Die Ostdeutschen

Wir haben’s doch ganz hübsch hier
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Wir Ostdeutschen sind doch ein mieses renitentes Gesindel. Unsere größten Helden lieben wir nicht, ob sie nun Merkel, Thierse oder Gauck heißen. Eine Ausnahme bildet Katrin Göring-Eckardt. Die verehren wir abgöttisch.

Der talentierte Mr. Blome

Ist das Licht am Ende des Tunnels?
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Ein Kolumnist namens Blome fordert auf Spiegel online, dass wir endlich die Kanzlerin impfen. Denn wenn sie sich ansteckt und krank daniederliegt, kann sie nicht Schaden vom deutschen Volk abwenden, wie es ihr Auftrag ist und wofür wir ihr ein stattliches Gehalt zahlen (schwingt da Neid mit?). Vor allem aber ist Kolumnist Blome, der sich durch Ungeduld, wenn nicht gar Unduldsamkeit auszeichnet, unausgesprochen darum zu tun, dass zwischen Impfdränglern und Impfverweigerern endlich mal Zug in die lahme Impferei kommt. Und da können wir ihm nur recht geben. Wenn etwa vor gut einem Jahr sich die Kanzlerin massenwirksam fünf Minuten lang gründlich die Hände gewaschen hätte, dann hätte sie wahrscheinlich auch schon damals eine ganze Menge Schaden vom deutschen Volk abgewendet und zweite und dritte Wellen wären uns erspart geblieben. Es kommt auf die Beispiele an, die wir geben.

Mondstunden des Nihilismus

Wo sind die Dichter vom vergangenen Jahr
© Aufbau Verlag

Schon Februar, aber ich will doch noch den gewohnten Blick auf den Aufbau-Literaturkalender vom letzten Jahr werfen (wo sind die Dichter vom vergangenen Jahr). Vorne drauf Haruki Murakami mit seinem japanisch-transzendenten Blick, eigentlich ein Nobelpreisträger. Ich habe ein Buch von ihm gelesen, das mir sehr gut gefiel, bis es mir irgendwann zu phantasy-lastig wurde, da habe ich das Interesse verloren. Der Blick von Ernst Barlach verfolgt mich seit meiner Kindheit, ich bin aus der Stadt, in der er die meiste und letzte Zeit seines Lebens verbrachte, der Prophet gilt nichts im eigenen Land, der Künstler auch nicht, die Güstrower hielten Barlach für befremdlich, wie sie später auch Uwe Johnson für befremdlich hielten. Die Zeit läuft mir weg, neue Dichter treten an, viele kenne ich noch nicht und werde sie wohl auch nicht mehr kennenlernen, ich bin mit denen, die ich kenne, gut bedient. 1988 konnte Gisela Elsner vor der Kamera von Isolde Ohlbaum noch lachen, bis sie dann die Unberührbare wurde und ihr trauriges Leben beendete. Man sagt nichts Schlechtes über Frauen, wenn man den Hut von Selma Lagerlöf im März skurril findet, aber die Damenhüte haben bis heute nichts von ihrer militanten Komik verloren, und die Geschichtenerzählerin Lagerlöf ist immer noch groß. „Ich hatte bald herausgefunden, dass Kinder durch Fragen nichts erfahren”, ein Satz Martin Gumperts, deutscher Arzt und Schriftsteller und jüdischer Emigrant in New York, ab und zu wird er dem Vergessen entrissen. Im Juni sehen wir Marcel Reich-Ranicki unerwarteter Weise als vornehmen Mann mit leger über die Schultern gelegtem Jackett; hatte er sich das bei Hochhuth abgeschaut oder Hochhuth bei ihm; wir wissen es nicht. Müssen wir auch nicht. Utta Danella war wirklich eine glückliche Frau. Das bekommt man hin, wenn man 43 leichte Romane schreibt, 70 Millionen Bücher verkauft und ein schönes Pferd hat, das man liebt. Im Juli Lydia Davis in ihrer Küche, die vielleicht auch ein Arbeitsraum ist, vor ihr eine Teller mit Äpfeln, hinter ihr der Herd und das Fenster mit erschreckend hellem Licht. Eine strenge Frau, die Geschichten ohne Handlung schreibt, man hätte nicht gedacht, dass sie mal mit Paul Auster verheiratet war, aber dass ihre Texte voller Rätsel stecken, begreift man schnell. P. D James posiert als das, was sie war, „Queen of Crime”, mit einem aufgeklappten Rasiermesser, sie trägt ein, ich sag mal, Brokatkleid und einen imposanten Anhänger. Das Bild hat mich angeregt, einen ihrer Krimis zu lesen, aber ich bin für dieses Genre inzwischen zu alt. Und dann der rätselhafte Jorge Luis Borges auf einem Gemälde von Joaquin Vaquero Turcios, der Mann mit der sagenhaften Bibliothek und dem verlorenen Augenlicht, er wusste ja, was in den Büchern stand. Andrej Platonow, diese hohe Stirn, diese hellen, gleichwohl melancholischen Augen, unglaublich, wie er es verstand, in der „Baugrube” aus der steifen Funktionssprache eine bis dahin unbekannte Poesie zu ziehen. Es gibt eine Zeit im Leben, in der man die Bücher Erich Maria Remarques verschlingt, Im Westen nichts Neues, Der schwarze Obelisk, Drei Kameraden, Der Himmel kennt keine Günstlinge. Das geht vorbei, aber man vergisst es nicht. Wir sehen ihn bei einer Filmpremiere mit Marlene Dietrich, mit der er mal zusammen war, und wir sehen, das Leben im Jet set ist nicht leicht, alle sind erschöpft. November. Steffen Mensching zwischen Fensterflügeln, Dichter und Clown, Intendant und Romanschreiber. Der Mann, der in New York eine Emigrantenbibliothek mit einigen tausend Bänden kaufte und sie nach Berlin schaffte, obwohl er das Geld dafür eher nicht hatte. Wenn ich im Dezember Fernando Pessoa sehe, auf einer Zeichnung von Nanna Seuss, denke ich an Autofahrten von A nach B, ich hatte „Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares”, gelesen von Udo Samel eingelegt, das werde ich nie vergessen, die Unruhe, tief verborgen unter scheinbarem Gleichmut und umso präsenter. „Wenn das Herz denken könnte, bliebe es stehen … Ich habe das Gefühl, dass es für kein Problem auf der Welt eine Lösung gibt.” Mondstunden des Nihilismus in einem Mazda 323.

Als das Eis wieder unfrei war

Nur wer schnell wegflitzen konnte, ging noch aufs Eis
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Es gibt in den Städten niemanden, der das Eis frei gibt, der also sagt, das Eis ist sicher, man kann rauf. Das ist jetzt ein großes Thema in Funk und TV. Am Rummelsburger Ufer hat die Polizei jetzt noch mal richtig abgesperrt, ein Hubschrauber kreiste kopfnah herum, um den Risikoläufern den Spaß zu verderben. Es ist eine Frage der Haftung, die niemand übernehmen möchte, und Rettungseinsätze werden richtig teuer. Glaziologen werden befragt. Das Eis soll mindestens zehn Zentimeter dick sein.
Verheugen und ich reden darüber, wie es in den Wintern unserer Kindheit war. Wir waren alle arm damals. In seinem Haushalt fanden sich ein paar alte Holländerschlittschuhe, die schnallte man an das morbide Schuhwerk, wobei sich oft noch der Absatz oder eine Sohle lösten. Dann konnte man das Schlittschuhlaufen gleich mal vergessen. Mit den Krückstöcken der Opas wurde Eishockey gespielt. Ich war darin nicht der Geschickteste darin, sagt Verheugen, aber ich war dabei. Wenn jemand im Eis einbrach, sagte man: Der is injepopelt. Die Wortwahl zeigt, dass man das nicht so dramatisch nahm. Man rettete sich in der Regel selbst. Meine Erfahrungen sind ähnlich. Ein Paar alte Schlittschuhe, wahrscheinlich ohne Schliff, lagen da rum, damit waren wohl schon meine Tanten und meine Schwestern gelaufen. Ich ging zu einem Entwässerungsgraben, schnallte die Schlittschuhe unters Schuhwerk, Halbschuhe!, und knickte natürlich dauernd seitlich um. Ich konnte nicht Schlittschuh laufen, aber Schlittschuhe stehen, bis eine Windböe mich von hinten erfasste, mir die Beine nach vorn weg wirbelte, ich schlug erst mit dem Hintern, dann mit Rücken und schließlich mit dem Hinterkopf auf. Das war des letzte Mal, dass ich auf Schlittschuhen stand; es hat mir gelangt. Übers Eis gingen wir trotzdem. Es war in manchem Winter so durchsichtig, dass man die Wasserpflanzen darunter sehen konnte, das Eis klirrte und krachte, das war angeblich normal, wir waren unterwegs und rauchten Pompesel, oder auch Rohrkolben, die wurden vorne angezündet und glimmten. Der Stengel, dessen Ende man im Mund hatte, schmeckte auf der Zunge leicht süßlich, das war fast eine Droge.
Damals, sagt Verheugen, waren fast alle arm. Die Armut fiel gar nicht auf. Auf fielen die Reichen, zum Beispiel die Arzttöchter oder der Sohn des Drogisten, die wurden verspottet, obwohl sie nichts dafür konnten und eigentlich in Ordnung waren.

Kolke, die Krake

Straßenfußballer der heutigen Zeit
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Wir armen Hansa-Rostock-Schweine traten zum Spitzenspiel bei den Sechzgern in München an und waren so nervös, dass wir nach vorne nicht viel machten. Die Sechzger verfügen ja rein nach den Zahlen über die beste Offensive der Liga, das liegt nicht zuletzt an dem alten Kampfschwein Sascha Mölders mit seinen Pfunden; der ist, wie gesagt, alt und übergewichtig, ist aber mit allen Wassern gewaschen und hat einen guten Torinstinkt und. Und wenn er kein Tor macht, holt er wenigstens einen Elfmeter raus; aber darauf wollte sich der Schiedsrichter, der uns weiß Gott nicht wohl gesonnen war, nicht einlassen; dafür pfiff er jeden robusten Zweikampf gegen uns, das führte letztlich zur gelbroten Karte für John Verhoek, so dass wir fast eine Halbzeit lang in Unterzahl spielten. Das 0:0 verteidigten wir armen Hansa-Rostock-Schweine allerdings mit Leidenschaft, Cleverness, mit Hitze und mit Kälte. Die Sechzger hatten eigentlich nur eine dicke Chance: Sascha Mölders aus der Drehung. Wie Markus Kolke, die Krake, den Ball von der Linie kratzte, das hatte schon etwas Überirdisches, er war an diesem Tag nicht zu bezwingen. Und wenn wir auch keine einzige echte Torchance hatten, konnten wir doch mit unserer Leistung zufrieden sein. Es ist schon so, wie unser Kai Bülow, der aufgehört hat, obwohl er noch ein Jahr jünger ist als Mölders, in der Halbzeitpause sagte: Wir haben durch Ab- und Zugänge in dieser Saison vielleicht an Kreativität verloren, aber an Pflichtbewusstsein gewonnen. Die Kreativspieler hatten ihre Ideen, machten aber öfter mal nicht, was sie tun sollen. Und das ist mit den neuen Mentalitätsspielern anders. Die erfüllen eisern ihre Pflicht. Und dann haben wir ja noch Bentley Baxter Bahn und Nik Omladic, und irgendwann wird auch Maurice Litka wieder spielen können, nein, die Mannschaft ist wirklich eine Mannschaft, und der Trainer macht eine gute Arbeit, der hat keine Illusionen und denkt nicht nur von heute bis morgen.

Als das Eis frei war

Gute Stimmung auf Rummelsburger Eis unter spanischen Ballons
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Seit Mittwoch waren die Leute auf dem Eis an der Rummelsburger Bucht. Am Sonnabend kam die Polizei und sperrte Zugänge mit rotweißem Plastikband. Das Eis ist noch nicht freigegeben, war die Ansage. Die Schlittschuhläufer störte das nicht, während einige gute Bürgersfrauen sich ganz auf die Seite der Polente stellten. Besonderes Missfallen erregte ein junges Paar mit Kinderwagen auf dem Eis. Das würde ich mich ja nun nicht trauen, sagte eine Frau empört. Schon am Vortag war ein Mann mit zwei Bohrern erschienen, der ein Loch ins Eis bohrte. Er tat das anscheinend privat, für sich. Verkündigung!, rief eine Frau neugierig vom Ufer aus. Der Mann hielt mit seinem Herrschaftswissen nicht hinterm Berg: acht Zentimeter, sagte er. Das reicht für Fahrräder, Einräder, Diskoboxen, Menschen mit Corona-Speck, Skiläufer, bunte Hunde. Am Sonntag waren plötzlich Säcke in der Luft überm Eis. Keine Säcke, sondern spanische Ballons, erfuhren wir, eine Bereicherung für Rummelsburg, surreal, aber wahr. Black Ballons on blue Sky. Auf dem Eis lag noch Schnee, für manche Eisprinzessin kein Problem. Wir sind im Land von Gabi Seyfert und Kati Witt. Darauf eine Pirouette und ein einfacher Salchow.

Theorie und Methodik

Gibt viel Tauben in Deutschland …  und viele Berater. Wir brauchen das alles
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Was lese ich da im Sportteil der FAZ? Ein Interview mit Heidi Möller, Professorin für Theorie und Methodik der Beratung an der Universität Kassel. Theorie und Methodik der Beratung. Beratung ist die moderne Form, Geld zu verdienen für letztlich nichts. Frau Prof. Heidi Möller war federführend bei der „Taskforce Zukunft Profifußball”. Insofern weiß sie natürlich auch am besten, dass es sich hierbei um eine „hochkompetente Taskforce” handelt, die „zukunftsträchtige Vorschläge” erstellt hat. Der Fußball, das beinhalten wohl diese zukunftsträchtigen Vorschläge, muss sich zur Nachhaltigkeit bekennen. „Nachhaltig meint aber nicht nur CO2-Neutralität, Umwelt- und Klimaschutz”, sondern auch die „ökonomischen Fragen und die gesellschaftliche Verankerung des Profifußballs”. Das fand ich schon so nachhaltig, dass ich nicht mehr weiterlesen konnte. Ich dachte aber auch, dass wir viel nachzudenken hätten in Deutschland, darüber, was sinnvoll ist und was weniger sinnvoll ist und in welchem Zustand in manchen Bereichen die Sprache ist und und und …

Welten, die dazwischen liegen!

Nur Du – 1. FCU. Der Regen hat ein bisschen mitgemalt.
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In der Zeitung stand, dass die Friseure, das heißt ihr Berufsverband, sich beschwerten über topgestylte Fußballprofis. Verständlich. Die Leute laufen in Deutschland mit schrecklichen Köpfen rum, weil die Friseursalons geschlossen sind, aber die Fußballer: „Einrasierte Scheitel, auf wenige Millimeter getrimmtes Nacken- und Schläfenhaar, saubere Konturen. Frisuren, die nur professionelle Friseurinnen und Friseure mit Profi-Equipment schneiden können”, so der Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks. Angestachelt durch die Fußballprofis wollen die gewöhnlichen Leute auch gut frisiert sein und fordern die Friseure zu Regelverstößen auf. Das hält der Verband nicht mehr aus.
Wenige Tage später stand in der FAZ ein Bericht über den Albtraum der Radrennfahrer: „von einem aus einer Seitenstraße kommenden Fahrzeug regelrecht abgeräumt zu werden oder, schlimmer noch, mit einem Auto frontal zu kollidieren”. In leichteren Fällen kommt es zu Prellungen und Schürfwunden, in schwereren zu Gehirnerschütterungen und Frakturen. Der Autofahrer kennt nur den Autofahrer. Radfahrteams kommen in seinem Kosmos nicht vor.
Größer können die Welten nicht sein, die zwischen Sportlern liegen. Die Fußballer fürchten um die Perfektion ihrer Frisuren, und die Radfahrer fürchten um ihr Leben. Es gibt diese Unterschiede im Leben, ohne dass man jemanden dafür schuldig sprechen kann. Es ergibt sich einfach so. Man kann ja nicht einfach Autos auf Fußballplätze fahren lassen, damit die Kicker den Ernst des Lebens auch mal zu spüren kriegen. Sie haben es sowieso leichter. Wenn sie mit scharfen Frisuren und bunten Schuhen auflaufen können, fühlen sie sich schon ausreichend gedopt. Wahrscheinlich haben die großen Klubs längst eigene Friseursalons und Schuhmanufakturen, während die Radprofis einfach von der Straße gehupt werden. Im günstigen Fall.

Väter, leider verrückt geworden

Solche, wie ich finde, überzeugenden Schriftlösungen fanden die Gestalter von Volk und Welt für ihre Bücher

Es ergab, ja, es ergab sich so, dass ich zeitnah Bruno Schulz’ „Die Zimtläden” und Hermann Brochs „Die Schlafwandler” las. Schulz und Broch sind Zeitgenossen, ihre Bücher erschienen im gleichen Zeitraum, beide sind Opfer der deutsche Faschisten. Broch emigrierte in die USA. Bruno Schulz wurde in seiner galizischen Heimatstadt auf offener Straße von einem Gestapomann erschossen. In dieser Historie leben wir.
In beiden Büchern fielen mir die Vater-Gestalten auf, bei Schulz und bei Broch, Väter, die, man kann es so sagen, verrückt werden, aber was heißt das schon: verrückt. Sie zerbrechen an ihrer Verantwortung, ihrem Patriarchentum. Bei Schulz führt der Vater ein Geschäft, der Vater bei Broch besitzt ein Gut. „Im Jahre 1888 war Herr v. Pasenow siebzig Jahre alt, und es gab Menschen, die ein merkwürdiges und unerklärliches Gefühl der Abneigung verspürten, wenn sie ihn über die Straßen Berlins daherkommen sahen, ja, die in ihrer Abneigung sogar behaupteten, dass dies ein böser alter Mann sein müsse.” Zum Glück ist v. Pasenow, im Unterschied zu seinem Sohn, auf den Straßen Berlins selten zu sehen. Er sitzt auf seinem Gut im Brandenburgischen, wo er hauptsächlich auf Briefe wartet. Er empfängt den Boten im Gutshaus, leert die Posttasche (für die er einen Schlüssel besitzt), sortiert die Sendungen und kann sich kaum zurückhalten, die Briefe des Personals zu öffnen, für die er glaubt, gleichsam ein Recht der ersten Nacht zu haben, immerhin macht er gegenüber den Mägden Anspielungen über deren Briefe. Er fragt wildfremde Menschen, ob sie ihm schreiben werden, fragt auch unvermittelt, ob sie manchmal Angst haben, bekommt nie die Antworten, die er erwartet, und ist, wie sich herausstellt, unfähig zur Kommunikation. Jeder, der ihm nicht schreibt, ist sein Feind, wie auch jeder sein Gegner ist, der nicht die erhofften Antworten gibt. Sein Lieblingsfeind ist allerdings der Dorfpastor, von dem er behauptet, er wisse nichts vom Jenseits: „… wodurch soll sich der Priester Gottes von uns übrigen Menschen unterscheiden, wenn er keine Verbindung mit dem Jenseits hat?” Der Pastor vermag es, sich dem Zugriff des Gutsherrn zu entziehen. Die Wut, der Zorn, die Verzweiflung richtet sich auf den Sohn. v. Pasenow versucht ein Testament aufzusetzen, in dem er seinen Sohn enterbt. Kann das Bett kaum noch verlassen und wenn doch, dann abermals, um zu herrschen. Es ist wohl so, dass der Mann auf eine Botschaft wartet, von der er nicht weiß, wie sie beschaffen sein könnte, sie soll ihn halt nur erlösen von seiner Festgefahrenheit, von diesem „ist ja egal”, das er immer wieder sagt, nachdem er zu großen Fragen angesetzt hat.
„Damals begann die Gesundheit meines Vaters zu verfallen … Ich erinnere mich, dass ich ihn einmal, spät des Nachts aus dem Schlaf geweckt, gerade erblickte, wie er barfuß, im Hemd, auf dem knarrenden Kanapee hin und her lief, um auf diese Weise seine Aufregung vor der ratlosen Mutter zu dokumentieren.”
Die Verrücktheit des Vaters in den Zimtläden ist bunter, phantasievoller, weniger monoton und darum umso trauriger. Ich bin gerührt und erschrocken, wie hilflos Jakub, der Vater, zwischen Tiefschlaf und Schlaflosigkeit den Attacken seiner Dämonen ausgesetzt ist. „Er heizte die Öfen, studierte das unergründliche Wesen des Feuers …” Er lacht viel, klopft ans Bett und ruft sich selber „Herein” zu, führt alle möglichen Reparaturen aus und entwickelt ein Interesse für Tiere. Bezieht befruchtete Vogeleier aus mehreren Ländern und lässt sie ausbrüten. Auf dem Boden des Hauses entsteht ein Vogelstaat mit absehbaren Folgen. Dem Erzähler geht ein Licht auf: „Heute erst verstehe ich das einsame Heldentum, mit dem er mutterseelenallein dem grenzenlosen Element der stumpfen Langeweile den Krieg erklärte. Jeglicher Unterstützung beraubt, ohne Anerkennung unsererseits, verteidigte dieser wundervolle Mann die verlorene Sache der Poesie.”

v. Pasenow hat den Bezug zur Realität verloren, versucht aber weiter, sie zu beherrschen, während Jakub sich in eine Phantasiewelt verabschiedet.
Also noch mal. Warum werden Väter verrückt. Nicht zuletzt durch die Überzeugung, über ein Geschäft, über eine Familie zu herrschen, als Einziger wissen zu müssen, was zu tun sei, niemanden auf Augenhöhe neben sich zu sehen.
Aber das sind ja die Zeiten, die vergangen sind oder vergehen.
War das jetzt schon Feminismus?

Der Geister-Renntag

 

 

Hier konnten Familien Schlitten fahren und Schneemänner bauen, von den Pferden ganz zu schweigen
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Habt ihr ’n Schneemann gebaut, frage ich die Nachbarin. Wir haben nur eine Kugel geschafft, sagt sie. Aber wir waren schon zwei Stunden Schlitten fahren.
Die Kinder in unserem Quartier haben in ihrem Leben noch nicht viel Schnee gesehen. Noch keine so weiße Welt, wie sie sich jetzt vor ihren Augen ausbreitet und blendet. Wir gehen in Richtung Trabrennbahn und hören zu unserem Erstaunen, dass dort ein Renntag stattfindet. Ein Geister-Renntag. Zuschauer dürfen hier so wenig dabei sein wie beim Fußball. Die Wetten werden vermutlich online abgeschlossen. Ordner in gelben Westen versperren die letzten offenen Zugänge. Auf der Gegenseite des Rondells verweisen zwei Gelbwesten, eine Frau und ein Mann, die Zaungäste von ihrem Platz. Der Zaun gehört zur Rennbahn; da darf keiner stehen. Es geht auch um den nächsten Renntag, es geht auch um unsere Arbeitsplätze, mahnt die Gelbwestenfrau mehrfach. Die Leute zeigen sich einsichtig; keine Verschwörungstheoretiker oder Querdenker dabei. Aber merkwürdig: So viele Leute wie jetzt haben sich schon lange nicht mehr für die Trabrennen interessiert. Okay, es ist ein schöner Wintertag mit Sonne und blendendem Schnee. Zu Hause fällt dem Bürger die Decke auf den spitzen Kopf. Da geht er dorthin, wo noch Bewegung ist.
Den Hochweg neben der Rennbahn hinunter können sie rodeln. Für Kinder ist das ein Berg. Das alte Phänomen: Die Eltern sind mit Feuereifer bei der Sache, wollen ihre ziemlich coolen Kinder durch Gezappel und Geschrei erst richtig heißmachen.
Währenddessen erweist sich das Geschäft der Gelbwesten als Sisyphus-Arbeit. Kaum ist der Stein den Berg hinaufgerollt, kullert er schon wieder runter, das heißt: Wo die Ordner vor fünf Minuten waren, haben sich inzwischen neue Interessenten versammelt und gefährden den nächsten Renntag und die Arbeitsplätze.
Auf allen Wegen ist es ganz schön glatt. Jogger und Radfahrer kann man nur bewundern für ihren Mut und ihre Balance. Überall hat es Versuche gegeben, Schneemänner zu bauen, große und kleine, komplette und fragmentarische. Einer sieht wie ein Hase aus, mit langen Löffeln. Wir könnten ja unseren Nachbarn zwei Kugeln mitbringen. Dann hätte Paule einen richtigen Schneemann im Garten. Würde aber irgendwie blöd aussehen. Erwachsene, die Schneekugeln durch die Gegend rollen.