Der Don Quijote unter den Palmen

Ja, ja, sie lebt noch

Diese Palme ging uns schon lange auf die Nerven. Sie wuchs in die Höhe, hatte einen sehr hohen, sehr dünnen Stamm und oben nur wenige Stechblätter, zu einem Büschel geformt. Sie war der Don Quijote unter den Palmen. Aber wir wissen alle, dass Pflanzen sich erholen können und es einem danken, wenn man sie mit besonderer Fürsorge bedenkt. Mit ihr hatten wir allerdings schon viel Geduld gehabt, nun warf sie auch noch jede Brise um, die Töpfe zersprangen, so dass wir beschlossen, uns ihrer zu entledigen. Raus aus dem Topf, in einzelne Stücke zersägt, der Wurzelballen mit dem Rest des Stamms kam auf den Kompost. Ist ja klar, was dann passierte. Der Stamm schlug aus, an mehreren Stellen. Er stand monatelang auf dem Kompost, bekam keinen Dünger und kein Wasser (außer Regen), er war sich selbst überlassen, aber die neuen Blätter entwickelten sich wie in der jungen Sowjetunion das Flugwesen. Dem Frost wollten wir die Palme nicht überlassen. Während ich die Wurzeln kürzte und die Pflanze wieder in den Topf tat, sagt Andrea bewundernd: Was die für einen Überlebenswillen hat!

Exemplarisch. Die Palme lässt uns an die reale Möglichkeit von Reinkarnationen glauben. Sie ist ins Leben zurückgetreten und hat mit der Pflanze, die sievorher war, nicht mehr viel Ähnlichkeit; hat sich, nachdem ihr Ende besiegelt schien, neu erfunden. Können wir daraus für uns lernen? Mal sehen.

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Östliche Bilder, preußische Speisen

November 18, 2017 2 Kommentare

Fünf Gebäude ergeben noch kein Ensemble
© Fritz-Jochen Kopka

Die Kunstreise, die Verheugen und ich unternehmen, scheitert in keinem Punkt. Regionalzug von Alexanderplatz nach Potsdam Hauptbahnhof. Der Weg vom Bahnhof zum Barberini Museum ist kurz, führt über eine Brücke, wir sehen das umkämpfte DDR-Hotel „Mercure”, das Günter Jauch, Hasso Plattner und Mathias Döpfner am liebsten persönlich abreißen würden. Es gibt zwei Potsdams. Jenes, der Ureinwohner, und dieses der neu zugezogenen Stifter und Spender, die das preußische Potsdam wieder haben wollen, wozu sie die Spuren der DDR beseitigen müssten, aber die Alteingesessenen haben unter der DDR offensichtlich nicht so gelitten, wie diese Neubürger, die sie, die DDR, nicht erlebten. Und dann gibt es noch uns, die Berliner, die der Meinung sind, dass die wirkliche Stadt in Potsdam nirgendwo anfängt. Alles ist flach, zufällig und fügt sich nicht zusammen. Du hast doch gesagt, sagt Verheugen, dass in Potsdam auch die dünnen Leute dicke Ärsche haben, wo sind die denn. Sie lassen die heute nicht raus, sage ich.

Lost in Exhibition

Im Museum Barberini, das der Software-Unternehmer Hasso Plattner so großzügig und vorbildlich wieder aufgebaut hat, zeigen sie unter dem Titel „Hinter der Maske” DDR-Kunst und wollen in einer vornehmen Geste vorführen, dass es nicht nur platten sozialistischen Realismus im Osten gab. Aber das wussten wir schon. Trotzdem ist es großartig, hier viele schöne Bilder wiederzusehen und einige Entdeckungen zu machen. Für schlappe 14 Euro. Der Herr ist aus der alten DDR, sage ich und zeige auf Verheugen, er hat gehört, dass er hier für die Hälfte reinkommt. Die Kassiererin ignoriert die Bemerkung total. Mit deiner Art von Humor können sie hier nichts anfangen, sagt Verheugen. Er hat den Eintrittspreis längst in Schnaps umgerechnet. 14 Euro, sagt er, das wäre eine ganze Flasche Johnny Walker. Davon hätte ich länger was. Das kannst du doch gar nicht wissen, sage ich. Einige Bildeindrücke prägen sich deinem Gedächtnis ein und werden dich noch lange beschäftigen, bis in die Träume. Warum nimmt der so viel Eintritt, der Plattner, mosert Verheugen. Der hat hier viel Kohle reingesteckt; das muss sich einigermaßen rechnen, sage ich. Wenn er kein Geld hat, dann soll er sowas nicht machen, sagt Verheugen. Er drückt seinen Unmut aus, indem er vor jedem Bild grämliche Grimassen schneidet.. Dann aber erwärmt er sich für das Gemälde „Hinter der Tür” von Wolfgang Peuker und ein Atelierbild von Otto Möhwald. Das ist Poesie, sagt Verheugen, das ist poetisch.

Hinter der Tür von Wolfgang Peuker

Ich sehe eine mir bekannte Gestalt auf einem Gemälde von Arno Rink, den Kunstkritiker Henry Schumann, wie er in meinen Studentenjahren mürrisch im Café Korso in Leipzig saß, mit dicken Brillengläsern und dicken Lippen, er sah aus wie ein Buchhalter, und dann war plötzlich sein großartiger Band „Ateliergespräche” da, besonders originell war das Gespräch mit Werner Tübke, der nicht müde wurde, Schumann zu belehren und zurechtzuweisen. Er war ein ganz spezieller Fremder, ich meine Tübke, wir saßen auch mal in seinem Atelier und waren impertinent genug, ihn zu fragen, ob er Depressionen kenne, das geht über die Grenzen, meine Herrschaften, diese Fragestellung, sagt er, aber die Frage nach Selbstzweifeln ließ er zu: Das kommt doch gar nicht in Frage. Aber natürlich weiß ich: Was du heute Vormittag gemacht hast, das ist zwar in Ordnung, aber es hätte ein Spur eleganter kommen können.

Einige Selbstbildnisse von Tübke finden wir in der Ausstellung, irgendwo im Süden, mit breitkrempigem Hut, mit schnellen Hunden, ein Mann, der vielleicht auch sich selbst fremd war. Willi Sitte, och unter dem Einfluss von Pablo Picasso. Künstlerbilder von Harald Metzkes und Peter Herrmann, berühmte Maler wie Wolfgang Mattheuer und Bernhard Heisig, weniger bekannte wie Jutta Damme und Thomas Ziegler.

Es bleibt doch wie immer Enttäuschung und Leere zurück, sagt Verheugen draußen vor der Tür. Er ist in seinen Pessimismus verliebt. Hinter der Maske. Das impliziert, dass in der DDR alle eine Maske trugen, und dass nur zählt, was hinter der Maske war. Eine solche Deutung kann ich nur vermessen nennen.

Kann man in Potsdam etwas essen und Bier trinken – sieht nicht so aus. Bis wir das Restaurant Loft finden, zu erreichen mit dem Lift im dritten Stock. Die Welt ist sofort in Ordnung. Kellner, denen ihr Job Spaß macht, und ein ambitionierter Küchenchef. Preußische Traditionen, Gewürze wie zu Friedrichs Zeiten. Wo sonst, wenn nicht hier, ist das angebracht. Der Abschied von Potsdam fällt versöhnlich aus. Wir sind bereit, unsere Vorurteile zur Disposition zu stellen.

Ist das nicht sexistisch?

Das in einen ungewissen Himmel aufragende Hochhaus – da schirmen wir uns lieber ab

In der Lokalzeitung fällt mir eine Todesanzeige auf. Josephine Müller, geb. Müller, ist verstorben, zeigt Dr. Wolfram Müller an. Ziemlich viel Müller, gewiss, aber entscheidender: Wolfram Müller – geborener was? Warum wird nur bei Frauen vermerkt, was für geborene sie sind und nicht bei Männern? Diese Art von Sexismus – warum wird dazu geschwiegen! Und es ist Sexismus, schon weil es eine Ungleichbehandlung darstellt. Ich wundere mich überdies, dass in der Sexismus-Aktion derzeit vergessen wird, dass Männer in Massen ihr Wasser im öffentlichen Raum abschlagen, zum Beispiel im und am Kölner Dom. Das ist nicht nur eine sexistische, sondern auch eine hygienische und ästhetische Belästigung. Auch da kommen Leute daher und behaupten, sie hätten schon Frauen gesehen, die ihre Röcke lüften, um ihre Notdurft zu verrichten (aber nur, wenn sie nicht mehr anders können). Vor diesem Positivismus sollten wir uns hüten. Über eine Wiedereinführung der Todesstrafe muss nachgedacht werden, möglichst ohne öffentliche Debatte wie bei der Rente ab 65 für Frauen, der Abschaffung der Wehrpflicht und der Schließung der AKW.

 

 

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Berlin Alexanderplatz (31): Novembertage

Hier entsteht nicht nur ein Modulgebäude von Kleusberg, sondern auch ein Weihnachtmarkt. Höchste Zeit
© Fritz-Jochen Kopka

Meine Brille wird zwei Jahre alt. Ich lese Verheugen am Telefon vor, was Fielmann mir aus diesem Anlass zu bieten hat. Er will es zwar nicht hören, ich lese aber trotzdem und dann klingt es doch erheiternd. Ich kann jetzt noch nichts essen. Novembertage. Joppe, Wollmütze, aber immer noch Laufschuhe. Der rechte mit dem langsam größer werdenden Loch, da muss ich langsam mal was machen. Krieg und Frieden in der S-Bahn. Alexanderplatz. Hier entsteht der erste Weihnachtsmarkt des Jahres in Form einer Pyramide. Alexa. Auf dem Mittelstreifen davor zwei Musiker, die vermutlich im Strom der Vorübereilenden nichts verdienen werden. Fielmann ist voll. Ich erfahre, dass solche Angebote Firmenroutine sind und selten wahrgenommen werden. Ich kann auch in andere, weniger überfüllte Filialen gehen. Die Qualität hat dort das gleiche Niveau (dämliche Frage). Ja, hat überall das gleiche Niveau. Was soll die Filemann-Frau auch sonst sagen. Jetzt habe ich viel Zeit, denn ich kann nicht vor halb vier bei Verheugen klingeln, der in der Nacht schlecht geschlafen und deshalb einen Mittagsschlaf eingeplant hat. Und jetzt habe ich auch Hunger, aber keine Lust auf Döner und auch nicht auf Fish & Chips. Also Asian Food, mit Hinsetzen. Der Laden ist sehr sauber. Ente kross. Ich sitze einer Dame ohne Eigenschaften, aber mit Manieren, gegenüber, die das auf dem Tisch befindliche Saucen-Angebot ausgiebig nutzt. Sie stemmt den linken Ellenbogen auf den Tisch, auch um den Teller gegen Diebstähle abzuschirmen, die rechte Hand ergreift den Löffel und schaufelt das Essen in den Mund. Ab und zu schaut sie, was das Smartphone macht. Hinter ihr eine junge Frau mit einem älteren Ehepaar. Die junge Frau kümmert sich um alles, das Ehepaar sitzt auf seinen Plätzen und wartet, was auf es zukommt. Die Frau trägt Jeans, meine natürliche Blickrichtung geht auf ihren Hintern. Wenn sie sich nach vorn beugt, sehe ich Dimensionen, die ich durchaus als sexuelle Belästigung empfinde, ich will nichts von der Frau, warum lässt mich ihr Hintern nicht in Ruhe. Im Ohr habe ich die Stimme Erich Arendts, die scharf artikuliert das Gedicht November spricht: „Nebel zerbrachen mit raumloser Hand die letzte Blume des Sommers  Der Mund des Lichts verschloss sich der Welt” Jeans und Joppen im New Yorker. Ich überlege kurz. Aber 40 € für eine Jeans beim New Yorker, die mir nur zu sechzig Prozent gefällt, eher nein. Und eine Joppe habe ich ja an.

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Doktor Faustus lesen

Gibt schon ausgefallene Namen im Telefonbuch, aber keinen Schildknapp und schon gar keinen Schlaginhaufen

Über die Namensfindung bei Thomas Mann ist noch zu reden. Adrian Leverkühn und Serenus Zeitblom habe ich schon erwähnt, die Protagonisten des „Doktor Faustus”. Sprechende Namen, man vernimmt das Knirschen der Konstruktion. Aber das reichte noch lange nicht. Der Dichter gab keine Ruhe.

Auf dem Hof Buchel der Leverkühns unweit von Kaisersaschern ist die Verwalterin des Molkereiwesens eine Frau Luder, eine haubentragende Witwe, „deren ungewöhnlich würdevoller Gesichtsausdruck zu einem Teil wohl der Verwahrung gegen ihren Namen galt”. Leverkühns Kommilitonen während seines Theologiestudiums in Halle/Saale heißen etwa Deutschlin, Baworinski, Dungersheim, Carl von Teutleben, Hubmeyer, Matthäus Arzt und Schappeler.

Die Dozenten: Eberhard Schleppfuß (Privatdozent), eine „leibarme Erscheinung”, Professor Ehrenfried Kumpf, der „saftigeste Sprecher an der ganzen Hochschule”, Kolonat Nonnemacher, der Philosophie las.

In erwähnten Sagen und anderen Überlieferungen kommt ein Heinz Klöpfgeißel, ein Fassbinder, vor.

Leverkühns Ärzte in Leipzig, seinem zweiten Sudienort: Dr. Erasmi und Dr. Zimbalist. Der eine stirbt, der andere wird in Handschellen abgeführt. Leverkühns Behandlung (Syphilis) kann nicht fortgeführt werden. Schicksal sowas.

Leverkühns neben Zeitblom wichtigster Freund, der Anglist Rüdiger Schildknapp, die vielleicht schönste Nebenfigur des Romans, bleibt lebenslang in Leverkühns Nähe.

In München, der nächsten Lebensstation, verkehren die Freunde im Salon der ursprünglich Bremischen Senatorswitwe Rodde und ihrer Töchter Ines und Clarissa. Dort treffen wir das Ehepaar Knöterich, den Gelehrten Dr. Kranich, die Maler Leo Zink und Baptist Spengler, den Geiger Rudolf Schwerdtfeger, den Papierfabrikanten Bullinger, die Wagner-Heroine Tanja Orlanda, den Heldentenor Harald Kjoejelund, „ein schon dicker Mann mit Zwicker und erzener Stimme”, Jeanette Scheurl, die Deutsch-Französin, den Verleger Radbruch, den Generalintendanten Exzellenz von Riedesel, „ehemaliger Reiteroberst”, den Privatgelehrten Dr. Chaim Breisacher, den Glattmaler Nottebohm.

Konkurrierende Salons finden in den Häusern Schlaginhaufen, Langewiesche und Rollwagen statt. Der Fagottbläser Griepenkerl leistet Leverkühn unschätzbare Dienste beim Kopieren seiner Werke. Ein längst verstorbener Musikprofessor Jimmerthal wird am Rande erwähnt.

Leverkühns Schwester Ursula heiratet den Optiker Johannes Schneidewein von Langensalza, einen „vortrefflichen Mann”. Ines Rodde ehelicht den Ästhetiker und Kunsthistoriker Dr. Helmut Institoris

In Pfeiffering, unweit von München, findet Leverkühn endlich sein ultimatives Domizil auf dem Gehöft der Schweigestills, ländlicher Menschen, die nur das Nötige reden. Dort wird von einer Baronin von Handschuchsheim erzählt, einer wahrscheinlich gemütskranken Frau, die bei den Schweigestills Schutz suchte. Als Kreisarzt amtiert ein gewisser Dr. Kürbis.

So speziell und modern Leverkühns Musik auch sein mag, er hat zwar wenige, aber doch sehr treue, aufopferungsvolle Verehrer, das sind vornehmlich Meta Nackedey, Klavierlehrerin, und Kunigunde Rosenstiel, Mitinhaberin eines Darmgeschäfts.

Der Erzähler Zeitblom wiederum wird, sich unweit von Leverkühns Pfeiffering, in Freising niederlassen. Das Haupt der dortigen theologischen Hochschule ist Monsignore Hinterpförtner.

In den Jahren des ersten Weltkriegs ist Zeitblom Teilnehmer eines Gesprächskreises in der Schwabinger Wohnung des Buchschmuck-Künstlers und Sammlers Sixtus Kridwiß, ein Gesprächskreis, der ihn eher belastet als entlastet, aber er braucht doch Austausch in der schweren Zeit. „Ich will nur … bekennen, dass ich mir eigentlich zu keinem von der Tischrunde so recht ein Herz fassen … konnte”: nicht zu Dr. Egon Unruhe, einem philosophischen Paläozoologen, nicht zu Professor Georg Vogler, dem Literaturhistoriker, dem Dürer-Forscher Gilgen Holzschuher und schon gar nicht zu dem Dichter Daniel Zur Höhe mit seinem auf Büttenpapier gedruckten Werk „Proklamationen”. Die hochgestochenen Debatten stressen Zeitblom derart, dass er vierzehn Pfund Gewicht verliert, worüber er sich, als vermutlich schmaler Mann, gar nicht freut.

Okay, das sind so Namen, und ich frage, ob Thomas Mann es nicht etwas unauffälliger hätte machen können, gelegentlich denke ich, ob ich nicht sogar etwas an Respekt verliere, wenn ich ständig über diese ausgefallenen Findungen und Erfindungen stolpere. Doch stelle ich auch fest, dass sich die Namen und die dazugehörigen Leute in meinem Kopf festmachen, sie kommen mir nicht so schnell abhanden, leiten zu Assoziationen. Und nicht zuletzt lässt sich nicht leugnen, dass es Thomas Mann Vergnügen bereitet haben muss, solche Gestalten zu erfinden und sie mit Namen zu versehen, die sie auch irgendwie festnageln. Der Leser spürt eben dauernd: So ausgefallen geht es im Leben eher selten zu, also das hier ist etwas Anderes, ist Erfindung, ist Roman, und ja: Alles richtig gemacht.

Sexistische Grenzfälle

Ich finde dieses Bild sexistisch. Wenn ich nur wüsste warum …
© Fritz-Jochen Kopka

Für die Sondierungsgespräche hat sich Katrin Göring-Eckardt noch mal ganz neu eingekleidet. Frischer, bunter, bewusster. Es war nicht billig, aber es könnte sich lohnen.

(War das jetzt schon Sexismus? Hoffen wir das beste.)

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F: Ich hab hier doch immer die Arschkarte gezogen.

M: Als Frau solltest du solche Ausdrücke nicht verwenden.

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Ist es gestattet, dass Frauen auf Herrenfahrrädern fahren?

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Warum ist eigentlich noch nie auf einer Frauenquote bei der Müllabfuhr bestanden worden?

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Einer der bekanntesten und schönsten Romane der Weltliteratur ist „Väter und Söhne” von Iwan Turgenjew. Das wesentlich komplexere Thema ist aber doch „Mütter und Töchter”. Ein berühmter Roman mit diesem Titel fehlt auf der literarischen Landkarte. Wie konnte das geschehen? Ist das Thema vielleicht zu komplex?

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Die Wissenschaftsredakteurin warf einen bewundernden Blick auf die stattliche Figur der sich erhebenden Sekretärin.

Wenn ich ein Mann wäre, sagte sie, ich wüsste jedenfalls, was ich will.

Der Chefredakteur wusste es anscheinend auch und fasste ihr in einer stillen Stunde an den Hintern.

Pfoten weg, zischte die Sekretärin. Damit war das erledigt. So gingen wir mit dem Thema zu DDR-Zeiten um.

 

Lost in Vacation

Ich geh mit meinem Ha-Handy und mein Ha-Handy mit mir …
© Christian Brachwitz

Urlaub steht auf dem Foto, mehr nicht. Für mich changiert es zwischen den Jarmusch-Titeln „Permanent Vacation” und „Stranger than Paradise”. In welcher verdammten Stadt findet denn dieser verdammte Urlaub statt? Irgendwo in Österreich? Honolulu?

Vor der Filiale, vor dem großen Tor, könnte ich singen. Die Urlauberin macht ein Selfie, um zu beweisen, dass es McDonald’s überall gibt auf der Welt. Ein Beweis, dessen es nicht bedarf. Sie hat sich bekleidet, wie man sich nur im Urlaub anziehen darf. Wo einen keiner kennt. Bemerkenswert die schlanken Fesseln, die das (unter anderem bei McDonald’s) angefutterte Gewicht wohl nicht lange zu tragen vermögen. Da spricht man dann euphemistisch von Pflastermüdigkeit. Falls sie Single ist, frage ich mich besorgt: Wie hält sie das aus, ganz allein in der fremden Stadt, ohne die Chance, den Frust am Partner auszulassen. Oh ja, sie hält es aus durch die Hoffnung, jemanden zu finden, der ähnlich verloren im Urlaub ist wie sie und dem sie sich von ihrer besten Seite zeigen könnte. Denn die hat sie auch.

Vorbildlich laufen die Linien im Bild aufeinander zu und auf diese Mittelpunkt-Gestalt, die uns, wir wundern uns selbst, nicht kalt lassen kann. Sie wirft einen schönen Schatten.