Archiv

Archive for the ‘Presseschau’ Category

Der Fiktionalist, die Spiegel-Doku und die Quote

Kisch-Preis, Reporter-Preis, Kitsch-Preis
© FJK

Nach dem Relotius-Drama meldet sich nun – man könnte auch sagen: Jahre später – die Jury zu Wort, die den Fiktionalisten mit Preisen beworfen hat. Jedes Mitglied der Jury wird befragt, jedes Mitglied antwortet auf fünf oder sechs Fragen. Wenn man sachlich ist, müsste man sagen, dass die Jury sich bis auf die Knochen blamiert hat, indem sie zu Teilen erfundene Texte ausgezeichnet hat. Aber sie waren ja so schön geschrieben! So. Früher hat man über gut geschriebene Texte geredet und eben solche auch zu recht verlangt. Jetzt sind wir dem Wahnsinn schon etwas näher gekommen: Die Texte sollen nicht gut, sie sollen schön geschrieben sein. Das Essen schmeckt ja auch schön. Deutliche Selbstkritik habe ich aus den Antworten der Jury nicht herauslesen können. Nur Tina Hildebrandt von der Zeit meint, dass im nächsten Jahr eine andere Besetzung über den Preis entscheiden sollte. Was eigentlich zwingend geboten ist. Über den Wahrheitsgehalt der Texte habe man sich keine Gedanken gemacht, sie standen ja im Spiegel, und der hat doch so eine großartige Dokumentationsabteilung.

Dieser Kotau vor dem Spiegel ist infantil. Man muss das Blatt doch nur lesen, um zu sehen, dass die längst nicht alles gut machen.

Beim Betrachten der Jury fällt mir auf, dass da kein echter Reporter dabei ist.

In einem Punkt ist sie, die Jury des Reporterpreises, allerdings vorbildlich und schon längst in der Zukunft angekommen: in der Quotenfrage. Wenn ich mich nicht verzählt habe, gehören ihr drei Männer und acht Frauen an. Damit will ich überhaupt nichts gesagt haben, außer dass das eben vorbildlich ist. Gremien, in denen etwa acht Männer und drei Frauen arbeiten, können genauso versagen.

Vielleicht ist Claas Relotius einfach ein Frauentyp.

Mediale Beglückungen

Januar 14, 2019 2 Kommentare

Beuys-Installation im Hamburger Bahnhof zu Berlin. Passt immer und zu allem, wenn man etwas Phantasie aufbringt.
© FJK

Seit Tagen nerven die Medien uns damit, dass Franck Ribéry ein goldenes Steck gegessen hat, Robert Habeck nicht mehr twittert und MacKenzie Bezos durch die Scheidung von Amazon-Boss Jeff Bezos zur reichsten Frau der Welt werden könnte. Du lieber Himmel. Immer noch eine andere Seite wird diesen Null-News abgewonnen. Ich glaube nicht, dass Euch das wirklich interessiert, Ihr Medienhirsche. Warum glaubt ihr, dass uns das interessieren könnte! Glaubt ihr wirklich, wir sind blöder als ihr?

Die Presse nimmt sich Heinos an

Wird die Presse gelenkt? Ich frag ja nur, weil letzte Woche überall große Beiträge zum 80. Geburtstag von Heino standen, die sich nicht groß voneinander unterscheiden konnten. Der gelernte Bäcker und Konditor, die weißblonden Haare, die schwarze Brille, die Nation, die ihn zur Hälfte verehrt, zur anderen Hälfte ablehnt, aber alle kennen ihn, und nun beendet er auch noch seine Karriere. In der Berliner Zeitung nahm sich einer der beiden Vielschreiber des Blattes an, Harry Nutt, der für die weicheren Themen zuständig ist, während Arno Widmann mit seinen wundgeschriebenen Fingern nach den Zwischentönen und auch nach Tiefen trachtet.

Was kann man viel sagen über Heino, was nicht schon längst gesagt ist. Er sang diese dummstolzen Lieder mit dem schlichten Pathos und, wichtiger: Er lieferte nicht nur den Song, sondern auch gleich noch die Parodie des Songs. Das haben viele ehrliche Deutsche nicht mitbekommen (er selbst vielleicht auch nicht), und darauf beruht ein großer Teil seines Erfolgs.  Kurz gesagt: Man kann sich kurz fassen. Man muss auch gar nichts dazu sagen. Aber das traut die ungelenkte und von unsichtbarer Hand doch gelenkte Presse sich nicht. Sie könnte Leser verlieren. Sie verliert eh schon Leser genug.

 

Das letzte Hemd

„Viel mehr als ein Pferd” lautet die Überschrift im Sportteil der FAZ. Und die dazugehörige Unterzeile: „Weltmeisterin Simone Blum und ihre Stute Alice sind eine Einheit. Sie kämpfen gemeinsam und würden das letzte Hemd füreinander geben. ”

Ja ja, wir wissen, dass das eine Redewendung ist, das letzte Hemd füreinander geben, unseretwegen eine Metapher, aber man kann uns nicht davor schützen, dass wir uns das dann auch bildlich vorstellen: Wie die Stute sich ihr letztes Hemd auszieht und es für die Weltmeisterin hergibt. Umgekehrt mag’s gehen. Aber was soll die Stute mit dem letzten Hemd der Weltmeisterin anfangen, auch wenn sie „eine sensible Fuchsstute mit einem quirligen Geist” ist!

Kategorien:Presseschau Schlagwörter: , , ,

Eisenharte Körper

Ich rede nicht über Bayern München, ich rede darüber, wie die Medien auf Bayern München reagieren. Was sie sich einfallen lassen, um in die monotone Bayern-München-Medien- Überlegenheits-Hymne noch eine frische Farbe einzubringen, damit man überhaupt noch zuhört. Gegen Benfica Lissabon war es leicht. Renato Sanches, der große Aufsteiger der Europameisterschaft 2016 und bei den Münchnern rasch als Fehleinkauf und Sorgenkind einsortiert, macht ausgerechnet bei seinem Heimatverein das Spiel seines Lebens, ein Tor, eine Torvorlage. Aber vier Tage später, in Gelsenkirchen, beim Tabellenletzten Schalke 04, wird es schwer, muntere Worte zu finden. Da erwartet sowieso jeder einen hohen Sieg. Es wird aber nur ein 2:0. Wie bringt man da die Bayern zum Leuchten? Sie siegten ungefährdet, obwohl sie die meiste Zeit mit einer Larifari-Einstellung im Schlafwagenmodus spielten. Aufschlussreich, wie Peter Hess von der FAS bestimmte Situationen bewertet. Schalkes Stürmer Embolo wird immer wieder vom Münchner Verteidiger Süle zu Boden geschickt, ohne dass dieser gefoult hätte: Embolo „prallte am eisenharten Körper des Deutschen ab”. Auf der anderen Seite sieht es anders aus. Es gab einen „unstrittigen Elfmeter” für Bayern München, denn „Schöpf hatte James am Fuß getroffen”. O je. Was wollen wir wetten, dass Schalke keinen Elfer bekommen hätte, wenn Süle Embolo am Fuß getroffen hätte! Sind es nun Mythen, Märchen oder Legenden: Der bedauernswerte Versager, der plötzlich zum Super-Hero wird. Der farbige Rebell aus dem gegnerischen Lager, der am eisenharten Leib des Abwehrrecken zerschellt. Es ist wohl doch nur fader Sportjournalismus.

Korrekte Sprache

Auch wenn man es schwer erkennt: Es sind Vögel, die sich auf der Traufe der Apotheke versammelt haben, um den etwas kühleren Tag zu genießen
© ADe

Die FAS, also die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, druckt ein Interview mit Meg Ryan („Schlaflos in Seattle”). Sie hat sich von der Schauspielerei zurückgezogen und macht Regie. In den Anmerkungen „Zur Person” lesen wir: „Geboren am 19. November als Kind zweier Lehrer in Fairfield, Conneticut.” Was können Lehrer also, was wir nicht können? Na das: ein Kind machen. Aber auch, wenn wir wissen, was gemeint ist: Eine geschlechtergerechte Sprache ist das gerade nicht. Und es klingt komisch. Es würde sogar noch komischer klingen, wenn Meg als Kind zweier Tischler oder zweier Philosophen zur Welt gekommen wäre. Oder als Kind zweier Frührentner. Klar ist, auch wenn wir uns nicht allzu lehrerhaft einer korrekten Sprache bedienen wollen, können wir in diese oder jene Falle tappen. Natürlich würde es blöde klingen, wenn man sagte, sie wurde als Kind einer Lehrerin und eines Lehrers geboren. Aber als Kind eines Lehrerehepaars oder Lehrerpaars? Es ist nur ein Vorschlag.

Erklär uns Berlin

IMG_3947Im Schatten an heißen Tagen

Schade. Tadeusz und die Beobachter gehen in die Sommerpause, sagt Verheugen.

Oh. Da wird uns jede Menge lauwarme Luft fehlen, sage ich, wer soll uns die Welt und Berlin erklären, wenn sie im Urlaub sind, der ewig dauern möge.

Nein. Verheugen mag die Sendung. Die Akteure, stolze Hauptstadtjournalisten, sind ihm vertraut. Er spricht sogar mit ihnen, wenn sie sich da im RBB produzieren, er gibt ihnen recht, und er verhöhnt sie, wenn sie Unfug reden, besonders gefällt ihm die Springer-Journalistin Claudia Kade …

Ja, sage ich, die ist ja selber auch total von ihrem mädchenhaften Charme begeistert.

Und der FAS-Mann Claudius Seidl, sagt Verheugen, ich nenne ihn den Mönch, denn es ist ja so: Er hat so spezielle Ansichten, wie in einer Klosterzelle erdacht.

Claudia und Claudius, sage ich, das Traumpaar der somnambulen Abgehobenheit. Wenn man Seidl das Wort sozusagen wegnimmt, hat er keine Sprache mehr.

Darauf antwortet Verheugen nicht und kommt stattdessen gleich zu Elisabeth Niejahr. Sie erinnert ihn an seine Kindheit, weil sie der Lieblingspuppe seiner Schwester ähnlich sieht.

Die ist sogar ziemlich intelligent, sage ich.

Vergiss nicht Hajo Schumacher!

Doktor Schumacher, ergänze ich. Der sieht inzwischen aus wie ein Mann, dem alle Felle weggeschwommen sind. Pendelt zwischen übellaunig und verzweifelt.

Ich habe es noch nie geschafft, Verheugen irgendetwas zu vermiesen, er steht fest zu seinen Neigungen. Jawohl, Dr. Schumacher sagt er, für mich ist Doktor Schumacher ein moderner Don Quijote.

Genau, sage ich, er sitzt auf einem alten Gaul, der Berliner Morgenpost heißt. Und wie findest du den Meister selbst?

Jörg Tadeusz hat einen stabilen Körper und eine geschmeidige Zunge, sagt Verheugen. Wer es schafft, einen Doppelzentner Saturiertheit so elegant mit Selbstironie und Witz zu verbinden, hat bei mir schon gewonnen.

Er hat die Gabe, allen Ereignissen und Krisen etwas Vergnügliches abzugewinnen, ich gebe dir recht, sage ich. Sie sind alle famose kleine Angeber, jeder auf seine individuelle Art. Ich bin gewiss kein Freund der Berliner Parteien, aber wenn diese mediokren Gestalten sich lächelnd über die Politik in der Hauptstadt mokieren, der nichts gelingt, dann möchte ich ihnen zurufen: Täuschen Sie sich nicht. Sie gehören dazu. Sie sind Teil dieses Systems des Unvermögens und der Provinzialität. Oder kannst du mir eine Zeitung von überregionaler Bedeutung nennen, die sie in Berlin etabliert hätten …

Das kann Verheugen nicht.

Aber hast du verfolgt, wie intelligent sie den Zusammenhang von Fußball und Politik erläutert haben?, fragt er. Und wie mutig sie Putin attackierten? Der hat die Weltmeisterschaft doch nur nach Russland geholt, um die Bevölkerung von den Missständen abzulenken.

Oh ja, sage ich., davon verstehen sie viel. Schade, dass sie gerade jetzt in die Sommerpause gehen.