Archiv

Archive for the ‘Presseschau’ Category

Remember Mörike

Eduard Mörike trug eine modische Brille

Ich komme zufällig auf Eduard Mörike. Lese „Maler Nolten”. Eine recht ausgedehnte Novelle im relativ hohen Ton verfasst. Um Proportionen haben sich die Literaten vergangener Zeiten keine Sorgen gemacht, vielleicht in der Hoffnung, dass eine Masse Text auch eine Masse Geld bringt. Vielleicht waren sie auch einfach schreibverliebt. Dann ist hier noch ein Reclam-Bändchen von 1983, „Halb ist es Lust, halb ist es Klage”. Lyrik und Prosa. Ich suche nach Mörike-Gedichten, die mir in der Schule begegneten. Das berühmte „Er ists”. „Frühling lässt sein blaues Band/Wieder flattern durch die Lüfte … ” Manchmal dachte man, es sei von Eichendorff. Und hier: „Novembermorgen”. Unser blutjunger, sächsischer Deutschlehrer versuchte, es hochdeutsch vorzutragen. „Bald siehst du, wenn der Schleier fällt/Den blauen Himmel unverstellt/Herbstkräftig die gedämpfte Welt/Im warmen Golde fließen.” Er hatte wohl vor, die Magie der Verse rüberzubringen. Dabei dehnte der das u bei unverstellt ins Uuuuunermessliche, und aus dem e bei herbstkräftig machte er einen Vokal, wie wir ihn noch nie gehört hatten. Dabei verzerrte er sein Gesicht zur Grimasse. Wir alberne Bauernkinder wollten uns ausschütten vor Lachen.

Schließlich fällt mir noch ein Gedicht auf, das ich nicht von früher kenne, das mir aber auf Anhieb gefällt.

In Gedanken an unsere deutschen Krieger

Bei euren Taten, euren Siegen

Wortlos, beschämt hat mein Gesang geschwiegen,

Und manche, die mich darum schalten,

Hätten auch besser den Mund gehalten.

Wahrscheinlich fand ich Gefallen an dem Text, weil er mich an unsere deutschen Krieger bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in London denken ließ. Und an unsere deutschen Reporter, die den Mund nicht halten durften, auch bei den vielen Niederlagen nicht, und auch nicht bei den zahlreichen Wettkämpfen, die vorsorglich ohne deutsche Beteiligung stattfanden. Wir, dachte ich, arbeiten an unserer Unsichtbarkeit. Warum nicht. Am Ende sorgen nun die Speerwerfer und Zehnkämpfer und eine Hürdensprinterin doch noch dafür, dass wir sichtbar sind. Worauf soll man sich nun einstellen?

 

Sehen, um zu sehen oder so

Dahinten geht’s dann scheinbar nicht mehr weiter
© Kopka

Der FAZ-Kulturredakteur Platthaus möchte eine feinsinnige Würdigung der verstorbenen Jeanne Moreau schreiben. Er ist im Feuilleton der FAZ der Mann für Cartoons, Donaldismus und alle Fälle, dazu zählt dann auch Film. Wie fängt er seine Würdigung an? „Wo immer man sie auch sah, war sie gar nicht zu übersehen.” Wie schade, dass Jeanne Moreau das nicht mehr lesen konnte. Sie hätte gelacht und würde vielleicht noch leben.

Kategorien:Presseschau Schlagwörter: , ,

I’m worried

Da fand ja letzte Woche in Berlin das Treffen von elf mächtigen Frauen mit Angela Merkel an der Spitze statt. Die mächtigen Frauen waren nett zueinander (ganz anders als mächtige Männer), plauderten ein bisschen über Feminismus und neckten sich damit, wer von ihnen eine Feministin im strengen oder lockeren Sinne sei. Viel mehr drang nicht durch. Aber sie stellten sich auf zu Fotos von dieser geballten Frauenpower, die eher lieblich daherkommt (aber das sieht nur so aus). Eines dieser Fotos löste bei mir Sorge aus. Da ist Ivanka Trump zu sehen, der heimliche und unheimliche Mittelpunkt dieses Treffens, Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds, die ein wenig aussieht wie ein Gespenst aus den Höhensonnen- Regionen, und auch unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ivanka Trump trägt ein geblümtes Sommerkleidchen und spitzt die Lippen. Frau Lagarde lacht entzückt, unsere Kanzlerin lächelt. Die beiden älteren Damen wirken angestrengt zugeneigt, beinahe ehrerbietig. Das Früchtchen aus Amerika hat etwas gesagt, was sicher weder besonders lustig noch tiefgründig ist, aber man will ja zeigen, dass man es hier mit der Tochter (und Beraterin) des mächtigsten und unberechenbarsten Manns der Welt zu tun; vielleicht erzählt sie ja ihrem Vater, wie nett und entgegenkommend diese einflussreichen Frauen aus dem alten Europa sind, die sollten wir auf jeden Fall zurückhaltend und schonend behandeln, Dad. Ja, so ist es, diese allzu menschliche Ergebenheit in der Politik stimmt mich besorgt. Ein wenig sichtbare Distanz würde der Orientierung dienen.

Mehr Platz den Schweinen

Berlin Alexanderplatz 2013: Wir sind auf dem Weg

Die Überschrift hat mich reingezogen: „Schweine dürfen länger saugen und erhalten Wühlmöglichkeiten” (FAZ 26. 4. 2017). Das klingt vielleicht komisch, aber es geht um eine ernste Sache, das Tierwohl nämlich, und dafür wird vom Landwirtschaftsministerium unter der Stabführung von Minister Christian Schmidt (CSU) ein Tierwohl-Label auf den Weg gebracht. Das Schwein erhält in der Stufe eins des Labels ein Drittel, in der Premiumstufe sogar 100 Prozent mehr Platz. Schweine in der Premiumstufe, wie hört sich das an? Schmidt möchte Deutschland zum Trendsetter beim Tierwohl machen. Der Verbraucher müsste dann wohl so 20 Prozent mehr zahlen, wenn es um die Wurst geht, dafür darf er dann aber auch davon ausgehen, dass das Schwein, dass er gerade verzehrt, ein besseres Leben gelebt hat als die armen Schweine normaler Weise. Wobei: Was ist da noch normal. Normal war wohl früher, ganz früher, als es noch gemütliche Bauernhöfe gab.

Und was ist nun mit den zu schaffenden Wühlmöglichkeiten? Die gibt es eben nicht bei den erlaubten Betonspalten- und Gummimattenböden. Wer also das Tierwohl-Label beanspruchen will, der muss natürliche Böden bereitstellen. Das Schwein will wühlen, sonst ist es kein Schwein. Das Ferkel erhält in seiner Ferkelzeit separate Liegebereiche und darf „eine Woche länger an der Mutterzitze saugen als gesetzlich fixiert”. Ich weiß, dass sich Leute über diese Maßnahmen lustig machen werden, aber sie sind gut gemeint. Und es würde auch nicht alles so komisch klingen, wenn man nicht nur von Schweinen, sondern von Tieren insgesamt redete. Was ist mit den Kühen, den Ziegen, den Hammeln? Die Schweine haben die Nase vorn. Warum eigentlich. Die Sprache hat dem Schwein keine guten Dienste geleistet. Wann sagen wir endlich Schwein und meinen nur das Schwein, das man mästet, füttert, züchtet, schlachtet!

 

 

Der Angeber in mir

Ich glaube,diese CD hab ich mir vor Jahren in Boston gekauft, in einem traumhaften Plattenshop (wenn ich auch mal ein bisschen angeben darf)

Ich glaube, diese CD hab ich mir vor Jahren in Boston gekauft, in einem traumhaften Plattenshop (wenn ich auch mal ein bisschen angeben darf)

Chuck Berry lebt, wurde letzte Woche 90, da gab’s natürlich einige Würdigungen, und man erfuhr, dass er aus seiner Kindheit keine Elendsgeschichten zu erzählen hat, er stammt aus geordneten Verhältnissen. Urvater des Rock ’n ’Roll nennt man ihn. „Die persönlichen Eskapaden dieses Mannes, dessen Launenhaftigkeit und Reizbarkeit gefürchtet waren – man frage nur Keith Richards –, stehen auf einem anderen Blatt”, schreibt Edo Reents in der FAZ. Ja, genau, warum fragen wir nicht Keith Richards, wenn wir ein paar Interna über Chuck Berry erfahren wollen, seine Handynummer ist ja allgemein bekannt, vielleicht kommt er auch einfach mal vorbei, und warum fragen wir nicht den Papst, wenn wir wissen wollen, was er über Martin Luther denkt.

Ist aber wirklich blöd, wenn einer den Angeber in sich so wenig verbergen kann wie dieser Reents.

Ist Jasper von Altenbockum ein Bonze?

Über das Desaster der sächsischen Polizei im Fall des syrischen Terroristen Jaber Albakr haben wir viel gehört, aber das noch nicht: Jasper von Altenbockum kommentiert in der FAZ, wir sollten nicht so besserwisserisch über die Polizei und die Justizvollzugsbehörden faseln, sondern die Leistungen der Beamten würdigen. Aber: „Nicht der Erfolg beschäftigt die veröffentlichte Meinung, sondern das Vorurteil, einen gravierenden Misserfolg, einen ›Skandal‹ entdecken zu können.”

Die Polizei lässt den Syrer in Chemnitz entkommen, weil sie offenbar zu dick angezogen ist. Sie meldet („überglücklich”), dass es ihr gelungen ist, den Verdächtigen zu fassen. Dann erfahren wir, dass es drei Syrer waren, die der Polizei nicht nur den entscheidenden Hinweis (und zwar zweimal) gaben, sondern den Landsmann auch noch fesselten und ihn der Polizei sozusagen auf dem Silbertablett servierten, weil sie anscheinend wussten, wie die Polizisten dort arbeiten; er sollte nicht noch einmal entkommen. Und dann kann sich Albakr gleichsam vor den Augen der Wärter strangulieren.

Altenbockem jedoch meint, wir sollten das Positive sehen, nämlich einen „der größten Fahndungserfolge” im Kampf gegen den Terror. Das ist ziemlich original DDR-Bonzen-Ton. Erfolgsmeldungen brauchen wir bis zur Selbstaufgabe. Immer schön staatsgläubig.

Wir kriegen alles geschenkt

Student schleppt geschenkte Ausbildung heim © Klaus

Student schleppt geschenkte Ausbildung heim
© Klaus

Was sehen meine entzündeten Augen? Einen Wirtschaftskommentar in der FAZ von Michael Psotta (der Name sagt mir nichts) unter der Überschrift „Nicht verzweifeln”. Wer soll nicht verzweifeln? Die Studenten sollen nicht verzweifeln angesichts der Tatsache, dass sich das Wohnen „in Zeiten des Immobilienaufschwungs” auch für sie verteuert, was dezent ausgedrückt ist. Und dann heißt es: „Sie werden im späteren Berufsleben wahrscheinlich zu den Besserverdienenden gehören*, und sie erhalten vom Staat eine wertvolle Ausbildung geschenkt …” Geht’s noch? Die Studenten haben kein Gehirn mehr, sondern eine Speicherfläche, und da schenkt der Staat eine wertvolle Ausbildung hinein. Der Student selbst muss gar nichts tun. Von dieser Sorte scheint auch die Ausbildung zu sein, die Michael Psotta geschenkt bekommen hat.

* Wenn sie in die FDP eintreten

Kategorien:Presseschau Schlagwörter: , , , ,