Das Kreischen der Zeugnisse

Bessere Aussichten

Mittwoch Zeugnisausgabe. In mindestens vier Gärten wird das gefeiert. Was heißt gefeiert. Quiecken, Quietschen, Kreischen, Schreien. Sie freuen sich ihrer Freiheit, es klingt regelrecht hysterisch in so jungen Jahren. Ab und zu erhebt sich einer oder eine (meistens eine) zum Anführer und ruft He, Leute. Vielmehr kommt dann nicht. Erst flitzen sie durch die Gärten, dann erobern sie die Straße und den Park. Wie anders wird sich das anhören, wenn sie wieder zur Schule müssen. Ich bin gemein. Sie tun mir nicht leid. Auf der anderen Seite sehe ich sie das Jahr über morgens mit schwerem Gepäck und gesenktem Haupt zur Schule schleichen als gehe es zur Schlachtbank. Ich kenne die verkeimten Duschräume, die ekligen Klos und die dumpfe Akustik der Klassenzimmer. Das kann es auch nicht sein. Ja ja. Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Es müssen aber auch keine Leidensjahre sein, verdammt.

Das Leiden der Männer am Gartenkult

Auf die Wunder der Gartenkunst lässt sich der Mann gar nicht erst ein
© Kopka

Am Sonntag schleppen/prügeln/locken Frauen ihre Männer zur IGA nach Marzahn. Der U-Bahnhof Neue Grottkauer Straße heißt jetzt Kienberg und ist im gärtnerischen Geist rekonstruiert worden. Nun musst du nur den Frauen hinterherlaufen, die ihre Männer im Schlepptau haben und schon bist du da. Das Gelände der Gärten der Welt (wir sind schon oft dorthin verbracht worden) eignet sich perfekt für eine Internationale Gartenausstellung, man weiß, dass man wesentlich länger dort wird zubringen müssen als die angekündigten zwei Stunden und nimmt das ergeben hin. Unter einem ebenfalls desinteressierten Himmel reckt sich eine vielfarbige Blätter- und Kräuterwand empor. Das ist ja auch das Motto dieser IGA in Berlin, „Ein MEHR aus Farben”, und angesichts diesen naiven Wortspiels und der ungewohnten Kulisse kann Mann der Veranstaltung schon nicht mehr gänzlich ablehnend gegenüberstehen, bis zu dem Moment, als ihn angeblich gebrechliche Rentnerinnen brutal beiseite stoßen, weil sie den besten Platz in der Gondel ergattern wollen (was haben Männer hier eigentlich zu suchen!).

Marzahn. Stadt, Land, Gondel

Aber gut: Die Seilbahn über der Land- und Stadtschaft Marzahn ist der Clou dieser IGA, nichts weniger als eine geniale Idee. Kein Mensch hätte Berlin und schon gar nicht Marzahn eine solche landschaftliche Vielfalt zugetraut, wie wir sie jetzt reichlich von oben herab erblicken. Waldstücke, vielfarbige Wiesen, Hügel und Senken, Wasserläufe und Teiche, Schilf, Serpentinen und lauschige Wege, Holzeinschlag, weidende Kühe und Pferde, alles umrahmt von den berühmt-berüchtigten Marzahner Neuwohnblocks. Die drängelnde Rentnerin wird wieder Mensch und protzt mit ihrer Dauerkarte, sie kann jeden Tag hierher und alle Veranstaltungen besuchen, woraufhin die Russin in der Gondel, der Klassik verpflichtet, die Barenboim-Konzerte beschwärmt.

IGA-Wiese

Die Gondel hält. Wir verabschieden uns mit Do swidania, die Russin ist entzückt, die Rentnerin verstört. In den Blumenhallen kleine Inszenierungen in überschaubaren Beeten, die ausstellenden Gärtner waren um Ideen nicht verlegen: „Scharfer Müßiggang” heißt ein Stück mit einer Pergola aus roten Chilischoten und einem Liegestuhl.

So viel Schönheit …

… kann auch weh tun

Die Frauen machen einen glückseligen Eindruck, die Männer wirken wie Statisten, denen kein Regisseur gesagt hat, was sie tun sollen; manchem schlägt die ungewohnte Kulisse regelrecht auf den Magen.

Scharfer Müßiggang

Ein Highlight vor der Halle ist der Mann von Garten-Primus aus Jülich mit seinem Reservoir an Gartenscheren. Er macht nicht viele Worte, die Scheren liegen ausgepackt, zum Auspropieren bereit, Zweige und Äste liegen daneben, Ratschenschere, Buchsbaumschere, Powergleitschere, Herrenschere, Damenschere, Wunderschere. Praxistest geht über Reklame. Der Jülicher zeigt die richtige Handhaltung, korrigiert den Winkel der Klinge, leichte Scheren, mittelschwere Scheren, man darf nicht den Finger dazwischen haben, sagt die Kundin. Ah ja, sagt der Spezialist, man stellt sich ja auch nicht vors Auto, wenn man Autofahren will. Mit der Schere, für die sie sich entscheidet, ist die Kundin jedenfalls glücklich.

Wasserfall …

… und Nebelgarten

Den Rückweg gehen wir zu Fuß unter den schwebenden Gondeln, so entgehen uns nicht die Installation der Wasserfälle und der Nebelgarten, „eine mystische und undurchsichtige Welt”. An hohen Wänden mit einem dichten Pflanzenkleid ziehen feine Nebel vorbei. Die Formen verschwimmen und auch du, der Betrachter, bist dir deiner selbst nicht mehr sicher.

Spiel- und Sportwiesen, ungewöhnliche Sportgeräte zum Dehnen, Lockern und Ausbalancieren stehen am Wegrand. Die Frauen probieren alles aus. Die Männer stehen steif daneben und versuchen, witzig zu sein. Der Grill ist ausverkauft, keine Rostbratwurst, keine Steaks. Auf ins Restaurant. Die Frauen laben sich an Mohnkuchen und Latte Macchiato. Die Männer würgen trostlose Käserkrainer Würstchen hinunter. Ein greiser Philosoph, dem sein schwarzer Anzug mit den Jahren zu groß geworden und aus der Form geraten ist, irrt mit wirrem Haar und aufgelöster Schleife durchs Lokal. Schon zweimal hat er seine Begleiterin verloren, da könnte auch Absicht dahinterstecken.

Schöne Aussicht – Hellersdorfer Fenster

Am Ende kommen die Männer nicht umhin zuzugestehen, dass auf der IGA Außergewöhnliches geboten wird. Dann finden die Frauen noch einen Gartenarchitekten und Landschaftsgestalter. Das Fachgespräch kann beginnen. Aufhören wird es so bald nicht.

Fröhlich sein und Äpfel

Die alten Leute und die neue Zeit, hier 1981
© Christian Brachwitz

Wir lebten im Grünen. Die Omas und die Enkel durften zu Hause bleiben. Alle anderen: Arbeit oder Schule. Das Grüne im Grünen reichte nicht. Wir brauchten auch noch ein Blumenfenster, das könnte man aus heutiger Sicht fast ein Objekt nennen, eine Skulptur. Die Oma war immer warm angezogen; richtig gesund war sie nicht mehr. Eine solche Oma würde heute viel jünger aussehen und sich viel schicker anziehen; gesunder wäre sie auch. Heute gibt sich eine Oma nicht so früh auf. Sie müsste dem Enkelkind, das ihr Ein und Alles ist, auch nicht aus der „FRÖSI” vorlesen. Frösi – die „Fröhlich sein und Singen”. Ich erinnere mich, die erste Nummer dieser neuen Kinderzeitschrift habe ich damals gekauft und dann keine mehr. In der „Fröhlich sein und singen” waren mir einfach zu viel Noten drin, sie nahmen das sehr ernst mit dem Singen. Und ob die Oma gerne aus der Frösi vorgelesen hat, wage ich auch zu bezweifeln; die Geschichten, die darin enthalten waren, entsprachen womöglich nicht ihrer Erfahrung und nicht ihrer Anschauung vom Leben, vielleicht kränkelte sie auch deshalb ein bisschen. Die alten Leute kamen mit dem neuen Leben in der DDR nicht mehr über einen Kamm. Und die Enkel mühten sich mit den viel zu großen Äpfeln ab.

Die Unfreiheit auf dem Balkon

Wir haben die Freiheit, auf die Straßenbahn zu warten, und außerdem bleibt uns auch gar nichts anderes übrig
© Fritz-Jochen Kopka

Im Netz lese ich (schon eine Weile her), dass Katja Kullmann mit Sophie Rois über Freiheit reden will. Was fällt dir dazu ein?

Es ist nichts Neues und vor allem ist der Gedanke nicht von mir, sagt Sophie Reus, dass es keines Terrorregimes und keiner Disziplinaranstalt bedarf, um uns zu regulieren. Und dann erzählt sie vom Rauchen auf dem Balkon. Menschen tun das in ihren eigenen Wohnungen. Sie gehen zum Rauchen auf den Balkon. „Sie wollen mit dem widerlichen Raucher, der sie sind, nichts zu tun haben, sperren sich selbst aus und bestrafen sich”, sagt Sophie Rois.

Das ist mir auch schon aufgefallen. Wenn sie rauchen als so widerlich empfinden, dass sie es ihrer Wohnung nicht zumuten möchten, warum muten sie es sich selbst zu? Einfache Antwort: Der Mensch besteht aus Widersprüchen, die er selbst nicht versteht. Genügt das?

Ich möchte jetzt mit mir auch über Freiheit reden. Freiheit ist das Größte. Wenn ein Westler einem Ostler sagt, ihr wart ja nicht frei, und jetzt wisst ihr eigentlich auch nichts mit unserer Freiheit anzufangen, dann ist der Ostler schon erledigt.

Dabei nutzen sie von den Freiheiten, die sie haben, nur einen Teil, genau wie wir auch. Sie haben die Freiheit, großzügig zu sein, aber sie sind es nicht. Sie haben die Freiheit, sich in die Lage anderer Menschen hineinzuversetzen und Empathie zu zeigen, aber sie tun es nicht. Sie haben die Freiheit, ihr Geld zu verschenken, aber sie tun, sie tun, sie tun es nicht. Wie wir auch nicht. Sie haben die Freiheit, in ihrer Wohnung zu rauchen, aber sie rauchen auf dem Balkon.

Irgendwie wirkt im Menschen ein Koordinatensystem, das ihn davor schützt, alle seine Freiheiten auszuleben. Und das ist auch gut so. Er würde es sonst nicht überleben. Er geht mit seiner Freiheit so sorgsam um wie – sagen wir – mit seinem Geld. Die Freiheit nehm’ ich mir, das ist ein guter Satz, aber jene Freiheit da und jene andere – also, auf die verzichte ich erst mal.

Lange nichts aus dem Leben der Raucher gehört

Das Fähnlein der fünf Aufrechten

In einer ollen Kommode lag noch eine olle, uffgerissene Schachtel Marlboro. Vier, fünf Lullen sind wohl noch drin. Da dachte ich an unseren Freund, den Intendanten. Den haben wir mindestens zehn Jahre nicht mehr gesehen und die Zigaretten sind noch älter. Aged 12 Years. Der Intendant war in einem ständigen Kampf mit den Zigaretten. Er führte diesen Kampf so, dass er sich nicht mit einem Privateigentum an Zigaretten belasten wollte. Wenn man eine Schachtel in der Tasche hat, dann raucht man sie auch weg. Immer, wenn man im kleinen Kreis anfing zu rauchen, schnorrte der Intendant mit einem bezaubernden Lächeln eine Zigarette. Und man gab sie ihm gern. Er rauchte elegant, man konnte sich da einiges abschauen, und als Künstler brauchte er von Zeit zu Zeit und von Gelegenheit zu Gelegenheit ein Genussmittel. Als wir ihn einmal besuchten, fand ich es besonders geistreich, ihm als Gastgeschenk eine Schachtel Zigaretten mitzunehmen. Er war einerseits entzückt, andererseits deprimiert. Eigentlich glaubte er, einen besonders willensstarken Tag erwischt zu haben, und seine Frau schätzte es überhaupt nicht, wenn er in der Wohnung rauchte. Er gönnte sich eine Marlboro auf dem Balkon, den Rest der Schachtel konnte der Nichtraucher Kopka (der dreißig Jahre zuvor auch mal Raucher gewesen war) wieder mit nach Hause nehmen. Damals hatten unsere Oleanderpflanzen öfter mal Schildläuse, und eine Gartenexpertin riet uns, sie mit einem Nikotinauszug zu besprühen. Den Tabak einer Marlboro ein paar Tage in Wasser legen und dann los. Aber auch da hat die Zigarette nichts Positives bewirkt. Gegen Schildläuse hilft einzig ein Spezialdünger. Gegen Rauchen muss jeder selbst sehen, was er da tun kann oder auch nicht.

Der im Regen blieb

Happy Rain
© Kopka

Der angesagte Regen kam am Freitagabend gegen sechs. Wir saßen im Biergarten von Schlögl in der Liebknecht-Straße (wenn sie denn noch Liebknecht-Straße heißt), der Himmel verfinsterte sich, die ersten Tropfen fielen, wir gingen rein. Verheugen musste auf die Pfeife verzichten.

Das macht dir nichts aus, sagte ich, du bist ein starker Charakter.

Es regnet nicht wirklich, sagte er, wollen wir wieder rausgehen?

Wir bleiben jetzt hier.

Ich rauche sowieso zu viel.

Es war von innen schwer zu erkennen, ob es nennenswert regnete. Aber alle Gäste hatten sich ins Innere des Restaurants verzogen, nur ein Mann saß unerschütterlich in der Mitte des Biergartens im karierten Hemd und wich nicht. Verheugen hatte begonnen, von Enttäuschungen zu sprechen. Er war begeistert beim ersten Besuch der Pizzeria al dente, er war begeistert vom Qadmos, um beim zweiten Mal zu beklagen, dass von dieser Begeisterung nichts übriggeblieben war. Das hatte auch mit der Euphorie des Primärerlebnisses zu tun, mit den Finessen der Speisen oder ihrer Exotik oder eben auch mit der charmanten Kellnerin, zu der Verheugen sofort einen Draht fand und sie zu ihm. Deshalb müssen diese Orte nicht unbedingt schlechter geworden sein. Man sollte vorsichtig umgehen, mit seiner Euphorie wie auch mit seinen Enttäuschungen.

Inzwischen hatte es wirklich angefangen zu schütten, es sah aus wie Weltuntergang, aber der Mann im karierten Hemd draußen rückte nur ein Stück in die Mitte des Schirms und wich nicht. Er aß den Berliner Teller für 1 Person mit 1 kleinen Schnitzel, 1 Boulette und einer Currywurst, dazu Bratkartoffeln und gemischter Salat mit Dressing und war keineswegs bereit, sich dabei stören zu lassen. Im Gegenteil: Er genoss die Leere um ihn herum. Als er den Gastraum betrat, um die Rechnung zu erbitten, hatte das Hemd am Rücken ein paar nasse Flecken, und auch die Haare waren nass, aber der Mann hatte dem Unwetter standgehalten. Er ging davon, ohne sich vor dem Publikum zu verneigen. Helden sind so.

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Einer kennt einen …

Tief versunken so oder so …

… der gerade in Klagenfurt liest, und weiß selber, wie das ist, wenn man da sitzt und schwitzt. Zu den Tagen der Deutschsprachigen Literatur oder traditioneller gesagt dem Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb. Einer war, als er da las, noch Bürger der gerade auslaufenden DDR. Die DDR hatte oft gesiegt in Klagenfurt. Ostdeutsche Schriftsteller hatten Druck, den westdeutsche, Schweizer und österreichische Autoren nicht hatten. Sie lebten zwischen den Zeilen und in den Metaphern. Und die Juroren kamen ihren Geheimnissen auf die Spur und fanden das und sich großartig. Als sich die DDR als ziemlich ohnmächtiges Gebilde herausstellte, war der Bonus weg, und die ostdeutschen Literaten waren plötzlich die ärmsten Säue. Warum auch nicht. Die Welle schwappt zurück. Wenn ein Juror nicht witzig war, glich er das durch Niedertracht oder Hochmut aus.

Das Studio des ORF, früher ziemlich düster und muffig, ist heute sehr weiß und clean, fast aseptisch. Eine Klinik hoher Künstlichkeit. In diesen Regionen ist die Luft sehr dünn. Vorlesen als Höhentraining.

Und da wird nun dieser eine ausgerufen, mit dem ich mal ein paar Tage in New York war zu irgendeinem Event, bei dem es um Kooperation von Wirtschaft und Kunst ging. Lange her. Ich hätte den Jungen nicht wieder erkannt. Ich weiß noch, dass er nur Handgepäck dabei hatte, aber jeden Tag was anderes anzog, zuletzt sogar ein vornehmes Jackett, kontrastiert mit einem leichten Schuppenregen. Wie hatten all diese Sache in sein Rucksäckchen gepasst! Der Zauberer, ein wenig autistisch war er unterwegs, aber was bleibt einem Künstler anderes übrig als autistisch zu sein. Auch jetzt, in Klagenfurt, ist er gut inszeniert. Ein Fremder. Wir werden ihn nicht ergründen. Er stützt das Gesicht auf die rechte Hand, wenn die Hand nicht gerade zum Wasserglas greift, aber er trinkt nicht. Er ist immer nur kurz davor. Er liest unaufgeregt, aber die Oberlippe schwitzt. Viele Frauennamen kommen vor, aber er liest aus einer sehr abgehobenen, versiegelten Welt. Er wird sich am Ende sagen können: Wer diesen Text nicht großartig findet, der hat ihn einfach nicht verstanden.

Und so ist es auch. Die Juroren, nicht die größten Geister, treten den Text in Grund und Boden. Einer kann sich in einen, der da gerade in Klagenfurt gelesen hat, sehr gut hineinversetzen. Man sollte das als ein Spiel sehen. Der deutschsprachigen Literatur ist mit dem Spiel nicht geholfen. Immerhin: Die Sieger gehen nicht leer aus. Und die Verlierer haben hinterher immer schon vorher gewusst, dass sie verlieren werden. Insofern ist nichts passiert.