und in sein Archiv einzufügen. Es geht von Schuhen und Ölgemälden bis zu Briefmarkensammlungen und einem toten Kanarienvogel. Von diesen Fotos liest man später im Buch nichts mehr, das ist so einer von vielen fallengelassenen Fäden, die darauf hindeuten, dass Auster mit seinem Entwurf nicht ganz zu Rande gekommen ist.

Die Zukunft, die Miles Heller nicht zu haben glaubt, hat Pilar, seine Freundin. Und er tut etwas für ihre Zukunft, er lernt mit ihr zusammen und bereitet sie auf die High School vor. Aber Pilar ist noch minderjährig, so dass Heller erpresst wird und Florida verlassen. Er geht nach New York zu Bing Nathan, seinem einzigen Freund. Bing lebt in einem verfallenen, leerstehenden Holzhaus im Sunset Park. Er hat das Haus besetzt, notdürftig instandgesetzt, zwei Freundinnen (Ellen und Alice) eingeladen, dort zu wohnen und schließlich auch Miles Heller. Vier, wenn man so will, Außenseiter, jeder und jede auf seine und ihre Weise begabt, originell und kaputt. Es sieht so aus, als könnten sie sich langsam aus ihrer Sackgasse herausarbeiten, auch Miles Heller. Er nimmt wieder Kontakt zu seinen Eltern auf, die sich längst getrennt haben, und erwägt, weiter zu studieren. Am Ende gibt es einen total unverhältnismäßigen, brutalen Einsatz der Polizei, der das Leben der Hausbesetzer, das auf einem guten Weg war, ruiniert. Das liest sich fataler Weise und sicher unbeabsichtigt wie eine Warnung davor, sich gegen geltendes Recht zu stellen und Häuser zu besetzen. Man möchte nicht von einem misslungenen Roman (Deutsch bei Rowohlt 2012) sprechen. Man liest das Buch denn doch mit nicht nachlassendem Interesse und erhöhter Anteilnahme, erfährt viel Amerikanisches sowie allgemein und speziell Menschliches, um am Ende eine harte Bodenlandung zu vollführen. Vielen Dank auch.