Wieder in Halle

Natur in allen ihren Formen

Natur in allen ihren Formen

Sonntag

Und das ist unser Knast, der Rote Ochse, sagen die Hallenser, vielleicht stolz, weil der Rote Ochse über die Stadtgrenzen hinaus berühmt und verrufen ist. Ein roter, gleichwohl düsterer Gebäudekomplex. Heute besteht der Rote Ochse aus einem musealen und einem aktiven Teil.

Roter Ochse, aktiver Teil

Roter Ochse, aktiver Teil

Das kann nicht unser Ziel sein, der Botanische Garten ist es. Ihr Hallenser macht viel zu wenig aus euern Stärken, sagen wir, nachdem wir einige Wege zurückgelegt haben. Großartig, was hier in vielen Jahren zusammengetragen und gehegt wurde, Pflanzen aus allen Teilen der Welt, imposante Bäume. Wir erfahren etwas über das durch scheinbare Verwandtschaften ausgelöste Chaos im Bohnenkraut und über die Relativität von Seltenheiten im Pflanzenreich. Der Botanische Garten Halle, lesen wir, war einer der ersten, wenn nicht der erste Garten, der Erhaltungskulturen etablierte, das heißt, vom Aussterben bedrohte Pflanzen bewahrte und zum Teil an ihre natürlichen Standorte zurückbrachte.

In den Japanischen Schnurbaum hinaufgeschaut

In den Japanischen Schnurbaum hinaufgeschaut

Ist Sonntag. Im Opernhaus Halle hat die Matinee begonnen. Auf den T-Shirts der Mitarbeiter steht „Alles brennt”, das ist der Obertitel der neuen Produktion, vier Stücke werden gezeigt werden, der Zugriff ist radikal, die Trennung von Bühne und Zuschauerraum wird aufgelöst, überall ist Action, Akteure und Zuschauer mischen sich, der Eventcharakter ist augenfällig. Locker, lässig und hochkonzentriert setzt Florian Lutz, Intendant und Regisseur, die Besucher ins Bild.

Fäuste, geballt

Fäuste, geballt

Kernstück des Pakets wird Wagners Fliegender Holländer sein. Im Holländer sieht das Team sowas wie einen Vorgriff auf den Typus des modernen Philokapitalisten, den Superreichen, der durch ein geniales Geschäftsmodell und Glück so viel Profit gemacht hat, dass das Geld für ihn den Reiz verloren hat. Stattdessen reifen Weltrettungspläne heran. Wir sehen den Beginn des zweiten Aufzugs. Senta hat sich in das Bild des Holländers verguckt. Sie ist wie von Sinnen, nicht aufzuhalten, springt auf den Tisch, der Chor wird zum Ballett, reckt die Fäuste, es ist wirklich Feuer unterm Dach.

Die Kulturen treffen sich

Die Kulturen treffen sich

Vorm Haus ist dann Entspannung angesagt in der anhaltinischen Sonne. Bier und Wasser werden ausgeschenkt, Bratwurst gegrillt. Es ist nicht zu ermitteln, ob die Bratwurst bezahlt werden muss oder ob sie aufs Haus geht. Alles ist möglich. Die Oper ist großzügig, war sie schon immer; sie gibt so viel.

Wieder mal in Halle und Umgebung

An der Saale hellem Strande kann es auch düster sein © Fritz-Jochen Kopka

An der Saale hellem Strande kann es auch düster sein
© Fritz-Jochen Kopka

Sonnabend

Wir waren Regen und mäßige Temperaturen nicht mehr gewöhnt, vielleicht darum fuhren wir etwas verloren durch den Saalekreis (früher Saalkreis) und streiften Dörfer wie Dobis, Mücheln und Brachwitz. Dörfer von, wie uns schien, diffuser Struktur, zerstreute Straßen, unauffällige Plätze, keine Hierarchie.

Landschaft mit Windrädern

Landschaft mit Windrädern

In Dobis waren die Galerie und das Café geschlossen. Das Alte Rathaus machte einen restaurierten Eindruck, nicht weniger das Ortsgemeinschaftshaus Zur Weißen Wand, und der Schützenkönig von 2015 hatte seine Plakette an die Hauswand geklebt. Die Weiße Wand? Ja, das ist eine kreidezeitliche Hebung, durch die Schichten aus der ursprünglichen Horizontalen in eine Schräglage gedrückt wurden. Man kann sich auf diese schräge Erhebung stellen und auf die Landschaft herunterschauen, weiß ist sie nicht. Man sah in der Ferne viele Windräder, und ich werde nie begreifen, wie Energie entsteht, wenn sich die Rotoren drehen, es ist mir gerade noch mal erklärt worden und bleibt hoffnungslos.

Was mit den Templern geschah

Was mit den Templern geschah

Dann sind wir in Mücheln, betreten die alte Templerkapelle, ein kleiner Andachtsraum, eine düstere Treppe, die hinauf führt, wir hören die helle Stimme, die unerschrocken Schauergeschichten vom Schicksal der Templer erzählt, die ja Kreuzritter waren und nach schweren Niederlagen verfolgt und enteignet wurden. Ein dunkler Raum unterm Dach. Die Stimme gehört einer bärtigen Gestalt in Ritterkleidung, ein Wiedergänger der Templer spricht zu einer Gruppe ältlicher Touristen, der es wahrscheinlich vor dem Abstieg die heikle Treppe hinunter graut. Die Kapelle wurde jahrhundertelang zweckentfremdet, unter anderem als Scheune und Getreidespeicher, nun finden hier Konzerte und Ausstellungen statt, ist auch ’ne Zweckentfremdung, aber eine löbliche.

Du musst den Straußenvögeln nicht unbedingt trauen

Du musst den Straußenvögeln nicht unbedingt trauen

In einem struppigen Gehege vor einer Stallung mit zerbrochenen Fenstern stoßen wir mit einigen Straußenvögeln zusammen. Die Gelegenheit, solche Vögel aus der Nähe zu betrachten, hat man nicht so häufig und kann nun sagen, die Strauße haben überraschend freundliche Gesichter, schnappen aber gern mal zu. Einen Abhang hinauf haben sich in einem alten Gemäuer Künstler niedergelassen und ein Café eröffnet, das sieht schon ein bisschen kommunemäßig aus und dauert auch so lange.

Auf dem Weg zur Kunst

Auf dem Weg zur Kunst

An der Saale bei Brachwitz gibt’s das Café Saale Kiez; das scheint mal ein richtiger großer Dorfsaal gewesen zu sein, der Raum ist mit vielen Sammlerstücken ausgestattet, jetzt gibt’s da selbstgemachten Kuchen und im Oktober spielt The Dylan Project, da ist dann auch Wolfram Bodag dabei, der alte Blueser von Engerling. Mit der Fähre setzen wir über und sind schon gleich wieder in Halle. Wollen Sie auch ein Wasser?, fragt die Kellnerin in der Grünen Remise. Eigentlich nicht, sage ich. Auf eigentlich folgt eigentlich immer ’ne Lüge, sagt die Kellnerin. Da muss ich erst mal drüber nachdenken.

Sportschau im TV. Hansa Rostock verliert zu Hause 1:3 gegen den Aufsteiger Sportfreunde Lotte. Dieses Grundes sich zu betrinken hätte es gar nicht bedurft. Und das noch: Hilmar Thate ist gestorben, schon am Mittwoch. Er ist in der Nähe von Halle geboren, auf dem Dorfe. In seiner Autobiographie erzählt er, wie er einmal als Kind am Fenster stand und ins Dorf hinausschrie: Ich bin alleene! Ich bin alleene! So ein Kind muss Künstler werden. Und was für einer!

Die Barbaren

Schnell abgeworfen das Zeug und weg. Sie hatten die Hosen voll.

Schnell abgeworfen das Zeug und weg. Sie hatten die Hosen voll.

Da haben sie in unserem Wäldchen am Rand meiner Laufstrecke eine Couchgarnitur abgeworfen, und ich muss jeden Tag daran vorbei. Ich meine, wenn schon: Warum haben sie die Sitzmöbel dann nicht richtig aufgestellt, die Lampen in die Bäume gehängt und die Tür aufgerichtet, eine Sofaecke mitten im Wald, um zu zeigen, wie durchlässig die Grenze zwischen privatem und öffentlichem Raum sein kann, das hätte doch Charme gehabt, aber so – sind sie einfach nur Barbaren.

Für den Alkohol bist du verloren

Der Rest ist Schweigen

Der Rest ist Schweigen

An einem Donnerstag in Berlin (4)

Auf dem Alexanderplatz habe ich wieder Hunger und kaufe ’ne Bratwurst. Der ambulante Händler wartet, bis er mein Geld in der Hand hat, dann übergibt er mir die Wurst. Da scheint schon mancher weggelaufen zu sein, ohne zu bezahlen. Hoch oben auf dem Dach des Abrissblocks am Anfang der Karl-Marx-Allee steht ein Mann. Wie ist der da hinaufgekommen? Er zieht sein T-Shirt aus und schwenkt es über seinem Kopf, als habe er einen schwierigen Gipfel erklommen, erhält aber keine Reaktionen von unten. (Der Bezwinger des Mount Everest geht leer aus). Auch ich kann ihn nicht fotografieren, weil ich noch die halbe Bratwurst in der Hand habe. Unter den Bäumen hat sich eine Sinti-, Roma- oder Zigeunerfamilie häuslich eingerichtet. Die Jungen streiten mit den Alten. Verheugen steht im Eingang seines Blocks. Ich höre das bis oben hin, es geht schon den ganzen Tag, sagt er. Wie soll man da nicht ausländerfeindlich sein. Das sind ja deutsche Staatsbürger, sage ich. Haha, sagt er. Dann bist du auch deutscher Staatsbürger.

Das sind so seine Scherze. Die Kellnerin kommt mit zwei Speisekarten. Die Karten können Sie wieder mitnehmen. Wir wollen nur trinken, sagt Verheugen. Die Kellnerin ist einverstanden. Ob ich was gegessen habe? ’ne Bratwurst auf dem Alex. Die sollte man nicht essen. Verheugen hat die Verkäufer beobachtet. Wenn sie morgens ihre Würste auspacken, fällt schon mal einiges davon aufs Pflaster, er hat’s selbst beobachtet, und dann tropft ihr Schweiß auf die Würste und so weiter. Ich weiß, sage ich, eigentlich kann man gar nichts mehr essen. Man kann auch kein Bier mehr trinken. Könnte immer sein, dass sich eine Wespe im Glas versteckt hat.

Verheugen hat nach einem Unfall ein halbes Jahr total abstinent gelebt. Es macht mir nichts aus, sagt er. Für den Alkohol bist du vermutlich verloren, meine ich. Ich werde schon wieder trinken, sagte er, Bier auf jeden Fall, vielleicht keinen Schnaps. Wie ein Leistungssportler nach einer lange Verletzungspause erst langsam wieder Muskeln aufbauen muss, so musst auch du dich wieder fit machen für den Alkohol.

Nun ist es also so weit. Er trinkt die fünf Bier, als wäre zwischendurch nichts gewesen. Nur bei dem Gratisgrappa am Ende zweifelt er, aber nur kurz.

So neigt sich ein Donnerstag in Berlin. Der Alexanderplatz hat sich in Dunkelheit und Schweigen gehüllt. Tut ihm mal ganz gut, wird aber nicht lange dauern.

Offene Räume

September 14, 2016 3 Kommentare
Der Spiegel zitiert Landschaft und Mensch © Fritz-Jochen Kopka

Der Spiegel zitiert Landschaft und Mensch
© Fritz-Jochen Kopka

Wir kennen die Stadt nicht, in der wir leben, nicht diese Einfamilienhaus- und Villensiedlungen, nicht diese in Entstehung befindlichen Quartiere, nicht diese Schackelsterstraße und diesen Grabensprung, durch die wir mit dem Rad fahren, bis wir endlich am Schloss Biesdorf angekommen sind, um am Tag des offenen Museums teilzuhaben.

Das Schloss ist alt und neu

Das Schloss ist alt und neu

Schloss Biesdorf ist keine schlechte Wahl, es erzählt ein bisschen was vom Niedergang des Adels, vom ambivalenten Interesse der Großindustrie, von städtischen und staatlichen Zweckentfremdungen, mal positiver, mal negativer Art, von Zerstörung und Vernachlässigung und von den nicht nachlassenden Anstrengungen der Bürgerinitiativen und Vereine, um so ein Schloss oder Herrenhaus zu retten und neu zu nutzen, denn wenn so ein Gebäude nicht genutzt wird, wird es unweigerlich verfallen. Das ist Schloss Biesdorf. Die von Rüxlebens haben es gebaut und mussten es verkaufen, weil sie sich beim Glücksspiel verschuldeten. Die von Bültzingslöwens mussten es abgeben, weil sie sich verspekulierten, die von Siemens’ übernahmen es und verloren das Interesse, als Wilhelm von Siemens ausgerechnet bei einem Kuraufenthalt in Arosa starb. Ein wahrscheinlich von den Nazis gelegter Brand zerstörte das Obergeschoss, aber der Rest genügte der Roten Armee, um den Park als Friedhof und das Rudimentschloss als Totenhalle zu nutzen.

Geschichte des Hauses als Graphic Novel von Laleh Torabi

Geschichte des Hauses als Graphic Novel von Laleh Torabi

In der DDR folgten die üblichen sozialen und kulturellen Nutzungen („es war immer irgendwas los”), und nach der Wende Stillstand und Verfall, bis der Verein Schloss Biesdorf obsiegte, restaurierte und übergab, und jetzt haben wir hier ein Zentrum für Kunst und öffentlichen Raum, kurz ZKR.

Die Geschichte des Hauses, so wie sie ihr erzählt wurde und wie sie sie deutete, hat die iranische Künstlerin Laleh Torabi nicht ohne Witz und Wehmut an die Wände gezeichnet.

Wie man Kunst an die Leute heranträgt

Wie man Kunst an die Leute heranträgt

Am Tag des offenen Museums wird man geführt. Katja Aßmann, Direktorin des Zentrums, sagt was zur Kunst. Dr. Heinrich Niemann, Vorstandsvorsitzender des Vereins, spricht, nachdem er sich eine leichte Seglermütze aufgesetzt hat, zu Geschichte und Architektur. Der Mann hat Humor, die Frau schöngeistige Hingabe. Manchmal treffen sie sich, etwa wenn Frau Aßmann auf Michael Sailstorfers Installation „Clouds” hinweist, die im Lichthof zwischen Erd- und Obergeschoss angebracht ist und natürlich den freien Blick nach oben verstellt, und man Dr. Niemann die Erleichterung darüber anmerkt, dass diese Kunstwerk nur ein Leihgabe ist, aber eindrucksvoll sind sie auch für ihn, diese straff aufgepumpten, sich windenden schwarzen Autoschläuche.

Wolken wie Autoreifen oder umgekehrt

Wolken wie Autoreifen oder umgekehrt

Vom zerstörten Obergeschoss des neoklassizistischen Bauwerks mit imposantem Portikus und antiken Säulen existierten keine Fotos, keine Dokumentationen, so dass sich die Zusammenarbeit mit Denkmalpflegern endlich einmal als leicht erwies, große Vorgaben konnten sie nicht machen. Architekt der zweistöckigen spätklassizistischen Turmvilla von 1868 war Heino Schmieden, zeitweilig Partner von Walter Gropius und königlicher Baurat, aber inzwischen total vergessen, bis ihn der Verein wiederentdeckt und der Vergessenheit entriss.

Mückenhaus, des Nachts häufig überfüllt

Mückenhaus, des Nachts häufig überfüllt

Die offenen, ineinander übergehenden Räume erlauben weite Sicht und durchdringende Blicke. Alles ist alt und gleichzeitig neu, ein Kunsthaus mit Café und Museumsshop und einer ersten Ausstellung, die Auftrag Landschaft heißt. Auftragswerke, Landschaftsbilder aus der DDR etwa von Günter Brendel und Manfred Butzmann und neue Statements zu Landschaft und Kunst, die Spiegel von Jeppe Hein, die, leicht bewegt vom Wind, Landschaften und Menschen noch einmal irritierend zitieren, das Mückenhaus über der Außenlaterne oder die botanische Wunderkammer von Janet Laurence. Auf dem Rückweg fahren wir am Biesdorfer Baggersee vorbei, auch noch ein Kapitel des Romans von Menschen und Landschaften.

Als ich dünn war

Grüne Flut hinterm Frisiersalon

Grüne Flut hinterm Frisiersalon

An einem Donnerstag in Berlin (3)

In Hanley’s Hairshop bekomme ich Angenehmes zu hören. Du bist so dünn. Kriegst du nichts zu essen? Ich bin fit, sage ich, ich laufe und esse keine Schokolade. Ach, magst du Schokolade? Nee, eigentlich nicht. Ich aß sie nur zur Gesellschaft. So wie meine Oma nur zur Gesellschaft rauchte, etwa bei Geburtstagsfeiern. Ein Kapitel Kindheit. Damals gab’s noch keine Filterzigaretten. Die Tabakkrümel blieben an den Lippen meiner Oma kleben, sie versuchte sie wegzuspucken. Es war ein richtiges kleines Inferno. Meine Mutter saß daneben und schämte sich wegen ihrer Mutter in Grund und Boden, was man ja eigentlich nicht tun soll (sich wegen seiner Mutter oder seines Vaters zu schämen). Meine Mutter versuchte ihrer Mutter die Zigarette auszureden. Ach, ich rauche doch nur zur Gesellschaft, sagte meine Oma. Und schon ging die Spuckerei wieder los.

Der Pony ist ganz süß, sagt Deborah zu einer Neukundin. Der ist eigentlich schon wieder zu lang, sagt die Neukundin. Sie hat ihn in Wien schneiden lassen. Sie kommt aus Berlin, aber jetzt wohnt sie in Wien. Im Moment probt sie in Clärchens Ballhaus für ein Stück, das dann in Hannover aufgeführt wird. Keine Ahnung, wie das alles zusammengeht. Auf alle Fälle ist es nicht leicht, die richtige Farbe für den Pony herauszufinden. Der Farbkatalog wird gewälzt. Der Pony soll schwarz sein, aber wiederum nicht allzu schwarz und vor allem nicht alt wirken.

Die Azubi ist eine junge energische Frau. Anscheinend hat sie sich in meinen Vornamen verliebt. Sie kann keine Frage stellen, keinen Satz sagen, ohne ihn mit „Fritz” zu beenden. (Kommst du bitte hier rüber zur Haarwäsche, Fritz? Die Kopfmassage belebend oder beruhigend, Fritz?) Klingt gar nicht mal schlecht. Langsam wird mein Vorname Kult. Ich nehme an, dass die Azubi nicht Friseurin bleiben, sondern zum Film gehen wird. Wir alle haben Toni Erdmann gesehen und schütten noch mal Lob über den Film aus. Ich wünsche Sandra Hüller den Darsteller-Oscar, das wäre auch verdient, sage ich fachmännisch, wie es sonst gar nicht meine Art ist.

Der Erfolg eines Friseursalons, meine ich, hängt von der Kreativität der Friseure und der Qualität der Scheren ab, aber dann auch schon von den Spiegeln. Niemals sehe ich so gut aus wie in den Spiegeln dieses Hairshops. Eine Stunde gut aussehen, darum gehen wir zum Friseur. Wahrscheinlich war es auch eher der Spiegel, der mich so dünn aussehen ließ.

Vom Platz zum Markt

Rosenthaler Straße 39. Auf der Suche nach Geschichte, Gegenwart und wie wir morgen leben © Fritz-Jochen Kopka

Rosenthaler Straße 39. Auf der Suche nach Geschichte, Gegenwart und danach, wie wir morgen leben
© Fritz-Jochen Kopka

An einem Donnerstag in Berlin (2)

Genug Zeit, um am Alex auszusteigen. Und jetzt war auch der Hunger da. Ich kaufte Fish ’n Chips. Die Fritten sind okay, der Fisch ist dick paniert und schmeckt künstlich. Vor dem Bahnhof hat sich eine kleine Community etabliert. Der Gründer ist wohl ein Lahmer mit Rollstuhl, der sich dort eingerichtet hat und schwerlich des Platzes verwiesen werden kann. Er ist im Tee und meistens schläfrig. Zu ihm gesellen sich andere abgestürzte Typen, sie trinken und lassen alles fallen, was sie nicht mehr gebrauchen können. Ein Schnellzeichner bietet sich an, indem er Karikaturen von Filmstars ausstellt, aber wer möchte schon für seine eigene Karikatur Modell sitzen und bezahlen. Ein kleiner dünner Mann, dem die Beine nur unwillig gehorchen, geht quer über den Platz. Auf den Schienen der Tram bleibt er stehen und winkt in eine ungewisse Ferne. Wer könnte da stehen? Er sieht aus wie ein Spatz und kann nicht aufhören zu winken. Da ist immer noch niemand zu sehen. Der Sperling hat keinen, der ihm winkt. Vor dem Kaufhof hat sich wieder so eine Märchengestalt aufgebaut und versucht, die Vorübergehenden mit den Tönen eines Zwitscherinstruments zum Stehenbleiben zu animieren. Vergeblich. Ein Paar tritt aus dem Bahnhof heraus. Die Frau sieht gut aus, der Mann, mit dünnen blonden Haaren, bemüht sich, ihr zu Ehren den Bauch einzuziehen. Ich habe keine Lust zu laufen und nehme die Bahn für eine Haltestelle. Ein fülliger Schwarzer betritt die Bahn, sieht die vollbesetzten Bänke, geht in den nächsten Wagen. „Der Neger ist zu faul zum Stehen.” Ich nehme mal an, dass das ein Zitat ist. Alte Bücher auf dem Hackeschen Markt and food of many countries of the world. Muji, das japanische Kaufhaus, renoviert. Ich gehe in die Hackeschen Höfe und stelle fest, dass mich meine Erinnerung nicht trügt. Die Kunstbuchhandlung gibt es nicht mehr und ebensowenig das Restaurant gegenüber, auch nicht die Galerie im Trafohäuschen. Café Cinema, „das älteste Café am Hackeschen Markt”. Im langen Torweg zum Kino und zum Haus Schwarzenberg stoßen wie immer  Touristengruppen aufeinander, betrachten die Streetart an den Mauern und lauschen ziemlich ergriffen den englischen oder spanischen Worten der Guides, die von Anne Frank und der Blindenwerkstatt Weidt erzählen und das ziemlich gut machen.