Roger Melis’ Ostdeutsche

Ostdeutsche gehen zu Ostdeutschen
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Am Donnerstag eröffnete die Ausstellung in den Reinbeckhallen. Wir kamen erst am Sonntag ins raue Schöneweide (Schweineöde), das aufatmet, sich nach und nach ordnet, aufräumt, erneuert, von der technischen Innovation, von der Industrie (AEG, zur DDR-Zeit KWO und TRO), von der räudigen Verlassenheit hin zu Kunst und Kunstbetrieb. Die alten Hallen sind renoviert, die Ausstellung „Die Ostdeutschen” zeigt Fotos von Roger Melis. Die Weite der geweißten Halle wirkt großartig und weist auf die Großartigkeit der Bilder hin, die den Osten zeigen von den Tag der Befreiung bis zum Tag der Deutschen Einheit. Nichts ist ausgelassen, nicht die Kleinstadt und nicht die Ostsee, nicht der Rummelplatz und nicht die Künstler, nicht die Feldarbeit und die Werkstatt, nicht die Kundgebungen und die Feste.

Gesicht und Bekenntnis im Lauf der Zeit

Roger Melis, ein Generationsgefährte („Ich sah die besten Köpfe meiner Generation…”), starb 2009 mit 68 Jahren. In den neunziger Jahren rückten die Ostdeutschen zusammen. Roger Melis hielt den Kontakt zur Redaktion, wenn die Redaktion in ihren Wirren nicht den Kontakt zu ihm hielt. Er war ein hagerer, gleichwohl untersetzt wirkender Mann, der nicht viel Worte machte und zu keinerlei Übertreibung neigte. Eines Tages brachte er seinen gerade in Marbach erschienenen Fotoband „Berlin, Berlin” mit. Ich war schwer beeindruckt und titelte „Dichter sehen dich an…“, und in der Unterzeile „… auch wenn sie an dir vorbeisehen”. Was mich verwundert: Ich schrieb damals, dass Roger Melis der Sohn des Dichters Peter Huchel sei, wenngleich ich gewusst haben muss, dass er dessen Stiefsohn war. Ich nehme an, dass Melis meinte, man könne schon sagen, dass Huchel sein Vater sei. So empfand er es wohl.

Halle voller Schicksale

Die Dichter-Porträts von damals finden sich in der großen Ausstellung in den Hallen wieder. Aber eben noch viel mehr vom Leben, Arbeiten und Untergehen in der DDR. Ich hatte immer den Eindruck, dass Melis einer war, der selten auf den Auslöser drückt, so erlesen wirkten seine Bilder. Hier zeigt sich, dass er viel unterwegs war und Wege zu den Leuten fand. Einige Bilder sind regelrecht ikonisch, etwa „Parteisekretär” oder „Holzfäller” aus der Uckermark mit ihren Äxten. Man erkennt sie nach Jahrzehnten wieder und sagt sich, ach, auch das war Roger Melis, diese leeren Kleinstadtstraßen, diese Mütter mit ihren Kinderwagen, diese auf der Stelle tretenden Sonntage.

Draußen: am steinernen Strand der Spree

Viele Leute kommen in die Hallen. Sie stehen vor den Fotos, verweisen auf Details, erklären sich den Bildaufbau. Man will den Menschen auf den Bildern mit Worten nicht zu nahe treten. Die Ostdeutschen sind dabei, die Ostdeutschen jetzt besser zu verstehen. Zu verstehen, dass sie ein Rätsel sind.

Zwölf Uhr Mittag City West

Alles ein bisschen groß geraten
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Bahnhof Zoo. Das Obdachlosenlager unter der Überführung ist geräumt. Zurück bleiben Fragezeichen und Schmutz. Vor dem Amerikahaus hat sich ein Rollstuhlfahrer postiert mit einer Flasche Bier, einer Zigarette und einem Spendenbecher. Berlin, Bahnhof Zoo, das war mal ein Sehnsuchtsort für uns arme Ostler, da liefen uns Rudolf Vogel und Walter Giller über den Weg und unser Biologielehrer auch; nichts ist mehr so, wie es war, so westlich, so bürgerlich, so kulturell, jetzt sieht alles aus wie der natürlich zum Scheitern verurteilte Versuch, New York sein zu wollen. Holst am Zoo gibt es auch nicht mehr, die Fußballkneipe mit Fußballbier und Holzfällersteaks und Herrn Holst, dem Patriarchen, der so väterlich sein konnte und den Fußball und das Kneipenwesen wirklich fusionierte.

Jetzt ist Berlin hier der Ort der mindestens fünf Geschwindigkeiten. Die Rasenden, die Stehenbleibenden, die Fußkranken, die Bummelnden, die sich Verirrenden. Der Drang auffallen zu wollen, Hochwasserhosen und Leute, die auf ihre Mäntel treten, Partnerlook und stolze Hüte. Zwei hoffnungsvolle Business-Typen sind einfach zu intelligent, um die Tür zum Bistro zu öffnen. Sie ziehen, statt zu drücken und gebe auf. Ich zeige ihnen, wie man’s macht, sie murmeln sowas wie Heureka, und ich falle beinahe über einen Kinderwagen, weil die schiebende Mutter in ihr Smartphone vertieft ist. Die teils sanierten, teils neuen Gebäude, die gern Paläste sein wollen, fügen sich nicht zu einer Straße. Die überdimensionierten Schriften, stumme Aufschreie aus dem und ins Nichts. Kein Platz für Passanten und Bürger, ein Platz für Käufer und Geschäftemacher. Auf einer letzten Brache wird der Grundstein gelegt. Der Security Man, die Liste der geladenen Gäste, die schwarzen Anzüge.

Eine Fahrradgruppe von Schülern aus der Provinz. Der Lehrer schwitzt Blut und Wasser. Er muss seine Schäfchen wohlbehalten wieder nach Hause bringen. Die Freude, einen alten und altmodischen Kiosk zu sehen. Briefträger zu sehen und keine Drohnen. Unauffällige Polizisten, die Falschparker ermitteln. Fotos vor der Gedächtniskirche und dem Breitscheidplatz. Der ganze Überdruss eines Berlin-Besuchs in der Gruppe. Und hinterher muss man ja noch begeistert sein. Vor den Boutiquen finden sich die Girls and Boys, die nichts gefunden haben oder nicht allzu tief in die Tasche greifen konnten. An ihnen vorbei flanieren saturierte Senioren, die auch noch schick sein wollen.

Unser Ziel ist die Küchenabteilung im KadeWe. Auch hier sieht nichts mehr so aus wie früher. Es ist alles da und von allem zu viel. Tröstlich die langgedienten Verkäufer, seit 1978 in diesem Haus, um keine Antwort verlegen, in soliden Beziehungen nicht ohne Selbstironie lebend und dankbar für zum Scherzen aufgelegte Kunden. You made my day. Draußen hat inzwischen der große Protestzug der Taxis gegen die Maßnahmen des Scheuer-Ministeriums begonnen. Das Hupen ist nicht auszuhalten, und so ist es auch gemeint. Die festliche Grundsteinlegung ist beendet. Die Brache ist wieder Brache.

„Wenn man ganz allein da draußen in der Welt ist”

Ich war nie unschuldig. Keiner.
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1997 trifft Nathan Zuckerman Murray Ringold wieder. Das war sein erster Englischlehrer an der Highschool, inzwischen ist er neunzig Jahre alt und für Zuckerman unvergesslich, er denkt an die auffallende Intelligenz, die instinktive Spontanität, aber auch an die Muskelkraft des Lehrers. „In der menschlichen Gesellschaft stellt das Denken die größte Grenzüberschreitung von allen dar … Kri-ti-sches Den-ken, das ist die äußerste Subversion.” So Ringold.

Noch ungewöhnlicher aber als der Lehrer ist sein jüngerer Bruder Ira Ringold. Murray, der Ältere, erzählt Zuckerman die Geschichte, um nicht zu sagen, das Drama seines jüngeren Bruders. Und diese Geschichte, dieses Drama, ist der Roman „Mein Mann, der Kommunist” von Philip Roth.

Ira, Riese von Gestalt, entdeckt früh einen fatalen Hang zur Gewalt in sich, der ihn erschreckt und den er bekämpft. Er ist ganz unten, schuftet in einer Zink-Mine, einer Plattenfabrik, kämpft im Krieg, wo er einen Mann (Johnny O’Day, der rote Asket) trifft, der sein Leben auf die Füße stellt. Fortan kämpft Ira Ringold für die schuftenden Benachteiligten dieser Erde, aber er ist eben auch ein Typ, der zu viele Talente und Begierden hat, um sich ganz der Sache hingeben zu können, und so wird er vom wandelnden Abraham-Lincoln-Imitator zum Radio-Star und heiratet die Hollywood-Größe Eve Frame, lebt in einem Haus des Luxus und der Hochkultur, aber auch zwischen Eve und ihrer Tochter aus einer früheren Ehe, Sylphid, der Harfen-Spielerin, die ihre Mutter gnadenlos knechtet und Ringold, der sich als Radio-Star Iron Rinn nennt, verachtet. Es ist die Mc-Carthy-Ära, die Hexenjagd auf Kommunisten ist ausgerufen. Eve Frame in ihrer Not zwischen Mann und Tochter lässt sich darauf ein, dass zwei ultrakonservative Journalisten in ihrem Namen ein Enthüllungs-Buch schreiben, eben dieses „Mein Mann, der Kommunist”, ein Liebesverrat, der die Yellow Press elektrisiert. Ira landet auf der Schwarzen Liste, verliert seinen Job, seine Selbstachtung, seine Power, zieht sich in eine Hütte zurück. Letztlich lebt er nur, um sich an Eve Frame zu rächen, die ihn noch liebt …

„Mein Mann, der Kommunist” ist sicher nicht zu den besten Büchern von Philip Roth zu zählen, das ahnt man schon, wenn man den Titel sieht, aber es ist kein unwichtiges Buch, ein eigensinniges, reichhaltiges Werk, und was will Roth uns sagen? Einmal, dass in den USA, jedenfalls zur McCarthy-Zeit, kein Mensch weiß, was Kommunismus heißt, wie ein Kommunist denkt, und, relevanter noch: Wahrer Kommunist kann einzig jemand sein, der ausschließlich für die Sache da ist und auf alle persönlichen Neigungen verzichtet – also: ein wahrer Kommunist ist mit der Lupe wohl zu suchen, aber schwerlich zu finden.

Das Buch, im roten Einband, stand lange in meinem Regal, ohne dass ich zugriff, was sicher an dem eindimensionalen Titel lag, der im Original besser klingt: I Married a Communist. Wer hat schon Lust, einen dicken Roman über einen treu der Sache ergebenen Semihelden lesen! Aber so ein Buch hätte Philip Roth ja auch nie schreiben können. Es sind halt immer auch Romane über so unvermeidliche wie unerträgliche Ehen, über schwierige Charaktere, über Juden, die ihr Judentum verleugnen. Und hier geht es auch um „jenes totale Waisentum, das man Erwachsensein nennt. Wenn man ganz allein da draußen in der Welt ist”.

Philip Roth: Mein Mann, der Kommunist, Carl Hanser Verlag 1999

Herta Günther, Kosmos des Wartens

Frauen, die Frauen den Rücken kehren
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An einem Sonnabend ist es schwer, um vier in Berlin Mitte zu sein. In der dritten Liga schießt Hansa Rostock das dritte Tor und der Garten verlangt, dass man sich ihm nach dem halbherzigen Winter wieder zuwendet. Als wir in der Coppi-Galerie ankommen, hat die Galeristin ihre Rede schon gehalten und der Saxophonist spielt die letzten Töne. Danach gibt es heiteren Beifall. Die Ausstellung gilt Herta Günther, der Dresdener Malerin, die im letzten Jahr gestorben ist. Sie wäre in diesem Jahr 85 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass eben diese Ausstellung und ein Katalog mit den nachgelassenen Werken. Unsere Freundin Corinna hat mit Albrecht Günther gesprochen, dem älteren Sohn der Malerin. Ein Gespräch mit viel Dresdner und Maler-Kolorit. „Bis Anfang der 1970 Jahre war die Mutter viel für mich da, erst dann wurde sie seltener.” Proletarische Eltern ohne Zugang zur Kunst, ein besorgter Mann, selbst Zeichner, ein kleiner Freundeskreis, intaktes Ehe- und Familienleben. „Sie malte, wie sie atmete. Stillleben, Häuserzeilen, Flusslandschaften, Köpfe, Kneipenszenen. Es finden sich häufig Gegenstände aus unserem Leben auf den frühen Bildern.”

Herta Günther, Dampferanlegestelle

Zeit, Licht und Platz für die Bilder in der Galerie. Wir registrieren, was uns durch den Kopf geht. Herta Günthers Frauen. Meist sehen wir sie in Kneipen, Cafés, Bars, Nahkampfdielen. Es sind Frauen, die noch sitzen bleiben, wenn die Stühle schon hochgestellt sind. Das Glas scheint sich von selbst entfernt zu haben. Der Mund ist klein, die Augen umflort. Standhafter kann man einen verlorenen Abend nicht ertragen. Etwas wird geschehen, und wäre es nur in ihrem Kopf. Jeder sitzt für sich allein. Und der, der im Rücken der Frau in den Raum hineintritt mit Mütze und Schnauzbart, er wird sich nicht zu ihr setzen, er wüsste nicht, wie er sie befreien könnte aus ihren Gedankenflügen zu besseren Tagen, die nicht wiederkehren. Sie ist die einzige, die nicht zu frieren scheint. Die Garderobiere, die für alle Lebenslagen Verständnis aufbringt, am meisten für den Mann, der niedergeschlagen mit gesenktem Kopf und krummen Rücken Hut und Mantel einsammelt. Die Frau, die sich im Spiegel mustert und nur für sich selbst nahbar ist. Der Mann in der offenen Tür ist ein Verlierer, obwohl das Spiel noch gar nicht angefangen hat. Und wenn wir an den Fluss gehen, werden wir sehen, dass die Anlegestelle, die Abfalltonnen, das Empfangshäuschen, die Möwen auf seinem Dach und die große 5 auf seiner Wand sich genauso in Wartestellung befinden wie die Frauen in den Bars und Spelunken, ja, auch der Fluss. Das Ende der Straße scheint auch das Ende der Welt zu sein. Morgen werden die gleichen Frauen wieder in den gleichen Kneipen sitzen, die gleichen Männer zur Tür hineinschauen, die gleichen Lampen ihr nutzloses Licht verstreuen, und hinter dem Ende der Straße und der Welt bewegt sich der Fluss.

Der Kosmos des Wartens. Eine Zeit, die nicht unsere Zeit zu sein scheint. Eher eine Zeit, die schon war, die vielleicht auch wieder kommt. Warten auf etwas, das schon war. Nicht auf etwas, das gänzlich neu wäre. Und falls es um Männer gehen sollte. Nicht etwa auf ein völlig neues, unbekanntes Gesicht. Sondern auf ein bekanntes, auf ein vertrautes, eines, das man verloren hat, warum auch immer. Menschen machen Fehler, auch Frauen.

Wenn wir die Galerie verlassen, ist es noch hell. Der Frühling hat sich in Berlin Mitte niedergelassen. Bayern München erreicht ein 1:1 in Freiburg. Die Wachmänner raunen es sich zu. Dortmund siegt in der Nachspielzeit. Für einen Abend ist alles leicht.

Untergehende Berufe

1981 – als die Kohlenträger noch gefragte Leute waren
© Christian Brachwitz

Als gelernter Schriftsetzer komme ich auch aus einem untergegangenen Beruf. Aber klar. Das war nur eine Verlegenheitslösung, ich wollte das nie lange machen und habe es auch nicht lange gemacht. Was bleibt ist die Erinnerung an die Zeit unter Schriftsetzer- und Buchdruckerlehrlingen und das Jahr in der kleinen Druckerei, das unersetzbare Geplänkel der fünf oder sechs Setzer in der Werkstatt, jeder von ihnen eine schräge Type; das vergisst man nicht.

Kohlenträger und Kohlenhändler sind noch mal was ganz anderes. Wir sprachen mit einem in jenem heute unvorstellbar kalten Winter 1988/89. Wir sind die letzten Sklaven, sagte der. Ick kann mir nie wat vornehmen. Immer kleb ick dran am Kohlenhandel.

Er hatte Probleme mit den Leuten, die nie daran dachten, dass es einen Winter gibt und dass der Winter sehr kalt sein kann. Die kam dann zu ihm bei zehn Grad minus und führten große Dramen auf. Sie brauchten die Kohlen sofort, unverzüglich. Er hatte aber nur für drei bis vier Tage Vorrat, was sollte er machen. Er war gelernter Betonbauer. Aber dann machte sein Vater Alarm, er musste die Kohlenhandlung übernehmen. Das andere Problem des Kohlenhändlers waren seine Leute. Wer im Kohlenhandel tätig war, brauchte keine Kaderakte vorzulegen. Man konnte immer damit rechnen, dass von fünf Mann zwei nicht zur Arbeit erschienen. Geklaut haben sie auch, völlig unsinnige Sachen.

Da ist der Mann auf unserem Bild von einem anderen Schlag. Freundlich, immer zu einem Scherz aufgelegt. Jeden Tag Haare waschen. Die Klamotten sehen allerdings so aus, als gehörten sie einem anderen. Das Koppel hat er wahrscheinlich von der Volksarmee mitgenommen, das war legitim. Aber wollte man sich im zivilen Leben noch an die Fahne erinnern?

Die Kohlenkästen in geschlossener Formation im Rücken – mit denen umzugehen, musste man lernen. Wie war das mit dem ersten? Da bin ick beim Absetzen gleich umgefallen. Den hab ich nich ganz runtergekriegt. Man muss ’n bisschen det Been ausstellen.

Muss man bald nicht mehr. Der Kunde, der noch ein Öfchen hat, kriegt seine Kohlen fein abgepackt auch im Supermarkt.

Zwischen Irland und Brooklyn

Irgendwie muss hier doch eine Heimat zu finden sein
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„Brooklyn” von John Crowley ist ein Film von 2015, von dem damals wenig Aufhebens gemacht wurde, es ist ja auch ein stilles, sentimentales Werk mit einem unfallfreien Ende. Von Saoirse Ronan, der Hauptdarstellerin, wusste man damals noch nicht viel, und dass Nick Hornby das Buch geschrieben hat, wurde übersehen.

Eilis Lacey ist ein introvertiertes Mädchen vom Land, das in seiner irischen Heimat anscheinend keine Chance hat und nach Amerika auswandert, die Mutter und Schwester Rose, eine geschätzte Buchhalterin und Golfspielerin, bleiben zurück. Über Eilis’ Mut, den Sprung in eine viel größere, auch kältere Welt zu wagen, kann man sich wundern: Das kann doch nicht gut gehen! Es geht aber gut. Und wie man sieht: Eilis’ Leben wäre letztlich auch in Irland gut gegangen. Wie ist das möglich? Unter der Hand, mindestens unauffällig, erzählt der Film, und dies eindeutig gegen den Zeitgeist, eine Geschichte des rauen Lebens, in dem dir stets und ständig gute Menschen über den Weg laufen. Und noch mal: Wie ist das möglich?! Es liegt an dieser introvertierten Eilis, die sich (in der Regel) nicht herausputzt und meistens, nein, immer, kein Wort zu viel sagt, aber die notwendigen Worte sagt sie schon, und die haben immer Charme, Witz und Weisheit. Wahrscheinlich wundern die Leute sich selbst, dass sie, wenn sie mit Eilis zu tun haben, plötzlich gute Menschen werden, die Lust haben, das normal Menschliche zu tun: ein bisschen schwatzen, ein bisschen helfen, ein bisschen raten, Nähe suchen und finden. Da ist Rose, die Schwester, die ja zurückgelassen wird, aber Eilis die Reise und den Start in New York organisiert, da ist die hochmütige Mitpassagierin, die der seekranken Eilis auf die Beine hilft und ihr Tipps für die Einreiseprozedur gibt, da ist Father Flood, von dem wir erwarten, dass er jeden Moment übergriffig wird, aber nein, in jeder Krise findet er die richtigen Worte, und so ist es auch mit der Besitzerin des Boardinghouses, in dem Eilis schläft und isst, wie mit der Chefin im Kaufhaus. Von Tony ganz zu schweigen, dem jungen Italoamerikaner, der sich dem Mädchen so zurückhaltend, charmant und witzig nähert, dass die unter schwerem Heimweh leidende Eilis sich vorstellen kann, in Brooklyn eine Heimat zu finden. Es gibt in „Brooklyn” wohl nur eine negative Figur, Mrs. Kelly, die Besitzerin des Ladens, in dem Eilis in ihrem Dorf Sonntags arbeitete, und es ist wohl weniger die irische Armut, die das Mädchen nach Brooklyn getrieben hat, als dieser Menschenschlag einer missgünstigen Vettel.

„Brooklyn” legt uns nahe, an das Gute im Menschen zu glauben oder daran zu glauben, dass wir dieses Gute hervorrufen, initiieren können, wenn wir authentisch sind. Hier haben wir es mit dem Glück nicht der Tüchtigen, sondern der Introvertierten zu tun, die gelernt hat, aus ihrer Verpuppung herauszutreten.

Mord und Funkstille

Lost in Mitte
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In der Nacht vom 25. zum 26. 3. sollte die digitale Umstellung der Sender erfolgen. Lassen Sie Ihr TV-Gerät am Netz. Aber ich sehe doch schon digital, dachte ich, das betrifft mich nicht, wobei das für meine Verhältnisse im zehnten Stock wohl zu positiv gedacht war. Und richtig. Am Morgen war alles schwarz. Mit zwei Ausnahmen: RBB und Hessischer Rundfunk. Genau die Sender, die ich bevorzuge. In dem Fall soll man einen Senderdurchlauf starten, „es ist kinderleicht”, angeblich. Bei mir klappt das nicht. Ich bin ein Mann ohne Gegenwart, ein Mann der Vergangenheit. Ich habe es trotzdem probiert. Es lag wahrscheinlich an meiner negativen Herangehensweise, an meinen Zweifeln, dass ich nun gar keinen Sender mehr habe. Dafür den Zwang, Rundfunkgebühren zu zahlen. Wer denkt an uns Menschen ohne Gegenwart?

Wenn ich aus meinem hohen Fenster schaue, habe ich allerdings eine Gegenwart. Da unten lag ein Mensch, Ich musste ihm beim Sterben zusehen. Die Polizei war da, Sanitäter bemühten sich. Vergeblich. Eine Plane wurde über den Leichnam gelegt. Am Tag darauf versammelten sich am Ort des Mords Menschen, vielleicht Freunde und Verwandte. Blumen hatten sie mitgebracht. Und noch einen Tag später lagen Zettel in den Briefkästen. Ein Aufruf der Polizei. Wer etwas gesehen hat, soll sich melden. Der Tote heißt Edgar Orlowski, 28 Jahre alt. Ich nehme an, ein Russlanddeutscher. Dort haben sich diese antiquierten Namen gehalten. Ich kann der Polizei nicht helfen. Ich habe nur gesehen, wie Edgar Orlowski auf dem Bürgersteig lag und starb.

Du könntest, sagt mein Freund, den ich nicht zu Unrecht den Gute-Laune-Onkel nenne, zur Polizei gehen und den Verdacht auf jemanden im Block lenken, der dein Feind ist. Zum Beispiel auf Herrn Thinius.

Ach, Thinius, der geht doch gar nicht mehr raus. Der kann schon seit Jahren nicht mehr laufen.

Um so besser. Du sagst, dass er sich verstellt, um sich zu tarnen. Du habest ihn laufen sehen.

Ich könnte sagen, dass ich es war.

Aber nicht direkt. Du musst einen Täter mit Merkmalen beschreiben, die auf dich zutreffen. Damit könntest du die Ermittler verwirren.

 

Ich weiß, dass solche Gespräche frivol sind. Und trotzdem führt man sie.