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Archive for the ‘Heroes of Literature’ Category

Der Serienschreiber als Romanautor

Nein. So stellen wir uns Heather Breakstone nicht vor. Ist ja auch Berlin Alexanderplatz und nicht New York
© Fritz-Jochen Kopka

„Alles über Heather”. Da war ich aber gespannt. Ein Roman von Matthew Weiner, dem geistigen Vater von „Mad Men”, mit denen für uns das Serienzeitalter begann. Das Buch wurde sofort hoch gelobt oder hochgelobt. „Eine teuflische Geschichte, die man in einem einzigen Atemzug lesen muss”, sagte James Ellroy. „Ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen”, sagte Michael Chabon. „Atemberaubend”, sagte Nick Cave. Was sage ich? Mir hat es den Atem nicht geraubt. Ich musste es nicht in einem einzigen Atemzug lesen. Ich habe das Buch oft aus der Hand gelegt.

Da findet sich ein Paar, das gerade in seiner Mittelmäßigkeit so interessant ist. Und da sie, Frau und Mann, trotz ihrer Mittelmäßigkeit ihre Ansprüche haben, dauert es eben so lange, bis sie jemanden finden, mit dem sie zusammen sein können und wollen. Sie sind fast vierzig. Minus mal minus ergibt plus. Heather, die Tochter von Mark und Karin Breakstone, ist schön, intelligent, begabt und edel. Die Eltern können kaum fassen, was ihnen da gelungen ist, und Karen lebt nur noch für Heather, während Mark, dem Banker, alle Male der Sprung in die Spitzenklasse des Finanzadels misslingt. Sein bester Satz ist übrigens: „Manchmal unterschätzen die Leute mich.” Der nimmt Karen für ihn ein. Am anderen Ende der Skala wird im städtischen Krankenhaus von Newark Robert Klasky, genannt Bobby, geboren, Sohn einer alleinerziehenden Mutter, die sich während der Schwangerschaft hauptsächlich von Bier ernährte und einige Männer aufzählen könnte, die als Vater von Bobby in Frage kommen könnten. Von nun an bewegen sich der Heather-Planet und der Bobby-Mond unweigerlich aufeinander zu; das kann nur schlecht ausgehen, und das tut es auch, aber auf anderen Weise, als man vielleicht dachte. Das ist es. Am Ende zählt Weiner einige hundert Leute auf, denen er zu danken hat, dass dieser kurze Roman zustande gekommen ist. Offenbar haben sie ihm jede Menge schlechte Ratschläge gegeben und ihm geschmeichelt, denn der Text ist überraschend ungeschickt, naiv und altmodisch. Etwa so, als versuchte jemand, heute eine Kleistsche Novelle zu schreiben. Ist aber auch angenehm mitzubekommen, dass es keine Alleskönner mehr gibt. Der Serienkönig ist als Romanschreiber ein kleines Licht. Übersetzt hat Bernhard Robben. Ein erfahrener Mann und einer der, wie es heißt, renommiertesten deutschen Übersetzer, dessen deutschen Übersetzungen es immer ein wenig an Eleganz und Wucht fehlt.

Juan Rulfo

Drei Versuche, Juan Rulfo zu zeichnen

Vor hundert Jahren wurde Juan Rulfo geboren, wer war das: ein mexikanischer Schriftsteller, der mit ganzen 300 Seiten Prosa Weltruhm erlangte, dem Erzählungsband „Der Llano in Flammen” und dem Kurzroman „Pedro Páramo”, 1953 und 1955 erschienen. Seitdem schwieg er. Einen weiteren Roman, an dem er Jahre geschrieben hatte, vernichtete er.

„Ich bin kein professioneller Schriftsteller, ich bin nur ein einfacher Amateur. Ich schreibe, wann immer mich die Lust überkommt und wenn nicht, dann nicht … ”

Kindheit im Waisenheim. Arbeit in einer Reifenfabrik. Posten bei der Einwanderungsbehörde. Arbeit am Bewässerungsprogramm der Regierung. Werbetexter. Mitarbeiter des Instituto Nacional Indigenista.

Rulfos Sujet ist die gescheiterte mexikanische Revolution. Juan Preciado, der nach Comala kommt, um seinen Vater zu suchen, den Großgrundbesitzer Pedro Páramo, trifft auf ein apathisches Dorf. Die wenigen Menschen kommen ihm wie Verrückte vor, aber es dauert nicht lange, bis man feststellt, dass die Grenze zwischen Leben und Tod längst überschritten ist. Das Dorf ist voller Echos, die Nacht ist voller Gespenster, die Menschen sind voller Demut und blinder Wut. Trostloser kann Scheitern nicht aussehen. Was bleibt, ist ein Schattenreich. Der Roman „Pedro Paramo” endet so:

„Er stützte sich auf Damiana Cisneros’ Arme und machte einen Versuch zu gehen. Nach ein paar Schritten fiel er zu Boden. Er betete in seinem Innern, aber er sagte kein einziges Wort. Er schlug hart auf die Erde auf und fiel auseinander wie ein Haufen Steine.”

In den Regalen unserer Hallenser Freunde entdeckte ich noch eine andere Seite von Juan Rulfo und doch noch ein drittes Buch: „Wind in den Bergen. Liebesbriefe an Carla”. Rulfo sieht Carla Aparicio zum ersten Mal 1941 in Guadalajara. Sie ist ein Mädchen von 13 Jahren, er 24. Offensichtlich hat er sofort das Gefühl, dass Carla das Verschlossene, Albtraumhafte seines Lebens auflösen könnte. 1944 erklärt er sich ihr. Die Sechzehnjährige bittet ihn, drei Jahre zu warten. Juan Rulfo wartet und schreibt Briefe. Briefe, die mit seiner elementaren Prosa nicht zu vergleichen sind. Eine ähnliche Geschichte erlebte übrigens Gabriel Garcia Márquez. Auch er verliebte sich in ein Mädchen. Auch er verstand zu warten.

Die Geschichte von Clara und Juan geht gut aus, so weit die Geschichte eines traurigen Menschen eben gut ausgehen kann. Sie heiraten, haben vier Kinder. Die Bücher bringen Rulfo Ruhm, aber nicht genug Geld für die Familie. Der Ruhm aber wird für Rulfo mehr und mehr zur Verpflichtung, zu einem Anspruch, den er nicht erfüllen zu können glaubt. Das Unausweichliche geschieht, er zieht sich in sich zurück, verabschiedet sich vom Abenteuer Literatur.

Draußen herrschte der Kalte Krieg, drinnen machte man es sich gemütich

Ein solches Buch konnte man nicht erwarten
Titelseite (Ausschnitt)

Annie Ernaux: Die Jahre. Ein Buch wie dieses hat man noch nicht gelesen (jedenfalls nicht mit Interesse und Anteilnahme), ein Buch, das vorsätzlich auf Geschichten und Charaktere verzichtet und dafür ein Gruppenporträt liefert, das der 1940 in Frankreich Geborenen. Eine gnadenlose, gleichwohl gelassene Beobachterin der Zeit und der Zeitgenossen ist Annie Ernaux. Die großen Ereignisse und die kleinen. Was wurde am Familientisch gesprochen, in der Schule, an der Uni. Wie lebte es sich in der Provinz, in Paris, in der Vorstadt. Wie entfernt man sich von den Eltern und wie entfernen sich unsere Kinder von uns. Was geschieht in den Urlauben. Wie erleben wir die Wucht der Medien und der Warenwelt und wie die Unwucht der Gefühle. Denn Annie Ernaux jammert nie, wie sie auch niemals jubelt. Ihr Blick ist nie verklärt. Die Ehe scheitert undramatisch. Sie hat damit noch nicht genug von den Männern und die Männer nicht von ihr. Was sangen die Schlager-, Pop- und Rockstars, was spielten die Kinos, was machte uns das Fernsehen vor, was hätten wir besser machen können und in welcher Zuspitzung hätte es auch schlechter kommen können. Wir waren nicht immer souverän, wir ließen uns einfangen, wir waren selbstbestimmt, aber auch Mitläufer, das ist nicht heroisch, aber wir waren auf jeden Fall Genossen der Zeit, diese Zeit war unsere Zeit, weil viele so waren wie wir.

So war es am Anfang:

„Die Eltern kurierten ihre Grippe mit Aspirin und einem Grog. Die Männer stellten sich am hellichten Tag zum Pinkeln an irgendeine Mauer, und höhere Bildung stimmte misstrauisch, als fürchtete man in einem merkwürdigen Umkehrschluss, sie mache plemplem, als Strafe dafür, dass man zu hoch hinaus wollte. In allen Mündern fehlten Zähne. Die Zeit, sagten die Leute, war nicht für alle dieselbe.”

So war es mittendrin:

„Jeder isst, wann er will, mit einem Tablett auf den Knien vorm Fernseher … Man war umgeben von still vor sich hinsterbenden Aids-Toten und ausgezehrten Überlebenden.”

Und so ist es jetzt:

„Ihr ist das Gefühl für die Zukunft abhandengekommen, dieser unerschöpfliche Vorrat an Zeit, auf dem bis vor Kurzem all ihre Handlungen und Taten beruht hatten, eine Vorahnung schöner, unbekannter Dinge … ”

Annie Enaux: Die Jahre. Aus dem Französischen von Sonja Finck. Bibliothek Suhrkamp

 

Flannery’s Albträume

Man ahnt nichts Gutes
© Fritz-Jochen Kopka

Die nächste Geschichte von Flannery O’Connor: „Ein Kreis im Feuer”. Drei Jungs kommen auf die Farm der gottesfürchtigen, gottvertrauenden und Gott dankenden Mrs. Cope. „Sie war hinter dem Unkraut und dem Zyperngras her, als wäre es ein Übel, direkt vom Teufel geschickt, um die Farm zu zerstören.”

Der Vater des einen hat angeblich mal auf der Farm gearbeitet und Powell, der Junge, der schielt und eine Brille trägt (die Leute fühlen sich von seinem Blick in die Zange genommen), hat seinen Kumpels von der schönsten Zeit seines Lebens erzählt, die er auf der Farm verbracht hat. Das lässt nichts Gutes ahnen.

Die optimistische, wenngleich schnell panische Mrs. Cope versucht, nett zu sein, aber die Jungs sagen wenig und bewegen sich nicht vom Fleck, wobei sie ein seltsam aufsässiges Verhalten an den Tag legen.

Dann ist da noch Mrs. Pritchard, die sich, als Gegenpol zur konstruktiven Mrs. Cope, über jedes unschöne Ereignis, jede schlechte Nachricht, die sie überbringen kann, freut. Man kann sagen, die Pritchard unkt mit Inbrunst. „Ein dreizehnjähriger Junge kanns an Gemeinheit mit einem Mann aufnehmen, wo doppelt so alt ist. Und man weiß auch nie, was er als Nächstes anstellt … Da können Sie gar nix machen.”

Und die bösen Nachrichten häufen sich. Mrs. Cope wird die seltsamen Jungs nicht wieder los, sie ist ihnen auch rhetorisch nicht gewachsen. Die Jungs wollen nicht nur ungebeten ihre Ferien auf dem Land verbringen, sie haben auch ein teuflisches Vergnügen daran, Nadelstiche zu setzen und die Farm auf den Kopf zu stellen. Inzwischen macht sich Mrs. Copes Tochter bereits Verhaltensweisen der dämonischen Spitzbuben zu eigen. Am Ende brennt Mrs. Cope’s Wald. Die Jungs johlen und grölen und schlagen sich mit der Hand auf den Mund.

Es ist ein Albtraum. Ein Albtraum, wie wir alle ihn kennen. Leute, die ungebeten kommen und nie wieder gehen. O Flannery O’Connor, was machst du nur mit unseren armen Seelen.

Flannery O’Connor: Keiner Menschenseele kann man noch trauen, Storys, Arche Literatur Verlag Zürich-Hamburg

Tschechow vergessen und wiederlesen

Fünf von acht Bänden, herausgegeben in den sechziger Jahren von Gerhard Dick und Wolf Düwel bei Rütten & Loening Berlin, für 9,60 M pro Band 

Und wieder geschieht es, dass ich eine Erzählung („Der Namenstag”) von Tschechow lese und plötzlich Anstreichungen von mir entdecke. Keine Ahnung, dass ich sie kenne. Ich war der festen Überzeugung, etwas für mich Neues zu lesen. Ich erinnere mich auch an nichts. Aber da ist dieser dezente Bleistiftstrich. „Olga Michailowna sprach ohne Unterbrechung. Sie wusste, dass es im Umgang mit Gästen viel leichter und bequemer war, zu reden als zuzuhören.”

Tschechow ist, bei allem, was für ihn spricht und so gerne wir ihn auch lesen, irgendwie nicht nachhaltig, sage ich zu Verheugen in einem unserer sinnlosen, unverzichtbaren Gespräche. Er hat keine Lust, mir recht zu geben. Findet sowieso, dass ich zu oft recht habe, das kommt mir gar nicht zu.

Dann sage mir doch bitte, welche seiner Gestalten du in Erinnerung behalten hast.

Hm. Die Dame mit dem Hündchen.

Und wie heißt die?

Weiß ich jetzt nicht mehr.

Die fehlende Nachhaltigkeit Tschechows mag zum Teil auch wirklich an diesen russischen Namen liegen – Vorname, Vatersname, Familienname, die durch unser Gedächtnis nur so hindurchrauschen. Es kommt doch immer so was wie Wladimir Pawlowitsch Wladimrow dabei raus. Das bleibt nicht hängen. Tolstois Pierre Besuchow, ja, den habe ich nie vergessen, auch Natascha Rostow (oder besser Rostowa) und Andrej Bolkonski nicht. Tschechow schrieb, von den Dramen abgesehen, Kurzgeschichten, Novellen, so genannte Meistererzählungen. Die Helden (und Anti-Helden) umfangreicher Romane haben mehr Fläche, um sich unvergesslich zu machen. Es ist, wie es ist. Die unvergesslichen Erzählungen von Anton Tschechow vergessen wir. Aber wir lesen sie mit Anteilnahme, mit Vergnügen, mit Gewinn. Mit Kopfschütteln über diese Gestalten, deren Namen …, ja, nein, wir behalten sie nicht. Schlagen wir nach. Andrej Jefimytsch Ragin, der Arzt aus „Krankenzimmer Nr. 6”. In diesem Krankenzimmer Nr. 6 sind die Geisteskranken untergebracht oder richtiger eingeschlossen. Unter ihnen ist der vom Verfolgungswahn geplagte Iwan Dmitritsch Gromow, ein Mann von adliger Herkunft. Ragin weiß nur zu gut um die katastrophalen Zustände seiner Einrichtung, ist aber zu schwach, zu kleinmütig, um auch nur daran zu denken, etwas zu ändern. Eines Tages entdeckt er, dass die einzige wirklich interessante, geistig anregende Persönlichkeit der ganzen Stadt eben dieser verrückte Iwan Dmitritsch ist, führt mit ihm lange Gespräche, bis er von einem subalternen Arzt selbst für geisteskrank erklärt wird und in diesem Krankenzimmer Nr. 6, wehrlos, wie er ist, elend untergeht.

Wir sehen Tschechows liebenswerte, gekränkte, nervöse Frauen, meist in aussichtsloser Lage, mit dem falschen Mann verheiratet, in den falschen Mann verliebt. Ihre Namen sind uns entfallen, sie heißen wie oben Olga Michailowna oder so. Da ist der alte Gelehrte Nikolai Stepanowitsch Soundso (so steht es tatsächlich im Text der deutschen Übersetzung), der eine glänzende Wissenschaftler-Karriere hingelegt hat und persönlich doch gescheitert ist, aber an seinem Sarkasmus erfreuen wir uns. „Ich bin kein Prophet, aber ich weiß schon, wovon sie sprechen wird”, denkt er, wenn seine Frau eintritt. „Ist diese alte, sehr beleibte, plumpe Frau mit dem stumpfsinnigen Ausdruck kleinlicher Sorge und der Angst um das liebe Brot, … ist denn diese Frau wirklich die schlanke Warja von einst, die ich wegen ihres guten, hellen Verstandes, wegen ihrer reinen Seele, ihrer Schönheit … liebte?”

Und der Gutsbesitzer Pjotr Michailytsch Iwaschin … „Er stand erst im achtundzwanzigsten Lebensjahr, aber er war schon dick, trug nach der Art alter Herren ganz weite, bequeme Kleidung und litt an Atemnot. Er hatte bereits die besten Anlagen zu einem alten Junggesellen. Er verliebte sich nicht, dachte nicht ans Heiraten und liebte nur seine Mutter, seine Schwester, die Kinderfrau und den Gärtner Wassiljitsch; er aß gern gut, schlief gern nach dem Mittagsmahl, sprach gern über Politik und geistreiche Themen …” Noch seltsamer ist sein befreundeter Nachbar, der unvermittelt zu seinem Feind zu werden droht: „Wenn man bei ihm übernachtet, legt er einem Pissarew oder Darwin auf den Nachttisch. Wenn man sagt, man habe diese Autoren schon gelesen, geht er und holt Dobroljubow.”

Sie sind Opfer der eigenen Indifferenz, eigentlich unvergessliche Gestalten, aber wir wissen schon, dass wir demnächst nichts mehr von ihnen wissen werden, nur dieses Gefühl, das bleibt: Gleichmütig sein Schicksal ertragen. Traurigkeit, Vergeblichkeit, Dauer und Ausdauer, Verwunderung, ein Lächeln, Schwermut. Es hätte ja auch besser gehen können, aber wäre das eine Geschichte?

Ich denke, wenn die Leute (Politiker, Journalisten, Schwätzer) zum Beispiel Tschechow läsen und etwas davon im Kopf behielten, dann würden sie nicht so viel Schwachsinn über die Russen reden.

Diese sinnlosen unverzichtbaren Gespräche

Häuser, die verschwunden sind, tauchen irgendwoanders wieder auf. Man spricht vom Wunder des Malachias
© Fritz-Jochen Kopka

Wir saßen also im Haus Berlin und kamen von Flannery O’Connor auf Robert Creeley. Vom Staropramen abgesehen. Es war nicht viel los im Lokal, im seitlichen Raum tagte eine Geburtstagsgesellschaft. Die geladenen Gäste kamen mit einem Blumenstrauß oder mit nichts. Man kennt diese Jubilare und wie sie sagen: Das schönste Geschenk ist, wenn du kommst. Wir haben doch alles. Und dann gucken sie doch irgendwie komisch. Menschen bleiben Kinder.

Flannery O’Connor ist in Deutschland kaum bekannt und in Amerika ziemlich vergessen, aber jetzt ist ein Kurzgeschichten-Band von ihr erschienen. „Keiner Menschenseele kann man noch trauen” (Arche Verlag). Ich habe nachgesehen. In „Moderne Amerikanische Prosa”, erschienen 1966 bei Volk und Welt in Ost-Berlin, ist auch eine Story von ihr, „Ein letztes Treffen mit dem Feind”. Der Band befindet sich bei Verheugen im Regal, bei mir ebenfalls und bei allen Leuten, die so sind wie wir. Verheugen greift in seinen Regalen immer was raus, das ihn aufs Neue begeistert oder worüber er sagt: Ich habe damals gar nicht begriffen, wie gut das ist. Im selben Band las er Robert Creeleys Story „Ein erfolgloser Ehemann”. Die Geschichte hat ihn sehr bewegt, aber er kam nicht dahinter, worauf will Creeley hinaus will, „ich habe sie nicht verstanden, aber sie ist gut, sehr gut”. Und ob ich eine Erleuchtung habe. Du weißt doch alles besser. Was für ein Scheiß-Image.

Die Geschichte ist rätselhaft, aber ich glaubte, ihr auf die Spur gekommen zu sein. Der Erzähler, der erfolglose Ehemann also, spricht von seiner Ehe, die fünfzehn Jahre dauerte. Er wendet sich an niemanden, es ist eher ein Selbstgespräch, das er zur Selbstvergewisserung benötigt, und es bringt ihn nicht weit. „Meine Frau war damals sehr hübsch, ein stilles Gesicht mit einer zerstörerischen Ruhe …”, so steht es am Anfang, und man weiß, dass man aufpassen muss, es gibt keine harmlosen Sätze, alles ist irgendwie beschädigt. Am Ende kommt der erfolglose Ehemann eines Abends nach Hause, es gibt keine Antwort auf sein Rufen, kann es nicht geben, seine Frau sitzt in schlaffer Haltung im Sessel, „als ich näher trat, sah ich, dass sie tot war”.

Es folgt ein stiller, friedlicher Tag. , „er wurde zur Erinnerung an etwas, das irgendwie besser war als das was man hatte … ”

Ja, wie hatte ich nun die Geschichte gelesen, was dachte ich mir dabei …

Sind denn nicht alle Ehemänner letztlich erfolglose Ehemänner? Ich bin durch Max Frischs „Stiller” darauf gekommen. Das sind zwei ineinander verschränkte Ehegeschichten. Das Thema der Identität, der Suche nach der Identität und der Flucht vor der falschen Identität hat Frisch hineingenommen (denke ich), um einen modernen Roman zu schreiben, keinen Eheroman, wovon es tausende gibt, sondern eine komplizierte Ich-Suche. Woran Stiller scheitert, das ist, weil er seine Frau, die ihn auf ihre Weise zwar liebt, nicht erobern kann, sie ist an seiner Seite, aber er kann in ihr keine Lust, keine Leidenschaft, keine Hingabe erwecken. Er kann den Stein nicht erweichen. Und das kann er, ein Bildhauer wie Pygmalion, nicht ertragen.

Das ist eine oberflächliche Interpretation, meinte Verheugen.

Ein Stein hat keinen Grund, kein Stein sein zu wollen, aber er ist nicht über alle Eigenschaften eines Steins froh.

Das hat mit der Geschichte nichts zu tun.

Klar. Als ich die Geschichte noch mal gelesen habe, fand ich viele Details, die mit dieser Deutung nichts zu tun haben und die ich auch nicht erklären kann. Creeley rätselt am Phänomen Frau herum, erzielt keine Resultate und wird sich selber zum Phänomen. Besser weiß ich es eben nicht.

Wir tranken das vierte und das fünfte Staropramen, und Verheugen sprach von Kafka. „Wie komm ich jetzt darauf ?”

Von Kafkas Hartleibigkeit. Er konnte sich nicht erleichtern. Vielleicht wurde er deshalb ein so großer Dichter.

Sowas kann vieles bewirken, schon möglich.

Den Band von Flannery O’Connor hatte Verheugen sich gekauft. Es sind böse, finstere Geschichten, und er war begeistert. O’Connor, von einer tückischen Erbkrankheit heimgesucht, wurde nur 39 Jahre alt. Als sie fünf Jahre alt war, brachte sie einem Huhn bei, rückwärts zu gehen, so steht es bei Wikipedia. „Das war das Spannendste, was mir je passiert ist. Seitdem ging es nur noch bergab.“ Dieser Sarkasmus taucht bei ihr immer wieder auf.

O’Connor lebte auf der Farm ihrer Eltern, sie schrieb Geschichten und zwei kurze Romane, sie begeisterte sich für Vögel, besonders für Pfauen.

Die Kurzgeschichte ist die Königsdisziplin, das war schon immer meine Überzeugung, meinte Verheugen. Einen Roman kann jeder schreiben.

Die meisten Romane, die wir lieben, konnte nicht jeder schreiben, sagte ich. Sondern immer nur einer, der die Lust und die Ausdauer hatte, eben diesen einen Roman zu scheiben.

Na ja.

Die Leute von der Geburtstagsgesellschaft schlichen nun nach und nach auf die Toiletten. Danach traten sie vor die Tür mit ihren Zigaretten. Sie machten bemerkenswert wenig Lärm, als wollten sie unsere sinnlosen, unverzichtbaren Gespräche nicht stören.

Vater, Mutter, Sohn

Mit diesem Buch bin ich Richard Ford ein ganzes Stück näher gekommen

An den Büchern von Richard Ford, die in meinem Regal stehen, fällt mir beiläufig auf, dass ich sie alle nicht zu Ende gelesen habe. Das ist eine Verfahrensweise, mit der ich jetzt brach. Es geht um ja auch um ein dünnes Buch, „Zwischen ihnen”, das heißt, Ford schreibt über seinen Vater und über seine Mutter, das überschneidet sich an einigen Stellen, und „Zwischen ihnen” heißt nicht, heißt sogar auf keinen Fall, dass die Fords eine zerstrittene Familie gewesen wären, Vater und Mutter liebten sich und sie liebten ihren spät geborenen Sohn. Richard kam zur Welt, als die Mutter 33 und der Vater 39 Jahre alt war. Das Paar hatte sich mit einem Leben ohne Kind arrangiert, und dieses Leben mussten sie umbauen, als sie dann doch Eltern wurden.

Der Vater ist Handlungsreisender, aber nicht so ein verhängnisvoller, wie er bei Arthur Miller im Drama steht, sondern ein großer, argloser Mann, „breit lächelnd, als hätte er gerade einen guten Witz im Sinn”. Er verströmte keine Stärke. „Sondern vielmehr etwas noch nicht auf die Probe Gestelltes”. Seine Frau, „klein, kurvig, humorvoll”, hatte er auf seine Touren mitgenommen, sie waren immer unterwegs, lebten in Hotels – das war mit Sohn Richard nicht mehr zu machen. Da gab’s dann den festen Wohnsitz, der Vater, Parker Ford, fuhr Montags los und kam Freitagnachmittag zurück mit großen Paketen mit Shrimps, Tamales und Austern, die Dünste zogen verheißungsvoll durch den Raum. „Festlicher kann das Leben nicht sein”.

Das Einzugsgebiet des Handlungsreisenden ist der Südosten der USA, Louisiana, Mississippi, Alabama, Arkansas, ein bisschen Tennessee, ein Stückchen Florida, eine Ecke Texas. Pathos sucht man in der Familie Ford vergeblich, Gefühlsausbrüche sind äußerst selten, Verlässlichkeit immerfort vorhanden.

Richard Ford fragt ganz nüchtern, was er von seinem Vater, der starb, als der Junge 16 war, gelernt habe, also was Parker ihm beibrachte. Und er sagt, übrigens ohne Bedauern, dass das nicht viel war. Fahrradfahren, Benzin sparendes Autofahren, das Funktionieren der Gangschaltung bei seinem 3-Gang-Ford Coupé. Verkaufen hätte er von ihm lernen können, das war die Passion Parker Fords, damit war er zufrieden, er strebte nach nichts Höherem, und das ist eben auch etwas, was zu lernen nicht so unwichtig ist. „Verkaufen war perfekt für ihn … Offenbar war er genau da, wo er hingehörte …”

Der zweite Teil des Buchs gehört der Mutter. Nach dem Tod ihres Mannes muss sie sich einen Job suchen, Geld verdienen. Sie arbeitet in einem Hotel, in einem Krankenhaus. Sie bekommt alles auf die Reihe, zeigt keine großen Gefühle und verlangt auch von ihrem Sohn keine großen Gefühle. Doch die Nähe zwischen beiden ist umso enger, auch wenn Richard weggeht zum Studium, auch, wenn er heiratet. Seine Ehe bleibt kinderlos, wie ja auch die Ehe seiner Eltern um ein Haar kinderlos geblieben wäre, und auch das hält seine Mutter ihm nicht vor.

Ich bin so alt wie Richard Ford. Meine Mutter war so alt wie seine Mutter, mein Vater so alt wie der seine. Da haben wir zwei Leben, die sich vergleichen lassen, eines in Amerika, eines im Osten Deutschlands. Auch das bietet Literatur. Ich habe meinen Vater nie bewusst gesehen, er kam aus dem Krieg nicht zurück, in den Fords Vater wegen seiner Plattfüße und Herzgeräusche nicht ziehen musste.

Ich wundere mich, dass Ford so wenige Ereignisse, so wenige Geschichten erzählt; es geht viel um Stimmungen, Vermutungen, Situationen, Bilder. Und viele, viele Fragen. Zweifellos hätte Ford leicht einiges erfinden können, um das Buch kompletter zu machen. Dass er es nicht getan hat, muss man als Tugend sehen.

„… es wäre unrecht, wenn ich ihm etwas zuschreiben würde, was ich gar nicht weiß. Meinem Vater. Dass wir das Leben unserer Eltern nur unzureichend erfassen, sagt nichts über ihr Leben aus.”

Richard Ford, Zwischen ihnen. Aus dem Englischen von Frank Heibert. Hanser Berlin