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Posts Tagged ‘Russen’

Zugbekanntschaften

Detail des Umschlag von „Gehe hin, stelle einen Wächter” nach dem Originalentwuf von Jarrod Taylor

Detail des Umschlags von „Gehe hin, stelle einen Wächter” nach dem Originalentwuf von Jarrod Taylor

Im Regionalzug lernt ein Russe eine Italienerin kennen. Am Anfang sitzen sie schweigend nebeneinander, dann fällt der Italienerin das Smartphone runter, wofür sie sich entschuldigt. Ach, es ist okay, sagt der Russe großmütig, es ist wirklich okay, aber er bückt sich nicht, um das Gerät aufzuheben, er ist eben ein Russe. Nun will er wissen, was für ein Buch sie liest, weil er eben ein Russe ist. Russen interessiert sowas. To Kill a Mockingbird von Harper Lee. Der Russe weiß, dass es ein gutes Buch sein muss, denn es steht drauf, dass es mit dem Pulitzer Price ausgezeichnet wurde. Und er lobt die Italienerin, weil sie den Roman (the Novel) im Original liest. Sie ist Studentin, arbeitet nebenbei im Labor und bekommt ein Stipendium. Das ist absolut in Ordnung, sagt der Russe, ich habe auch ein Stipendium bekommen, warum soll man das nicht in Anspruch nehmen. Der Russe ist sehr groß, er nimmt seine Mütze nicht ab. Die Italienerin ist sehr klein. Etwa so klein wie Truman Capote.

Der Deutsche, der den beiden gegenübersitzt und sich von den langen Beinen des Russen und seinem großen Rucksack etwas bedrängt fühlt, könnte ihnen erzählen, dass Truman Capote als Kind der Freund von Harper Lee war und später auch noch, jener Harper Lee, die den Weltklassiker „Wer die Nachtigall stört” (the mockingbird) geschrieben hat, ihr einziges Buch, aber das stimmte nicht, wie sich fünfzig Jahre später herausstellte, es existiert noch ein vermeintlich verloren gegangenes Jugendwerk, „Go Set a Watchman”, das man wiedergefunden, gedruckt und auf die Bestsellerlisten befördert hat, Gehe hin, stelle einen Wächter. Der Literaturbetrieb hungert nach solchen Geschichten, die Legenden werden. Als Capote für seinen Tatsachenroman „Kaltblütig” (In Cold Blood) nach Kansas reiste, um zu recherchieren, begleitete Harper Lee ihn und half. So lange kann eine Kinderfreundschaft dauern, so eng kann sie sein. „Das Band, das sie vereinte, war stärker als Freundschaft – es war ihre gemeinsame Not. Beide laborierten an der Kränkung elterlicher Ablehnung, und beide litten unter Einsamkeit”, so steht es in der Capote-Biographie von Gerald Clarke (Kindler Verlag). Für Harper Lee ging die Geschichte besser aus als für Truman Capote, wie man weiß.

Am 9. Mai im Treptower Park

„Rot vom Blut wie usere Fahne …” Fotos © Andrea Doberenz

„Rot vom Blut wie unsere Fahne …”
Fotos © Andrea Doberenz

Zwischen den Denkmalen und Gräbern standen Leute und hielten russische Ansprachen, lasen Gedichte vor, man hörte immer wieder Worte wie Pobjeda (Sieg), Rodina (Heimat), Woina (Krieg) und Mir (Frieden). Es war keine politische Demonstration, nicht martialisch, viele hatten die Bilder ihren gefallenen Großväter mitgebracht: junge ahnungslose Männer in Uniform. Die Besucher trugen russische und sowjetische Fahnen, in ihren Gesichtern war etwas von ungewissen Aussichten zu lesen. neuntermai_veteranDer Veteran war der erste in der Menge, der mir auffiel. Ich gehe davon aus, dass er dabei war beim Fall von Berlin vor 70 Jahren. Seine Kappe, seine Krawatte, sein heller Anzug, die geflochtenen Schuhe, die Blumen, die er auf den Gräbern niederlegte, die russischen Sätze, die gewechselt wurden, die Mädchen mit ihren kurzen Röckchen, die ihm gewiss nicht missfielen. Die Pappeln, die den Park begrenzen wie eine lichtgrüne Wand. neuntermai_tanzRussische Lieder, russische Tänze, russische Fahnen. Soldatenkäppis auf Frauenköpfen. Das immer schneller werdende und sich fast überschlagende Lied Kalinka, das auf den Freilichtbühnen damals nach der Befreiung oft gesungen wurde und ins kollektive Bewusstsein Ostdeutschlands einging. Der westliche Besucher war erstmal irritiert. neunter mai_soldatDer Held, der zum Mythos wurde, das Kind, das Schwert. Langsam stiegen die Menschen hinauf zur Rotunde, viele hatten das Sankt-Georgs-Band angsteckt, das Symbol militärischer Tapferkeit und Anteilnahme, das sowohl Russen wie auch Ukrainer tragen. Andrea Doberenz

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Oblomow als Russen gesehen

Iwan Gontscharow, „nachdenkliche, gleichsam verschlafene Augen” Zeichnung: H. Thannhaeuser, Transmare Verlag Berlin 1947

Iwan Gontscharow, „nachdenkliche, gleichsam verschlafene Augen”
Zeichnung: H. Thannhaeuser, Transmare Verlag Berlin 1947

Auf Oblomow zurückzukommen. Wir erfahren in Gontscharows Schrift einiges darüber, wie die Russen ticken, was wir lieber nicht zu wissen wünschten. Altmodisch waren sie schon immer, am Bestehenden festhaltend. Der robuste Betrüger Tarantjew, der es immer wieder versteht, Oblomow um Rubelchen, Kleidungsstücke und Champagner zu erleichtern, formuliert das urrussische Misstrauen gegen Erfolg, Geldvermehrung, kapitalistische Karrieren, wie sie für ihn der Deutsche Andrej Stolz, Oblomows Freund, verkörpert. „Ich habe gehört, dass er irgendeine Maschine anschauen und bestellen gefahren ist: offenbar eine Presse, um russische Geld zu drucken! Ich würde ihn ins Zuchthaus stecken … Aktien soll er haben … Ach, diese Aktien ärgern mich aufs Blut!” Ja. So wettert der Russe auf alles Innovative, Rührige. Erfolgreiche. Im Traum surft Oblomow aufs Gut der Familie und in seine Kindheit zurück. Das ist der Punkt, an dem Gontscharows Roman ein wenig zu deterministisch angelegt ist, er zeigt, dass Oblomows Trägheit eine lange Tradition hat, der ein Mensch einfach nicht entkommen kann: „Vielleicht bemerkte und begriff auch Iljuscha schon längst, was in seiner Gegenwart gesprochen und getan wurde: dass sein Vater in Plüschhosen, in einer braunen, wattierten Tuchjoppe tagaus, tagein nichts weiter tat, als mit den Händen auf dem Rücken von einer Ecke in die andere zu gehen, Tabak zu schnupfen und sich zu schneuzen, während die Mutter vom Kaffeetrinken zum Teetrinken und vom Teetrinken zum Mittagessen ging … Es hätte ihnen leid getan, wenn die Umstände irgendwelche Veränderungen in ihrem Dasein bewirkt hätten … Sie verbrachten ganze Jahrzehnte damit, zu schnaufen, vor sich hin zu dösen und zu gähnen oder in gutmütiges Gelächter über bäurischen Witz und Humor auszubrechen oder sich im Familienkreise zu erzählen, was jeder geträumt hatte … Dann vertrieb man sich die Zeit mit Kaffee, Tee und Eingemachtem. Darauf ging man allmählich zum Schweigen über. ” Kein anderer Autor hat es je gewagt, über einen fauleren Menschen als Oblomow zu schreiben. (Vorsicht! Was ist mit Beckett? Na ja. Vielleicht.) Und doch macht Gontscharow aus Oblomow keine Witzfigur. Ilja Iljitsch hat, wie wir oben sahen, biographische, aber auch philosophischen Gründe für seine Trägheit. Er kann nicht anders, als von der Nichtigkeit menschlichen Handelns überzeugt zu sein. Welchen Sinn hat das alles, wohin soll es führen. Geschäftigkeit, Tüchtigkeit widern ihn an. Wann haben die Menschen Zeit, zu sich zu finden, zu ruhen, in Ruhe nachzudenken. Inwieweit kennen sie sich überhaupt. Oblomows Anschauungen von der Welt haben einiges für sich. Aber wenn jemand schon in eine Verzagheit hineingewachsen ist wie er, dann ist der Schritt vom Denken zum Handeln unheimlich groß. Und doch ist dieser faule Mensch das Kraftzentrum von Gontscharows 700-Seiten-Roman. Sein Freund Andrej Stolz, der Deutsche, muntert Oblomow auf, ermutigt ihn, schützt Oblomow vor Betrügern und mehrt die Einnahmen aus seinem Gut und reist mit offenen Augen durch die Welt, aber wir merken schon an dieser letztlich blassen Gestalt, dass das tätige, tüchtige Leben nicht unbedingt erfüllend ist. Oblomows Verharren und Verlöschen natürlich auch nicht. Das Karussell des ewigen Strebens oder das Ideal der Ruhe und Tatenlosigkeit? Gontscharow, der sich übrigens auf den letzten Seiten des Romans selbst auftreten lässt („ein dicker Literat mit apathischem Gesicht und nachdenklichen, gleichsam verschlafenen Augen”), hatte weder im Leben, noch im Buch ein Rezept für sich und seine Leser. Aber er fand überall Fragen. Interessant, dass der Schriftsteller Hans Jürgen Fröhlich in Oblomow das anarchistische Potential entdeckt. Er sieht in ihm den Prototyp des unangepassten Menschen, der Verweigerer. „Oblomows Problem ist nicht das Phlegma, sondern seine Infantilität.”

Mehr aus dem Leben der Raucher

Blinder Alarm! War nur Zigarettenrauch

Blinder Alarm! War nur Zigarettenrauch

Am Anfang rauchten die Raucher Machorka. Sie waren noch Jungs, und es galt als mutig, aber auch clever, mit dem Russen in seiner erdbraunen Uniform Kontakt aufzunehmen und von ihm Machorka geschenkt zu bekommen. Der russische Tabak mit diesem speziellen Geruch. Machorka gutt, sagten die Russen, Machorka choroscho, bestätigten wir polyglott. Der Russe zweifelte an allem, aber nicht an seinem Tabak. An Wodka wahrscheinlich auch nicht. Dann zeigte uns der Russe, wie man’s macht. Den Machorka auf dem Zeitungspapier gleichmäßig verteilen, den Rand des Papiers mit der Zungenspitze befeuchten, das Papier zusammenrollen und andrücken. Der Russe war ein Meister im Drehen solcher Zigaretten, und er fragte nicht danach, ob er am nächsten Tag noch genug Tabak für sich haben würde. Unter uns Nachwuchsrauchern wurde das zu einem Sport. Wer bringt eine feste, schlanke Machorka-Zigarette zustande und nicht so ein schiefes Ungetüm, aus dem der Tabak herausfällt. Mischi Schlomann bildete sich sogar ein, dass man auf ihn neidisch sei, weil er so einen klebrigen Speichel hatte, der das Papier gut zusammenhielt. Es musste übrigens wenn möglich Prawda-Papier für die Zigaretten verwendet werden, denn die Prawda – das war einer ihrer Vorzüge und nicht der geringste – verwendete extra ein Papier, das nicht brannte, sondern glimmte und sich eben für Zigaretten eignete. Wenn’s denn wahr ist. Das war in der Kleinstadt. In Berlin sang man unterdessen: Stell dir vor, wir hätten was zu rauchen, eine kleine Chesterfield … Die Machorka-Zeit ging auch bei uns vorbei, warum auch immer. Der Russe bekam wenig oder gar keinen Ausgang, und für uns Minderjährige war der Machorka-Geruch verräterisch. Wir rauchten die ovale Salem gelb (8 Pfennig das Stück), die Real (Siehst du die Toten dort im Tal? Das sind die Raucher von Real.), und schließlich kam – wahrscheinlich extra für Kinder – eine besonders kurze Sorte heraus, die hieß Muck (6 Pfennig) und zeigte auf der Schachtel ein Porträt des kleinen Muck. Wer lässt sich sowas einfallen. Wir wurden älter und beim 1000-Meter-Lauf merkte man dann schon, wer nicht aufgehört hatte, Real oder Machorka zu rauchen. Die Muck-Raucher landeten immerhin noch im Mittelfeld.

Ein schrecklicher Verdacht

Wird er Putin um Hilfe bitten?

Wird er Putin um Hilfe bitten?

Scheiße, Wandertag. Die Bahnen total überfüllt. Die Mädchen geben mit ihren Smartphones an, die Jungs (Zehnjährige) mit ihren Karriereplänen: Abitur machen, Studieren, Ausland. Ab Tierpark bin ich plötzlich unter Russen, und in Hellersdorf dann erst recht. Dem routinierten Medienopfer, das ich bin, kommt ein schrecklicher Verdacht in den Sinn. Was passiert, wenn diese Russen auf die Idee kommen, sich in Deutschland unterdrückt zu fühlen und Putin um Hilfe bitten? Ja, was, wenn Putin diese Aktion von langer Hand vorbereitet hat, und seit Jahren immer mehr Russen nach Deutschland schickt, die sich hier ansiedeln, um dann – siehe Krim? Will der Russe (Putin) nicht nur die Ostukraine, sondern auch Deutschland? Haben wir den Russen alle unterschätzt?

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Im Rat der Alten

Jeder redet mit jedem und haarscharf an ihm vorbei. Streetart aus Berlin Mitte

Jeder redet mit jedem und haarscharf an ihm vorbei. Street Art aus Berlin Mitte

Man kann Anne Will schwerlich nachsagen, es fehle ihr an Achtung vor dem Alter, und so lud sie Erhard Eppler (87) und Arnulf Baring (81), dessen Namen man nur mit dem Zusatz Professor nennen darf, in ihre Talkshow ein. Dazu passte recht gut der früh vergreiste Norbert Röttgen von der CDU, dem wieder ein Posten zugemerkelt wurde. Andrea von Knoop, die seit einigen dreißig Jahren in Russland lebt, wirkte in diesem Rahmen schon echt zu mobil. Es ging natürlich um die Krim, und wenn es um die Krim geht, geht es auch um die bösen Russen und um die vorbildlichen Demokraten aus der Ukraine mit Julija Timoschenko an der Spitze, deren Rückenleiden anscheinend noch ihr kleinstes Problem ist. Nobert Röttgen profilierte sich als Hüter der Regeln im Zusammenleben der Völker. Er sprach klar und eindimensional und erhielt den Beifall der schlichten Gemüter absolut verdient. Andrea von Knoop pochte zu Unrecht darauf, dass die Augenzeugenschaft doch manches anders aussehen lässt. Aber Erhard Eppler und Professor (da haben wir’s) Arnulf Baring machten das Treiben erst richtig verrückt. Sie holten weiter aus als ihre Gesprächspartner, brachten entlegene und noch weiter entlegene Beispiele und vergaßen schnell, was sie gerade gesagt hatten. Professor (seht ihr?) Arnulf Baring imponierte damit, dass er den anderen ins Wort fiel und sich verbat, dass sie ihm ins Wort fielen. Und letztlich schoss er auch den Vogel ab. Die Sanktionen des Westens seien nur leeres Gerede. Damit können man Putin nicht schrecken. Aber keiner rede darüber, dass wir in der Bundesrepublik mit einem Handstreich die Wehrpflicht abgeschafft hätten, ohne daran zu denken, was Putin noch alles so vorhaben könnte. Man müsse die Wehrpflicht unbedingt wieder einführen. Was er damit sagen wollte, war dieses: Mit der Wehrpflicht könnten wir den Russen, könnten wir Putin in die Schranken weisen. Ja. Achten wir den Rat der Alten. Das war irgendwie der Höhepunkt dieses munteren Kom(m)ödchens aus Berlin.

Fabian und die Wölfe

„Nun erzählen Sie doch mal, wie war’s denn damals so?”  – Im ländlich-unsittlichen Polizeiruf aus Brandenburg finden wir immer wieder Anlässe genug, an der Kompetenz der Polizisten (Kommissarin Lenski und Hauptwachtmeister Krause) zu zweifeln, aber wir können uns beruhigen: Die Fälle werden alle aufgeklärt, was auch an der mangelnden Kompetenz der Täter liegen mag. In diesem, „Wolfsland” genannten, Film, sollten wir uns fragen, ob die Wölfe oder die alten Geschichten aus der DDR das Motiv für den Mord hergeben. Fabian Hinrichs, als Gisbert im Münchner Tatort einst jene unvergessene Schwalbe, die einen kurzen Krimisommer machte, war hier Wolfshüter und wohnte in einem schrägen Bauarbeiterwagen. Tatsächlich war ein Rudel Wölfe aus Polen nach Brandenburg gezogen, und Hinrichs, der hier Waldner heißt, betreut sie im staatlichen Auftrag. Kaskow, in dessen Nähe die Wölfe hausen, ist aber auch das Dorf seiner Kindheit und seiner zerbrochenen Familie. Es gibt Gelegenheit, über Menschen und Tiere zu philosophieren, haarscharf über dem Niveau „Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere”. Auf der einen Seite sollen die Russen und die Wölfe viel Unheil angerichtet haben, auf der anderen Seite ist der Wolf ein soziales Wesen. In der DDR-Zeit war jemand in der Kreisleitung der Partei sehr aktiv und wollte Karriere in der LPG machen (was irgendwie komisch klingt). Er war aber auch ein guter Tierarzt, immer hilfsbereit (auch nicht unkomisch). Er ist prädestiniert, das Opfer zu werden und wird es auch, aber der prädestinierte Täter ist dann doch nicht der Mörder. Darin liegt die ganze Kunst des Krimis: im letzten Moment noch knapp am Hauptverdächtigen und Unsympathen vorbei. Fabian Hinrichs mit seinen tiefliegenden Augen und den noch tiefer liegenden Gefühlen wird uns auch aus diesem Polizeiruf unvergesslich bleiben.