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Archive for the ‘Heroes of Literature’ Category

Du bist verwirrt

März 13, 2020 2 Kommentare

Titel des Werks (Ausschnitt)

„Zeit der Zauberer”. Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919 – 1929, erschienen bei Klett-Cotta. Wolfram Eilenberger, der frühere Chefredakteur des Philosophie Magazins und Fußballfreund, hat das Werk geschrieben, Martin Heidegger, Ernst Cassirer, Ludwig Wittgenstein und Walter Benjamin bespielen es. Ich hab’s durchgelesen, nachdem ich zwischenzeitlich eine große und eine kleine Pause einlegte, vielleicht, weil es doch zu aussichtslos war, die philosophischen Systeme der Philosophen nachzuvollziehen. (Was sagte Verheugen: Lies nicht weiter Heidegger. Du bist verwirrt. Noch verwirrter als ich.) Aber Eilenberger hat deren Darstellung verknüpft mit den Lebensläufen, um nicht zu sagen: Schicksalen der Protagonisten, was anziehend ist, und er hat einen frischen, schnellen Ton. Cassirer war eigentlich immer respektiert, vielleicht auch darum für die Nachwelt weniger aufregend, ein großer Mann mit einer überragend weißen Haartolle, Benjamin hatte Schwierigkeiten mit seinem Vater, mit den Frauen, mit dem Geld, mit der Disziplin, er hat nie eine besoldete Stelle bekommen, sicher die tragischste Erscheinung dieser vier, Heidegger war ein Familienmensch und Fremdgänger, er liebte das Einfache und machte das Schwierigste daraus. Wittgenstein, das Genie, stammte aus einer Familie von Selbstmördern und war davon überzeugt, dass kein Mensch ihn verstehen könne („Die Welt ist alles, was der Fall ist.”), ausgerechnet er arbeitete zeitweise als Volksschullehrer auf dem Dorfe.

Das Buch erlebte in kurzer Zeit einige Auflagen, es scheint noch etwas übriggeblieben zu sein vom Volk der Dichter und Denker.

„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.” Auch Wittgenstein.

Ungarettis Tag

Februar 10, 2020 2 Kommentare

Mit Ungaretti unterwegs

An einem 10. Februar im Jahr 1888 wurde Giuseppe Ungaretti geboren. Das ist jener Dichter, mit dem Hans Magnus Enzensberger sein Museum der modernen Poesie eröffnete:

Morgen / Ich erleuchte mich / durch Unermessliches

Im Original klingt es noch bündiger: Mattina / M’illumino / d’immenso

Der neurotische Fußabdruck des Vorbesitzers

Dazu passt es, dass ich in letzter Zeit oft mit einem Band der Bibliothek Suhrkamp in den Bahnen unterwegs war. Giuseppe Ungaretti, Gedichte. Übertragung und Nachwort von Ingeborg Bachmann, Frankfurt am Main 1961. Ich hatte das Bändchen ohne Umschlag, irgendwann für drei Mark gekauft, in eine Ecke gelegt wegen der Anstreichungen und Kritzeleien mit Kugelschreiber. Noch verärgerter als ich war der Antiquar, der den anstreichenden Vorbesitzer wütend als „neurrottisch” beschimpfte, weil der ihm die Preise versaut hatte. Der Vorbesitzer hatte sich vorwiegend am Nachwort vergangen und nur an einem einzigen Gedicht, nämlich „Lucca”: „Bei uns zuhaus, in Ägypten, nach dem Nachtmahl … sprach uns meine Mutter von diesen Orten.”

Ungaretti ist in Alexandria geboren. Sein Vater starb früh. Er ging 1906 nach Paris, später nach Rom, verkehrte als Dichter in Dichterkreisen, erlebte den ersten Weltkrieg als Soldat im 19. italienischen Infanterieregiment. An der Universität von Sao Paulo unterrichtete er italienische Literatur, später ging er wieder nach Rom. Wir kennen Atersbilder von ihm. Weiße Haare, weißer Bart, Baskenmütze, das linke Auge leicht zugekniffen, das Gesicht heiter bis grimmig.

Es war schön, mit Ungaretti S-Bahn zu fahren. Ich lernte mit der zweisprachigen Ausgabe ein bisschen Italienisch zu artikulieren, fremde Wörter zu erkennen, die Kniffe der Nachdichtung zu erspüren und den dunklen Bildern nachzusinnen. An den Moment denke ich, da mich das Gedicht „In Memoriam” ergriff. Ein Gedenktext für Ungarettis Freund Mohammed Sheab, der Frankreich liebte und kein Franzose werden konnte, aber auch nicht anzustimmen wusste „den Gesang seiner Verlassenheit”

Die letzte Strophe: „Und ich allein / weiß vielleicht noch / dass er lebte”

Da war es, das Schicksal der Heimatlosen und die Trauer, die sie zurücklassen.

Dichter, Blicke

Aufbau-Literatur-Kalender, der neue neben dem alten

Jerome D. Salinger mit 53 Jahren – das war die erste Woche im Aufbau-Literaturkalender 2019, den ich noch mal durchblättere, wie ich das jedes Jahr tue. Ein Mann, frisch vom Friseur, im weißen Hemd, mit stark behaarten Unterarmen. Er sieht so skeptisch wie zuversichtlich um die Ecke. Keine Spur davon, dass dieser hocherfolgreiche Autor sich völlig zurückziehen wird und nach 1965 nichts mehr veröffentlicht. Ein Kultbuch wie „Der Fänger im Roggen” geschrieben zu haben, kann ein Fluch sein. Der Blick von Else Lasker-Schüler ist schon ein Blick in kommende Verhängnisse. 1932. Ein Jahr vor ihrem Exil. Ein weißer Kragen, eine samtene Bluse, eine dünne Goldkette zwischen Knopfleiste und Blusentasche. Die Boheme konnte sehr ernst sein. Claudio Magris. Auf einer Treppenstufe sitzend, ein Heft in der Linken, Brille und Stift in der Rechten. Ein Mann, der unverklärt die Welt anschaut, seine Heimatstadt Triest, die verschlungene Donau. Ich weiß nicht, es ist ein Kalenderjahr der Blicke. Eine Woche nach Magris Lucia Berlin mit einem romantischen Blick nach oben. Ich habe ein paar Geschichten von ihr gelesen und war mir nicht so sicher, wie ich die finden sollte. Jetzt weiß ich, dass sie überall war, von Montana über Mexiko bis Colorado, und alles machte, um über die Runden zu kommen, von der Putzfrau bis zur Aushilfslehrerin, Alkoholentzüge und Scheidungen obendrein, berühmt wurde sie erst nach ihrem Tod. Amos Oz. Schon wieder so ein Blick. Fordernd und kampfeslustig. Der Mann, der für seine Sache streitet. Die Brille hängt an einer Schnur auf der Brust. Als er wusste, dass er nicht mehr lange zu leben hat, wusste er auch, dass er sich nicht beklagen konnte. „Das Leben hat mir viel mehr gegeben, als zu erbitten möglich ist.” Louis-Ferdinand Céline sitzt mit drei großen schwarzen Hunden hinter seinem Haus, das auch eine Dorfkneipe sein könnte. Schaut in die Landschaft oder ins Nichts. Eine Jacke aus Filz, ein verknotetes Tuch, alte Hose und Schuhe, so lebt der Antisemit auf dem Lande, von der Gesellschaft verabscheut. Walt Whitman, der Dichter der Grashalme, sieht aus wie ein Bruder von Karl Marx und Iwan Turgenjew und ist ja auch nur ein Jahr nach den beiden geboren. Anscheinend sahen die Männer dieser Generation zu 50 Prozent wohl alle so aus. Der Bart verbarg das Individuum. Und schon sind wir bei Gottfried Keller, wie Whitman 1819 geboren, mit derselben Art Vollbart, auf der berühmten Radierung von Karl Stauffer-Bern: breitbeinig auf einem Stuhl sitzend, kaum größer als ein Zwerg, ein großer Realist und Humorist. Joseph Roth, der trübe Blick aus einem beklagenswerten Trinkergesicht. „Ich kann nur schnell und gut schreiben”, sagte er. Er konnte aufhören zu essen, aber nicht aufhören zu trinken in seinem Exil in einem Pariser Hotel. Vor einem barocken Spiegel André Gide, wie er sich die Krawatte bindet, die Zigarette unangezündet im Mund, ein müder Blick durch eine randlose Brille. Tom Waits mit Hut. Ein unausdeutbarer Blick unter einer zerfurchten Stirn. Die zwei Ringe an der rechten Hand würde man bei einem Mann wie ihm eher nicht vermuten. „You are innocent, whne you dream”, und dann dieser klirrende Klavierakkord. Das Jahr endet dann mit Theodor Fontane, es war ja auch sein Jahr, zweihundertster Geburtstag. Da kann man schön an die Schulzeit zurückdenken. Wir lernten: „John Maynard. Wer war John Maynard? John Maynard war unser Steuermann. Aushielt er, bis er das Ufer gewann.” Eines der spannendsten Gedichte, die je geschrieben wurden. Spannend muss ein Gedicht allerdings nicht sein, eine Ballade schon. Und darum handelt es sich ja.

Literarischer Zugang

Man kann sich auch verstecken, wenn man sich gar nicht verstecken muss
© Fritz-Jochen Kopka

Die Suhrkamp-Literatur war noch nie leicht zugänglich, aber jetzt im neuen Haus, zwischen Tor-, Rosa-Luxemburg-, Linien- und Zola-Straße, ist der Zugang noch schwerer, unwegsamer, aber auch berlinischer geworden. Die Situation mag eine vorübergehende sein (aber was ist in Berlin und in Deutschland überhaupt schon wirklich vorübergehend), der Verlag als Unternehmen von Weltrang bekennt sich zu diesem Zustand und macht uns nichts vor: „Suhrkamp Eingang hier” mit Pfeil, man würde das nicht vermuten, hinter diesem schrägen Kiesweg. Ein Bauwerk ist wie ein Buch; für beides müssen wir Wege finden, die in sie hineinführen, der Bau wird erst komplett durch seine Nutzer und Besucher wie das Buch durch seine Leser und Kritiker. Mit dem neuen, dem endlich eigenen Haus ist Suhrkamp in Berlin heimisch geworden und wird sich wohl offen zeigen für die Berliner Gesellschaft.

Es ist wieder da, das Räuberrad

Ein paar Schritte weiter, vor der Volksbühne, stellen wir fest, dass das Räuberrad zurück ist. Das war einst vom Bühnenbildner Bert Neumann für Castorfs Räuber-Inszenierung entworfen und vom Schweizer Bildhauer Rainer Haußmann gebaut worden. Nach Castorfs Vertreibung gab es Streit, das Rad wurde erst mal entfernt, in Avignon gezeigt und später in Berlin eingelagert, schließlich für 25 000 € saniert (das Rad selber hatte 22 000 € gekostet), die Hundepisse hatte den Füßen der Skulptur übel zugesetzt, und nun steht sie schon seit September 2018 wieder da, wo sie hingehört. Haben wir gar nicht mitbekommen, man kann nicht überall gleichzeitig sein in Berlin. Und das ist auch gut so.

Hiobs Tochter

November 11, 2019 4 Kommentare

Im Nordosten Amerikas. Der Clown fällt nicht weiter auf.
© Fritz-Jochen Kopka

1995, 1996, als er vermutlich „Amerikanisches Idyll” schrieb, hatte Philip Roth wenig Sinn für Proportionen und Stringenz. In so einem Alter gilt erst recht, dass man schreiben sollte, wie es einem behagt, in so einem Alter weiß man auch im Un- oder Unterbewussten, dass Lehrergestalten, die unter den Text „Thema verfehlt” schreiben, ohne Bedeutung sind. Worauf wollte Roth hinaus? Interessiert mich das überhaupt, was er schreibt, oder lese ich es nur, weil es eben von Philip Roth, einem meiner Heros, ist? Tatsächlich war es so, dass ich eine längere Pause einlegte, in der ich andere Texte las, die mich auch nicht fesselten, bis ich zu „Amerikanisches Idyll” zurückkehrte, zum Glück, denn dann packte mich das Buch, als ich nämlich spürte, worum es Roth eigentlich ging: Nicht in erster Linie um das Idol Seymour Irving Levov, den grandiosen Sportler, patriotischen Amerikaner und vorbildlichen Sohn. Es geht um die Beziehung dieses so braven wie begnadeten Mannes zu seiner Tochter, Meredith, Merry, einem wahrhaft schrecklichen Kind, das vom rechten Weg abweicht und das er nicht retten kann, was ihn zu einer Hiob-Gestalt macht. Am Ende sind alle ratlos, Levov, der wegen seines Äußeren („die steinerne Wikingermaske dieses blauäugigen Blonden”) der Schwede genannt wird, Merry, der Leser und natürlich auch Philip Roth, der vielleicht auch deshalb nie einen Nobelpreis bekam, weil er eingestand, keine Rezepte gegen die sich ausbreitende Ratlosigkeit zu haben. Die Erzählperspektive wechselt, es beginnt Nathan Zuckerman, gleichsam der zweite Philip Roth, der jemanden kennt, der den göttlichen Schweden kennt, nämlich den Bruder… „Der jüngere Bruder des Schweden, Jerry Levov, war bei mir in der Klasse, ein dünner, ungemein gelenkiger Bursche, mit kleinem Kopf und der Figur einer Lakritzstange, dazu ein wahrer Hexenmeister in Mathe … ” Im Keller der Levovs spielen Jerry und Nathan Tischtennis. „Jerrys Aggressivität beim Tischtennis übertraf die seines sportlichen Bruders bei weitem … Nichts, das so wenig wiegt wie ein Tischtennisball, kann tödlich sein, doch wenn Jerry nach dem Ding ausholte, konnten Mordgedanken ihm nicht sehr fern liegen.” Das ist eine Passage, die mir besonders gefällt, denn ich kenne auch solche Sportfreunde, und gut, wenn sie diese Aggressivität am Tisch ausleben. Des Schweden Tochter kann das leider nicht. Sie ist hochbegabt und gezwungen, ein Stotter-Tagebuch zu führen. Ist es das Stottern oder ist es die göttliche Versuchung des frommen Menschen? Merry nimmt Amerikas Machtpolitik, Lyndon B. Johnson, den Vietnam-Krieg zum Anlass, alternativ, rebellisch zu werden und unterzutauchen. Die bürgerlichen Regeln gelten nicht für sie. Eine Brandstiftung und einen Bombenanschlag, vier Tote hat sie auf dem Gewissen, und der Schwede, eigentlich mit allen Faktoren des Glücks gesegnet, kann nicht begreifen, was ihm da geschieht, kämpft, um seine Tochter zu retten und hat keine Chance. Als Seymour Levov seine Merry endlich aufspürt, ist er kaum in der Lage und willens, sie wiederzukennen: ein spindeldürres Lumpenbündel, immer auf der Flucht vor dem FBI. Merry ist eine Jaina geworden, Anhängerin einer kleinen indischen Sekte, deren Angehörige sich nicht waschen, um dem Wasser nicht zu schaden. Sie bleibt in ihrem grenzenlosen Elend, verweigert, sich helfen zu lassen.Wie kann das nur geschehen? Wie kann nur das Unheil so hereinbrechen über eine Familie. Was ist falsch gelaufen.
Trotz allem, der Leser empfindet – , nein, nicht Sympathie, nicht Verständnis, aber doch Nähe angesichts der stotternden Ohnmacht, der brennenden Wut, der schicksalhaften Unabwendbarkeit: auch Merry ist eine, der auf Erden nicht zu helfen ist. Eine, die nicht nur sich, sondern auch ihre Familie und weitere Menschenleben zerstört. Und die Roth’s Roman Brisanz und Verzweiflung gibt. Da zählt es nicht mehr, dass der Autor sich an Nebenschauplätzen aufreibt, Figuren viel Aufmerksamkeit zuwendet, die nichts zur Handlung beitragen. Er schrieb, wie es ihm gefiel. Einem unbedeutenden Autor hätte der Lektor gesagt, nimm das weg, nimm jenes weg, zweihundert Seiten weniger und das Buch gewinnt ungemein. Aber 1997 sagte man das einem Philip Roth nicht mehr. Warum auch. Stringenz wird manchmal überschätzt.

Philip Roth, Amerikanisches Idyll, Carl Hanser Verlag München Wien 1998

Mit der Faust

Irgendwo im Osten

Land unter oder irgendwo im Osten
© FJK

Vor einem Jahr erregte das erste Buch eines jungen Sachsen Aufsehen im Literaturbetrieb: „Mit der Faust in die Welt schlagen” von Lukas Rietzschel. Wenn ich den Text jetzt so lese, ist eben das schwer nachzuvollziehen. Die Power des Titels setzt sich im Werk nicht fort. „Da waren eine Grube und ein Schuttberg daneben.” So fängt das an. Vater, Mutter und zwei Söhne erfüllen sich den Traum vom Eigenheim. Die Jungs heißen Philipp und Tobias (Tobi), die Eltern kommen als Herr und Frau Zschornack vor, als Elektriker und Krankenschwester. Der Vater entschwindet irgendwann mit der Nachbarin und das Wort Traum ist fehl am Ort, die Figuren Rietschels träumen nicht, sie arbeiten, gehen zur Schule, besuchen die Verwandtschaft, zünden Silvesterraketen und hauen eben mit der Nachbarin ab. „Mutter sagte den ganzen Abend nichts.” Die interessanteste Gestalt ist wohl  Uwe, der dem Vater der Jungs beim Hausbau hilft, Uwes Frau ist zu einem besseren Leben im Westen geflohen und hat Uwe auch noch angezeigt (häusliche Gewalt), Uwe trinkt und steht unter Stasiverdacht, ist so isoliert und heruntergekommen, dass er sich mit seinem PKW ins Wasser fährt. 

Rietschels Ambition ist die Einfachheit, keine Reflexion, keine Grübelei, klare, oft elliptische Sätze. Was hat nun dem Roman sein Renommee eingebracht? Da habe ich einige Zeit gebraucht, um dahinter zu kommen, aber es ist wohl so: In diesem Buch findet sich genau jene Trost- und Ereignislosigkeit, die sich der Westler vom Osten wünscht und die ihm hier von einem, der es wissen muss, frei Haus serviert wird. Es erscheint keine Figur, die in der Lage wäre, über den Tellerrand hinauszuschauen oder dieses auch nur wollte. Geistig-kulturelle Ödnis und Übergewicht. Wie die Eltern so die Söhne. Philipp ohne Antrieb, ohne Plan, bestenfalls Mitläufer. In Tobi findet sich die Fremdenfeindlichkeit des Ostens. Er schließt sich einer Gruppe an, die ab und zu Anschläge auf Flüchtlinge begeht. Im Kopf dieser jungen Männer spielt sich etwas Eigenartiges ab: Die Abgehängten sehen sich als eine Elite, die die Zeichen der Zeit begreift. Die Ausländer nehmen uns unser Land weg. Wir sind die Einzigen, die das verstehen, die Einzigen, die handeln, die dumpfe Masse schläft und wenn sie aufwacht, ist es zu spät. Daher speist sich wohl unter anderem das Selbstbewusstsein der Wahlgewinner im Osten, auch wenn sie es noch nicht auf den ersten Platz schaffen. 

Wie ich mich an ihn erinnere

Kunert bei Aufbau – so sah das aus

Auch wenn man nicht für Günter Kunert schwärmte, kaufte man seine Bücher in den Zeiten der Stagnation. In meinen Regalen sind mindestens sechzehn, meistens schmale Bände, vor allem Gedichte, ferner Geschichten, Reisebücher, Essays, Skizzen, Feuilletons, Erinnerungen, Hörspiele. Der erste Band, auch Gedichte, war „Der ungebetene Gast”, 1965. Ich war 21 und ambitioniert genug, ihn zu kaufen.

Kunert war immer in der Gegenspur, auf Seitenstraßen. Er attackierte Goethe und pries Kleist. Das gefiel den Kulturfunktionären nicht. Wer Goethe kritisiert, wird auch vor der Staatsführung nicht haltmachen. „Nur Goethe ist zu beneiden: nicht um/die Unsterblichkeit seiner Potenz/sondern wegen der kristallinen Substanz/seiner Seele: sie zerlegt/alles Erfahrene in ein harmonisches Spektrum/und filtert gewisse Farben heraus:/ die gebrochenen.” Das ist aus dem Gedicht „Beichte” des Bandes „Das kleine Aber” von 1975.

Kunert erlebte man auf Versammlungen im Schriftstellerverband oder bei Zusammenkünften des Aufbau-Verlags. Er vermochte die Situation mit leise gesprochenen, spöttischen Bemerkungen auszuhebeln. Danach wusste man nicht mehr so richtig wie weiter.

1996 rief ich ihn an in Kaisborstel. Zwanzig Jahre waren vergangen nach der Biermann-Ausweisung und der Petition namhafter Schriftsteller gegen den Beschluss der Partei. Ob er bereit wäre, über die Situation damals und die Folgen zu sprechen. Kunert zeigte sich verwundert. Warum habe ihn denn die Wochenpost vergessen und all die Jahre ignoriert. Ich konnte auf ein doppelseitiges Interview mit ihm verweisen und auf einen Glückwunsch zu seinem fünfundsechzigsten Geburtstag. Das war wohl wahr, und trotzdem hatte Kunert nicht zu Unrecht den Eindruck, das man ihn vergessen wollte. Ich fuhr also nach Kaisborstel, das letzte Stück Weges mit dem Taxi. Kunert wohnte mit Frau Marianne in der ehemaligen Dorfschule. Der Raum, in dem wir saßen, war irgendwie zu groß, das Licht zu dunkel, die Bilder an den Wänden (von Kunert) zu bunt. Kaisborstel, dachte ich, ist für den Berliner Günter Kunert auch nicht die Lösung und fragte ihn, warum er nicht nach Westberlin gegangen sei, als er die DDR verließ. „Ich hätte mich nicht so abnabeln können. In Westberlin hätte man doch jeden Abend die Aktuelle Kamera gesehen, jeden Tag über die DDR-Verhältnisse und sonstwas gesprochen, ich wäre in diesem Westberlin praktisch noch mit einem Bein in der DDR gewesen. Grauenvolle Vorstellung. Durch die Distanz habe ich Abstand von der DDR und allem, was sie bedeutete, gewinnen können und einen neuen literarischen Ansatz gefunden.”

Am Rande erwähnte er, dass er vermutlich der letzte DDR-Bürger sei. Er habe noch den Personalausweis und sei nie aus der Staatsbürgerschaft der DDR entlassen worden, eben, weil man ihn vergessen habe.

Ich habe das Interview von 1996 zum Glück gerade wiedergefunden. Nach der Autorkorrektur fehlte die Passage mit dem letzten DDR-Bürger. Ich nehme an, dass Marianne, seine Frau, sie gestrichen hatte. Was Kunert witzig fand, darüber konnte sie nicht immer lachen.

Ich sehe Kunert wieder in dieser ausgedienten Dorfschule, wenn ich das Interview lese. Er war weit hinter den Illusionen, aber auch weit hinter Hass und Häme. Ich empfinde den Ton, den er anschlug, geradezu als kostbar und so bleibt er mir in Erinnerung.