Die Mädchen wollten tanzen

Die Mädchen wollen tanzen. Die Jungs sitzen müßig am Bahnhof.
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Vorjahres-Collage April – Mai – Juni

Es kann nicht sein, dass du nicht weißt, wie man Mugge schreibt. Lebenslügen. Sie irren zwischen gestern und heute herum. Haben verdrängt, was sie wirklich wollen. Auf Frauenraub antwortet man mit Frauenraub. Am Ende gewinnt Bayern mit seiner einfachen Spielweise. Ich sah die größten Trinker meiner Generation. Er spricht ein dämonisches Sächsisch, aber er hat keine Leser. Dein Gedächtnis ist gemeingefährlich. Von dem Preis habe ich nie was gesehen. Ungute Gefühle im Halbschlaf. Die blasierte Fresse Fleischhauers. Der Weise Uhu ist wieder da. Drei Greisinnen hängen an seinen Lippen. Vorstadtangeber, Raucher, Biertrinker. Vergebliche Bekämpfung der Beulenpest. Bilder der Unbeweglichkeit. Lust an der knappen Zeit. Warten ist eine Kulturtechnik. Das dauerhafte Grundrauschen der Welt. Wir lesen nur Zeitung. Selbst, wenn sie sich gut gelaunt geben., spürt man die Nähe der Hysterie. Er gehörte zu den Leuten, die mit ihrem Leben etwas Besseres anfangen konnten als arbeiten. Der alte Horst ist von den Scheintoten auferstanden. Keep the balance. Er redet gerne darüber, was er mal für ein Säufer war. Sind wir hier nicht in einem Fellini-Film? Es geht um den freien Geist der Improvisation. Wir haben schon viele Tiere gerettet. Der Trinker. Der Nachtarbeiter. Der Außenseiter. Frauen, die ihn ernähren, weil seine Texte zu gut sind, als dass damit Geld verdient werden könnte. Die Mädchen wollten sich nicht unterhalten, die wollten tanzen. So schön hat er sich seinen Lebensabend früher wohl gar nicht vorstellen können. Als hätte kein Sonnenstrahl ihn je erreicht.

Er stahl die Sammeltassen aus dem Küchenschrank seiner Mutter und verkaufte sie. Zwei junge Frauen stehen direkt unter der Anzeige Rauchen verboten und rauchen. Kinder haben sie auch; wahrscheinlich wegen des Kindergelds. An der Straßenbahnhaltestelle ein sportliches Fahrrad, von dem sie bis auf den Lenker alles abmontiert hatten. Ich hatte einen komplett anderen Film erwartet. Ich bin allein. Keiner versteht mich. Ist es mein letztes Jahr? Das Saturierte quillt ihm aus allen Knopflöchern. Die Kleingärtner sind wieder da mit ihrem dezenten Übergewicht und allem Schönen, was blasierte Leute Kitsch nennen. Die Lüge ergibt sich zwangsläufig aus der Wirklichkeitsverweigerung. Sie war 104 und lebte im Heim. Nüchternheit hat auch was Berauschendes. Jeder ist seines Glückes Schmied. Und seines Unglücks auch. Wolfgang, so musikalisch er ist, tanzt doch recht steif. Viele Männer verhalten sich so, wenn sie gerade ihre Periode haben. Alles läuft aufs Neutrum hinaus. Ich habe die ganze Zeit ein Lächeln im Gesicht. Das hemmungslose Lachen der Hochschwangeren.

Der Schriftgelehrte weiß die Anworten. Auch wenn es keine Fragen gibt. Löw lebt in seiner Nivea-Blase. Alle sind dick, schwanger und stecken sich schon in der Bahn die Lulle ins Maul. Scharapowa siegt kampflos gegen Serena, die eine Verletzung des Brustmuskels zu beklagen hat. Die Kultur der Schadenfreude ist nach wie vor präsent. Hochbeete scheinen Mode zu sein. Die Alten wollen sich nicht mehr bücken. Sie sind Teil des Systems des Berliner Unvermögens, auch wenn sie noch so mokant lächeln. Der Hehler ist schlimmer wie der Stehler, belehrt die Mutter ihren Sohn. Gemächliches Berliner Leben mittags um eins. Man hat viel vor und macht so gut wie nichts. Der Nazi zieht ab in seinen breiten Nazihosen. Nicht mal das Hundemonster taucht auf. Wir wählen die Vogelschiss-Partei. In den heißen Tagen starb Philip Roth. Arbeit am Mythos. Da gibt es schon wieder ein irres Gelächter. Die Erzieherinnen plaudern, die Kinder brüllen. Durch die Fußball-WM wird Putins Herrschaft um Jahrzehnte verlängert. Die Götter sind unmoralisch. Und doch sind sie Götter. Messi verzweifelt an Island. Bei Spiegel online konnte man lesen, dass die deutschen Spieler ihren Trainer abgöttisch lieben. Nicht nur die Alten werden älter, auch die Jungen. Ich habe sie an ihrem Busen erkannt. Wir stellen jetzt alles in Frage. Nur uns selbst nicht. Schlimm genug, wenn Männer im Nieselregen Schirme brauchen. Sollen deutsche Politiker Putin die Ehre erweisen und sich mit ihm auf der Tribüne zeigen? Am Tag nach dem Ausscheiden entfernt der Deutsche alle Deutschlandfahnen von Haus und PKW.

Angry Young Man

Detail des Covers, das Manfred Butzmann für die Ausgabe von Volk und Welt gemalt hat. Originelle Farbgebung, denn Arthur Seaton war schon noch ein Weißer. Und ein Bad Boy natürlich auch.

Ich wollte noch ein Wort über Albert Finney verlieren, der jetzt, 82jährig, starb. „Sonnabendnacht und Sonntagmorgen” sah ich als 17jähriger in unserem kleinen Kino in unserer kleinen Stadt. Seitdem habe ich Finney nie mehr aus den Augen verloren und ebenso wenig Alan Silitoe, der den Roman geschrieben hatte, auf dessen Basis der Film entstand, Silitoe, der auch „Die Einsamkeit des Langstreckenläufers” schrieb, allein der Titel ist Legende. In „Sonnabendnacht…” spielte Finney den Dreher Arthur Seaton, der sich am Wochenende ins wahre, ins offene Leben stürzt. Kneipen, Schlafzimmer, Angeln am Fluss. „Aufgespeicherte Leidenschaften explodierten am Samstagabend, die Wirkung von einer Woche monotoner Hetze in der Fabrik wurde in einer einzigen Entladung guter Laune aus dem Körper geschwemmt.” Seaton sprich Finney, natürlich ein Angry Young Man, hatte die Aura der Furchtlosigkeit. Wenn er trank, hatte er keine Angst vor der Hölle am nächsten Tag. Wenn die Frauen der Kumpel seinem hochmütigen Charme erlagen, kümmerte er sich nicht darum, dass man ihm zu dritt oder viert auflauern würde. Er steckte die Prügel ein, die er verdiente und teilte in aussichtsloser Lage noch selber ordentlich aus. Er war ein Rebell, ein Einzelkämpfer, rücksichtslos, mit guten Instinkten, auch für die richtige Frau, so dass ihm das Schicksal vieler junger Rebellen blühte: Zähmung in der Familie. Trotzdem: „Er wird noch manchen Stein werfen”, hieß es in einer etwas blauäugigen Rezension.

Wenig später spielte Albert Finney Tom Jones nach Henry Fieldings Roman, das war die pure Lebens- und Abenteuerlust, und wieder Finney mit diesem unverschämten Charme, ein heller Film, ganz anders als „Unter dem Vulkan”, 1984, nach dem Roman von Malcolm Lowry, in dem Finney den trunksüchtigen britischen Ex-Konsul Geoffrey Firmin in einer mexikanischen Kleinstadt spielt. Eine Bewegung, eine Geste, werde ich nie vergessen. Yvonne hat den Konsul verlassen, er beschwört sie zurückzukommen, verspricht, trocken zu bleiben, erträgt die Einsamkeit nicht, sitzt in der Kneipe, lässt sich volllaufen mit Mescal und erblickt im Augenwinkel wie im Traum seine Frau, Yvonne, nein, sie ist wirklich da, ist zurückgekommen, und er, der alle Schwüre gebrochen hat, wiederum nicht stark genug war, macht eine zweigliedrige, irgendwie runde, sich selbst einkassierende Armbewegung, die alles erklären soll. Das Drama der Einsamkeit, die Attacken des Dämons Alkohol, seine Schuld, ihre Unschuld, die sich aber auch austauschen lassen, denn ganz ohne Unschuld ist auch er, ganz ohne Schuld ist auch sie nicht.

Um deine Gesellschaft können wir die Toten beneiden, Albert Finney.

Adel als Sympathieträger

 Baltischer Himmel
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Wenn ich Eduard von Keyserling las, geschah das meistens in der Bahn. Ich hatte mir für wenig oder gar kein Geld fast das gesamte Werk des Aristokraten auf den e-Book-Reader geladen, Erzählungen und einige Romane. So saß ich in der S-Bahn und las die Erzählungen „Das Landhaus” und „Am Südhang”. Bei all den Baronen, Gräfinnen, Leutnants, Stallknechten und Milchmägden kam schnell ein Kitschverdacht auf, der sich aber unverzüglich in Nichts auflöste. Keyserling (1855 – 1918) entstammte nun mal der baltischen Adelswelt und kannte alle diese Gestalten von nahe, so dass er deren müden, abgründigen Kosmos wie kein anderer beschreiben konnte. Von den Romanen klickte ich „Abendliche Häuser” an, ein Titel, der mir gefiel. Die abendlichen Häuser sind die Schlösser und Herrenhäuser derer von der Warthe, von Egloff, von Dachhausen und von Port. Dort sitzen und seufzen sie, es gibt Empfänge und Konzerte, Glückspiele und Beschwörungen der Vergangenheit. Besonders befremdlich, wie sich der junge Baron nach einer frostigen Kutschfahrt von seinem Diener mit Kölnisch Wasser abreiben lässt. Positiv befremdlich der Name Fastrade von der Warthe; das ist die junge Baronesse, eine eigensinnige, kluge Frau, die sich durchaus gegen den alten Baron zu behaupten weiß und zu meiner Verwunderung (aber auch Genugtuung) die Werbung des doch recht haltlosen Baron Dietz von Egloff annimmt, der im Spiel nach und nach die Wälder des Familienguts verliert. Das klingt natürlich schon sehr kitschig, liest sich im Einzelnen aber doch anders. Und weil es eben kein Kitsch ist und sein darf, kann Fastrade den letztlich sympathischen Dietz nicht retten; zu ihrem eigenen Schaden oder auch nicht, wer weiß das schon.

Keyserling lässt sich am besten durch sich selbst beschreiben. So beginnt der 1914 erschienene Roman:

„Auf Schloß Paduren war es recht still geworden, seit so viel Unglück dort eingekehrt war. Das große braune Haus mit seinem schweren, wunderlich geschweiften Dache stand schweigsam und ein wenig mißmutig zwischen den entlaubten Kastanienbäumen. Wie dicke Falten ein altes Gesicht durchschnitten die großen Halbsäulen die braune Fassade. Auf der Freitreppe lag ein schwarzer Setter, streckte alle vier von sich und versuchte sich in der matten Novembersonne zu wärmen. Zuweilen ging eine Magd oder ein Stallbursche über den Hof langsam und lässig. Hier, schien es, hatte niemand Eile. In der offenen Stalltüre lehnte Mahling, der alte Kutscher mit dem weißen Bart, und gähnte. In der offenen Gartenpforte stand Garbe, der Gärtner, und verzog sein glattrasiertes Sektierergesicht und blinzelte in die Sonne. Dann begannen die beiden Männer aufeinander zuzugehen, mitten zwischen Stall und Garten blieben sie stehen, sprachen einige Worte zueinander, schwiegen, spuckten aus, ließen wieder einige Worte fallen.”

Graf Keyserling erblindete in Folge einer Syphiliserkrankung und war mit 45 Jahren schon ein Greis. Als Keyserling starb, rückte Thomas Mann ihn in die Nähe Fontanes, auch, indem er den Balten von dem Märker abgrenzte: „Es fehlt bei Keyserling die Breite, das Behagen, der lange Atem, die gesunde Furchtlosigkeit vor dem Langweiligen … Sein Werk ist schmaler, graziler, später, wählerischer, es hat nervöseren Puls; der Blick auf das Leben ist kälter geworden, die Ironie geistiger, das Wort präziser, der Gesamthabitus ungemütlicher, künstlerischer und weltläufiger – man spürt die Europäisierung der deutschen Prosa seit 1900.”

Wir Glücklichen haben es, wenn wir wollen, mit lauter Meistern zu tun.

Atemmasken werden verteilt

Schon zehn nach zwölf, aber kein Problem
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Vorjahres-Collage Januar – Februar – März

Schwefelschwaden zogen durch die erste Nacht des neuen Jahrs. Es war nicht auszumachen, welcher Art das Vergnügen war, das die Akteure empfanden. Nicht alle, die auf der Festmeile sind, sind Idioten, aber alle Idioten sind auf der Festmeile. Die einsame Gestalt des Buchhändlers, ein introvertierter Einzelkämpfer verborgen in Parka und Kapuze. Ein Betrunkener verließ die Bahn, schwankte, gestikulierte mit ausgebreiteten Armen und sang Ein Freund, ein guter Freund. Die Kolumnistin sieht sich mal wieder auf Augenhöhe mit Bill Gates. Traumberuf: Rentner. Noch besser: Westrentner. Schießen im Nebel. Wer sich noch erinnern kann, wo die Scheiben stehen, gewinnt. Die besseren Kinder rufen Achtung, ein Jogger. Die dümmeren stehen einfach im Weg. Es gab Tee und Kuchen. Ein Schnaps war auch auf Nachfrage nicht im Hause. Was machen sie, wenn ein Notfall vorliegt! Mit André Schürrle kam das Unglück zum BVB. Es kostete 38 Millionen €. Schlaganfall. Der Notruf in der Chefetage. Ich beginne, mich für’s Fasten zu interessieren.

Sie musste aus einer angefangenen Flasche einen Schluck Wasser nehmen und lange im Mund behalten, durch die Zähne gleiten lassen und schließlich runterschlucken. Sie schloss die Augen, um nicht zu sehen, was die Heilerin tut. Es könnte sein, dass von jemandem in ihrer Familie schlechte Einflüsse ausgehen, sagte die Heilerin. Ein Reclam-Bändchen von Ilja Ehrenburg. Wahnsinn, sowas konnte man früher ohne Brille lesen. Es ist fast zu viel Harmonie unter uns, man kann beinah sagen Euphorie. Deutschlandradio Kultur mit der allfälligen Elendsberichtserstattung. Bei Edeka streikt die Kasse. Schulz wird endgültig zur tragischen Gestalt. In der SPD nennt man das menschliche Größe. Die vierte Staffel: Das Alter meldet sich nachdrücklich: Freundinnen im Seniorenheim, Begräbnisse, Enkelkinder. Er trinkt nicht alleine, und Leute, die mittrinken, kennt er keine. Dem Wirt sterben die alten Gäste weg und junge kommen nicht nach. Der Mann ist dem Augenschein nach doppelt so groß wie die Frau, und er wiegt auch mindestens das Doppelte. Scheißmusik und Scheißgequatsche. Der langhaarige Kellner, der nach Höherem strebt, berechnet uns zwei Bier zu wenig. Das lassen wir ihm ausnahmsweise durchgehen. Als Schiedsrichter würde ich Robben nie einen Elfer geben, und wenn die Gegner ihn mit Fäusten im Strafraum niederstreckten. Ein typisch altersloser Literaturwissenschaftler im lichten Blond, der auch eine Matrone sein könnte. Die Kranken entdecken im Alter Körperkultur und Sport. Die Sparkasse – vier Mitarbeiterinnen kommen mir mit erhobenen Armen entgegen, sie haben keinen Strom. No money today.

Sieht schlimm aus bei den Hausärzten. Treppenhaus und Flur voller Röchelnder, Hustender, Stöhnender. Atemmasken werden verteilt. Für den Menschen in der Großstadt bezeichnend, sagt Georg Simmel, sind Blasiertheit, Reserviertheit mit latenter Aggression auf Grund der Reizüberflutung. Der Mann von Christine heißt Olaf und malt Tierbilder. Eine ungeschickte junge Polin mit dickem Po als Kellnerin. Bin ich denn der einzige Sensible hier? Die Floristin meint, es sei jetzt nicht mehr so heftig mit dem Andrang am Frauentag. Die Tradition lässt nach. Die gefühlt hundertste Frank Schöbel-Jubiläums-Show. Das Publikum voller aufgekratzter, glücklicher, übergewichtiger Beifallsklatscher. So weit sind wir: Dass die Verrückten die Normalen Spinner nennen. Der Bratwurstverkäufer war Russe, der Kunde war auch Russe. Sie verständigten sich auf einsilbige Art, als wollte der eine nichts mit dem anderen zu tun haben und der andere nichts mit dem einen. Ich ging mit meiner (russischen) Bratwurst zur Karl-Marx-Allee. Er sagte zum Beispiel Öl-Schkizze zu Bildern seiner Frau und nannte die Preise. Er war stolz auf diese Preise, als hätte er die Bilder selbst gemalt. Eine jodelnde Ulknudel aus der DDR. War im Nachhinein natürlich auch widerständig und hatte dabei eigene TV-Shows. Warum schrieb die gläubige Katholikin und Pfauenfreundin so böse Geschichten? Nicht alle Toten sind tot. Schräg schneit’s auf uns hernieder. Es ist still im Lokal. Ein alter Herr erscheint, um zwei Bier und zwei Schnäpse zu trinken und zwei Sätze mit der Kellnerin zu wechseln. Nicht lange nach ihm erscheint ein ähnlicher alter Herr, der Mittag isst, Bier trinkt, Sätze mit der Kellnerin wechselt.

Die blockierte Stadt

Probe in der Akademie
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In der Akademie der Künste am Pariser Platz wird ein Buch über 900 Tage Hunger vorgestellt. Das Blockadebuch von Ales Adamowitsch und Daniil Granin. Anlass: Vor 75 Jahren durchbrach die Rote Armee die Belagerung der Stadt Leningrad durch die deutsche Wehrmacht. Aufbau hat die erste vollständige deutsche Fassung des Buchs herausgebracht. Am Anfang steht ein ungeheuerlicher Satz: „Der Führer hat beschlossen, die Stadt Petersburg vom Antlitz der Erde zu tilgen.” Ein faschistisches Großexperiment. Die Vernichtung einer Bevölkerung nicht durch Erschießen, sondern durch Verhungern und Erfrieren. Neunhundert Tage, 21600 Stunden, von denen der Hungernde, Frierende jede Minute spürt. Die Menschen haben alles verzehrt, was irgendwie Überleben versprach, sie haben alles verfeuert, was etwas Wärme gab, Möbel und dann auch Bücher. Nach den Broschüren und Zeitungen „zuerst die deutschen Klassiker”. Da geht ein Lächeln durchs Publikum. Ebenso erfahren wir von dem Familienvater, der – schon völlig kraftlos – einen Stapel Bücher aus einer verlassenen Wohnung zu retten versucht. 900 Tage Albtraum. Eine gespenstische Stille und Dunkelheit liegt über der Stadt. Die geborstenen Fensterscheiben sind mit Matratzen und Gerümpel verstopft. Am Ende sind eine Million Menschen verhungert oder erfroren. Es zeigt sich, dass die Aktiveren, die Retter der anderen, selbst die größeren Aussichten haben zu überleben. Schreckliche Momente, wenn sie beschreiben, dass ein Mensch, mit dem du eben noch gesprochen hast, vor deinen Augen stirbt.

Jeanine Meeapfel (die Präsidentin der Akademie), Ingo Schulze, Ulrich Peltzer, Kathrin Schmidt, Karin Kiwus, Gustav Seibt und Volker Braun lesen die Augenzeugenberichte. Die Töchter von Adamowitsch und Granin sind unter den Zuhörern. Die Veranstaltung hat großes Format, schon durch die Abwesenheit von Pathos. Das ist geschehen. Das haben Deutsche gemacht. Das darf nicht vergessen werden.

Der Fiktionalist, die Spiegel-Doku und die Quote

Kisch-Preis, Reporter-Preis, Kitsch-Preis
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Nach dem Relotius-Drama meldet sich nun – man könnte auch sagen: Jahre später – die Jury zu Wort, die den Fiktionalisten mit Preisen beworfen hat. Jedes Mitglied der Jury wird befragt, jedes Mitglied antwortet auf fünf oder sechs Fragen. Wenn man sachlich ist, müsste man sagen, dass die Jury sich bis auf die Knochen blamiert hat, indem sie zu Teilen erfundene Texte ausgezeichnet hat. Aber sie waren ja so schön geschrieben! So. Früher hat man über gut geschriebene Texte geredet und eben solche auch zu recht verlangt. Jetzt sind wir dem Wahnsinn schon etwas näher gekommen: Die Texte sollen nicht gut, sie sollen schön geschrieben sein. Das Essen schmeckt ja auch schön. Deutliche Selbstkritik habe ich aus den Antworten der Jury nicht herauslesen können. Nur Tina Hildebrandt von der Zeit meint, dass im nächsten Jahr eine andere Besetzung über den Preis entscheiden sollte. Was eigentlich zwingend geboten ist. Über den Wahrheitsgehalt der Texte habe man sich keine Gedanken gemacht, sie standen ja im Spiegel, und der hat doch so eine großartige Dokumentationsabteilung.

Dieser Kotau vor dem Spiegel ist infantil. Man muss das Blatt doch nur lesen, um zu sehen, dass die längst nicht alles gut machen.

Beim Betrachten der Jury fällt mir auf, dass da kein echter Reporter dabei ist.

In einem Punkt ist sie, die Jury des Reporterpreises, allerdings vorbildlich und schon längst in der Zukunft angekommen: in der Quotenfrage. Wenn ich mich nicht verzählt habe, gehören ihr drei Männer und acht Frauen an. Damit will ich überhaupt nichts gesagt haben, außer dass das eben vorbildlich ist. Gremien, in denen etwa acht Männer und drei Frauen arbeiten, können genauso versagen.

Vielleicht ist Claas Relotius einfach ein Frauentyp.

Jede Kritik ereignet sich zweimal

Rentner von heute betrachten die Schüler von damals
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Die Galerie Helle Coppi war voller Bilder, Menschen und Mäntel. Die Mäntel hingen dicht an dicht am Garderobenständer, lagen auf Bänken und wer Angst hatte, seinen Mantel nicht wiederzufinden, behielt ihn einfach an und schwitzte.

Harald Metzkes ist neunzig geworden, es gibt Ausstellungen und Würdigungen, aber die Ausstellung in der Galerie Helle Coppi ist speziell. Sie erzählt die Geschichte des Bildes Polytechnischer Unterricht von 1959. Ist Künstler da?, fragte die Galeristin am Anfang ihrer Begrüßung. Ja, er stand direkt vor ihr. Harald Metzkes, gelassen wie immer, im englischen Jackett und dunkelbraunen Schuhen. Den jungen Mann von 29 Jahren beauftragte der Kulturfonds, ein Werk zu schaffen. Metzkes’ Themenvorschlag: spielende Kinder. Das war dem Auftraggeber zu unverbindlich, er verschaffte Metzkes Praxisnähe im VEB Bergmann Borsig. So entstand das Bild „Polytechnischer Unterricht”. Drei Schülerinnen, ein, kaum älterer, Ausbilder, eine Turbine, einige Werkstücke. Es war schon nicht leicht, das Bild durch die Gremien zu bekommen, aber dann schlug die fortschrittliche Kunstkritik zu.

Begrüßung der Galeristin

„… lebensfrohe, lustige Kinder sind zu blutleeren, blassen Schemen gemacht … Mag dieses Bild noch so gut ›gebaut‹ sein, wir lehnen eine bürgerlich-modernistische Formauffassung, die den Menschen seiner Menschlichkeit beraubt und ihn zum Kompositionselement schlechthin erniedrigt, sehr entschieden ab.”

Knapp sechzig Jahren später knöpfen sich Kunstrichter dasselbe Werk wieder vor, es gerät jetzt in den Verdacht, Staatskunst der DDR zu sein. Ist ja klar, wenn ein Künstler in einen Betrieb geschickt wurde, dann kann da nur etwas Angepasstes, Ideologisches herauskommen, und man versteigt sich zu der griffigen Formulierung, Polytechnischer Unterricht sei „eines der gut gemachten schlechten Bilder”.

Der Maler in der Rolle des Zuhörers

Es ist anzunehmen, dass Metzkes von der zweiten Verurteilung seines Bildes aus der nur scheinbar ganz anderen Ecke eher amüsiert und verwundert als verärgert war. Die Ausstellung zeigt einige Vorstudien zu dem Bild von 1959, vor allem aber 2017 entstandene Ölbilder, Aquarelle und Zeichnungen, die mit dem alten Werk, seinen Figuren und seinen Kritikern und Bewunderern spielen. Die „blutleeren, blassen Schemen” steigen lebensfroh aus dem Bild, der Maler (vermutlich) verlässt als blasser Schemen den Raum. Die Bilder heißen „Kunsthistorisches Idyll”, „Polytechnische Comödie mit antiproletarischem Nachtreten”, oder „Don Quichotte nimmt Stellung zum polytechnischen Unterricht”, nämlich, indem er auf seiner Mähre mit aufgepflanzter Lanze zur Tür hereingeritten kommt und die Windbeutel der Kunstkritik erschreckt. Gestalten der Commedia dell’arte posieren vor den andächtigen Schülern. Gelegentlich lässt Metzkes den Lehrmeister als jungen Karl Marx auftreten.

Eine solch heitere wie auch verwunderliche Ausstellung sieht man kein zweites Mal. Und einen Maler, der sich von der Wiederholung einer verbohrten Kunstkritik derart inspirieren lässt, haben wir auch noch nicht gesehen. Der Hintergrund ist natürlich nicht eben heiter. Damals wie heute möchte man dem Maler ein anderes Bild abverlangen, als das von ihm vorgelegte. Man vermisste die heroischen, fröhlichen, optimistischen Gestalten, man störte sich an der Beiläufigkeit und Versunkenheit des Vorgangs, an der zurückhaltenden Farbgebung, man störte sich letztlich daran, wie Arbeit wirklich abläuft, wie langsam Zeit verrinnt. Und heute ist man zufrieden, wenn man glaubt, in einem Maler aus der DDR den angepassten Staatskünstler erkannt zu haben. Jede Kritik ereignet sich zwei Mal. Einmal als Vernichtungsplan und einmal als Farce.

Wir hatten keine Probleme, unsere Mäntel wiederzufinden. Wir hatten sie noch an.