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Archive for the ‘Presseschau’ Category

Erklär uns Berlin

IMG_3947Im Schatten an heißen Tagen

Schade. Tadeusz und die Beobachter gehen in die Sommerpause, sagt Verheugen.

Oh. Da wird uns jede Menge lauwarme Luft fehlen, sage ich, wer soll uns die Welt und Berlin erklären, wenn sie im Urlaub sind, der ewig dauern möge.

Nein. Verheugen mag die Sendung. Die Akteure, stolze Hauptstadtjournalisten, sind ihm vertraut. Er spricht sogar mit ihnen, wenn sie sich da im RBB produzieren, er gibt ihnen recht, und er verhöhnt sie, wenn sie Unfug reden, besonders gefällt ihm die Springer-Journalistin Claudia Kade …

Ja, sage ich, die ist ja selber auch total von ihrem mädchenhaften Charme begeistert.

Und der FAS-Mann Claudius Seidl, sagt Verheugen, ich nenne ihn den Mönch, denn es ist ja so: Er hat so spezielle Ansichten, wie in einer Klosterzelle erdacht.

Claudia und Claudius, sage ich, das Traumpaar der somnambulen Abgehobenheit. Wenn man Seidl das Wort sozusagen wegnimmt, hat er keine Sprache mehr.

Darauf antwortet Verheugen nicht und kommt stattdessen gleich zu Elisabeth Niejahr. Sie erinnert ihn an seine Kindheit, weil sie der Lieblingspuppe seiner Schwester ähnlich sieht.

Die ist sogar ziemlich intelligent, sage ich.

Vergiss nicht Hajo Schumacher!

Doktor Schumacher, ergänze ich. Der sieht inzwischen aus wie ein Mann, dem alle Felle weggeschwommen sind. Pendelt zwischen übellaunig und verzweifelt.

Ich habe es noch nie geschafft, Verheugen irgendetwas zu vermiesen, er steht fest zu seinen Neigungen. Jawohl, Dr. Schumacher sagt er, für mich ist Doktor Schumacher ein moderner Don Quijote.

Genau, sage ich, er sitzt auf einem alten Gaul, der Berliner Morgenpost heißt. Und wie findest du den Meister selbst?

Jörg Tadeusz hat einen stabilen Körper und eine geschmeidige Zunge, sagt Verheugen. Wer es schafft, einen Doppelzentner Saturiertheit so elegant mit Selbstironie und Witz zu verbinden, hat bei mir schon gewonnen.

Er hat die Gabe, allen Ereignissen und Krisen etwas Vergnügliches abzugewinnen, ich gebe dir recht, sage ich. Sie sind alle famose kleine Angeber, jeder auf seine individuelle Art. Ich bin gewiss kein Freund der Berliner Parteien, aber wenn diese mediokren Gestalten sich lächelnd über die Politik in der Hauptstadt mokieren, der nichts gelingt, dann möchte ich ihnen zurufen: Täuschen Sie sich nicht. Sie gehören dazu. Sie sind Teil dieses Systems des Unvermögens und der Provinzialität. Oder kannst du mir eine Zeitung von überregionaler Bedeutung nennen, die sie in Berlin etabliert hätten …

Das kann Verheugen nicht.

Aber hast du verfolgt, wie intelligent sie den Zusammenhang von Fußball und Politik erläutert haben?, fragt er. Und wie mutig sie Putin attackierten? Der hat die Weltmeisterschaft doch nur nach Russland geholt, um die Bevölkerung von den Missständen abzulenken.

Oh ja, sage ich., davon verstehen sie viel. Schade, dass sie gerade jetzt in die Sommerpause gehen.

Opfer, Täter und Verrat

Sie haben einiges geopfert, um noch mal ganz neu zu beginnen
© Klaus

Deutschlandfunk Kultur nervt mit einem großen Opfertag. Man glaubt es nicht, aber sie wollen den ganzen Tag über Opfer reden auf welcher Grundlage auch immer. Wer über Opfer redet, finden sie, trifft den Nerv der Zeit. Und kompetent sind sie, haben sie selbst doch laut Medienanalyse in kurzer Zeit 12 Prozent ihrer Hörer verloren – wenn sowas nicht zum Opfer qualifiziert. Natürlich steht im Mittelpunkt der Gespräche der französische Polizist Arnaud Beltrames, der sich in die Hände des Terroristen begeben hat, um Geiseln zu retten. Als Experte tritt Markus Feldenkirchen vom Spiegel auf, der sich auf Kosten Martin Schulz’ einen gewissen Ruhm erschrieben hat. Ein besonders zum Nachdenken geneigter Mensch ist Feldenkirchen nicht. Außer wohlfeiler Bewunderung kommt bei dem Gespräch nicht viel rum. Der Polizist hat das Leben der anderen über das seine gestellt. Ehrenvoller kann ein Mensch nicht sterben. Aber ist es überhaupt geboten, Leben gegen Leben abzuwägen? Welchen Sinn macht es, den ganzen Tag über Opfer zu reden, wenn man es versäumt, mutig konsequent und ohne Scheuklappen darüber nachzudenken? Sie kritisieren die Inflationierung des Begriffs Opfer und inflationieren ihn weiter.

Tags darauf macht Radio 1 einen Thementag Verrat. Wie soll das bloß weitergehen.

Falsche Schlüsse über Schüsse

Orange marschiert

Das hat Donald Trump nicht zu Ende gedacht, obwohl der Ansatz nicht schlecht ist. Nicht die Lehrer bewaffnen. Er kann sie in Rente schicken oder als Berater ins Weiße Haus holen. Stattdessen sollten Berufssoldaten als Lehrer arbeiten. Da sind die Waffen schon vorhanden, die Jungs wissen auch, wie man damit umzugehen hat. Denen muss er auch keinen Bonus zahlen.

Zuallerletzt bliebe noch die Möglichkeit, die Schüler selbst zu bewaffnen. Denn sie sind es ja, die geschützt werden müssen, und welcher Gedanke wäre amerikanischer als der, dass jeder sich selber schützen soll. Der Wilde Westen steckt allen noch in den Knochen und könnte wieder aufleben. In jeder Schule, in jeder Stadt.

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Remember Mörike

Eduard Mörike trug eine modische Brille

Ich komme zufällig auf Eduard Mörike. Lese „Maler Nolten”. Eine recht ausgedehnte Novelle im relativ hohen Ton verfasst. Um Proportionen haben sich die Literaten vergangener Zeiten keine Sorgen gemacht, vielleicht in der Hoffnung, dass eine Masse Text auch eine Masse Geld bringt. Vielleicht waren sie auch einfach schreibverliebt. Dann ist hier noch ein Reclam-Bändchen von 1983, „Halb ist es Lust, halb ist es Klage”. Lyrik und Prosa. Ich suche nach Mörike-Gedichten, die mir in der Schule begegneten. Das berühmte „Er ists”. „Frühling lässt sein blaues Band/Wieder flattern durch die Lüfte … ” Manchmal dachte man, es sei von Eichendorff. Und hier: „Novembermorgen”. Unser blutjunger, sächsischer Deutschlehrer versuchte, es hochdeutsch vorzutragen. „Bald siehst du, wenn der Schleier fällt/Den blauen Himmel unverstellt/Herbstkräftig die gedämpfte Welt/Im warmen Golde fließen.” Er hatte wohl vor, die Magie der Verse rüberzubringen. Dabei dehnte der das u bei unverstellt ins Uuuuunermessliche, und aus dem e bei herbstkräftig machte er einen Vokal, wie wir ihn noch nie gehört hatten. Dabei verzerrte er sein Gesicht zur Grimasse. Wir alberne Bauernkinder wollten uns ausschütten vor Lachen.

Schließlich fällt mir noch ein Gedicht auf, das ich nicht von früher kenne, das mir aber auf Anhieb gefällt.

In Gedanken an unsere deutschen Krieger

Bei euren Taten, euren Siegen

Wortlos, beschämt hat mein Gesang geschwiegen,

Und manche, die mich darum schalten,

Hätten auch besser den Mund gehalten.

Wahrscheinlich fand ich Gefallen an dem Text, weil er mich an unsere deutschen Krieger bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in London denken ließ. Und an unsere deutschen Reporter, die den Mund nicht halten durften, auch bei den vielen Niederlagen nicht, und auch nicht bei den zahlreichen Wettkämpfen, die vorsorglich ohne deutsche Beteiligung stattfanden. Wir, dachte ich, arbeiten an unserer Unsichtbarkeit. Warum nicht. Am Ende sorgen nun die Speerwerfer und Zehnkämpfer und eine Hürdensprinterin doch noch dafür, dass wir sichtbar sind. Worauf soll man sich nun einstellen?

 

Sehen, um zu sehen oder so

Dahinten geht’s dann scheinbar nicht mehr weiter
© Kopka

Der FAZ-Kulturredakteur Platthaus möchte eine feinsinnige Würdigung der verstorbenen Jeanne Moreau schreiben. Er ist im Feuilleton der FAZ der Mann für Cartoons, Donaldismus und alle Fälle, dazu zählt dann auch Film. Wie fängt er seine Würdigung an? „Wo immer man sie auch sah, war sie gar nicht zu übersehen.” Wie schade, dass Jeanne Moreau das nicht mehr lesen konnte. Sie hätte gelacht und würde vielleicht noch leben.

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I’m worried

Da fand ja letzte Woche in Berlin das Treffen von elf mächtigen Frauen mit Angela Merkel an der Spitze statt. Die mächtigen Frauen waren nett zueinander (ganz anders als mächtige Männer), plauderten ein bisschen über Feminismus und neckten sich damit, wer von ihnen eine Feministin im strengen oder lockeren Sinne sei. Viel mehr drang nicht durch. Aber sie stellten sich auf zu Fotos von dieser geballten Frauenpower, die eher lieblich daherkommt (aber das sieht nur so aus). Eines dieser Fotos löste bei mir Sorge aus. Da ist Ivanka Trump zu sehen, der heimliche und unheimliche Mittelpunkt dieses Treffens, Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds, die ein wenig aussieht wie ein Gespenst aus den Höhensonnen- Regionen, und auch unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ivanka Trump trägt ein geblümtes Sommerkleidchen und spitzt die Lippen. Frau Lagarde lacht entzückt, unsere Kanzlerin lächelt. Die beiden älteren Damen wirken angestrengt zugeneigt, beinahe ehrerbietig. Das Früchtchen aus Amerika hat etwas gesagt, was sicher weder besonders lustig noch tiefgründig ist, aber man will ja zeigen, dass man es hier mit der Tochter (und Beraterin) des mächtigsten und unberechenbarsten Manns der Welt zu tun hat; vielleicht erzählt sie ja ihrem Vater, wie nett und entgegenkommend diese einflussreichen Frauen aus dem alten Europa sind, die sollten wir auf jeden Fall zurückhaltend und schonend behandeln, Dad. Ja, so ist es, diese allzu menschliche Ergebenheit in der Politik stimmt mich besorgt. Ein wenig sichtbare Distanz würde der Orientierung dienen.

Mehr Platz den Schweinen

Berlin Alexanderplatz 2013: Wir sind auf dem Weg

Die Überschrift hat mich reingezogen: „Schweine dürfen länger saugen und erhalten Wühlmöglichkeiten” (FAZ 26. 4. 2017). Das klingt vielleicht komisch, aber es geht um eine ernste Sache, das Tierwohl nämlich, und dafür wird vom Landwirtschaftsministerium unter der Stabführung von Minister Christian Schmidt (CSU) ein Tierwohl-Label auf den Weg gebracht. Das Schwein erhält in der Stufe eins des Labels ein Drittel, in der Premiumstufe sogar 100 Prozent mehr Platz. Schweine in der Premiumstufe, wie hört sich das an? Schmidt möchte Deutschland zum Trendsetter beim Tierwohl machen. Der Verbraucher müsste dann wohl so 20 Prozent mehr zahlen, wenn es um die Wurst geht, dafür darf er dann aber auch davon ausgehen, dass das Schwein, dass er gerade verzehrt, ein besseres Leben gelebt hat als die armen Schweine normaler Weise. Wobei: Was ist da noch normal. Normal war wohl früher, ganz früher, als es noch gemütliche Bauernhöfe gab.

Und was ist nun mit den zu schaffenden Wühlmöglichkeiten? Die gibt es eben nicht bei den erlaubten Betonspalten- und Gummimattenböden. Wer also das Tierwohl-Label beanspruchen will, der muss natürliche Böden bereitstellen. Das Schwein will wühlen, sonst ist es kein Schwein. Das Ferkel erhält in seiner Ferkelzeit separate Liegebereiche und darf „eine Woche länger an der Mutterzitze saugen als gesetzlich fixiert”. Ich weiß, dass sich Leute über diese Maßnahmen lustig machen werden, aber sie sind gut gemeint. Und es würde auch nicht alles so komisch klingen, wenn man nicht nur von Schweinen, sondern von Tieren insgesamt redete. Was ist mit den Kühen, den Ziegen, den Hammeln? Die Schweine haben die Nase vorn. Warum eigentlich. Die Sprache hat dem Schwein keine guten Dienste geleistet. Wann sagen wir endlich Schwein und meinen nur das Schwein, das man mästet, füttert, züchtet, schlachtet!