Macht euch nicht ins Hemd

In Berlin sind die Wasserwerfer unentwegt im Einsatz
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Am Laden steht immer noch Obst und Gemüse wie zu DDR-Zeiten, aber er ist längst in vietnamesisch-chinesischer Hand, schon in der zweiten Generation. Mit der Enge zwischen den Regalen hatte der große alte Mann seine Schwierigkeiten, er hatte einen Rollator, einen Krückstock und einen Hund dabei, zeigte auf diese und jene Ware, der Chinese legte sie ihm in die Tasche. Dann fiel der Krückstock rasselnd zu Boden, und der Alte sagte genervt: Scheiße. Das konnte ich so nicht stehen lassen und sagte: Scheiße ist was anderes. Der Chinese sagte kein Wort, aber ich sah, wie er vergnügt grinste.

Wie komme ich jetzt darauf. Ich komme darauf wegen einer speziellen Sparte im deutschen Journalismus, die etwa heißt: Beschreibung der Katastrophenstadt Berlin. Der nicht fertig werdende Flughafen reicht ja nun nicht mehr, daran haben sich die Rezipienten gewöhnt. Jetzt haben drei Spezialisten von Spiegel online den neuesten Katastrophenbericht verfasst. Sie heißen Beier, Schmundt und Weidermann, ja, genau jener Weidermann, der im Konfirmandenanzug im Literarischen Quartett sitzt, ein Feingeist bestimmt. Ich habe nur den ersten Abschnitt gelesen, danach hätte ich mich anmelden oder bezahlen müssen, das reichte auch. Demnach ist Berlin Kampfzone. Jeder „will sich die Stadt untertan machen … Überall pinkeln Männer an Bäume wie Hunde … Mütter schieben mit ihren Zwillingskinderwagen wie Rollkommandos über die Gehwege … Kampfradler brettern über die Bürgersteige … ”

Wat denn, wat denn! In Köln pinkeln die Männer sogar an und in den Kölner Dom. Dass die Mütter in Berlin offensichtlich nur Zwillinge gebären, dafür können sie nichts (vor Jahren noch witzelte der Kunstkritiker Seibt aus München: „Warum lächeln Berliner Damen immer so kinderlos?”), und warum man nicht auf Bürgersteigen Rad fahren soll, leuchtet mir nicht ein; man fährt in aller Regel sehr dezent. Klar, es gibt sone Radfahrer und solche. Wer nur auf der Straße fährt, gehört zu einer anderen Generation. Man fährt einfach da, wo Platz ist.

Schon seltsam: Man lebt zur selben Zeit in derselben Stadt und bekommt von den ganzen Dramen gar nichts mit. Aber die Berichterstatter. Und da sie hier leben und sich dem aussetzen, sind sie eben auch Helden und möchten so gesehen werden.

Nach meiner Erfahrung ist Berlin eine Stadt, in der es die Leute draufhaben, ziemlich lässig miteinander auszukommen. Und es sind Leute aus aller Herren Länder.

Ich weiß ja auch: Im Journalismus wird nur noch wahrgenommen, wer mächtig übertreibt oder die besonders heiklen Teile der Wirklichkeit generalisiert. Man muss sein Blatt verkaufen. Aber wo soll das hinführen! Irgendwann pinkeln in Berlin die Männer dann nicht mehr an die Bäume, sondern sie scheißen vor die Ladentür. Und Mütter erschrecken die Feingeister von den Medien mit rasenden Vierlingskinderwagen.

 

Die Bilder des Sizilianers

Unter Tigern
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Wir waren von einem späteren Beginn ausgegangen, und dann kam noch der Schienenersatzverkehr mit seinen Unwägbarkeiten und Kampfszenen, aber auch seinen unerwarteten Solidaritätsbekundungen hinzu.

Die Galeristin, der Maler, eine Bewunderin, der Weißwein

Als wir bei Helle Coppi endlich anlangten, waren die einführenden und einfühlenden Worte längst gewechselt für Isabelle Dutoit (Sieben Tiger) und Giuseppe Madonia (Vedute Interiori), zwei Maler, die eine aus Groß- Gerau, der andere aus Palermo gebürtig, Giuseppe, der Sizilianer, der seit 1982 in Berlin lebt, wo er viele Haare verlor und seinen Weg zur Kunst fand oder wiederfand, ohne Akademien. Wir kannten ihn schon von einem Salonkonzert und sahen ihn wieder mit einem Weißweinglas in der Hand, umringt von Kunstkennern und Enthusiasten, die ihn fühlen ließen, wie sie seine Kunst verstanden und schätzten. Giuseppe, so schien es uns, war dabei nicht ganz wohl zumute, so dass ich mich bemüßigt fühlte, ihm zu sagen, dass er das Bad in der Menge genieße, aber so viel Ironie hatte er mir nicht zugetraut.

Die Stadtmetaphern des Sizilianers

Seine Bilder hingen unten, im Kabinett genannten Keller der Galerie, Ölpastelle auf verschiedene Pappen gemalt, ein Kritiker hat sie als Stadtmetaphern bezeichnet, das trifft es ganz gut, ein anderer schrieb von der Verbindung des Mediterranen mit dem Nordischen. Giuseppes Stadtmetaphern sind in der Realität nicht auffindbar, wobei die wirklichen Städte ihn durchaus inspirieren. Das wird im Kopf oder soll ich sagen in der Seele gespeichert und kommt modifiziert wieder hoch und auf die Pappe. Wir sahen seine Häuser nicht als Steingebilde, sondern als Wesen, als Individuen. Ja, sagte Giuseppe, der schon erschöpft schien von den vielen Antworten, die er geben musste, es geht mir um Humanität. Hauptsächlich wohl um Kunst, um Schöpfungen, um Stadtmetaphern, die innere Bilder wiedergeben.

Einmal hat Giuseppe gesagt: „Ich finde in der Gegenständlichkeit liegt eine gewisse Abstraktion. Ich betrachte meine Bilder als abstrakt. Man erkennt dort wahrscheinlich Gebäude und Landschaften, im Grunde genommen sind das aber Abstraktionen.” Anregende Gedanken, die einem beim Betrachten der Bilder einiges geben. Man denkt vielleicht an Italo Calvinos unsichtbare Städte und fühlt sich in diese Stadtfragmente hinein. Wie würde es einem als Teil dieser Stadtstücke ergehen? Was würde einem geschehen? Ich würde eine Verlorenheit empfinden, die mir kostbar vorkommen könnte, würde mich verbunden fühlen mit den altmeisterlichen Farbigkeiten und könnte mir vorstellen, auf Exponenten aller möglichen Zeiten zu treffen

Kinder und Hunde fallen schon noch auf unter den Freunden der Kunst

Wieder oben in der Galerie konnten wir nach den scheinbaren Wirklichkeiten die scheinabren Unwirklichkeiten Isabelle Dutoits kaum noch würdigen, diese uns so fremden Tiere und üppigen Vegetationen, die aus dem Bildhintergrund hervortreten und sich wieder auflösen. Ein anderes Mal.

Eine Galerie ist ein schöner Ort für einen Samstagabend. Es gibt so viel zu sehen und zu reden. Die meisten Kunstkenner tragen schwarze Kleider, und schließlich sind auch Kinder und Hunde unter ihnen. Der Junge in der grünen Kapuzenjacke stand ungerührt und stocksteif zwischen all den schwarzen Hosenbeinen. Eine Kunst für sich.

Herbstlaub und Stille

Im Reich der Dromedare
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Wir waren in der M 17 (und die war sehr voll), um zu den Gärten der Welt zu fahren, als uns plötzlich einfiel: Tierpark? Ja, warum nicht? In den Gärten der Welt waren wir in den letzten Jahren öfter mal, im Tierpark ewig nicht. Der Tierpark ist das Gute, das einfach zu nah liegt. Und 14 € Eintritt kostet. Mehr als eine Flasche Johnny Walker, würde Verheugen mit Bitterkeit sagen. Die Tickets muss man im Tierpark-Shop holen, wo man animiert wird, auch manches Andere zu kaufen, zum Beispiel einen Untersetzer mit bunten Vögeln drauf. Wir setzen eine Zebramaske auf und machen ein Foto. Die Verkäuferin sieht diesen Missbrauch gar nicht gern.

Dann sind wir drinnen. Ein paar bunte Totempfähle. Herbstlaub und Stille. Viel Fläche, wenig Tiere. Könnten sich in ihren Bau zurückgezogen haben. Winterschlaf. Zwischen Bäumen ein Friedhof.

Der Friedhof der Treskows

Ein Friedhof der Tiere (oder gar der Kuscheltiere)? Das Familiengrab der von Treskows. Das ist sozusagen die Gründerfamilie von Friedrichsfelde/Karlshorst. Wie groß muss die Liebe gewesen sein, wenn eine geborene von Treskow einen von Kotze heiratete?

Hinauf zum imposanten Eisbärenreich. Hier sind ooch keene Tiere. Auf den Bänken im unglaublichen Novembersonnenlicht eine vierköpfige Familie und ein Zeitungsleser als gehörten sie zum Inventar des Tierparks.

Wozu in die Ferne

Die ersten wirklichen Tiere sind dann die Zebus, im Kaukasus als Fleischlieferant und als Arbeitstier vor Pflug und Wagen genutzt. (Das Wort Arbeitstier kennen wir in einem anderen Zusammenhang) Sie haben Nachwuchs. Keine Sorge, heißt es, das Kälbchen darf sich auch außerhalb des Geheges aufhalten. Es läuft immer wieder zu seiner Mutter zurück. So soll es sein. Das Gehege ist weiträumig. In Friedrichsfelde haben die Tiere ausreichend Lebensraum.

Das Gegenprogramm zur überfüllten Tram

Der Tierpark ist eigentlich ein weiträumiger Landschaftspark, zu dem eben auch ganz natürlich Tiere gehören. Zäune, Gitter und Verschläge sind zurückhaltend eingebaut und stören das Landschaftserlebnis nicht. Wir, die wir Jahrzehnte lang nicht im Tierpark waren, können uns an diese wunderbaren Flächen, an dieses einmalige Erholungsgebiet überhaupt nicht mehr erinnern. Für uns war der Tierpark das Alfred-Brehm-, also das Raubtierhaus mit seiner Hitze, seiner dschungelartigen Vegetation und dem heftigen Geruch von Fleisch und Kot, die Affen und die Papageien. Aber diese Flächen, der Karl-Foerster-Garten, die Teiche, die Plastiken. Echt ein Tierpark für Erwachsene. An die vietnamesischen Hängebauchschweine immerhin erinnern wir uns, man wird sie schon wegen des vielfältig verwendbaren Namens nicht vergessen.

Der Sekretär im Kreise seiner Bewunderer

Was die Natur sich ausdenkt: Satyr-Tragopan

Jede Menge Vögel. Am eindrucksvollsten der Satyr-Tragopan aus den Gebirgswäldern des Himalaya, am skurrilsten der Sekretär, ein hochbeiniger Greifvogel aus den offenen Landschaften Afrikas. Tötet Schlangen durch wohlgezielte Schläge seiner Läufe, ist zu lesen. Was noch nicht erklärt, wieso dieser Vogel Sekretär heißt. So stangenartig dünn die Beine des Sekretärs sind, so gewaltig sind die Köpfe der Pekaris, die sich vor ihren Feinden durch das Absondern eines übelriechenden Sekrets schützen.

Datscha der Weißhandgibbons

Vom aufrechten Gang zum aufrechten Lauf

Am schönsten haben es die Weißhandgibbons. Die haben eine mit Kupferblech gedeckte Hütte, einen spiegelblanken Teich und ein Gerüst aus langen, dünnen Stangen. Meistens tun sie gar nichts. Aber dann rennen sie los, ohne die Arme zu benutzen, freihändig über die runden Stangen. Tänzer zwischen Wasser und Himmel. Eine Population, die das Gleichgewicht nie verliert.

Idioten und Genies

Freiheit ist immer auch die Freiheit, eine Straße Freiheit zu nennen

Seid ihr ’ne Großfamilie oder ’ne Kita?

Die Taten der Männer sind unsichtbar. Jedenfalls für die Augen ihrer Frauen. Sichtbar sind nur ihre Versäumnisse.

Der Himmel verdunkelte sich dramatisch und brachte nur einen banalen Schauer zustande.

Man soll auch den nicht unterschätzen, der man mal war.

Sie hat sehr viel Feingefühl. Nur an Grobgefühl mangelt es ihr etwas.

Beim Bäcker: Sagen Sie mal, dass Sie noch nicht dran sind, das kriegen Sie gar nicht mit, was?

Du, der du keine Hemmungen hast, Geschenke weiterzuverschenken, kannst mir doch dieses oder jenes Unbrauchbare abnehmen …

Wenn du im Ausland bist, welche Begriffe stehen da für Deutschland? Adolf Hitler und Bayern München.

Wenn jemand Tagchen sagt – man könnte Nachtchen erwidern.

Die meisten Leute, die sich häufig räuspern, räuspern sich eigentlich nicht gern.

DDR-Reminiszenz

In Schwerin konnte man Westfernsehen sehen, in Anklam konnte man Polenfernsehen sehen. In Dresden konnte man Dynamo sehen. Für jeden war etwas dabei im breiten Spektrum des DDR-Lebens. Das Programm war modern, brachte alles, was die Jugend (nach Meinung der Älteren) so liebt.

Ich muss mein Ostgeld ausgeben, rief der Westkünstler verzweifelt.

Aus der Presse

Sommerbilanz FAS. Schwimmbäder, Seen und Strände. Eltern hantieren mit dem Smartphone (Mails, News, Selfies), während ihre Kinder ertrinken.

Fußball-WM Rückblick. Löws Analyse. Alle Medien sind enttäuscht. Wieso? Ich kenne keinen, der etwas anderes erwartet hat als dieses weichgespülte „wir waren fast arrogant”.

Radio. Die Idiotin sagte Erstklässler und Erstklässlerinnen. Und dann sagte sie noch Säuglinge und Säuglingerinnen. Alles ernst gemeint. Man kann das gar nicht aussprechen.

Die Autoindustrie trägt zur Verbesserung der Luftqualität bei / Blinder erzielt „Tor des Monats”

Im Deutschland-Radio ist die Organspende im Gespräch. Das Herz, wird gesagt, ist ein relativ dummes Organ. Es ist leichter zu verpflanzen als eine Niere oder eine Leber. Man denkt noch nicht über die Organe der Selbstmörder nach. Oder doch? Heimlich?

Napoleon soll gesagt haben: „Glaube nie an eine Verschwörung, wenn schlichte Inkompetenz als Erklärung ausreicht!” Leserbrief FAZ

Griechenland verbietet Eselreiten für schwere Touristen
Wiegt ein Mensch über 100 Kilo, darf die Person in Griechenland nicht mehr auf Eseln reiten. Das hat das Landwirtschaftsministerium in einem neuen Gesetz beschlossen. Besonders auf Griechenlands Inseln werden Esel traditionell als Last- und Reittiere eingesetzt. (Spon)

Theodore Hill, Mathematiker: „Unter Männern gibt es mehr Idioten und mehr Genies.” FAS

Als die Gespenster zaghaft waren

Totstellen, Halloween-Time

Im zehnten Geschoss mag mir manches entgehen. Dass Halloween ist, entgeht mir nicht. Als das damals anfing, zogen die niedlichen Enkel der Hausbewohner durch die Etagen, um uns mit weißen Gesichtern und schwarzen Augen Angst zu machen; da spielten wir noch gerne mit. Meine Frau hatte immer Süßigkeiten in der Schublade; und ja, Kinder wohnen hier nicht, man zieht in diesen Block, um alt zu werden, und an Halloween spielten dann eben die Enkel die Gespenster. Zaghafte Gespenster, die sich selbst Mut machen mussten. Das ist schon lange nicht mehr so. Jetzt wird an der Tür Sturm geklingelt, und wenn du nicht aufmachst, wummern sie mit den Fäusten dagegen. Ich mache Radio und Licht aus, was nichts nützt. Sie klingeln trotzdem und hören nicht wieder auf. Das sind keine Enkel, das sind angetrunkene Halbwüchsige, sie haben keine Hemmungen und fordern Geld oder Zigaretten. Einmal habe ich durch den Spion gelugt, da standen muslimische Frauen vor der Tür. Was haben die mit Halloween zu tun? Das hätte mich schon interessiert. Aber um mich auf das Gespräch mit den fremden Frauen einzulassen, also, da bin ich einfach zu schüchtern. Ich hatte schon immer Probleme mit Leuten, die meinen Humor nicht verstehen, schon als Kind.

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Wo bleibt der Respekt!

Fußball im Herbst. Union spielt erst heute. Gegen einen vergleichsweise leichten Gegner wie den BVB. Und: Hansa gegen Nürnberg. In meinen Träumen – nein, ich will es nicht beschreien

Die ARD zeigt SV Rödinghausen (Regionalliga West) gegen Bayern München. Keine Ahnung, warum sie unter den zahlreichen Pokalspielen ausgerechnet dieses ausgewählt haben. Ich verspüre nicht die geringste Lust, das zu sehen, aber dann streikt mein Netflix, und bei Rödinghausen gegen München steht es 0:2, zwanzig Minuten sind gerade vergangen, wie langweilig, und schont pfeift der Schiedsrichter wieder Elfmeter, weil Goretzka einen kleinen Schubs bekommen hat, wie es in den Strafräumen allgemein üblich ist, sie schubsen alle, Angreifer wie Abwehrspieler. Ein Schiedsrichter, der kein Lakai ist, pfeift diesen Elfer nicht, wie er auch den ersten Elfer für Bayern nicht gepfiffen hätte, beide Spieler zerren am jeweils anderen rum. Renato Sanches schießt den Elfer knallhart, aber die Querlatte verhindert, dass der Ball den Weg ins Tor findet. Das ist schon sehr respektlos von der Querlatte; wir (bei Bayern München) werden uns solche Respektlosigkeiten in Zukunft nicht mehr gefallen lassen und stärker zusammenstehen als jemals zuvor. Die Kicker von Rödinghausen ahmen das schlechte Beispiel der Querlatte nach und werden auch immer respektloser. Es gipfelt im 1:2 von Linus Meyer in der 49. Minute. Haben die einen Knall? Ja, haben sie. Die Bayern zeigen – wie der ARD-Reporter Bartels nicht müde wird zu huldigen – immer wieder glänzende Spielzüge, die sich aber Mal für Mal in der biederen Abwehr der respektlosen Provinzkicker als brotlose Kunst erweisen. Der brave Bartels erwähnt auch mehrfach, dass Manuel Neuer der vierfache Welttorhüter sei. Kurz gesagt, er macht sich ziemlich ins Hemd in seinem Bemühen, den Bayern-Bossen zu gefallen. Die Rödinghauser greifen einige weitere Male den Kasten des Welttorhüters an, als wüssten sie nicht, mit wem sie es da zu tun haben. Wenn mein Herz sich doch für einen Münchner erwärmen kann, dann für Franck Ribery. Der in die Jahre gekommene Aufreißer beackert die linke Seite, stürzt sich mutig in Eins-zu-eins-Duelle, gar auch in Eins-zu-zwei oder zu drei-Duelle, erobert Bälle, flankt semigenial, stürmt in den Strafraum der Provinzler – doch von all dem bleibt nichts als heiße Luft. Franck Ribery ist der Sisyphos des Fußballkosmos, der antike Held unserer Zeit. Das und die impertinente Respektlosigkeit der Provinztruppe sind die Highlights dieses Fußballabends. Was Bayern München ansonsten bietet, ist kläglich. Zu einer Gegendarstellung bin ich auf Anfrage bereit. Auch zu einem Glückwunsch für das Erreichen der nächsten Runde im DFB-Pokal.

Männer und Hüte

Kurt Böwe und Dietrich Körner als Orest und Pylades, Deutsches Theater Berlin 1984
© Christian Brachwitz

Wenn Männer sich Hüte aufsetzen, sind sie in Not. Das mag früher anders gewesen sein. Da machte der Hut den Mann erst komplett. Heute ist der Mann mit Hut ein Potemkinsches Dorf.

Die Männer mit Hut auf unserem Foto sind Kurt Böwe und Dietrich Körner. Oder Orest und Pylades in „Iphigenie auf Tauris”, inszeniert von Alexander Lang am Deutschen Theater in Berlin 1984. Ja klar. Die edlen, gleichwohl mörderischen Griechen stellt man sich anders vor. Da ist es schon mehr als originell, wenn sie als bejahrte und beleibte Geschäftsreisende auftreten, die im falschen Hotel gelandet sind, wie es in einer Rezension hieß. Ich weiß nicht, ob Langs Rechnung aufging oder ob es um einen respektlosen Joke ging. Jedenfalls wurde der Inszenierung glänzende Laune und glänzende Form bescheinigt.

Wer Hut trägt, ist kein Held mehr, sondern ein Verlierer. Ein Verlierer, der mit Haltung verliert. Mir war so, als wären Böwe und Körner früh verstorben und als wäre der frühe Tod ein häufiges Schauspielerschicksal. Aber das stimmt so nicht. Böwe und Körner starben als junge Rentner mit 70 Jahren. Körner stand Pathos und Heroismus gar nicht. Ich sah ihn im DEFA-Film „Die Schwarze Galeere” 1962 als jungen Freiheitskämpfer mit gewaltigen Armschwüngen. Das konnte er am Theater zum Glück hinter sich lassen. Böwe war Asthmatiker und ein Humorist ohne gleichen. Er hatte es hinbekommen, die Kurzatmigkeit zu kultivieren.

Und nun das Bild. Der schwarze und der helle Verlierer, wie sie in einem merkwürdigen Winkel zueinander stehen. Sich gleichzeitig stützen und voneinander abstoßen. Sie haben sich von Anfang an nicht viel zugetraut. Insofern können sie dem Gang der Dinge mit Fassung entgegentreten. Entweder sie haben unverschämtes Glück oder alles geht schief.

Die sechziger, siebziger, zum Teil auch noch die achtziger Jahre waren eine große Zeit des Theaters in Ostberlin. Das hing mit Männern wie Benno Besson zusammen und damit, dass man Heldentum damals eher komisch fand. Wenn ich etwas bedauere, dann ist es dieses, dass man damals nicht noch viel öfter ins Theater ging. Dass man nicht begriff, dass eine solche große Zeit nicht ewig dauert.