Was geschah am Wasserfall

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Das Wichtigste des Viktoriaparks auf einen Blick: Wasserfall und Nationaldenkmal. Wobei dem Wasser das Wichtigste fehlt                                                                                         © Sisterheart

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Auf dem Dach von Berlin

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Noch ein Gedenkort

Weil der Grunewald explodierte, fuhren die Züge nicht nach Bad Belzig. Wir blieben in der Stadt und suchten als Plan B den Viktoriapark in Kreuzberg auf. Zunächst passierte, was nie passiert; es regnete. Die nächste Kneipe war das New Yorck Coffee (in der Yorckstraße, klar), da hatten wir Glück. Ein Tresen, hohe Wände, originelles Interieur, Bagels mit Frischkäse, alles, was man sich an Kaffee wünschen kann, besorgte Väter und ein seltsamer Gast aus Hawai. Auch wenn die Frauen draußen noch die Regenschirme aufspannten, hatte der Regen doch aufgehört. Auch feuchte Luft kann den Frisuren schaden. Wir gingen über die Monumentenbrücke, sahen die Rote Stadt und dachten an Peking. Warum wollten wir überhaupt in den Viktoriapark? Weil es dort einen Wasserfall gibt. Es ging aufwärts. Wir sahen keinen Wasserfall, aber eine Statue, die an den blonden Jungen der Kindl-Reklame denken ließ, aber Heinrich von Kleist darstellte, der mit seinem Drama „Die Hermannsschlacht“ seinen Beitrag für den Befreiungskampf gegen Napoleon leistete. Und das ist, neben dem Wasserfall, das zweite Highlight des Viktoriaparks: das Nationaldenkmal von Schinkel in Erinnerung an die Schlachten um 1813, auch der Katzbach-Schlacht wird gedacht. Und wenn uns pausenlos gesagt wurde: Der geht ja ran wie Blücher an der Katzbach, so ist den nachfolgenden Generationen diese Wendung überhaupt nicht mehr bekannt; es ändern sich die Zeiten. Man weiß nicht, ob man es bedauern soll. Der Kreuzberg ist angeblich die höchste Erhebung der Stadt und ja, man fühlt sich wie auf dem Dach von Berlin, auch wenn die Wiesen vertrocknet sind. Ein Läufer in bestem Mannesalter und blauem Trikot kreuzte mehrfach unseren Weg, manchmal wechselte er in den Spazierschritt, um alsbald wieder zu joggen, gerade so, als wollte er an einem Tag sein gesamtes Übergewicht weglaufen. Dann fanden wir den Wasserfall, der allerdings nur ein Fall ohne Wasser war. Hat die Dürre sich schon so breitgemacht? Nein. Es wird gemeldet, dass eine Ratte ein Kabel im Pumpenhaus durchgenagt hatte. Vielleicht hatte sie das Rauschen gestört. Sie lag dann tot neben dem zerstörten Kabel; aber das Wasser kann nicht mehr fließen, so weit hat es das Tier gebracht. Das ist im November passiert, aber die Reparatur der alten Anlage gestaltet sich schwierig. Das ist doch Storytelling, sagte jemand, die Verwaltung wird ihrer Verantwortung nicht gerecht, da kommt ihr eine Ratte gerade recht. Immerhin sahen die Felsen des Wasserfalls auch ohne Wasser imposant aus. Wir trafen einen Hund, der der deutschen Sprache zumindest akustisch mächtig war und weitere Denkmale, deren Bedeutung zum Teil nicht aufklärbar war. Inzwischen waren wir hungrig genug, um uns über den Biergarten Golgatha zu freuen. Golgatha? Nach Golgatha kommt die Erlösung. Bratwurst, Salate, Backkartoffel. Auf dem gut gepflegten Sportplatz an der Katzbachstraße zog der Mähroboter seine Kreise. Das war’s also mit dem Viktoriapark. Über die Kreuzberg- landeten wir in der Bergmannstraße mit ihren genialen Schnorrern und den vielleicht originellsten Läden von Berlin. Während die Leute nicht aufhören konnten, zu essen und zu trinken, dachten wir über die deutsche Gedenk- und Denkmalkultur nach. Das sollte man auch tun, wenn die Denkmale ungepflegt oder verdreckt sind. Vielleicht gibt es einfach zu viele Gedenkorte, und es werden immer mehr. Haushalten wäre eine gute Idee.

Beim Zahnklempner

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Beruf Rentner

Die Verblendung meiner Brücke, unten links, ist abgegangen.

Ach, so ein Pech. Haben Sie die noch?

Nein. Es hat geknirscht, und dann war sie weg.

Ja, das passiert. Nach einigen Jahren verabschieden die sich.

Hm.

Da kann man auch gar nicht viel machen, ohne dass sie die Haare verlieren.

Was?

Ja. Man könnte für 100 Euro einen Ersatz schaffen, aber der wird kaum halten. Oder eine neue Brücke, ab tausend Euro.

Da muss ich überlegen.

Die alte Brücke hält ja noch. Es wäre nur eine kosmetische Sache.

Aber in meinem Beruf ist das Kosmetische gerade wichtig.

Was sind Sie denn von Beruf?

Rentner.

Ein Vorkommnis am Rande

Heute habe ich ein kleines Me-too-Vergehen begangen. Ich will es lieber gleich gestehen, ehe die Me-too-Polizei mir dahinter kommt und mich verhaftet.

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Einkaufen in Hellersdorf

Der Tante-Emma-Laden an der Ecke ist ja jetzt ein Onkel-Ho-Laden, also ein Vietnamese. Alles Notwendige des täglichen Bedarfs kann man da kaufen. Typisch Asiatisches und typisch Deutsches. Gehen Sie ruhig vor, sagt die Dame vor mir, die ihre Sachen noch zusammensucht. Nein nein, sage ich. machen Sie nur. (Ich will auch nicht so tun, als ob ich keine Zeit hätte.) Sie haben doch nur wenig, sagt die Dame, gehen Sie vor. Wirklich nicht, sage ich. Ich werde dabei nur nervös. Aber wahrscheinlich sind Sie es gewöhnt, Männer nervös zu machen. Eigentlich nicht wirklich, sagt die Frau, als hätte sie noch nie was von Me too und so gehört. Ich bin gerührt. Dann ist sie fertig, und ich bin dran. Was ist das für ein Regenschirm auf dem Ladentisch? Den kaufe ich nicht. Kann Kundin vol Ihnen gehölen, sagt die Vietnamesin. Ich renne raus. Die Dame verstaut ihren Einkauf. Ist das Ihr Schirm, dort im Laden? Ja, jubelt die Dame, ich suche ihn überall. Ich sollte den mit bezahlen, sage ich.

Und schon fängt es an zu regnen. Die Dame spannt ihren Schirm auf, und ich bin immer noch ein freier Mann. Ich meine, meine Bemerkung war ja auch nur nett gemeint, aber Ähnliches ist schon manchem zum Verhängnis geworden.

Der Berliner kennt seine Stadt wieder mal nicht

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Räder und Roller am Eingang des Parks

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Die beste Luft, die der Berliner haben kann

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Verwunschen, verwunschen

Als die lausigen Berliner, die wir sind, kennen wir den großen Tiergarten in der Mitte der Stadt, zwischen Brandenburger Tor und Zoo, so gut wie gar nicht. Vor etlichen Jahren haben wir hier einige Male unter Freunden Fußball gespielt, um dann, von Gnitzen gnadenlos gemartert, wieder Abstand zu nehmen. Oder ’ne Pizza und ein Bier im Café am Neuen See gekauft. Manchmal kreuzt man den Park auch auf den Wegen durch die Stadt; er berührt das Regierungsviertel, den Potsdamer Platz, den Großen Stern, die Philharmonie, das Haus der Kulturen der Welt.

Heute hatten wir es ziemlich bequem. Die U-Bahn (die sogenannte Kanzler-Bahn mit ihren schönen neuen Bahnhöfen) brachte uns bis zum Reichstag. Ein Touristen-Punkt. Vornehmlich Schulklassen aus dem Bundesgebiet, die sich ansehen, wo ihre Regierung arbeitet, wenn sie nicht, wie gerade jetzt, Urlaub hat und trotzdem arbeitet. Und schon waren wir drin, im Tiergarten, mit seinen stattlichen Bäumen, Anlagen und Denkmalen (Friedrich Wilhelm II., Königin Luise, Albert Lortzing und im Dreierpack Haydn, Mozart und Beethoven). Beethoven ziemlich gelungen, Mozart ein bisschen pfiffig und Haydn sehr fremd. Die zahlreichen Orientierungstafeln sind meist zerkratzt; an einige hat ein von sich selbst überzeugter Denker seine zur Bitterkeit verpflichteten Sottisen geklebt. Im unversiegelten Tiergarten atmet der Berliner die beste Berliner Luft, die er überhaupt haben kann. Man sieht keine verdorrten Wiesen und Pflanzen. Ein paar Jogger, ein paar Radfahrer, ein paar Hundehalter. Auf einer Bank schläft ein Mann mit wüstem Bauch unbesorgt seinen Rausch aus; in einem Unterstand nahe dem Venus-Bassin haben sich Leute eingerichtet, sogar mit einer kleinen Bibliothek; an anderer Stelle wird vor der Kaninchenplage gewarnt, man soll die Türen der Ruheinsel geschlossen halten, um die Blumen zu schützen. Nicht ohne fremde Hilfe und Google Maps gelangen wir zum Café am Neuen See, das eine recht fortschrittliche Einrichtung ist. Es wird vegane Bratwurst angeboten und Hähnchenkeulen von Freilufthühnern, mit einem Batzen Krautsalat selbstverständlich. In unserem Rücken haben sich einige Touristen aus der Schweiz niedergelassen. Schwyzerdütsch ist für uns eine ambivalente Sache, aber die Touris verfügen auch über drei Wörter aus dem deutschen Sprachgebrauch: „definitiv“, „genau“ und „Pommes-Bude“. Ein redseliger Rentner erzählt seinem Freund, einem schweigsamen Rentner, von kulinarischen Erfolgserlebnissen. Er war in den Besitz eines Kabeljau-Filets gelangt und suchte eine Ergänzung. Da fand er im Kaufhof eine Original Türkische Linsensuppe. Und was soll man sagen: Der Kabeljau war lecker, und die Suppe ungewöhnlich schmackhaft. Das Beste zum Schluss: Ich weiß nicht, ob die Waage defekt war, jedenfalls hatte ich fünf Kilo weniger.

Auf dem Weg zum Bahnhof Zoo brach der Sturm los. Mützen, Schilder, Palmen wurden durch die Luft gewirbelt, auch leichte Menschen, aber davon gibt es in Deutschland nur wenige.

Come on Come on

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Vorm Film. Im Foyer

Saal 2 im Delphi Lux am Zoo, breite Sessel, bequemer als zu Hause. Es mögen zwölf bis fünfzehn Zuschauer sein, die sich „Come on, Come on“ (Original „C’mon C’mon“) ansehen wollen; wir sind wegen Joaquin Phoenix hier.
Joaquin Phoenix war der Joker und war Johnny Cash in Walk the Line und war immer ein nachdenklicher Mann mit mehr Tiefen als Ebenen.
Der Film ist schwarz-weiß und OmU, was ein bisschen ungünstig ist, weil viel geredet wird. Phoenix (= Johnny) ist mit einer Handvoll Kollegen bei einer Radio-Produktion beschäftigt, in der Kinder nach ihrem Leben und den Zukunftsaussichten befragt werden, in LA, NYC und New Orleans. Johnny hat eine Schwester, Viv, mit einem Sohn, Jesse, und einem gemütskranken Mann, Paul. Es kommt so, dass Johnny auf Jesse aufpassen muss, weil Viv sich um den kranken Paul kümmert. Aber Jesse ist das Kind seiner Eltern, viel zu schlau für sein Alter, kaum zu bändigen. Und wenn er Johnny, der viel auszuhalten hat, öfter mal einen dummen Mann nennt, dann ist das berechtigt, weil Johnny einige Mal auf Jesses Tricks reinfällt.
Der Film ist schwer sensibel und ausführlich, geht ein bisschen zu betulich mit den Original-Tönen der Kinder um. Aber das kennen alle Reporter: Sie sind begeistert von den spontanen Sätzen der Kinder, die, nüchtern gehört, so spontan und originell auch wieder nicht sind.
Wir sehen nachhaltige Bilder der kalten Städte und ihrer schönen Parks, hören Mozarts Requiem und andere ernste Musik. Da ist der Film wie für mich gemacht; ich war in New York und Los Angeles und habe das Requiem im Schweriner Kirchenchor gesungen, wir freuen uns, im Strom der Ereignisse und Bilder auf selbst Erlebtes zu treffen.
Es ist ein gutes Publikum, auch wenn einer einen Eimer Popcorn mit reingebracht hat, sie quatschen nicht rum, lachen nicht blöde und sind diszipliniert bis zum Rest des Abspanns.

„Mochtest du dieses Kind? Jesse?“
„Ich mochte die Mutter nicht.“

Da ist was dran. Die Mutter ist herb und speziell und festgefahren in ihrer Welt.
Der Film ist übrigens von Mike Mills, der auch Thumbsucker, Beginners und Jahrhundertfrauen gedreht hat, die alle in ungefährer Erinnerung sind, Come on Come on wird eindrücklicher sein. Man weiß es nicht. Es liegt nicht zuletzt an Joaquin Phoenix und wie er ungerührt dagegen angeht, deprimiert zu sein.

Nach den Menschen sterben die Häuser

Hundert Jahre und kein bisschen länger
© FJK

Das nächste Haus fällt. Der alte Oskar war so was wie der Straßenvertauensmann. Nicht lange nach der Wende ist er gestorben. Seiner Witwe ging’s nicht schlecht. Sie wirkte robust und fühlte sich wohl in dem kleinen gelben Haus mit dem romantischen Dachstübchen, den Garten nicht zu vergessen, die großen Sonnenblumen. Letztes Jahr hat auch ihre Stunde geschlagen. Der Sohn, auch schon Rentner, übernahm. Den hatte man vorher selten gesehen. Sein Lebensmittelpunkt war woanders, im Südosten oder wo auch immer. Er hat verkauft, und der neue Besitzer reißt ab. Immerhin lässt er nachhaltiger abreißen als andere Leute, die mit Groß- oder Terrormaschinen anrücken und nur noch Schutt übrig lassen. Hier sitzen fünf Leute auf dem Dach und werfen sich die Ziegel zu. Man könnte sie vielleicht gar wiederverwenden. Trotzdem ist es eine Dekadenzerscheinung, spätbürgerliche Dämmerung: Alles Alte muss weg. In alten Häusern kann der moderne Mensch nicht wohnen. Sie können ihm nicht genügen, er hat andere Ansprüche.
Wohl noch nie haben die neuen Generationen die Hinterlassenschaft der Vorgänger so wenig respektiert. Angeblich erben sie nur Schulden. Das geht bis in die Sprache. Die Sprache muss reformiert, die Geschichte umgeschrieben werden. Am liebsten würde man alles abreißen wie die Häuser, aber ein neues Haus zu bauen ist leichter als eine neue Sprache zu erfinden.
Ich sehe die alten Balken, die sicher noch hundert Jahre gemacht hätten. Kein Mensch interessiert sich noch für das gelebte Leben in diesen Mauern, die ja auch niemandem in die Hände gefallen sind.
Gerade habe ich noch im Radio gehört, dass 62 % der Emissionen auf dem Bau verursacht werden. Man solle weniger neu als im Bestand bauen. Wen interessiert das noch. Erst sterben die Menschen, und dann sterben ihre Häuser. Uns ist nicht wohl dabei.

Während des Tatorts fällt Schnee

Vorjahrescollage Oktober – November – Dezember

Ein seltsames Großstadtgefühl weht mich an
© FJK

Bauen am Wasser, bis kein Wasser mehr zu sehen ist. Das Drama der DDR: ungepflegte Immobilien. Die West-Moderatorin spricht von Ost-Musik wie der Ochse von der Bibel. Am Tag nach der Wahl kam uns die Kommunistin Wagenknecht entgegen. Nüsse über Nüsse, die meisten schwarz. Sondiert Frau Merkel gar nicht mit?! Kellnerin Sabine wird von Verheugen mit Komplimenten überhäuft. Ist doch beleidigend für ’ne Frau, als moralischer Kompass Europas bezeichnet zu werden. Mag sein, dass die Protagonisten nicht ihre erste Ehe schließen. Ursula Winnington kocht noch. Was aber Evelyn Richter zeitlebens mit ihren Bildern festgehalten hat, ist an Traurigkeit kaum zu überbieten. Dann steckte Wladimir seinen sibirischen Kopf durch die Tür. Die Selbstheilungskräfte tun, was sie tun können. Jeden Tag humpele ich ein bisschen besser. Tragische Helden einer steckengebliebenen Revolution. Das Genie immer auf dem Gipfel seiner Reizbarkeit. Noske war ein baumlanger Mann mit Stahlbrille und niedriger Stirn. Er ist (und war schon immer) ein klavierspielender Reaktionär. Klapprige Busse fahren über rumpliges Pflaster. Dicke Menschen in Kik-Klamotten. Ist Herbert schon im Winterschlaf? Wenn Frau Doktor krank ist, tanzen die Schwestern auf dem Tisch. Es kommt zu keinem Gelächter. Du hast mehr Glück als Verstand. Was aber nicht heißt, dass du viel Glück hast. Bei Edeka westdeutsche Neu-Karlshorster, die sich für Erfolgsmenschen halten. Einer hat sogar ’ne E-Zigarette. Der Hund lebt in seiner eigenen Welt. Perfekt ignoriert. Für den Skandal-Schiedsrichter Stieler könnte dieses Spiel einen Karriereknick bedeuten. Das sieht sogar ’ne Frau. Halloween-Ghosts und Helikopter-Eltern.

Der Dreck, die Bügelwäsche. Ich verstehe immer weniger, gleichzeitig wächst mein Status als Experte. In der Company brennt schon Licht. Eine Obdachlosigkeit unklaren Geschlechts sortiert ihre Besitztümer. Prima Wetter für Stubenhocker. Ein Mann kann nicht alles richtig gemacht haben. Dazu müsste er schon ’ne Frau sein. Nach getaner Arbeit zeigt der Hausmeister Tanzbilder aus Turku und aller Welt. Die grünen Sittenwächter. Bekanntlich ist die Geschichte eine Invasion des Unbekannten. Die mittel- und osteuropäischen Staaten begehren gegen den Nachahmungsimperativ auf. Warum rauchte Brasch unentwegt. Er kam aus dem Herzen der Finsternis. Es geht um Setzungen und die Setzungen der Setzungen, wenn nicht gar die Setzungen der Setzungen der Setzungen. Schon das Ahnen der Gnade ist Gnade. Dürft ihr Nazis euch impfen lassen? Man wird sicher die falsche Entscheidung treffen. Während des Tatorts fällt Schnee.

Ich werde zunächst als Frau aufgerufen. Aber ein Hauch ist eben nur ein Hauch. Helga sitzt am Schreibtisch und kämpft mit einer Steuerprüfung. Ein negativer Held aus der Politik. Wer soll sich für den interessieren! Unser Sohn hat vor 30 Minuten seine gefüllte Trinkflasche an unserem Müllplatz abgestellt. Sie war nicht zum Verschenken gedacht. Wenn ich kein Geld dabei gehabt hätte, wäre ich verhungert. Ein Altrocker steht im Walde auf einem Bein. Außer dem Hündchen hat er anscheinend niemand. Das hatte richtig Geschmack. Ich bin einer der weltbesten Schriftsteller, wird über mich gesagt, das wissen Sie alles nicht, so unvorbereitet, wie Sie zu mir kommen. Mir fiel auch vorher schon seine asymmetrische Spielleitung auf. Als Frau in der deutschen Literatur hat sie ein Alleinstellungsmerkmal. Es ist zu viel und zu viel und zu viel. Mit der Politik habe ich nichts am Hut, es labern alle immer das Gleiche! Wir staunen nicht wenig darüber, dass wir jetzt den Orient im Haus haben. Er sprach sie an. Den Führerschein hat sie schon mit 16 gemacht. Ein Mann fragt, wo der Kindergarten ist. Auch wenn die adligen Gestalten ein gewisses Misstrauen aufkommen lassen. Die Kinder wachsen so gottlos auf. Der Deutsche Nawrath kann als Schlussläufer den Russen Latypow nicht halten. Wenn Enzensberger nicht noch lebte, müsste er sich im Grab umdrehen. Musst du dich immer lustig machen über einen alten, kranken Mann? Hannes konnte alle Niederlagen auf die Impfung zurückführen. Er hat Rheuma und Ärger mit der Frau. Als Pflegefälle werden die Männer noch akzeptiert. Soll ich mir mit meinen sieben Büchern eine Nutte angeln? Er war in selten aufgeräumter Stimmung, obwohl er in der Vorwoche drei mal beim Arzt gewesen war. Sinnbilder der Unschlüssigkeit. Es ist die Zeit, wo man viel falsch machen kann. Bundespräsident Steinmeier dankt „der großen, oft stillen Mehrheit”. Es gibt nichts Traurigeres als ein nicht abgeholtes Kind. Sie vergisst viel und wähnt sich in der Stalin-Zeit. Ihr Anrufbeantworter will was Nettes gesagt bekommen. Kalender sind die neuen Schlafanzüge.

Zitate: Freddy Langer; Alfred Döblin; Verheugen; Alexander Osang; Ivan Krastev/Stephen Holmes; Hermann Broch; nebenan.de; Paul Nizon; der Nachbarjunge; Oma Käding; Philip Roth

Man möchte selber nicht so einer sein

Wir blicken in eine ungewisse Zukunft
© FJK

Als mir noch mal der Herrentag durch die Birne schoss, warum der so abgeschmiert ist und kaum noch stattfand, dachte ich, dass es nicht allein am Krieg liegt. Es geht um die Herren oder Männer an sich. Seit einiger Zeit eine angegriffene Spezies, die sich ihrer selbst nicht mehr sicher sein kann. Was hat sie über die Jahrhunderte den Frauen nicht alles angetan und auch den Tieren, Pflanzen und Flüssen. Nein, ich meine es ernst. Was kann schlimmer sein als ein heterosexueller alter weißer Mann! Und solche waren es ja, die sich am Herrentag versammelten, manchmal gar eine Kutsche anmieteten, ein Fass dabei hatten oder einen Kasten Bier, dummfreche Lieder (In einem Polenstädtchen, Wir lagen vor Madagaskar) sangen, Trompeten bliesen, die Hose runter ließen und rumgrölten. Wer hat noch den Schneid, sich einer solchen Meute anzuschließen. Das alte Rollenbild zu bedienen (diesen einen Tag im Jahr). Die Bullen würden sicher nicht einschreiten, aber man möchte selber nicht so einer sein. Man möchte nicht primitiv sein, nicht weiß, nicht alt, nicht hetero – ist man aber. Am besten, man zeigt es nicht und lässt so viel wie möglich offen. Der Mann scheint ein Auslaufmodell zu sein. Es wird auf ein hybrides Wesen ohne Bartwuchs hinauslaufen, dessen Sperma vielleicht noch gebraucht wird, aber bearbeitet werden muss.

Der Mann ohne schlechte Eigenschaften

Das leise Summen der Demokratie
© FJK

Warum Vernichten? Vernichten heißt der neue Roman von Michel Houellebecq, kein einfallsreicher, aber ein radikaler Titel. Warum. Eine Partei vernichtet im Wahlkampf die andere (und die andere die eine), Netzpiraten vernichten einen Minister virtuell, die hysterische Ehefrau vernichtet ihren abtrünnigen Ehemann und das Schicksal vernichtet Paul Raison. Paul Raison ist der Mann ohne schlechte Eigenschaften, ohne Pathos, einer, der eher im Hintergrund bleibt, ein Mann mit Fähigkeiten, Fatalist, der das beste aus seiner Lage macht. Im letzten Teil des Romans ereilt ihn das Schicksal. Er glaubt Zahnschmerzen zu haben, es ist aber ein heimtückischer Tumor in der Mundhöhle. Ein Teil des Kiefers und die Zunge müssten entfernt werden und die Heilungschancen lägen immer noch bei nur 1:4. Diese OP lehnt Paul ab, unterzieht sich stattdessen einer Strahlen- und einer Chemotherapie und steuert langsam auf die aufnahmebreiten Flügel des großen schwarzen Vogels zu, sanft zu, denn an seiner Seite ist Prudence, seine Frau, das Paar hat sich einst getrennt, ist aber zusammen in der großen Wohnung geblieben („Sie hatten eine vereinheitlichte Hoffnungslosigkeit erreicht“), und irgendwann erkennen sie, dass sie zusammengehören, ja, dass sie sich wirklich lieben, und wir Leser mögen uns nicht ausdenken, wie das Sterben des Paul Raison wäre ohne Prudence an seiner Seite, mit der er Sex haben kann bis zum Ende und sie mit ihm.
„Ich glaube nicht, dass es in unserer Macht lag, die Dinge zu ändern”, sagt Paul am Ende. „Nein“,
sagt Prudence. „Wir hätten wunderbare Lügen gebraucht.”
Der Roman spielt, nicht unüblich bei Houellebecq, in der nahen Zukunft, die an vielen Enden in unsere Gegenwart hineinreicht. So haben sowohl Paul als auch Prudence’ Eltern bei der Namensgebung ihrer Kinder an die Beatles gedacht, Paul McCartney, Dear Prudence.
Man erfährt von Houellebecq Details über den Zustand der Welt, unser modernes westliches Leben, die man lieber nicht erfahren hätte, uns aber unserer Illusionen berauben, und das ist auch gut so.
Da Paul Berater und Vertrauter des Wirtschaftsministers ist, hören wir alles, was wir wissen wollen über die Monotonie der Politik („Das Betriebsgeräusch der Demokratie klang für Paul wie ein leises Summen.“). Er ist intelligent, gut ausgebildet und ohne große Ambitionen, was ihn ziemlich unbestechlich macht, „er war keiner, der vor dem Einschlafen Wittgenstein las“. Schon immer war er wenig an menschlichen Beziehungen interessiert, nur das sexuelle Begehren ließ ihn unter Umständen aktiv sein. „Es gibt Menschen, die mich mögen“, denkt Paul folglich auch ziemlich überrascht. Und ich kann sagen, ich mag ihn auch, diesen Typ, der sich nie in den Vordergrund drängt und mit dem leben kann, was er hat.
Und ich mag auch Houellebecq, der sich nicht scheut, gnadenlos und drastisch zu sein, ein Autor, von dem man auch auf den Menschen schließen kann, ja, ich mag sogar seine Gedichte.
Michel Houellebecq, Vernichten. Aus dem Französischen von Stephan Kleiner und Bernd Wilczek, DuMont Buchverlag, Köln. 28,00 €

Herrentage in Zeiten des Kriegs

Ziehst du dir lustige Sachen an zum Herrentag?
Ich besitze keine lustigen Sachen. Anders als du. Du hast nur lustige Sachen.
Man sollte manche Fragen lieber nicht stellen.

Ein bisschen Herrentag am Alexanderplatz
© FJK

Der dicke Mann und das Bier

Schlange stehen und sitzen

Weil Christi Himmelfahrt und Herrentag ist, dauert das Radio-Interview mit Ingo Schulze, der sich über die Einladung freut, ganze zwei Stunden: Ingo Schulze, der auch die Stimme der Ostdeutschen genannt wird, was ihm nicht behagt. Man sagt ja einem West-Schriftsteller auch nicht nach, dass er die Stimme der Westdeutschen sei. Sagt man zu diesem Tag nun Vater-, Herren- oder Männertag? Wahrscheinlich eher Herrentag, aber eine fundierte Meinung dazu kann kein Mensch haben. Man hört bei Ingo Schulze noch das Dresdnerische heraus, aber er wohnt schon lange in Berlin, und er ist auch bereits mit der zweiten Westfrau verheiratet, was befremdlich wirkt, aber bitte, wenn es sich nun mal so ergibt. Das Gespräch ist nachdenklich und anregend, man spricht auch die Ambivalenz der ersten Sätze in Romanen, über das liebe Geld, das böse Geld. Und jetzt haben wir noch was Anderes vor.
In den Bahnen sitzen garantiert einige Helden ohne Masken, das heißt, sie kommen sich wie Helden vor. Was man vor zwei Jahren nicht gedacht hätte: Unsereiner hat sich an die Maske gewöhnt. Man vergisst eher, sie abzuziehen als sie aufzusetzen.
Ich hatte noch nichts gegessen. Im Imbiss am Alex haben sie die Rubrik „Kleine Fish ’n Chips“ eingeführt, für 5,90, das Geld rinnt einem zur Zeit nur so durch die Finger, aber wir sind ja verpflichtet, uns zu ernähren. In der Mitte des Platzes findet die erste und einzige Herrentags-Aktion statt. Auf einem Abfallbehälter steht ein dicker Säufer in einem pinken Tutu-Kleidchen und einem Mieder, umringt von seinen Kumpanen und deren Gebrüll. Sie ergreifen ihn an Schultern, Rücken und Beinen und heben ihn waagerecht in die Höhe, der Schwebende vom Alexanderplatz. Danach wissen sie auch nicht mehr, was sie noch anstellen könnten.
Am Bahnsteig der U 2 taucht Verheugen auf, pünktlich, aber missmutig, weil er sich heute auf den Mauerpark und weitere Ungewissheiten einlassen muss, aber erstmal sind es nur drei Stationen. Die Maske ist zu klein für seine Nase. Ich muss ja auch noch atmen.
In seiner anhaltinisch-ländlichen Kindheit nahmen ihn die Männer am Herrentag mit in die weite Flur. Sie sangen nicht nur und tranken nicht nur Bier, sondern begutachteten auch den Stand der Aussaat, das frische Grün. Das war schön, sagt Verheugen, der selten etwas Positives über seine Kindheit sagt. (Bist du als Kind jemals in den Arm genommen worden? Ich nicht.) Wir gehen vorbei an den Sportlern im Käfig. Am Zaun des Mauerparks stehen zwei leidlich junge Männer und schlagen stolz ihr Wasser ab; das könnte man als zweite Herrentags-Aktion werten. Im Mauerpark wird heute hauptsächlich gemalt, gegrillt und Rollschuh gelaufen. Wir finden einen Innenhof, setzen uns auf die Holzbänke und trinken Pilsner Urquell. Wir reden über Ingo Schulze und die Besitzlosigkeit der Ostdeutschen an Grund und Boden, die nach der Einheit aus ihren Wohnungen vertrieben wurden und auch noch die Renovierung bezahlen mussten. Coole Burschen steigen auf teure Fahrräder, die astronautisch aussehen.
Weiter in Richtung Oderberger Straße. Eine sportliche Radfahrerin verliert ihre Tasche und reagiert nicht auf die Zurufe des Finders, weil sie fürchtet, angemacht zu werden. Es wird weiter hinter ihr her gebrüllt, bis sie checkt, dass es um was Ernsthaftes geht und umkehrt. Nun sind Freude und Dankbarkeit groß. Es war ja alles drin, in der Tasche, Handy, Ausweis und Geld. Auch Sportler müssen mal anhalten, sagt Verheugen.
Die Oderberger war eine der originellsten Straßen in Ostberlin, was schon damit zusammenhing, dass da die Welt zwecks Mauer plötzlich zu Ende war. Es gab die Feuerwache, das berühmte Stadtbad, die eigenwillige Kneipe Oderkahn und Jimmy Schütz’ Kurzfilmfestival, teils in seiner Wohnung, teils auf der Straße. Der ABV konnte jeweils besänftigt werden. Jetzt ist die Straße eine Kneipen-Zeile, einige der Kneipen finden durchaus Gnade vor Verheugens Augen. Er entdeckt einen Späti und kauft sich eine kleine Flasche Korn für den späteren Abend daheim. Wir biegen in die Kastanie ein, freuen uns, dass es das Schwarzsauer („Bier und Cocktails in geselliger Atmosphäre in zwanglosem Lokal mit Terrasse“) noch gibt. Die Service-Frau ist sehr nett, aber sie hat Kummer, glaube ich. Sei nett zu ihr, sage ich, und Verheugen dankt ihr, als sie das Bier bringt, mit einem Verführer-Lächeln. Jetzt ist Zeit, um über die Kurzgeschichten von Bernard Malamud und einen Reisebericht von Daniil Granin sowie über das kurze, glückliche Leben des Almanachs „ad libitum. Sammlung Zerstreung“ vom Verlag Volk und Welt zu reden. Es ist sechs. Verheugen sieht sich nach einer Bratwurst um. Das Gelände der Kulturbrauerei ist weitgehend leer, die imposanten alten Gemäuer. Vorm Maschinenhaus aber stehen und sitzen sie an, wahrscheinlich seit Stunden. Es könnte um ein Konzert von Gracie Adams oder um eine Lesung von Don Winslow gehen. Endlich sind wir am Kollwitzplatz, setzen uns unter einen Radeberger Schirm und sehen zu, wie ein Feiertag ausklingt. Ein Paar zieht aus. Die Frau und der Mann, beide blutjung, tragen in unerschütterlicher Ruhe Möbelteile und Kartons zum Auto. Es gibt zwar keine Bratwurst hier, aber Hähnchen-Spieße mit Pommes. Selten, das man kein Gemüse mitessen muss. Zum Herrentag passt’s ja. „Vielen Dank für Ihren Besuch. Sicherheitseinrichtung ausgefallen“, steht auf der Rechnung. Davon haben wir nichts bemerkt. Vom Herrentag eigentlich auch nichts. In den Zeiten des Kriegs fehlt die Lust zu bunten Ausflügen, lustigen Klamotten und hemmunsgloser Fröhlichkeit sowieso. Es gibt vieles, das so schnell nicht wiederkommt.