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Archive for the ‘Heroes of Literature’ Category

Er brachte Leben in die Bude

Other Voices, Other Rooms oder: Ein schöner Rücken kann auch entzücken

Claus Peymann brachte Leben in die Bude, das heißt in sein eigenes Theater, heißt auch, ins Post-Reich-Ranicki-Literarische-Quartett. So kurzweilig und spannend war die Sendung zum ersten Mal in der Weidermann-Zeit, und das lag an Peymann, lag aber auch an Thea Dorn, die eine schnelle Sprecherin und sicher auch eine schnelle Denkerin ist, bei der keine Bildungslücke wahrnehmbar wird; keine Ahnung, wie sie das hinkriegt. Für mich unverkennbar bringt sie ihrer Mitstreiterin Christine Westermann eine sympathische Ungeduld entgegen. Thea Dorn ist Profi, Christine Westermann Amateurin, das reibt sich schon mal.

Dorn begann mit einem leidenschaftlichen Plädoyer für Toni Morrisons neuen Roman; Peymann war sofort in aller Entschiedenheit auf ihrer Seite und verriet, dass die anderen drei zu besprechenden Bücher nicht entfernt an diese Klasse herankämen, nur Westermann meckerte elegisch. Volker Weidermann als Gastgeber störte dieses Mal kaum; er ist das Muster des richtigen Mannes am falschen Platz. Der richtige Mann am richtigen Platz wäre Claus Peymann, der demnächst ja nicht mehr Intendant des Berliner Ensembles sein wird. Würde er sich den Mühen eines solchen Berufsleser- und Moderatoren-Jobs unterziehen? Das weiß man nicht. Peymann ist nur in seiner Unkalkulierbarkeit kalkulierbar. Von ihm kommen immer klare, überraschende Worte. Er ist die personifizierte Postmoderne, meinetwegen auch Postpostmoderne. An seiner Seite lief Thea Dorn zu neuer Form auf. Sie befeuerten sich wechselseitig, und auch wenn sie sich einmal extrem uneinig waren, waren sie dies mit einem kühnen Lächeln und bestreitbaren Argumenten.

Was bei dieser Diskussion nebenbei noch herauskam: Man soll nicht so viel auf herausgerissene Zitate geben, weder im Guten noch im Bösen. Mit einem aus dem Zusammenhang genommenen Zitat kann man jeden Autor erschlagen. Es gibt eben auch ziemlich schlecht geschriebene sehr gute Bücher. Als Beispiel führt man immer Dostojewski an, meistens tun das gar Leute, die ihn nie im Original gelesen haben. Und außerdem: Er musste schnell schreiben. Er brauchte das Geld. Zum Leben und zum Spielen.

Lenk das Volk nicht ab vom Verstand

Eine Baugrube verheißt nichts Gutes

Wenn man Andrej Platonow in die Augen sah, konnte man ahnen, dass mit seinen Büchern etwas Besonderes auf einen zukam. „Die Baugrube” beginnt: „Am dreißigsten Jahrestag seines persönlichen Lebens gab man Woschtschew die Abrechnung von der kleinen Maschinenfabrik, wo er die Mittel für seine Existenz beschaffte. Im Entlassungsdokument schrieb man ihm, er werde von der Produktion entfernt infolge der wachsenden Kraftschwäche in ihm und seiner Nachdenklichkeit im allgemeinen Tempo der Arbeit.” Man kann kaum aufhören zu zitieren: Er „ging nach draußen, um an der Luft besser seine Zukunft zu verstehen.” Das trägt sich zu in der jungen Sowjetunion. Das neue Leben soll – sozusagen – gebaut werden, man weiß nicht, wie das gehen soll und was man dazu benötigt, auf jeden Fall muss eine neue Sprache her, deren Grundlage unverstandene Begriffe von Marx und Lenin bilden, und ja, von Stalin erst recht. Das kennen wir Ostler, auch auf uns regnete eine neue Sprache hernieder mit Versatzstücken wie Bewusstsein, Klassenstandpunkt, der allgegenwärtige Genosse und so weiter, man brachte die gelernte und die verordnete Sprache nur schlecht und recht zusammen, das war qualvoll und kurios, ich denke an Henry Maske, der auch nach der Wende lange nicht verbergen konnte, dass er durch einige Schulungen hindurch gegangen war. Platonow geht nun mit dieser Sprache als Künstler um, sie hat etwas Steifes, Hölzernes, etwa rührend Umständliches, gelegentlich auch Paradoxes und Poetisches – nur, den Menschen, die sie sprechen, hilft sie überhaupt nicht. „Hier waren unbeherrschte Leute, die sich dem Vergessen ihres Unglücks hingaben, und unter ihnen wurde Woschtschew dumpfer und leichter.”

Woschtschew findet neue Betätigung beim Ausheben der Grube, auf der das neue sozialistische Haus gebaut werden soll, aber wie traurig und unberaten sind diese Paradieserbauer, und durch die Anweisungen der Funktionäre, hier Aktivisten genannt, die auch nichts verstanden, aber die Schlagworte immer parat haben, werden sie noch wirrer. Wir haben es erneut mit einem Turmbau zu Babel zu tun, der Bau soll das Geheimnis des Lebens entschlüsseln, die Baugrube wird zur Falle, die Sprachen verwirren sich. Woschtschew hat ein Ziel, er will die Wahrheit suchen, seine Kraftschwäche würde nicht weiter wachsen, wenn er sie fände, aber es ist ein hoffnungsloses Unterfangen.

Platonow hat als Meliorator selbst mitgebaut an der neuen Zeit. Er ist ohne Wut, er ist sogar voller Hoffnung, obwohl er sieht, dass das alles nichts werden kann. Wir schaffen es nicht, aber wir machen weiter, was sollen wir auch sonst tun. Unter den Protagonisten des Romans finden wir keine Schurken, wir finden nur Leute, die sich zwischen gestern und morgen verlaufen, „von unablässigem Heldentum abgemagerte und grundarme Leute”.

„Lenk das Volk nicht ab vom Verstand.” Keine Sorge, ist schon längst passiert. Wie kann Erneuerung, wie kann radikale Modernisierung funktionieren? Jedenfalls nicht, indem man alles umstürzt. Das Wort radikal streichen wir mal. Immerhin: „ringsum wurde ständig gesellschaftlicher Nutzen geschürt.”

Suhrkamp hat hier ein enormes Buch vorgelegt, die Übersetzerin und Nachwortschreiberin Gabriele Leupold ermächtigt uns, Platonow und eine schöne und grimmige Welt zu verstehen. Eine großartige Arbeit haben vor der Wende schon der Verlag Volk und Welt und die Herausgeberin und Übersetzerin Lola Debüser geleistet.

 

So gleichen sich Metropole und Provinz

April 24, 2017 2 Kommentare

Noch ist der Dichter nicht erschienen, der Veranstalter zittert

Erstmals betreten wir das neue Kulturhaus Karlshorst (Leitung Frau Krüger, Mitarbeit Frau Werner, Frau Kirsch) zu einer Veranstaltung, die eintrittspflichtig ist. Neue Architektur an der Peripherie: Dazu gehört dann etwa, dass das Haus nur Nebeneingänge hat, hinten rum, was auch vielleicht erklärt, warum man noch nie da war. Ein Mann kommt uns auf der Treppe entgegen, weinrotes Hemd, schwarze Weste, schwarzer Backenbart. Wie aus einem alten Kinderbuch herausgeschnitten. Ein Vorraum mit Tresen. Anscheinend nicht der unwichtigste Teil des Kulturhauses. Die kulturelle Klasse von Karlshorst ist erschienen und versorgt sich mit Wein. Ein in die Breite gezogener lichter Raum, ein Büchertisch mit Verleger. Ein keines Podest, darauf ein rundes Dichtertischchen mit einem Dichterstuhl und einem Literaturvermittlerstuhl. Ein paar Reihen Zuschauerstühle, zwei Ledersofas für jene Vertreter der kulturellen Klasse, die besonderen Wert auf Behaglichkeit legen. Der Dichter erscheint in schöner Gelassenheit als einer der letzten. Der Moderator und Literaturvermittler war schon dabei, sich zu sorgen. Es ist in der Tat jener weinrote, aus dem Kinderbuch herausgeschnittene Mensch. Ein Mittler, wie er im Buche steht, zum Beispiel bei Goethe. Er würdigt den Dichter, er würdigt das Kulturhaus, er würdigt seine Veranstaltungsreihe, er würdigt den neuen Gedichtband des Dichters, er würdigt die Illustrationen in diesem Gedichtband, er würdigt den Verlag und den Verleger, er würdigt die Stadt Berlin, er würdigt ein Buch über die Stadt Berlin, das er herausgegeben hat, er würdigt die Dichterin, die als nächste in dieser Veranstaltungsreihe auftreten wird, er würdigt die Fenster dieses Salons, denen die Veranstaltungsreihe (Literatur am Fenster) ihren Namen verdankt. Zwischen den Würdigungen darf der Dichter Gedichte aus seinem Band lesen, aus seinem Leben und von seiner Dichterwerdung erzählen. In der ersten Reihe lauscht eine ältere Dame, die unlängst gestürzt sein muss. Ihr Gesicht ist versorgt, aber doch noch mitleiderregend lädiert. Auf dem Ledersofa genießt ein stattlicher Herr hörbar seinen Wein, schnauft, wälzt sich zur Seite und verfolgt den Gedichtvortag Wort für Wort im Buch. Stolz registriert er, wenn sich der Dichter verliest.

Ich erinnere mich, wie wir vor langer Zeit im Herrenhaus Libnow in der Unteren-Peenetal-Region eine Kulturveranstaltung erlebten. Die Atmosphäre war ähnlich gediegen. So gleichen sich Metropole und Provinz.

Wer war’n das?

April 21, 2017 1 Kommentar

Ich blättere in einem Buch, das neben meinem Bett liegt. Dort liegen einige Bücher, in denen ich ab und zu lese und dann wiederum ab und zu nicht lese; ein ganzer Stapel ist das. Nun blättere ich in Durs Grünbeins Berliner Aufzeichnungen „Das erste Jahr”. Er meint natürlich das erste Jahr des neuen Jahrtausends. Eine Stelle fällt mir auf: Er ist in Krakau, wo eine Lesung stattfindet, in einem Kulturzentrum am Rynek, „einem der wenigen wirklich gelungenen Plätze außerhalb Italiens” – das ist aber mal wirklich die Bewertung eines weltläufigen Menschen und strengen Ästheten.

Zuerst liest die Nobelpreisträgerin Wislawa Szymborska, dann Grünbein persönlich; die Szymborska ist da schon weg; hat aber für Grünbein einen Gruß hinterlassen und die Bemerkung: „Er hat das Äußere eines Dichters”. Grünbein hat an jenem Tag auch eine Begegnung mit Hunderten Krähen, die in den Bäumen eines kleinen Stadtparks sitzen und ihren Kot hernieder regnen lassen. Im Traum wird er überdies von einer gehässigen Krähe attackiert. „Ihr Kopf ähnelt auffällig dem der Szymborska.” Jemand hat etwas mit Bleistift daneben geschrieben, was ich mühsam als „charmant, Arschloch!” entziffere. Wer erlaubt sich so was! Wer hat mir dieses Buch geliehen? Die Handschrift ähnelt sogar entfernt der meinen. Aber ich würde doch niemals eine solche Unverschämtheit von mir geben! Hat man schon etwas darüber gehört, dass Menschen nicht nur schlafwandeln können, sondern auch schlafschreiben?

Paul Auster im Großen Sendesaal

Das wichtigste Buch liegt immer auf dem Schoß
© E. T.

Mit gerade siebzig Jahren bringt Paul Auster seinen größten und bedeutendsten Roman heraus, und Radio Eins präsentiert die Deutschlandpremiere von „4321“  aus dem Rowohlt Verlag im Großen Sendesaal des RBB. Soll sofort ausverkauft gewesen sein, geben die Veranstalter an, und stimmt, man reißt uns die überzählige Karte förmlich aus den Händen. Reihe 3, Platz 13 bis 15. Einige Ehemalige haben sich eingestellt, ein Staatsminister, eine Intendantin, ein kleiner Detektiv. Eine Dame aus der kulturellen Klasse stolpert auf ihren Platz in der ersten Reihe zu, nach einer Weile verliert sie ihre Brille, die sie sich schick ins Haar gesteckt hatte. Ist wahrscheinlich weniger cool als gedacht; finde ich gut. Der Staatsminister, um auf ihn zurückzukommen, tritt ans Pult und begrüßt seinen, ja, man kann wohl sagen, Freund Paul Auster mit warmen englischen Worten. Michael (oder Mike) Naumann spielt den Elder Statesman mit Mitteilsamkeit, Geselligkeit und Frohsinn; dem Publikum nähert er sich mit kurzen verbindlichen Gesten an, und am Ende seiner Einführung sagt er schlicht und deutsch: Ich liebe diesen Schriftsteller. Meine Begleiterinnen sind von Naumann angenehm überrascht, sie mäkeln dafür um so mehr am Moderator rum, der das Gespräch mit Paul Auster aus einer großen Vorbereitungsmappe heraus in, wie sie meinen, biederem Schulenglisch führt, ja, why not.

Auster in Schreibschrift

Wir wollen von Paul Auster reden. Ich glaube, „The Music of Chance” war der erste amerikanische Roman, den ich im Original las, morgens und abends in der S-Bahn, wo ich kein Wörterbuch dabei hatte, und es ging gut, das wird mich für immer mit Auster verbinden. So stellte man sich damals einen postmodernen Autor vor, einen Kafka der Jetztzeit usw. Gelegentlich dachte man, man habe Auster mit all seinen literarischen Tricks entschlüsselt, aber er hatte immer wieder Neues zu bieten. Und nun dieser Roman von 1200 Seiten. Er liegt, thick as a brick, in seinem Schoß, ein Fundament seiner Kreativität. Auster ist zur Zeit körperlich nicht in allerbester Form, die Beine sind eine Winzigkeit schneller als der Oberkörper, er kann nicht seine Lieblingsjeans tragen, doch sein eulenäugiger Charme ist überwältigend. Manchmal ist er selbst überrascht von den Bonmots, die ihm zufallen. Die linke Hand begleitet seine Worte mit munteren Gesten, während die rechte sparsam und ausgleichend eingreift.

 

Paul und Fritz (von rechts)         © J. T.

Paul Auster erzählt, dass ihn die Idee für dieses Buch beim Frühstück überraschte, sie war sofort in großer Deutlichkeit vor seinen Augen, während sie sich normalerweile nur zögerlich über längere Zeiträume ausformt. Zunächst sollte der Roman „Ferguson” heißen wie sein Protagonist Archie Ferguson, aber dann ereignete sich jener Vorfall in der Stadt Ferguson, ein weißer Polizist erschoss einen Schwarzen, es gab Proteste und gewalttätige Tumulte, der Titel wäre irreführend gewesen, und so wählte Auster „4321”, was meint, dass der Held uns in vier unterschiedlichen Lebensläufen gegenübertritt: Auster ist wieder bei einem seiner Lebensthemen, der Musik des Zufalls. Zufälle können dein Leben total durcheinanderbringen, es kann entscheidend sein, ob du die Hauptstraße wählst oder eine Nebenstrecke. Ein schönes Muster für den Erzähler: Was folgt aus einem unscheinbaren Detail? Die Verwicklungen ausmalen, das Beziehungsnetz zu anderen Figuren umknüpfen.

Man kam sich näher

Hanns Zischler liest gekonnt und souverän ein Kapitel aus der deutschen Übersetzung, Paul Auster eine Passage aus dem Original, er liest schnell oder eben in dem Tempo, das der Text braucht, man versteht vieles nicht, erkennt jedoch die Rhythmik, die Dynamik und die Poesie der Sprache – das wäre ohne die Anwesenheit des Dichters nicht möglich gewesen, der anschließend mit lässigem Charme und brennender Geduld wohl einige hundert Bücher signiert.

Der Reader und die Lektürelücken

Eine Bibliothek entsteht

Eine Bibliothek entsteht

Nicht ohne meinen E-Book-Reader betrete ich die S-Bahn oder den Regionalzug, nicht ohne meinen E-Book-Reader bette ich mein Haupt zur Nacht. Ich hätte mir so ein Gerät sicher nicht gekauft, kann aber nicht ausschließen, dass ich öfter damit gerechnet habe, eines geschenkt zu bekommen. Und so ist es geschehen.

Ich setze natürlich weiter auf wirkliche Bücher. Ich denke fast, dass ich jetzt ein schönes Buch mit schwerem weißen Papier und wie es in meiner Hand liegt noch mehr zu schätzen weiß. Aber wir kommen in unserem Leben nicht aus ohne das Neue, auch wenn wir uns noch so unempfindlich geben. Ab und zu belebt das Neue eben doch unser Dasein. Für mich war es echt animierend, wie ich mir in kurzer Zeit für wenig oder auch gar kein Geld eine kleine E-Book-Bibliothek zulegen konnte. Die Klassiker kosten in den alten Übersetzungen so gut wie nichts. Dostojewski, Tolstoi, Stendhal, Balzac, Flaubert. Auf diese Art kann ich einige Lektürelücken schließen. Ich fing an mit einigen Petersburger Erzählungen von Nikolai Gogol, besonders natürlich „Der Mantel”, dieses rührende Stück eines seltsamen, von allen verlachten Mannes. Anschließend Dostojewski „Spieler”. Den habe ich sicher früher mal als Buch gelesen, aber ich fand ihn jetzt als E-Book auffällig modern. Der Roman ist gerade kurz genug, dass Dostojewski keine abendfüllenden weltanschaulichen oder politischen Dialoge einbauen kann, woran ihm offensichtlich sehr lag, aber diesem Buch tut der straffe Handlungsfaden sehr gut.

Dann waren meine größten Lücken, bei den Franzosen nämlich, dran. Ich hatte überhaupt keinen Eindruck von Stendhal, jetzt, nach „Rot und Schwarz” habe ich den. Stendhal hatte das – wenn man so will – Sachbuch „Über die Liebe” geschrieben. Er fühlte sich auf diesem Gebiet als Experte, das merkt man in „Rot und Schwarz” alle naselang. Während er die Handlungselemente bemerkenswert knapp und ohne Fisimatenten niederschreibt, widmet er sich den Liebesbeziehungen zwischen Julien Sorel und Madame de Renal und zwischen Sorel und Mathilde de la Mole in alle Verästelungen und Umschlägen. Die Position des Stärkeren wechselt ständig. Da entsteht eine heftige Dynamik im Roman. Nicht zuletzt stellte ich fest, dass Julien Sorel ein Vorläufer von Patricia Highsmith’ Tom Ripley ist. Er ist genau dieser Typ des eleganten, gutaussehenden, willensstarken Unmenschen, der die Leute auf seine Seite zu ziehen vermag, was auch immer Ehrenrühriges er angestellt haben mag. Er ist der Mann, der der Welt nicht verzeiht, dass er in ärmliche Verhältnisse hineingeboren wurde.

Ja, so sieht’s aus mit meinem E-Book-Reader. Im Moment bin ich bei Nikolai Leskow, den Walter Benjamin für den exemplarischen Erzähler hielt („Immer seltener wird die Begegnung mit Leuten, welche rechtschaffen etwas erzählen können.”). Nicht zu Unrecht natürlich. Was tat Benjamin schon je zu Unrecht.

Stumm und verstört am Rand

Januar 21, 2017 3 Kommentare
Als wär’s ein Stück von ihr – Siri Hustvedt

Als wär’s ein Stück von ihr – Siri Hustvedt

Das neue Jahr ist schon alt. Fast schon zu spät, um noch einen letzten Blick auf den Aufbau-Literaturkalender 2016 zu werfen. Vorne drauf Siri Hustvedt, die blonde Frau Paul Austers, norwegischer Herkunft, ich habe noch immer kein Buch von ihr gelesen, obwohl zwei im Regal stehen, nur ein Interview, in dem sie etwas zu oft zu ihren eigenen Bemerkungen lachte, was mich stutzig machte, ist aber vielleicht auch blöd vom Interviewer, immer zu notieren: … (lacht). Das will ich gar nicht wissen. In der 1. Woche Franz Hessel, der Vater aller deutschen Flaneure, Spazieren in Berlin, Spazieren in Paris, er sieht fast aus wie ein tibetanischer Mönch, kurz geschorene Haare, weiße Kleidung, einen Strohhut auf dem Knie abgelegt. „Langsam durch belebte Straßen gehen, ist ein besonderes Vergnügen.” Im Februar Thomas Bernhard, die Abbildung ein Composing nach einem Foto, das Gesicht des Dichters resoluter als im Realen. Ich las „Wittgensteins Neffe”, und Verheugen fragte mich, wie es mir gefiel. Gut, sagte ich, schön nacherzähltes Leben, aber was ist daran Kunst? Da wurde er fuchsteufelswild, Verheugen. Die großen entrückten Augen Inge Müllers, die den Freitod wählte, Spätfolge vielleicht eines dreitägigen Verschüttetseins nach einem Bombenangriff. Harper Lee auf einem Liegestuhl auf einer Terrasse in Monroeville. Die Zigarette in der Linken, sportlich sieht sie trotzdem aus. Mit dem Welterfolg von „Wer die Nachtigall stört” trat sie in die Literatur ein, und ihr Gesicht scheint zu fragen, warum danach nichts mehr ging. Eine Seltenheit ist ein Bild von Margarete Steffin, eine Geliebte und Mitarbeiterin Brechts, mit dessen Familie sie 1933 emigrierte. Brecht ließ sie mit einer Tuberkuloseerkrankung in Moskau zurück, während er weiterzog nach Amerika. Sie starb 1941. Man möchte es nicht wahrhaben. Das Bild zeigt ein unwiderstehliches Lächeln, die Hände in einer unentschiedenen Bewegung, die kurze karierte Jacke, alles sieht so nach Zukunft aus. Elizabeth von Armin, die Gartenschriftstellerin, gewiss nicht uneitel vor dem Spiegel. Um den Spiegel herum sind Hundebilder platziert, ihr Kleid (oder Morgenrock) ist mit Blumen verziert, mit Männern hatte sie kein Glück. Fritz J. Raddatz in einer der von ihm geliebten hochanimierten Posen, er dachte, sprach, schrieb schneller als alle anderen, hielt sich darauf viel zu Gute und war – sein zweites Tagebuch zeigt es – in seinen letzten Jahren bestürzend desillusioniert. Das Kindergesicht von Marina Zwetajewa unter einer voluminösen Pelzmütze. Das steht ein schöner und schmerzlicher Satz unter dem Bild: „Ihre Liebe zu Frauen und Männern war auch im Verzicht maßlos.” Arthur Rimbaud auf einer Zeichnung von Paul Verlaine, eine Pfeife mit langem Schaft und kleinem Kopf rauchend, noch in der Versonnenheit rebellisch, vor ihm aufgereiht Tassen, Gläser, Flaschen und Buchstabenkolonnen. Am Ende des Jahres dann Robert Walser, der Dichter, den man 1956 tot auf verschneiten Wegen fand in der Nähe der Heilanstalt Herisau, deren Patient er war. Walser war nicht wie Hessel Flaneur, sondern Wanderer oder besser Fußgänger. Einmal war er die Strecke zu einer Lesung um die acht Stunden zu Fuß gegangen. Er kam völlig erschöpft und derangiert am Veranstaltungsort an. Ein anderer musste Walsers Texte lesen. Walser saß stumm und verstört am Rand.

*

Und nun noch was: Am Ende des Jahres 2016 erinnerte man noch einmal an die großen Toten, die im Verlauf des Jahres gestorben waren. Es ist so zufällig wie zwangsläufig, dass der Name Hermann Kant dabei kein einziges Mal erwähnt wurde. Kant war im Juni 90 Jahre alt geworden. Der Aufbau-Verlag richtete in Neustrelitz eine Ehrung für seinen Autor aus. Da kamen viele Leute, die Kant zu danken wussten, auch wenn er oder gerade weil er bekennender Sozialist und Exponent der DDR war. Bald darauf starb Hermann Kant. Unter den Nachrufen konnte man auch diesen von Wolfgang Thierse lesen: „Die gut lesbare ›Aula‹ und der ernsthafte ›Aufenthalt” – das sind wichtige Bücher des Autors Kant, ansonsten viel oberflächliches, eitles und apologisches Geplauder. Der Funktionär Kant bleibt mir in unangenehmster Erinnerung als brutal und verlogen und bis zum Schluss zu wirklich selbstkritischer Einsicht weder fähig noch willens.”

Mir wurde übel. So nennt man das also, wenn jemand bei seiner Haltung bleibt, auch wenn der Wind sich gedreht hat. So hört sich das an, wenn Mittelmaß sich über Größe erhebt. Hermann Kant war sicher auch ein harter Mann. Er war nach der Wende in sich gegangen, ohne Lärm zu machen. Zog sich zurück nach Prälank in Mecklenburg, in einen Bungalow, der im Winter einfach nicht warm zu kriegen war. Er hörte nicht auf zu schreiben. Was auch immer er falsch gemacht haben mag im Leben, durch das niemand kommt ohne Schuld – er hörte nicht auf zu kämpfen. Und das ist Größe. Davon wissen die Thierses dieser Welt nichts.