Sophie und Calum

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Das Kino am Anfang der Nacht

© FJK

Vor uns knutschte sich ein älteres Paar in der anonymen Dunkelheit (der Mann konnte kaum noch); hinter uns aßen sie Popcorn mit aufgesperrtem Mund. Uns konnte es egal sein, aber es passte nicht zum Film, der im Kino Central gespielt wurde. „Aftersun“, der Debütfilm der Schottin Charlotte Wells. Vater und Tochter im Urlaub an der türkischen Riviera; die Eltern sind getrennt, Sophie (oder Soph) lebt bei der Mutter; der Vater (Paul Mescal) hat Schottland verlassen und lebt irgendwo, wo er auch nicht viel auf die Reihe kriegt. (Das Sujet erinnerte uns an einen Urlaub auf Zypern, die Tochter lebte aber beim Vater.) Anhand einiger wackliger Filmschnipsel erinnert sich die inzwischen erwachsene Tochter an diesen Urlaub. Und die Regiedebütantin Wells setzt die Schnipsel-Ästhetik fort, kurze Einstellungen, die in der Regel zu nichts führen, abrupte Schnitte, die Sonne, der Strand, das dunkle Zimmer, der Pool, die Freilichtbühne, das Spielecenter, der Teppichhändler. Calum, der Vater, hat sich eine lockere, leichte, unvergessliche Zeit vorgestellt, für die er sich ins Zeug legt, aber zum unvermeidlichen Zerwürfnis kommt es doch auch. Der Vater tanzt wild, was nicht zu ihm passt. Die Tochter singt von der Bühne herunter, ohne ein Gefühl dafür, dass sie keinen einzigen Ton trifft. Wenn du singen lernen willst, sagt der Vater, besorge ich dir Musikunterricht. Warum sagt er das, meint Sophie, er hat sowieso kein Geld, um das zu bezahlen. Sie kommen darüber hinweg, aber es scheint doch so, dass jeder vom anderen etwas anderes erwartet hat.

Als die erwachsene Sophie sich an diesen Urlaub erinnert, gibt es den Vater im Leben nicht mehr. Es war wohl so, dass ihm auf Erden nicht zu helfen war. Frankie Corio, wie sie die Rolle der elfjährigen Sophie spielt – ein deutlicher Hinweis, dass beim Dreh dieses Films alles stimmte. Manchmal scheint jemand als Schauspielerin auf die Welt gekommen zu sein. 

Der Film macht es sich und seinen Zuschauern nicht leicht; man muss mitarbeiten, um die Schnipsel zur Geschichte zusammenzufügen und hinter dem Unverfänglichen das Verhängnis zu sehen.

Der frühe Vogel

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Gemütsruhe © FJK

Vier S-Bahnstationen zum Bäcker. In aller Frühe durch den eisigen Wind. Die Dame, die wir Frau Holle nennen, ist schon auf den Beinen und tritt mit Nordic-Walking-Stöcken und Hündchen vors Haus. In den Kinder- und Hausmärchen musste man sich noch keine Gedanken ums Gewicht machen. Und fit war man sowieso. Zwei maskenlose Teenager weiblichen Geschlechts öffnen ihre Brotbüchsen in S-Bahn, in deren einer sich sogar Eier befinden. An der Ampelkreuzung rauschen die Autos vorbei; in jedem sitzt nur eine Person, fast immer ein Mann. Der asiatische Feinkostladen schläft noch. Acht Leute in der Schlange vor mir. In der Regel sind es Männer, die von ihren Frauen zum Bäcker geschickt werden, dann aber nicht mehr so genau wissen, was sie eigentlich holen sollten und ewig rumeiern. Das ist nicht lustig! Ihr haltet den Betrieb auf. Der kräftige Bäckermeister fährt vom Grundstück auf die Straße und nickt seinen treuen Kunden geneigt zu. Zwei angeleinte Hunde. Der Mops wirkt grüblerisch-resignativ. Der Pudel versteht gar nichts. Der Mann, der umständlich dutzenderlei Kuchen einkaufte, leint die Hunde ab; fast fällt ihm dabei das Kuchenpaket aus der Hand. Verdient hätte er’s. Wieder retour. Einige Frauen rennen bei Rot über die Kreuzung; sie müssen ihre Bahn schaffen und gelte es den Tod. Ein stämmiger Radfahrer motzt einen jungen Bärtigen mit Skateboard an; sie sind sich wahrscheinlich in die Quere gekommen und müssen das aufarbeiten. Der stramme Radfahrer fühlt sich dem spacken Skateboarder überlegen und ist drauf und dran zuzuschlagen. Der Skateboarder ist wahrscheinlich auch ein Idiot. Ich habe ein Kalenderblatt dabei, Rilke: Wir werden die Worte, die laut sind, verlernen / Und von uns reden wie Sterne von Sternen … 

Die haben’s doch noch gemacht

Januar 16, 2023 2 Kommentare

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Trauer müssen die alten tragen (vielleicht auch nicht, sie haben treu gedient)

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Gleich nach Weihnachten, in der Zeit des großen Umtauschs, kaufte ich mir neue Indoorschuhe. Meine Töchter waren dabei und unterstützten mich, ich brauche Beratung und Ermutigung, allein bin ich zu unentschlossen. Um die alten Schuhe tat es mir leid. Ich hatte sie vor etwa zehn Jahren im Butterfly-Store gekauft. Als ich sie anprobierte, signalisierten meine Füße sofort: Genau. Die sind es. Da musste ich mich auch über den saftigen Preis hinwegsetzen; der schien gerechtfertigt zu sein. So war es auch. Ich fühlte mich in den Schuhen gut, sicher und leicht. Leider haben meine großen Zehen die Angewohnheit, sich durch das Obermaterial zu bohren. Vielleicht aus Neugierde. Oder um Luft zu schnappen. Es ist mal der rechte, mal der linke große Zeh; hier war es der linke. Das sah abenteuerlich aus, aber ich konnte mich von den Schuhen nicht trennen. Ich dachte, erst wenn sie mir vom Fuß fallen, hau ich sie weg, und es gab durchaus auch Risse an den Seiten, und der Grad von Ausgelatschheit war deutlich. Aber wer schmeißt was weg, das ihm jahrelang treue Dienste geleistet hat! „… jedes Ding, das sich verirrt hat, stört und gefährdet den Frieden der Welt”, heißt es in der Autobiographie von Martin Gumpert. Also. Ich habe die neuen Schuhe und werfe die alten nicht weg. Vielleicht kriegen sie noch eine Chance. Die neuen sind, wenn ich das richtig sehe, aus North Dakota. Kaum hatte ich sie an, zeigte mir Sportfreund Christian, dass er die gleichen hat, eine Nummer kleiner. Wenn er damit glücklich ist, kann ich es auch sein.   

32 Kinder

Januar 12, 2023 4 Kommentare

Alles widersetzt sich dem Tod, dachte ich, von der Larve bis zum Mammutbaum, vom Eré bis zur Termite. Ich werde nicht sterben, werde nicht sterben, werde nicht sterben, das scheint der einzig wirkliche Schrei dieses Planeten zu sein, die einzig wirklich gewisse Kraft.

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Das Cover leuchtet schon mal auf alle Fälle

Letztes Jahr war Spanien Gastland der Frankfurter Buchmesse. Da kamen einige Bücher zu uns, die sonst nicht übersetzt worden wären, auf eines wies Paul Ingendaay, dessen Hinweisen ich mir angewöhnt habe nachzugehen, besonders hin. „Die leuchtende Republik“ von Andrés Barba. Andrés Barba ist ein junger Mann von bald fünfzig Jahren. Die spanische Originalausgabe seines Romans erschien 2017. Ich weiß nicht, wie das gemeint ist, Die leuchtende Republik, in dem Buch leuchtet erst mal gar nichts. Der Ich-Erzähler berichtet sachlich bis verwundert, was geschieht, wenn der Apparat, die Bürokratie einer Stadt mit einem unvorhergesehenen Ereignis konfrontiert wird, für das es keine Regeln, keinen Maßnahmenkatalog gibt. Wir reden von einem Zusammenstoß des Erklärlichen mit dem Unerklärlichen. Was passiert also? San Cristobál ist eine Stadt im argentinischen Regenwald. Da tauchen eines Tages 32 anarchische Kinder auf. Sie halten die Leute auf der Straße an und stehlen ihren Einkauf. Sie sprechen eine Sprache, die keiner versteht, und verbreiten Angst. Sie dringen in den Supermarkt ein und töten zwei Menschen. Anscheinend schlagen sich auch Kinder von San Cristobál auf ihre Seite und verschwinden. Irgendwann sind die wilden Kinder nicht mehr auffindbar, aber sie sind noch da, hinterlassen Zeichen, die untrüglich sind. Die Bürokratie der Stadt reagiert hilflos, aber salbungsvoll wortreich. Ich will nicht sagen, wie es ausgeht, aber der Roman erzählt schon ein Gleichnis von der provinziellen Trägheit der Seßhaften und der aggressiven Verlorenheit der Umhergetriebenen. Und er endet so: „Vielleicht verraten uns die Toten, wenn sie uns verlassen, aber auch wir verraten sie, um zu leben.“ 

Andrés Barba, Die leuchtende Republik. Aus dem Spanischen von Susanne Lange. Luchterhand

Wir, die politisch Sensiblen

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Feingefühl in Althohenschönhausen

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In der medialen Jahreswechsel-Lyrik fiel mir eine Strophe aus dem Sport noch mal besonders auf. „Vielleicht könnte es ja ein Zeichen von demokratischem Feingefühl, von politischer Sensibilität sein, dass die deutsche Mannschaft sich gerade von Turnieren bei autoritären Regimes lieber früh verabschiedet? Wie 1978 vom Argentinien der Junta? 2018 von Putins Russland? 2022 vom Qatar der Al Thanis – und von der FIFA Infantinos?“

Klar, soll witzig und selbstironisch sein, aber eine Portion deutscher Biederkeit und westlicher Arroganz steckt trotzdem drin. Wir sind nicht wirklich schwach (geworden) im Sport, wir ertragen es nur nicht, wenn man unsere Werte (die die einzig richtigen sind) geringschätzt. Dann machen wir uns schnell vom Acker.

Aber was war jetzt mit der Vierschanzentournee im eigenen Land und im zweifelsfrei demokratischen Österreich? Warum waren wir da so „geschlossen – schwach“? Autoritäre Züge finden sich halt leider auch bei uns und bei den österreichischen Nachbarn, denken wir nur an die Freiheitlichen. Die Zitate sind übrigens aus der FAZ, hinter der ja immer ein kluger Kopf steckt, der sich auch mal wundern muss. Wo auch immer wir schlecht abschneiden, es ist nicht Schwäche der Grund, es ist demokratisches Feingefühl. 

Das Unausweichliche

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Wir können manche Dinge nicht auflösen

Alle Besucher saßen mit einem Glas Sekt im Yorck-Kino; es war der erste Tag des neuen Jahres 2023; die Kinos machen was aus solchen Tagen. Schon vor dem offiziellen Kinostart sahen wir, die ganze Zeit mit dem leeren Glas in der Hand, „The Banshees of Inisherin“, den neuen Film von Martin McDonagh („Brügge sehen und sterben“, „Three Billboards outside Ebbing, Missouri“; Filme, die man nicht vergisst). Banshees sind Todes-Feen, Inisherin ist eine fiktive irische Insel, archaisch und schroff, die Zeit ist 1923 oder immer. 

Das Stichwort, das mir den Zugang zum Film erlaubte, wenn er auch rätselhaft blieb, war „das Unausweichliche“. Das Unausweichliche, auf das man zusteuert, was immer man auch dagegen tun mag. Wobei nur für die wenigsten ein Abstraktum wie Unausweichlichkeit in ihre Vorstellung vom Leben passt. Sie ist einfach da.  

Auf Inisherin haben die Leute ein bisschen Arbeit und ein bisschen selbstgemachte Musik, viel Bier und viel Meer, den Pub, die Tiere, die Langeweile. Wenn ein Freund (Colm, gespielt von Brendan Gleeson) einem Freund (Padraic, Colin Farrell) sagt, dass er ihn nicht mehr mag und ihm das Gespräch verweigert, bricht schon mehr als das halbe Leben weg. Ich will nicht mehr endlose Gespräche mit dir über die Kacke deines Esels führen; meine Zeit wird knapp, ich will etwas Großes zustande bringen. Du hinderst mich daran. 

Danach ist der Motor des Unausweichlichen gestartet. Es sieht so aus, als wäre die Menschen auf der Insel halb verrückt, es sieht so aus, als gäbe es auf der Insel Todes-Feen (Banshees), es sieht so aus, als fehle den Inselmenschen jegliche Leichtigkeit.  

Padraic will ein freundlicher Mensch unter freundlichen Menschen sein. Colm hat vor, seine Lebenszeit zu nutzen, um eine große Musik zu schaffen, und glaubt, dass ein langweiliger Mensch wie Padraic ihn davon abbringt. An diesem Hochmut verzweifelt Padraic wie auch an seiner eigenen Freundlichkeit. Das Unglaubliche, wohl auch Unausweichliche geschieht. Colm säbelt sich die Finger der linken Hand ab, um den Langweiler wegen seiner Aufdringlichkeit zu bestrafen; wir spüren, das kann der alleinige Grund nicht sein.  Am Ende kann Colm seine Geige nicht mehr spielen, nur noch durch die Luft schwingen. Eine gespenstische Szene. Wir können manche Dinge nicht auflösen. Sie bleiben im Dunkel. 

Das war Weihnachten

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Weihnachten an der Spree © ADe

Kaum noch ist in der Weihnachtszeit über Weihnachten gesprochen worden, häufig über Regen. Und über den psychischen Druck und die Philosophie des Schenkens. Entlastet uns! Entlastet die Schenkenden und die Beschenkten. Wir haben keine Einfälle mehr und können die Freude über Geschenke nicht mehr überzeugend darstellen. Trotz des Dauerregens gab es auch ein kleines Glatteis-Fenster. Am Abend konnte man in der Tagesschau sehen, wie Autos gegen Bäume krachten und Passanten sich an Häuserwänden entlangtasteten oder durch die Luft flogen, um hart zu landen. Ja, wir waren selbst Glatteisopfer. In der Zeitung (FAZ)warnte ein Psychiater vor Alkoholgenuss. Erstens: Wenn man die Tankstellen einbezieht, ist Alkohol hierzulande an sieben Tagen die Woche 24 Stunden am Tag verfügbar. Zweitens: Gänzlich risikofreien Alkoholkonsum gibt es nicht. Drittens: No risk, no fun. Aber das war jetzt von uns. Wir denken gar nicht daran, zu Weihnachten mehr zu trinken als gewöhnlich. Wie kämen wir denn dazu. Heiligabend waren viele Leute unterwegs. Die Verkehrsbetriebe kamen an ihre Grenzen und darüber hinaus. Sie mussten nicht nur Notarzt- und Polizeieinsätze vermelden, nicht nur Weichen- und Signalstörungen; sie konnten auch auf den krankheitsbedingten Ausfall von Mitarbeitern verweisen. Auf PKW, die im Gleisbett der Tram landeten; besoffener Autofahrer, sagten die Leute in der Bahn, die nicht weiterkonnte, kenntnisreich. Der Autofahrer tat ihnen leid. Den hatte es schlimmer getroffen als sie, die nur eine halbe Stunde länger brauchten, bis sie zu Hause waren. Weihnachten ist das Fest der Liebe. Oder, weniger hoch gegriffen, der Nachsicht. 

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Ende Legende

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Marokkos Fahnen bleiben, zumindest in Erinnerung

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Bela Rethy hört auf.  Im gepflegten Qualitätszeitungs-Deutsch heißt das, dass er seine Abschiedsrunde vor der Rente dreht. Man wirft ihm noch einiges hinterher: Er befindet sich nie auf Ballhöhe. Er verwechselt Spieler usw. Klingt etwas hochnäsig und ungnädig. Ich habe keine Ahnung, ob es eine spezielle Ausbildung zum Fußballreporter gibt, es hört sich nicht so an. Wie ist man nicht seinerzeit über Heribert Faßbender hergezogen,. und wie gerne hat man den etwas abgedrehten Marcel Reif gelobt. Wir haben mal nachgesehen. Zwischen 2012 und 2014 haben wir Bela Rethy häufig auf unserem Blog erwähnt. Danach hatten wir uns an ihn gewöhnt, „nicht zuletzt, weil er von einigen seiner Reporterkollegen regelmäßig unterboten wird.“ Einige Zitate aus dieser Zeit:

Wenn man genau hinhört, stellt man fest, dass er punktuell über einen trockenen Humor verfügt. Bei einem Spiel experimentierte er sogar wiederholt mit dem Konjunktiv. Das hat er im folgenden Spiel zwar wieder unterlassen, anerkennen muss man es trotzdem, ich meine, er hat es freiwillig getan, niemand hat ihm befohlen, sich als „Statthalter des Möglichkeitssinns” (Sloterdijk) zu versuchen. Dieser Mann weiß sich in seinen späten Jahren noch zu steigern, wo andere längst in Selbstgefälligkeit erstarrt sind. / Der brave ZDF-Reporter Bela Rethy schreit, dass Boateng fällt, in der Hoffnung, dass der Schiedsrichter ihn hört und ein Offensivfoul pfeift, aber Messi hat Boateng nicht einmal berührt. / „Ein Gänsehautauftritt der deutschen Elf, aber auch Mitgefühl für die Brasilianer”, sagte der einfühlsame Bela Rethy, und dann warf er sich für den brasilianischen Stürmer Fred in die Bresche, der von den eigenen Fans gnadenlos ausgepfiffen wurde: „So ist das, wenn die Massen einen ausgucken.” Am liebsten hätte er wohl gesagt: der Mob. / Was Positives über Bela Rethy: „Da ist keiner. Er köpft dahin, wo er selber steht normalerweise“, sagt er über einen mexikanischen Stürmer. Mehr davon bitte. / „Ich lehne mich jetzt aus dem Fenster“, knödelt Bela Rethy, „der Ausgleich ist fällig.“ Und dann sagt Bela Rethy: „Applaus für Joachim Löw, der den zweiten Ball vom Spielfeld entfernt.” Ich fasse es nicht. Er sagt es ohne eine Spur von Ironie. Es soll heißen, das Lauterer Publikum bejubelt eine Heldentat des Bundestrainers. / Auch ZDF-Reporter Bela Rethy erkannte rasch, dass es ein leichtes Spiel sein würde und ließ in seiner Entspanntheit ganz gegen seine Art einige drollige Sätze vom Stapel. „Müller fummelt sich da irgendwie durch.” „Kasachstan gelang schon mal ein 2:2-Sieg gegen Serbien.” „Schweinsteiger wird da niedergerungen regelrecht.” (Er rang sich, glaube ich, selbst nieder.) Der beste Satz war aber dieser: „Die deutsche Mannschaft hat sich selbst eingeschläfert.” Das stimmte zum Glück nicht, besaß aber doch einen morbiden Charme. / Es lief dann so: Brasilien spielte die Fouls, Spanien kassierte die gelben Karten, und Bela Rethy vom ZDF forderte Rot. Es ist eine große Sehnsucht in ihm, die Akteure auf dem Platz in seiner gemütlichen Reporterkabine noch zu übertreffen, eine sehr sportliche, aber noch mehr absurde Haltung. Da er nun schon so lange dabei ist, der gute Bela, glaubte er immer, zu jeder halben Spielsituation eine ganze Theorie liefern zu können, was ihn unweigerlich zum Totalopportunisten macht. / Wer den FC Bayern nicht vollmundig feiert, kommt in den Knast, so hört sich das an. Ein wunderbares Bewährungsfeld für das ZDF-Team mit Bela Rethy an der Spitze. Dem fällt außer seinen Heldengesängen über Schweinsteiger, Kroos und vor allem Robben, der jetzt auch nach hinten, um Missverständnisse zu vermeiden: in der Defensive, arbeitet, nichts ein außer unablässigen Schiedsrichterbewertungen. Jede Entscheidung gegen die Bayern ist zweifelhaft bis grob fehlerhaft. Wie vorhersehbar und langweilig ist das doch. Und der gute Oli Kahn als Experte in seiner sachlichen, unoriginellen Art hat offensichtlich einen Schreck nach seiner Nationalmannschaftskritik bekommen und passt sich der Festtagsstimmung wieder an. / Die Stimme Bela Rethys knatterte über unseren Köpfen. Er hatte offenbar mit Reißzwecken gegurgelt und sich einen Stahlhelm von Hansi Flick ausgeborgt.

Bei manchem Detail weiß man nicht mehr, wie man darauf gekommen ist, etwa die Sache mit dem Stahlhelm. Was aber bleibt, ist, dass wir uns mit den Jahren an Bela Rethy gewöhnt haben und ihn gut ertrugen. Ich komme noch mal auf den Humor zurück, der immer mal wieder aufblitzte. Und was nachkommt, ist nicht besser. Klar, die haben auch die Chance, sich zu steigern. Ich will nur darauf hinweisen, dass die größte Gefahr darin besteht, dass sie besonders tiefgründig oder absichtlich witzig sein wollen. Ansonsten kommentieren sie so gut, wie das deutsche Team eben spielt. 

Vor Ort in Marrakech

Rückblick auf zwei WM-Spiele von Emilia Thalheim

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Ein Fest für alle

© Emilia Thalheim

Dienstag ist der große Tag. Marokko gegen Spanien bei der WM, die in Deutschland keiner zu gucken scheint. Schon am Morgen kann man das Getröte in der Stadt hören. Nach meinen Videomeetings machen wir uns auf zum Le Mart, wo Cindy und Aziz schon auf uns warten. Wir versuchen uns mit Essen abzulenken, obwohl Aziz’ und Mohis Teller bis zur Halbzeit unangerührt bleiben. Neben uns sitzt ein kontaktfreudiger Kanadier mit Marokko-Schal, darunter – kaum sichtbar – ein Ahorn-Blatt auf dem roten T-Shirt. Er scheint die Niederlage sportlich genommen und sich einfach auf das nächstbeste, farblich passende Team eingeschossen zu haben. Auch ansonsten allerhand Touris, Mohi und Aziz sind mit der Küchencrew die einzigen Marokkaner hier, scheint es, setzen aber durch, dass der Kommentar von Englisch auf Arabisch umgestellt wird. Es ist zum Mäusemelken. Marokko hat ein paar gute Chancen in der ersten Halbzeit, kommt aber einfach nicht zum Abschluss. Anspannung liegt in der Luft. Mohi gestikuliert wild, an wen der Ball abgegeben werden soll. Als es zur Verlängerung kommt, steht auch die gesamte Crew des Le Mart angespannt am Fernseher. Aber es ist nichts zu machen, es fällt kein Tor. „Wir sind geliefert, wenn wir Elfmeterschießen müssen“, sagt Mohi. Es kommt, wie es kommen musste. Als der erste Elfer für Marokko reingeht, küsst die Köchin des Le Mart den Kachelboden. Schreie der Erleichterung und dennoch weiterhin diese Anspannung. Spanien verschießt den ersten, ein weiterer wird von Marokkos Allzweckwaffe im Tor gehalten und kurz darauf ist endlich klar: Marokko hat es geschafft! Die Party beginnt. Wir begeben uns zur Hauptstraße und von da aus im Sog der Masse nach Gueliz. Alles, was auch nur ein Bein, Rad oder Huf hat, ist draußen. Prozessionspferde, Motorbikes, Kinder, Omas, Opas, Dreiräder, Autos, Transporter, ganze Familien in rot-grüner Kluft, kopulierende Hunde, Typen in Bugs Bunny- und Ninja Turtle-Kostümen. Freie Oberkörper, Fahnen, Leuchtraketen. Hupen, Vuvuzelas, Tröten. Menschen recken dankbar die Arme in die Luft und beten. Eine lautstarke Orgie der Freude bis die Ohren nur so klingeln und fiepen. Wir setzen uns noch in ein Café am Straßenrand, aber man versteht sein eigenes Wort nicht. Gebannt gucken Mohi und Aziz auf den Bildschirm, wo Portugal die Schweiz nach Hause schickt. Oha, Marokko muss am Samstag also gegen Portugal antreten.

Keiner weiß wohin mit der Anspannung vor dem WM-Spiel. Wir gucken zum Glück wieder im Le Mart, ich hätte irgendwie Angst gehabt, etwas daran zu ändern. Dieser Aberglaube! Auch die Union-Jacke aus der Schlosserjungs-Kollektion ist natürlich wieder  dabei. Cindy und Aziz kommen zum Anstoß. Marokkos Waffe im Tor wird abermals zum Superman. Nach zwei Dritteln der ersten Halbzeit fällt das Tor für Marokko, und wir sind sogar vorbereitet. Die Händler, die in den Souks auf dem Handy gucken, sind offenbar früher dran und jubeln schon. Wir wissen also: Gleich passiert was Gutes. Und so ist es auch. Dann heißt es den Rest der Zeit zittern, auch als Marokko kurz vor Ende noch eine rote Karte einfährt. Schließlich aber kommt der erlösende Abpfiff. Der Kellner des Le Mart weint und wird von der Küchenfrau getröstet. Auf dem Bildschirm weint Cristiano Ronaldo, der scheinbar von niemandem getröstet wird. In Marrakech liegen sich alle in den Armen. Wildfremde Menschen verbrüdern sich. Die Händler in den Souks greifen zur Trommel, und die Party beginnt. Mohi muss zum Check-In, ich gehe mit Aziz und Cindy zum großen Platz. Die ganze Stadt ist in rote Fahnen getaucht. Der Freudentaumel ist noch nicht vorbei, als sich herauskristallisiert, dass Marokko am Mittwoch gegen Frankreich antreten muss. Es geht um alles.

Der lächelnde Torwart

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Der Fußball gibt Rätsel auf

© FJK

Auch wenn ich nicht der schärfste Fan unserer Mannschaft bin, sehe ich die WM nach ihrem Ausscheiden doch entspannter. Habe mich in den Achtelfinalspielen drei Mal vertippt (von acht), auf Japan und auf die Schweiz gesetzt, aber am wenigsten habe ich erwartet, dass Marokko Spanien besiegen könnte. Spiegel online sprach von einem Sieg des unschönen Fußballs. Ich sah viel mehr eine Niederlage der brotlosen Kunst und ein geradezu fanatisches, inbrünstiges Verteidigen des Siegers. Reporter und Experte fühlten sich früh bemüßigt, darauf hinzuweisen, dass die Spanier seit Monaten das Elfmeterschießen trainierten (obwohl sie es eigentlich nicht nötig hätten). Nach dem Spiel musste man sich fragen: Was, zum Teufel, haben sie denn da trainiert? Die Nervenbelastung ja wohl kaum. Wahrscheinlich nur flach oder hoch in die Ecke oder in den Winkel. Aber dass der Schütze versuchen sollte, den Torwart in die falschen Ecke zu schicken, daran haben sie anscheinend nicht gedacht. Das gesamte Spiel über fiel mir Bono auf, der marokkanische Torwart. Anscheinend hatte er in der Nacht geträumt, dass er an diesem Tag unüberwindlich sein würde. Er fing und boxte alles weg und lächelte, auch noch, als ein Mitspieler ihm den Ball vor den fangbereiten Händen weg köpfte – Bono lächelte. Auf das Elfmeterschießen freute er sich augenscheinlich. Nix da von der Angst des Torwarts beim Elfmeter. Er blieb auf der Linie, er lächelte, und kein Schuss der Spanier kam an ihm vorbei. 

Hat Marokko nun eine Chance gegen Portugal, das die Schweiz 6:1 abfertigte? Kommt drauf an, was Bono vorher träumt.