Deutsches Phlegma

Deutschland – Mexiko. Eine innere Stimme und der Fußballsachverstand sagten mir: 0:1. Aber mein Patriotismus veranlasste mich, 2:2 zu tippen. Und die Zuversicht der Medien. Bei Spiegel online konnte man erfahren, dass die deutschen Spieler ihren Trainer nahezu abgöttisch lieben, was allerdings dazu geführt haben könnte, dass sie ein Gutteil von seiner Tranigkeit übernommen haben, was dem Spiel nicht unbedingt gut tut. Die Mexikaner wussten damit geschickt umzugehen. Sie spielten schnell und rasant nach vorn und fanden große Räume, in die sie hineinstoßen konnten. Vermasselten allerdings viele Chancen, so dass man schon glauben konnte, wir kommen mit einem blauen Auge davon. Kamen wir aber nicht. Was ist mit der Mannschaft los? Sie spielt mit der Selbstgefälligkeit des Weltmeisters. Die Bayern-Spieler sind immer noch fest davon überzeugt, dass sie beim Ausscheiden gegen Real Madrid in der Champions League in beiden Spielen die bessere Mannschaft waren. Sowas vernebelt die Gehirne. Ich entdecke keine andere Spielidee bei uns als Toni Kroos. Der Taktgeber. Es ist ein einfaches Mittel, seine Passwege zuzustellen, und das haben die Mexikaner gemacht. Von Özils berühmten schrägen Ideen war wenig zu sehen. Die deutschen Spieler gehen alle zum selben Friseur (so sieht’s jedenfalls aus). Und: Es sind zu viele Phlegmatiker in der Mannschaft. Ich will sagen: zu viel Gleichförmigkeit. Die Spieler scheinen von der Masse der erhobenen Daten über alles und jedes erdrückt zu werden. Es wurde etwas besser, als die Unsrigen in der zweiten Halbzeit in ihrer Not anfingen, unstrukturierter und wilder zu spielen. Und es ist verdammt vermessen, zur WM zu fahren und nur die Titelverteidigung im Auge zu haben. Nicht an den Titel denken! Nur an das nächste Spiel! Muss man denn an diese einfache Fußballweisheit immer wieder erinnern?

 

Sechs Mann ein Team

Sie bauen die Hauptstadt auf. Das ist doch was Großartiges.”
© Christian Brachwitz

Im Fußball und auch uff Arbeit reden wir von Teams, früher auch von Kollektiven. „Wurde mit dem Kollektiv sozialistische Brigade. Manchmal lag sie ja auch schief, doch auch dafür stand sie grade …” Aus „Maria”, dem berühmtesten und schönsten Demmler-Lied. Diese Männer auf dem Dach in der Karl-Marx-Allee lassen uns ins Jahr 1982 zurückblicken. In ein anderes Jahrhundert. Gab es damals nicht diese Berlin-Initiative? Arbeiter aus der ganzen DDR wurden nach Berlin gelockt, um die Hauptstadt zu einer Metropole zu machen, während die Provinz verkam? Man erinnert sich dunkel. Sie verdienten wahrscheinlich doppelt, konnten unbehelligt von Familien und Ehefrauen ihr Feierabendbier trinken und das, was der gewöhnliche Mensch Abenteuer nennt, war auch drin. Nicht jede Ehe wird diese Initiative überstanden haben, aber viele Ehen überstehen auch manches Andere nicht.

Ach ja, ein freier Autor wollte eine Reportage über ein Bauarbeiterwohnheim schreiben. Unser linientreuer Chefredakteur war gar nicht dafür. „Wozu brauchen wir das”, maulte er. „Ich kenne diese Wohnheime. Da sieht man sehr unterschiedliche Sachen. Wer ist denn dieser Autor? Kann der denn so was politisch richtig einordnen?”

Konnte er natürlich nicht. Die Reportage lag vor, und unser Chefredakteur war hochgradig erregt: „Das sind doch Leute, die bauen die Hauptstadt auf, das ist doch was Großartiges, die machen bewusst was für den Sozialismus, und was les ich hier? Die haben doch alle ’n Knacks, der eine, der keinen Anschluss findet, kennst du das? Als ich 17 war, 18, habe ich immer welche gekriegt, wenn ich wollte! Und der zweite, der will nicht nach Hause, weil er da nichts zu sagen hat, und der andere, der ist nur nach Berlin gekommen, weil das in der Mitte liegt, zwischen Süden, wo seine Verlobte wohnt, und Norden, wo er zu Hause ist. Und dann die aus Greifswald, die wollten eigentlich zum Kernkraftwerksbau, die sind aus Versehen hier gelandet, das gefällt mir nicht, die sitzen hier und saufen und trauern ihrem Klub nach.” Außerdem kam kein einziges Mal das Wort FDJ vor und auch nicht das Wort Genosse.

In einer Spalte meines Bewusstseins kommt es mir so vor, als sei die Reportage damals trotzdem gedruckt worden. Wie war das nur möglich.

Wie die Russen auffällig wurden

Andrej Arshawin, gezeichnet von Thomas Gronle, aus der Ausstellung „Russkij Futbol”. Arshawin ist noch aktiv. in Kasachstan.

Haarscharf daneben. Russland – Saudi-Arabien. Ich hatte 1:1 getippt, Russland siegte 5:0. Die Russen wurden richtig auffällig.

Sie begannen als Loser und endeten als Wunderkinder. Nach dem frühen ersten Tor lösten sich die Minderwertigkeitskomplexe, und das zweite verschaffte Ruhe im Kopf. Was sie besonders gut machten: Sie waren sehr wach und eroberten viele Bälle in der Hälfte des Gegners. Dann kombinierten sie schnell nach vorn und ab und zu brachten sie einen Konter auch zu Ende.

So eindeutig, wie es das Ergebnis aussagt, war der Spielverlauf aber nicht. Tor 4 und 5 für die Russen fielen erst in der Nachspielzeit. Man kann sagen: Erst hatten sie kein Pech und dann kam auch noch Glück dazu.

Sportberichterstatter mit schlichtem Gemüt schrieben, dass das ganz nach dem Geschmack des Zaren, also Putins, gewesen sei. Die Bilder sagten etwas ganz anderes.

Der Präsident war hin- und hergerissen. Nach dem ersten Tor sagte er dem saudischen Kronprinzen Muhammed bin Salman, vermittelt durch Gianni Infantino, wahrscheinlich, dass es genauso gut auf der anderen Seite hätte klingeln können. Mit jedem weiteren russischen Tor wurde Putin die Sache peinlicher, trotz der Genugtuung und der Erleichterung, die er andererseits empfand. Wir wollen Russland nicht retten, indem wir Saudi-Arabien vernichten. Seine Kicker machten ihm Freude und Ärger zugleich. Ein umkämpftes 2:1, vielleicht sogar ein Unentschieden, hätten ihm besser in den Kram gepasst. Aus den guten Kontakten zu den Saudis wird so wohl nichts werden, jedenfalls sind sie ernsthaft in Gefahr.

Spiegel online meint, dass Russland trotz des grandiosen 5:0 in der Vorrunde ausscheiden wird. Möglich wäre das. 2012 starteten die Russen mit einem 4:1 gegen Tschechien in die EM. Russlands holländischer Trainer Dirk Advocaat klopfte kräftig auf den Busch: Wir wollen hier auch nicht zuviel zeigen. Um nicht die kommenden Gegner hellhörig zu machen. Nirgendwo wird Hochmut so radikal bestraft wie im Fußball. Mitte der zweiten Halbzeit des zweiten Spiels war es plötzlich vorbei mit der russischen Herrlichkeit. Andrej Arshawin gelang nichts mehr, die Kräfte waren versiegt. Zu viele glänzende Pässe hatten seinen Mitspieler versiebt.

Der aktuelle russische Trainer, Stanislaw Tschertschessow, ist kein Advocaat. Er hütet sich den Mund zu voll zu nehmen. Denn nun kommen Ägypten, höchstwahrscheinlich wieder mit Mo Salah, und Uruguay mit Cavani und Suarez.

 

Russkij Futbol

Sonderausstellung zum russischen Fußball in Berlin-Karlshorst

Am russischen Fußball fällt auf, dass er am besten repräsentiert ist, wenn er nicht weiter auffällt. Kann gut sein, dass Putin ein grandioses Eigentor geschossen hat, als er die Weltmeisterschaft ins Land holte. Im Deutsch-Russischen Museum eröffneten sie letzte Woche die Ausstellung „Russkij Futbol”. Die war auch ziemlich unauffällig, sowohl die Eröffnung als auch die Ausstellung selbst. Die Kuratoren der Ausstellung und Autoren des dazugehörigen Buchs (Verlag Die Werkstatt) setzten uns unauffällige und nicht sehr zahlreiche Besucher ins Bild. 1897 das erste offizielle Fußballspiel in Russland, 1912 das erste Länderspiel. Bei der Olympiade in Stockholm unterlag Russland Deutschland 0:16. Man sprach davon, dass die Russen besoffen waren, man führte das Drama auf die Rivalität zwischen Moskauer und Petersburger Vereinen zurück und auch auf das verrottete zaristische System. 1924 wurden die bürgerlichen Vereine aufgelöst und proletarische gegründet. Selbst im belagerten und ausgehungerten Leningrad fanden Fußballspiele statt als Zeichen der Unbeugsamkeit. Unbeirrbar, unbesiegbar, du mein Heimatland. Dmitri Schostakowitsch komponierte ein Fußballballett, an das er wohl nicht gern zurückdachte. Nach dem Krieg suchte man gerade auch im Fußball nach neuen, nach zivilen Helden, und so erzählt die Ausstellung die Geschichte des russischen Fußballs an Hand von Biographien. Wsewolod Bobrow, der ein ebenso guter Eishockey- wie Fußballspieler war, Eduard Strelzow, dem man aus vielleicht erfundenen Gründen die Teilnahme an einer Weltmeisterschaft versagte. 1955 besiegt die Sowjetunion den Weltmeister Deutschland 3:2, 1956 wurde die SU Olympiasieger, 1960 Europameister. Das hat man in Anbetracht der aktuellen Misere vergessen. Der letzte große Fußballrusse ist Andrej Arshawin, den die großen Erwartungen, die man in ihn setzte, so nervten, dass er die Fans beleidigte.

In den Kellerräumen: Galerie ziviler Helden

In meiner Kindheit gab es die Helden Lew Jaschin und Igor Netto. Netto, der Spielmacher, weltweit geschätzt, Jaschin, der Torwart, eine sehr originelle Gestalt, der öfter mal verrückte Sachen machte. Ihn habe ich 1973 zu den Weltfestspielen im Berliner Haus der DSF gesehen, wie er durch die Räume schritt und von allem ziemlich ungerührt schien. Starker Raucher, der er war, musste er sich später einer Unterschenkelamputation unterziehen.

Und dann gab es noch den Mosfilm „Der Ersatzspieler”. Der Ersatzspieler, der in einem entscheidenden Spiel seinen Bruder, den hochnäsigen Superstar, der dem Alkohol und den Frauen verfallen war, aussticht. Diesen Film haben wir geliebt.

So. Und jetzt will ich sehen, ob die Russen wirklich so unauffällig spielen.

Erklär uns Berlin

IMG_3947Im Schatten an heißen Tagen

Schade. Tadeusz und die Beobachter gehen in die Sommerpause, sagt Verheugen.

Oh. Da wird uns jede Menge lauwarme Luft fehlen, sage ich, wer soll uns die Welt und Berlin erklären, wenn sie im Urlaub sind, der ewig dauern möge.

Nein. Verheugen mag die Sendung. Die Akteure, stolze Hauptstadtjournalisten, sind ihm vertraut. Er spricht sogar mit ihnen, wenn sie sich da im RBB produzieren, er gibt ihnen recht, und er verhöhnt sie, wenn sie Unfug reden, besonders gefällt ihm die Springer-Journalistin Claudia Kade …

Ja, sage ich, die ist ja selber auch total von ihrem mädchenhaften Charme begeistert.

Und der FAS-Mann Claudius Seidl, sagt Verheugen, ich nenne ihn den Mönch, denn es ist ja so: Er hat so spezielle Ansichten, wie in einer Klosterzelle erdacht.

Claudia und Claudius, sage ich, das Traumpaar der somnambulen Abgehobenheit. Wenn man Seidl das Wort sozusagen wegnimmt, hat er keine Sprache mehr.

Darauf antwortet Verheugen nicht und kommt stattdessen gleich zu Elisabeth Niejahr. Sie erinnert ihn an seine Kindheit, weil sie der Lieblingspuppe seiner Schwester ähnlich sieht.

Die ist sogar ziemlich intelligent, sage ich.

Vergiss nicht Hajo Schumacher!

Doktor Schumacher, ergänze ich. Der sieht inzwischen aus wie ein Mann, dem alle Felle weggeschwommen sind. Pendelt zwischen übellaunig und verzweifelt.

Ich habe es noch nie geschafft, Verheugen irgendetwas zu vermiesen, er steht fest zu seinen Neigungen. Jawohl, Dr. Schumacher sagt er, für mich ist Doktor Schumacher ein moderner Don Quijote.

Genau, sage ich, er sitzt auf einem alten Gaul, der Berliner Morgenpost heißt. Und wie findest du den Meister selbst?

Jörg Tadeusz hat einen stabilen Körper und eine geschmeidige Zunge, sagt Verheugen. Wer es schafft, einen Doppelzentner Saturiertheit so elegant mit Selbstironie und Witz zu verbinden, hat bei mir schon gewonnen.

Er hat die Gabe, allen Ereignissen und Krisen etwas Vergnügliches abzugewinnen, ich gebe dir recht, sage ich. Sie sind alle famose kleine Angeber, jeder auf seine individuelle Art. Ich bin gewiss kein Freund der Berliner Parteien, aber wenn diese mediokren Gestalten sich lächelnd über die Politik in der Hauptstadt mokieren, der nichts gelingt, dann möchte ich ihnen zurufen: Täuschen Sie sich nicht. Sie gehören dazu. Sie sind Teil dieses Systems des Unvermögens und der Provinzialität. Oder kannst du mir eine Zeitung von überregionaler Bedeutung nennen, die sie in Berlin etabliert hätten …

Das kann Verheugen nicht.

Aber hast du verfolgt, wie intelligent sie den Zusammenhang von Fußball und Politik erläutert haben?, fragt er. Und wie mutig sie Putin attackierten? Der hat die Weltmeisterschaft doch nur nach Russland geholt, um die Bevölkerung von den Missständen abzulenken.

Oh ja, sage ich., davon verstehen sie viel. Schade, dass sie gerade jetzt in die Sommerpause gehen.

Der Mähroboter von Hönow

Noch zwei Stunden bis Feierabend

Wir saßen auf der Terrasse in Hönow und sahen dem Wirken des Mähroboters zu. Das ist ein kleiner, geduckter Geselle, der seine Arbeit fast lautlos verrichtet. Er fängt morgens um neun an und hört abends um sieben auf. Den Rasenschnitt lässt er der Natur wieder zukommen, nachdem er ihn vermulcht hat. Seine Wege auf der Rasenfläche waren unerfindlich und nicht voraussehbar. Man ist geneigt, von Eigensinn dieses Geschöpfs zu sprechen. Wie es ihm gefällt. Der einzig vorhersehbare Weg ist, wenn er am Ende ist mit seinen Kräften, die Strecke zur Ladestation. Er findet sie allein. Ist das nicht die moderne Form von Sklavenarbeit?, fragte ich. Dieser Meinung konnte die Eigentümerin des Mähroboters sich nicht anschließen. Sie muss ihn gelegentlich pflegen. Im übrigen waren wir uns einig darin, dass der Mähroboter gern tut, was er tun muss. Er wüsste gar nicht, was er sonst mit sich anfangen sollte. Tatsächlich gab er ein Beispiel für zeitgemäßes Arbeitsethos ab und war unauffällig daran beteiligt, dass wir einen so schönen Sonnabendnachmittag in Hönow verlebten.

Unwillkürlich musste ich an den Poolreiniger in Lars Gustafssons Roman „Die Sache mit dem Hund” denken. Nachts, wenn die Schlaflosigkeit kommt, begibt sich der Konkursrichter Erwin Caldwell zum Pool und verfolgt die Wege des elektrischen Poolreinigers, eine Art weißer Krake mit zwei Armen, ein mythologisches Geschöpf, das beim Konkursrichter Ideen freisetzt und gefühlsmäßig eher zu seinem Inneren gehört als in seine Außenwelt. Der Mähroboter ist ähnlich faszinierend. Machtlos ist er allerdings gegen Weißklee und andere Wildpflanzen, die nie davon ablassen wollen, den Rasen zu erobern.

Leben mit Hyperaktiven

Sonnabendmorgen beim Bäcker. Ein leidgeprüfter junger Vater mit zwei hyperaktiven Töchtern. Vor der Tür belästigen sie schon mal die kleinen angeleinten Möpse. Im Laden erklettern sie den Tresen, drängen die Kunden beiseite, und mir treten sie auf den Fuß. Wir sind nicht allein hier, mahnt der Vater schüchtern. Ich will den Donut, den Donut, Papa, schreit die eine. Ja, aber wir sind noch nicht dran, erläutert der Vater. Aber nachher sind die Donuts weg, schreit das Mädchen. Dann bin dran. Ich möchte erst mal alle Donuts, die Sie noch haben, sage ich. Die Mädchen erstarren vor Entsetzen. Der Vater lacht befreit auf. Der Laden amüsiert sich. Auch so kann eine gute Tat aussehen.

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