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Archive for the ‘Heroes of Literature’ Category

Der Weihnachtsgeschichtenerzähler liest

Ziemlich gruftig, das Ambiente, das Mikro ist zu erkennen, die Leselampe, zwei Flaschen Wasser und die Silhouette des Weihnachtsgeschichtenerzählers. Und seine Lesebrille

Sonntagabend 18 Uhr liest Alexander Osang im Kino Union in Friedrichshagen (das sogenannte Lippi-Kino) Weihnachtsgeschichten. Wird ja auch höchste Zeit. Alle sind schon da und sichern sich gute Plätze. Osang noch nicht. Er kommt zehn vor sechs. Seine innere Uhr sagt ihm, dass er jetzt noch nicht reingehen sollte in den Saal. Ist ein Moderator da? Sagt mich jemand an? Nee. Ist Osang recht. Macht er selbst. Der Haustechniker informiert, dass alles aufgebaut ist. Zwei Flaschen Wasser stehen auf dem Pult. Am Mikrofon ist ein kleiner Schalter. Es ist jetzt abgeschaltet. Osang soll dann den Schalter anknipsen.

Osang betritt den Saal, ein schlanker Mann, dem man ansieht, dass er einen schönen, zwiespältigen, anstrengenden Beruf hat. Beifall kommt auf. Osang geht ans schwarzverkleidete Podest, das recht vergruftet aussieht. Er sagt mit heller Stimme Hallo und tastet das Mikrofon ab. Den Schalter findet er nicht. Der Haustechniker kommt ihm zur Hilfe, das wird Teil der spontanen Inszenierung. Osang weiß, dass die Friedrichshagener nicht gern das Haus verlassen und schätzt sich umso glücklicher, dass sie so zahlreich erschienen sind. Und nachdem ich Sie gleich mal beleidigt habe, können wir ja anfangen.

Osang ist nicht nur Reporter und Romanschreiber, sondern auch Erzähler von Oster- und Weihnachtsgeschichten. Die stehen zu gegebener Zeit in der Berliner Zeitung. Die Weihnachtsgeschichten sind jetzt als Buch erschienen. Es heißt „Winterschwimmer”. An diesem Friedrichshagener Abend gibt es drei Geschichten. Die Helden heißen Anka Bendig, Markus Buch und Lars Petzold. Man kann es nicht beweisen, aber es sind irgendwie prekäre Namen. Die Leute, die diese prekären Namen tragen, haben, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheinen mag, prekäre Berufe, sie führen prekäre Ehen oder Einzelexistenzen und sie geraten in prekäre Situationen. Alle stecken sie im Journalismus oder in der Öffentlichkeitsarbeit. Ohne es zu wissen, leiten sie daraus den Anspruch ab, den Leuten da draußen erklären zu können, was sie von der Politik zu halten haben und wie sie ihr Leben gestalten sollen. Aus diesem fatalen Anspruch ergibt sich, was alles so falsch läuft im Land. Am Heiligabend etwa unternimmt es der Radiosprecher Buch, die einsamen Herzen der Zielgruppe 50 plus zu trösten. Das heulende Elend verkauft sich besser als die familiäre Harmonie. Das steckt dahinter. Quote machen oder untergehen. In Marzahn wollen die RBB-Reporter Leuten auf den Zahn fühlen, die nicht neben Flüchtlingen wohnen wollen, haben aber keinen blassen Schimmer, was los ist vor Ort. Nur dass sie auf der richtigen Seite stehen, immer, das wissen sie. Nach ein paar Minuten haben wir uns mit diesen merkwürdigen Helden verbunden. Die Geschichten enden nicht mit dem denkbar schlechtesten Ende, sondern mit dem Verlust der Illusionen und Missverständnisse. Selbsterkenntnis. „Es tat gut, endlich zu sagen, was er dachte.” Das ist doch schon viel. Wir fangen noch mal an, wir geben nicht auf. Das ist allerdings eine Replik von Lars Gustafsson. Osangs Südschweden würden diese Sätze nicht sagen, aber wir können uns vorstellen, dass sie sie denken.

Ein Vorzug der Texte ist die Wiedererkennbarkeit. Marzahn ist erkennbar als Marzahn, Pankow als Pankow, Wilmersdorf als Wilmersdorf und die Wilhelminenhofstraße in Schöneweide soll nicht mehr ganz trostlos sein wie früher. Mit ihrem schlechten Ruf verliert sie aber auch einen Ruf komplett.

Osang kriegt seine Leute (jedenfalls mich), indem er die verborgenen Ressentiments unserer Community entdeckt. Ressentiments, die uns nicht bewusst waren, aber wir fühlen uns entlastet, wenn jemand sie ausspricht. Wir sind also als Berliner nicht verpflichtet, Hertha BSC zu lieben, wir können sogar Union Berlin und seiner Weihnachtssingerei gleichgültig gegenüberstehen. Es ist auch übertrieben, wenn man die Raucher behandelt wie Aussätzige. Man ist als Ostler nicht verpflichtet, jeden Ost-Star zu schätzen.

Dann ist Schluss. Es ist viel gelacht worden, aber nicht so exzessiv. Ich signiere Ihnen dann noch das Buch, sagt Osang, ich signiere Ihnen alles, was Sie wollen. Der Autor und seine Leser. Das wird noch mal eine richtig familiäre Aktion.

Eine Osang-Geschichte aus dem wahren Leben fällt mir noch ein. Unser Chefredakteur hatte die fixe Idee, dass er die defizitäre Wochenpost retten könne, wenn es ihm nur gelänge, Osang von der Berliner Zeitung abzuwerben. Er traf sich ständig mit Osang, lud ihn zu allen möglichen Gelegenheiten ein, zum Beispiel zum Spargelessen. Mittlerweile fragt er mich schon gar nicht mehr, ob ich zur Wochenpost komme, sagte Osang. Höchstens mit den Augen. Aber er lädt mich immer noch ein.

Eine Weihnachtsgeschichte wäre, dass Osang den fragenden Augen endlich ein Ja zur Antwort gibt und dass die Wochenpost trotzdem eingeht. Und dass das auch nicht so schlimm ist wie vermutet. Wir fangen noch mal an. Wir geben nicht auf.

Alexander Osang,Winterschwimmer, Aufbau Verlag, 20 €

Irmgard Keun, eine von uns

Sieht uns an.
Schuber der Ausgabe, Ausschnitt

Bei Wallstein in Göttingen haben Heinrich Detering und Beate Kennedy eine Irmgard-Keun-Ausgabe herausgegeben*: Irmgard Keun: Das Werk. Drei Bände im Schuber. Band 1: Weimarer Republik. Band 2: NS-Deutschland und Exil. Band 3: Nachkriegszeit und Bundesrepublik. Eine großartige Sache (auch wenn die Ausgabe mir zunächst eine wenig kompakt erschien für Irmgard Keun und ihre leichthändigen Romane). Ich hatte keine Ahnung, dass Keun nach dem Krieg noch so viel geschrieben hat.

Irmgard Keun, das ist: „Gilgi, eine von”. „Das kunstseidene Mädchen”. „Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften”. „Kind aller Länder”. „Ferdinand, der Mann mit dem freundlichen Herzen”. Und viel, viel mehr, wovon wir nichts wussten. Das können wir jetzt lesen.

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung hat die Ausgabe mit in ihr Geschenke-Extra zu Weihnachten aufgenommen. Eine von 32 Empfehlungen. Das ist gut und liegt auf der Hand. Aber dann kommt der Unmut. Er beginnt mit so einem Satz: „… während man es liest, ist man beleidigt von der deutschen Literatur, da es keinen Sinn macht, dass Irmgard Keun noch immer von Männernamen verdeckt wird.” Da quietscht nun auch hier das Me Too zwischen den Zeilen. Ist denn, weil es jetzt gerade so passt, auch die deutsche Literatur ein einziger Geschlechterkampf? Für mich war Irmgard Keun nicht von Männernamen verdeckt, warum auch, ich kenne keinen, für den das so gewesen wäre. Aber weiter geht’s: „Denn sie schrieb schneller, klarer, in einer Sprache, die selbst im Jetzt ganz neu klingt. Keine gedunsenen und vollgestellten Sätze wie die von Joseph Roth, kein neureicher sprachlicher Exhibitionismus wie der von Thomas Mann, keine Posen des Pseudoproletarischen, wie die von Bertolt Brecht.”

Okay. Wenn ich eine Irmgard Keun nur loben kann, indem ich Joseph Roth, Thomas Mann und Bertolt Brecht zur Sau mache, dann bin ich wirklich arm dran. Das ist einfallslos, dümmlich, ein schwerer Charakterfehler und ganz mieser Stil. Alles, was ich zum Lob Irmgard Keuns sagen kann, kann ich aus ihr selbst holen, aus ihrem Werk. Leider hat die Empfehlung in der FAS eine Frau, Anna Prizkau, geschrieben.

War das jetzt schon wieder sexistisch?

* Zusammen mit der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Wüstenrot Stiftung

 

 

 

Letzte Woche: Horst Hussel

Mitunter war viel los auf Hussels Bildern
Aus: Ein Album für Gerhard Lampersberg. Haus am Lützowplatz Berlin 1993

Letzte Woche ist Horst Hussel gestorben, weitgehend unbemerkt, wie das normal ist in einer westlich geprägten Medienlandschaft; es ist ihm kaum etwas nachgerufen worden. Hussel, der Vorpommer, 1934 in Greifwald geboren, hätte daraus wahrscheinlich eine Anekdote gemacht. Die Zeitung weiß, dass ich nur im fernen Sibirien bekannt bin.

In dem Lehrlingswohnheim, in dem ich Anfang der sechziger Jahre steckte, Schwerin, Steinstraße 23, wurde die Erzieherin Hussel nicht müde, von ihrem berühmten Neffen zu erzählen, dem Maler Horst Hussel, den natürlich keiner von uns kannte. Auch Frau Hussel war künstlerisch angehaucht; sie batikte aus Leidenschaft und versuchte, die Lehrlinge für diese Textiltechnik zu gewinnen. Als ich Horst Hussel ein halbes Menschenleben später auf diese batikende Tante ansprach, sagte er: Kenne ich nicht. Was sein kann, aber auch nicht sein kann, denn Hussel sagte oft Sachen, für die Wahrheit kein Kriterium war. Übrigens hatte Batik, damals in der DDR, einen ganz speziellen Ruf: Wer batikt, plant nicht die Konterrevolution, sagten die originelleren unter den Funktionären.

Hussel war Zeichner, Grafiker, Buchgestalter und Autor. Er hatte an mehreren Kunsthochschulen studiert, war aber nie weit gekommen. Auf seine stoische Weise fügte er sich nirgendwo ein.

Der nächste, der von Hussel erzählte, war mein Freund Eckart Krumbholz, der selber wunderlich genug war, dass Hussel Lust hatte, seine Bücher zu gestalten. Zeichnungen, Vignetten, allerliebste Vorsatzpapiere. Krumbholz war auch der Mensch, der am meisten über Hussel wusste und das, was Hussel preisgab, deuten konnte. Er berichtete von einer Freundin Hussels, der nach gemeinsamen Jahren irgendwann der Kragen platzte: „Das stimmt doch nicht, was du dauernd erzählst.”

Hussel schwieg. Es war verwunderlich, dass der Frau das jetzt erst auffiel. Dass seine Erzählungen stimmen sollten, war das letzte, woran ihm etwas lang. Dabei war er kein Lügner, sondern ein Erfinder. Seine Bilder sind voller seltsamer Formen und Gestalten. Und seine Gestalten wirkten wie Zwischenwesen aus Mensch, Pflanze und Tier.

Aus: Hageböck. Friedenauer Presse 1992

Es muss wohl über zehn Jahre her sein, dass Hussel im Domizil im Berliner Dom aus seinen Werken las. Er sah gut aus. Schlanker geworden, das Haar weißer und spärlicher, die ruhige Gewissheit ging von ihm aus, er habe etwas besiegt, Schwermut, Alter, Einsamkeit, Angst, was und für wie lange auch immer. Er las zwei Fritz-Geschichten aus einem Buch, das eher ein Heft war, auf dem in Sütterlin-Schrift eben Fritz stand, das sind zwei Geschichten, die nicht gut ausgehen, meinte Hussel, Fritz, der, wo er geht und steht, Aquarelle malt, und Fritz, der heiraten zu müssen meint und eine Frau auf dem Bahnhof und in der Oper sucht. Er ist ein Querkopf, der sich einerseits pedantisch an bestimmte Regeln hält und dabei alle anderen Regeln verletzt. Zum Höhepunkt las Hussel aus einem großen, schönen, selbstgemachten Buch, den Tagebuchblättern Albrecht Kasimir Bölckows, dieser erfundenen Komponisten-Gestalt, die er immer wieder mit authentischen Figuren verschränkt, wobei die selbstverständlichsten Unwahrscheinlichkeiten entstehen, ja, Sie lachen, sagte er den Zuhörern, aber Sie können das alles hier um die Ecke bei Dussmann kaufen. Kaum konnte er seine Freude darüber verbergen, dass es ihm gelungen war, eine CD herzustellen mit Bölckow-Werken, Chor und Sensen, menschliche Stimmen und landwirtschaftliche Arbeitsgeräte. Ein weiterer Beweis, dass es Bölkow wirklich gab, jedenfalls in Hussels Kosmos.

Als wir ihn in seinem Atelier in Pankow besuchten, hatte er gerade Vergnügen daran, einen Mann zu spielen, der ewig in Dilemmata steckt. Der Arzt hat mir nämlich verboten, Alkohol zu trinken, sagte er, und der Sekt floss in Strömen. Wir kauften einige Blätter, was ihn ebenfalls zum Klagen veranlasste. Das geht alles nicht über die Bücher. Mein Galerist macht mich fertig. Ich darf ja nichts rausgeben.

Damals war er mit einer Freundin zusammen, die der Meinung war, mit ihm sei nichts los. Können Sie mir nicht zwei Karten für die Silvester-Messe in der Marienkirche besorgen?, fragte er.

Konnten wir nicht. Und das war ihm wohl ganz recht. Für Frauen war es besonders schwer, Hussel einzuschätzen. Für die eine war er ein Spinner, für die andere eine trübe Tasse. Hussel war fest davon überzeugt, dass sie es eigentlich besser wissen müssten.

Doktor Faustus lesen

Gibt schon ausgefallene Namen im Telefonbuch, aber keinen Schildknapp und schon gar keinen Schlaginhaufen

Über die Namensfindung bei Thomas Mann ist noch zu reden. Adrian Leverkühn und Serenus Zeitblom habe ich schon erwähnt, die Protagonisten des „Doktor Faustus”. Sprechende Namen, man vernimmt das Knirschen der Konstruktion. Aber das reichte noch lange nicht. Der Dichter gab keine Ruhe.

Auf dem Hof Buchel der Leverkühns unweit von Kaisersaschern ist die Verwalterin des Molkereiwesens eine Frau Luder, eine haubentragende Witwe, „deren ungewöhnlich würdevoller Gesichtsausdruck zu einem Teil wohl der Verwahrung gegen ihren Namen galt”. Leverkühns Kommilitonen während seines Theologiestudiums in Halle/Saale heißen etwa Deutschlin, Baworinski, Dungersheim, Carl von Teutleben, Hubmeyer, Matthäus Arzt und Schappeler.

Die Dozenten: Eberhard Schleppfuß (Privatdozent), eine „leibarme Erscheinung”, Professor Ehrenfried Kumpf, der „saftigeste Sprecher an der ganzen Hochschule”, Kolonat Nonnemacher, der Philosophie las.

In erwähnten Sagen und anderen Überlieferungen kommt ein Heinz Klöpfgeißel, ein Fassbinder, vor.

Leverkühns Ärzte in Leipzig, seinem zweiten Sudienort: Dr. Erasmi und Dr. Zimbalist. Der eine stirbt, der andere wird in Handschellen abgeführt. Leverkühns Behandlung (Syphilis) kann nicht fortgeführt werden. Schicksal sowas.

Leverkühns neben Zeitblom wichtigster Freund, der Anglist Rüdiger Schildknapp, die vielleicht schönste Nebenfigur des Romans, bleibt lebenslang in Leverkühns Nähe.

In München, der nächsten Lebensstation, verkehren die Freunde im Salon der ursprünglich Bremischen Senatorswitwe Rodde und ihrer Töchter Ines und Clarissa. Dort treffen wir das Ehepaar Knöterich, den Gelehrten Dr. Kranich, die Maler Leo Zink und Baptist Spengler, den Geiger Rudolf Schwerdtfeger, den Papierfabrikanten Bullinger, die Wagner-Heroine Tanja Orlanda, den Heldentenor Harald Kjoejelund, „ein schon dicker Mann mit Zwicker und erzener Stimme”, Jeanette Scheurl, die Deutsch-Französin, den Verleger Radbruch, den Generalintendanten Exzellenz von Riedesel, „ehemaliger Reiteroberst”, den Privatgelehrten Dr. Chaim Breisacher, den Glattmaler Nottebohm.

Konkurrierende Salons finden in den Häusern Schlaginhaufen, Langewiesche und Rollwagen statt. Der Fagottbläser Griepenkerl leistet Leverkühn unschätzbare Dienste beim Kopieren seiner Werke. Ein längst verstorbener Musikprofessor Jimmerthal wird am Rande erwähnt.

Leverkühns Schwester Ursula heiratet den Optiker Johannes Schneidewein von Langensalza, einen „vortrefflichen Mann”. Ines Rodde ehelicht den Ästhetiker und Kunsthistoriker Dr. Helmut Institoris

In Pfeiffering, unweit von München, findet Leverkühn endlich sein ultimatives Domizil auf dem Gehöft der Schweigestills, ländlicher Menschen, die nur das Nötige reden. Dort wird von einer Baronin von Handschuchsheim erzählt, einer wahrscheinlich gemütskranken Frau, die bei den Schweigestills Schutz suchte. Als Kreisarzt amtiert ein gewisser Dr. Kürbis.

So speziell und modern Leverkühns Musik auch sein mag, er hat zwar wenige, aber doch sehr treue, aufopferungsvolle Verehrer, das sind vornehmlich Meta Nackedey, Klavierlehrerin, und Kunigunde Rosenstiel, Mitinhaberin eines Darmgeschäfts.

Der Erzähler Zeitblom wiederum wird, sich unweit von Leverkühns Pfeiffering, in Freising niederlassen. Das Haupt der dortigen theologischen Hochschule ist Monsignore Hinterpförtner.

In den Jahren des ersten Weltkriegs ist Zeitblom Teilnehmer eines Gesprächskreises in der Schwabinger Wohnung des Buchschmuck-Künstlers und Sammlers Sixtus Kridwiß, ein Gesprächskreis, der ihn eher belastet als entlastet, aber er braucht doch Austausch in der schweren Zeit. „Ich will nur … bekennen, dass ich mir eigentlich zu keinem von der Tischrunde so recht ein Herz fassen … konnte”: nicht zu Dr. Egon Unruhe, einem philosophischen Paläozoologen, nicht zu Professor Georg Vogler, dem Literaturhistoriker, dem Dürer-Forscher Gilgen Holzschuher und schon gar nicht zu dem Dichter Daniel Zur Höhe mit seinem auf Büttenpapier gedruckten Werk „Proklamationen”. Die hochgestochenen Debatten stressen Zeitblom derart, dass er vierzehn Pfund Gewicht verliert, worüber er sich, als vermutlich schmaler Mann, gar nicht freut.

Okay, das sind so Namen, und ich frage, ob Thomas Mann es nicht etwas unauffälliger hätte machen können, gelegentlich denke ich, ob ich nicht sogar etwas an Respekt verliere, wenn ich ständig über diese ausgefallenen Findungen und Erfindungen stolpere. Doch stelle ich auch fest, dass sich die Namen und die dazugehörigen Leute in meinem Kopf festmachen, sie kommen mir nicht so schnell abhanden, leiten zu Assoziationen. Und nicht zuletzt lässt sich nicht leugnen, dass es Thomas Mann Vergnügen bereitet haben muss, solche Gestalten zu erfinden und sie mit Namen zu versehen, die sie auch irgendwie festnageln. Der Leser spürt eben dauernd: So ausgefallen geht es im Leben eher selten zu, also das hier ist etwas Anderes, ist Erfindung, ist Roman, und ja: Alles richtig gemacht.

Als ich in der Lektüre-Krise steckte …

Oktober 24, 2017 1 Kommentar

In Halle/Saale verbringen Leverkühn und Zeitblom einige Semester ihrer Studienzeit. Unternehmen Ausflüge in die schöne Landschaft mit der Saale hellen Strand
© Fritz-Jochen Kopka

… das heißt, als alles beliebig schien, was ich lesen konnte oder wollte, noch ein Roman von Philip Roth oder weiter in seinen etwas nebulösen Essays, wieder ein Roman von Paul Auster oder ein Versuch mit Thomas Kapielski („Je dickens, destojewski!”), Essays von Carlos Fuentes oder die Trakl-Studie von Franz Fühmann, als das alles möglich, aber auch beliebig war, ging ich weg von den bereitliegenden Stapeln und griff in die Vergangenheit, an die Stelle der Regale, wo der Staub sich ablagerte, ich schnappte mir Frischs „Stiller”, Thomas Manns „Joseph und seine Brüder” und seinen „Doktor Faustus”. Hatte ich alles noch nicht gelesen und hätte ich alles längst lesen müssen. Ich machte bei allen Büchern den Anlesetest und entschied mich für den Faustus. Was stand zwischen mir und diesem Opus? Die Lobreden meiner belesenen Freunde. Der Hinweis auf die Tiefe des Werks und die nicht leichte Lesbarkeit. Eine gewisse Düsternis, die ein Titel wie „Doktor Faustus” auf mich abstrahlt (Deshalb habe ich ja auch so spät erst Gogols „Die toten Seelen” gelesen). Das Wissen darum, dass in den Roman viel Beratung von Adorno in Sachen Zwölftonmusik eingegangen war, Thomas Mann sich also etwas angeeignet hatte, was nicht zu ihm gehörte. Am meisten störten mich die Namen der Protagonisten, Adrian Leverkühn und Serenus Zeitblom, dieses Konstruierte, vorlaut Sprechende, aber gut, ich bin jetzt alt genug, über all das hinwegzusehen, und als ich den Test machte, gefiel mir der erzählerische Ton, den Thomas Mann seinem Zeitblom anheimgibt, dieses Umständliche, Aufgeräumte, Überzeugte, dass man ihm schon zuhören werde, auch wenn er noch so weit abschweife, das Biedere, aber auch Ironische, in einer solchen Gestalt ironisiert der Autor sich auch selbst: „Meine Name ist Dr. phil. Serenus Zeitblom … Mein Alter ist sechzig Jahre”, er kann partout nicht davon absehen, sich mit Titel vorzustellen, obwohl er doch weiß, dass sein Name nicht Dr. phil. Serenus Zeitblom ist, sondern eben Serenus Zeitblom, das ist schon unschlicht genug. Er gibt sich – gerade auch in Bezug auf seinen genialischen Freund Leverkühn – gerne bescheiden, ohne darauf verzichten zu können, sich angeberisch ins günstige Licht zu setzen.

Das alles passte mir gerade gut in den Streifen, und so hatte ich mich für den Doktor Faustus entschieden, die Beliebigkeit überwunden und die Lektüre-Krise beendet. Aus eigener Kraft, sag ich, als wäre ich auch ein Dr. phil. Serenus Zeitblom.

Hunter S. Thompson, der haltlose Jäger

Cover der Buchausgabe, Ausschnitt

Im Zug von G. nach B. las ich „Rum Diary” von Hunter S. Thompson zu Ende. Man kann in der Bahn gut lesen, wenn man keine Begleiter hat, man schottet sich mit dem Buch ab gegen das Treiben um einen herum, verwöhnte Kinder, vorbildliche Väter, Leute mit Laptops und schwachen Blasen, Handy-Schwätzern, streitenden Paaren.

Von Hunter S. Thompson hatte ich nur eine oberflächliche Ahnung. Er ist der Erfinder des Gonzo, einer besonders subjektiven Spielart des Journalismus, ein hartgesottener Bursche. Nun dieser Roman. Paul Kemp geht nach San Juan, der Hauptstadt von Puerto Rico, weil er bei der San Juan Daily News angeheuert hat. Vor dem Abflug trinkt er Bier, um im Flieger schlafen zu können. Nach der Ankunft bestellt er Drinks und starrt auf den Ozean. „Ich fühlte mich wie Strandgut.”

Am Anfang hatte ich kein gutes Gefühl mit dem Buch. Da gibt einer mit seinen schlampigen Heldentaten an.

Die Redaktion der News ist noch verrückter als Paul Kemp und der ganze Laden immer hart an der Pleite. Entsprechend hysterisch agiert der Chefredakteur, Lotterman, ein kleiner Typ mit einem großen Maul, Weltmeister im Beschimpfen seiner Leute.

Man lebt an einem Ort, an dem die Leute vierundzwanzig Stunden am Tag schwitzen. Die Redakteure schätzen sich glücklich, wenn sie Eis für den Rum kaufen können, aber wenn es kein Eis gibt, trinken sie den Rum auch ohne, Hauptsache Rum. Ich wundere mich, wie Kemp seine Artikel zustande bringt, wie er überhaupt schreiben kann, aber Thompson war auch ein großer Trinker, und er konnte schreiben. Ihm fielen die besonderen Details auf, er fand griffige Formulierungen.

Tatsächlich packte mich der Roman, obwohl es immer um Sauftouren und Abstürze geht, aber irgendwann kriegt man mit: Das ist alles kein Spaß. Die Stimmung, die das Buch verbreitet, ist authentisch, die Leute schweben oder taumeln eine Handbreit über dem Abgrund, „ich kam mir alt vor und war ein bisschen unruhig, weil ich nach so vielen Jahren so wenig erreicht hatte”, aber das ist noch das mindeste. Du bekommst das Gefühl, dass hier ein potentieller Selbstmörder schreibt. Und so war es auch: „Von den Folgen eines reichlich erfüllten Trinkerlebens erschöpft, erschießt er sich am 20. Februar 2005”, schreibt sein deutscher Verlag. Immerhin war Thompson da schon 67 Jahre alt. Das schaffen nicht viele Leute seines Schlages. Johnny Depp, der in zwei Filmen, die nach Büchern von Thompson entstanden, die Hauptrollen spielte, beschreibt die erste Begegnung: „Hoch aufgeschossen und schlaksig, mit einer wollenen, indianisch anmutenden Strickmütze auf dem Kopf, die ihm nach hinten gerutscht war, und die unvermeidliche Pilotenbrille mitten im Gesicht, reckte er mir seine gewaltige Hand entgegen.”

„Der Roman”, sagt Thompson über „Rum Diary”, „ist ein enorm mangelhaftes Meisterwerk.“ Er war hemmungslos, er hatte Humor, und mit 67 Jahren hatte er, wie er fand, schon siebzehn Jahre zu lange gelebt.

Hunter S. Thompson, Rum Diary, Blumenbar Verlag

Albtraumhafte Ehe

September 11, 2017 2 Kommentare

Lost in America
© Fritz-Jochen Kopka

Philip Roth’ „Mein Leben als Mann” kommt ins Haus geflattert, ein ziemlich früher Roman (1970), in Deutschland erstmals 1990 bei Kellner  erschienen, was darauf hindeutet, dass die deutschen Verlage mit diesem Werk so ihre Probleme hatten. Roth war damals noch ein ganzes Stück davon entfernt, weise oder gar gütig zu sein, und „Mein Leben als Mann” ist die schlimmste Mann-Frau- oder Frau-Mann-Geschichte, die ich kenne. Da Roth immer dazu neigte, die eigene Geschichte zu verarbeiten, kann man dem Roman entnehmen, dass seine erste Ehe ihn fast zerstört hätte und die Frau erst recht, obwohl die Schuld, wenn wir dem Protagonisten in „Mein Leben als Mann”, Peter Tarnopol, glauben wollen, zu 99 Prozent bei ihr liegt. Sie heißt Maureen und hält sehr viel von sich. Sie ist Studentin, Schauspielerin, dann Tänzerin, dann Malerin, dann Bildhauerin, alles fängt sie an, alles lässt sie liegen. Schließlich tritt sie in einen, zunächst heimlichen Konkurrenzkampf zu Tarnopol; sie, die nichts zustande bringt, hält sich in der Tat für die bessere Schriftstellerin verglichen mit ihrem Mann, der mit seinem ersten Roman schon ziemlich viel Ruhm eingeheimst hat, ehe sie ihn dann mehr oder minder schreibunfähig macht („Obwohl ich weiterhin Tag für Tag schrieb, hielt ich mich inzwischen nicht mehr für fähig, irgendetwas hervorzubringen, außer meinem eigenen Elend.”).

Roth erzählt, dass du als Mann gegen eine hysterische Frau keine Chance hast, du magst ihr intellektuell noch so überlegen sein. Maureen ist ein Genie an Heimtücke und Kampfkraft. Natürlich gibt der Autor dezente Hinweise darauf, dass sein Protagonist ebenfalls erhebliche Schwächen und Störungen aufweist. Zudem deprimiert ihn, dass er in seiner zaghaften Abwehrschlacht keine Helfer hat. Sein Psychoanalytiker, Dr. Spielvogel, sorgt mäßig für Entlastung, bietet dafür aber analytische Spitzfindigkeiten, die Tarnopol, ganz gegen seine Erfahrung, zum monströsen Mutteropfer machen. Besonders niederschmetternd sind die Aktionen des Richters Rosenzweig, der sich als Retter sitzengelassener Ehefrauen kapriziert. Peter hat zwar keine Scheidung erreicht, aber die Trennung vollzogen. Jahr für Jahr muss er nun mit Kontoauszügen, Einkommenssteuerbescheiden und Honorarabrechnungen vor Gericht antanzen. Er wird buchstäblich zum Sozialfall heruntergerechnet, der sich von seinem Bruder durchfüttern lassen muss. Tarnopol ist traumatisiert. Er hat die fixe Idee, dass der Staat New York und die Gerichte sich gegen ihn, den „ allseits bekannten Verführer junger Collegestudentinnen” (Maureens Darstellung) verschworen haben und ihm den letzten Blutstropfen abpressen.

Der Roman endet mit Maureens tödlichem Autounfall. Das letzte Kapitel heißt „Frei”. Der Befreite steht da, mit leeren Händen, erschöpft, ausgelaugt. Es kann jetzt nur darum gehen, „die Vergangenheit zu entmystifizieren und sein anerkanntermaßen unzuträgliches Gefühl des Versagens zu mildern.”

Philip Roth schrieb damals nicht so gut wie in seinen reifen Jahren, in denen er alljährlich als Kandidat für den Nobelpreis gehandelt wurde, den er nie bekam. In diesem Buch weist er offenherzig auf seine Unzulänglichkeiten hin. Und ziemlich am Schluss attackiert er in böser Voraussicht das Nobelpreiskomitee, indem er sich über William Faulkners pathetische Nobelpreisrede aufregt. „Wie konntest du Schall und Wahn schreiben, wie konntest du Das Dorf schreiben, … und dann so was verzapfen? … Ausharren? Siegen? Wir können von Glück sagen, meine Herren, wenn wir’s morgen schaffen, uns die Schuhe anzuziehen. Das hätte ich diesen Schweden gesagt. (Vorausgesetzt, sie hätten mich gefragt.)”

Na klar. So einen fragt man nicht.

Philip Roth, Mein Leben als Mann, Carl Hanser Verlag 2007