Begeistert und verwirrt

Wenn der Supermarkt im neuen Glanz erstrahlt, sind Geschenke fällig. Diese hier hat Berliner Pilsner gespendet, denn: Mit dem Knochen kann man auch Bierflaschen öffnen
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Nach Kaiser’s kam Edeka zu uns, natürlich nicht, ohne umzubauen. Wenig später zog Netto um, von einem etwas älteren Neubau in einen neuen Neubau. Dann baute Penny um. Man sah, sie hatten größer gedacht, wenn auch ohne Klimaanlage, was in diesem Sommer schon ins Gewicht fiel. Eine völlig neue Bio Company eröffnete  fünfzig Meter weiter mit Bratwurst und Musik.

Und dann baute Edeka abermals um, extra für uns Kunden. Es dauerte nur zehn Tage, aber an diesem Sonnabend, als wieder geöffnet ist, sehen wir, dass der Umbau doch ziemlich komplex war. Alles neu, alles verändert, neue Anbieter gelistet. Es sieht ein bisschen aus wie in Amerika. Inhaber der Deutschland-Card dürfen im Eingangsbereich ein Glücksrad drehen, um Extrapunkte zu ergattern. Zusätzlich bekommen sie Werkzeug geschenkt, einen Zollstock, einen Schraubenschlüssel (den sogenannten Knochen) und eine Flachzange (Eine Flachzange bist du doch selbst, sagt Verheugen. Das war klar, dass du dir das nicht entgehen lässt, sage ich.) Die Kunden sind begeistert und verstört. Sie kriegen was geschenkt, aber sie finden nicht, was sie suchen. Nichts ist mehr so, wie es war. Sie fühlen sich wie Könige in einem fremden Reich und müssen ihr Kaufverhalten ganz neu lernen. Ich bin etwas verwirrt, sagt ein Mann am Fleischtresen. Wir sind auch verwirrt, sagt die Verkäuferin, aber ist doch sehr schön geworden! Ja, da staunt man, in der kurzen Zeit, und das in Berlin. Ich suche Meersalz und Speisestärke. Da hinten, sagt die stämmige Mitarbeiterin, die gleichzeitig mit mehreren ratlosen Kunden spricht und keinen direkt ansieht. Da hinten, in die Regale. Meinte sie jetzt mich? Das Meersalz? Die Speisestärke? Es steht keineswegs da hinten, sondern gleich linker Hand. Aber „in die Regale” auf jeden Fall.

Ist schon so. Der Wettbewerb der Supermärkte verlangt vollen Einsatz. In kurzen Abständen muss den Kunden was Neues geboten werden, eine neue Warenwunderwelt. Unvermeidlich und ganz natürlich, dass dabei Kollateralschäden auftreten.

Metzkes und Freunde

Wenn du an einem Donnerstagabend im sonnigen Abendlicht durch Berlin Mitte flanierst, kannst du von einer Galerie in die andere fallen, aber Helle Coppi eröffnet an diesem 6. September die Ausstellung „Harald Metzkes und Freunde” und da wollten wir sowieso hinein, nachdem wir an Häusern vorbeikamen, die, noch gar nicht mal alt, schon wieder dekonstruiert werden, an grünen Höfen, an genialischen Inschriften und an Karossen, die auch nicht im Halteverbot parken dürfen, obwohl sie Porsches sind.

Auguststraße 83. Blick von außen
© Fritz-Jochen Kopka

Harald Metzkes und Freunde, das sind Manfred Böttcher, Walter Libuda und Konrad Maass. Außer dem früh verstorbenen Böttcher sind sie anwesend in der Auguststraße 83 und können sich auf die Zuwendung der Besucher – Kollegen, Sammler, Enthusiasten – verlassen. Die Freundschaften, die Harald Metzkes pflegte und pflegt, sind locker, verlässlich und kreativ. Von allen berühmten Malern aus der DDR ist Metzkes wohl der zurückhaltendste, nachdenklichste, aber auch jeder Zeit auskunftsfähige.

Helle Coppi eröffnet

1989, als wir eine Reportage-Reihe über den Kollwitz-Platz schrieben, suchten Jutta Voigt und ich Harald Metzkes in seinem Atelier auf. Wir fielen gleichsam mit der Tür ins Haus, weil die Telefone mal wieder alle tot waren. Metzkes ließ sich ohne Umschweife in seiner Arbeit stören, um über die Maler am Platz zu reden, Berliner Straßen und Bäume, die klassischen Blöcke der Häuser, Käte Kollwitz, die Invasion der Autos, die die Stadt gründlich veränderte – „man steht am Rande einer ewigen Durchreise.”. Ein Blick aus dem Fenster: „Ich steh nicht am Straßenrand und seh an der Fassade lang, sondern ich steh in der Mitte der Straße und gucke wie Ludwig XIV. in Versailles. Alle Linien führen auf mich zu.”

Harald Metzkes im Profil. Das Blau des Pollunders wäre ihm wohl zu blau

Damals war Metzkes, auch wenn das seltsam klingt, ein junger Mann von sechzig Jahren. An diesem Abend in der Galerie ist er, und das klingt ja noch seltsamer, ein junger Mann von 89 Jahren, schlank, aufmerksam, auskunftsbereit. Mit Manfred Böttcher war er seinerzeit Meisterschüler an der Akademie der Künste, Böttcher bei Heinrich Ehmsen, Metzkes bei Otto Nagel. Sie erhielten Stipendien, die Meister wiederum ließen sich selten sehen, das war vielleicht auch ganz gut so, erzählt Helle Coppi in ihren Eröffnungsworten.

Konrad Maass, Stahlschiffbauer und Maler, könnte auch einen guten Kapitän abgeben

Konrad Maass, der gelernte Stahlschiffbauer, war aus Rostock nach Dresden gekommen und machte dem Staat mit seiner mecklenburgischen Sturheit ordentlich zu schaffen. Er wurde zum Studium an der Kunsthochschule zugelassen, wollte aber nicht mehr studieren, nachdem er gesehen hatte, wie es da zuging. Franz Fühmann hatte ihm geraten, sich auf sich selbst zu besinnen. Dabei half ihm Metzkes, der Maass als inoffiziellen Meisterschüler aufnahm und unterstützte. In Maass’ Vita finden sich folgende Sätze: „Am 4. Juni 1952 bei Sonnenaufgang in Rostock geboren. Am 10. 11. 1970 gegen 14 Uhr Beginn des Zeichnens aus Langeweile. Arbeit als Nachtwächter an der Gemäldegalerie Alte Meister Dresden. Kopie des ›Trunkenen Herkules‹. Verweigerung des Armeedienstes (Reserve). 1991 Verwirklichung des alten Traums, die Ostsee zu überqueren. ”

Frau vor Schwiegertochter

Weißwein- und Wassergläser in der Hand promenieren wir an den Bildern vorbei. Ein U-Bahnbild von Böttcher, ein U-Bahnbild von Metzkes. Das „Bildhaueratelier am Strand” von Maass und ein Strandbild von Metzkes, rätselhafterweise „Die Schwiegertochter” betitelt, alle Figuren in leichter Schräglage, vom Meer kommt eine Brise her. Eine Terrakottaplastik von Walter Libuda, „Der Ingenieur”, ein Ingenieur, kann man da empfinden, ist ein nachdenkliches, Gedanken sogleich in Resultate umsetzendes Wesen, das uns sowohl Achtung als auch ein Lächeln abnötigt. Wir sehen Nähe, wir sehen Vergleichbares und Unvergleichliches, wir sehen den weiten Horizont der Kunst und auch der Freundschaft.

Reden wir über Dominanz

Ehrlich gesagt: Eigentlich ist diese Geduld nicht vorhanden
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Ich kriege schlechte Laune, wie ich mir die Elf des (Fußball-Bundesliga-)Spieltags bei Kicker online anschaue. Fünf Spieler von Bayern München unter den elf Besten des Tages. Die Einwechselspieler nicht mitgerechnet stehen am Spieltag knapp 200 Profis auf dem Rasen. Es kommt mir seltsam vor, wenn fünf Bayern-Kicker unter den elf Besten des Tages sind; so toll waren sie nun wirklich nicht mit ihrem 3:0 beim VfB Stuttgart, der mies in die Saison gestartet ist und auf dem letzten Tabellenplatz steht. Vielleicht hilft mir Spiegel online mit seiner Auswahl? Nee. Da stehen nun gleich sieben Bayern-Profis in der Elf des Tages. Geht’s noch? Darunter Robben, Thiago und Alaba, die etwa in der Kicker-Wertung nur eine durchschnittliche 3 bekommen haben. Es läuft etwas quer im deutschen Fußball. Die Medien sind überwältigt vom FC Bayern München; sie bauen die Kulisse der Übermächtigkeit auf, und wenn sich die anderen Teams dann nur noch hinten reinstellen, wenn sie gegen den FC Bayern antreten, werden sie wegen Feigheit auch noch verhöhnt und die Schiedsrichter hauen in die gleiche Kerbe und schenken den Bayern Elfmeter.

Vielleicht müssen wir über Dominanz reden. Über den Sog, den Dominanz (auf schlichte Gemüter?) ausübt. Ich finde es lähmend, wenn nach der halben Saison der Meister schon feststeht, und zwar immer der, der es schon im Vorjahr war. Man kann den Bayern ihre Stärke und ihren wirtschaftliche Potenz nicht vorwerfen. Kann man ihnen denn die Unterlegenheit ihrer Rivalen vorwerfen? Wohl doch erst recht nicht oder? Dass sie im eigenen Land konkurrenzlos sind, schwächt sie im internationalen Wettbewerb. Aber haben sie nicht selbst den einzigen echten Rivalen in der Bundesliga geschwächt, indem sie ihm die Schlüsselspieler abwarben? Aber das mussten sie ja tun, weil sie es als Schmach empfanden, wenn sie mal nicht Meister wurden. Auf der Kehrseite steht dann eben, dass die Schwächung der Dortmunder zu ihrem eigenen Nachteil im internationalen Geschäft wurde.

Dass auch die Schiedsrichter und die Medien vor den Bayern einknicken, steht noch mal auf einem ganz anderen Blatt. Man kann ja kaum noch etwas Substantielles zur Wiederkehr des ewig Gleichen sagen, aber die Medien versuchen es trotzdem und dichten peinliche Hymnen zum Ruhm der Bayern. Das mag man kaum noch lesen und letztlich wird das auch nicht gutgehen.

Wie sich der Amateur entlarvt

Achte mal auf Feinheiten: Das sind Tischtennistische, keine Tischtennisplatten
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Das hab ich auch erst relativ spät mitbekommen: Der Tischtennissportler sagt nicht Platte, sondern Tisch, also nicht Tischtennisplatte, sondern Tischtennistisch. Wer Platte sagt, outet sich als Amateur oder als einer, der Tischtennis als Gesellschaftsspiel betreibt, in dem man Spielglück oder -pech haben kann, und nicht als Sport. So steht es auch bei TT-Tips.de: „Im Sprachgebrauch hat sich der Begriff Tischtennisplatte eingebürgert. Richtig nennt sich die Platte jedoch Tischtennistisch.”

Warum das so ist, steht bei TT-Tips.de allerdings nicht. Die einzige Erklärung, die ich privat anbieten kann, ist diese: Eine Platte hat keine Beine, ein Tisch schon, und Beine braucht das Sportgerät des Tischtennissportlers.

Es gibt einige merkwürdige Sprachregelungen auf verschiedenen Gebieten. Der Sänger Jürgen Walter konnte wahnsinnig werden, wenn man seine Lieder Titel nannte: Du hast aber wieder einen schönen Titel gemacht, Jürgen. Das war ein Lied oder ein Song, vielleicht noch ein Schlager, aber das Wort Titel ertrug er nicht. Was mag da vorgefallen sein, dass es zu einer solchen Animosität kommen konnte.

Eine Filmkritikerin kriegte die Krätze, wenn jemand zu einem Film Streifen sagte. Mit einem recht anspruchsvollen Streifen überrascht uns Regisseur XYZ. Wer Streifen sagt, hat keine Ahnung vom Film, sein Urteil zählt nicht.

Und dann! In unserer Jugend! Wenn einer Nietenhosen sagte und Jeans meinte, das konnte nur ein Knallkopf oder ein Bonze sein.

Manche dieser Sprachregelungen über Unwörter, die den Ahnungslosen verraten, kann man nachvollziehen, andere nicht. Letzten Endes kennen wir alle Wörter, die uns auf die Nerven gehen. Ich sage nur: lecker. Kann ein Koch, der ständig lecker sagt, kochen? Vielleicht. Aber über die Sprache macht er sich keine Gedanken.

Sehnsucht nach Mittwoch

Die Halle ist schön und schlicht, wie es sich für ehrlichen Sport gehört
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Es wird auch noch mal was fertig in Berlin. Demnächst vielleicht das Stadtschloss, für das wir aber wahrscheinlich keine Verwendung haben, und jetzt die Sporthalle der Richard-Wagner-Schule. Die Sporthalle, in der wir, die Jungs vom TSV Karlshorst, jeden Mittwoch unser Tischtennistraining haben. Bis zu dem Tag, wo sie uns sagten, die Halle wird rekonstruiert, und das kann schon ein Jahr dauern. Ich meine, die Halle war schon öfter mal zu, es wurde zum Beispiel ein neuer Boden gelegt, was zur Folge hatte, dass wir danach dauernd ausrutschten und uns im Staub wälzten. Wir durften auch mal nicht rein, in die Halle, weil die Teilnehmer des Kirchentags dort nicht übernachteten, aber duschten.

Dusche für Jungs

Jetzt also die große Rekonstruktion. Zur selben Zeit wurden in Lichtenberg vier weitere Hallen rekonstruiert, so dass wir Sportler mit Müh und Not einen Ausweichtermin in der Halle der HTW bekamen, Sonnabend um 18 Uhr, ganz toll für Leute, die Familie haben oder am Sonnabend etwas erleben wollen, das ihr Leben noch mal auf den Kopf stellt. Als wir das erste Mal antraten, heulte auf dem gesamten Campus die Sirene und ließ sich nicht abstellen, weil der Computer abgestürzt war. Das mehrköpfige, vorbildlich uniformierte Pförtnerkollektiv war ratlos. Wir mussten wieder abziehen. Eine Sirene hält kein Mensch aus. Manchmal funktionierten die Schlüssel nicht, weil sie nicht mit den Schlössern kommunizierten. Die Duschen waren monatelang kalt, gelobt sei, was hart macht. Es war klar, dass diese Zeit unsere Sektion Tischtennis hätte töten können, aber wir haben überlebt. Manchmal waren wir nur zu zweit, und manchmal war auch nur einer da, der deprimiert nach Hause ging.

Wir erwarten einen Leistungsschub

Nun ist unsere alte Halle fertig. Es hat nicht ein Jahr gedauert, sondern anderthalb. Geschenkt. Wir müssen die Tische (man sagt Tische und nicht Platten) und das Zubehör wieder von B nach A schaffen. Sportfreund Zeißig mietet den Transporter und whatsappt die Leute zusammen. Wir sind sechs, darunter einer, der sich die anderthalb Jahre lang nicht sehen ließ. Unsere gute alte Halle trägt jetzt einen Mantel aus Riemchenfliesen. Innen ist sie strahlend weiß und nicht minder strahlend orange. Die sanitären Anlagen sind neu. Die alten waren auch schon noch ein Albtraum, das muss man zugeben. Im Moment ist gerade Sportstunde in der Halle. Ein neuer Boden liegt aus mit vielen bunten Markierungen. Wir schieben die Tische an den sportlichen Schülern und ihrem Lehrer vorbei in den Geräteraum. Unsere Sektion lebt auf. Mittwoch schlagen wir das erste Mal in der alten neuen Halle auf. Mal sehen, ob wir die verlorengegangenen Sportler zurückgewinnen können. Mittwochabend ist ein Klassetermin. Zu Hause würde man doch nur Champions League glotzen.

Helden des Ostens (9): Gundermann

Gundermann über der aufgerissenen Karl-Marx-Allee
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Ich habe den Schauspieler Alexander Scheer in einigen Filmen gesehen, aber ich weiß eigentlich nicht, wie er aussieht. Jetzt sieht er jedenfalls aus wie Gerhard Gundermann, das kann man sich merken. Die langen glatten Haare, die große Brille, die vorspringende Nase, der Oberbiss, das flüchtige Kinn. Ein dünner Mann mit langen Armen und kräftigen Schultern. Das Fleischerhemd. Die dicken Pullover, die schon halbe Strickkleider waren. Das Schlagzeug. Die Gitarre. Die Kanzel des Baggers. Die apokalyptische Tagebaulandschaft. Das Zurückzuschieben der Brille. Das nervende Hochziehen des Nasensafts. Gundermann hat es niemandem leichtgemacht. Der Liedermacher. Der Baggerfahrer. Kulturmanager war er auch. Der Junge, den man sich nicht alt vorstellen konnte. Und er wurde auch nicht alt. 43 Jahre.

Andreas Dresens Film über Gundermann läuft jetzt in den Kinos. Alexander Scheer spielt Gerhard Gundermann. Er singt Gundermanns Lieder wie Gundermann. Der Film beginnt mit dem dunkelsten Punkt in Gundermanns Leben, aber eben auch mit dem für den Filmemacher spektakulärsten. Gundermann war bei der Firma. Bei der Stasi. Ein Puppenspieler stellt ihn zur Rede und lässt sich von Gundermanns schnoddrigem Wegmoderieren nicht einfangen. Dann zeigt der Film, wer Gundermann noch oder eigentlich ist. Ein Working Class Hero. Der mit seinem Bagger diese apokalyptischen Tagebaulandschaften schafft. Was er in einer Schicht abbaggert, ist in wenigen Stunden verfeuert. Perspektivisch baggert er sein eigenes Haus weg. Das ist Gundermann immer bewusst. Er lebt damit und denkt darüber nach. Gundermann ist daneben auch der personifizierte Bitterfelder Weg. Der Arbeiter, der die Höhen der Kultur stürmt. Aber das ist ein Bitterfelder Weg, wie ihn die Funktionäre, die sich das ausdachten, in der Wirklichkeit nicht haben wollen. Die Geister, die sie riefen, sehen anders aus, als sie sich sie vorstellten, und sie werden sie nicht los. Diese Geister, die die Höhen der Kultur stürmten, werden frech und widersetzlich. Sie werfen den Funktionären Marx-Zitate an den Kopf, und die Funktionäre sehen alt aus und sagen: So hat Marx das aber nicht gemeint.

Gundermann hat den Kopf voller eigener Ideen, er will immer was und legt sich immer mit allen an: mit den Funktionären, mit den Ingenieuren, mit den Akteuren seines Singeklubs, der Brigade Feuerstein. Wenn die anderen nach dem Konzert abhängen und Bier trinken, geht Gundermann zur Frühschicht und sieht dabei unternehmungslustig aus. Gundermann ist Kommunist. Er will unbedingt in die Partei und will sich da auch nicht wieder rauswerfen lassen. Diesen historischen Optimismus besaßen nur wenige in der DDR. Gundermann war auch voller Spitzfindigkeiten. Er hat seine eigenen Theorien, wie man leben, essen und Hygiene betreiben sollte. Er sah sich im Fernsehen bei einem dieser merkwürdigen Interviews und sagte: Können die einem nicht sagen, wie beschissen man aussieht, oder so ähnlich.

Dresen profitiert von einem Dokfilm, den Richard Engel 1981 über Gundermann gemacht hat, der irgendwann auch im DDR-Fernsehen gesendet wurde und in dem von Stasi natürlich keine Rede ist und auch nicht sein kann. Im Spielfilm taucht das Stasithema immer wieder auf. Gundermann muss sich mit einer Sache auseinandersetzen, von der er glaubte, dass er sie erfolgreich vergessen hatte. Er muss sich vor seinen Leuten und vor seinen Fans erklären. Einmal hat er Glück: Der Typ (im Film Milan Peschel), über den er berichtet hat, hat der Stasi auch über ihn berichtet. Beide sind sie Täter und Opfer zugleich, wie man so schön sagt. Beide sind erleichtert. Die Frage, die sich stellt, ist diese: Hat die Stasi Gundermann wirklich so weitgehend definiert, wie der Spielfilm es zeigt? War Gundermann deshalb so mutig und so frech, weil die Stasi hinter ihm stand (die natürlich nicht mehr hinter ihn gestanden hätte und auch nicht mehr hinter ihm stand, wenn er zu mutig gewesen wäre und war)?

Gundermann hat sich von der Stasi einfangen und austricksen lassen. Wenn seine Gruppe Konzertreisen im Westen machen wollte, dann musste einer dabei sein, auf den sich der Staat verlassen konnte. Wollte Gundermann den anderen die schönen Westreisen versauen? Sicher nicht. Aber er lebte nun mit diesem Dreck, mit dieser fahrlässigen Schwatzhaftigkeit, und musste die Suppe auslöffeln, was keinem gelang.

Ich war voreingenommen, aber der Film ist gut und Scheer als Gundermann irritierend echt. Dresen erzählt eine besondere DDR-Geschichte, die unsere seltsame Lage zwischen Utopie und Realität widerspiegelt, die Unmöglichkeit für diesen Zwiespalt eine leichte, selbstverständliche Sprache zu finden.

Einmal habe ich ein Gundermann-Konzert, ich glaube, im Haus der Jungen Talente gesehen. Mir war da zu viel Ferienlager-Feeling (was wir da alles ausgefressen haben, das tolle Bergfest, und am Ende kamen uns fast die Tränen). Wenn Gundermann (zumindest auf der Bühne) etwas fehlte, dann war das Skepsis. Das war sein Vorteil und sein Nachteil. Wie es eben auch sein Vorteil und sein Nachteil war, dass er sagte, was er dachte, wie es im Film, im Dokfilm und im Spielfilm, die Baggermutti über ihn sagt. Wer war Gerhard Gundermann? Das Rätsel konnte Dresen nicht lösen. Dazu war er zu nah an den Realien dran.

Nichts passiert

Sie haben die Sache der Poesie doch etwas unterschätzt
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Ich stehe auf dem U-Bahnhof Kienberg und sage mir: je nachdem – wenn zuerst der Zug nach Hönow kommt, fährste weiter zur Hellen Mitte, um zu sehen, was mit dem Fassadengedicht an der Alice-Salomon-Hochschule geschehen ist. Wenn aber der Zug Richtung Alex zuerst einfährt, fährste eben gleich nach Hause. Hönow kommt zuerst. Ich fahre zwei Stationen, steige aus und sehe: Eugen Gomringers Gedicht, um das vor einem Jahr so heftig gestritten wurde, weil es angeblich die Würde der Frau verletzt, indem es sie, die Frau, bewundert, ist nach wie vor am Giebel der Hochschule vorhanden, nur das „j” im dritten „mujeres” (Frauen) ist leicht beschädigt. Wahrscheinlich vom Wetter. Ich kann nicht sehen, dass das Gedicht irgendjemanden stört. Ich kann auch nicht sehen, dass irgendjemand das Gedicht beachtet. Was ist los? Sie haben sich doch fast die Köpfe eingeschlagen! Sie haben (in der Hochschule) doch beschlossen, dass das Gedicht entfernt und durch ein anderes ersetzt werden soll. Warum passiert da nichts. Ja, klar, es sind inzwischen schon viele andere Kühe durchs Dorf getrieben worden. Vielleicht sind die aufgewühlten Kritiker noch dabei, ein neues Gedicht, ein besseres Gedicht, oh Freunde, zu schreiben, eines, das niemanden stört, eines, das alle gut und bewegend finden, eines, mit dem alle einverstanden sind. Und das kann dauern.