Die Kultur der Anderen

Bei den Spitzenkandidaten mag es schon wieder ganz anders aussehen. Ich glaube aber nicht 
© Fritz-Jochen Kopka

Da die „Berliner Zeitung” in der Hauptstadt geplant, recherchiert, geschrieben und vertrieben wird, ist sie natürlich eine Hauptstadt-Zeitung, wie genau man das Hauptstädtische im Übrigen auch definieren möchte.

Am Wochenende wollte sie, also die „Berliner Zeitung”, von Berliner Bundestagskandidaten wissen, was sie lesen, hören, sehen. Sie fragte also ungeniert nach dem Kulturniveau unserer Politiker, und dabei kam Folgendes heraus: Die Kandidaten mögen Filme wie „Love Story”, „Das Leben ist schön”, „Forrest Gump”, „Winnetou”, „Das Boot”, „Vom Winde verweht” und „Pulp fiction”. Als Berlin-Film bevorzugen sie den Kolportageschinken „Das Leben der Anderen”. Am Sonntagabend sehen sie am liebsten die Kasperköpfe des Münsteraner Tatorts, Thiel und Professor Börne alias Prahl und Liefers. Interessant, dass bei den Büchern keines zwei Mal auftaucht. Da gibt es also keine Übereinstimmungen, außer bei der speziellen Frage, welches Buch sie nicht zu Ende gelesen haben, da führt „Der Zauberberg” von Thomas Mann, der mit den „Betrachtungen eines Unpolitischen” noch ein weiteres Mal in dieser Minus-Rubrik vertreten ist. Als bestes Berlin-Lied werden „Dickes B” von Seeed und „Schwarz zu Blau” von Peter Fox bevorzugt.

Wir können also sagen, dass wir mit unseren Politikern mindestens auf Augenhöhe sind. Sie tun damit etwas für unser Selbstbewusstsein. Die größten Wüsten breiten sich für meinen Geschmack bei Büchern und Filmen aus. Da sind sie, die Politiker, wohl am nachhaltigsten auf Hilfe und Rat angewiesen.

Ver-Fahrenheit

Hamburger Str. 210 – Postadresse Eintracht Braunschweig
© Fritz-Jochen Kopka

Freitagabend Lärm in der Bahn. Unterm Strich waren es nur drei Gestalten, aber der Radau hätte auch von einer Hundertschaft herrühren können. Die blaugelben Trikots, die Schals, ach ja, heute spielt Union gegen die Eintracht aus Braunschweig, aber es ist schon sieben, und das Match hat längst begonnen.

Das Girl und die Fahrensmänner focht das nicht an. Sie hatten Kontakt zu Kumpels, die auf der A 2 festsaßen, zu einem Freund, der nicht ins Stadion eingelassen wurde, weil er zu spät dran war, und angeblich hatte ihr Team auch schon das 1:0 erzielt, was sie veranlasste, einen Song zu johlen, der an Obszönität nicht zu wünschen übrig ließ. Gegen Union hatten sie keine Patrone im Liederbuch, aber gegen den Lokalrivalen Hannover. In dem Song ging es kein Stück um Fußball, sondern um Hannoversche Inzucht, immerhin reimte sich am Ende Tradition auf Sohn.

An der nächsten Station schrien sie „Rummelsburg! Hier wird gerammelt” und freuten sich über die ordinären Berliner Ortschaften, die ihre Phantasie anregten.

Ihr seid ja viel zu spät dran!, sagte ich. Ja, sagte der Dünne, wir haben uns verfahren. Sind in den Zug gestiegen, der stand da, wir rein im letzten Moment, aber es war der falsche, egal, wir haben gute Laune und uns geht’s super, zweite Halbzeit wir da.

Kann ich ein Foto von euch machen?

Klar.

Ich will auch drauf sein, sagte das Girl.

Der Verfahrene setzte die Sonnenbrille auf und vermummte das Gesicht mit dem Schal. Offensichtlich litt er an Verfolgungswahn. Er wollte die Fotos sehen.

Das kann doch’n Bulle sein, erläuterte er seinen Freunden. (So was hab ich auch noch nicht über mich gehört.)

Na und, sagte sein Kumpel. Wir machen doch nichts. Bier trinken in der Bahn ist kein Verbrechen.

Die Gesänge schon eher, dachte ich. Nirgendwo sind Liebe und Hass so groß wie im Fanbereich des Fußballs. „Was ich mehr als alles andere brauchte, war ein Ort, an dem ziellose Unglückseligkeit gedeihen konnte”, schrieb Nick Hornby in „Fever Pitch”.

Das Glück und das Unglück, das du hier erlebst, teilst du mit Millionen. Die reine Entlastung.

Müdes Material

Materialfragen. Was nicht passt, wird passend gemacht
© Fritz-Jochen Kopka

Verheugens Uhr bleibt stehen. Er weiß nicht mehr die Zeit. Ihm bleibt noch die Wanduhr, aber die möchte er nicht mit sich herumtragen. Die Massagematte, die ihn eigentlich eine halbe Stunde lang massieren müsste, stellt nach fünf Minuten die Arbeit ein. Ihm schwant, dass er sich eine neue besorgen muss. Denn sie hilft ihm ein wenig, auch wenn er sich das vielleicht nur einbildet.

Das sind so unsere Themen im Haus Berlin, nachdem wir gefragt haben, ob das Staropramen heute schon gelaufen sei, weil wir kein abgestandenes Bier trinken möchten.

Auch wenn du dir das nur einbildest – die Massagematte hilft dir trotzdem, sage ich. Gerade bei Menschen, die eine so starke Phantasie haben wie du, ist die heilende Wirkung besonders intensiv, auch wenn die Massagematratze selbst ursächlich gar nichts dazu beiträgt.

Verheugen stöhnt. Warum setze ich mich dem immer wieder aus! Warum tue ich mir das an? Ich muss doch verrückt sein!

Wieso? Ich mache dir doch nur ein Kompliment.

Im Haus Berlin ist jetzt jeden Tag ab 19 Uhr Tanz. Wo wird dann die Tanzfläche sein?, frage ich. Das ist oben, beruhigen uns die Kellnerinnen, in der Tanzbar. Da tanzen Männer mit Männern. Keine schwulen Männer. Die tanzen aber miteinander.

Ich habe meine Tanzschuhe nicht mit, sagt Verheugen.

Das ist eine Ausrede, sagen die Kellnerinnen. Sie können auch barfuß tanzen.

Aber warum tanzen da Männer mit Männern, auch wenn sie nicht schwul sind? Was soll das nun wieder bedeuten! Die Zeit ist wohl so, dass Mehrheiten sich schämen sollten, dass sie zu Mehrheiten gehören. Deshalb verhalten sie sich wie Minderheiten.

Okay. Aber das ist mir zu kompliziert.

Man muss da einfach partikularer denken. Zum Teil gehört jeder Mensch einer Minderheit an, zu anderen Teilen eben einer Mehrheit. Er repräsentiert das eine so gut wie das andere. Auch das ist irgendwie Demokratie.

Genug. Ich kriege Kopfschmerzen.

Reiches Land

Hellersdorfer Fläche

Hubert Schubert saß zufällig im Asia Imbiss im Marktplatz Center Hellersdorf über einer Ente kross mit rotem Chili. Im ersten Stock hatte er einige unvermietete (oder entmietete) Flächen gesehen, die sich schamhaft hinter bunten Fotostellwänden verbargen, auf denen fröhliche Leute in der Gewissheit fröhlich shoppten, dass ihnen nie das Geld ausgehen würde. Die Ente war, wie sie war, für 7,50 €. Hätte auch schlechter sein können, aber auch nicht ganz so trocken. Hubert Schubert dachte daran, dass er sich in diesem Moment in einem Land befand, dessen Einwohner es sich längst zur lieben Gewohnheit gemacht haben, zu sagen und zu glauben, dass dies ein reiches Land ist. Ein reiches Land. Ein Land, in dem wir gut und gerne leben. Er betrachtete die Leute, die an ihm vorüberzogen, von A, wo sie vermutlich nicht gern waren, nach B, wohin es sie vermutlich auch nicht zog. Hubert Schubert musterte sie ohne Ungeduld. Er hatte ja die trockene Ente und das stille Wasser. Reiches Land? Okay. Wenn Übergewicht für Reichtum steht, dann vielleicht. Hubert Schubert gestand sich ein, dass er auch kein Master of Fashion ist, aber die Kleidung der Vorüberziehenden war doch allzu unschön, ausgebeult, mit beziehungslosen Wörtern und Bildern bedruckt und ihren Körpern nicht angemessen. Fast alle hatten einen absurden Gang, sie hätten bei Monty Python auftreten können. Ein Arzt hätte einige gesundheitliche Schäden diagnostiziert. Man kann sich auch anderswo in den öffentlichen Raum setzen; der Eindruck wird sich nicht sehr unterscheiden. Was sagt uns das, dachte Hubert Schubert, sollen wir vielleicht mal darüber nachdenken, was es heißt, ein reiches Land zu sein? Und was es nicht heißt? Reden wir nur davon, dass wir in diesem Land gut und gerne leben und verstehen nicht, wie das geht? Sollten wir den Discountern ins Gewissen reden, damit sie aufhören, miese Klamotten für schlechtes Geld und Geiz als geil zu verkaufen?

Am Tresen des Imbisses lümmelte ein übergewichtiger Strolch, der auf seine Asia-Nudeln wartete. Halb lag er auf dem Tisch, halb versperrte er mit seinem Fettarsch den Weg. Warum haben wir nicht mehr die Spannung, aufrecht zu stehen und zu gehen. Am liebsten würde man ihm die Beine unterm Hintern weghauen; vielleicht würde er dann aufwachen aus der Trance. Ich sehe das alles und habe noch nicht mal schlechte Laune. Wenn man sich wenigstens dadurch unterscheidet?!

Diese Niederlage macht uns nur stark

Edelfans on the road

Wir armen Hansa-Rostock-Schweine treten in Magdeburg an. Die Börde-Kicker mit ihren Aufstiegsambitionen wollen es wissen und laufen uns früh und bissig an. Als sie dennoch nicht gefährlich vor unser Tor kommen, nebeln die Magdeburger Fans erst mal den Platz ein. Das wird nicht großartig thematisiert. Wäre anders gewesen, wenn wir den Böller gezündet hätten. Wir sind irritiert. Der Stadionsprecher (oder ein offizieller Schreihals) haut laufende Meter total fanatisiert Parolen raus. Die Sprechchöre sind dementsprechend, und die Spielweise der Magdeburger ebenso. Sie bevorzugen einen bäuerlichen Fußball, der – wie man sieht – durchaus erfolgreich sein kann. 1:0 nach einem Magdeburger Konter in der 43. Minute. Vorher hat Soufian Benyamina wieder ein Beispiel dafür abgegeben, dass ihn die Glücklosigkeit verfolgt. Eine schöne Hereingabe von Hilßner trifft er nicht richtig. In der zweiten Halbzeit machen die Anhaltiner mit einem Glücksschuss das 2:0. Warum nicht. Diese Niederlage tut nicht weh, wenn man sieht, dass wir eindeutig den kultivierteren Fußball spielen, der sich auf Dauer durchsetzen wird. Es fehlt allerdings an Raffinesse und Kaltblütigkeit im gegnerischen Strafraum. Und die Magdeburger haben einige Sachen auf ihre Art ganz gut gemacht. Wir armen Hansa-Rostock-Schweine können absolut nachvollziehen, dass die Magdeburger ihren Sieg für verdient halten und sich als bessere Mannschaft sehen. Wir sind doch genauso. Ein Fan ist ungerecht und parteiisch, sonst ist er kein Fan.

Albtraumhafte Ehe

Lost in America
© Fritz-Jochen Kopka

Philip Roth’ „Mein Leben als Mann” kommt ins Haus geflattert, ein ziemlich früher Roman (1970), in Deutschland erstmals 1990 bei Kellner  erschienen, was darauf hindeutet, dass die deutschen Verlage mit diesem Werk so ihre Probleme hatten. Roth war damals noch ein ganzes Stück davon entfernt, weise oder gar gütig zu sein, und „Mein Leben als Mann” ist die schlimmste Mann-Frau- oder Frau-Mann-Geschichte, die ich kenne. Da Roth immer dazu neigte, die eigene Geschichte zu verarbeiten, kann man dem Roman entnehmen, dass seine erste Ehe ihn fast zerstört hätte und die Frau erst recht, obwohl die Schuld, wenn wir dem Protagonisten in „Mein Leben als Mann”, Peter Tarnopol, glauben wollen, zu 99 Prozent bei ihr liegt. Sie heißt Maureen und hält sehr viel von sich. Sie ist Studentin, Schauspielerin, dann Tänzerin, dann Malerin, dann Bildhauerin, alles fängt sie an, alles lässt sie liegen. Schließlich tritt sie in einen, zunächst heimlichen Konkurrenzkampf zu Tarnopol; sie, die nichts zustande bringt, hält sich in der Tat für die bessere Schriftstellerin verglichen mit ihrem Mann, der mit seinem ersten Roman schon ziemlich viel Ruhm eingeheimst hat, ehe sie ihn dann mehr oder minder schreibunfähig macht („Obwohl ich weiterhin Tag für Tag schrieb, hielt ich mich inzwischen nicht mehr für fähig, irgendetwas hervorzubringen, außer meinem eigenen Elend.”).

Roth erzählt, dass du als Mann gegen eine hysterische Frau keine Chance hast, du magst ihr intellektuell noch so überlegen sein. Maureen ist ein Genie an Heimtücke und Kampfkraft. Natürlich gibt der Autor dezente Hinweise darauf, dass sein Protagonist ebenfalls erhebliche Schwächen und Störungen aufweist. Zudem deprimiert ihn, dass er in seiner zaghaften Abwehrschlacht keine Helfer hat. Sein Psychoanalytiker, Dr. Spielvogel, sorgt mäßig für Entlastung, bietet dafür aber analytische Spitzfindigkeiten, die Tarnopol, ganz gegen seine Erfahrung, zum monströsen Mutteropfer machen. Besonders niederschmetternd sind die Aktionen des Richters Rosenzweig, der sich als Retter sitzengelassener Ehefrauen kapriziert. Peter hat zwar keine Scheidung erreicht, aber die Trennung vollzogen. Jahr für Jahr muss er nun mit Kontoauszügen, Einkommenssteuerbescheiden und Honorarabrechnungen vor Gericht antanzen. Er wird buchstäblich zum Sozialfall heruntergerechnet, der sich von seinem Bruder durchfüttern lassen muss. Tarnopol ist traumatisiert. Er hat die fixe Idee, dass der Staat New York und die Gerichte sich gegen ihn, den „ allseits bekannten Verführer junger Collegestudentinnen” (Maureens Darstellung) verschworen haben und ihm den letzten Blutstropfen abpressen.

Der Roman endet mit Maureens tödlichem Autounfall. Das letzte Kapitel heißt „Frei”. Der Befreite steht da, mit leeren Händen, erschöpft, ausgelaugt. Es kann jetzt nur darum gehen, „die Vergangenheit zu entmystifizieren und sein anerkanntermaßen unzuträgliches Gefühl des Versagens zu mildern.”

Philip Roth schrieb damals nicht so gut wie in seinen reifen Jahren, in denen er alljährlich als Kandidat für den Nobelpreis gehandelt wurde, den er nie bekam. In diesem Buch weist er offenherzig auf seine Unzulänglichkeiten hin. Und ziemlich am Schluss attackiert er in böser Voraussicht das Nobelpreiskomitee, indem er sich über William Faulkners pathetische Nobelpreisrede aufregt. „Wie konntest du Schall und Wahn schreiben, wie konntest du Das Dorf schreiben, … und dann so was verzapfen? … Ausharren? Siegen? Wir können von Glück sagen, meine Herren, wenn wir’s morgen schaffen, uns die Schuhe anzuziehen. Das hätte ich diesen Schweden gesagt. (Vorausgesetzt, sie hätten mich gefragt.)”

Na klar. So einen fragt man nicht.

Philip Roth, Mein Leben als Mann, Carl Hanser Verlag 2007

Ehe für alle bringt auch Frust

Es passt noch nicht alles bei der Ehe für alle
© Klaus

Vor ein paar Tagen las ich – ich glaube, es war sogar im Wirtschaftsteil der FAZ – von behördlichen Frustrationen im Zusammenhang mit der Ehe für alle. Anders als die Menschen kommt die veraltete Verwaltungssoftware mit der Ehe für alle noch nicht klar. In den Standesämtern häufen sich die Umsetzungsschwierigkeiten, zu denen etwa gehört, dass etliche Ehemänner noch als „Frau” geführt werden. Das mag einigen von ihnen gefallen, aber bei weitem nicht allen. Es war weiter zu lesen, dass die Ehe für alle ihren Namen insofern nicht verdient, dass sie nicht für alle gilt. Also, wenn ein Autofreak seinen BMW heiraten möchte – das klappt nicht. Nein, jetzt habe ich übertrieben. Richtig ist, dass die Ehe für alle noch nicht für Intersexuelle gilt. Die müssen nämlich laut Personenstandsgesetz von 2013 ihr Geschlecht nicht angeben. „Aber ohne Geschlecht können sie auch keine gleichgeschlechtliche Ehe eingehen.”

Heiratswillige und Standesbeamte sind frustriert. Heiratswillige beschimpfen Standesbeamte am Telefon als inkompetent und böswillig.

Ich finde so einen Artikel sehr lehrreich. Aber auch belustigend, obwohl das ja gar nicht lustig ist.