In der Galerie

Gut ins Bild gesetzt, auch wenn man nur Zaungast der Gruppe ist
© FJK

Die Berlinische Galerie ist nicht leicht auffindbar, finde ich. Die öffentlichen Verkehrsmittel halten Abstand zu ihr. Ich habe eine Wegbeschreibung vom U-Bahnhof Moritzplatz bis zur Galerie, die war geradezu grotesk in ihrem Hang zur Genauigkeit, der nur Verwirrung stiften konnte. Aber gut, wir waren da, wir haben einen einfachen, aber langen Weg genommen und mit der Weisheit des Trinkers nach Kneipen Ausschau gehalten, die man nach dem Kunstgenuss aufsuchen könnte, denn wir hatten ein Geburtstagskind in unseren Reihen. Infrage kamen ein Italiener, ein Kroate und ein Chinese. Nach ein paar tausend Metern war das Viertel von Kunst infiltriert. Schilder wiesen auf die Galerien des gesamten Landes hin.

Es war Sonnabend und einer der letzten Tage der Lotte-Laserstein-Ausstellung. Lotte Laserstein wurde 1930 berühmt, nach 1933 mehr und mehr vergessen, 2018 mit einer großen Ausstellung im Städel in Frankfurt am Main wieder berühmt. Das Vergessen lag an der jüdischen Herkunft der 1898 in Ostpreußen geborenen Künstlerin, die nach Schweden emigrierte, von Sammlern und Kunstmarkt abgeschnitten wurde und in Schweden blieb bis zu ihrem Tod 1993.

Lasersteins Palette, auch ein Stück Kunst
© ADe

Verheugen, der eben noch die modernen Bauten am Wege verachtete, zeigte sich von der Innenarchitektur der Galerie beeindruckt, kühl, mutig, schräge Treppen, die den Raum definierten. Vor Lasersteins berühmtesten Bild, drängten sich die Enthusiasten: „Abend über Potsdam”, gemalt 1930. Drei Frauen, zwei Männer auf einem Balkon, die Stadt in ihrem Rücken. Die Falten des gestärkten Tischtuchs, auf dem Tisch noch ein paar Früchte, man hat sich vielleicht mit Vorfreude getroffen und gesehen, dass man sich keinen Mut machen kann. Was kommt – es wird nicht gut sein. Man gehört zusammen und wird sich nicht helfen können. Eine Stimmung, die wir heute besser verstehen als vor fünf oder sechs Jahren.

Diskrete Aufsicht

Lotte Laserstein malte die neue Frau. Schlanke, unsentimentale Gestalten mit Bubikopf-Frisuren. Tennisspielerinnen, Kunstkritikerinnen. Mädchen mit fiebrigen Wangen und meerblauen Augen. Eine Spanierin, ein Mongole, ein Motorradheld, ein russisches Mädchen mit Puderdose. Laternenkinder.

War es so, dass Laserstein ihr Optimum nicht mehr erreichen konnte, nachdem sie Deutschland verlassen musste? Wir sind der Frage nicht nachgegangen. Wir wollten es lieber nicht glauben.

Im Anschluss entscheiden wir uns für den Kroaten, ein Ecklokal mit Tischen und Stühlen vorm Haus. Schopska Salat, Zagreber Platte, Budweiser und hausgebrannter Grappa. Die Bilder Lotte Lasersteins folgen uns. Diese Art zu malen, ohne zu urteilen, zu kommentieren, zu karikieren, zu fordern, anzuklagen. So sieht man am nachhaltigsten.

Am Fluss

August 8, 2019 2 Kommentare

Platz für alle
© FJK, ADe

Glücklich ist die Stadt, die einen Fluss in ihrer Mitte hat. Das hab bei meinem einzigen Aufenthalt in Köln gesehen. Wir saßen am Ufer des Rheins und aßen Haxe. Die Haxe war gut, das Leben war gut, allen Leuten um uns herum schien es gut zu gehen.

Pizza, Radler, Bier

Wir saßen in Halle an der Saale und nahmen in Dresden am Elbhangfest teil. Aber das große Flusserlebnis war eben Köln. Dafür musste die Stadt an einer Fülle von überschwänglichen Liedern leiden. Wenn das Wasser im Rhein goldner Wein wär und sowas …

Zwischen Landung und Start

Berlin hat sich nicht viel aus der Spree gemacht. Jedenfalls Ost-Berlin. Man konnte mit Heiner Müller vom verkommenen Ufer sprechen. Aber das ändert sich. Zunächst in Mitte. Du kannst es sehen am Schiffbauerdamm. Die Kneipen haben Tische und Stühle ans Ufer gestellt. Die Kellner müssen über die Straße rennen mit ihren Speisen und Getränken, aber das tun sie ohne Murren. Wir sind ja hier nicht an der Jannowitzbrücke, wo sie behaupten, man könnte ihnen die Kasse klauen, während sie das Bier in den Biergarten tragen. Man muss es selber holen. Im Gastraum sitzen nur zwei trübe Gestalten, die viel zu phlegmatisch wären, um sich an einer Kasse zu schaffen zu machen.

Sie kommen sogar aus dem Tirol herbeigeeilt

Auch in Karlshorst können wir jetzt am Wasser unter alten Bäumen sitzen, Pizza essen und Flaschenbier aus München trinken. Der Ort ist zwischen dem alten DDR-Radio und der Spree. Überhaupt nicht schick. Das Pflaster eines alten Parkplatzes, eine holprige Wiese, eine niedrige Uferbefestigung, auf der man auch sitzen kann. Lange Tische und Bänke. Die Stimmung erinnert an die der Leute am Rhein-Ufer in Köln. Sie wird von der ruhigen Strömung des Flusses vorgegeben. Kein Ruf, kein Schrei. Moderate Gespräche. Der Rundfunk hat ausgesendet. Viele kleine Musikfirmen nutzen die alten Studios und Sendesäle. Ein paar Meter entfernt im Gebüsch ist eine Art Ufo gelandet. Die Bäume fangen die Sonne ab. Das Personal spricht italienisch und englisch. Die lange missachtete Spree hat eine glänzende Zukunft vor sich, auch wenn sie nur die Wassersprache spricht. Das reicht.

Some Weather, some Politics, some Confusion

Berlin. Museumsinsel. Eröffnung der James-Simon-Galerie
© Corinna Fricke

Nachbarschaft. Mittlerweile weiß jeder von jedem, was das für’n Idiot ist. Die Rasenmäher bereiten das Wochenende vor. Die Kita-Kinder brüllen. Alles Nachträgliche zum Geburtstag. Ich bin an alles gewöhnt. Auch an das Ungewöhnliche. Er würde sich gern entschuldigen, aber er hat keine Ahnung, wie man das anstellt. Alles Schöne ist für die Hausfrau auch ein Staubfänger. Er liebte es, sich über den Mann, der er einmal gewesen war, lustig zu machen, obwohl er hätte wissen müssen, dass er noch immer dieser Mann war, auch wenn sich die Verhältnisse geändert hatten.

Vormittag im Forum Center. Die Dicken essen Torte, die Trinker trinken Bier. Gärtnerin und Kundin werfen sich botanische Namen der Pflanzen an den Kopf. Sie sind auf Augenhöhe. Sind kleine Frauen genauso gefährlich wie kleine Männer?

Ich habe noch niemals ein Buch geklaut. Nicht mal auf der Leipziger Buchmesse. Unter der Dusche sangen wir Russenlieder. Schüler im Altersheim. Da gibt es eine Hundertjährige, die aus ihrem Leben erzählt. Tote erben nicht. Das größte vorstellbare Unglück des vitalen Menschen: Die S-Bahn verpassen. Die nächste kommt erst in zehn Minuten.

Greta Thunberg agiert auf demselben Level wie der Papst, der Dalai Lama und vielleicht auch der Generalsekretär der UNO. Der Regen benötigt nicht die Wettervorhersage, um zu fallen. Wie die Leute in der Hitze rumrennen. Je fetter, desto nackter. Gar nicht schön, was man da sieht. Mächtiger Donner, mäßiger Regen. Der abermalige Dürresommer, auf den die Apokalyptiker sich so gefreut haben, findet nicht statt. Alle reden übers Wetter. Aber wir Auserwählten reden sogar übers Klima. Und über die Klimakatastrophe, die sich, wenn wir nicht dagegen kämpften, schon bald einstellen würde.

Schlagzeile: „Merkel kritisiert indirekt Trump” – Welch eine Heldentat. Die Ministerinnen und ihre Handtaschen. Da zweifelt man ein wenig an ihrer Kompetenz. Warum kommen Männer, also Minister, ohne diese Handtaschen aus? Rolf Mützenich, der Interims-Fraktionschef der SPD, sieht aus wie einer, der im Stehen schlafen kann und der das auch immer tut.

Zwei Redakteure, die in der FAZ für die dunklen Seiten des Sports zuständig sind.Mein Arsch schlägt für den 1. FC Union, nachdem er einmal auf den angewärmten Sitzen im VIP-Bereich gesessen hat.

Training der linken Hand

Versuch mit der linken Hand
© FJK

Um zwölf, das heißt null Uhr, kam ich in der Rettungsstelle des bekannten Unfallkrankenhauses Marzahn an, um vier war ich wieder zu Hause mit einem dicken Verband auf dem Daumen der rechten Hand. Ich griff eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank, das war schon mal ein Trost. Ich sollte den Daumen jetzt hochhalten, hatte mir der Unfallarzt eingeschärft, sonst könnte das Blut wieder anfangen zu fließen, auch im Schlaf, da nimmt man ein Kissen zur Hilfe, das geht schon. Es ging. Ich konnte sogar noch ein bisschen schlafen.

Als ich aufstand, begann das Training der linken Hand. Die beste rechte Hand ist nicht viel wert, wenn der Daumen ausfällt. Zähneputzen mit der linken Hand, Brote schmieren mit der linken Hand, die Teetasse halten mit der linken Hand, auf der Tastatur tippen mit der linken Hand, den Garten wässern mit der linken Hand. Sie macht das alles, recht ungelenk, aber sie macht es, und sie steigert sich. Es sind die Sternstunden der linken Hand. Eine Komponente, die unterschätzt wurde, so lange es sie gibt. Was hätten wir alles aus unseren linken Händen machen können, wenn wir sie mehr gefordert hätten.

Was vorher geschah war, dass mir die Brotmaschine die tiefste Wunde zufügte, die ich je hatte. Eigene Schuld natürlich, aber man wird ja auch rammdösig bei der Hitze. Mit keinem Küchenkrepp, keinem Pflaster, keiner Kompresse und keinem Verband ließ sich der Blutfluss anhalten. Der Widerwille, hektisch zu einer Notaufnahme zu fahren, verleitete mich trotzdem zu glauben, dass die Wunde sich beruhigen würde. Vier Stunden später beendete ich den Selbstbetrug und rief ein Taxi.

Die Atmosphäre im Unfallkrankenhaus Marzahn zu ebener Erde war undramatisch. Beinahe bunkerartig. Gnädiges Licht. Viele Leute in Feuerwehrjacken durchquerten den Raum. Schwestern, Pfleger, Ärzte, alle ohne Hektik. Die Uhr tickte grotesk langsam.

Warum erst so spät, fragte die Schwester in der Aufnahme. Karlshorst ist zugebaut. Man kriegt kein Taxi. Das stimmte. Wir hatten es versucht und waren in der apokalyptischen Stimmung wieder nach Hause gegangen.

Die Schwester entfernte den überdimensionalen Notverband und gab mir einen Plastikbecher mit Desinfektionslösung, in die ich den Daumen tunkte. Links neben mir saß ein Bursche, der aussah, als hieße er Mirko. Mirko war am Ohr verletzt, am Ellbogen, auch die Beine waren blutig. Der Erwachsene rechts neben mir hatte giftiges Chlorgas eingeatmet. Gegenüber lag ein Mann, der abwechselnd schnarchte oder mit schwerer Zunge Sätze in einer fremden Sprache lallte. Wer erfahren genug war, hielt die Augen geschlossen und bewegte sich nicht.

Ich sah auf meinen Daumen und den Becher und dachte, was ist denn es für eine Desinfektionslösung, die dehnt sich ja aus, wird immer mehr und tritt schon über den Becherrand. Es war der seltsamste Moment dieser Nacht. Mirko sprang auf, besorgte Papiertücher und wischte die Lache unter meinem Stuhl auf. Es war mein Blut. Die herbeigerufene Schwester legte einen provisorischen Verband an. Das dachte ich nicht, dass Sie soviel abgeben, sagte sie. Das wollte ich auch nicht, sagte ich. Das Wort von der spontanen Blutspende kam auf. Es war wie bei Goethes Zauberlehrling, nur, dass das fließende Element nicht Wasser war, sondern Blut.

Bei einer jungen Farbigen wurden erste Behandlungen durchgeführt, sie schrie und jammerte. Ein kräftiger Russe wurde auf einem Rollstuhl hereingeschoben. Er sah zuversichtlich, beinahe fröhlich aus, weil er jetzt in guten Händen war. Wenig später drangen zwei Schreie aus dem Behandlungsraum.

Mirko sehnte sich nach einer Zigarette, der Mann mit dem Chlorgas gab ihm eine und Mirko rauchte vor der Tür. Dann war er dran. Ein junger, sehniger Mann in Basketballhemd und Turnhose, eigentlich noch ein Junge. Er wurde genäht, man hörte nur halb unterdrückte Laute von ihm, keinen Schrei. Sportunfall?, fragte ich, als er fertig war. ’ne Flasche, sagte er, und machte eine schnelle Bewegung gegen den Kopf.

Mein Arzt war ruhig, auch noch, als mein Blut auf seine Kleidung spitzte. Das kann man nicht nähen, sagte er und legte einen sogenannten Okklusiv-Verband an, was erst beim zweiten Versuch gelang. Er gab mir Schmerztabletten und Verbandmaterial mit und zeigte aus der Distanz noch mal, wie ich den Daumen zu halten habe. Die Schwester in der Anmeldung rief ein Taxi. Ich wartete draußen. Das Taxi kam sofort. Mein Vater, erzählte der Taxifahrer in der Berliner Nacht, muss Herztabletten nehmen. Wenn der sich mal schneidet – es hört nicht auf zu bluten.

Ins Geschlossne

Kein Rauskommen
© FJK

Im Traum betrat Hubert Schubert einen engen Fahrstuhl voller Staub. Er hatte kein gutes Gefühl, und das nicht zu unrecht. Der Fahrstuhl führte nur in Räume und Hallen, die keinen Ausgang hatten. Er befand sich in einem alten Fabrikgebäude und kam nicht wieder raus. Er versuchte es in jeder Etage, er versuchte es im Keller, überall dasselbe. Endlich traf er eine junge Frau, die wohl einen Ausgang wusste und ihm helfen wollte. Sie setzte sich an einen Computer und begann mit komplizierten Eingaben. Nun tauchte auch noch Hubert Schuberts Nachbar auf, mit dem er schon lange kein Wort mehr redete, drängte sich dazwischen und schmiegte sich übertrieben zärtlich an die Frau, obwohl er ja doch hätte wissen müssen, dass er schwul war. Hubert Schubert ging auf Abstand, was nicht leicht war, hinter ihm war gleich die Wand. Ich kann dich ja verstehen, sagte der Nachbar schmierig, aber das half Hubert Schubert auch nicht weiter. Er kam nur dadurch aus der Fabrik wieder raus, dass er aufwachte. Aber noch konnte er nicht begreifen, dass er frei war. Aber was heißt schon frei, wenn man jedes Jahr eine Steuererklärung anfertigen muss.

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Sara grätscht

Frauen auf der Bank. Ihre Zeit kommt. Wenn sie nicht schon da ist.
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„Ich geh einkaufen.”

„Aber das Fußballspiel fängt jetzt an!”

„Ich muss mir nicht neunzig Minuten Fußball ansehen. Von Frauen.”

O weh. „Doch dem war kaum das Wort entfahren/Möcht’ er’s im Busen gern bewahren.” Ich dachte, das Zitat sei aus Heines Belsazar, aber es war aus „Die Kraniche des Ibykus”, der Ballade von Schiller. Bei Heine hört es sich allerdings ähnlich an: „Doch kaum das grause Wort verklang,/Dem König ward’s heimlich im Busen bang.” Es geht hier wie da und dort darum, dass man etwas besser nicht gesagt hätte. Hochmütig über Frauenfußball zu reden ist out.

Nachdem in der Fußball-Saison alle Messen gelesen (oder gesungen) waren, Meisterschaft, Pokalendspiel, Champions League, ging es noch mal richtig los: Fußball-WM der Frauen und Europameisterschaft der U 21 Junioren. Der Fußball schläft nie. Und das öffentlich-rechtliche Fernsehen war sogar dabei, anders als bei Champions League und Tennis Grand Slam. Für solche weniger aufwendige Events reicht das Geld noch trotz Altersversorgung der Mitarbeiter und so weiter.

Guckst du Frauenfußball, fragte ich. Ja, sagte meine Schwester, aber ich muss mich etwas zwingen. Okay, wenn eine Frau das sagt. Guckst du Frauenfußball? Nicht alles, sagte Verheugen. Das Mädchenhafte ist leider weg. Sie hauen rein wie die Männer.

Beim Tischtennistraining griff man zwischen den Sätzen zum Smartphone, um zu sehen, wie es steht zwischen Deutschland und Spanien. 1:0. Däbritz. Sara grätscht den Ball ins Tor der Spanierinnen, eine blitzschnelle, entschlossene Aktion. Sara Däbritz war sowieso meine Lieblingsspielerin, wobei zugeben muss, dass ich die meisten Spielerinnen gar nicht so kenne, aus dem Stegreif fallen mir nur Svenja Huth und Almuth Schult ein. Es sind so viele neue im Team, was unterm Strich positiv ist.

Die Frauen spielen mit vollem Einsatz. Schon im Spiel gegen China beschweren wir uns darüber, dass die Chinesinnen so hart einsteigen. Dzsenifer Marozsan bricht sich einen Zeh am linken Fuß und fällt für mehrere Spiele aus. Das große Jammern fängt an. Die beste deutsche Spielerin! Einer der besten Spielerinnen der Welt (wenn nicht die beste)! Das geht mir auf die Nerven. Es ist ja doch eine Schutzbehauptung, gesetzt den Fall, wir kommen nicht ins Endspiel.

Der Frauenfußball hat sich enorm verbessert. Es gibt da jetzt eigentlich nichts mehr zum Lachen. Sie sind geschickt am Ball, sie stürzen sich mit Leidenschaft in die Zweikämpfe, ihre Kombinationen können sich sehen lassen. Auf den Tribünen haben wir es mit einer helleren, fröhlicheren, weniger feindseligen Kulisse zu tun. Und die Spielerinnen auf dem Platz simulieren und reklamieren weniger als ihre männlichen Kollegen. (Im Fußball finden wir die Diven bei den Männern, nicht bei den Frauen.) Das ist erholsam. Dafür ist ihrem Spiel etwas Unvollendetes, Fragmentarisches, in den torgefährlichen Räumen Flattriges zu eigen. Der Pass in die Spitze kann nur selten von der Zielspielerin erlaufen werden. Und einige Spielerinnen rennen immer noch unbekümmert ins Abseits. Das ist ein altes Frauenproblem. Aber viele Männer sind auch nicht besser.

Ansonsten guter Sport. Leider wurden zu viele Spiele durch Elfmeter und Videobeweis entschieden. So schieden auch die sehr ball- und kombinationssicheren Japanerinnen gegen die Niederlande aus, die im Endspiel gegen die USA nicht schlecht aussahen, aber eben auch durch einen Elfer auf die Verliererstraße gerieten.

Eingebettet in die Frauen-Fußball-WM gab’s dann noch eine kurze U 21-Europameisterschaft der Jungs. Das war eine helle Freude. Nach den Gruppenspielen ging’s kurz und schmerzlos ins Halbfinale. Lange hat mich eine deutsche Mannschaft nicht mehr so erfreut wie diese Jungs mit ihren Milchgesichtern. Die haben schlau gespielt, die hatten mit Luca Waldschmidt, Marco Richter, Nadiem Amiri und Mo Dahoud einen unwiderstehlichen Zug zum Tor, nicht umsonst war Stefan Kuntz, ihr Trainer, in seiner aktiven Zeit selbst ein Klassestürmer. Den würden wir möglichst bald gern als Bundestrainer sehen.

Dass wir das Finale gegen Spanien verloren, ist bei all den positiven Eindrücken gar nicht weiter schlimm. Wir haben hier Zukunft gesehen, die übrigens in diesem Fall ohne Bayern München stattfand. Kein Münchner Kicker dabei.

Das war der Fußball nach dem Fußball. Und natürlich vor dem Fußball. Die Klubs sind längst in die Vorbereitung gestartet, und am Wochenende beginnt die Dritte Liga mit den Punktspielen.

Im Reich der Peitschenlampen

Mittlerer Held in der Ho Chi Minh Straße 1985, heute wieder Weißenseer Weg, in Berlin
© Christian Brachwitz

Vater, Lulle, Kind. Er hat eingekauft, unter anderem eine freudlose Grünpflanze für die Kultur im Heim, hat den Kinderwagen zur Haltestelle geschoben, die Lulle angesteckt, sich ein Stück entfernt, damit das Kind nicht zum Mitraucher wird und gehofft, dass die Straßenbahn erst kommt, wenn er die Zigarette durchgezogen hat. Das könnte klappen. Wahrscheinlich kann er sich auch noch ne zweite und dritte anstecken, bis die Bahn endlich da ist, vielleicht auch die ganze Schachtel. Das Baby schläft. Im Rücken von Vater und Kind tuckert ein ziemlich selbstgebautes Seitenwagengespann auf einer ziemlich leeren Straße. Neubaugebiet. Nichts ist richtig fertig. Auf dem Mast, der das Bild in zwei ungleiche Hälften teilt, steht Why. Ja. Warum soll man sich in dieser Leere eigentlich zu Hause fühlen. Weil warmes Wasser aus der Wand kommt, weil es einen Müllschlucker gibt und weil man die Nachbarn so gut hören kann.