Grau ist das alte Bunt

Er las im roten Pullover. Links neben mir Jürgen Hohmuth, rechts über mir das Foto mit der Normaluhr
© Corinna Fricke

Schon wieder eine Kunst-Tour und das am Sonntag, 1. Advent. Mit S-Bahn und M 2 zum Georg-Büchner-Buchladen Wörther Str. 16. Kein Mensch kann diese Gegend wiedererkennen. Einige Dutzend, wenn nicht hundert Male hat sich hier das Wunder des Malachias ereignet. Häuser, die verschwunden sind. Selbst einige tapfere Nachwendegründungen, ich sage nur Piepers Kneipe, genannt Sozialstation, sind nicht mehr auffindbar.

Vor dem Laden stehen der Verleger sowie der Herausgeber. Der Herausgeber ist auch gleichzeitig der Hauptautor, nämlich der Fotograf Jürgen Hohmuth. Der Band „Graustufen” zeigt, wie es hier und anderswo ausgesehen hat zu DDR-Zeiten und wie die Leute damit umgegangen sind. Wie sie es ertrugen, wie sie sich ertrugen, wie unerschütterlich sie waren und wie erschütterbar.

Die Regale im Laden sehen gut aus, so kann sich eine Buchhandlung sortieren im digitalen Zeitalter, und alle Plätze sind längst besetzt. Aber wir stehen auch gern und sehen alles aus der Distanz.

Die Helden des Ostens sind versammelt. Sie müssen nicht mehr jammern, sie müssen auch nicht mehr so tun, als seien sie was Besseres oder Edleres. Sie haben ihre Mitte gefunden. Hohmuths Bilder tragen dazu bei. Der Verleger, Jochen Stamm von der Edition Braus, spricht, Jürgen Hohmuth spricht, das Buch entstand wie von selbst, es zeigt die vielen oder soll ich sagen unzähligen Graustufen des Ostens, das Grau ist das alte Bunt. Die Stimmung ist generös und familiär im besten Sinne. Alle erschienenen Autoren werden genannt. Und dann schickt es sich so, dass einer nach dem anderen seinen Text liest, fast am Ende auch ich. An die Wand wird das jeweilige Foto projiziert, die Atmosphäre der verlebten Jahre ersteht.

In dem Moment habe ich das Buch zum ersten Mal in der Hand, und sehe zu meinem Erstaunen, dass unter meinem Text „Die Normaluhr” ein fremder Satz steht: Was meinen Sie? Das gibt noch mal einen netten Gag. Der Satz ist nicht von mir, sage ich, der muss von dem Mailwechsel mit der Lektorin stehengeblieben sein. Andere mögen sich ärgern, wir alle können herzlich darüber lachen.

Letzten Endes befreit man sich selbst.

Was meinen Sie?

Keine Keule

Moral hat sich davongemacht

Ken Loachs’ „Angels’ Share”. Ein Film über Jugendgewalt und teuren Whisky. Das Unglaubliche geschieht: Robbie, der Schläger, der gerade noch mal dem Knast entkommen ist, weil er eine schwangere Freundin hat, dreht das große Rad und macht mit dem Diebstahl von superteurem Whisky (gemeinsam mit einer Gruppe von ebenfalls kriminellen Jugendlichen) die Kehrtwende in seinem verkorksten Leben. Er verkauft das Diebesgut für eine irre Kohle und ist ein gemachter Mann. Und der Film lässt ihn damit davonkommen. Geld, Job, Kleinbus, Häuschen, Freundin und Kind auf dem Weg ins Glück. Nicht die Strafe, das Glück folgt auf dem Fuße. Der Film hat keine Moral und denkt sich nichts dabei.

Tags darauf „Ariel” von Aki Kaurismäki. Taisto Kaisurinen fährt im dem offenen Cabrio durch den finnischen Winter. Wieder ein Film ohne Moral. Hans im Glück. Taisto im Unglück. Kaum hat er sein gesamtes Geld von seinem Konto abgehoben, tauchen schon zwei Halunken auf, die ihm mit der Flasche auf den Kopf hauen und ihm das Geld klauen. Einen von ihnen erkennt Taisto wieder, knöpft ihn sich vor, aber das Recht ist auf der Seite des Verbrechers. Taisto im Knast. Bricht aus, plündert eine Bank, erschießt zwei Erpresser und gelangt mit gefälschten Papieren, Freundin und Kind auf den Dampfer nach Mexiko.

Auch Taisto holt das Recht nicht ein.

Wir sitzen da und wissen nicht weiter. Sind es so gewöhnt, dass am Ende die moralische Keule geschwungen wird und haben das Gefühl, uns rechtfertigen zu müssen.

 

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Irmgard Keun, eine von uns

Sieht uns an.
Schuber der Ausgabe, Ausschnitt

Bei Wallstein in Göttingen haben Heinrich Detering und Beate Kennedy eine Irmgard-Keun-Ausgabe herausgegeben*: Irmgard Keun: Das Werk. Drei Bände im Schuber. Band 1: Weimarer Republik. Band 2: NS-Deutschland und Exil. Band 3: Nachkriegszeit und Bundesrepublik. Eine großartige Sache (auch wenn die Ausgabe mir zunächst eine wenig kompakt erschien für Irmgard Keun und ihre leichthändigen Romane). Ich hatte keine Ahnung, dass Keun nach dem Krieg noch so viel geschrieben hat.

Irmgard Keun, das ist: „Gilgi, eine von”. „Das kunstseidene Mädchen”. „Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften”. „Kind aller Länder”. „Ferdinand, der Mann mit dem freundlichen Herzen”. Und viel, viel mehr, wovon wir nichts wussten. Das können wir jetzt lesen.

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung hat die Ausgabe mit in ihr Geschenke-Extra zu Weihnachten aufgenommen. Eine von 32 Empfehlungen. Das ist gut und liegt auf der Hand. Aber dann kommt der Unmut. Er beginnt mit so einem Satz: „… während man es liest, ist man beleidigt von der deutschen Literatur, da es keinen Sinn macht, dass Irmgard Keun noch immer von Männernamen verdeckt wird.” Da quietscht nun auch hier das Me Too zwischen den Zeilen. Ist denn, weil es jetzt gerade so passt, auch die deutsche Literatur ein einziger Geschlechterkampf? Für mich war Irmgard Keun nicht von Männernamen verdeckt, warum auch, ich kenne keinen, für den das so gewesen wäre. Aber weiter geht’s: „Denn sie schrieb schneller, klarer, in einer Sprache, die selbst im Jetzt ganz neu klingt. Keine gedunsenen und vollgestellten Sätze wie die von Joseph Roth, kein neureicher sprachlicher Exhibitionismus wie der von Thomas Mann, keine Posen des Pseudoproletarischen, wie die von Bertolt Brecht.”

Okay. Wenn ich eine Irmgard Keun nur loben kann, indem ich Joseph Roth, Thomas Mann und Bertolt Brecht zur Sau mache, dann bin ich wirklich arm dran. Das ist einfallslos, dümmlich, ein schwerer Charakterfehler und ganz mieser Stil. Alles, was ich zum Lob Irmgard Keuns sagen kann, kann ich aus ihr selbst holen, aus ihrem Werk. Leider hat die Empfehlung in der FAS eine Frau, Anna Prizkau, geschrieben.

War das jetzt schon wieder sexistisch?

* Zusammen mit der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Wüstenrot Stiftung

 

 

 

Letzte Woche: Horst Hussel

Mitunter war viel los auf Hussels Bildern
Aus: Ein Album für Gerhard Lampersberg. Haus am Lützowplatz Berlin 1993

Letzte Woche ist Horst Hussel gestorben, weitgehend unbemerkt, wie das normal ist in einer westlich geprägten Medienlandschaft; es ist ihm kaum etwas nachgerufen worden. Hussel, der Vorpommer, 1934 in Greifwald geboren, hätte daraus wahrscheinlich eine Anekdote gemacht. Die Zeitung weiß, dass ich nur im fernen Sibirien bekannt bin.

In dem Lehrlingswohnheim, in dem ich Anfang der sechziger Jahre steckte, Schwerin, Steinstraße 23, wurde die Erzieherin Hussel nicht müde, von ihrem berühmten Neffen zu erzählen, dem Maler Horst Hussel, den natürlich keiner von uns kannte. Auch Frau Hussel war künstlerisch angehaucht; sie batikte aus Leidenschaft und versuchte, die Lehrlinge für diese Textiltechnik zu gewinnen. Als ich Horst Hussel ein halbes Menschenleben später auf diese batikende Tante ansprach, sagte er: Kenne ich nicht. Was sein kann, aber auch nicht sein kann, denn Hussel sagte oft Sachen, für die Wahrheit kein Kriterium war. Übrigens hatte Batik, damals in der DDR, einen ganz speziellen Ruf: Wer batikt, plant nicht die Konterrevolution, sagten die originelleren unter den Funktionären.

Hussel war Zeichner, Grafiker, Buchgestalter und Autor. Er hatte an mehreren Kunsthochschulen studiert, war aber nie weit gekommen. Auf seine stoische Weise fügte er sich nirgendwo ein.

Der nächste, der von Hussel erzählte, war mein Freund Eckart Krumbholz, der selber wunderlich genug war, dass Hussel Lust hatte, seine Bücher zu gestalten. Zeichnungen, Vignetten, allerliebste Vorsatzpapiere. Krumbholz war auch der Mensch, der am meisten über Hussel wusste und das, was Hussel preisgab, deuten konnte. Er berichtete von einer Freundin Hussels, der nach gemeinsamen Jahren irgendwann der Kragen platzte: „Das stimmt doch nicht, was du dauernd erzählst.”

Hussel schwieg. Es war verwunderlich, dass der Frau das jetzt erst auffiel. Dass seine Erzählungen stimmen sollten, war das letzte, woran ihm etwas lang. Dabei war er kein Lügner, sondern ein Erfinder. Seine Bilder sind voller seltsamer Formen und Gestalten. Und seine Gestalten wirkten wie Zwischenwesen aus Mensch, Pflanze und Tier.

Aus: Hageböck. Friedenauer Presse 1992

Es muss wohl über zehn Jahre her sein, dass Hussel im Domizil im Berliner Dom aus seinen Werken las. Er sah gut aus. Schlanker geworden, das Haar weißer und spärlicher, die ruhige Gewissheit ging von ihm aus, er habe etwas besiegt, Schwermut, Alter, Einsamkeit, Angst, was und für wie lange auch immer. Er las zwei Fritz-Geschichten aus einem Buch, das eher ein Heft war, auf dem in Sütterlin-Schrift eben Fritz stand, das sind zwei Geschichten, die nicht gut ausgehen, meinte Hussel, Fritz, der, wo er geht und steht, Aquarelle malt, und Fritz, der heiraten zu müssen meint und eine Frau auf dem Bahnhof und in der Oper sucht. Er ist ein Querkopf, der sich einerseits pedantisch an bestimmte Regeln hält und dabei alle anderen Regeln verletzt. Zum Höhepunkt las Hussel aus einem großen, schönen, selbstgemachten Buch, den Tagebuchblättern Albrecht Kasimir Bölckows, dieser erfundenen Komponisten-Gestalt, die er immer wieder mit authentischen Figuren verschränkt, wobei die selbstverständlichsten Unwahrscheinlichkeiten entstehen, ja, Sie lachen, sagte er den Zuhörern, aber Sie können das alles hier um die Ecke bei Dussmann kaufen. Kaum konnte er seine Freude darüber verbergen, dass es ihm gelungen war, eine CD herzustellen mit Bölckow-Werken, Chor und Sensen, menschliche Stimmen und landwirtschaftliche Arbeitsgeräte. Ein weiterer Beweis, dass es Bölkow wirklich gab, jedenfalls in Hussels Kosmos.

Als wir ihn in seinem Atelier in Pankow besuchten, hatte er gerade Vergnügen daran, einen Mann zu spielen, der ewig in Dilemmata steckt. Der Arzt hat mir nämlich verboten, Alkohol zu trinken, sagte er, und der Sekt floss in Strömen. Wir kauften einige Blätter, was ihn ebenfalls zum Klagen veranlasste. Das geht alles nicht über die Bücher. Mein Galerist macht mich fertig. Ich darf ja nichts rausgeben.

Damals war er mit einer Freundin zusammen, die der Meinung war, mit ihm sei nichts los. Können Sie mir nicht zwei Karten für die Silvester-Messe in der Marienkirche besorgen?, fragte er.

Konnten wir nicht. Und das war ihm wohl ganz recht. Für Frauen war es besonders schwer, Hussel einzuschätzen. Für die eine war er ein Spinner, für die andere eine trübe Tasse. Hussel war fest davon überzeugt, dass sie es eigentlich besser wissen müssten.

Bye, bye Jamaika

Die Hunde hierzulande leiden nicht mehr

Ich habe gelitten wie eine Hündin, sagt Katrin Göring-Eckardt vorbildlich korrekt über ihre Gefühle während der Sondierungsgespräche. Da bekommt man gleich noch einen Hinweis, warum diese Gespräche scheitern mussten. Die pingelige Art, sich auszudrücken und wahrscheinlich auch die Welt zu sehen. Da müssen Redewendungen umgetextet werden, damit ja keiner auf die Idee kommt, eine Grüne verletzte das feministische Fairplay. Leiden wie ein Hund – da ist das Geschlecht überhaupt nicht angesprochen. Man könnte auch sagen: leiden wir ein Tier. Katrin Göring-Eckardt würden dann sicher sagen: Ich habe gelitten wie eine Tierin. Sie denkt übrigens beim Verwenden dieser Redewendung auch nicht daran, dass dieser Satz total veraltet ist. Heutzutage leiden die Hunde (und die Hündinnen) am wenigsten. Sie werden vielmehr verwöhnt. Da kann mancher Mensch nur von träumen.

Und die SPD ist nach dem Scheitern von Jamaika angeblich in der Klemme. Nach der Wahlpleite hat sich die Partei mit großer Geste von der großen Koalition verabschiedet und alle haben gejubelt. Richtig so. Aber nun, wo eine Minderheiten-Merkel oder gar Neuwahlen drohen, soll die SPD sich nicht so haben, nicht nur an sich denken und schnell mal umfallen. Verantwortung zeigen. Und die Partei schwankt. Wie sie sich auch entscheidet: Der Wähler wird es nicht honorieren. Dabei ist die Sache einfach. Wenn es um das Land geht, könnte die Partei sagen, werden wir uns nicht verweigern. Aber bitte mit frischem Personal. Angela Merkel hat genug geleistet. Ihre Ära dürfen wir nicht verlängern.

Und schon läge der Ball wieder im Feld der CDU.

Der Don Quijote unter den Palmen

Ja, ja, sie lebt noch

Diese Palme ging uns schon lange auf die Nerven. Sie wuchs in die Höhe, hatte einen sehr hohen, sehr dünnen Stamm und oben nur wenige Stechblätter, zu einem Büschel geformt. Sie war der Don Quijote unter den Palmen. Aber wir wissen alle, dass Pflanzen sich erholen können und es einem danken, wenn man sie mit besonderer Fürsorge bedenkt. Mit ihr hatten wir allerdings schon viel Geduld gehabt, nun warf sie auch noch jede Brise um, die Töpfe zersprangen, so dass wir beschlossen, uns ihrer zu entledigen. Raus aus dem Topf, in einzelne Stücke zersägt, der Wurzelballen mit dem Rest des Stamms kam auf den Kompost. Ist ja klar, was dann passierte. Der Stamm schlug aus, an mehreren Stellen. Er stand monatelang auf dem Kompost, bekam keinen Dünger und kein Wasser (außer Regen), er war sich selbst überlassen, aber die neuen Blätter entwickelten sich wie in der jungen Sowjetunion das Flugwesen. Dem Frost wollten wir die Palme nicht überlassen. Während ich die Wurzeln kürzte und die Pflanze wieder in den Topf tat, sagt Andrea bewundernd: Was die für einen Überlebenswillen hat!

Exemplarisch. Die Palme lässt uns an die reale Möglichkeit von Reinkarnationen glauben. Sie ist ins Leben zurückgetreten und hat mit der Pflanze, die sievorher war, nicht mehr viel Ähnlichkeit; hat sich, nachdem ihr Ende besiegelt schien, neu erfunden. Können wir daraus für uns lernen? Mal sehen.

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Östliche Bilder, preußische Speisen

November 18, 2017 2 Kommentare

Fünf Gebäude ergeben noch kein Ensemble
© Fritz-Jochen Kopka

Die Kunstreise, die Verheugen und ich unternehmen, scheitert in keinem Punkt. Regionalzug von Alexanderplatz nach Potsdam Hauptbahnhof. Der Weg vom Bahnhof zum Barberini Museum ist kurz, führt über eine Brücke, wir sehen das umkämpfte DDR-Hotel „Mercure”, das Günter Jauch, Hasso Plattner und Mathias Döpfner am liebsten persönlich abreißen würden. Es gibt zwei Potsdams. Jenes, der Ureinwohner, und dieses der neu zugezogenen Stifter und Spender, die das preußische Potsdam wieder haben wollen, wozu sie die Spuren der DDR beseitigen müssten, aber die Alteingesessenen haben unter der DDR offensichtlich nicht so gelitten, wie diese Neubürger, die sie, die DDR, nicht erlebten. Und dann gibt es noch uns, die Berliner, die der Meinung sind, dass die wirkliche Stadt in Potsdam nirgendwo anfängt. Alles ist flach, zufällig und fügt sich nicht zusammen. Du hast doch gesagt, sagt Verheugen, dass in Potsdam auch die dünnen Leute dicke Ärsche haben, wo sind die denn. Sie lassen die heute nicht raus, sage ich.

Lost in Exhibition

Im Museum Barberini, das der Software-Unternehmer Hasso Plattner so großzügig und vorbildlich wieder aufgebaut hat, zeigen sie unter dem Titel „Hinter der Maske” DDR-Kunst und wollen in einer vornehmen Geste vorführen, dass es nicht nur platten sozialistischen Realismus im Osten gab. Aber das wussten wir schon. Trotzdem ist es großartig, hier viele schöne Bilder wiederzusehen und einige Entdeckungen zu machen. Für schlappe 14 Euro. Der Herr ist aus der alten DDR, sage ich und zeige auf Verheugen, er hat gehört, dass er hier für die Hälfte reinkommt. Die Kassiererin ignoriert die Bemerkung total. Mit deiner Art von Humor können sie hier nichts anfangen, sagt Verheugen. Er hat den Eintrittspreis längst in Schnaps umgerechnet. 14 Euro, sagt er, das wäre eine ganze Flasche Johnny Walker. Davon hätte ich länger was. Das kannst du doch gar nicht wissen, sage ich. Einige Bildeindrücke prägen sich deinem Gedächtnis ein und werden dich noch lange beschäftigen, bis in die Träume. Warum nimmt der so viel Eintritt, der Plattner, mosert Verheugen. Der hat hier viel Kohle reingesteckt; das muss sich einigermaßen rechnen, sage ich. Wenn er kein Geld hat, dann soll er sowas nicht machen, sagt Verheugen. Er drückt seinen Unmut aus, indem er vor jedem Bild grämliche Grimassen schneidet.. Dann aber erwärmt er sich für das Gemälde „Hinter der Tür” von Wolfgang Peuker und ein Atelierbild von Otto Möhwald. Das ist Poesie, sagt Verheugen, das ist poetisch.

Hinter der Tür von Wolfgang Peuker

Ich sehe eine mir bekannte Gestalt auf einem Gemälde von Arno Rink, den Kunstkritiker Henry Schumann, wie er in meinen Studentenjahren mürrisch im Café Korso in Leipzig saß, mit dicken Brillengläsern und dicken Lippen, er sah aus wie ein Buchhalter, und dann war plötzlich sein großartiger Band „Ateliergespräche” da, besonders originell war das Gespräch mit Werner Tübke, der nicht müde wurde, Schumann zu belehren und zurechtzuweisen. Er war ein ganz spezieller Fremder, ich meine Tübke, wir saßen auch mal in seinem Atelier und waren impertinent genug, ihn zu fragen, ob er Depressionen kenne, das geht über die Grenzen, meine Herrschaften, diese Fragestellung, sagt er, aber die Frage nach Selbstzweifeln ließ er zu: Das kommt doch gar nicht in Frage. Aber natürlich weiß ich: Was du heute Vormittag gemacht hast, das ist zwar in Ordnung, aber es hätte ein Spur eleganter kommen können.

Einige Selbstbildnisse von Tübke finden wir in der Ausstellung, irgendwo im Süden, mit breitkrempigem Hut, mit schnellen Hunden, ein Mann, der vielleicht auch sich selbst fremd war. Willi Sitte, och unter dem Einfluss von Pablo Picasso. Künstlerbilder von Harald Metzkes und Peter Herrmann, berühmte Maler wie Wolfgang Mattheuer und Bernhard Heisig, weniger bekannte wie Jutta Damme und Thomas Ziegler.

Es bleibt doch wie immer Enttäuschung und Leere zurück, sagt Verheugen draußen vor der Tür. Er ist in seinen Pessimismus verliebt. Hinter der Maske. Das impliziert, dass in der DDR alle eine Maske trugen, und dass nur zählt, was hinter der Maske war. Eine solche Deutung kann ich nur vermessen nennen.

Kann man in Potsdam etwas essen und Bier trinken – sieht nicht so aus. Bis wir das Restaurant Loft finden, zu erreichen mit dem Lift im dritten Stock. Die Welt ist sofort in Ordnung. Kellner, denen ihr Job Spaß macht, und ein ambitionierter Küchenchef. Preußische Traditionen, Gewürze wie zu Friedrichs Zeiten. Wo sonst, wenn nicht hier, ist das angebracht. Der Abschied von Potsdam fällt versöhnlich aus. Wir sind bereit, unsere Vorurteile zur Disposition zu stellen.