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Archive for August 2017

Remember Mörike

Eduard Mörike trug eine modische Brille

Ich komme zufällig auf Eduard Mörike. Lese „Maler Nolten”. Eine recht ausgedehnte Novelle im relativ hohen Ton verfasst. Um Proportionen haben sich die Literaten vergangener Zeiten keine Sorgen gemacht, vielleicht in der Hoffnung, dass eine Masse Text auch eine Masse Geld bringt. Vielleicht waren sie auch einfach schreibverliebt. Dann ist hier noch ein Reclam-Bändchen von 1983, „Halb ist es Lust, halb ist es Klage”. Lyrik und Prosa. Ich suche nach Mörike-Gedichten, die mir in der Schule begegneten. Das berühmte „Er ists”. „Frühling lässt sein blaues Band/Wieder flattern durch die Lüfte … ” Manchmal dachte man, es sei von Eichendorff. Und hier: „Novembermorgen”. Unser blutjunger, sächsischer Deutschlehrer versuchte, es hochdeutsch vorzutragen. „Bald siehst du, wenn der Schleier fällt/Den blauen Himmel unverstellt/Herbstkräftig die gedämpfte Welt/Im warmen Golde fließen.” Er hatte wohl vor, die Magie der Verse rüberzubringen. Dabei dehnte der das u bei unverstellt ins Uuuuunermessliche, und aus dem e bei herbstkräftig machte er einen Vokal, wie wir ihn noch nie gehört hatten. Dabei verzerrte er sein Gesicht zur Grimasse. Wir alberne Bauernkinder wollten uns ausschütten vor Lachen.

Schließlich fällt mir noch ein Gedicht auf, das ich nicht von früher kenne, das mir aber auf Anhieb gefällt.

In Gedanken an unsere deutschen Krieger

Bei euren Taten, euren Siegen

Wortlos, beschämt hat mein Gesang geschwiegen,

Und manche, die mich darum schalten,

Hätten auch besser den Mund gehalten.

Wahrscheinlich fand ich Gefallen an dem Text, weil er mich an unsere deutschen Krieger bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in London denken ließ. Und an unsere deutschen Reporter, die den Mund nicht halten durften, auch bei den vielen Niederlagen nicht, und auch nicht bei den zahlreichen Wettkämpfen, die vorsorglich ohne deutsche Beteiligung stattfanden. Wir, dachte ich, arbeiten an unserer Unsichtbarkeit. Warum nicht. Am Ende sorgen nun die Speerwerfer und Zehnkämpfer und eine Hürdensprinterin doch noch dafür, dass wir sichtbar sind. Worauf soll man sich nun einstellen?

 

Hier ist der Feminist

Der Deutsche Wortschatz: Mensch. Lebensalter.
De Gruyter 1970

Wenn er läuft, denkt der Feminist nicht übers Laufen nach. Ihm schießt das Wort Matrone in die Birne. Das ist, findet er, während er läuft und läuft, kein angenehmes Wort. Welche Frau möchte heute gern als Matrone bezeichnet werden. Aber was das eigentlich Schlimme ist, denkt der Feminist, während er schon seine zweite Runde läuft: Es gibt kein Gegenwort für die Matrone. Kein gleichwertiges Maskulinum. Wie es ja auch schon bei dem herablassenden Fräulein der Fall ist. Wie erklärt sich das? Das ist doch total sexistisch. Es gibt doch weiß Gott ältere, füllige Männer, wohin man schaut (und sei es in den Spiegel). Warum gibt es für sie keinen Begriff? Gut, Patrone kann man sie nicht nennen, das Wort ist besetzt. Aber Patronus? Das könnte gehen. Warum macht sich hier niemand Gedanken? Warum setzt sich niemand für Geschlechtergerechtigkeit ein? Nur eben der Feminist.

Er schaut in die Wörterbücher. In „Wörter und Gegenwörter. Antonyme der deutsche Sprache” (VEB Bibliographisches Institut Leipzig 1984) taucht das Stichwort nicht auf. Klarer Fall, man hätte ja kein Gegenwort aufzubieten gehabt. Auch in „Das Deutsche Wort” von Richard Pekrun, Leipzig 1933, ist das Stichwort nicht vorhanden. Das verwundert schon. Das Wort und das, was es bezeichnete, muss es ja gegeben haben. In „Der Deutsche Wortschatz” von Franz Dornseiff, De Gruyter Berlin, New York 1970, soll es angeblich unter Kapitel 2 „Pflanze. Tier. Mensch (Körperliches),”, Abschnitt 15, „Weib” stehen, ist da aber nicht auffindbar, auch nicht in Abschnitt 21 „Geburt”, dafür in 24 „Mittleres Lebensalter” zwischen „älterer Herr” und „bemoostes Haupt” und in 25 „Hohes Alter” zwischen „Hexe” und „Mütterchen”. Im Duden (Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich) 1991, steht Matrone für „ältere, ehrwürdige Frau, Greisin, abwertend für ältere korpulente Frau”. Im dtv-Lexikon 1991: „bei den Römern die freigeborene verheiratete Frau; jetzt allgemeiner: ehrwürdige, ältere Frau; auch abwertend gebraucht.”

In den neuen Duden habe ich noch nicht geschaut. Da sieht man wahrscheinlich die Matrone vor lauter Neologismen nicht. An der Sprache muss weiter gearbeitet werden, und nicht nur an der neuen.

Die Demut unter der Sonne

Stell dich mitten in die Sonne und verlier die Nerven nicht
© Christian Brachwitz

In verregneten Sommern sind die unerwarteten Sonnentage besonders belastend. Auf die gnadenlose Hitze sind wir nicht mehr eingestellt. Die Losung des Tages ist die Flucht in den Schatten, nicht mehr wie früher, als wir Kinder waren, der Ausflug an den See. Wir sind in Berlin am Ostkreuz. Ich wüsste nicht, wo da viel Schatten wäre. Ostkreuz wurde gemieden. Schlimm genug, wenn man da umsteigen musste. Wir kennen in Berlin Ostkreuz, Westkreuz und Südkreuz. Nordkreuz nicht. Kreuz heißt hier nichts weiter als Knotenpunkt. Hier kreuzen sich die Bahnen. Ich konnte mich nie von dem Gedanken lösen, dass es mit diesen Orten auch ein wahres Kreuz sei. Mit dem Ostkreuz noch mehr als mit dem Westkreuz. Es bröckelte so langsam vor sich hin. Jetzt wird es aufgewertet. Es tut sich viel. Wir nehmen es nicht wahr. Einmal schlimm, immer schlimm. Die junge Frau in der Mitte des Bildes lässt mich daran denken, dass sie in den heißen Ländern mit der gnadenlosen Sonne viel besser umgehen können. Der Tagesablauf ist darauf eingerichtet, dass man der Sonne aus dem Weg geht. Sie haben dort so gebaut, dass überall schöne Schattenplätze entstehen. Und außerdem sind sie im Besitz einer ganz anderen Demut. Gehst du zur Sonne, vergiss die Demut nicht. Aber du musst sie erstmal haben. Die Demut.

Der Schlaf des Gerechten (9)

„Es soll aber kein Tod sein, sondern ein hundertjähriger tiefer Schlaf.”
© Kopka

Auf dem Alexanderplatz fand eines der vielen ununterscheidbaren Feste mit den immer gleichen Buden und den hoffnungslosen Angeboten statt, von denen das eine oder andere dann doch nachgefragt wird und seinen Mann ernährt. Nur die Touristen können daran noch Gefallen finden, alle anderen zeigen ihr Desinteresse und die Händler verbergen ihre Depression. Am Osteingang des Bahnhofs lagen zwei Männer, die der stickige Augusttag (und nicht nur der) an den Rand ihre Kräfte gebracht hatte. Zwei Helden am Ende der Schlacht, die sicher nicht gewonnen wurde. Immerhin war man mit dem Leben davongekommen. Oder wenn man so will: Die gute weise Frau hatte den Todesfluch der bösen weisen Frau in einen tiefen hundertjährigen Schlaf verwandelt. Wie Königssöhne erschienen zwei Ordnungshüter, die sich anschickten, die beiden Dornröschen wachzuküssen. Zunächst rüttelten sie an den Schultern, dann entwanden sie dem einen Schläfer eine noch zu drei Vierteln volle Schnapsflasche. Als auch darauf keine Reaktion erfolgte, wussten sie wohl, dass sie die rechten Königssöhne nicht waren oder dass die hundert Jahre Tiefschlaf noch nicht an ihr Ende gekommen sein konnten. In der Mitte zwischen den zwei Dornröschen stand ein Plastikbehälter, in den man Geld hätte hinein werfen können. Vielleicht hätte es die zwei Dornröschen munter gemacht, wenn da ein paar Scheine hineingefallen wären, doch dazu kam es nicht. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann schlafen sie noch heute.

Der Mann, der Granatowski hieß

August 6, 2017 1 Kommentar

Wanderer, kommst du ins Ostseestadion, wirst du absurde Sachen erleben
© Kopka

Wir armen Hansa-Rostock-Schweine wähnten uns auf einem guten Weg und warteten auf das Ereignis, das uns von diesem Weg abbringen würde. Es war der Mann, der Granatowski heißt. Nico Granatowski, SV Meppen, ein Kicker von quadratischer oder eben granatenhafter Statur, stoppte den guten Lauf unseres neu zusammengestellten Teams. Mitte der ersten Halbzeit sprang Granatowski unseren Spielmacher Amaury Bischoff von hinten an. Er quetschte seine Brust, er würgte ihn am Hals, er zerrte und drückte, er saß in seinem Nacken wie der böse Geist im Märchen, den du nicht los wirst. Wir armen Hansa-Rostock-Schweine sahen die Angst und den Schmerz in Amaury Bischoffs Gesicht. Für ihn musste klar sein, dass dieser Mann auf seinem Rücken ihn ermorden wollte. In seiner Todesangst schlug er mit den Armen nach hinten aus und traf Granatowski an der Wange. Wir haben selten einen Schiedsrichter erlebt, der die ständigen Reklamationen der Meppener Kicker bei einem Pfiff gegen sie so freundlich hingenommen hat wie der biedere Thorben Siewer aus Westfalen. Aber hier zeigte er seinen Sinn für die Umkehrung der Sachverhalte. Amaury Bischoff, der sich eben freute, dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen zu sein, zeigte er die Rote Karte. Granatowski konnte sich mit Gelb geradezu geehrt fühlen. Wir meinen, wenn Monsieur Siewer das Foul Granatowskis rechtzeitig gepfiffen hätte, wäre Bischoff gar nicht erst in diese lebensbedrohliche Lage gekommen. Okay. Wir spielten 65 Minuten in Unterzahl. Meppen ging in Führung, wir glichen aus. Die Geschichte wäre unkomplett, wenn nicht Granatowski in der 88. Minute mit einer Granate, wie sie nur einem Kampfschwein gelingt, für den Sieg der Meppener gesorgt hätte. Ausgerechnet Granatowski, der längst hätte vom Platz gestellt sein müssen. Er wusste immerhin, was sich gehört. Nach dem Abpfiff bedankte er sich beim Schiedsrichter mit einem warmen Händedruck für diesen absurden Sieg.

Sehen, um zu sehen oder so

Dahinten geht’s dann scheinbar nicht mehr weiter
© Kopka

Der FAZ-Kulturredakteur Platthaus möchte eine feinsinnige Würdigung der verstorbenen Jeanne Moreau schreiben. Er ist im Feuilleton der FAZ der Mann für Cartoons, Donaldismus und alle Fälle, dazu zählt dann auch Film. Wie fängt er seine Würdigung an? „Wo immer man sie auch sah, war sie gar nicht zu übersehen.” Wie schade, dass Jeanne Moreau das nicht mehr lesen konnte. Sie hätte gelacht und würde vielleicht noch leben.

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Wir sind draußen na und

Im Haus der Fußballkulturen ist Platz für alle
© Kopka

Die Fußballeuropameisterschaft der Frauen ist nicht tot. Sie ist nicht einmal vergangen. Diesen toten Eindruck macht sie nur, weil wir deutsche Frauen im Viertelfinale ausgeschieden sind. Das ist uns wohl noch nie passiert. Sechs Mal in Folge wurden wir Europameister und waren ziemlich sicher, dass dieses Turnier in den Niederlanden den siebten Titel bringen könnte.

Das Drama in den Medien war groß, als wir mit 1:2 gegen Dänemark ausschieden. Steffi Jones, die noch ziemlich frische Trainerin, wurde in Frage gestellt und überhaupt so ziemlich alles. Aber wo ist, verdammt, das Problem? Das Wunder, dass wir sechs Mal den Titel holten, ist viel größer als das (negative) Wunder jetzt eben ausgeschieden zu sein. In den Jahren unserer Dominanz, die so erheblich auch nicht war, haben wir offensichtlich verlernt, zu verlieren wie eine gestandene Frau, in aller Sachlichkeit und ohne emotionalen Überbau. Die Däninnen spielten frischer, fröhlicher, einfacher, wie eben Fußballerinnen, die noch nicht viel gewonnen haben. Sie schleppten nicht den Rucksack einer glorreichen Tradition mit sich herum. Unsere Frauen ging diese Lust, zu spielen und zu treffen, ab. Sie machten ihre Tore mit Elfmetern und nach Torwartfehlern; viel mehr war da nicht. Und doch hätten sie auch gegen Dänemark den Ausgleich und das Elftmeterschießen schaffen können, aber im Fußball spielt das Glück eine nicht unwesentliche Rolle. Und mehr noch als bei den Männern gibt es im Frauenfußball jede Menge Zu- und Unfälle, die eine Rolle spielen, wenn es um Sieg oder Niederlage geht. Wir sehen sehr deutlich das Konzept, das die Trainerin vorgegeben hat, und wir sehen, was bei der Umsetzung alles nicht klappt. Es hat wenig Sinn, den Frauenfußball mit Männerfußballaugen zu sehen. Der Reiz liegt ja gerade in der größeren Zufälligkeit, den schrägen Situationen, den verrutschten Schüssen. Deshalb ist es, Claudia Neumann vom ZDF, sinnlos, den Frauen schon im Moment der Aktion allwissend ihre Fehler vorzuhalten, schlechtes Abspiel, viel zu langsam, zu eigensinnig, zu wenig mannschaftsdienlich. Das macht die Reportage zu einem absurden Worthülsenstück. Auch wenn der Frauenfußball sich in den letzten Jahren enorm verbessert hat, er ist und bleibt eine Wundertüte. Nehmen wir ihn, wie er ist. Stellen wir uns der Tatsache, dass wir Verlierer sein können. Wir müssen es aber auch wirklich können.