Archiv

Archive for August 2017

Irre unter Irren

Eigentlich ganz schön hier

Geschwisterliebe

Holger sitzt mit Helga unter der Markise vorm Haus, ein Bild wie Philemon und Baucis; die reine Güte. Aus dem Inneren des Hauses feuert Heinz einen grandiosen Furz ab. Das kann nicht wahr sein, johlt Holger. Helga schweigt und lacht auch nicht. Heinz ist ihr leiblicher Bruder.

Aus dem Leben eines Läufers

Am Ende der ersten Bahn spielt – auf dem Weg mitten im Wald – eine Kitagruppe. Die Kindergärtnerinnen erzählen sich ihre Sexgeschichten, und die Kinder taumeln autistisch über die Wege. Die scheren sich um nichts. Der Läufer muss Slalom laufen. Man kommt anscheinend auf die Welt und denkt, man ist da allein, obwohl man allein ja keine drei Tage überleben könnte. König der Welt ist das Herz, das sich liebt.

Ungeahnte Aussichten

Otto Mohtor schleicht mit schussbereiter Kamera die Straße runter, in der sein Zweit-Haus steht. Ich weiß auch warum. Der Nachbar seines verlassenen Hauses hat sein Auto vor Ottos Ausfahrt geparkt und ist in Urlaub gefahren. Da ist ein Beweisfoto fällig. Den Nachbarn, der eh nicht mit ihm redet, wird er anzeigen, obwohl Otto die Ausfahrt seit Jahren nicht mehr benutzt. Der wird abgeschleppt, das kostet mindestens 260 €, reibt er sich die Hände. Ich sage, eigentlich ist das nicht okay. Der Staat sackt das ganze Geld ein; du solltest mindestens 50 Prozent davon bekommen. Der Gedanke, um nicht zu sagen: das Geschäftsmodell,  gefällt Otto Mohtor. Ich sehe, wie es in seinem Gehirn rattert.

Ehe für alle

Lebt … in einer Beziehung mit einem BMW.

Kategorien:Short cuts Schlagwörter: , , , ,

Alles von Adel

Sanfter Anstieg zum Schloss
© Kopka, ADe

Während wir in Griebnitzsee auf den 616er Bus warteten, trat ein junger Mann auf uns zu, der kaum noch gehen oder stehen, aber noch lächeln konnte, und bat um eine Zigarette. Wir sind Nichtraucher. Er war sehr enttäuscht, wie tief die Menschheit schon gesunken ist. Im Bus legte er den Kopf auf die Rückenlehne und schlief ein bisschen. Einen jungen Farbigen fragte er aufwachend abermals nach einer Zigarette, aber auch der war Nichtraucher, und der Glaube des Rauchers an die Menschheit war auf dem Tiefpunkt. Er stieg bei der nächsten Haltestelle aus, schwankte die Stufe hinunter und fiel in eine Hecke. Mit Lulle wär das nicht passiert. Wir wollten zum Park Babelsberg, einst von Peter Joseph Lenné angelegt und von Fürst Pückler fortgestaltet, und da waren wir schon, am Pförtnerhaus I.

Die Touris sind erstmal baff

Es war nicht leicht, im Netz etwas Handfestes über den wegen seiner Grenzlage verwahrlosten und nun wiederhergestellten Park zu erfahren, aber nun sahen wir die lichten Weiten der sanft geschwungenen Wiesen und Schlossterrassen, strukturiert von Baum- und Buschgruppen, fassten über den Tiefen See und die Havel hinweg das andere Ufer und die Glienicker Brücke ins Auge und entdeckten auch die künstliche Quelle und den Bachlauf, Teile des Pücklerschen Bewässerungssystems, von einer Dampfmaschine betrieben, was zu seiner Zeit eine Innovation war.

Highlife im Café Babel

Im Schloss, einem Schinkelbau, dessen Fassaden und Dächer jüngst rekonstruiert wurden, kannst du die Ausstellung Pückler.Babelsberg besichtigen, wenn du zehn Euro zahlst und dich in ein noch nicht ausverkauftes Zeitfenster einsortieren lässt, in unserem Fall 14.20 Uhr, da haben wir noch viel Zeit und lassen uns am Café Babelsberg nieder neben einem Potsdamer Ehepaar, das nicht gerade glücklich ausschaut. Der Kaffee ist lauwarm, klagt die Frau, sie haben die Milch aufgeschäumt, aber nicht erhitzt.

… und keine Frage offen

Die Bratwurst ist auch ’ne Katastrophe, sagt der Mann. Das kann er nur von früheren Besuchen wissen, denn heute hat er in einer profimäßigen Tupperdose – ich sag mal – leckere, selbst belegte Brötchen mitgebracht, die er mit einer gewissen Heimlichkeit unterm Tisch hervorzaubert. Den Kaffee zurückgehenzulassen, hat die Frau keine Lust, ist ihr zu anstrengend.

Ich meine, auch wenn die Potsdamer Verantwortlichen auf Schritt und Tritt zeigen wollen, dass sie verstanden haben, wie die Marktwirtschaft funktioniert, kann das doch nicht die wunderbaren Schwünge der Schlossterrassen verderben, auch wenn hier und da ein paar unmotivierte mickrige Beete und Gruppen von Topfpflanzen den Eindruck verniedlichen.

Sieht aus wie Kitsch, ist aber Gartenkunst

Wer hat die Töpfe vergessen?

 

Ist hier der Treffpunkt zur Führung?

Hier ist der Eingang des Zeitfensters, sagt die streng uniformierte Wärterin, uns gleichzeitig bestätigend und korrigierend. Das Wort Zeitfenster macht hier Karriere. Nun ja. Eine Führung gibt es auch nicht. Wir sehen in suboptimal ausgeleuchteten Räumen Porträts und Zitate der handelnden Personen, Hermann Fürst von Pückler-Muskau, Preußischer Gartendirektor Peter Joseph Lenné, Augusta, deutsche Kaiserin und Königin von Preußen, Wilhelm I., deutscher Kaiser und König von Preußen. Der Erkenntnisgewinn hält sich in Grenzen, ist auch nicht so wichtig. Die Natur, auch in ihren noch verwilderten Bereichen, obsiegt sowieso.

So transportierte Fürst Pückler umzupflanzende Großbäume

Wir verlassen den Park hinter dem Flatowturm und sind schon fast in Potsdam. Noch ein Stück mit der Tram, Platz der Einheit, wir sind mitten in der Stadt, aber für unseren Geschmack fängt sie immer noch nicht richtig an. An solchen Tagen kannst du lernen, Potsdam zu hassen. Es scheint die flachste Stadt der Welt zu sein. Die Straßen schnurgerade, ohne je eine mutwillige Biegung zu beschreiben, die Häuser kommen kaum über ein erstes Stockwerk hinaus. Kein Wunder, dass für den Abriss des Hotelhochhauses gekämpft wird; das passt hier einfach nicht. Die Potsdamer genießen den Vorzug, jeden Tag an Schlössern vorbei durch königliche Gärten und Parks zu wandeln; was soll ihnen noch die Stadt!

Potsdam ganz bei sich

Die Wirte haben ihr Mobiliar unter die großen Sonnenschirme auf die Straße gestellt, und es sieht jedesmal so aus, als würdest du hier lange warten und für ein mäßiges Essen einen saftigen Preis bezahlen müssen. Kann nur so ein Eindruck von uns sein, gegen den man sich aber nicht wehren kann. Also bleibt als kleinster gemeinsamer Nenner eine Pizzeria, während sehr viel Übergewicht stolz und aristokratisch gestimmt an uns vorüberzieht. Auch auf die Pizza müssen wir lange warten, dafür hat der Pizzabäcker an den scharfen Salamischeiben vorbildlich gespart. Wir fühlen uns bestätigt und sind versöhnt. Gibt sone und solche. Und Potsdamer!

Ende und Anfang der Welt

Unweit vom Acud: Sommerabend im Park am Weinbergsweg
© Kopka

Freiwillig würde ich in einen Dokumentarfilm wohl nicht gehen, in dem zwei junge Menschen über ihre Weltreise berichten. Aber wozu hat man Freunde mit ihren Empfehlungen: „Weit. Die Geschichte von einem Weg um die Welt.” Das war im KunstHaus Acud in der Veteranenstraße. Ein Hinterhaus. Unten Club, Gallery, das Kino im zweiten Stock. Wir sind nicht die Einzigen im Zuschauerraum, im Gegenteil, das Kino ist gut besucht, es gibt auch Popcorn, etwas weiter weg von uns.

Gwendolin Weisser und Patrick Allgaier habe die Weltreise und den Film gemacht, in dem sie immer Gwen und Patrick sind, in China sogar Gawen und Paterrieke. Serbien, Bulgarien, Ukraine, Kasachstan, Tadschikistan, Iran, Pakistan, Russland, Indien, Nepal, China, Japan, Mexiko, Guatemala, Spanien, Frankreich, Schweiz: Die Idee war, so weit nach Osten zu gehen (und zu trampen), bis sie über den Westen wieder zu Hause, in Freiburg, ankommen. Eine Reise zum Ende und Anfang der Welt. Am Anfang singt Gwen einem Fahrer „Hänschen klein ging allein, in die weite Welt hinein” vor. Da ist sie mir echt zu aufgedreht, aber das gibt sich. Die Wege sind immer viel weiter als gedacht, sie gehen durch die große Hitze und die klirrende Kälte. Tag und Nacht scheinen nicht aufhören zu wollen. Sie gehen durch gefährliche Länder, und sie erfahren, dass das, was wir über diese Länder aus den Medien wissen, und das, was sie dort tatsächlich erleben, nicht miteinander vergleichbar sind. Gwen und Patrick haben an den Leuten, die sie treffen, ein natürliches Interesse, sie kritzeln ständig etwas in ihre Notizbücher, sie werden ihre Namen nicht vergessen. Sie schlafen im Zelt und beim sogenannten Couchsurfing, denn es gibt in allen Ländern der Welt Menschen, die gerne Reisende aufnehmen, die gerade den Globus erfahren. Alles wird anders, als Gwen schwanger ist. Sie beschließen, dass sie das Kind in Mexiko zur Welt bringen wird. Mit dem Containerschiff geht es von Japan dorthin. Der Sohn der Weltbürger heißt Bruno, er hindert sie nicht, die Reise fortzusetzen, sie kaufen einen kleinen Bus, der sich als fast irreparabel herausstellt. Als sie sind endlich nach drei Jahren und 110 Tagen wieder zu Hause sind, kann Bruno längst laufen.

Bei so einer Reise, das war mein Gefühl, hast du vielleicht eine Überlebenschance von 50 Prozent. Wie kann es sein, dass den beiden in den gefährlichen Ländern nichts Schlimmes passiert ist? Nicht bestohlen, nicht geschlagen, nicht verhaftet, nie auseinandergerissen worden? Nicht erfroren, nicht ertrunken, nicht verunglückt? Haben sie das aus dem Film rausgelassen, um ihr positives Weltgefühl rüberzubringen? Vielleicht liegt es aber am besonderen Talent geborener Reisender: Sie sind ohne Arg, treten den Leuten mit einer solchen Offenheit, einer heiteren bei Gwen, einer diskreten bei Patrick, gegenüber, dass sich überall das Verbindende herstellt. Das war kein Glück, so ähnlich sagt es Patrick, wir hatten nur kein Pech. Am Ende sind auch wir skeptischen Zuschauer den beiden nahegerückt. Und unser Weltvertrauen ist gestärkt.

Das Elend am Grill

Lieber in Sevilla essen
© JuE

Grillen bei Otto Mohtor. Ich ahne Ungemach, weil wir fünf Minuten zu spät sind (Dora wollte auf den letzten Drücker noch zwei Gemüsespieße fertiggestellt bekommen).

Mohtor öffnet in Turnhemd und Schlabberhose, er bekennt sich zu seiner von Krankheit und Alter gezeichneten Figur. Dora hat ein feines Kleid angezogen, aber Otto denkt nicht daran, seine Kleiderordnung zu ändern. Er findet sich auch so schön. Jede Menge Pflaumen und Äpfel an den Bäumen. Er hat seinen großzügigen Tag und bietet sie uns eimerweise an. Der Tisch ist gedeckt, ein Salat, mit Folie geschützt, alles ein bisschen lieblich, um nicht zu sagen schwul. Er singt ein Loblied auf den Hirtensalat im Plastikbecher; wie bunt der ist, was da alles drinnen ist und wie gut der schmeckt. Üppig wird es bei ihm nie. Er hatte fünf fingerdünne Bratwürste, ein paar magere Hähnchenbrustfilets und Putenschnitzel, ein Kräuterbaguette. Dora flüstert mir öfter mal ins Ohr, dass ich ihn doch um Himmels willen öfter mal loben möge.

Der Garten des Nachbarn nach dem Umbau durch die Firma aus Potsdam Mittelmark im beklagenswerten Zustand, viel Geld, wenig Geschmack. Gleich dahinter werkelt der Ökologe/Musiklehrer, der als Kopfbedeckung ein an den vier Ecken verknotetes Taschentuch trägt, Fünfziger-Jahre-Look, immer noch als schick empfunden.

Den Grill hatte Otto Mohtor noch nicht angeworfen, bei ihm geht das nämlich immer sehr schnell, klärt er uns auf, mit einem Lötkolben und einer Heißluftpistole. Für uns ein bisschen zu aufregend. Zum Grillen selbst benutzt Otto Grillzangen, in die er das Grillgut einklemmt, die sind anschließend leicht zu säubern, und er ist nicht konfrontiert mit den schwarzen Rückständen der Roststäbe, allerdings bleibt das Fleisch ein bisschen blass, um nicht zu sagen leichenblass. Vier Bier hat er in den Kühlschrank gestellt, ich kann – mit großer Geste – auswählen zwischen den vier Billigsorten.

Als es sozusagen am schönsten ist, beginnt es zu regnen. Otto stellt mehrere Schirme auf, aber es nützt nichts, wir müssen rein. Nach zehn Minuten stellt er fest, dass er seinen Fotoapparat und den elektronischen Garagentüröffner im Regen vergessen hat, das könnte alles ruiniert sein, und wir wären schuld (wir haben ihn abgelenkt). Am Ende serviert er Grappa, was ganz Feines, die Flasche für 12 €, prahlt er. Dora bricht in Gelächter aus, die Flasche erkennt sie wieder, die hat sie ihm mal vor Jahren geschenkt, hat auch deutlich mehr als 12 € gekostet; da hätte er noch extensiver prahlen können. Letztlich kommen wir ungeschoren nach Hause.

Inzwischen hat Hansa schon 0:2 verloren und verdient kein Geld mehr im Pokal. Ich schlaf erst mal ’ne Runde, um auf bessere Gedanken zu kommen.

 

Schnelle Gerechtigkeit

Von den alten Kämpfern ist kaum noch einer da. Läuft aber trotzdem
© Kopka

Gut, dass wir armen Hansa-Rostock-Schweine nach der unglücklichen Niederlage gegen Meppen nun in Würzburg siegen konnten. Stellt sich Gerechtigkeit neuerdings so schnell ein? Gegen Meppen half uns der Schiedsrichter beim Verlieren, nun half er uns beim Siegen, jeweils mit einem Platzverweis, über den man streiten konnte. Die Würzburger, früh durch einen Standard in Rückstand geraten und alsbald durch ein sehr hartes Rot gegen Jopek in Unterzahl spielend, stürmten dennoch auf unser armes Hansa-Tor, wir verdanken es einer Klasseabwehr, einem überragenden Torwart und dem Pfosten, dass die Null stehen blieb. Schiedsrichter, sagt übrigens der Erfurter Trainer Stefan Krämer, der gerade einen Negativlauf hat, sollen Spiele leiten, sie sollen sie nicht entscheiden. In Freud und Leid ein guter Mann, dieser Stefan Krämer.

Den Sportfreunden vom Inoffiziellen Meppener Fanforum schulde ich noch einen tiefen Dank. Sie haben nach ihrem Auswärtssieg bei uns meinen Blog mit vielen Klicks gestürmt. Das bin ich nicht gewöhnt und darauf kommt’s mir auch nicht unbedingt an. Aber wenn es mal so ist, dann ist es eben auch schön. Insbesondere sträubten sich bei den Meppener Freunde die Nackenhaare wegen meiner Deutung der spielentscheidenden Situation, der Roten Karte für Amaury Bischoff. Das ging etwa so: „Was für eine gequirrlte (sic!) Kacke. Was hat der Verfasser alles eingenommen. Junge, lass die Drogen weg, sonst kämpft du bald ohne Gegenspieler mit dem Tod.” Oder so: „Ich glaube nicht, dass der Wissenschaft bekannte Substanzen derartige Sinnestäuschungen verursachen.”

Man muss so einen Text auch lesen können. Der war nicht ganz Ironie-frei. Ich hatte gesagt, dass Amaury Bischoff in Todesangst um sich geschlagen habe, weil der Meppener Granatowski ihn würgte. Vielleicht hatte er auch Angst, vergewaltigt zu werden. Keine Ahnung. Der Schiedsrichter hätte es gar nicht so weit kommen lassen müssen, wenn er Granatowskis Aufspringen und Klammern regelgerecht abgepfiffen hätte. Aber er huldigt wohl einer pazifistischen Grundhaltung: „Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin.“ Man darf sich nicht wehren. Man soll erdulden.

Meppen liegt an der Mündung der Hase in die Ems. 30 100 Einwohner. Elektro- und Maschinenbau, Erdölförderung, Kunststoffverarbeitung, Erdgas-Kraftwerk. Ich weiß, dass Meppen immer als Synonym für das Unterklassige im Fußball genommen wurde. Wenn ein Team abgestiegen war, sagte man: Wir fahren jetzt nicht mehr nach Köln oder München, wir fahren jetzt nach Meppen. Das galt als Höchststrafe. Jetzt ist Meppen wieder im Profifußball, aber die Wunden sitzen noch tief. Wir armen Hansa-Rostock-Schweine können das sehr gut nachvollziehen. Und wir hassen euch nicht, wie ihr behauptet, wir wollen keineswegs, dass ihr wieder absteigt. Wir haben eine bittere Heimniederlage hinnehmen müssen und reagieren so emotional und ungerecht wie die Fans in jeder anderen Stadt. Wir gönnen euch auch euern 4:0-Sieg gegen Zwickau. Der könnte euch helfen, etwas mehr über den Dingen zu stehen.

Ein Monat zum Sterben

Down to the Cemetery and Pray
© A. D.

Der August ist ein Monat zum Sterben. Ein Monat zum Sterben für Literaten. Wenn ich in den Literaturkalender schaue, sehe ich Kreuz an Kreuz. Konrad Duden, Robert Wolfgang Schnell, Oswald von Wolkenstein, William S. Burroughs, James Krüss, Adolf Endler, Joseph Conrad, Colette, Wladimir Tendrjakow, Alexander Solschenizyn, Hans Christian Andersen, Georg Maurer, Ben Johnson, Johann Beer, Aksel Sandemose, Walter Werner, Jorge Amado, Alexander Blok, Rábindranath Tagore, Antonis Samarakis, Hermann Hesse, Ulrich Plenzdorf, Edith Wharton, William Blake, Thomas Mann, H. G. Wells, Klabund, Werner Bräunig, John Priestley, Elias Canetti, Czeslaw Milosz, Slawomir Mrozek, Margaret Mitchell, Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, Irene Némirovsky, Alexander Wampilow, Honoré de Balzac, Leonhard Frank, Tibor Déry, Federico Garcia Lorca, Martin Opitz, Alfred Kubin, Adalbert von Chamisso, Wolfgang Hildesheimer, Nicolaus Lenau, Jan Neruda, Roger Martin du Gard,, Karl Immermann, Friedrich Nietzsche, Eyvind Johnson, Truman Capote, Franz Werfel, Wolfgang Herrndorf, Lope de Vega, Cesare Pavese, Benno Pludra, Konstantin Simonow, Michael Ende, Peter Hacks, Vicki Baum, Siegfried Pitschmann, Nagib Mahfus, Seamus Heaney, Oliver Sacks, Charles Baudelaire, Marina Zwetajewa, Ilja Ehrenburg.

Alexander Wampilow, der hoffnungsvolle russische Dramatiker, Sohn eines Burjaten und einer Russin, ertrank beim Fischen im Baikalsee, einen Tag vor seinem 35. Geburtstag. So gab es einige frühe tragische Tode. Garcia Lorca, von Falangisten erschossen, Irene Némirovsky, in Auschwitz ermordet, Truman Capote richtete sich mit Drogen zu Grunde, Klabund starb mit 37 Jahren an Lungentuberkulose, Werner Bräunig starb, von Dogmatikern gemaßregelt, vom Alkohol zerrüttet, Wolfgang Herrndorf, schwerkrank, erschoss sich.

Und es gab die langen, erfüllten Leben, Dichter, die das Ihre gegeben hatten und besänftigt die Augen schließen konnten.

Warum Sterben im August? Ach, ich weiß nicht. Vielleicht ist es in den anderen Monaten genauso. Wir werden in Zukunft ein Auge darauf haben. Immerhin gibt Gottfried Benn in seinem Gedicht „Was schlimm ist” eine Antwort:

„Am schlimmsten:/nicht im Sommer sterben,/ wenn alles hell ist /und die Erde für Spaten leicht.”

Veränderte Lage

Nicht mal an Wiese fehlt’s im Quartier
© Kopka

Regionalzug nach Nauen. Hauptbahnhof. Frauen auf der Flucht (nach einem flüchtigen Zug oder so). Ungefähr drei Mal schneidet mir eine (und immer dieselbe) den Weg ab. Warum bin ich trotz ihrer Rennerei immer schneller? Das Viertel zwischen Hauptbahnhof und Hamburger Bahnhof ist ein Musterexemplar futuristischer Unbehaustheit. Man kann es schon gar nicht Viertel nennen. Und hat den Verdacht, dass es auch so bleiben wird. Weite Räume, große Blöcke. Wenig Menschen. Unlogische Straßenverläufe.

Architektur und Geometrie

Ich dachte immer, das sei das Einfachste. Eine Straße bauen, Haus für Haus, und ohne diese unmotivierten Rösselsprünge. Häuser bauen ist das eine, Stadtgestaltung anscheinend etwas anderes. Sind wir alle verrückt geworden? Wie bezahlen die Mieter ihre Mieten? Wer findet überhaupt hierher? Ein Stück altes Mauerwerk zwischen Hamburger Bahnhof und Rieckhallen. Das ist der Rest von früher, eine Erholung für die Seele. Mitte Meer verschwunden, ohne Spuren zu hinterlassen. Hier konnte man mediterran einkaufen. Lange dahin. Ein Café im Freien. Menschen ohne Eigenschaften, aber mit Espresso. Riesige Foyers. Moderne Baustoffe. Eine Kanzlei. Die Anwälte, anscheinend genau so unberaten wie wir alle, aber selbstverliebt. Die Sekretärin bringt mir einen Espresso in einer riesigen Tasse. Ist natürlich lauwarm. Ich werde mir nächstes Mal eine Espressotasse mitbringen, sage ich, wohlwissend, dass es kein nächstes Mal geben wird. Sehnsucht nach der Vergangenheit. Ein schwüler Sommertag und diese Kälte. Wir haben sie selbst gemacht.

Die Lücken werden gerissen und gefüllt werden

Tausend Meter weiter. Chausseestraße. Das alte Berlin, ein paar Lücken, war hier nicht die Hafenbar? Auch die rekonstruierten Häuser haben Patina. Abgestellte Fahrräder drängen sich an den Fahrradständern. Die Bettler betteln am Rewe-Markt. Am Dorotheenstädtischen Friedhof halten mich zwei geduldige Touristen auf. Where is Charlie Checkpoint? Checkpoint Charlie, korrigiere ich behutsam. Sie nicken begeistert, hatten offensichtlich im Gefühl, dass sie irgendwas falsch sagten. Okay, this direction, you need twenty minutes, half an hour. But you can take the underground. Oh no, we walk on foot. You do right, sage ich. Die freundlichen alten Burschen haben meinen Tag gerettet. Friedrichstraße. Die Filiale von 2001 ist wieder verschwunden, die Bärenschenke sowieso. Zurück nach Karlshorst. Da ändert sich nichts. Nur der Bahnhof. Seit zehn Jahren oder länger.