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Posts Tagged ‘Jogi Löw’

Wer die Zeit fürchten muss

Fan unter Fans. Berlin. Alte Försterei

Fan unter Fans. Berlin. Alte Försterei

Wenige Minuten, bevor die Fußball-WM beginnt, das, was wir jetzt am wenigsten brauchen: der Saisonrückblick 2013/2014. Erste Liga, zweite Liga, dritte Liga, Champions League, Qualifikations- und Freundschaftsspiele. Streiflichter dessen, was hier schon mal zu lesen war. Und alles schon fast vergessen.

Als ich nach Hause komme, mache ich ein Bier auf und schalte den Restfußball an. Deutschland – Paraguay. Es steht 2:3. Ich lehne mich jetzt aus dem Fenster, knödelt Bela Rethy, der Ausgleich ist fällig. Ja, man muss kein großer Prophet sein. Die Paraguayos haben sich in ihre Hälfte, eigentlich in ihren Strafraum zurückgezogen. Wir haben Glück, dass der kroatische Referee ein Heimschiedsrichter ist, wie er im Buche steht. Also. 3:3. Lars Bender macht es. Und dann sagt Bela Rethy: „Applaus für Joachim Löw, der den zweiten Ball vom Spielfeld entfernt.” Ich fasse es nicht. Er sagt es ohne eine Spur von Ironie. Es soll heißen, das Lauterer Publikum bejubelt eine Heldentat des Bundestrainers. (Wir wissen ja, wie es aussieht, wenn der an den Ball tritt, so zeitlupenmäßig.) Jogi Löw ist so beliebt, er ist der Fußballweltmeister der Herzen. Und nun hat er auch noch einen überflüssigen Ball vom Spielfeld entfernt. Donnerwetter.

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Der kurze Blick, der kurze Tick, mit dem Draxler nicht aufs Tor hämmert, sondern trocken den heranstürmenden Adam Szalai  bedient – darauf muss man in der Eile erst mal kommen und das kann man auch nicht besser machen. Es gibt immer einen Lösungsweg im Fußball – und im Leben.

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Ich war Vollzahler, ich war Teil der Choreographie, ich wurde wegen offensichtlicher Ungefährlichkeit keiner Leibesvisitation unterzogen und mit Sie angesprochen. 1. FC Union Berlin gegen FC St. Pauli.

Die Hymne verströmte Pathos und Mysterium, unbegrenzte Hin- und Selbstaufgabe sowie Verklärung des Ostens, aber auch versöhnliche Elemente. Nina Hagens Vokalisen haben etwas besessen Hexenhaftes, der Verein kann sich nur gratulieren zu diesem Meisterwerk …

Die Unioner werfen ihre nun nicht mehr übergewichtigen, sondern mächtigen Körper in die Schlacht. Die flinken St. Pauli-Leichtgewichte sind beeindruckt. Nemec macht das 2:2, natürlich per Kopfstoß, und der eingewechselte Terodde vollbringt das Unglaubliche. 3:2 in der 86. Minute. St. Pauli fährt mit leeren Händen nach Hause.

War das ein geiles Spiel. So klingt es überall.

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Deutschland – Österreich 3:0. Waren wir so stark, waren die Ösies so schwach? Halten wir uns, wie so oft und so gern, an den Bundestrainer: „Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht.” Normalerweise hat man für solche Sätze fünf Euro ins Phrasenschwein zu werfen, aber hier gibt uns die Phrase die Deutung an die Hand. Die Österreicher haben ihre Hausaufgaben nicht gemacht.

Kann man einem Menschen eigentlich seine Körpersprache vorwerfen? Ich denke nicht. Man könnte ihm höchstens ein paar Szenen zeigen und sagen, schau, Jogi, so sieht das aus, wenn du jubelst, so sieht das aus, wenn du zornig bist. Etwas memmenhaft, nicht wahr? Denk mal drüber nach. Aber wo soll das enden? Man könnte ihm ja auch seine Statements vorspielen. Hör dir das mal an, Joachim, das sind deine Sätze, achte mal auf Floskeln und nichtssagendes Zeug und lass dir das durch den Kopf gehen.

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Welten liegen zwischen den Färöer Inseln und Deutschland, Fußballerwelten und Geldwelten. Es leben 45 000 Menschen und 90 000 Schafe auf den Inseln, und das Stadion war ausverkauft mit 4000 Zuschauern. Und doch verteidigten die Männer von den Schafsinseln geschickt, und aufopferungsvoll sowieso, gegen die Unsrigen, die mit zunehmender Spielzeit Elfmeter forderten, denn anders kriegten sie das Runde nicht ins Eckige, die Stars aus Madrid, London, München und Dortmund gegen die Nobodys von den Inseln, die auch noch arbeiten müssen und von denen man die eine oder andere passable Passfolge bewundern konnte. Das ist ein Faszinosum des Fußballs: Der Klassenunterschied wird durch eine geschickte Taktik wettgemacht, und die Weltstars sehen klein und hässlich aus neben den Schafhirten.

Nun wissen wir, dass Thomas Müller der anerkannt beste Elfmeterherausholer der Welt ist (im Kicker-Forum nennt man ihn eine Fallsau), sowas muss man eben auch können im modernen Fußball, aber ich sage: doch bitte nicht gegen die tapferen, freundlichen, prächtigen, einfachen Färinger. Gegen Frankreich ja (die machen das auch), gegen die Niederlande unbedingt (die sind da groß drin), aber bitte nicht gegen die Färöer Inseln! Nicht gegen diese wunderbaren, unerschrockenen Menschen, die danach die Nähe Müllers mieden wie der Teufel das Weihwasser.

Im anschließenden Interview trat Müller die Flucht nach vorn an. Sein ganzes Knie sei aufgerissen, und zwar nicht von dem Sturz, sondern von dem Tritt des Färengers. Als Reporter hätte ich gesagt: Zeigen Sie doch mal bitte! Und: Sind Sie denn bis zur WM in einem Jahr wieder fit? Oder werden Sie jetzt Sportinvalide?

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Sport-Vorstand Matthias Sammer hat sich beim FC Bayern München zum umgedrehten HB-Männchen profiliert. Hieß es beim HB-Männchen: „Wer wird denn gleich in die Luft gehen! Greife lieber zur HB!”, funktioniert es bei Sammer genau andersrum: „Warum gleich zur HB greifen. Gehe lieber in die Luft.”

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Ich sehe heute wieder besser aus als zuletzt und werde demzufolge am Eingang gründlich nach Waffen abgetastet.

In unserem krachend engen Block kann man den parteiischen Blick studieren. Einem Union-Kicker darf kein Haar gekrümmt werden, während jedes gepfiffene Union-Foul zu Wutausbrüchen auf der Tribüne führt.

Die Fürther erobern den Ball im eigenen Strafraum, schwärmen aus wie Außerirdische in ihrem kosmischen Trikots und machen verdammt clever das 1:1. Und schlimmer. Die Unioner scheinen Blei in den Gliedern zu haben. Sie laufen sich kaum noch frei, und wer sich freiläuft, wird nicht gesehen. Mit unheimlicher Zwangsläufigkeit macht Fürth das 2 und das 3:1 und, Minuten nach dem Anschlusstreffer, auch noch das 4:2. „Ohohoho, Fußballgott Union aus Berlin” singen die Fans müde, trotzig und ungekonnt.

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In Deutschland haben die Schiedsrichter die Hosen voll, wenn sie es mit Uli Hoeneß zu tun bekommen. Aber dass sie so weit gehen wie am Sonnabend, ist schon bemerkenswert: Schweinsteiger hieb seinem Gegenspieler Diego mit beiden Händen wie ein Henker in den Nacken. Brutaler und demonstrativer kann man ein Machtgefühl nicht ausdrücken. Und dennoch: Um diesen Spieler den Regeln gemäß vom Platz zu stellen, braucht der Schiedsrichter Charakter. So weit hat es ein Mann aus Rostock und überhaupt aus dem Osten im Fußball noch nicht gebracht. Schiedsrichter Danckert zeigte Schweinsteiger gelb. Das war besonders bescheuert. Wenn ich nicht den Arsch in der Hose habe, die richtige Entscheidung durchzuziehen, dann tue ich so, als ich hätte ich das Vorkommnis nicht gesehen. Oder ich zeige Diego gelb, weil der sich fallen ließ. Denn Schweini hatte ihn ja nur gekitzelt. Dem Feigen fällt immer etwas ein.

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Wenn wir tatsächlich davon ausgehen, dass es ihn gibt, den Fußballgott – was will er uns mit solchen absurden Spielverläufen und Ergebnissen mitteilen? Ich weiß im Moment nur eines: Fußball ist für Akteure und Fans eine Einübung in Demut. Und auch der Größte muss daran denken, dass Hochmut vor dem Fall kommt. Und damit leistet der Fußball eine für die modernen Gesellschaften unverzichtbare Arbeit. Er erteilt eine Lehrstunde – uns allen.

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Gestern konnte man sehen, wie unverzichtbar Lukas Podolski (nach einem Urteil des Bundestrainers) für die deutsche Fußballnationalmannschaft ist. Podolskis Vertreter, André Schürrle, schoss drei Tore (Schweden – Deutschland 3:5). Wieviel Tore hätte der unverzichtbare Podolski geschossen? Mindestens fünf.

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Schön auch, dass wir bei dieser Gelegenheit erfahren, dass Klopp ein gestandener Fatalist ist. Denn was sagt er noch: „Man muss nicht auf etwas warten, was besser aussieht. Das Gras ist woanders nicht immer grüner, und meine Fähigkeit ist es, das Glück zu sehen, wenn es da ist.” Es gibt nicht viele Trainer auf der Welt, die in der Lage sind, solche scheinbar einfachen Sätze zu sagen. Es gehört in der Tat zu den seltenen Fähigkeiten, das Glück zu erkennen, das sich in der Nähe befindet. Das Glück ist da, und ich bin mittendrin. Die meisten Leute hängen dem Wahn an, dass es etwas noch viel Besseres gibt als das, was sie gerade haben. Nicht Klopp, der Fatalist.

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Champagner-Fußball heißt das, wenn Bayern München gegen Viktoria Pilsen spielt, Champagner-Fußball gegen Bier- oder besser Bierbauch-Fußball. Die Böhmen waren vom Ruhm des FC Bayern und dem Medienhype um das Team so beeindruckt, dass sie sich am liebsten unsichtbar gemacht hätten.

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Wir treten hier an, um den Schiedsrichter Peter Gagelmann zu ehren, der im Privatleben ein einfacher Angestellter im Veranstaltungsmanagement ist, aber als Schiedsrichter Maßstäbe setzt. Gagelmann kann das Wort Unparteiischer nur in Anführungsstriche setzen, er ist nicht für lau, er ist immer mit Liebe und Hass auf dem Platz unterwegs. Gagelmann bürstet das Geschehen gern gegen den Strich, er setzt sich nicht für die Schwachen ein (was man gemeinhin für eine Tugend hält), Gagelmann kämpft mit aller Macht für die Starken.

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Khedira zieht sich einen Kreuzbandriss zu, als er Pirlo attackiert. Merkwürdig die vielen Fouls von Toni Kroos, er springt öfter mal wie ein leidenschaftlicher Liebhaber regelrecht auf den ballführenden Gegenspieler auf.

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… der Schiedsrichter benachteiligt uns arme Hansa-Rostock-Schweine nur minimal, und so sind wir es, die das Tor machen, David Blacha zieht aus der Luft kurz und trocken ab, und der Leipziger Torwart Domaschke fliegt eindrucksvoll am Ball vorbei; und da wissen nun die Bullen, dass sie es mit uns armen Hansa-Rostock-Schweinen an diesem Tag nicht leicht haben werden; sie bekommen immer noch keinen Elfmeter, und auch das zweite Tor machen wir arme Hansa-Rostock-Schweine …

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Ich glaube, dass diese widerwärtige Ranschmeißerei den Bayern eher schadet, als dass sie ihnen etwas brächte. Man kann ihnen nicht vorwerfen, dass sie verlernt haben zu verlieren (wie man den Dortmundern nicht vorwerfen kann, dass sie ihre Torchancen nicht nutzen; sie machen es ja nicht mit Absicht), aber kann man nicht von Reportern verlangen, dass sie etwas Interessantes, Problemhaltiges über eine noch so großartige Mannschaft erzählen? Etwas vielleicht gar Subtiles? Etwas ohne den Gebrauch des Superlativs? Warum gibt es in einem Land mit einer so großartigen Fußballmannschaft keinen großartigen Reporter? Versteh ich nicht.

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Was sahen wir armen Hansa-Rostock-Schweine mit unseren entzündeten Augen heute im eigenen Stadion? Nach 41 Minuten hatte Schiedsrichter Tobias Stieler seinen Job im Wesentlichen erledigt und konnte sehr zufrieden sein. Hellsichtig auf einem Auge und blind auf dem anderen hatte er zwei Elfmeter und zwei Rote Karten gegeben, alles gegen uns, den Grobmotorikern vom VfL Osnabrück lächelte er fröhlich zu: Na, wie findet ihr mich?

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Nebenbei kommt es dann so weit, dass die Bayern real nicht in der Bundes-, sondern in der Regionalliga spielen, denn sie treten immer nur gegen die zweite Garnitur des Gegners an, der seine Besten für das nächste Spiel schont. Das wäre doch ganz witzig.

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Der Stadionsprecher begrüßt den Start der zweiten Halbserie und des Frühlings, in der Halbzeitpause gedenkt er treuer Fans, die in den vergangenen Wochen gestorben sind. Besonders alt sind sie alle drei nicht geworden. Wir denken an euch, denkt ihr auch an uns, so der Tenor seiner Worte. Wir brauchen eure Unterstützung von dort oben. Ein Fußballfan stirbt nie so ganz.

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„Währenddessen klären Zambrano und Lewandowski den Stand ihrer Freundschaft“ – das war Fernsehreporter Simon, der dafür bekannt ist, in seiner verqueren Ausdrucksweise köstlichen Humor zu vermuten.

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Arjen Robben, der alte Holländer, hat einen Elfmeter und einen Platzverweis für die Bayern herausgeholt. Auf Grund der ihm eigenen Konstitution gelingt es ihm, Zweikämpfe immer besonders dramatisch aussehen zu lassen; er wirkt in solchen Fällen wie ein Kriegsveteran, der auf offener Straße zusammengeschlagen wird und nicht in der Lage ist sich zu wehren, obwohl er zuvor selbst den Kampf gesucht hat und zwar auf ziemlich riskante Weise. Arsène Wenger, der Arsenal-Trainer, sagt, der Schiedsrichter habe mit dieser Entscheidung das vorher hochklassige Spiel ruiniert.

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Die Spitzenteams der Bundesliga hatten sich längst darauf verständigt, den Kampf um die Deutsche Meisterschaft den Münchner Bayern zu überlassen. Dort vorne kämpften die Bayern mit sich selbst, was auch heißt, mit Mathias Sammer, sie siegten und entfernten sich immer weiter vom Hauptfeld. Dahinter kämpfen nun die Spitzenteams weiter um den Meistertitel des wirklichen Lebens.

Die Geschichte ist  unvollständig, wenn nicht miterzählt wird, dass der Macher des Bayern-Erfolgs, der Spieler, Manager und Präsident, seine Omnipotenz und seinen Hochmut mit einer Gefängnisstrafe bezahlt. Siebter Himmel und Vorhölle. Das Leben verstehen, den Erfolg verstehen, Uli Hoeneß verstehen. Verstehen, wie das alles zusammenpassen soll. Wer kriegt das hin?

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Wer selten verliert, wird in der Regel ein schlechter Verlierer werden. Verlieren will geübt sein. Bayern München – Borussia Dortmund 0:3. Auch wenn es, zumindest für die Bayern, um nichts mehr geht. Am Ende grapscht der Bayer Rafinha aus Frust dem Dortmunder Mchitarjan ins Gesicht und sieht Rot. Viel zu hart, meint Sportvorstand Sammer, der beim FC Bayern in die Rolle des Sträflings Hoeneß hineinwächst, die aggressive, selbstverliebte, hochmütige Stimme von Bayern München.

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Dennoch bleibt die Frage interessant, wieso Bayern München gegen Real Madrid chancenlos war. Sie spielten vor einer aufgeputschten Zuschauermasse, die jede Aktion der Madrilenen mit einem gellenden Pfeifkonzert begleitete. Und die Spieler selbst befanden sich auch im Zustand der Aufgeputschtheit (von den Phlegmatikern Kroos und Schweinsteiger abgesehen). Neuer war sein Torraum wieder mal zu klein, er wollte unbedingt draußen mitspielen und wäre um ein Haar überflankt worden. Mandzukic, Ribéry und Robben wollten mit dem Kopf durch die Wand und wenn sie ihre Gegenspieler foulten, hatten sie immer das Gefühl, selbst gefoult worden zu sein, Herr, vergib ihnen. Aber reden wir von Madrid, reden wir von diesen phänomenalen Innenverteidigern Pepe und Sergio Ramos. Verglichen mit Dante und Boateng konnte man an ihnen schon mal den Unterschied festmachen. Wie hellwach die waren. Wie die jede Lücke zustellten. Was die außerdem für die Spieleröffnung taten. Alles ohne Fouls. Und da sind die beiden frühen Kopfballtore von Ramos noch nicht mal erwähnt. Beim zweiten reklamierte Manuel Neuer lächerlicherweise auf Abseits, wie er das ja immer tut, wenn er mal hinter sich greifen muss. Lächerlich auch, wie die Bayern-Spieler jedesmal hysterisch Zeitspiel reklamierten, wenn ein Madrilene am Boden lag und behandelt werden musste. Die Real-Spieler waren es gewiss nicht, die die Zeit fürchten mussten.

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Der Bundestrainer wiederum sagt mit badischer Zunge, dass wir nicht den nationalen Fußballnotstand ausrufen müssen (hatte auch keiner vor). Man freut sich „wahnsinnig” auf das Vorbereitungsspiel gegen Polen, auch wenn der Kern des Teams (die Kicker vom FC Bayern und vom BVB) nicht dabei sein wird. Hinter jedem nominierten Spieler steht ein klares Ja, da sind sich „der Hansi, der Andi und ich” (der Jogi) einig. Der Sami (Khedira) ist eine Ausnahme, der ist ja gerade erst von einem Kreuzbandriss genesen und kann noch nicht in Hochform sein, aber man will auf ihn nicht verzichten auf Grund seiner starken Persönlichkeit und seiner herausragenden Fähigkeiten. Es geht familiär zu beim DFB,

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Wir sind ja mittlerweile überzeugt, dass wir Deutschen technisch hervorragende Fußballer haben. Aber die Kameruner, gegen die wir heute spielten, machten einen vielen geschickteren, kreativeren Eindruck, und das 2:2 am Ende resultiert aus einem Tor, dem eine klare Abseitsstellung von Podolski vorausgegangen war,

Applaus für Jogi Löw

Als ich nach Hause komme, mache ich ein Bier auf und schalte den Restfußball an. Deutschland – Paraguay. Es steht 2:3. Ich lehne mich jetzt aus dem Fenster, knödelt Bela Rethy, der Ausgleich ist fällig. Ja, man muss kein großer Prophet sein. Die Paraguayos haben sich in ihre Hälfte, eigentlich in ihren Strafraum zurückgezogen. Das kann nicht gut gehen. Wir haben auch Glück, dass der kroatische Referee ein Heimschiedsrichter ist, wie er im Buche steht. Also. 3:3.Lars Bender macht es. Und dann sagt Bela Rethy: „Applaus für Joachim Löw, der den zweiten Ball vom Spielfeld entfernt.” Ich fasse es nicht. Er sagt es ohne eine Spur von Ironie. Es soll heißen, das Lauterer Publikum bejubelt eine Heldentat des Bundestrainers. (Wir wissen ja, wie es aussieht, wenn der an den Ball tritt, so zeitlupenmäßig.) Jogi Löw ist ja so beliebt, er ist der Fußballweltmeister der Herzen. Und nun hat er auch noch einen überschüssigen Ball vom Spielfeld entfernt. Donnerwetter. Das Spiel ist schon fast vorbei, da sagt Rethy: „Das ist der erste Torschuss von Paraguay in der zweiten Halbzeit.” Soll heißen, wir sind ja so viel besser, aber es geht irgendwie mit dem Teufel zu, dass wir nicht klar vorne liegen. Der Kroate gibt fünf Minuten Nachspielzeit, in einem Freundschaftsspiel, das keine langen Spielunterbrechungen aufwies. Es bleibt beim 3:3. Hoffen wir, dass das ein Warnschuss war zur rechten Zeit.

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Trauer muss der Sieger tragen

„Sie standen an den Hängen und Pisten …” Die Gleichstellungsbeauftragte der Bundesregierung hat die Entwicklung eines Urinal für weibliche Fans in Auftrag gegeben zwecks Vermeidung von Geschlechterdiskriminierung

„SIE  STANDEN AN DEN HÄNGEN UND PISTEN …” Die Gleichstellungsbeauftragte der Bundesregierung hat die Entwicklung eines Urinals für weibliche Fans in Auftrag gegeben zwecks Vermeidung von Geschlechterdiskriminierung

Die Sportschau, vorletzte der Saison. Es geht um kaum noch etwas und bei dem, um das es noch geht, glaubt man schon zu wissen, wie es ausgehen wird. Aber der Fußballfan ist ein Bündel von Präferenzen und Ressentiments, die ihn ans Geschehen fesseln trotz dieser rekordträchtigen, überaus erfolgreichen, traurigen Saison.

Auch tags darauf ist keine Hitze mehr in der Schlacht, beim letzten Heimspiel des 1. FC Union gegen den MSV aus Duisburg. Auf einem Nebenplatz spielen zwei Frauenteams.  Der  Frauenfußball hat sich in den letzten Jahren gut entwickelt, sage ich. Früher konnten die Frauen nur geradeaus laufen und stießen dadurch oft frontal zusammen. Jetzt können sie auch Haken schlagen und Kurven laufen. Unser Boss, Union-Mitglied der ersten, letzten und jeder gegenwärtigen Stunde, staunt.

Einlass und Leibesvisitation ohne Probleme. Kein großes Gedränge. Unser Boss begibt sich an die Urinale, eine der neuesten und segenreichsten Errungenschaften des volksnahen Clubs, führt uns anschließend, geschickt sich durch die Reihen der Fans schlängelnd, auf gute Plätze fast auf Höhe der Mittellinie. Der Fußballnomade wirft einen scheelen Blick auf unser Umfeld. Argwöhnt, dass er mit seiner vornehmen Kleidung den Neid der rauchenden Fans erregt, die in der Regel auch mit einem saftigen Übergewicht ausgestattet sind. Schon deshalb müssen sie rauchen, sonst würden sie ja noch dicker. Hauptsache, sie bohren die Glut ihrer Lullen nicht in sein englisches Jackett, sei es aus Heimtücke, sei es aus Fahrlässigkeit.

Die lange Abschiedsapotheke für die scheidenden Spieler. Warum auch immer sie gehen oder gehen müssen: Schicksale, Formkrisen, Disziplinlosigkeiten, Alter, neue Chancen anderswo, Verletzungen. Trotz allem wird ein Jeglicher als Fußballgott gewürdigt. Im heiteren Auge manche Träne.

Auch ein Stolz von Union: neue Tribüne nur für Sitzenbleiber

Auch ein Stolz von Union: neue Tribüne nur für Sitzenbleiber

Im Union-Sturm zwei hüftsteife Recken mit ähnlicher Spielanlage. An der Seitenlinie ein clubeigenes Talent, das eine schwierige Saison hinter sich hat. Ein schöner 20-m-Schuss von Union, dann erarbeitet sich Duisburg langsam ein Chancenplus. Bessere Spielanlage, bessere Raumaufteilung …

… Es ging um nichts mehr, das sah man auch. Duisburg hatte mal mit dem Abstieg zu tun, das war vorbei, Union konnte sich Hoffnungen auf den Relegationsplatz machen, jetzt kaum noch vorstellbar. Trainer Neuhaus schien die Saison abgehakt zu haben, die Mannschaft befand sich in einem Zustand der Willenlosigkeit.

Im heutigen Fußball sind auch weniger begnadete Teams in der Lage, gut zu verteidigen. Man hat da seine Vierer- oder Dreier-Ketten, seine Doppelsechs und das Prinzip, dass die Defensive schon beim vorgeschobensten Spieler beginnt. So ist es am Strafraum mit der Herrlichkeit der angreifenden Mannschaft vorbei. Es kommt auf die sogenannten zweiten Bälle an. Die abgewehrten, abprallenden Schüsse und Flanken, bei wem landen sie? Wer reagiert am schnellsten? Das entscheidet oft ein Spiel. So machte Duisburg das 1:0. Das Gegentor brachte die Qualitäten von Union zum Vorschein. Leidenschaft, an den Seitenlinien nach vorn sprinten, immer wieder, die Bälle nach innen schlagen. So fiel das 1:1 aus einer unübersichtlichen Situation im Duisburger Strafraum, und nach einer eben solchen gab der Schiedsrichter einen Elfmeter für Union. Guter Schiedsrichter, sagte ich ironisch. Und unser Boss: Die Duisburger haben den Schiri gerade genug geärgert mit ihren Protesten nach einem Freistoß, und jetzt macht er das.

Das war’s dann. Die Fans blieben noch. Die Spieler applaudierten ihnen. Lohn der Treue. Der Stadionsprecher versprach Nähe, Autogramme und Gespräche. Zwei tragische Fans in unserem Rücken versuchten, das Geschehen zu bewerten: Wenigstens ein versöhnlicher Saisonabschluss. Ja, versöhnlich.

Das ist es. Wir sehen, wie wir gelernt haben,  uns mit dem größten Mist zufrieden zu geben. Die Merchandising-Shops wurden belagert. Traurige Fans, die ihr Geld für traurige Abzeichen ausgaben.

Am Ende kaufen sie sich Sticker

Am Ende kaufen sie sich Sticker

Sportschau, die letzte. Dritte und erste Liga. Hansa vermag es auch im letzten Heimspiel nicht, ein Tor zu schießen und sich für den „betriebenen Aufwand zu belohnen”. Die ewige Wiederkehr des Gleichen auch in der ersten Liga. Gladbach geht schnell 2:0 gegen die Bayern in Führung, um dann aufzuhören zu verteidigen und schließlich 3:4 zu verlieren. Dortmund macht gegen den Fast-Absteiger schnell das 1:0, vergisst dann aber, dass sie eben nur 1:0 und nicht 3:0 führen, um dann zwei Elfmeter und einen Platzverweis zu fressen (Weidenfeller). So haben sie viele, viele Punkte liegen lassen in dieser Saison und manche Mannschaft wieder aufgebaut.

Wohin geht der Fußball. Es gibt nur noch eine Möglichkeit, die Saison zu retten.  Wir wissen, wovon wir sprechen. Scheint keine schlechte Idee des Fußballgotts gewesen zu sein, Mario Götze einen Muskelfaserriss anzuhexen. Das „größte Talent des deutschen Fußballs” hätte leicht zur tragischen Figur werden können im Championsleague-Finale, zerrieben zwischen seinem alten und seinem neuen Team. Und es gibt eine Möglichkeit, sogar schon die nächste Saison zu retten. Besäße der DFB nur einen Funken Genialität, würde er Jupp Heynckes jetzt zum Bundestrainer machen. Jogi Löw könnte er seinem Freund Rainer Adrion an die Seite stellen als Co-Trainer der U 21 oder seine Länderspielreise in Amerika bis ins Unendliche verlängern. Wir müssen jetzt endlich was machen aus unserer goldenen Generation.

The Day after

November 15, 2012 1 Kommentar

Am Tag danach ist die Einzelkritik angesagt, am Tag nach den Fußballländerspielen beurteilen zum Beispiel SZ online und Spiegel online die Leistungen der Spieler. Danke für nichts, sagte der Kommentator der ARD, als das Spiel (Niederlande gegen Deutschland – ein Klassiker mit vielen Emotionen) vorüber war. Was könnte man nach diesem Langweiler für Urteile über die Spieler abgeben, was wäre zu loben? Sie liefen aufrecht auf zwei Beinen. So in der Art. Manuel Neuer hat sich nicht einschläfern lassen und war blitzschnell in der Ecke bei einem Schuss von Janmaat.  Die Innenverteidiger legte Zeugnisse einer gewissen Pomadigkeit ab. Das defensive Mittelfeld wagte sich wegen Beschäftigungslosigkeit gelegentlich nach vorn. Marco Reus hatte diese oder jene Torchance.

Die SZ versucht in ihrer Einzelkritik immer recht witzig zu sein. Aber sei mal witzig über das Nichts! Neuer meckert über die Gegentore bei den Länderspielen, musste er diesmal nicht. Mertesacker wagte sich manchmal bis zur Mittellinie vor. Lahm kann’s rechts wie links, das Verteidigen, begegnet sich dabei manchmal selbst. Hauptsächlich wird der deutsche Zwergensturm thematisiert, Holtby, Reus, Götze. Und Thomas Müller, der als Aufpasser des Zwergensturms fungiert. Für Spiegel online sind Thomas Müllers typische Zick-Zack-Haken erwähnenswert. Danke für nichts. Danke für das Gerede über nichts. Das Spiel endete 0:0. Also: Die deutsche Defensive hatte funktioniert – gegen Nichts. „Wir waren sehr positionstreu, sehr diszipliniert, sehr kompakt”, sagte der Bundestrainer zufrieden. Freute sich darüber, dass wir unsere Ordnung gehalten haben. Und ließ wissen, dass er noch immer hochmotiviert sei.

Der Eindruck verdichtet sich, dass die Ära Löw seit der Halbfinalpleite bei der Europameisterschaft vorbei ist. Das Glück hat Jogi Löw verlassen, so wie es ihn über Jahre begleitet hat. Er wandelt im Nebel. Ohne Glück ist er als Trainer nur Durchschnitt. Menschenführung fünf. Man kann das nicht mehr vom Tisch wischen. Die Legende vom deutschen Fußballingenieur ist nur noch ein Witz.

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Vorsätzliche Täuschung

Oktober 17, 2012 1 Kommentar

Beim Länderspiel gegen Schweden im Berliner Olympiastadion ging einiges daneben. Vor Beginn gab es eine Ehrung für Miro Klose, weil er nicht gelogen hat, und eine Schweigeminute für den verstorbenen blonden Mittelfeldspieler Helmut Haller, in der über das Stadionmikrofon viel geschwatzt wurde. Ganz genau wusste hier niemand, wann er nun genau schweigen soll, äußerte sich der ARD-Reporter Tom Bartels irritiert. Das ist neuerdings ein Problem in Deutschland. Wir wissen nicht mehr genau, wann wir besser schweigen sollten.

Am Ende sagte Bartels: Das ist gespenstisch gewesen. So etwas habe ich noch nie erlebt.

Was war geschehen? Deutschland legte los wie die Feuerwehr. So gut habe ich die Mannschaft noch nie gesehen. Tempowechsel, doppelte Doppelpässe. Nach dem 2:0 sah Bartels den schwedischen Trainer Hamrin lächeln und meinte, dass das wohl eher Verzweiflung sei. Ich denke, dass es ein ironisches, vielleicht gar hinterlistiges Lächeln war: Die Deutschen gehen uns in die Falle. Denn es war so, dass die Schweden nur so taten, als spielten sie mit. In Wahrheit überließen sie den Deutschen alle Räume. Jerome Boateng konnte von rechts ungestört seine Eingaben schießen, Marco Reus links die schwedische Abwehr spielend überlaufen und überflanken, zur Halbzeit stand es 3:0, das Spiel war entschieden, Tom Bartels quatschte sich besoffen, und die deutsche Mannschaft spielte sich besoffen. Zu Beginn der zweiten Halbzeit zogen die Schweden unerwartet andere Saiten auf, sie kämpften, spielten nach vorn. Es fiel zwar noch das 4:0 für Deutschland, aber es war ein anderes Spiel geworden. Eine lange Flanke in den Strafraum. Ibrahimovic köpft über Neuer hinweg ins Tor. Und der kann es gar nicht fassen, dass es ihm wieder nicht gelingt, seinen Kasten sauber zu halten. Dafür beteiligt er sich zwei Minuten später am zweiten Tor der Schweden, der Ball, aus unmöglichem Winkel abgefeuert, braucht die Hilfe von Neuers Beinen, um ins Tor zu gelangen. Die Deutschen geraten ins Schwimmen. Nichts geht mehr. Vom Spielfeldrand her greift Jogi Löw mit wirren Backe-Backe-Kuchen-Bewegungen ein, die natürlich auch nichts bessern. Kurz und gut: In der dritten Minute der Nachspielzeit gelingt den Schweden das 4:4. Sie haben die Deutschen bewusst getäuscht. Haben sie spielen lassen, griffen nur pro forma ein, und als sie dann plötzlich ihr einfaches, aber wirkungsvolles, von Zlatan Ibrahimovic akzentuiertes Spiel aufzogen, konnten wir uns nicht mehr darauf einstellen.

In den Gesichtern der Spieler und den Erkärungen der Experten blieb eine Leere zurück, vielleicht auch eine Lehre. Die Kanzlerin amüsierte sich auf der Tribüne jenseits aller patriotischen Pflichtgefühle wie Bolle. Sie hatte, wie wir alle, ein Spektakel gesehen.

Unser Torwart Manuel Neuer bekommt inzwischen gar nicht mehr mit, wie selbstgefällig er geworden ist. Da sind die Medien nicht ganz unschuldig, die ihn gern zum besten Torwart der Welt ausrufen. Neuer benimmt sich so, als sei jedes Gegentor eine Majestätsbeleidigung. Er möchte unschlagbar auf der Linie, aber auch der supermoderne Torwart sein, der am Spiel teilnimmt und am besten schon die Torvorlagen gibt. Ein deutscher Musterknabe. Für die Zukunft ist dringend geboten, René Adler in die Nationalmannschaft zurückzuholen, denn das ist der Mann, der Manuel Neuer richtig Feuer unter seinem verwöhnten Bayern-Arsch machen kann. Ron-Robert Zieler und Marc-André ter Stegen sind noch nicht so weit.

Was ist nun mit der flachen Hierarchie?

Vor dem Finale machten die Spanier auf mich einen etwas saturierten Eindruck, und die Italiener hatten überragende Spiele abgeliefert. Nie vergessen werde ich den die Hymne mit geschlossenen Augen schmetternden Gianluigi Buffon. Vor dem Endspiel war alles offen, die Bierflasche und das Ergebnis. Aber wie haben die Spanier das gemacht, dass Andrea Pirlo kaum zum Zug kam? Da wurde kein Extramann in die Mannschaft geholt, der auf den Regisseur aufpassen sollte. Pirlo agierte vorwiegend tief aus der eigenen Hälfte, weil die Räume davor vom starken spanischen Mittelfeld verdichtet waren. Die sogenannten spanischen Tiki-Taka-Fußballer (das Wort sucht man übrigens heute in unseren opportunistischen Medien vergebens) haben die Dramaturgie eines großen Turniers besser verstanden als die Unsrigen. Sie haben vor dem Endspiel längst nicht alles gezeigt. Und sie waren sicher, dass sie immer noch ein Kaninchen aus dem Ärmel ziehen konnten. In den Matches zuvor haben sie wieder und wieder ihre Risikopässe in den Strafraum geschlagen, die oft genug von den gegnerischen Defendern weggehauen wurden. Aber darum ist ein Risikopass ja auch ein Risikopass: Weil er oft, verdammt oft, nicht ankommt. Doch wenn er ankommt, reibt man sich die Augen und glaubt an Wunder. So war es, als Iniesta aus der Mitte schräg zur Grundlinie passte, Fabregas dem Ball erlief, zurückpasste und der kleine Silva (sie sind ja fast alle 1,70 m in Spaniens Mittelfeld) den Ball ins Tor köpfte, alles blitzschnell. Oder Xavis langer Ball auf den Linksverteidiger Alba, perfekt getimt. Die Italiener waren nicht chancenlos. Sie versuchten es mit strammen Schüssen von der Strafraumgrenze, mit hohen Flanken auf Balotelli, aber da stand eben – neben einer geschickten Innenverteidigung – ein unerschütterbarer Casillas, so dass die Italiener letztlich verzweifelten, als sie auch noch das Pech mit der Verletzung ihres dritten Einwechselspielers hatten. Okay, so haben wir also eine Fußballeuropameisterschaft erlebt, bei der wir nie sicher sein konnten, was im folgenden Spiel passiert.

Und in der wir Deutsche wieder Bodenhaftung bekommen haben. Noch ist die spanische Epoche im Fußball nicht beendet, noch hat die deutsche nicht begonnen, wenn sie denn je beginnen sollte, was sie garantiert nicht tun wird, wenn wir fortfahren, uns zu überschätzen. „… den Rücktritt des Bundestrainers verlangt niemand”, jubelt die FAZ, nachdem sie wegen der Halbfinalpleite doch bedenklich eilfertig von Jogi Löw abrückte. Nun, da das business as usual fortgesetzt wird, hat man in Oliver Kahn und Michael Ballack zwei böse Buben gefunden, die den Bundestrainer scharf kritisieren, weil er sie einst aus dem Team entfernt habe. Sie kritisieren aus miesen persönlichen Motiven also. Wenn man sich dann anschaut, was Kahn und Ballack sagen, dann stößt man auf normale, logische Erklärungsmuster, die den deutschen Fußball nicht weiterbringen werden, aber mit persönlichen Rachegelüsten rein gar nichts zu tun haben, es sei denn, man ist selber so strukturiert. Es geht halt wieder mal um die sogenannte flache Hierarchie, die mit Löw und der, wenn man so will, fußballerischen Moderne in die Mannschaft eingezogen ist, keine Führungsfiguren mehr, keine Leitwölfe, sondern die Lahm-, Schweinsteiger- und Özil-Charaktere, die sich gegenseitig nicht wehtun. Aber flache Hierarchie ist auch nur ein Wort, ein Hilfsbegriff, als Begleitmusik für den Ballack-Abschied und die Lahm-Installation erdacht. Ein lexikalisches Gespenst, das uns allmählich verwirrt. Es sei denn, wir fanden es von Anfang an blöd.

Uneigentliches Sprechen

Es wohnt den deutschen Siegen auch etwas Schlimmes inne; das sind die Böllerschüsse (Freitag hat sich ein Fan beim Abfeuern auf seinem Balkon schwer verletzt), die Bodenlosigkeit der patriotischen Ansprüche und die Lobeshymnen auf Jogi Löw in umgekehrter Reihenfolge. Dieser Mut! Diese Risikobereitschaft! Gegen das Superteam der Griechen drei neue Spieler zu bringen! Hä? Jeder normale Mensch fragt sich, warum Löw Marco Reus nicht vom ersten Spiel an gebracht hat, das ist doch der Punkt. Das Offensivspiel wurde mit ihm sofort frischer, unberechenbarer, ideenreicher. Reus war überall und nirgends, und auch da, wo das Nirgends war, war er plötzlich und unerwartet präsent. Warum ist es also Mut, wenn man eine längst fällige Entscheidung trifft? Ihn für Müller zu bringen, der seine Form nicht findet, Schürrle für Podolski und Klose für Gomez – das haben wir selbsternannten Experten doch schon lange gewollt.

Insgesamt wird die Euro kniffliger. Mehmet Scholl sprach vom asymmetrischen Spiel der Ukrainer, gegen das die Engländer kein Mittel fanden. Dann besaßen sie, die Ukrainer, auch noch die Frechheit, ein asymmetrisches Tor zu schießen, das der Schiedsrichter nicht anerkennen mochte. Liegt vielleicht auch an der Festlegung, dass der Ball in seinem vollen Umfang die Torlinie überschritten haben müsse. Phantasievolle Schiedsrichter können da immer noch glauben, dass vielleicht der Schatten des Balles des Schützen sich noch ein Millimeterchen auf die Torlinie gelegt haben könnte.

So. Dann kam und kommt die Sache mit der indirekten Redeweise. Man sagt etwas, meint aber hauptsächlich etwas anderes. Wie es der Hofberichterstatter Horeni von der FAZ beim Bundestrainer vermerkte. Horeni verfasst nicht nur Herrscherlob, er liest jetzt auch aus dem Kaffeesatz. Die Kaffeesatzleserei begann so: „Joachim Löw kann auch giftig werden”. Es sei nämlich so gewesen, dass Löw festgestellt habe, den Holländern sei im Spiel gegen Deutschland schon nach einer Stunde die Puste ausgegangen. Und dass es den Dänen gleichgültig gewesen sei, ob sie oder die Deutschen das Spiel gewännen. Nun seien, sagt Horeni, Seitenhiebe gegen die Verlierer eigentlich nicht Löws Sache, und was der Bundestrainer eigentlich verkünden wollte. Nämlich: Es ging Löw darum, eine Botschaft an das eigene Team zu verkünden. Nicht die Holländer waren platt, nicht die Dänen waren uninteressiert, das deutsche Team hätte vielmehr seine Chancen besser nutzen müssen und sich nicht noch unnötig in Gefahr bringen dürfen. Wer solche Interpreten hat, braucht seine Worte nicht mehr zu wägen. Davon abgesehen, dass man eine Ermahnung an die eigene Mannschaft auch direkt übermitteln kann. Dank Horeni wissen wir nun, dass Löws Sache das uneigentliche Sprechen ist.

Im uneigentlichen Sprechen  übte sich auch der ARD-Kommentator Tom Bartels im Spiel Spanien gegen Frankreich. Ganz gegen seine Gewohnheit machte das spanische Team ein frühes 1:0, hatte das Spiel im Griff, ohne aber den Willen zu zeigen, weiterhin entschlossen in den Strafraum vorzustoßen. Bartels wandte alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel auf, um  zu zeigen, dass die Franzosen nahe dran waren, die Spanier zu besiegen. Die Bilder gaben das keineswegs her, aber dann begriff ich, dass  auch Bartels sich der Methode des uneigentlichen Sprechens bediente. Seine Botschaft richtete sich ebenfalls an die deutsche Mannschaft und lautete, habt Mut, Jungs, diese Spanier sind nicht unbesiegbar, kochen nur mit Wasser, sie waren gegen Kroatien am Rand einer Niederlage, sind es nun gegen die Franzosen ebenso, holt uns den Titel nach Deutschland, ihr habt’s drauf.

Aber das können und wollen wir doch lieber selber sehen. Nicht die Sportberichterstatter holen den Titel, nur die Mannschaft kann es tun und vor allem, natürlich: der Bundestrainer.