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Posts Tagged ‘Berlin’

Stadt-Tag I

Menschen, Mauern und Begriffe
© Fritz-Jochen Kopka

Ist das die Frau des Mannes von der Bausparkasse, hier auf dem Regionalbahnsteig in Karlshorst? Kann sein, aber ich stell mich lieber blöd, will keine Gespräche, nicht mal guten Tag wünschen oder so. Die war ziemlich von sich eingenommen, das kommt noch hinzu. (Bist du doch auch! – Das ist ja wohl noch ein Unterschied.)

Bedeutende Köpfe, Baltische Küche

Auf dem Weg zum Augenarzt. Da geh ich jetzt zwei Mal im Jahr hin. Tue einfach, was mir gesagt wird. Im E-Book-Reader liegt „Der versiegelte Engel” von Nikolai Leskow an, eine Erzählung oder Novelle oder Kurzroman, in der altgläubige Russen die Akteure sind. Sie sind so fromm und so schlicht, dass ihr Arbeitgeber, ein Engländer, aus dem Staunen über diese versunkene Welt, die sich immer noch behauptet, nicht herauskommt. Aus dieser Novelle erfährt man jede Menge Ungewusstes über die wahre Ikonenmalerei. Ich lese das im Zug, im Wartezimmer mit all den Patienten und ihren Problemaugen. Meine Augen sind so weit in Ordnung, ich kann wieder gehen mit meinem Hunger; das ist der Nachteil dieser frühen Termine. Im Restaurant mit Baltischer Küche in der Kochstraße hantieren sie schon am Tresen, aber die Tür ist noch zugesperrt. Ich hätte gern mal gewusst, wie so ein baltisches Frühstück daherkommt. Liegt da die Russenangst mit auf dem Teller?

Brot ist ein Kulturgut, Frühstück auch

Bei Steinecke an der nächsten Ecke betreiben sie einen regelrechten Kult mit ihrem Produkt, das Brot als Kulturgut, als treuer Begleiter wird regelrecht positiv dämonisiert. Ein großer heller Raum, hier sitzt eine, dort eine kleine Gruppe, und immer wieder tauchen Bauarbeiter auf. Das ist mir schon oft aufgefallen. Diese Bauarbeiter haben ständig Hunger. Oder sie empfinden das Essen als angenehme Abwechslung von ihren blöden Arbeit. Noch dazu können sie sich hier über einen an der Wand hängenden Artikel über die Unsicherheit auf Berliner Baustellen mokieren. Eins kann ich sagen: Bei Steinecke wird ordentlich gefrühstückt, die werden so schnell nicht untergehen.

Mein Erzgebirghaus, wie bist du schie

Am Checkpoint Charlie machen sie schon wieder Mauer-Reklame mit großen Buchstaben in deutsch, russisch und englisch. Ich vermisse das Wort Freedom, aber vielleicht habe ich nur falsch geguckt. Die Friedrichstraße verändert sich unablässig. Das hat nichts mehr mit der Straße zu tun, in der wir vor 20 Jahren die Wochenpost schrieben und der Schlagersänger Albert eine Schlager-Bar etablieren wollte, nicht zu vergessen der Architekt Pieper, der hier zum Ende der DDR ein großes Haus mit Spielcasinos und allen möglichen westlichen Unterhaltungseinrichtungen baute, das nach der Wende ungebraucht gleich wieder abgerissen wurde. Dafür haben wir hier nun ein Erzgebirgshaus und einen Bürgel-Shop, das berühmte blauweiße Porzellan.

Gespenst im besten Licht

Das links da ist kein Gespenst, sondern ein ausgedienter Wasserturm © Christian Brachwitz

Das links da ist kein Gespenst, sondern ein ausgedienter Wasserturm
© Christian Brachwitz

Das ist der Wasserturm am Ostkreuz in Berlin, ansonsten wird da gebaut. Der Bahnhof war lange marode. Schon in den DDR-Jahren fürchtete man sich vor der allfälligen Sanierung bei notwendigerweise laufendem Betrieb. Am liebsten hätte man dieses verrottete Stück Berlin aus der Stadt herausgeschnitten, aber ein Wunder des Malachias war nicht zu erwarten. Ich lese, dass seit 2006 an diesem Knotenpunkt gebaut wird, für mein Gefühl geht das schon seit Ewigkeiten so. Ganze Bahnsteige verschwinden, gewaltige Erdmassen werden bewegt und der Bahnsteig der Ringbahn hat bereits eine neue und auch imposante Glashalle. Kräne bewegen sich, die Bauarbeiter manchmal auch (nein, nein, sie sind fleißig. Arbeiten heißt nicht toben.). Die Passagiere rasen, um ihre Anschlussbahnen zu erreichen und nicht ewig warten zu müssen. In all dem Gewimmel versucht man auszuweichen und wird von hinten angerammelt. Das Imbisswesen ist in der neuen Halle schon auf der Höhe der Zeit. Nun ist auch noch ein Hostel eröffnet worden mit 1500 Plätzen, sagt man. Die jungen Touristen brechen von hier in die City auf und verstopfen Bahnhof und Bahnen erst recht; haben natürlich auch Orientierungsschwierigkeiten. Der Turm steht still und schweiget. Er ist die Konstante in dem Gewimmel. Mich oder mir, ich weiß es nicht, mutet er eher an wie ein Gespenst. Denn es ist ja so: Zu tun hat der Wasserturm schon lange nichts mehr. Wassertürme füllten die Tender der Dampflokomotiven. Das ist vorbei. So steht der Turm am Bahnhof Ostkreuz da wie ein Untoter. Neulich durfte ein Lokaljournalist ihn auf Anfrage von innen anschauen. Es ward ihm aufgetan. Er sah eine tote Taube und eine verirrte lebendige sowie viel Staub. Dann wurde er von wachsamen Wachleuten eingeschlossen und dank Handy wieder befreit. Das Schicksal der toten Taube blieb ihm erspart. Und auch das. Die Bahn hat den Turm verkauft. Sagt aber vorerst nicht an wen. Es ging ihr, der Bahn, nicht nur um Geld, sondern auch um die Art der Nutzung, so kennen wir sie. Es soll wohl auf eine gemischte Nutzung hinauslaufen. Turmatelier und Restaurant oder so. Ein Turm will kein Gespenst mehr sein. Ich aber freue mich über das schöne Licht auf diesem Bild.

Yellow Berlin

Wie kommt der Schatten des linken Arms dazu, sich so auszudehnen (falls die Frage erlaubt ist) © Christian Brachwitz

Wie kommt der Schatten des linken Arms dazu, sich so auszudehnen (falls die Frage erlaubt ist)
© Christian Brachwitz

Was hält der Athlet in der Hand? Ich fahre so nahe ran wie möglich, aber ich komme nicht dahinter. Es ist kein Wurfgerät, kein Staffelstab, vielleicht ein Stück Rohr. Wozu? Was will er damit? Warum holt er aus? Oder ist der Athlet kein Athlet, sondern ein Krieger? Will er – nein, eine Handgranate ist es auch nicht. Es ist auch keine Taschenlampe. Was wollte der Künstler ausdrücken, vielleicht meldet er sich mal. Nach meinem Gefühl stimmen auch die Proportionen nicht, es sieht so aus, als wäre der Mann ein Sitzzwerg, der Oberkörper ist sehr kurz geraten, dafür wollen die Füße gar nicht wieder aufhören. Wenn man die um die Ohren bekommt, mein lieber Mann. Das Interessanteste an der Figur aber ist ihr Schatten. Der Schatten verwandelt den Athleten oder Krieger in einen Veteran, den das Alter gebeugt und an den Stock gebracht hat. Sein erhobener Arm kann niemanden erschrecken, das ist eine hilflose Drohgebärde.

Kein Wunder, dass die Skulptur in eine stille Ecke gestellt wurde, zwischen Tor 2 und Tor 3 und umzingelt von einem Gelb, das den Augen weh und Berlin gut tut.

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Tagesnotizen des Rückkehrers

Tagesnotizen über die Tage hinaus

Tagesnotizen über die Tage hinaus

Im April 1950 ist Anders an Bord eines Überseedampfers. Der Emigrant auf dem Rückweg. „Mir scheint, seit Jahren hatte ich daran gezweifelt, dass Europa noch da ist … Das heißt also Nachhausekommen: weit hinter sich die Leichen der Eltern zurücklassen; im Schutt einer Stadt stochern, die man niemals gesehen hatte … Und doch ist man zuhause.” Die Stationen sind Southampton, Paris, Zürich und endlich Wien. Die ersten Eindrücke: das Dekorative der Ruinen (…die Ruinen „sind pathetisch nur dann, wenn sie von einer Welt Zeugnis ablegen, die als ganze verloren ist”). Das Deutsch, das er spricht, nachdem er zehn Jahre englisch sprach, ist überholt und altmodisch. Die Leute sehen ihn an, als spräche er in Versen. Die Wiener werden argwöhnisch, wenn er ihnen sagt, dass London oder Rotterdam viel stärker zerstört sind als ihre Stadt. Nur die Zerstörung des Eigenen gilt etwas, keine Empathie für die anderen.

1953 Reise durch Deutschland. „Wenn es zerfällt, wird auch das Erbärmliche bedeutend …”, sieht er in Köln. Acht Jahre nach Kriegsende hat er in Berlin das Gefühl, nur den Stadtplan zu durchwandern, nicht die Stadt.

1958 besucht Anders die Stätten der ersten Atombombenabwürfe Nagasaki und Hiroshima, er setzt sich dem aus. Für ihn hat hier die ›Abschaffung des Krieges‹ stattgefunden für etwas, das „ungleich furchtbarer ist als der Krieg”: die „Vertilgung”. Das ist die Aktion, „die grundsätzlich auf keinen Widerstand mehr rechnet.”. Anders scheut sich nicht, die Schrecken aufzuzählen, die hier dokumentiert sind, um immer wieder zu sagen: genug davon! Und sich sogleich wieder und wieder ins Wort zu fallen: nein, nicht genug! „Denn Entrinnen ist dir nicht gegönnt.”

Rom sehen. Das war der Traum des Sechzehnjährigen. Nun, mit 56 Jahren, erfüllt sich Anders den Traum und stellt fest: zu spät. „Sinnlos, die Steine anzurühren.” Der erwartete Zauber stellt sich nicht ein. „Versäumt bleibt versäumt … Erst Hunger ohne Speise, und nun Speise ohne Hunger.” Er ist kein Mann, der einer Illusion noch eine Chance gäbe, er nimmt die Entzauberung hin, ohne zu zucken; er will Erkenntnisse, er kommt zu Erkenntnissen.

Wie sowas enden kann: Fritz J. Raddatz hat es in seinen Tagebüchern erzählt. Er sucht Anders in Wien auf, sieht die unbeschreiblich ärmliche Wohnung, die dreckige Küche voller Reste geronnener Speisen, die arthritisch verformten Hände, den ungebrochenen Stolz: Sein Freund Hans Jonas „bekommt die Preise für die Bücher, die ich geschrieben habe.” Das ist 1988, vier Jahre, bevor Anders, neunzigjährig, in Wien stirbt.

Stolz und Hochmut des Migranten

Sprich, Erinnerung, sprich, das sind die Memoiren Vladimir Nabokovs bis zu dem Tag, an dem die Familie 1940 das Schiff nach Amerika betritt. Nabokov ist einen Tag älter als das Jahrhundert, er war gerade 18, als die Nabokovs Russland wegen der Oktoberrevolution verließen, aber schon ein ziemlich fertiger Mensch, wie man liest. Die Erinnerung spricht besonders gern und innig über die Kinder- und Jugendjahre in Russland, die Zeit in St. Petersburg, die russische Landschaft, das Leben auf den Gütern der Nabokovs, Ferienaufenthalte in Frankreich. Diener, Chauffeure, Privatlehrer, Gouvernanten, Eltern, Schwestern und Brüder, Onkel und Tanten werden bedacht; allzu große Ehrfurcht empfindet Vladimir vor niemandem, dazu ist er sich der eigenen Größe zu bewusst. Seine Leidenschaft ist die Jagd auf Schmetterlinge, Nabokov ist gleichsam schon als Lepidopterologe auf die Welt gekommen.

Nabokovs Erinnerungen, erschienen einst bei Rowohlt

Nabokovs Erinnerungen, erschienen einst bei Rowohlt

Kein Wunder, dass die Welt des Exils ihn nach dem Heimatverlust weitgehend kalt lässt. Da ein Mann wie Nabokov gewohnt ist, offener zu sprechen als die Masse der Menschen, erfahren wir von ihm Unerwartetes über die Gefühlswelt der Emigranten. Er lebte vorwiegend in Berlin und Paris „ein Leben unter völlig belanglosen Fremden, geisterhaften Deutschen und Franzosen, in deren mehr oder minder unwirklichen Städten … Diese Einheimischen schienen genauso flach und durchsichtig wie aus Zellophan geschnittene Figuren …”. Fremd ist der Fremde nur in der Fremde? Der Fremde vermag es nicht, sich selbst als fremd zu empfinden, fremd sind immer die anderen, in diesem Fall die Einheimischen. Man kommt kaum umhin, vom Hochmut des Eingereisten, des Gastes, zu sprechen, der aber verständlich ist, trägt er doch seine Welt im Kopf mit sich herum; und so stört ihn die neue, andere Welt, statt dass er ihr mit Neugier und Sympathie begegnen könnte. Jedenfalls mag das Menschen so ergehen, die derart vorgeprägt sind wie der Aristokrat Nabokov. Er drückt sich um das Wort Arroganz nicht lange herum. An Berlin und Paris interessierten ihn die Russen, die wie er emigriert waren; „unter den wenigen deutschen und französischen Bekannten (meistens Zimmervermieterinnen und Literaten)” hatte er in zwanzig Jahren „nicht mehr als zwei gute Freunde”. Es ist unter diesem Aspekt sicher falsch, wenn wir uns den Migranten als dankbaren und demütigen Gast vorstellen. Mehr als das braucht er seinen Stolz, um in den fremden Ländern nicht klein und hässlich zu werden.

Weg wohin und wohin weg

Berlin Hbf Fotos: Fritz-Jochen Kopka

Berlin Hbf
Fotos: Fritz-Jochen Kopka

Letzter Blick Berlin. Hauptbahnhof mit iPhone-Werbung. Ein Menschenauflauf. Polizei und viele Asiaten mit Anzügen und einem Abzeichen am Revers. Die Reisenden sind mehr oder minder gezwungen, Spalier zu stehen. Darf man fragen, wer hier geschützt wird?, fragt eine Dame. Der junge Polizist antwortet bereitwillig, aber unverständlich.

Reisegruppen, Paare, Individualisten. Der Connex, in dem ich sitze, akzeptiert keine Fahrkarten der Deutschen Bahn. „Dazu gehören auch das Länderticket, das Quer-durchs-Land-Ticket und das Schöne-Wochenendticket.” Was es alles so gibt. Aber der Connex gefällt mir, ist sauber, gut gelaunte Zugbegleiter, wenn man Hunger hat, kann man sich Brötchen kaufen oder Kaffee und Kuchen. Unter uns die Straße belebt mit zielstrebigen PKW. Neben uns vespernde Rentner nach der Lektüre der Computerzeitschrift. Und erlöse uns von der Deutschen Bahn.

Wenn Weiden trauern

Wenn Weiden trauern

Erster Blick Güstrow. Die Brücke über dem Nebel-River. Die Zweige der Weiden streicheln das Wasser. Das war schon immer so. Genauso wie es seit Unzeiten die beiden Kastanien auf dem Brunnenplatz gibt. Wenn du das siehst, scheint die Zeit von damals wieder anwesend zu sein und nichts ist passiert.

Der Vorbestand soll sichtbar bleiben

Der Vorbestand soll sichtbar bleiben

Der Schwebende oder auch schwebender Engel

Der Schwebende oder auch schwebender Engel

Die Domschule, die damals Kersting-Schule hieß, steht kurz vor dem Abschluss ihrer Rekonstruktion und ist – angesichts der Gefahr jugendlicher Amokläufer – mit modernster Sicherheitstechnik ausgestattet. Ist Pflicht und kostet ein Heidengeld. Im Dom schwebt wieder Barlachs Schwebender. Eine berühmte Plastik, die, als sie noch nicht berühmt war, bei den Einheimischen auf wenig Liebe stieß, und die Nazis haben sie zerstört. Es dauerte lange und bedurfte vieler Verwicklungen, bis ein Abguss des Schwebenden wieder an seinem Platz hing.

See ohne Vögel

See ohne Vögel

Auf dem Inselsee. Die Ufer bilden eine harmonische Freizeitlandschaft. Berühmt waren die Bootshäuser. Man konnte nicht daran vorübergehen, ohne an die Honoratioren und ihre Nachkommen zu denken, an Partys und Orgien, an Legenden und Gerüchte. Erinnerung an ein Praktikum. Wir haben das Ufer des Schulbootshauses befestigt. Pfähle in den Grund gerammt mit zotigen Sprüchen. Nach neueren Meldungen gibt es keine Vögel mehr am Inselsee. Ökoaktivisten haben die Freiheit der Tiere einer Nerzfarm erkämpft. Die Nerze, die keine natürlichen Feinde haben, wurden einerseits von Autos überfahren, andererseits räuberten sie die Vogelnester aus.

Ruhe am Schloss

Ruhe am Schloss

So kann man sich vielleicht einen Mittelstürmer von Hansa Rostock vorstellen, wenn man Humor hat. Das Schloss, das viele Geschichten seiner Zweckentfremdungen erzählen könnte, es hat immer auch etwas Unwirkliches, zumindest seit man die Schlossattrappe in Berlin gesehen hat. In unserer Kindheit war es Altersheim. Im Stadtbild wirkten die Leute aus dem Schloss meistens ziemlich schräg. Man erkannte sie sofort: die Schlossmucker.

Eis-Heidi am Markt

Eis-Heidi am Markt

Alte kaputte Fabrik

Alte kaputte Fabrik

Eis-Heidi am Markt 7. Eine der schönsten Geschichten, die der Restaurant-Tester Rach zu erzählen hatte, denn Eis-Heidi, die der Hilfe bedurfte, konnte sich lange Zeit nicht von dem Gefühl lösen, dass sie es besser wüsste als der Sterne-Koch. Am Ende war das Lokal aber doch gerettet.

Mitten in der Stadt. Ich dachte, hier hätte sich mal die Spirituosenfabrik G. Winkelhausen befunden, aber die gibt es ja noch, wenn auch mit jetzt mit bayerischem Eigentümer. Egal. In den Ferien zogen wir los, um Geld zu verdienen. In Gärtnereien, in der Bettfedernfabrik, in Baubetrieben. Bei Winkelhaken, damals volkseigen, haben wir es auch versucht. Heute ist die Spirituosenfabrik besonders stolz auf den Echten Rostocker Doppelkümmel.

Kunst im öffentlichen Raum

Kunst im öffentlichen Raum

Ostkreuz for ever

Ostkreuz for ever

Letzter Blick Güstrow. Der weiße Hai 5. Oder: Damit der Abschied nicht schwer fällt.

Wieder in Berlin. Bahnhof Ostkreuz. Baustelle Ostkreuz. Die Leute suchen ihren Weg. Die Züge kommen und gehen. Die Leute suchen immer noch.

Berlin, wie haste dir nich verändert

Sie hat noch einen Zylinder in Berlin © Christian Brachwitz

Sie hat noch einen Zylinder in Berlin
© Christian Brachwitz

Manche Orte in Berlin sind sich verdammt ähnlich. Das hier könnte in Kreuzberg, im Wedding oder in Neukölln sein, in einem dieser weniger wohlhabenden Westberliner Stadtbezirke. Die Fußgängerampel steht auf Rot. Selbstverständlich. Als Fußgänger bist du in Berlin der letzte Arsch, aber wirklich. Die Hälfte des Fahrdamms ist gesperrt. Am Kiosk geht’s um die Wurst. Jeder Kiosk behauptet, die beste Wurst zu haben. Berlin ist ’ne Wurststadt irgendwie, mal abgesehen davon, dass sich der Laden daneben – wenn ich mich nicht irre – Filet-Stück nennt. Die Fähigkeit der Berliner Geschäftsleute für ihre Läden, „ich sag mal”, originelle Namen zu finden ist grandios, besonders ausgeprägt bei den Friseuren. Und immer gibt es in Berlin mindestens ein Stück Grün. Rote Ampel, grüner Baum oder Busch oder Topfpflanze  oder Unkraut. Und ein Plakat. Berlin heute morgen gestern, alles zusammengefasst im Musical „Ich, Marlene”. Der alte Fritz, das junge Genie am Flügel und der Zeppelin in den Lüften, nein, er wird nicht brennen. Und Marlene in Frack und Zylinder, von der der Kritiker Kenneth Tynan sagte: „Sie hat Sex, aber kein Geschlecht”. Als sie nach Hollywood ging und sich dem Starsystem unterwarf, hungerte sie sich 30 Pfund ab. Könnte mir vorstellen, dass diese verlorenen 30 Pfund dafür verantwortlich sind, dass sie nicht glücklich wurde und letztlich wie Heine in Paris in einer Matratzengruft lebte, aus der heraus sie mit Grabesstimme zu Maximilian Schell sprach. Aber sei’s drum: Wenn sie „Lili Marlen” singt oder „Wenn ich mir was wünschen könnte” mit dieser müden, starken, lasziven Stimme, kriegen wir nach wir vor Gänsehaut. Und wenn die Ampel von Rot auf Grün schaltet, steigt Marlene aus dem Plakat heraus und setzt sich aufs Rad, das natürlich ein Herrenfahrrad sein muss. Verlässt diese Ecke Berlins und landet in einer anderen Ecke Berlins, die genauso aussieht.