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Archive for November 2014

Diese verdammte Ungewissheit

Willkommen im schönen Oldenburger Land

Willkommen im schönen Oldenburger Land

Verdienstvoll und mehr als das, wenn sich Tatorte um aktuelle und soziale Themen bemühen, wie jetzt die Freunde vom Tatort Oldenburg mit Wotan Wilke Möhring und Petra Schmidt-Schaller an der Spitze. Es ging um syrische Kriegsflüchtlinge und war leider ein Schuss in den Ofen Ich meine, es gehört schon Hybris dazu, die Schicksale dieser Menschen verstehen und dramatisieren zu wollen. Als Zuschauer bekommt man Kopfschmerzen bei dem Namen-, Fakten- und Detailsalat. Töchter, die ihre Väter rächen wollen, Brüder, die Feinde werden; wo man keine schlüssige Handlung zustande bringt, hilft Kolportage. Den Kommissaren Katharina Lorenz und Thorsten Falke bleibt nichts weiter übrig, als sich zu besaufen und im Hotelzimmer übereinander herzufallen. Am Morgen danach sitzt Kommissarin Lorenz schon wieder topfit und ungerührt am Laptop, während Kommissar Falke unter der Bettdecke seinen Schlüpfer hochzieht und nur zu gerne wüsste, was passiert ist. Kam es zu einem einvernehmlichen Geschlechtsverkehr und kann man es überhaupt einvernehmlich nennen, wenn man sich selbst besoffen gemacht hat? Diese Unsicherheit wird ihn nicht mehr verlassen. Das war noch das Originellste, aber die Feuilletons meckern – sie meinen, dass die Möglichkeit einer Liebesnacht viel interessanter wäre als der Vollzug.

 

Mein Schloss soll auf der Brücke sein

Über diese Brücke geh ich lieber nicht © Christian Brachwitz

Über diese Brücke geh ich lieber nicht
© Christian Brachwitz

Die Verliebten schwören sich ewige Treue, befestigen das Vorhängeschloss am Brückengeländer und werfen den Schlüssel in den Fluss. Liebe braucht Bräuche, Zeichen, Signale. Was ich dir sagen will, sagt nicht mein Klavier, was ich dir sagen will, sagt mein Liebesschloss. Und was ich dir sagen will, sagt das Liebesschloss auch, es ist ja unser beider. Es hängt jetzt am Pont des Arts, der zum Louvre führt. Der Fotograf beobachtete eine Verliebte, die mit einem kleinen Elektrobohrer die Vornamen des Paares ins Schloss ritzte. Man kann das auch anfertigen lassen bei www.liebesschloss.de oder www.liebes-schloss.de. „Schließe den Ring der Liebe mit einem Liebschloss.” Liebe macht blind. Macht Liebe auch dumm? Wie wird aus einer schrulligen Idee eine Kampagne und aus einer Kampagne eine Seuche? In Paris und anderen berühmten Städten ächzen die Brücken unter der Last der Liebe und ihrer Schlösser. Touristenkollegen auf den Dampfern kriegen die weggeworfenen Schlüssel an den Kopp.

Auf der anderen Seite zeigt sich, was eine Idee vermag, wenn sie zur materiellen Gewalt wird. Das Liebesschloss von dir und mir vermag nichts, es vermag nicht mal, unsere Liebe zu retten. Aber die vereinigte Macht von 40 000 Schlössern kann Stadtverwaltungen zum Zittern und Brücken zum Einsturz bringen. So könnte man sich auch vereinigen, um etwas Konstruktives zu vollbringen. Auch muss die Frage erlaubt sein, ob so vielleicht Kunst entsteht. Die Einfalt der Vielfalt der Einfalt. Und sie soll ja auch wehtun, die Kunst, sonst ist sie keine Kunst. Und sie tut weh, daran besteht kein Zweifel.

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Von jetzt auf gleich

Rossmann erleuchtet den trüben November

Rossmann erleuchtet den trüben November

In den Rossmann-Drogeriemarkt trat eine Frau, die offensichtlich hier bekannt war, vielleicht eine im Urlaub befindliche Mitarbeiterin. Die Kassiererinnen begrüßte sie, indem sie munter durch die Halle rief: Alles schicki? Die Kassiererinnen antworteten ausweichend und fragten: und selbst? Super geht’s mir, bestens alles. Weiter hinten fragte sie wiederum, ob alles schicki sei, ja, ja, sagte die Damen, und schließlich, links, bei den Fotoautomaten, fragte eine Kollegin nun sie: Wie geht’s dir denn so? Ach, sagte die Frau, mir geht’s zur Zeit nicht besonders. Das ging aber schnell, dachte ich. So ist das denn wohl bei Frauen. Wer weiß, was ihr in diesen zwei Minuten durch den Kopf gegangen ist. Aber dieses alles schicki kann einen wirklich zur Weißglut bringen.

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Der Krimi wird zum Wunschkonzert

Düster ist das Lied des Krimis, auch in der Weihnachtszeit, die schon längst begonnen hat

Düster ist das Lied des Krimis, auch in der Weihnachtszeit, die schon längst begonnen hat

Kriminalhauptkommissar (KHK) Thorsten Lannert erschießt den hysterisch schreienden Supermarkteinbrecher und Geiselnehmer, der dem Wachmann die Pistole an die Schläfe hält, Finger am Abzug. Es ist ein Schuss in höchster Not. Jeder kann das nachvollziehen. Jeder versteht das. Wie es das Gesetz vorschreibt, muss Lannert oder eben sein Darsteller Richy Müller, dessen Nase nach dem Schuss gleich noch mal so lang wird, sich dennoch einem Verfahren stellen, und alles wäre in Ordnung, wenn nicht der arrogante Anwalt Pflüger den Polizisten (und seinen Kollegen Sebastian Bootz, dargestellt von Felix Klare) mit seiner zynischen Rabulistik attackierte und zum schießwütigen Monster machen wollte. Man hat sofort das Gefühl, dass die Dramaturgie hier die Wahrscheinlichkeit über die Maßen beugt, um den Fall zuzuspitzen. Ist es möglich, dass ein Polizist, der in äußerster und noch dazu per Videofilm dokumentierter Not handelt, derart auf die Seite des Unrechts gerät? Es ist Hass auf den ersten Blick zwischen uns Zuschauern und dem Anwalt, dem seine bigotte Ehefrau assistiert. Beide haben sich ein Robin-Hood-Image auf den Leib geschrieben: „Ich lasse die Bürger in ihrer Ohnmacht nicht alleine.”

Der Stuttgarter Tatort „Eine Frage des Gewissens” steht mit dieser Geschichte im krassen Gegensatz etwa zum Schweiger-Krimi aus Hamburg. Wenn da derart penibel nach jedem Notwehrschuss recherchiert würde, müsste der Film acht Stunden und länger dauern.

Für die immer wieder biedere Staatsanwältin fällt den Drehbuchschreibern in Stuttgart nach wie vor nichts ein. Sie sieht halt immer aus, als käme sie gerade aus dem Bett und fragt verträumt: Und? Gibt’s Neuigkeiten? Die Kommissare sagen da lieber nichts.

Als Entschädigung erfüllen die Autoren die innigsten Wünsche der Zuschauer. Der Anwalt, das Objekt unseres Hasses, ist, wie sich am Ende herausstellt, selbst kriminell und in den Fall verwickelt. Das ist allzu schlicht konstruiert, der Film wird damit zum Schmarren. Das hat Richy Müller nicht verdient.

Immerhin. Lorenz Jäger von der FAZ ist sehr zufrieden, dass eine Spur ins linksradikale Milieu führt, das seiner Meinung nach für gewöhnlich als harmlos dargestellt wird. Hier endlich mal nicht. Junge, Junge, wo leben wir!

Was aber ist modern

Solebten wir in den zeiten der Stagnation … © Christian Brachwitz

So lebten wir in den Zeiten der Stagnation …
© Christian Brachwitz

Es gehört viel Selbstverleugnung dazu, diese Szene aus dem Jahr 1978 in der Stadt Berlin nicht lächerlich zu finden. Ostberlin oder Westberlin? In der Frage liegt schon der halbe Witz. Aber was ließe sich Positives, Aufbauendes sagen? In Berlin, Hauptstadt der DDR, interessierten sich auch viele Rentnerinnen für moderne Haarpflege, wie sie etwa der Salon Hoppe, aber nicht nur der, als Serviceleistung anbot. Das waren ältere Damen, die ihre Haare nicht einfach zu einem Dutt zusammenbanden, sondern durchaus noch etwas aus sich machen wollten und mitten im Leben (oder kurz daneben) standen. Der Salon Hoppe war zwar geschlossen, aber man kann deutlich sehen, dass die Jalousie noch funktionstüchtig war. Es gab einiges zu sehen, es gab einiges zu besprechen und einiges zu lachen. Wir stehen vor einem Haus, das bürgerliche Zeiten gesehen hat. Diese Zeiten sind nicht vergessen und nicht verbraucht, auch wenn der Putz von den Säulen fällt. Eine Leiter steht schon bereit, auch wenn sie im Moment noch keine Lust hat zu arbeiten. („Nu fang’ wa gleich an.”) Die Frauen waren uneitel genug, ihre Brillen nicht zu verstecken. Sehen war wichtiger als gesehen werden. Sie trugen Schuhe mit hohen, aber sicheren Absätzen. Ihre wichtigsten Besitztümer waren die individuell verschiedenen Handtaschen, wie das überall auf der Welt der Fall ist.

Rätselhaft bleibt nach alldem trotzdem, wieso eine solche Frauenansammlung vor einem geschlossenen Salon zustande kam. Uns ist nicht bekannt, dass sich in der DDR auch Schlangen vor Frisiersalons gebildet hätten. Wurde der benachbarte Konsum gerade beliefert? War der Friseurmeister Hoppe wegen unkorrekter Steuern abgeführt worden? Man weiß es nicht, und man will es auch nicht wissen.

Das Genie muss hungern

Noch ein paar Schritte bis zum Grill Royal

Noch ein paar Schritte bis zum Grill Royal, irgendwo hier muss es sein

Manchmal glaubt man beim Lesen der Zeitung seinen Augen nicht zu trauen. Ich rede jetzt nicht über die Betonköpfe im vorderen Teil, die den Konflikt mit den Russen verschärfen möchten und sich die Krise ihres Blattes (es wird immer teurer und dabei dünner und fadenscheiniger) insgeheim damit erklären, dass es in Thüringen demnächst einen Ministerpräsidenten der Linkspartei geben könnte, nicht über sie rede ich, sondern über den freien Autor im Feuilleton, der offenkundig beleidigt ist, dass die FAZ ihn zur Plattenvorstellung Herbert Grönemeyers ins Berliner Grill Royal geschickt hat. Herbert Grönemeyer ist weit unter seiner Würde, das Grill Royal ist weit unter seiner Würde, und auch die versammelten Journalistenkollegen sind weit unter seiner Würde, denn Herr Ungerer fühlt sich als Nachfahr des legendären Gerichtsreporters Sling, kommt bei Grönemeyer auf die Weltkriegsromane von Arnold Zweig zu sprechen und verweist gerne auf dieses oder jene Buch, das er selbst geschrieben hat. Und nun sitzt er da, muss eine Stunde auf Grönemeyer warten und sich seine Songs (Deutschrock aus den Neunzigern!) anhören, sitzt unter lauter mittelmäßigen Journalistentypen, die blauäugig und gläubig Grönemeyer-Episoden erzählen, und seine Laune wird immer mieser, vor allem, weil er zu wenig Bier und zu wenig Schnittchen bekommt. Da fragt er sich natürlich: warum ich nicht, und warum kriegen die anderen so viel. Ich könnte es ihm verraten. Offensichtliche sind die Servicekräfte nicht so blöd, wie er meint, und haben in ihm den notorischen Nassauer erkannt. Da machen sie sich einen Spaß daraus, die Schnittchen haarscharf an seiner Nase vorbei zu den blassen Kollegen zu tragen, und das Genie muss hungern. Zur Rache zitiert er oder es (das Genie) Grönemeyer, der dann endlich auftaucht und für Ungerer wie Berti Vogts aussieht, nur in indirekter Rede. Ich vermute mal, Grönemeyers Sätze werden, durch Ungerers Mühle gedreht, nicht gerade besser.

Und noch wat aus dem Leben der Raucher

Wer hat meine Friedenspfeife geklaut?  Berlin Mitte. Rosenthaler Straße

Wer hat meine Friedenspfeife geklaut?
Berlin Mitte. Rosenthaler Straße

Das Hotel Sport in Jablonec war ohne Frühstück. Wir stiegen vom Berg in die Stadt hinunter und suchten nach einem Café. War gar nicht so einfach. Hinter der ersten Tür, die wir öffneten, war die Luft so dick, dass wir einen Hustenanfall bekamen. Hinter der zweiten Tür ebenfalls. Restaurants, in denen man raucht, waren wir nicht mehr gewöhnt. Ist das nun ein Fortschritt oder ein Rückschritt. Hinter der fünften oder sechsten Tür existierten sowohl ein Raucher- als auch ein Nichtraucherraum, die freilich ineinander übergingen, aber das war ja schon mal was. Wir hatten wirklich Knast und holten uns vom Tresen, was es eben so gab. Drüben, auf der anderen Seite der unsichtbare Grenze, zogen sie an ihren Zigaretten und tranken in Halblitergläsern das gute böhmische Bier. Der Tscheche ist sehr leistungsfähig, während wir einer Schicht angehören, die dank der westlichen Lebensweise ohne jede Widerstandsfähigkeit ist. So weit sind sie in Böhmen noch nicht herunter- oder heraufgekommen.

Aber warum rauchen sie auch bei uns in der Rennbahngaststätte in Berlin-Karlshorst? Ist das eine böhmische Enklave? Wohl kaum. Die Leute füllen da ihre Wettscheine für alle möglichen, vor allem Pferdewetten aus und beobachten unter großer Anspannung den Rennverlauf auf den Monitoren. Es geht um Haben oder Nichthaben, um Gewinn oder Verlust, aber wenn man die Gestalten in ihrem Zustand sieht, wohl auch um Leben oder Tod. Sie leben alle in einem Grenzbereich, und es ist wohl richtig, dass sie nicht mehr richtig atmen und nur noch durch das Ziehen an der  Zigarette Sauerstoff in einer nicht zu großen und nicht zu geringen Menge aufnehmen können. Insofern muss man ihnen das Rauchen einfach erlauben. Alles andere wäre Mord.

In den ersten zehn Jahren nach der Einheit hatte das Rauchen noch kein ganz schlechtes Image. Wir saßen in unserer Redaktion und kämpften ums Überleben der Zeitung. Jede Woche wurden die besten Köpfe (hier wäre übrigens das moderne Wort „selbsternannt” am Platz) des Teams zu einem Brainstorming zusammengerufen. Die Regel war, dass Ideen ausgespuckt werden sollten und jeder Einfall, mochte er auch noch so abstrus sein, gegen jeden Einwand geschützt war. (Wahrscheinlich waren es diese Brainstormings, an denen wir letztlich gescheitert sind.) Wir hatten ein paar karrierebewusste junge Männer aus besten Familien dabei. Ich glaube, dass sie eigentlich Nichtraucher waren, aber zu diesen Sittings tranken sie teuren Rotwein und qualmten dicke Zigarren. Sie waren sich ziemlich sicher, dass sie von den Frauen der Runde in diesen Momenten als Helden verehrt wurden. Dafür nahmen sie auch gern einen Durchfall in Kauf. Nach der Arbeit wartete nur eine Eigentumswohnung ohne Frau auf sie. Die Frauen wurden damals bei diesen Eigentumswohnungen noch nicht mitgeliefert. Also blieben sie so lange wie möglich in der Redaktion und rauchten sich die Hosen voll.