Frisch und Böll

Gegensätze ziehen sich an. Sagt man so

Es kam dazu, dass ich drei Bücher fast gleichzeitig zu Ende las. „Krieg und Frieden” im E-Book-Reader, „Gilgi eine von uns” von Irmgard Keun in der Werkausgabe des Wallstein Verlags sowie „Und sagte kein einziges Wort” als Insel Taschenbuch. Nicht zu Ende gelesen liegt hier noch „Stiller” von Max Frisch. Der „Stiller” und der Böll sind etwa das gleiche Zeitfenster (1954); aber was für ein Unterschied! Welten liegen dazwischen. Böll ist, was mir nicht bewusst war, jünger als Frisch, ganze sechs Jahre, 1911 und 1917 sind die Geburtsjahre. Aber Böll ist eben Kriegsteilnehmer und Frisch ist der Bürger eines Landes, das zwar eine Armee hat, aber neutral ist und sich nicht in Kriege verstricken lässt. So hat Böll ein sehr bedrückendes Buch voller Elend geschrieben, während es bei Frisch vergleichsweise um Luxusprobleme geht, das Spiel oder das Ringen um die Identität eines Menschen; worauf Bölls Fred Bogner nicht gekommen wäre: Der kämpft um das tägliche Brot und um den täglichen Schnaps; er liebt seine Frau und sie liebt ihn und beide lieben ihre Kinder, aber sie sind auf Grund ihres Elends nicht mehr in der Lage, zusammen zu leben. Und wenig später erscheint dieser Stiller vom Schweizer Max Frisch, der nicht mehr dieser Stiller sein möchte; den es anficht, von seinem Umfeld auf bestimmte Eigenschaften festgelegt zu sein, der es also leugnet, der seit Jahren verschollene Stiller zu sein und deshalb im Gefängnis sitzt, aber selbst das ist, im Vergleich mit dem armseligen Bogner, eine Luxusexistenz. Im Gegeneinanderstellen dieser beiden Bücher schneidet Frisch nicht gut ab. Bölls kleiner Roman ist ein notwendiges Buch – wir wüssten weniger über unsere Zeit und ihre Voraussetzungen ohne diesen Kurzroman. Frischs großer Roman ist ein überflüssiges, aber für die Literaturgeschichte wesentliches Buch, da geht es eben um Experimente moderner Prosa; zu solchen Absurditäten kommt es eben.

Er lächelt ein Untergangslächeln

So schön war die Katze von Margaret Mitchell, Vom Winde verweht

Ein Wort zum Aufbau-Literaturkalender des vergangenen Jahres wollte ich wie immer noch sagen. Der wurde 2017 50 Jahre alt. Ist viel. Kann man schon Tradition nennen in unserer schnellen Zeit. Hans Fallada, mit seinem Sohn Uli auf dem Pferdewagen im mecklenburgischen Carwitz, hat die Leine locker in der Hand, die Augen hinter der nicht allzu modernen Brille zusammengekniffen, die Kippe lässig auf der Lippe, Jackett, Krawatte, Westover. Uli lächelt, Falladas Mundwinkel ist abgesackt. Es ist ein glücklicher Moment. Viele davon wird es nicht geben, nicht für einen, der morphium- und alkoholabhängig ist. Nächste ländliche Szene: Hunter S. Thompson auf seiner Ranch bei Aspen, Colorado, ein sportliches Motorrad zwischen den nackten Beinen, Gewehr auf dem Rücken, ein Mann wie Thompson schießt sich seinen Braten selbst. Das Haupt wird schon kahl. Man möchte ihm gern in die Augen sehen, geht aber nicht. Sonnenbrille. Dafür sehen wir die Augen von Gabriel Garcia Márquez, ja, das sind die Augen eines Mannes, der den Magischen Realismus geprägt hat, da ist alles drin. Phantasie, Härte, Wehmut, Gelassenheit, Humor. Giuseppe Tomasi di Lampedusa, der Autor des „Leopard” oder richtiger des „Gattopardo”, an einem schattenreichen Platz im Grünen, der hochgebildete Aristokrat, Angehöriger einer untergehenden Schicht, im hellen Anzug mit Knickerbockern neben seiner schwarzgekleideten Frau und zwei schwarzen Hunden, er lächelt ein Untergangslächeln, nur für die Kamera. Theodor Storm, in unserer Kindheit wurden wir mit „Pole Poppenspäler” und dem „Schimmelreiter” gepeinigt, man hätte sowas lieber freiwillig gelesen, den Schimmelreiter sogar sehr gern. Hier sehen wir ihn im Kreise von sechs seiner sieben Kinder, bei Storm ist der patriarchale Druck unverkennbar, bei den Kindern der Drang nach Unabhängigkeit. Aufbegehren. Jane Austen sieht man ihr Talent zur Ironie kaum an, den hatte sie, die nie heiratete, vor dem Maler einfach so verborgen. Und da ist nun Thomas Rosenlöcher, der Dichter, der den Lyrikband „Ich lag im Garten bei Kleinzschachwitz” schrieb, ein Sachse kann sowas aussprechen, ein Sachse kann sich auch über die Sachsen lustig machen und sie trotzdem lieben. Der große Dichtermaler Michael Matthias Prechtl hat auch Alfred Döblin gemalt und in seinem Rücken einige Gestalten aus „Berlin Alexanderplatz” , zu denen dann auch der Regisseur Rainer Werner Fassbinder gehört. An Döblin fällt das korrekte Haar auf, die dicke Brille mit dem feinen gebogenen Bügel und wie exakt er einen Gegenstand ins Visier nimmt, wie er sich hingibt, um alles zu wissen. Wann hat man schon mal die Gelegenheit mitzukriegen, wie Clemens von Brentano aussah. Hier ist es eine Zeichnung von Wilhelm Hensel, eine hohe Stirn, eine unbeträchtliche Oberlippe, Augen, die unter den Lidern fast verschwinden und doch die Augen eines Romantikers sind. Victor Klemperer, der jüdische Mitbürger, der jeden Tag mit seinem Tod rechnete und das dritte Reich dennoch überlebte. Ich kann mir kaum ein aufwühlenderes Leseerlebnis vorstellen als die Lektüre seiner Tagebücher. Er empfand eher die Verpflichtung als das Glück des Überlebenden. Zeugnis ablegen. Gibt es irgendein Foto von Jack Kerouac, des Autors der Beat Generation, ohne Zigarette? Hier blättert er mit Allen Ginsberg, den früh die Haare verlassen, in einem Buch. Die Zigarette ist zwischen Zeigefinger und Mittelfinger der rechten Hand eingeklemmt, die Finger brauchen sie vielleicht mehr als die Geschmacksknospen und die Lunge. Und als das Jahr auf die Zielgerade einbiegt ein unglaublich gelöstes Bild von Peter Handke, fotografiert von Isolde Ohlbaum, 2010 auf Schloss Maurach. Was ist es, das ihn, den unduldsamen Zeitgenossen, so entspannt sein lässt? Hauptsache wir sehen: Es geht. Auch die größten Kritiker können die Zeit, die ihnen auf Erden gegeben ist, heiter erleben. Hin und wieder mal.

Wasser und Boden

Diese trübe Brühe

In den temporären heimatlichen Sümpfen, dachte ich bei diesem Anblick. Oder: Berlin kann schon sehr feucht sein. Ich erkenne mein Umfeld nicht wieder. Normalerweise ist es hier trocken. Fing es mit der Sintflut auch so an? Wir atmen nicht Luft, wir atmen Wasser. Die Gefahr, dass man hier bis zu den Haarspitzen versinken könnte, liegt gar nicht so fern. Klar, wir neigen in unseren gemäßigten Zonen schon bei geringen Abweichungen zu Übertreibungen. Die echten Katastrophen finden woanders statt. Aber wo sind die Krokodile? Die Natur zeigt uns, wie das Gewohnte eine andere Gestalt annehmen kann. Vielleicht sind diese Sümpfe gar nicht so temporär, sondern dauerhaft.

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Teenagerin sagt die Radio-Frau

Wir gehen getrennte Wege
© Fritz-Jochen Kopka

Das war 2017: Juli – August – September

Im Supermarkt stehen Frauen in Zweiergruppen und reden vom großen Regen. Die Katze macht, was sie will. In Deutschland verzweifeln viele Leute an ihren Nachbarn. Man muss nur zu schweigen verstehen. Der Hund hatte es im Rücken. Der Busfahrer war verwitwet und suchte händeringend nach einer Frau. Der Schornsteinfegermeister zog gebügelte und gestärkte Stofftaschenbücher aus der Tasche. Er ist achtzehn und verbringt viel Zeit im Bett. Der kleine Herr Schmidt war erschüttert. Ich lese Verlorene Illusionen, der E-Book-Reader fällt mir aus der Hand. Die Ärztin sieht aus wie das blühende Leben oder hat, anders gesagt, die Kontrolle über ihr Gewicht verloren. Granin stirbt mit 98 Jahren. Leningrad. Die Blockade. Der Hunger. Mein Leutnant. Einer kennt einen, der gerade in Klagenfurt liest. Wenn ein Juror nicht witzig war, glich er das durch Niedertracht aus. Die Verlierer haben hinterher immer schon vorher gewusst, dass sie verlieren werden. Er ging davon, ohne sich vor dem Publikum zu verneigen. Helden sind so. Je älter man wird, desto weniger bekommt man geschenkt. Sie haben die Freiheit, in ihrer Wohnung zu rauchen, aber sie rauchen auf dem Balkon. Er geht mit seiner Freiheit so sorgsam um wie mit seinem Geld. Nur am Anfang schmerzten die Beine. Diane Lane über amerikanische Filme: „Es muss immer größer als das Leben sein.” Do swidania – die Russin ist entzückt, die Rentnerin verstört. Die Männer wirken wie Statisten, denen kein Regisseur gesagt hat, was sie tun sollen. Ein greiser Philosoph, dem sein schwarzer Anzug mit den Jahren viel zu groß geworden ist, irrt mit wirrem Haar durchs Lokal. Sie muss zu vielen Ärzten und lange warten, um nichts zu erfahren. Ein Mann, eine Frau, ein dickes Kind, ein chancenloses Leben. Frauenfußball-EM. Siehst du ein Spiel, kennst du alle. Die Zahnärztin ist dünner und glücklicher geworden. Mit meinen Zähnen ist sie einverstanden. Der Schwerhörige: Wenn ich weiß, was du sagen willst, dann versteh ich auch alles.

Ich denke schon ein Weilchen über die Metaphysik der Illusionen nach. Sie schleppten nicht den Rucksack einer glorreichen Tradition mit sich herum. Aldi nimmt die Eier raus. Auf die gnadenlose Hitze sind wir nicht mehr eingestellt. Die Losung des Tages ist Flucht in den Schatten. Der Doping-Clown. Ein Monat zum Sterben. Es war wieder so ein Tag, an dem Verheugen sich vorgenommen hatte, heute überhaupt nichts zu sagen, um dann zu reden wie ein Wasserfall. Ich bin eben allein. Selbstgespräche zählen nicht. Ich saß im Garten und las Nietzsche. Menschen ohne Eigenschaften, aber mit Espresso. Sehnsucht nach der Vergangenheit. Die Bettler betteln am Rewe-Markt. Die Filiale von Zweitausendeins ist verschwunden, die Bärenschenke sowieso. Ein Zahnarzt geht vorbei. Er lächelt diabolisch. Die Philologen sind an allem schuld. Gegen Meppen half uns der Schiedsrichter beim Verlieren, nun half er uns beim Siegen. Schiedsrichter, sagt der Erfurter Trainer, sollen Spiele leiten, sie sollen sie nicht entscheiden. Der Hochmut der Unterschicht gegenüber allen, die vermeintlich noch etwas tiefer stehen, und allem, was sie nicht verstehen. Er lag im Bett und drückte bei laufendem TV-Gerät aufs Handy. Der Gärtner hat keinen, der das pflücken und fressen will. In einer Beziehung mit einem BMW. Tag und Nacht scheinen nicht aufhören zu wollen. Hier ist der Treffpunkt des Zeitfensters. An solchen Tagen kannst du Potsdam hassen. Es scheint die flachste Stadt der Welt zu sein. Grillvorbereitungen in der Vorstadt.

Das Zusammenbauen löste die übliche IKEA-Verzweiflung aus. Unten gaben Familien ihre Kinder zum Spielen ab. Was ist unsterblicher als die Idee ewigen Lebens? Verheugens Uhr bleibt stehen. Er weiß nicht mehr die Zeit. Man muss da einfach partikularer denken. Zum Teil gehört jeder Mensch einer Minderheit an, zu anderen Teilen eben einer Mehrheit. Er repräsentiert das eine so gut wie das andere. Es war mir ein Vergnügen, wenn auch kein ungetrübtes. In Weißensee, wo seine Praxis ist, formiert sich der linke Protest gegen den rechten Zahnarzt. Der Befreite steht da, mit leeren Händen, erschöpft, ausgelaugt. „In der Tat machten uns die Verteidiger des weiblichen Geschlechts damals weis, dass wir die Frauen ausbeuteten und erniedrigten, die wir nicht heirateten.” Seltsam, dass besonders grobe Menschen so gern die Formulierung „vom Feinsten” verwenden. Man war ein Gespött der Leute. „Die Stasi war mein Eckermann” …, und ich war mein Goethe. „Teenagerin”, sagt die Radio-Frau. Soll ich dir sagen, was die gewählt haben? Ein Wahlhelfer isst sein Butterbrot. Ich weiß nicht, ob es überhaupt noch Sinn macht, Alkohol zu trinken.

Mehr Rückblick gibt’s dann erstmal nicht. Oktober, November, Dezember – das war ja gerade erst

Der Schuster, die Absätze, die Rente

Die Schusterwerkstatt, wie sie im Buche steht, nämlich im Bildwörterbuch des Bibliographischen Instituts Mannheim/Wien/Zürich 1977

Ich trage die Schuhe mit den schief gelatschten Absätzen zum Schuster. Wir können uns glücklich schätzen, dass wir noch einen haben. Und was machen wir aus diesem Glück? Nichts. Ich habe mich immer bemüht, die runtergetretenen Absätze zu ignorieren. Ist noch nicht so schlimm. Wahrscheinlich gewöhnt man sich dann auch einen ganz bescheuerten Gang an oder so. Also. Ich war noch nie bei diesem Schuster. Er hat seine Werkstatt in einem nicht sehr urbanen Teil der Treskow-Allee, im Souterrain. Man geht daran vorbei und denkt, das Schild ist übriggeblieben, den Schuster gibt’s nicht mehr. Gibt’s aber doch. Er tritt hervor aus einem hinteren Raum, ein alter Herr mit kurzen Haaren, einen jungen Schuster können wir uns nicht vorstellen. Der Schuster sieht sich meine bedauernswerten Schuhe an und macht ein bedenkliches Gesicht. Das wird kostspielig, sagt er, ich muss mehrere Schichten abtragen und neu aufbringen. Nur prüft er das Gelenk, das ist der Bereich zwischen Absatz und Sohle, der lässt sich noch biegen, ohne zu brechen. In zwei Tagen kann ich die Schuhe abholen. Der Schuster erzählt mir, dass dies seine letzten Tage sind. Der Vermieter hat den Mietvertrag nicht mehr verlängert, aber über den könne er sich nicht beschweren, der war immer kulant mit seinen Mieterhöhungen, zum Glück hatte ich keinen langfristigen Vertrag, das kann ins Auge gehen, wenn mal was passiert. Bis zum Sommer hätte ich gern noch gemacht; dann wären vierzig Jahre komplett gewesen.

Haben Sie ihm das gesagt, dem Vermieter, mit den vierzig Jahren? Nee, sagt der Schuster, da hab ich nicht dran gedacht. Was soll’s. Dann genieße ich eben meine Rente. Ich bin ja schon 67.

Jetzt, im Jahr 2018, haben wir also keinen Schuster mehr. Meine Winterschuhe sind auch verdammt schiefgelatscht. In meinem Bildlexikon hat die Schuhmacherwerkstatt 68 Positionen. Von der Durchnähmaschine bis zum Weitfixleisten. Normalerweise werfen die Leute ihre kaputten Schuhe weg und kaufen neue. Oder sie kaufen sowieso dauernd neue Schuhe und vergessen die alten im Keller. Die genießen jetzt auch ihre Rente.

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Als der Regen stoppte

Wie weiter im April 2017 – vor dem Hamburger Bahnhof in Berlin
© Fritz-Jochen Kopka

Das war 2017: April, Mai, Juni

Endlich konnte ich mir den Wunsch eines eigenen Hundes erfüllen. Mein Körper ist weniger deformiert als mancher andere. Familienszenen auf der Straße. Alles kreist um das Baby auf Opas Schultern. Uroma wie Napoleon, der noch nicht weiß, dass die Schlacht verloren ist. Das Altern vor dem Fenster. Sprengstoffanschlag auf den Dortmunder Mannschaftsbus. Mannschaft in Schockstarre. Rentner blockieren mit ihrer Umständlichkeit Kassen und Eingänge und lassen sich gar nicht stören. Mit Fotografieren kann ein Fotograf nicht mehr überleben; er muss alle nur denkbaren Nebengeschäfte machen. Männer haben kein Talent zur Sorge. Ich bin 73. Mit Idioten will ich nichts mehr zu tun haben. Er überreichte jeder Dame einen Schokoladenosterhasen und verabschiedete sich. Die erste Pflegerin war depressiv und verqualmte das Haus, die zweite war Alkoholikerin. Die Wiederkehr des ewig Gleichen. Menschen, die jeden Tag vorbeigehen, auf die immer gleiche Art, was regt mich daran auf? Dass sie ein Beispiel geben für die Unveränderlichkeit der Welt, des Lebens, des Menschen.

Bei mir führt alles zu nichts (seit einiger Zeit). Ich hab mich schon daran gewöhnt. Auf dem Weg lag ein toter Vogel mit blutiger Kehle. Er liebte seinen Garten, weil der ihm vielfältige Möglichkeiten bot, Lärm und auf sich aufmerksam zu machen. ESC. Die deutsche Performance hat mich verstört. Da stand ein überglückliches Kind aus dem Wirtschaftswunderland und erzählte den Menschen aus den weniger glücklichen Nationen vom perfekten Leben. Es ist die Zeit des Goldregens und des Flieders. Du siehst wohl keine Tiersendungen? Ich sehe Sportsendungen, das ist vergleichbar. Schwangere Männer: Im Alter kann das gelingen, zumindest dem äußeren Anschein nach.

Als der Regen stoppte, gingen wir raus und kauften ein Prinzeneis. Klemperer hatte keine Lust mehr, dominiert zu werden. Was er in Druck gab, hatte er so gemeint, Wort für Wort. Wenn „kleine Retuschen” angebracht werden sollten, witterte er sofort Stalinismus. Zeitung lesen im Wind – da sind Könner gefragt. Niemand hat die Absicht, ernsthaft etwas gegen seinen chronischen Husten zu unternehmen. Nadal spielte wie der Leibhaftige. Die Technik macht, was sie will. Ich möchte, dass dieser ganze technische Dreck wieder rauskommt aus meinem Haus. Raus. Frauen beanspruchen die Hoheit über den Kleiderschrank ihrer Männer. 240 Patienten in der Reha-Klinik. Die meisten sind Kur-Profis, stark übergewichtig, immer bereit, hohe Ansprüche zu stellen und sich nicht zu bewegen. Das steht mir zu. Der häufigste Satz. Ab Mittag Konsum von Vorabendserien. Ehemann hört Ehefrau beim Husten zu. Sonnabend um sechs. Ein Fuchs stolziert über den Campus der HTW. Wir sehen ihn nicht das erste Mal. Alles ganz normal.

Das war 2017

Märzsonne 2017
© Fritz-Jochen Kopka

Aus den Zusammenhängen herausgenommene Tagebuch-Sätze

Januar – Februar – März

Jeder Berliner, der nach dem Anschlag über einen Weihnachtsmarkt geht, erhält die Heldenmedaille. Im Halbschlaf träumt mir, dass die Monarchie ausgerufen und Angela Merkel zur Königin erklärt wird, was ihr einen schweren und verletzenden Wahlkampf erspart. Wo der Erfolg übermächtig wird, formieren sich die Gegenkräfte. Waren Herbert Roths Lieder Volkslieder, weil das Volk sie mitsang? Wenn man so will, waren Herbert Roth und seine Musikanten die Gartenzwerge der DDR-Musik. Die Raucher gehen hinaus mit ihren Entzugserscheinungen, um draußen bei Frost und Glatteis ihre Lulle zu genießen, und kommen glücklich wieder rein, bis erneut Entzugserscheinungen auftreten. Die Müdigkeit im Pausenraum der DDR. Ich teile die Feststellung, dass Führungskräfte auf dem Weg nach oben fast immer seltsam geworden sind. Deutschland Land der Chöre. Ob überhaupt noch gelesen wird? Abgesoffene Gartengrundstücke. Der Mensch soll die Natur nicht dominieren.

Spannung ist ausverkauft. Heute ziehen sich die Hunde im Winter alle was an.  Das ist die eine Seite. Andererseits fragt man sich, ob wir nicht mit all diesen Dingen in die Evolution eingreifen und zur Verweichlichung der Hunde, letztlich zu ihrem Untergang (siehe Saurier) beitragen. Es droht nicht der Untergang Deutschlands, wenn die Bayern mal ein Spiel verlieren

Wir kommen in unserem Leben nicht aus ohne das Neue. Wer erklärt mir das Phänomen Martin Schulz. Der Gabriel sah immer irgendwie verhängnisvoll aus. Natürlich sind die Leute auch Merkel-müde, Merkel ja auch. Die Väter bleiben jung durch ihre Kinder. Die Kinder werden alt durch ihre Väter. Ich hätte gern gewusst, wie so ein baltisches Frühstück daherkommt. Liegt da die Russenangst mit auf dem Teller? Mit gerade siebzig Jahren bringt Paul Auster seinen bedeutendsten Roman heraus, und Radio Eins präsentiert die Deutschlandpremiere von „4321“ im Großen Sendesaal des RBB. Auster ist körperlich nicht in allerbester Form, die Beine sind eine Winzigkeit schneller als der Oberkörper, er ist wieder bei einem seiner Lebensthemen, der Musik des Zufalls. Der Schriftzug BAHNHOF FRIEDRICHSTRASSE, die gläserne Überdachung der Bahnsteige und die Straßenüberführung des Gleises – das ist der letzte authentische Anblick an diesem Ort

Det war ja damals immer schlimm, wenn einer den andern nischt gegönnt hat. Und jetzt is det noch viel schlimmer.Der Verkehr wird fluten. Was Neues, was Großes wird entstehen. Der Genius loci – hier ist er der Geist der Kleinteiligkeit in der Großteiligkeit. Die Sommerzeit hat begonnen. Es ist der Tag, wo viele Leute ihre Termine verpassen. Kleingärtner bist du immer zu hundert Prozent. Hundehalter werden ihren Hunden ähnlich, Kleingärtner ihren Pflanzen. Unsere Polizei! Sorgt sich um Wohlbefinden der Vögel in einer Stadt, in der dauernd eingebrochen und kein Täter ermittelt wird. Was soll denn so falsch daran sein, aus der Zeit zu fallen! Dies ist nicht meine Zeit!