Schilder am Weg

Bei uns kann auch mal Schnee vom Dach rauschen. In Thüringen wird das schnell zur Lawine
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Vor Dachlawinen wurde schon gewarnt … , das weiß man, wenn man in Thüringen war, am Rennsteig und an der Werraquelle. Aus Schildern geht das hervor, auf Schildern kann man auch lesen, dass Goethe und Schiller hier und da ihren Fuß hingesetzt haben, wir wissen von der Schillerhöhe und sehen das bescheidene Haus, in das Goethe eingekehrt war, was der Gegend Glanz verleiht, auch wenn es manchmal wohl eher eine Vermutung ist. An einer Wegkreuzung kann man erfahren, dass alle Wege nicht nur nach Rom, sondern auch zum Klimawandel führen, was grünen Parteien die Existenzgrundlage entziehen könnte. Auf dem wohl bemerkenswertesten Schild verkauft jemand Unkraut: wegen der großen Nachfrage nur für Selbstpflücker. Falls jemand wissen möchte, wie thüringischer Humor geht: so in etwa. Bei uns, in Berlin, in der Kleingartensparte vor der Tür, erleben wir, wie sich der menschliche enttäuschte Kleingärtner artikuliert. Wer die technische Mittel hat, um individuelle Schilder herzustellen, der lässt auch in seine Seele blicken. Ja, es scheint ein psychologisches Statement zu sein: Ich habe euch alles gegeben. War immer für euch da. Aber als ich euch mal brauchte, fand sich niemand. Das war das Ende der Selbstlosigkeit.

Vor der Ziellinie

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Irgendwo ist immer Union                                                                                                                                 © FJK

Die Fußballer haben die Ziellinie der Saison fast erreicht. Einige Entscheidungen sind schon gefallen. Die Bayern sind Meister; das ist das maximal Unaufregende, das man sich vorstellen kann. Sie hatten ihre Schwächephasen, die Bayern, aber die konnten RB Leipzig und der BVB nicht nutzen, der BVB muss gar um die Champions League bangen; steht aber im Finale des Pokals, letztlich, weil der Zweitligist Holstein Kiel die Bayern aus dem Pokal geschossen hat; an dieses Spiel werde ich mich erinnern bis in alle Ewigkeit. Und noch bevor die Bayern Meister wurden, war Schalke abgestiegen. Da erlaube ich mir, daran zu erinnern, was schon im September 2020 in diesem Blog zu lesen war: „Ich habe den trüben Verdacht, dass ich weiß, wohin der Verein will. Schalkes Saisonziel ist, dem verhassten BVB so viele Punkte wie möglich zu klauen. Wenn sie abstiegen, aber den Dortmundern alle sechs Punkte abgenommen hätten, wären sie hochzufrieden. Und auch jetzt haben sie zwar hoch verloren, aber den Bayern ein 5-Tore-Plus gegenüber dem BVB verschafft, das brachte ihnen doch auch Genugtuung. Im Ernst: Diese tief sitzenden Feindschaften zwischen Vereinen sind Mist. Wir sehen ja, dass die Clubs dabei aus dem Auge verlieren, worum es eigentlich geht im Fußball.” Zum Abstieg kam als Deeplight, dass Schalke dem BVB keinen einzigen Punkt abgenommen hat, was den Dortmundern aber gar nichts nützte. Wieviel Trainer hat Schalke verbraucht? Ich glaube fünf.
Union Berlin, die Köpenicker, absolvierte das vermeintlich schwierige zweite Bundesligajahr, ohne je in Abstiegsgefahr zu geraten. Langsam wird mir der Club vor der Haustür unheimlich. Und wir armen Hansa-Rostock-Schweine? Haben zwei Spieltage vor Saisonschluss gute Chancen aufzusteigen. Wir sind gewarnt. Wenn wir das jetzt nicht packen, gehen wir als Loser oder bestenfalls als tragische Helden in die nächste Saison. Die letzten Gegner sind zwar Absteiger oder Abstiegskandidaten, aber das alte Wort gilt: In der 3. Liga kann jeder jeden schlagen. Hauptsache, es wird niemand aus der Gruppe der Skandalschiedsrichter angesetzt. Wir haben es gerade wieder gesehen: Die anderen machen die Fouls, wir kriegen die gelben Karten. Möglichst solche, die eine Sperre fürs nächste Spiel nach sich ziehen. Einmal hatte sich Herr Ittrich aus Hamburg verzählt: Die Karte, die er für Nico Neidhardt zückte, war dessen 6., also folgenlos. Danach war der Schiri so verwirrt, dass er anfing, die gelben Karten dem Gegner zu zeigen; auch wegen nichts.
Ein Fußballfan, der den Namen verdient, ist immer auch ein Verschwörungstheoretiker. Das ist schon in Ordnung so.

Die Schafe sind da

Der Künstler auf dem Dach
© FJK

Schafe und Menschen

Sonntag waren wir wieder im oder auf dem Biesenhorster Sand, dieses Mal mit Gästen, so dass wir auch ein bisschen den Guide spielen mussten. Das ging etwa so. Der Biesenhorster Sand liegt zwischen Biesdorf und Karlshorst, so entsteht das Koppelwort Biesenhorst. Man hätte die Sache auch von der anderen Seite her aufzäumen können, also Karlsdorfer Sand, aber so ist es schon okay. 23,7 ha groß, seit März diesen Jahres Naturschutzgebiet. Liegt im Warschau-Berliner Urstromtal. Die Trockenrasenflächen erlauben eine ungewöhnlich große Artenvielfalt.
In der vorangegangen Woche waren die Streetart-Künstler wieder aktiv gewesen. Nicht immer (oder eher selten) übertrifft das neue Kunstwerk das übermalte. Sogar auf dem Dach der alten Güterhalle machte sich ein Sprayer zu schaffen; wie war der da raufgekommen? Eine Leiter war nirgendwo zu sehen, und außerdem ist es heikel, sich auf dem Dach einer Industrieruine aufzuhalten; das kann ja nur fragil sein. Als wir näher kamen, sahen wir, dass da kein Sprayer saß, sondern ein Pärchen, das was anderes im Sinn hatte als Bilder. Immerhin: In der Halle lagen viel mehr Farb- als Bierbüchsen; der Hahn verscheucht die Finsternis (Frantisek Halas), die Kunst verdrängt die Partylust.
Es war einer der wenigen Sonnentage dieses unwirtlichen Frühlings, in dem man sich auf nichts verlassen kann, im Biesenhorster Sand jedoch auf den offenen Blick in eine sanft geformte Landschaft. Jeder Baum zählt hier als Einzelstück, entsprechend weit breitet er seine Äste aus. Wir trafen auf picknickende Familien und viele ausgeführte Hunde. Es soll hier unglaublich viele Insektenarten geben, auch Zauneidechsen, Brachpieper, Hauben- und Heidelerchen, Steinschmätzer, Bluthänflinge. Ein guter Guide wäre in der Lage, seinen Gästen etwas davon zu zeigen, aber soweit sind wir noch nicht. Aber die Beweidungssaison hat begonnen. 38 Schafe, Böcke und eine Thüringer Waldziege tragen durch Fraß und Tritt zum Erhalt des wertvollen Trockenrasens bei. Entgolten wird es ihnen eher nicht: Eine Frau stand am Zaun und rupfte einem viel zu lange nicht geschorenen Schaf die verfitzte Wolle aus. Das Tier wurde von Zecken geplagt. Gerade hatten wir in der Zeitung von einem Schaf gelesen, das so lange nicht geschoren worden war, dass es bewegungsunfähig geworden war. Dieses Schaf wurde aber von der Tochter der Tierfreundin gestreichelt. Verlassen konnte es sich nicht fühlen.

Abriss. Baugrube. Neubau

Der Abrisstourismus in unserer Straße
© FJK

Ich mache hier nur meinen Job (sagte der Bagger)

Zehn Meter von hier stirbt ein Haus. Nein, ein Haus stirbt nicht, ein Haus wird abgerissen, das macht ein Bagger, dann wird was Neues hingebaut. Die Baugrube erstreckt sich über das ganze Grundstück, da denkt man natürlich an Platonows Roman, aber das geht fehl, dieser Bau wird gelingen und ist auch keine Metapher für irgendwas. Es ist aber nicht so, dass das verschwundene Haus eine Ruine oder ein Trümmerhaufen gewesen wäre; es sah solide aus, die Fenster waren relativ neu, die Heizung modern, die Wände von außen isoliert. Als der Bagger unsentimental seine Arbeit tat, hat sich in unserer Straße ein regelrechter Abriss-Tourismus etabliert. Die Leute blieben stehen und sahen mit gemischten Gefühlen zu. Besonders Väter und Söhne. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich vorstellen zu können, wieviel Leben mit so einem Haus untergeht. Man hörte, dass in dem Haus schon seit neunzig Jahren der Holzwurm arbeitete, nach einer anderen Version war seit fünfzig Jahren Schimmel im Gemäuer. Wir sind sentimental und finden den Abriss trotzdem bedauerlich. Man muss ja auch erst mal das Geld oder den Kredit haben, um das alles zu bezahlen. Darum machen wir uns jetzt weniger Sorgen. Oder auch gar keine.

In einer anderen Stadt

Von der Ambivalenz eines Urlaubs
© Christian Brachwitz

An diesem Bild fasziniert mich das Diffuse der Lage. Wir wissen nicht, wo wir sind, womöglich irgendwo in Frankreich, wo Charme und Esprit gerade ausverkauft sind. Die weißen Männer in ihren besten Jahren eint immerhin die Brille. Die einen schützt sie vor der (abwesenden) Sonne, die anderen vor Unklarheiten. Darüber hinaus kann man sich nicht vorstellen, dass die vier etwas miteinander zu tun haben könnten oder sich gar in ein Gespräch verwickeln würden. Jeder von ihnen weiß, dass der Aufenthalt in einer fremden Stadt anstrengend ist und dass man auf der Hut sein muss. Vor Taschendieben wurde schon gewarnt. Außerdem ist daran zu denken, dass, wieder daheim, von einem erwartet wird, man habe etwas zu erzählen. Der Mann mit der Kamera hat es da leichter. Er kann auf die Hilfe bewegter Bilder setzen. Im Rücken unserer vier Einzelkämpfer spielt sich das gemächliche Urlaubsleben ab. Jeder Mann hat eine Frau. Jede Frau, die keinen Mann hat, hat eine Freundin. Gerade fällt mir noch ein: Der Mann vorne rechts, der an den Gehhilfen (die er bald wieder beiseite legen kann), sieht aus wie der Professor aus „Mondsüchtig” von Norman Jewison. Und im Radio haben sie gemeldet, dass Olympia Dukakis gestorben ist, im Alter von 89 Jahren, die Rose Castorini aus eben diesem Film, für den sie den Oscar für die beste Nebenrolle erhielt. Man tut gut daran, wenn man sich diesen Film immer mal wieder ansieht.

Die zweite Impfung

Gibt es neben Taxi- auch Rollergutscheine?
© FJK

Die rätselhaften Berliner Verkehrsbetriebe hätten es doch um ein Haar geschafft, dass ich zu spät zu meiner zweiten Impfung erschienen wäre. Der Bahnhof Schöneweide war zugesperrt. Man musste einen Behelfseingang suchen. Die Gegend war richtig rotzig, die Assis fanden es gut und schlürften ihr Bier, und der Zugverkehr war witterungsbedingt eingeschränkt. Von was für einer Witterung reden wir da? Dennoch war der Zweitimpfling pünktlich. Der Andrang war dieses Mal nicht so groß wie beim ersten Mal, von den Taxis abgesehen, und die Currywurstbude war auch noch da. Der Greis vor mir war bereits zwei Mal geimpft, als Längsdenker war ihm aber zu Ohren gekommen, dass er mit einer dritten Impfung noch um ein Vielfaches geschützter sei, das heißt, er wollte sich nicht abweisen lassen. Gehen Sie nach Schwerin, war ich versucht zu sagen, dort erhalten die Impflinge die fünffache Dosis (wenn auch nur aus Versehen). Dieses Mal musste die Mitarbeiterin die aktualisierten Fragebogen selbst ausfüllen, die online verschickten Dokumente kamen erst an, als ich schon wieder zu Hause war. Die impfende Ärztin, Frau Dr. Z. war zu Scherzen aufgelegt, zunächst aber riss mir das Band von meiner FFP2-Maske, ich bekam sofort eine neue. Wie langweilig, sagte die Ärztin auf Grund nicht vorhandener Vorerkrankungen und Komplikationen nach der ersten Impfung; mit blutverdünnenden Medikamenten konnte ich auch nicht dienen. Keine Anspannung, locker lassen, und schon war ich wieder gestochen worden, nun ist der Mikrochip drinnen, sagte die Ärztin, ein bisschen Spaß muss sein. In vier Wochen könne Sie den Arm wieder bewegen. Ich nahm keinen Taxigutschein und keine Beobachtungsphase in Anspruch, überlegte kurz, ’ne Currywurst mit Fritten zu essen, verwarf das, konnte aber in der Martin-Hoffmann-Straße einem hilflosen alten Mann, der das Impfzentrum suchte, den entscheidenden Hinweis geben. Ein gutes Gefühl. Ich hätte mich ja auch gleich wieder anstellen können, um die dritte Impfung zu verlangen, aber das kommt bei mir nicht in die Tüte. Ich bin kein Nimmersatt. Bin ich nie gewesen.

Unsere Kandidaten riechen schon den Braten

Die alten Gleise werden demontiert. Frau Baerbock steht für Erneuerung. Für den Status quo stehen andere.
© FJK

Heute morgen wurde ich von Olaf Scholz geweckt. Seine Stimme kam aus einem ziemlich halligen Raum, der Kanzlerkandidat war so hochmotiviert wie unkonzentriert und fand, dass wir (also er) wieder mal alles richtig gemacht haben.
Wir haben in diesen Tagen überhaupt hauptsächlich mit Kanzlerkandidaten zu tun. Dazu müssen wir auch mal ein paar Worte sagen. Wir haben es geahnt, dass der Habeck ganz ein Kavalier der alten Schule ist. Ein Softie. Ein bisschen norddeutsches Phlegma ist auch dabei. Die Grünen werden ja nun in den Himmel gehoben, weil ihre Kandidatenkür so harmonisch und streitlos verlief im Gegensatz zu den Unionsparteien. Aber wir würden schon gern erfahren, wie Annalena den Robert in diesem romantischen Zweipersonenstück davon überzeugt hat, dass sie die Bessere ist. Wollen nicht hoffen, dass sie ihn einfach nur um den Finger gewickelt hat. Habeck sprach Tage später davon, dass dies die schmerzhafteste Erfahrung seiner politischen Laufbahn gewesen sei. Ja. Gut. Mag sein. Leid tut er uns trotzdem nicht. Er erhebe jetzt Anspruch auf ein Ministeramt. Wir finden, er sollte mal eine Weile gar keine Ansprüche erheben. Für den Posten des Verteidigungsministers bietet sich etwa Katrin Göring-Eckardt an. Wir haben in diesem Amt schon eine gute Tradition ungedienter weiblicher Kader. Göring-Eckardt könnte vollenden, was von der Leyen und Kramp-Karrenbauer bereits geleistet haben.
Die Berliner Zeitung weiß, dass wohl kaum jemand den Zeitgeist so verkörpere wie Annalena Baerbock: „jung, weiblich, kleine Kinder”. Danke für diese Info, ihr Flachzangen. Was fangen wir politisch mit diesem Zeitgeist an? Frau Baerbock erinnert mich an eine Mitschülerin aus der Oberschule. Der schrieb unser Deutschlehrer ins Zeugnis: Sie kann gut auswendig lernen. Damit verkörperte diese Schülerin damals auch den Zeitgeist. Eine Parteischranze der Grünen sagte, dass Baerbock neben allem anderen auch noch megatoll aussieht. Man hat uns doch eingeschärft, dass man Frauen nicht nach dem Aussehen beurteilen soll! Das ist uns dochausdrücklich verboten worden. Was uns an Frau Baerbock höchstens stören könnte, ist dieses Sekundenlächeln. Muss man mal darauf achten.
Um aber beim Aussehen zu bleiben: Armin Laschet, der Kandidat der Unionsparteien, sieht für uns aus wie ein gemütlicher Familienmensch. Es fällt ihm schwer, mit der Faust auf den Tisch zu hauen, aber er kann das. Hier haben wir auch die Erklärung für seine schlechten Umfragewerte. Ein Familienvater strampelt sich in aller Stille ab für die Seinen, aber er kriegt’s von allen Seiten; von seiner Frau, von seinen Kindern und auch im Job. Alles, was er leistet, ist selbstverständlich; was er hingegen nicht schafft, zeigt seine Unfähigkeit.
Eines ist sicher: Wenn Baerbock und Laschet das neue bundesdeutsche Führungsteam bilden werden, spräche das auf jeden Fall für eine neue deutschen Bescheidenheit. Und wenn wir dann mal Muskeln zeigen müssen als Bundesrepublik, dann staucht Baerbock die Russen zusammen. Aber so richtig. Nichts da mit Nordstream 2. Die können ihre Rohre wieder zusammenpacken.Wir brauchen das Erdgas nicht. Wir haben so viel Sonne. Und so viel Wind.

Es war nur eine kleine OP

In Schöneweide verkaufen sie auch Schimmel Autos (falls jemand sowas benötigt)
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Bei der Chirurgie am Ostkreuz kam ich nicht durch die Warteschleife, beim Chirurgen in Schöneweide schon. Sie hatten an dem Tag keinen Chirurgen im Haus, dafür bekam ich einen Termin für Montag. Planen Sie eine kleine Wartezeit ein. Sowieso. Wir sind ja keine heurigen Hasen. Es sind nur drei Stationen mit der Straßenbahn, ich hatte mir insofern nichts zum Lesen eingesteckt, ohne an die Wartezeit im Wartezimmer zu denken. Zum Glück hatte der Buchladen geöffnet. Vor mir holten zwei ältere Damen bestellte Bücher ab und beschworen den Frühling. Es war familiär. Ich kaufte für die Wartezeit ein Reclambüchlein, Janosch, Wondrak für alle Lebenslagen. Man kennt das aus dem Zeitmagazin, aber wir hatten im TV gerade einen Film über Janosch, den Alkohol und seine Finca gesehen, und die gelben Reclambücher mag ich auch. In der Praxis war kurzfristig der zweite Chirurg ausgefallen (auch Ärzte können krank werden, ich weiß nicht, ob das nun tröstlich oder beängstigend ist), man musste jetzt schon eine kleine Wartezeit von zwei Stunden einplanen. Da konnte ich schon mal in aller Ruhe zwei Fragebogen ausfüllen und mich an das Elend gewöhnen, in dem ich mich befand. Viele Leute, die kaum noch laufen können und dem Übergewicht schutzlos ausgeliefert sind. Wer war ich da schon mit meinem angeschwollenen, geröteten großen Onkel am linken Fuß, der bei der kleinsten Berührung schmerzhaft aufzuckte! Nach den Fragebogen wandte ich mich Janosch beziehungsweise Wondrak zu, der zwar nicht auf die Lebenslage Wartezimmer einging, aber doch viel Gelassenheit verteilte. Ich war noch nicht lange fertig mit dem Büchlein, als mir der Arzt durch die geöffnete Tür des Behandlungsraums einen Blick zuwarf, der mich eintreten hieß. Ich hatte schon aus dem Augenwinkel bemerkt, dass Dr. Mühl-Benninghaus, ein sportlicher Mittfünfziger, schnell und gut arbeitet. Ich zog Schuh und Socke aus, der Doktor sah auf den Zeh und fragte: Was haben wir beim letzten Mal gehabt? Ich bin das erste Mal hier, sagte ich. Dann wird es höchste Zeit, sagte der Arzt. Der Nagel ist eingewachsen. Er sprühte den Fuß ein, kündigte an, dass es jetzt weh tun werde, und entfernte den eingewachsenen Nagel mit einer gebogenen Zange. Das war ein schneller, exakter Schnitt. Ich gab keinen Ton von mir und hatte auch mit größeren Schmerzen gerechnet, eventuell mit Vereisung des Zehs, örtlicher Betäubung und komplizierten Sägearbeiten. Der Doktor klebte noch ein Pflaster drauf und war schon beim nächsten Patienten. Ich spürte, dass dieser verdammte große Onkel nicht nur geschmerzt, sondern auch mein Gesamtbefinden erheblich beeinträchtigt hatte. Das war jetzt vorbei. Warum gehen wir blöden Männer eigentlich nicht zum Arzt? Also nur dann, wenn’s nicht mehr anders geht? Wahrscheinlich weil wir Helden sind …

Ein liegendes Pferd

Pferde fressen am liebsten im Kreis
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Um die Trabrennbahn in Karlshorst gibt es Streit. Manche wundern sich sowieso, dass es die immer noch gibt. Existiert nicht eine westliche, in Mariendorf? Muss das nicht reichen? Aber die Karlshorster Bahn ist zäh. Nun soll sie teilweise bebaut und damit auch versiegelt werden. Um ihr finanzielles Leben zu sichern, wird gesagt. Bürger bezweifeln das und wehren sich. Man weiß nicht so richtig. Teilweise wehren sie sich, so scheint es, gegen jede Veränderung.

Vor den Pferden kommen die Elefanten bzw. die Streetart


Am Sonnabend spazieren wir über das Gelände, das weiträumiger ist, als man glaubt, wenn man immer nur die Bahn selbst und die Tribüne mit ihren Unterbauten wahrnimmt. Im Moment etabliert sich hier ein Inklusives Pferdesport- und Reittherapiezentrum, dessen Eröffnung allerdings coronabedingt von April 2020 auf den Sommer 2021 verschoben wurde; warten wir’s ab. Die Pferde, die Mitarbeiter und die Koppeln sind schon da. Ein solcher Spaziergang von einer Pferdekoppel zur nächsten hat Seltenheitswert. Die Tiere, denen wir hier begegnen, sind überwiegend keine Traber, also Sportpferde; wirken eher untersetzt und nachdenklich, sagen wir also Inklusionspferde, lassen sich streicheln und fotografieren, noch lieber sammeln sie sich um die runden Futterkrippen zur gemeinsamen Mahlzeit. Die Waldstücke zwischen den Koppeln wirken archaisch. Zum Teil wurde planiert, um demnächst mit dem Bauen zu beginnen. Neben einer Baracke entdecken wir einen alten Wartburg Tourist mit laschen Reifen, der schon wie ein Stück Natur anmutet.

On Fire


An der Stirnseite des Geländes sind neue Reithallen entstanden. Der Stallmeister hat natürlich auch am Sonnabend zu tun. Vom Hochpfad aus sehen wir einige Reiter. Und schließlich zwei Pferde, das eine liegt danieder mit ausgestreckten Beinen. Aus allen unseren Kindheiten glauben wir zu wissen, dass ein liegendes Pferd schwer krank oder tot ist. Wir erinnern uns an Szenen, wie Kutscher verzweifelt versuchten, liegende Pferde wieder zum Stehen zu bringen. Wenn ein Pferd erst mal eine Weile liegt, steht es nicht mehr auf. Die Reiter reiten vorbei. Das Pferd neben dem liegenden Tier zeigt keine Reaktion. Unser Kameras weigern sich, ein Bild zu machen.
Zu Hause haben wir jetzt eine Feuerschale. Wir blicken in die Flammen, dann in die Glut und teilen uns ein Bier. Was ist mit dem Pferd.

Ode an die Käsespätzle

Wo ist’n der nächste Buchladen hier?
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oder: Die finanziellen Mittel der West-Cousine waren doch nicht unbegrenzt

In ihren späten Jahren gestattete die DDR Reisen in dringenden Familienangelegenheiten in Größenordnungen, Künstler wurden ermuntert, Studien- und Lesereisen in den Westen zu unternehmen. Druck sollte entweichen aus dem Kessel.
Mancher Reisende wurde bei der Gelegenheit wieder zum Kind, machte große Stauneaugen und haute bei der Rückkehr ordentlich auf den Putz. Man kann das nicht mal eine Charakterschwäche nennen, es war irgendwie systembedingt.

Der Kollege sitzt am Telefon, Schweißperlen auf der Stirn, gibt das Zeichen: Daumen hoch, Westreise klappt, fasst in die Tasche und schwenkt den Pass.
„Bahnhof Zoo steigt meine Cousine in den Zug, dann hab ich keine Geldsorgen mehr.”
Andere in den Westen reisende DDR-Bürger, deren Cousinen nicht Bahnhof Zoo zusteigen, laufen bekanntlich Gefahr, im Westen den Hungertod zu erleiden.
Bis Reiseantritt nimmt der Kollege nun regelmäßig Faustan, um die Aufregung zu zügeln.
Als er zurückkehrt, hat er echt was zu erzählen, aber nicht genug Ohren, die zuhören. In den Räumen der Redaktion und in den Herzen der Mitarbeiter ist es kalt.
Ich bin jetzt verwöhnt, sagt der Kollege. Im Westen hat er seine Tage in Häusern mit modernen Heizungen verbracht, man hätte splitternackt durch die Wohnungen laufen können.
Ich hab da’n Onkel, SPD, ziemlich hoch angebunden, mehr kann ich nicht sagen. Da war ’ne Riesenveranstaltung mit Johannes Rau, bin ich aber nicht hingegangen, hätte ja sein können, es wird gefilmt wird und ich tauche dann in der Tagesschau auf!
Zum Geburtstag der Tante spielten zwei Damen im Seniorenheim vierhändig Klavier! Was haben wir gelacht, meine Cousine und ich. Ich hatte da ein Zimmer mit Küche bekommen, Toilette und Bad getrennt, supertoll.
Und, großer Witz am Rande, die Tante, zu der er in dringenden Familienangelegenheiten reiste, sei gar nicht 80, sondern 77 geworden, da könne man mal sehen, wie leicht man die DDR-Organe hinters Licht führen könne.
Zu Hause schmeckt’s mir nicht mehr. Kein Wunder, was mir im Westen alles vorgesetzt wurde! Tintenfisch! Chinesisch! In Schwetzingen die herrlichen Käsespätzle! Warum das Billigste auf der Karte, fragt meine Cousine. Weil’s mir schmeckt!!! Hier, das Hemd, neun Mark. Neun Mark! Na ja, meiner Frau gefällt’s nicht, sie hat gesagt, ich hätte doch was Besseres kaufen sollen für das schöne Westgeld. Vom Onkel in Darmstadt hab ich dir erzählt. Der ist mit mir ins Restaurant gefahren, Jugendstil, da hat er mir mal gezeigt, wie man auch leben kann. Bin ich doch nachdenklich geworden. Zuerst ein trockener Cherry. Dann ein spritziger Wein. Hat er gesagt, ich schlage vor, du nimmst den Tintenfisch, ich die Garnelen, und auf der Hälfte tauschen wir die Teller. War auch richtig, so konnte ich beides genießen. Dann ist er mit mir besoffen, na ja, alkoholisiert, in seinen Wagen gestiegen und zur Weinverkostung gefahren. Hat mindestens 1,4 Promille gehabt und ist mit mir rein in seinen 280er SL, den er am Tag zuvor gekauft hat, da wird einem schon schwummrig.
Er erzählt nur übers Essen, sagt Frau V.
Nein nein. Er ist natürlich hauptsächlich in Buchläden gewesen.
Hab ich zu der Buchhändlerin gesagt: Wundern Sie sich nicht. Ich werde mich hier sehr lange umsehen, aber wenig kaufen, denn ich habe wenig Geld, ich bin aus der DDR. (Was ist mit der Cousine? Mit dem Onkel von der SPD?) Ich bin quasi von einem Buchladen in den anderen gefallen.
Das kann ja auch nicht der Sinn so einer Westreise sein, sagt die Literaturredakteurin.
Ach, er hat noch so viel anderes erlebt, beeilt der Kollege sich zu sagen und denkt: Euch zu Hause Gebliebenen kann man’s aber auch gar nicht recht machen.