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Archive for the ‘Presseschau’ Category

I’m worried

Da fand ja letzte Woche in Berlin das Treffen von elf mächtigen Frauen mit Angela Merkel an der Spitze statt. Die mächtigen Frauen waren nett zueinander (ganz anders als mächtige Männer), plauderten ein bisschen über Feminismus und neckten sich damit, wer von ihnen eine Feministin im strengen oder lockeren Sinne sei. Viel mehr drang nicht durch. Aber sie stellten sich auf zu Fotos von dieser geballten Frauenpower, die eher lieblich daherkommt (aber das sieht nur so aus). Eines dieser Fotos löste bei mir Sorge aus. Da ist Ivanka Trump zu sehen, der heimliche und unheimliche Mittelpunkt dieses Treffens, Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds, die ein wenig aussieht wie ein Gespenst aus den Höhensonnen- Regionen, und auch unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ivanka Trump trägt ein geblümtes Sommerkleidchen und spitzt die Lippen. Frau Lagarde lacht entzückt, unsere Kanzlerin lächelt. Die beiden älteren Damen wirken angestrengt zugeneigt, beinahe ehrerbietig. Das Früchtchen aus Amerika hat etwas gesagt, was sicher weder besonders lustig noch tiefgründig ist, aber man will ja zeigen, dass man es hier mit der Tochter (und Beraterin) des mächtigsten und unberechenbarsten Manns der Welt zu tun; vielleicht erzählt sie ja ihrem Vater, wie nett und entgegenkommend diese einflussreichen Frauen aus dem alten Europa sind, die sollten wir auf jeden Fall zurückhaltend und schonend behandeln, Dad. Ja, so ist es, diese allzu menschliche Ergebenheit in der Politik stimmt mich besorgt. Ein wenig sichtbare Distanz würde der Orientierung dienen.

Mehr Platz den Schweinen

Berlin Alexanderplatz 2013: Wir sind auf dem Weg

Die Überschrift hat mich reingezogen: „Schweine dürfen länger saugen und erhalten Wühlmöglichkeiten” (FAZ 26. 4. 2017). Das klingt vielleicht komisch, aber es geht um eine ernste Sache, das Tierwohl nämlich, und dafür wird vom Landwirtschaftsministerium unter der Stabführung von Minister Christian Schmidt (CSU) ein Tierwohl-Label auf den Weg gebracht. Das Schwein erhält in der Stufe eins des Labels ein Drittel, in der Premiumstufe sogar 100 Prozent mehr Platz. Schweine in der Premiumstufe, wie hört sich das an? Schmidt möchte Deutschland zum Trendsetter beim Tierwohl machen. Der Verbraucher müsste dann wohl so 20 Prozent mehr zahlen, wenn es um die Wurst geht, dafür darf er dann aber auch davon ausgehen, dass das Schwein, dass er gerade verzehrt, ein besseres Leben gelebt hat als die armen Schweine normaler Weise. Wobei: Was ist da noch normal. Normal war wohl früher, ganz früher, als es noch gemütliche Bauernhöfe gab.

Und was ist nun mit den zu schaffenden Wühlmöglichkeiten? Die gibt es eben nicht bei den erlaubten Betonspalten- und Gummimattenböden. Wer also das Tierwohl-Label beanspruchen will, der muss natürliche Böden bereitstellen. Das Schwein will wühlen, sonst ist es kein Schwein. Das Ferkel erhält in seiner Ferkelzeit separate Liegebereiche und darf „eine Woche länger an der Mutterzitze saugen als gesetzlich fixiert”. Ich weiß, dass sich Leute über diese Maßnahmen lustig machen werden, aber sie sind gut gemeint. Und es würde auch nicht alles so komisch klingen, wenn man nicht nur von Schweinen, sondern von Tieren insgesamt redete. Was ist mit den Kühen, den Ziegen, den Hammeln? Die Schweine haben die Nase vorn. Warum eigentlich. Die Sprache hat dem Schwein keine guten Dienste geleistet. Wann sagen wir endlich Schwein und meinen nur das Schwein, das man mästet, füttert, züchtet, schlachtet!

 

 

Der Angeber in mir

Ich glaube,diese CD hab ich mir vor Jahren in Boston gekauft, in einem traumhaften Plattenshop (wenn ich auch mal ein bisschen angeben darf)

Ich glaube, diese CD hab ich mir vor Jahren in Boston gekauft, in einem traumhaften Plattenshop (wenn ich auch mal ein bisschen angeben darf)

Chuck Berry lebt, wurde letzte Woche 90, da gab’s natürlich einige Würdigungen, und man erfuhr, dass er aus seiner Kindheit keine Elendsgeschichten zu erzählen hat, er stammt aus geordneten Verhältnissen. Urvater des Rock ’n ’Roll nennt man ihn. „Die persönlichen Eskapaden dieses Mannes, dessen Launenhaftigkeit und Reizbarkeit gefürchtet waren – man frage nur Keith Richards –, stehen auf einem anderen Blatt”, schreibt Edo Reents in der FAZ. Ja, genau, warum fragen wir nicht Keith Richards, wenn wir ein paar Interna über Chuck Berry erfahren wollen, seine Handynummer ist ja allgemein bekannt, vielleicht kommt er auch einfach mal vorbei, und warum fragen wir nicht den Papst, wenn wir wissen wollen, was er über Martin Luther denkt.

Ist aber wirklich blöd, wenn einer den Angeber in sich so wenig verbergen kann wie dieser Reents.

Ist Jasper von Altenbockum ein Bonze?

Über das Desaster der sächsischen Polizei im Fall des syrischen Terroristen Jaber Albakr haben wir viel gehört, aber das noch nicht: Jasper von Altenbockum kommentiert in der FAZ, wir sollten nicht so besserwisserisch über die Polizei und die Justizvollzugsbehörden faseln, sondern die Leistungen der Beamten würdigen. Aber: „Nicht der Erfolg beschäftigt die veröffentlichte Meinung, sondern das Vorurteil, einen gravierenden Misserfolg, einen ›Skandal‹ entdecken zu können.”

Die Polizei lässt den Syrer in Chemnitz entkommen, weil sie offenbar zu dick angezogen ist. Sie meldet („überglücklich”), dass es ihr gelungen ist, den Verdächtigen zu fassen. Dann erfahren wir, dass es drei Syrer waren, die der Polizei nicht nur den entscheidenden Hinweis (und zwar zweimal) gaben, sondern den Landsmann auch noch fesselten und ihn der Polizei sozusagen auf dem Silbertablett servierten, weil sie anscheinend wussten, wie die Polizisten dort arbeiten; er sollte nicht noch einmal entkommen. Und dann kann sich Albakr gleichsam vor den Augen der Wärter strangulieren.

Altenbockem jedoch meint, wir sollten das Positive sehen, nämlich einen „der größten Fahndungserfolge” im Kampf gegen den Terror. Das ist ziemlich original DDR-Bonzen-Ton. Erfolgsmeldungen brauchen wir bis zur Selbstaufgabe. Immer schön staatsgläubig.

Wir kriegen alles geschenkt

Student schleppt geschenkte Ausbildung heim © Klaus

Student schleppt geschenkte Ausbildung heim
© Klaus

Was sehen meine entzündeten Augen? Einen Wirtschaftskommentar in der FAZ von Michael Psotta (der Name sagt mir nichts) unter der Überschrift „Nicht verzweifeln”. Wer soll nicht verzweifeln? Die Studenten sollen nicht verzweifeln angesichts der Tatsache, dass sich das Wohnen „in Zeiten des Immobilienaufschwungs” auch für sie verteuert, was dezent ausgedrückt ist. Und dann heißt es: „Sie werden im späteren Berufsleben wahrscheinlich zu den Besserverdienenden gehören*, und sie erhalten vom Staat eine wertvolle Ausbildung geschenkt …” Geht’s noch? Die Studenten haben kein Gehirn mehr, sondern eine Speicherfläche, und da schenkt der Staat eine wertvolle Ausbildung hinein. Der Student selbst muss gar nichts tun. Von dieser Sorte scheint auch die Ausbildung zu sein, die Michael Psotta geschenkt bekommen hat.

* Wenn sie in die FDP eintreten

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Sportarten gibt’s, die gibt’s gar nicht

Demnächst: Olympisches Zuckerwattezupfen

Demnächst: Olympisches Zuckerwattezupfen

Sportarten gibt’s, die gibt’s gar nicht. Und es gibt sie doch. Die Olympischen Spiele machen es alle vier Jahre zum Ereignis. Wir wollen Usain Bolt in der 4×100 m-Staffel sehen, aber das ist nachts. Am Tage ist Synchronschwimmen, Rhythmische (oder Künstlerische?) Bodengruppengymnastik, Dressurreiten, Taekwondo, Wasserspringen, Cross-Country usw. Über 300 Entscheidungen gab es in Rio. Nichts gegen diese Randsportarten, wenn man nichts davon versteht, vor allen Dingen nichts gegen die Sportler, die sie ausüben, aber es ist ein Irrglaube, davon auszugehen, dass die Publikumsrenner im Sport einen Sog herstellen, von dem auch die Mauerblümchen profitieren. Anne Will, als sie noch Sportredakteurin war, sagte mir mal, dass Synchronschwimmen total witzig sei und Kult werden könne, wenn man sich einmal damit befasse, aber wer hat schon die Zeit und wer will deshalb vom Fußball lassen!

Trotzdem. Ich hätte nicht gedacht, dass olympischer Fußball mich hineinziehen könnte, aber dieses junge, man muss schon sagen Verlegenheitsteam von Trainer Horst Hrubesch hat mir imponiert. Viele Bundesligateams hatten ihre Profis nicht für die Olympischen Spiele freigestellt, aber die, die dann in Rio dabei waren, waren immer noch gut genug, um um Gold mitzuspielen und auf dem Silberplatz zu landen. Großartige Jungs, die immer wieder zurückkamen, obwohl sie oft im Rückstand lagen, ein tolles Mittelfeld mit den Bender-Zwillingen, dem Leverkusener Julian Brandt und dem Schalker Max Meyer, Kämpfer und Techniker, die niemals hektisch wurden und immer noch eine Lösung parat hatten. Besonders begeistert war ich von Julian Brandt, ein schneller Mann, ballsicher, voller Tricks und Einfälle. Dass der Bundestrainer den aus dem EM-Kader gestrichen hat, sagt mir alles.

Wie waren die Medien? Es ist blöd, dass die Reporter den Ehrgeiz haben, es den Athleten gleichtun zu wollen und ebenfalls Höchstleistungen zu bieten, auch körperlich. Sie werden hysterisch, wenn ein Deutscher vorne liegt, brüllen aus Leibeskräften, immer darauf bedacht, dass sie einen historischen Wettkampf auch mit einer historischen Schilderung verzieren. Wenn die Sportler am Ende erschöpft zusammenbrechen, möchten sie das auch von sich behaupten. Wer soll ihnen das glauben.

Noch nervender ist ihr Glaube an die Kausalität. Für jeden vergebenen Punkt, für jedes vergebene Tor wollen sie sofort eine Erklärung bieten. Er kam nicht richtig hinter den Ball, er kam nicht über den Ball, es fehlte die letzte Konsequenz, zu viel Risiko, zu wenig Risiko. Das kann man alles in die Tonne kloppen. Wieso begreifen sie nicht, dass es im Sport viele Zufälle gibt! Ich begreife es doch auch.

Im übrigen bin ich froh, dass ich jetzt ein paar Jahre nicht mehr hören muss: Copacabana, der berühmteste Strand der Welt.

 

… machst du unseren Charakter so klein

Wir gehen lieber nach Friedrichshagen und schauen auf die Wasser und Flöße des Müggelsees © Fritz-Jochen Kopka

Wir gehen lieber nach Friedrichshagen und schauen auf die Wasser und Flöße des Müggelsees
© Fritz-Jochen Kopka

Von diesen Olympischen Spielen in Rio wollte ich mich eigentlich ausschließen. Wahrscheinlich bin ich auch gedopt (Hustenbonbons), es wird da nie eine Gerechtigkeit geben. Das Vorspiel hat mir schon gereicht, da ist man schon satt, wenn es mit den Spielen selbst beginnt. Das Gastgeberland Brasilien kann einem leid tun.  Es baut Stadien, die später in der nun einmal hingestellten Dimension nicht mehr gebraucht werden und wahrscheinlich verfallen, es verbraucht Unmengen Geld, und die Einwohner, die doch ein großes friedliches Spektakel erleben und zufrieden werden sollen, denken, dass dieses Geld doch besser ihnen zukommen solle, protestieren oder verweigern sich. Und dann die große Frage: Wem kann man trauen. Sie lässt sich am besten beantworten, wenn man sie so stellt: Wem kann man nicht trauen? Den Russen natürlich. Das weiß man schon von ihren Whistleblowern. Dennoch ahnen alle, dass die Frage damit nicht geklärt ist. Wie sagte ein deutscher Sportler: Es müssten auch noch andere Nationen ausgeschlossen werden. Jawohl, können wir fortsetzen, es müssen alle ausgeschlossen werden, die besser sind als wir, damit wir auch Medaillenchancen haben. Das wurde leider nicht geleistet. Und so dauerte es ein paar Tage, bis endlich auch Deutschland im Medaillenspiegel auftauchte, den die FAZ mit konstantem Stumpfsinn „Zerrspiegel” nennt. Warum sie das tut, steht im Kleingedruckten: „Aufgrund der Doping-Manipulationen, einem in manchen Ländern nicht oder nur unzureichend existierenden Kontroll-System und der teilweise bislang nicht nachweisbaren, verbotenen Substanzen übernimmt die Redaktion keine Gewähr für die Richtigkeit der Angaben. Eingefrorene Proben dürfen zehn Jahre lang nachkontrolliert werden. Mit einem endgültigen Ergebnis ist erst nach Ablauf der Verjährungsfrist 2026 zu rechnen.” Du lieber Himmel! Was soll man dazu sagen? Geht es hier um die Lottoergebnisse? Ohne Gewähr? Kann die FAZ verantwortlich gemacht werden, wenn sie den Medaillenspiegel abdruckt? Kann ein zwölfter Sieger bei ihr die Goldmedaille einklagen? Nimmt sich die Zeitung für Deutschland zu wichtig? Ja, sicher, das tat sie schon immer. Macht sie sich dabei auch lächerlich? Kommt drauf an, was für eine Art von Humor man hat. Man kann sich wundern, wie viel die FAZ zum Thema Doping druckt und wie wenig sie dabei aufklärt. Ein Interview mit der Schwimmerin Britta Steffen und ein kleiner Essay des Philosophen Slavoj Zizek, die sich allerdings auch in ihren Spalten fanden, sagen viel Konkreteres über das Problem als die jahrelange Polemik mit Schaum vorm Mund.

So lange Deutschland keine Medaille errungen hatte, befasste sich die Zeitung in ihrer Olympiaberichterstattung vorwiegend mit Dopingfragen. Am Dienstag, dem 9. 8., ganzseitig auf der Sportaufschlagseite unter der Schlagzeile „Das ekelt mich an”. Einen Tag später hatten deutsche Pferde und Kleinkaliberwaffen für die ersten Medaillen gesorgt. Da zog eine ganz andere, echt deutsche Stimmung, ein: „Der größte Reiter seiner Epoche”. Unterzeile: „Alles andere als Gold hätte wie ein Irrtum gewirkt …” (Solche Irrtümer gab’s aber einige.) Was sagen wir nun dazu? Und wieder, FAZ, machst du unseren deutschen Charakter so klein.