Aufenthalt in G.

Herbst in G.
© Kopka

Quer durch die Stadt, in der sich nicht viel geändert hat (um nicht zu sagen nichts), zum Altstadthotel. Der Gast trifft auf Übergewicht, Flüchtlinge, Abgestürzte und Farbe, die vom Kino abblättert, auf das wir mal stolz waren, ein Neubau aus den sechziger Jahren, wenn er auch die Magie der alten Schauburg nicht hatte.

Backshops und Bäckerläden, vor denen die Leute sitzen und immer noch frühstücken. Das Hotel in der Baustraße. Der Gast hat niemanden, der ihn empfängt. Die Putzfrau, auch eine Migrantin, hilft ihm. Sein Zimmer kann er noch nicht beziehen, aber seinen Rucksack abstellen. Der Gast, der Zeit und Hunger hat (mehr Hunger als Zeit) wendet seine Schritte zum Markt, da gibt’s auch so eine Mischung aus Backshop und Restaurant, er kauft sich ein Mett- und ein Salamibrötchen, setzt sich vors Haus, vor ihm bellen zwei an einen Tisch angeleinte Dackelhunde, in seinem Rücken flucht eine Frau, die anscheinend unter dem Tourette-Syndrom leidet. So viele Zoten auf so engem Raum hat der Gast noch nie vernommen. Sie flucht auf irgendwen, vielleicht sogar auf ihn, den Fremden, bloß nicht umdrehen, denkt er, bloß nicht umdrehen. Der einzige Satz ohne Zote ist dieser: Ich bin ja nicht behindert, das heißt, körperlich schon, aber nicht geistig. Als er geht, muss der Gast feststellen, dass die Frau völlig normal aussieht, wenn man nicht genau hinsieht.

Klassenzimmer heißen jetzt Kabinette

Sie treffen sich um zwei zwischen zwei Schulgebäuden. Die Abiturienten des Jahrgangs 1962 sind alle mehr oder minder schlecht zu Fuß. Zu den gewöhnlichen Abnutzungserscheinungen kommen Trümmerbrüche und schlecht eingesetzte künstliche Hüftgelenke. Hier und da versteckt sich eine Depression, bei denen, die gar nicht erst erscheinen, wohl erst recht.

Das Highlight ist die Besichtigung des rekonstruierten alten Schulgebäudes unter Bewahrung der mittelalterlichen Bausubstanz. Der Direktor – er könnte unser Sohn sein – ist stolz und eloquent. Er spricht vom stark ausgeprägten Sicherheitsbedürfnis der Schüler und zeigt die modernen Unterrichtsräume in der alten Hülle, das Kunstkabinett, das Technikkabinett. Die Schüler von vorgestern sind skeptisch. Sie würden hier nicht sitzen wollen. Das sieht alles viel zu effizient und digital aus. Ihre Zeit eintauschen gegen diese? Sicher nicht. „Die Gänge mit den Klassenzimmern … gehören zu den Schrecknissen, die sich am festesten bei mir eingenistet haben”, schreibt Walter Benjamin in der „Berliner Chronik”, er erwähnt die Monotonie, den kalten Stumpfsinn, man würde es gern genauer wissen. Ist Schule schöner geworden? Schön wär’s.

Kurze Fahrt nach G.

Letztes Bild Berlin
© Fritz-Jochen Kopka

Zum Freitag kann ich sagen: Regional-Zug Karlshorst – Hauptbahnhof. Ich mache das obligatorische Foto des gläsernen Giebels, der für mich das Netzwerk des Reisens darstellt, in dem man sich leicht verfängt.

Zwei alte Mitschüler kommen mir entgegen, in deren Gestalten und Gesichtern ich auch mein Alter erblicke. (Ich sehe mein Alter in ihnen mehr als in mir. Welche Gnade. Welche Täuschung. Ich mach mir da keinen Kopf. Es ist wohl schon so, dass in unserem Inneren noch immer der Junge wohnt, der wir waren und der sich über die Jahrzehnte hinweg kaum verändert hat. Es gibt etwas Unveränderbares am Menschen; jetzt reicht’s aber auch mit der Spinnerei.) Sie kommen aus Dresden und wollen wie ich zum Jahrgangstreffen unserer alten Klassen und zum Schuljubiläum. Die Verbindung von Dresden über Berlin nach Güstrow ist suboptimal. Seit Stunden treiben sie sich schon auf dem Hauptbahnhof rum. Zwei Mecklenburger, die in Dresden gelandet sind. Aber sie sind auch Russen, haben in der Sowjetunion studiert, gearbeitet und russische Frauen geheiratet. Der Reiseprofi ist zuerst im Waggon, hält das Abteil frei, holt eine Flasche Radeberger und zwei Feldschlösschen-Gläser aus dem Rucksack. Für mich ist zum Glück kein Glas dabei. Es könnte zu unerwünschten chemischen Reaktionen führen, wenn man Radeberger Bier aus Feldschlösschen-Gläsern trinkt, sage ich, aber ich kann ihnen den Appetit nicht verderben. Der Dresdner lässt auf sein Radeberger nichts kommen.

Jetzt sitzen wir hier und haben zwei Stunden Zeit zu erzählen, was wir so machen in unseren späten Jahren. Fritz joggt, Gunter fährt Rad, Heino baut Flugzeuge. Fritz bloggt, Gunter kocht, Heino baut Flugzeuge. Fritz hat kürzlich noch ein neues Hobby als Kunstfälscher gefunden (Ich habe keine Bildideen, aber das Kopieren fremder Bilder gelingt mir gut). Gunter liest seit Jahren keine Romane mehr und sieht auch keine Spielfilme. Heino ist in einem Flieger-Club, das größte Flugzeug, das er baute, misst vier Meter. Gunter ist ein Opernfreund geworden. Er hat viele Opern aufgenommen, und wenn seine Frau in ihre Bauchtanzgruppe geht, legt er eine Opern-DVD ein und genießt. Singst du dann mit? Nein. Er hasst es auch, wenn Opern modernisiert werden; wenn etwa die klassischen Opernhelden Wehrmachtsuniformen oder Jeans tragen. Was soll das, ja, was soll das. Das ist für mich noch keine echte Modernisierung, sage ich, das sind reine Äußerlichkeiten. Warum soll man nicht die großen alten Romane neu übersetzen, warum soll man die alten Geschichten nicht mit neuen Augen sehen.

Erstes Bild Güstrow

Die Fahrt vergeht schnell. Für mich hat sich die Reise zu den Wurzeln schon gelohnt. Die Lebensverläufe der anderen zu vergleichen; bereden, was man noch rausholen kann aus diesem Stück Leben, und einfach mitkriegen, dass die anderen auch nicht schlauer oder blöder sind.

Die Russen werden vom Amerikaner im E-Auto abgeholt, also von jenem Mitschüler, der nach Kalifornien gegangen war und nun wieder zurück ist. Meine Frau und ich, sagt der Amerikaner, wir wissen nicht, ob wir jemals wieder eine weiße Haut bekommen werden. Die Sonne Kaliforniens ist unauslöschlich.

Ich fotografiere die Weiden, die ihre langen Wimpern in den Nebel-River hängen lassen, wie ich es immer tue, wenn ich in Güstrow ankomme.

Der Schlaf des Gerechten (10)

Diese Beine werden wandern, wandern …
© Fritz-Jochen Kopka

Wir sind kaum aus der U-Bahn raus, da stehen wir schon im Volkspark am Weinbergsweg. Menschen nach dem Zufallsprinzip über eine Wiese verteilt. Paare, Gruppen, Familien, viel Platz dazwischen, die meisten sitzen, einige stehen, vorne haben zwei Radfahrer ihre Räder gegen die Umrandung des Teichs gestellt, um Bier zu trinken und zu reden, einer trägt sogar Schlips, ein Rad ist rot, ein Rad ist schwarz, ein paar Meter weiter schläft ein erschöpfter Wanderer mit dramatisch aufgestellten Beinen neben einer Flasche Sternburg Pils. Eine einsame Laterne brennt, müsste gar nicht sein. Die Wiese wird gesäumt von herbstlich werdenden Bäumen. Ein Flaschensammler schleppt zwei Plastiktüten voller Flaschen, sein Jackett sieht aus, als hätte er es ebenso aufgesammelt wie die Flaschen.

Hier sehen wir nun mal einen Schläfer im öffentlichen Raum und am hellen Tag, um den wir uns keine Sorgen machen müssen. Er trinkt das billige Bier, er trägt die leichten Schuhe (einen Schnürsenkel hat er gelöst), er wandert mit leichtem Gepäck durchs Land. Die Umrandung des Teichs spendet ihm Schatten, er hat an alles gedacht, und er hat die seltene Gabe, sich so hinzulegen, dass ihm nicht alle Knochen wehtun, wenn er aufwacht und aufsteht. Solche Leute können auch Fußballtorwart werden, aber diesem hier ist die Freiheit seiner Beine wichtiger. Sie träumen schöne Träume. Wer freie Beine hat, hat auch einen freien Kopf.

Nach der Wahl ist vor der Wahl

Männer ohne Eigenschaften, aber voll im Trend
© Fritz-Jochen Kopka

Juvenile Rentner: Jede Morgen kann ich mir aussuchen, welche Heldentaten ich im Laufe des Tages vollbringen möchte.

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Die Fehler des Kopisten sind ja gerade das, was seine Bilder einmalig macht.

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Ich bin zwar manchmal ordinär, aber niemals primitiv.

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Seltsam, dass besonders grobe Leute so gern die Formulierung „vom Feinsten” verwenden. Das ist wirklich vom Feinsten.

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Leuten misstrauen, die sich ständig gelangweilt fühlen, zum Beispiel vom Tatort. „Serviert mir gefälligst Spannung.” Spannung ist doch ein zweiseitiges Phänomen. Den stumpfen Charakter kann man nicht herausfordern. Der mufft vor sich hin.

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Die Ostdeutschen haben es gelernt, alles was schief lief in ihrem Leben, der DDR in die Schuhe zu schieben. Und die Westdeutschen haben sie darin bestätigt. (Und selbst, wenn es so gewesen wäre mit der Schuld der DDR – hilfreich war diese Haltung nicht.)

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Da steht nun einer vor Gericht, der einen AfD-Mann Fascho genannt hat. „Ich hatte nicht die Absicht, den Herrn zu beleidigen. Ich dachte, der freut sich. Ich wollte ihm ’ne Freude machen.”

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„Die Stasi war mein Eckermann” … und ich war mein Goethe.

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Deutschlandfunk Kultur: Die Moderatorin sagt „Teenagerin”. Es ist offenkundig kein Versprecher. Und der Moderator später spricht von Nick Cave als dem bestangezogensten Mann der Pop-Branche. Er weiß es nicht besser. Ein Superlativ ist schlimm genug, aber der doppelte in einem Wort: Horror. Kürzlich hat sich das Deutschlandradio Kultur in Deutschlandfunk Kultur umbenannt. Eine andere Umbenennung wäre angebrachter gewesen.

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Der Hochmut der Unterschicht gegenüber allen, die vermeintlich noch etwas tiefer stehen, und allem, was sie nicht verstehen. Die Wut über alle, denen es vermeintlich zu gut geht. Die Untertänigkeit vor der Macht.

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Der einsame Gärtner in der Erntezeit: Die ganze Scheiße verfault. Er hat keinen, der das pflücken und essen will.

„Der Gärtner hat keinen, der das frisst.”

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„Sie war die erfolgreichste, sozialdemokratischste Ministerin.” Auch Deutschlandfunk Kultur. Wer lernt mir englisch sprechen? Lern erst mal deutsch.

 

 

Wähler sind keine Helden

Na ja. Der Spaß hielt sich trotzdem in Grenzen.
© Fritz-Jochen Kopka

Wir wählten um eins, 13 Uhr, also gleich nach dem Frühstück. Vergiss nicht die Wahlbenachrichtigung, vergiss nicht deinen Personalausweis, das alles werden wir brauchen. Es regnet so, dass man keinen Schirm braucht, andere schon. In diesem trüben Licht das magische Grün der Wiese des Seeparks. Uns entgegen kommt ein vollschlankes Paar mit breitem Gang. Soll ich dir sagen, was die gewählt haben? Sie haben die für diese Zeit typischen Jetzt-haben- wir- es-denen-aber-mal-gezeigt-wir Helden-Gesichter. Ja. Okay. Und wir wissen, was uns blüht. Gewählt wird in der ehemaligen Schule unserer Kinder, die hier immer Disziplin-Schwierigkeiten hatten. Das fanden wir gar nicht so schlecht. Jetzt nennt sich das Kreativitätsschulzentrum Berlin. Klingt gut. Das Schild „Zum Wahllokal” steht auf dem Kopf, ein anderes liegt schon darnieder. Unser neuer Nachbar passt auf seine beiden Zwerghunde auf, während seine Frau wählt, dann tauschen sie die Rollen. Im Wahllokal sieht’s gemütlich aus. Viel Spaß steht mit Kreide an der Wandtafel. Ein Wahlhelfer verzehrt sein Käsebrot. Jetzt brauchen wir unsere Wahlbenachrichtigung und unseren Personalausweis. Meiner ist brandneu. Der alte war abgelaufen. Mit dem hätte ich wahrscheinlich gar nicht wählen dürfen. In der Wahlkabine schaue ich mir den Wahlschein an. Ich gehe immer auch nach Personen. Einige kann ich überhaupt nicht wählen, andere kann ich noch ertragen und einige wenige kann ich mit Überzeugung ankreuzen. So. Das war’s. Es gibt auch im Osten eine Parteienbindung.

Wir hatten es ganz gemülich mit den schönen großen Butterbrotpaketen, die wir uns von zu Hause mitgebracht hatten.

Am Abend geschieht dann sowohl das, was zu erwarten war, als auch das, was nicht zu erwarten war. Der Triumph der AfD. Die Verluste von CDU und CSU. Der tragische Irrtum Martin Schulz. Die Medien wissen natürlich sofort, welche Fehler die Parteien gemacht haben. Sie könnten aber auch wissen, welche Fehler sie selbst gemacht haben, dann wären wir schon ein ganzes Stück weiter. Einen Dienstmädchen-Skandal ausgraben, einen e-Mail- Skandal breittreten – da sagen die Leute doch, jetzt gerade. Alexander Gauland – er ist wie der alte Zausel von nebenan, der die neue Zeit nicht mehr verstehen kann und erst recht verstehen will und ernsthaft glaubt, er könnte sie zurückdrehen. Immerhin zeigt er sich nicht in überschäumender Siegeslaune. Er hat immer die gleiche querulantische Gemütslage im Gegensatz zu seiner Co. Alice Weidel ist eine Kunstfigur. Wie von Carlo Collodi erfunden, ein weiblicher Pinocchio. „Man kann die Geschichte lesen als Allegorie des Menschen, der sich trotz misslicher Voraussetzungen und ständiger Rückschläge am Ende bewährt” („Lexikon literarischer Gestalten”). Sie hat viel von Otto Waalkes gelernt, setzt seine Gesten und Mienenspiele nur subtiler ein, eine Politikerin will ja nicht in erster Linie als Komikerin wahrgenommen werden.

Heute hören wir: Frauke Petry hat in Sachsen ein Direktmandat gewonnen, möchte aber dieser Krawallfraktion nicht angehören. Da haben nun also Politiker und Medien offensichtlich monatelang auf die falsche Person geschossen.

Ich stelle fest, dass man bei einer Wahl weder Mut, noch Intelligenz, noch Bildung, noch Charakter braucht. Eigentlich brauchte man auch keinen Trotz, keine Wut und keine Rachegelüste. Was sagt uns das? Keine Ahnung. Der Wähler ist jedenfalls kein Held. Die Politiker müssen sich nicht bei uns bedanken. Wir erfahren hier nur, wie groß oder klein die Gruppe ist, zu der wir uns (vorübergehend) zählen.

 

Berlin Alexanderplatz (30): Freitag mit Fettflecken

Uff der Hütte fehlt noch das Dach, Kumpel
© Fritz-Jochen Kopka

Der Alexanderplatz baut das Oktoberfest auf. Wie jedes Jahr. Irgendein Fest wird hier immer aufgebaut, aber gegen den Ruf, dass der Platz unwirtlich sei, hilft das nicht.

Septembersonne. Ältere Herrschaften kneifen die Augen zusammen. Sie wollen sich nicht blenden lassen im Gegensatz zu den jüngeren. Es sind dieselben Hütten, die das Fest gestalten werden, dieselben Berghütten, und es wird wie immer Hiesiges und Fremdes geboten werden, Bratwürste, Buletten, Lebenkäs und Weißwürst’. Blau, blau, blau ist der Enzian.

Die schweren Düfte der Parfümabteilung im Kaufhof. Ich kriege Kopfschmerzen. Frauen lassen sich schminken und stylen. Nie haben sie so viel Geduld wie in dieser Stunde. Der Außenmitarbeiter eines Winzers verkostet seine Weine. Eine Dame mit schäbigem Mantel ist interessiert. Gibt sich auch sehr kenntnisreich. Von Wein versteht sie viel. Der Außenmitarbeiter lässt sich nichts anmerken. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Ich fahre rauf in die Schreibwarenabteilung. Der Lamy-Füller, den ich mir hier kaufte, hat mir den Glauben an meine Handschrift zurückgegeben. Ich halte nach neuen Modellen Ausschau. Die Verkäuferin lässt eine Schachtel mit Bleistiften fallen und sammelt die Stifte zurück in die Schachtel. Ist doch klar, dass die Minen alle zerbrochen sind.

Unten steht die Dame noch immer bei dem Verkoster, inzwischen hat sich eine zweite Umsonst-Trinkerin hinzugesellt. Der Verkoster wahrt noch seine Fassung. So lang der Vorrat reicht.

Draußen trommeln die Trommler. Die Pflastermaler malen für eine Weltreise.

Die Wohnblocks aus DDR-Zeiten altern ungebremst. Ihr Schicksal ist besiegelt.

Vor dem Hofbräu wartet Verheugen im grünen Military-Look. Wir finden einen Platz am Fenster mit Rückenlehnen an den Sitzbänken. Reisegruppen begrüßen mit Gebrüll und Gekreisch ihre verlorengegangenen Gefährten. Berlin hatte sie verschluckt. Sie sind gerettet. Jetzt geht die Party richtig los.

Gehören Sie zur Reisegruppe? Nein. Dann ist hier reserviert. Hier steht kein Schild. Es ist aber seit einer halben Stunde bekannt, dass hier reserviert ist.

Mit dieser Art von Haxenfressern wollen wir nichts zu tun haben. In dieser Oktoberfest-Zeit sollte man sich andere Plätze suchen. Wir strafen das Hofbräu Berlin mit unserer Flucht und nutzen die Ungunst der Stunde, um es bei Monsieur Vuong zu versuchen, dem Kultvietnamesen in der Alten Schönhauser, wo man normalerweise reservieren muss, aber wir haben Glück. Die kleine Kellnerin hat mit ihrem vertrauten Ton Verheugens Herz sofort erobert („als kennten wir uns schon ewig”). Die Speisekarte ist englisch, hier hat Unionsfreund Spahn noch keinen Zugriff. Kleine Überraschungen, wenn die Speisen serviert werden, sind möglich. Aber alles ist gut, auch das Tiger-Bier.

Tage später beschwert sich Verheugen, dass alles voller Fettflecke sei, sein Hemd, seine Jacke, seine Hose.

Das kannst du dem Vietnamesen nicht vorwerfen, sage ich. Wir sind noch nicht so gut darin, mit Stäbchen zu essen. Aber das könnte ein neuer Look werden. Kleidung mit anarchischen Fettflecken.

Man hätte vielleicht ein Regencape zum Essen tragen sollen.

Wenn es Arbeitskleidung und Sportkleidung gibt, warum gibt es denn dann keine modische Essenskleidung? Das wäre sogar ein Geschäftsmodell.

Die Kultur der Anderen

Bei den Spitzenkandidaten mag es schon wieder ganz anders aussehen. Ich glaube aber nicht 
© Fritz-Jochen Kopka

Da die „Berliner Zeitung” in der Hauptstadt geplant, recherchiert, geschrieben und vertrieben wird, ist sie natürlich eine Hauptstadt-Zeitung, wie genau man das Hauptstädtische im Übrigen auch definieren möchte.

Am Wochenende wollte sie, also die „Berliner Zeitung”, von Berliner Bundestagskandidaten wissen, was sie lesen, hören, sehen. Sie fragte also ungeniert nach dem Kulturniveau unserer Politiker, und dabei kam Folgendes heraus: Die Kandidaten mögen Filme wie „Love Story”, „Das Leben ist schön”, „Forrest Gump”, „Winnetou”, „Das Boot”, „Vom Winde verweht” und „Pulp fiction”. Als Berlin-Film bevorzugen sie den Kolportageschinken „Das Leben der Anderen”. Am Sonntagabend sehen sie am liebsten die Kasperköpfe des Münsteraner Tatorts, Thiel und Professor Börne alias Prahl und Liefers. Interessant, dass bei den Büchern keines zwei Mal auftaucht. Da gibt es also keine Übereinstimmungen, außer bei der speziellen Frage, welches Buch sie nicht zu Ende gelesen haben, da führt „Der Zauberberg” von Thomas Mann, der mit den „Betrachtungen eines Unpolitischen” noch ein weiteres Mal in dieser Minus-Rubrik vertreten ist. Als bestes Berlin-Lied werden „Dickes B” von Seeed und „Schwarz zu Blau” von Peter Fox bevorzugt.

Wir können also sagen, dass wir mit unseren Politikern mindestens auf Augenhöhe sind. Sie tun damit etwas für unser Selbstbewusstsein. Die größten Wüsten breiten sich für meinen Geschmack bei Büchern und Filmen aus. Da sind sie, die Politiker, wohl am nachhaltigsten auf Hilfe und Rat angewiesen.