Aus dem Leben der Raucher, wieder mal ’ne Lieferung

Kein Rankommen
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Im Penny-Markt sagte der Kunde: Öffnen Sie bitte das Zigaretten-Regal?

Es war ein Mann mit einer leuchtend blauen Jacke und einem prächtigen Kaiser-Wilhelm-Bart, üppig im Fleisch, obwohl man ja sagt, dass Rauchen hilft gegen Übergewicht, aber das ist Quatsch, wer mit dem Rauchen aufhört, nimmt erst mal ein bis drei Pfund zu, aber das gleich sich bald wieder aus.

Tut mir leid, sagte die Kassiererin, die Verriegelung ist blockiert, wir haben die Technik informiert. Ist aber noch nichts passiert.

Der Mann war erstmal sprachlos. Da sah er seine Marke durch das Gitter, aber er kam da nicht ran. Vor vollen Tellern muss ich Hungers sterben, dachte ich mit Villon, aber das würde den Mann wohl nicht trösten. Das grenzt an Folter, sagte ich stattdessen, und der Mann mit dem gepflegten Bart fand seine Sprache wieder, wenigstens das. Psychoterror ist das, sagte er. Auch die Kassiererin hatte ein mitfühlendes Herz und holte ein paar Packungen aus einem anderen Regal. Der treue Raucher winkte ab: Seine Marke war nicht dabei.

Dann werde ich eben Nichtraucher, sagte ich an seiner statt. Das war der Witz, der ihm am besten gefiel. Nichtraucher werden! Er wollte sich schier ausschütten vor Lachen. Kann ja aber sein, dass manche Nichtraucher-Karriere so begonnen hat.

Finger, die die Tasten traktieren

Der alte und der neue Aufbau-Literaturkalender. Meistens sind Frauen auf dem Titelblatt, und ich wäre der Letzte, der etwas dagegen hätte und nach der Quote schriee. So nobel sind Männer.

Der neue Literaturkalender ist schon zweimal umgeblättert, dem alten gilt ein letzter Blick. Es begann mit Mascha Kaleko. So wie sie aussah, hätte sie auch eine Schauspielerin sein können, etwa in einer Verfilmung eines Romans von Irmgard Keun. Gilgi – eine von uns. Im Januar Thomas Hardy in seinen Sechzigern, mit der Gesellschaft zerfallen, mit Hut, Vatermörder, Krawatte, Weste und Knickerbockern gut und doch auch leger gekleidet. Die rechte Hand hält das Fahrrad. Man sagt, dass Hundehalter und ihre Hunde sich mit der Zeit ähnlich werden, hier gleichen sich auch das Fahrrad und sein Fahrer. Und schon wieder ein Schauspieler-Typ. Der Schweizer Peter Stamm. Die Zigarette zwischen den Fingen scheint er vergessen zu haben. Ein Mann, der so zurückhaltend charmant lächelt, muss auch charmante Prosa schreiben, falls es sowas gibt. Henning Mankell mit dem karierten Hemdkragen und dem skeptischen Blick des umtriebigen Pessimisten, die sich Hoffnung in Afrika holte und Hoffnung dorthin brachte. Sein Kommissar Wallander ist eine Gestalt, die unsere Zeit beschreibt. Elke Erb, 1979, mit vierzig Jahren noch eine junge Frau, die bis heute rätselhaft und unerklärbar blieb. Im April Maxim Gorki auf Capri, auf einer Beetumrandung sitzend, mit breitkrempigem Hut und langem Mantel. Von ihm wurde uns in der Schule sagenhaft viel erzählt. Meine Kindheit. Meine Universitäten. Ein Selbstmordversuch mit einer rostigen Pistole. Später ein langer, gebeugter Mann. Paula Fox. Die sechseckige Brosche am bestickten Kleid. Die unfraulich groben Hände. Der Roman „Was am Ende bleibt”. Eine Frau. Ein Mann. Ein Landhaus. Eine verwilderte Katze. Eine Wunde, die nicht heilt. Raymond Carver, wie er den linken Unterarm auf den Tisch gelegt hat und den rechten von der Stuhllehne herunterhängen lässt. Finger, die die Schreibmaschine traktiert haben. Ein Blick, als müsste er dem Blick aller potentiellen Betrachter des Bildes unbedingt standhalten. Wie er deren Blick standhalten muss. Ein Jüngling namens Ödon von Horvath, vornehm, vornehm. Das weiche Gesicht des – vielleicht – verwöhnten Diplomatensohns. So einer muss mitten im Leben von einem heranstürzenden Ast erschlagen werden, ausgerechnet in Paris. Tschingis Aitmatow, ein Kirgise, der im modernen Leben schwerlich heimisch werden konnte. Die geblümte Krawatte, die Lederjacke, der mehrfach umsäumte Hemdkragen scheinen es zu sagen, und seine Bücher waren uns so nah. Wladimir Majakowskis Foto, ähnlich perfekte Selbstinszenierung wie Carver. Der Körper, schräg gestützt auf einen Zeitungsstapel und einen Schreibmaschinenkasten. Man war hypersensibel und gab sich unerschrocken unsensibel. Auf dem Bahnhof Gare Saint-Lazare Paul Claudel, von Kopf bis Fuß ein Diplomat, das Übergewicht noch gut im Griff, der Mantel lässig überm linken Arm, ein Lächeln, das eher ihm selbst gilt. Iwan Turgenjew, in einem Gemälde von Nikolai Dmitrijew-Orenburgski als schon recht betagter Jäger mit Bart. Der Lauf des Gewehrs zeigt vorbildlich in die Luft. Im Rücken zwei junge Birken. Und schließlich John Steinbeck. Die Brille, die Zigarette, das aufgeschlagene Buch. 1958 in seiner Wohnung in Manhattan. Ich denke an „Früchte des Zorn” und „Jenseits von Eden” und kann mir Steinbeck als New Yorker nicht vorstellen. Und das war es dann. 2018 im Aufbau-Literatur-Kalender.

Mediale Beglückungen

Januar 14, 2019 2 Kommentare

Beuys-Installation im Hamburger Bahnhof zu Berlin. Passt immer und zu allem, wenn man etwas Phantasie aufbringt.
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Seit Tagen nerven die Medien uns damit, dass Franck Ribéry ein goldenes Steck gegessen hat, Robert Habeck nicht mehr twittert und MacKenzie Bezos durch die Scheidung von Amazon-Boss Jeff Bezos zur reichsten Frau der Welt werden könnte. Du lieber Himmel. Immer noch eine andere Seite wird diesen Null-News abgewonnen. Ich glaube nicht, dass Euch das wirklich interessiert, Ihr Medienhirsche. Warum glaubt ihr, dass uns das interessieren könnte! Glaubt ihr wirklich, wir sind blöder als ihr?

Der Selbst-Denker

Die Autos da oben! New York, Jahre später
© Fritz-Jochen Kopka

Der Selbst-Denker? Ich rede von Martin Gumpert. Wie kommt man auf den? Da muss ich etwas ausholen. Als Steffen Mensching noch kein Intendant in Rudolstadt, sondern ein nicht besonders liquider Freiberufler in Berlin und überall war, kaufte er bei einem New-York-Aufenthalt eine deutsche Emigranten-Bibliothek mit 4000 Bänden. Das heißt, er musste sie auch noch verpacken, nach Deutschland verschiffen und ein Buch über die 4000 Bücher schreiben, um nicht pleite zu gehen. Außerdem stellte er in mehreren Veranstaltungen im Club Voltaire im Thälmann-Park Bücher aus dieser Bibliothek vor. Und da fiel mir Martin Gumpert auf. Das war ein deutscher Arzt und Schriftsteller jüdischer Herkunft, 1897 geboren, 1955 gestorben. Bei den Nazis bekam er Berufsverbot, erst als Arzt, dann auch noch als Autor. Er kämpfte, obwohl er nicht englisch sprach, für seine Ausreise nach Amerika und war fest entschlossen, ein Amerikaner zu werden. Gumpert war fest davon überzeugt, dass sich Wunder ereignen können, wenn man an sie glaubt und wenn man sie braucht. Da war natürlich auch ein wenig Ironie im Spiel.

Was war mir damals im Club Voltaire aufgefallen? Gumpert schreibt in seiner halben Autobiographie (er war vierzig) „Hölle im Paradies” über seine Großmutter, die Hausierern stets etwas abnahm, so etwa ein völlig nutzloses Schild. „Sie wusste genau, dass es sinnvoll sei, durch den unvernünftigen Ankauf dem heimatlosen Schild einen Platz zu geben. Denn jedes Ding, das sich verirrt hat, stört und gefährdet den Frieden der Welt.” So was behält man im Kopf. Die Schilderung seiner Berliner Kindheit, Vater, Mutter, Großeltern, Lehrer, gehört zum Nachhaltigsten, was man in diesem Segment lesen kann. „Ich hatte bald herausgefunden, dass Kinder durch Fragen nichts erfahren. Auch die Gefahr und das Gewicht von Worten wurden mir schnell deutlich. Man konnte sich verraten, blamieren, geriet ins Lügen. Dies alles hatte unangenehme Folgen. Ich wurde ein schweigsames Kind … Wenn ich mitgeredet hätte, hätte ich nicht zuhören dürfen, und ich liebte das Zuhören.” Es war vielleicht diese früh eingeübte Haltung, die Gumpert zum Selbst-Denker machte. Was je geschah, Krieg, Nachkrieg, der Absturz der Weimarer Republik in den Faschismus, Gumpert bedient sich nicht bei den Statements von Politikern und Historikern. Als wacher Zeitgenosse kann er sich auf seine eigene Klugheit verlassen, die das allgemeine Geschichtsbild individualisiert. Seine deutsche Biographie, die eines Kriegssanitäters, Dichters, Arztes und Schriftstellers, endet: „Der Zug verließ Deutschland in Aachen … Es war eine Reise aus dem Schattenreich – der Himmel wie Blei und die Fabrikschlote verschwanden im Nebel.” Es ist eine besondere Ankunftsgeschichte, wie Gumpert seinen Kampf um die englische Sprache und die Integration beschreibt.

„Wenn ich mein Gesicht von 1936 mit dem von 1954 vergleiche, so haben beide nur noch entfernte Ähnlichkeit miteinander. Aus einem Deutschen und Europäer ist ein Amerikaner geworden mit jenem undefinierbaren Gesichtsausdruck, den das Klima hierzulande den Menschen aufprägt.” Und noch haben wir nichts gesagt über Gumperts Bücher über Samuel Hahnemann, den Begründer der Homöopathie, und Henri Dunant, über seine Essays über Forscherschicksale, über seine Freundschaft mit Thomas Mann. Der Südverlag Konstanz hat „Hölle im Paradies” in diesem Jahr neu aufgelegt.

 

Winter-Geburtstag

Vorm Hamburger Bahnhof
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Teil der Ausstellung sein
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Nach einer Handvoll Anrufe gingen wir raus auf die nassen Straßen und nahmen den Geburtstag mit. Berlin im Winter, oh Mann. So’n Wetter. Der Geburtstag saß zwischen uns in der S-Bahn und verhielt sich, als wäre er nicht dabei. Schien weitere Anrufe weder zu erwarten noch zu vermissen. Lange Schlangen vor dem Naturkundemuseum. Eltern, die ihren Kindern den Saurier zeigen wollen. Einmal reicht. Kurz vorm Hamburger Bahnhof entdeckte der Geburtstag die Skulptur der untergehenden Mauer. Er sah das anders: Die Mauer stürmt den Himmel. Falsches Signal irgendwie. Der witzige Mann an der Gruppengarderobe des Hamburger Bahnhofs lädt uns ein zu einer Diskussion darüber, ab wann eine Gruppe eine Gruppe ist. Zwei Personen seinen soziologisch eine Gruppe museumstechnisch eigentlich nicht. Ein besserer Job offensichtlich als der einer Aufsichtskraft zwischen den Bildern und Objekten; eine ist dabei, die uns nur zu gern verhaften würde, so sieht sie jedenfalls aus.

Das tröstliche Licht

Treppe rauf zur Otto Mueller-Ausstellung. Maler, Mentor, Magier. Mueller und sein Netzwerk in Breslau sprich Wroclaw, 1874 in Schlesien geboren, ging 1907 nach Berlin, war Brücke-Maler, und ging wieder zurück nach Breslau, lehrte an der Akademie, war ein unstetes Kraftzentrum für Kollegen und Schüler, wurde auch Zigeuner-Mueller genannt, er sah so aus und war auch ein wenig verrückt. Die polnische Moderne profitierte von ihm und er von ihr. Von Gerhart Hauptmann lieh er sich einen Stoß Bücher, die er seine Frau tragen ließ: Du weißt doch, ich trage nichts. Am Ende warfen sie die Bücher weg, sie konnte nicht mehr und er hatte sich ja geschworen, nie etwas zu tragen. In der Malerei hatte er einen unverkennbaren Personalstil entwickelt: reduziert modellierte Körper, Flächigkeit, erdige Farben., Rupfen als Bildträger. Es muss nicht das bedeutendste Bild sein, in das man sich verguckt, bei mir ist es dieses: Drei Hütten, eine mit rotem Dach. Warum auch immer. Vielleicht wegen des tröstlichen Lichts in dem kleinen Hüttenfenster. Reiche Vielfalt bietet die Ausstellung durch die Bilder der Kollegen und Studenten Muellers: Oscar Schlemmer, Georg Muche, Stanislaw Kubicki, Stanislaw Witkiewicz.

Einsamkeit im Foyer

Und wieder Ostberlins nasse Winterstraßen und eine überraschend angenehme Kneipe in der Chausseestraße, Mantée, so freundlich und preiswert, interessant auch zu sehen, wie die jungen Franzosen am Nebentisch so ganz ohne Manieren auskommen beim Essen.

Der Geburtstag und ich, wir hatten eigentlich keine Lust, „Gegen den Strom” zu sehen, einen Film aus Island, in dem es um eine Umweltaktivistin geht. Das wird anstrengend, nachdem man schon die vielen Treppen zum Kino in den Hackeschen Höfen hinaufgestiegen ist, wo man natürlich immer OmU sieht, zum Glück ist unser Isländisch fast perfekt, nee, Quatsch, aber man kann ja lesen, und in guten Filmen wird nicht viel gequatscht, und dieser Film ist gut, überraschend gut, wir weigern uns, das Wort Umweltaktivistin für diese Halla zu akzeptieren, das ist eine Woman Hero, die mit Armbrust und Elektrowerkzeug allein gegen die Energiekonzerne kämpft. In ihrem zweiten Leben ist sie eine inspiriert charmante Chorleiterin, in einem weiteren wird sie ein Kind aus der Ukraine adoptieren. Der Film ist sorgfältig geschrieben und inszeniert, als Verfremdungseffekt ist die Musik immer mit im Bild in Gestalt einer kleinen Combo und dreier Ukrainerinnen mit kehligen Stimmen. Ein besseres Geschenk als einen solchen Film zwischen Gefahrenmomenten und Glücksgefühlen kann sich ein Geburtstag nicht wünschen. Der Regisseur von „Gegen den Strom” („Woman at War”) ist Benedikt Erlingsson, Halldóra Geirhardsdottir ist die Halla, was für eine Schauspielerin. Was für eine Frau.

 

Der halluzinierende Bulle

So sieht ein Polizist aus, der ganz bei Sinnen ist
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Ich fand den Tatort aus Köln, während ich ihn so sah, gar nicht schlecht. Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär als Kommissare, die sich schon seit Jahren ziemlich auf die Nerven gehen, wenngleich sie sich doch auch brauchen und schätzen – an sie hat man sich gewöhnt und mag sie immer noch. Allein, dass der Behrendt immer so ernst ist! Das halten nicht mehr viele Schauspieler aus. Auf jeden Fall war der Film hervorragend gecastet, die Rollen nahezu optimal besetzt, den Schauspieler Roeland Wiesnekker habe ich noch nie so gut gesehen. Und am Ende kam ich mir doch ziemlich verarscht vor. Ich erwarte die Auflösung der gut gestrickten Handlung, habe meine Verdachtsmomente und Vermutungen, bin vielleicht auch schlauer als die Polizisten – und dann stellt sich heraus: Alles nur halluziniert. Der Bulle, der in schlimmste Verwicklungen hineingezogen wird und um seine Ehre und seine nackte Existenz kämpft, hat alles nur geträumt. Leute! Macht das nicht noch mal mit uns.

Highlights im Alltag

„Achte mal auf Feinheiten, Alter.” „Nee, sind einfach zu viele.”
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Auch im Winter hat der Kleingarten manche Annehmlichkeit zu bieten. Biesenhorst II, Berlin Karlshorst.

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