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Posts Tagged ‘Suhrkamp’

Lenk das Volk nicht ab vom Verstand

Eine Baugrube verheißt nichts Gutes

Wenn man Andrej Platonow in die Augen sah, konnte man ahnen, dass mit seinen Büchern etwas Besonderes auf einen zukam. „Die Baugrube” beginnt: „Am dreißigsten Jahrestag seines persönlichen Lebens gab man Woschtschew die Abrechnung von der kleinen Maschinenfabrik, wo er die Mittel für seine Existenz beschaffte. Im Entlassungsdokument schrieb man ihm, er werde von der Produktion entfernt infolge der wachsenden Kraftschwäche in ihm und seiner Nachdenklichkeit im allgemeinen Tempo der Arbeit.” Man kann kaum aufhören zu zitieren: Er „ging nach draußen, um an der Luft besser seine Zukunft zu verstehen.” Das trägt sich zu in der jungen Sowjetunion. Das neue Leben soll – sozusagen – gebaut werden, man weiß nicht, wie das gehen soll und was man dazu benötigt, auf jeden Fall muss eine neue Sprache her, deren Grundlage unverstandene Begriffe von Marx und Lenin bilden, und ja, von Stalin erst recht. Das kennen wir Ostler, auch auf uns regnete eine neue Sprache hernieder mit Versatzstücken wie Bewusstsein, Klassenstandpunkt, der allgegenwärtige Genosse und so weiter, man brachte die gelernte und die verordnete Sprache nur schlecht und recht zusammen, das war qualvoll und kurios, ich denke an Henry Maske, der auch nach der Wende lange nicht verbergen konnte, dass er durch einige Schulungen hindurch gegangen war. Platonow geht nun mit dieser Sprache als Künstler um, sie hat etwas Steifes, Hölzernes, etwa rührend Umständliches, gelegentlich auch Paradoxes und Poetisches – nur, den Menschen, die sie sprechen, hilft sie überhaupt nicht. „Hier waren unbeherrschte Leute, die sich dem Vergessen ihres Unglücks hingaben, und unter ihnen wurde Woschtschew dumpfer und leichter.”

Woschtschew findet neue Betätigung beim Ausheben der Grube, auf der das neue sozialistische Haus gebaut werden soll, aber wie traurig und unberaten sind diese Paradieserbauer, und durch die Anweisungen der Funktionäre, hier Aktivisten genannt, die auch nichts verstanden, aber die Schlagworte immer parat haben, werden sie noch wirrer. Wir haben es erneut mit einem Turmbau zu Babel zu tun, der Bau soll das Geheimnis des Lebens entschlüsseln, die Baugrube wird zur Falle, die Sprachen verwirren sich. Woschtschew hat ein Ziel, er will die Wahrheit suchen, seine Kraftschwäche würde nicht weiter wachsen, wenn er sie fände, aber es ist ein hoffnungsloses Unterfangen.

Platonow hat als Meliorator selbst mitgebaut an der neuen Zeit. Er ist ohne Wut, er ist sogar voller Hoffnung, obwohl er sieht, dass das alles nichts werden kann. Wir schaffen es nicht, aber wir machen weiter, was sollen wir auch sonst tun. Unter den Protagonisten des Romans finden wir keine Schurken, wir finden nur Leute, die sich zwischen gestern und morgen verlaufen, „von unablässigem Heldentum abgemagerte und grundarme Leute”.

„Lenk das Volk nicht ab vom Verstand.” Keine Sorge, ist schon längst passiert. Wie kann Erneuerung, wie kann radikale Modernisierung funktionieren? Jedenfalls nicht, indem man alles umstürzt. Das Wort radikal streichen wir mal. Immerhin: „ringsum wurde ständig gesellschaftlicher Nutzen geschürt.”

Suhrkamp hat hier ein enormes Buch vorgelegt, die Übersetzerin und Nachwortschreiberin Gabriele Leupold ermächtigt uns, Platonow und eine schöne und grimmige Welt zu verstehen. Eine großartige Arbeit haben vor der Wende schon der Verlag Volk und Welt und die Herausgeberin und Übersetzerin Lola Debüser geleistet.

 

Mit Unschärfen

Berlin Friedrichstraße. Halten, Hupen, Tanzen, Weiterfahren in Unschärfen

Berlin Friedrichstraße. Halten, Hupen, Tanzen, Weiterfahren in Unschärfen

Kreuzung Friedrichstraße/Unter den Linden drehte ich mich um und ging zurück. Ein nervenzerfetzendes Hupkonzert in der Rotphase der Ampel. Ein Corso teurer Autos machte den Lärm. Die Insassen waren fröhlich, einige waren ausgestiegen, meistens Männer in Anzügen, und tanzten auf der Straße. Teilweise saßen Frauen mit Kopftüchern am Steuer. Die Ampel sprang auf grün, es ging weiter, aber die nächste Kreuzung würde nicht lange auf sich warten lassen und nicht das nächste Hupkonzert.

Here comes the sun

Here comes the sun and goes

Jetzt war wieder Berlin-Marathon. Den gibt es seit 1983 oder so. 1990 konnten die Läufer das erste Mal durchs Brandenburger Tor und in den Ostteil laufen. Die Abendsonne kam schon immer durchs Tor; das ist heute nicht anders und wird morgen auch nicht anders sein. Alles ist erleuchtet, auch in der Akademie der Künste.

Volker Braun stellte seinen neuen Gedichtband vor. „Handbibliothek der Unbehausten” Als wir ankamen, eine halbe Stunde vor Beginn, war Volker Braun noch nicht zu sehen. Der Veranstalter war beunruhigt, aber nicht sehr. Man wüsste nicht, dass der Dichter unpünktlich ist oder gar einen Termin verpasst; und dann erschien er auch schon, in unauffälliger Eile.

Das Publikum sieht nach Kulturbetrieb aus, sie kennen sich alle seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, und sehen genau, wie alt die Anderen geworden sind, während man selbst ja immer noch der Alte, also ziemlich Junge, ist. Man staunt, wen es noch gibt aus längst vergangenen Zeiten. Aber sie wollen sich alle so wenig erinnern, wie man sich selbst erinnern will, es ist, als hätte man sich nie gesehen.

Kathrin Schmidt begrüßt das Publikum mit einer Anekdote aus ihrem Schülerleben. Einmal rettete sie sich vor einem Tadel oder einer miesen Note durch ein Volker-Braun-Gedicht. Dann sagt Lothar Müller, dass er gefühlsmäßig in Brauns neuen Gedichten eine Dreiheit entdeckt: Bitterkeit, Heiterkeit, aber das größte ist wohl die Gelassenheit. Er weist schon hin auf den sächsischen Sound, in dem Braun seine Gedichte vortragen wird, und das ist dann auch wirklich so; es ist die Melodie, weniger die Laute, die das Sächsische transportieren, warum sollte sich einer dessen entledigen. Es klingt schon besonders.

Typische Haltung. Was der Dichter hört, geht nicht verloren

Typische Haltung. Was der Dichter hört, geht nicht verloren

Walter Ulbricht, als er die Texte des noch jungen Dichters sah, erzählt Braun, sagte: Der soll doch nach China gehen. Keine Ahnung, was er damit gemeint haben mag, eine aus dem Rahmen fallende, irgendwo irrationale Bemerkung war es auf jeden Fall. Und eine nicht mal unzutreffende. Denn Braun hat China einige Male bereist und sich mit dem Land, seiner Politik und Mentalität, nicht zuletzt der Fusion von Kommunismus und Marktwirtschaft befasst, nicht umsonst heißt eines der neuen Gedichte Chimerika, der Prozess ist spannend, der Ausgang ist völlig offen.

Das müsste man natürlich viel heiterer lesen, sagt Braun nach einem, ich weiß nicht mehr welchen Gedicht, aber er trägt die Texte das erste Mal öffentlich vor, da funktioniert nicht alles nach Belieben.

Auf halber Strecke bittet Braun Lothar Müller an den Tisch, ein Gespräch soll nun stattfinden. Es fällt nicht nur hier auf, wie freundlich der in seinen Texten doch so unerschrockene, entschiedene Braun im Umgang ist, er liebt es, andere zu bewundern und zu loben, die alten Dichter und die jungen Dichter, die Leute aus dem wirklichen Leben, denen er Sätze abgehört hat wie der fallenden Frau, die „Was bin ich müde” seufzte (müde an den Geschicken der Welt) oder die Leute im Bergbau, die „Genossen warens alle” raunen, dieser Widerspruch in seinem Wesen und seiner Literatur scheint irgendwie Teil seiner Ästhetik zu sein.

Müller macht vorsichtige Anmerkungen zu Brauns Texten, aus denen sich dann doch die Fragen nach der Tradition, derer Braun sich bedient, und nach der Verwendung des Reims, der ja mal mehr oder minder obsolet war, heraushören lassen. Ja, die Tradition, da ist Braun sofort bei Brecht, der ein wahres Füllhorn von Formen beherrschte, und dann auch bei Goethe, der ebenfalls ein Meister aller Klassen war. Und der Reim? Braun ist selbst erstaunt, wie oft es sich bei ihm in diesem Bändchen reimt, aber geht doch. Manchmal allerdings ist der Reim auch dazu geeignet, ein Gedicht ein bisschen pfiffig zu machen, was, wie ich meine, nicht in Brauns Sinn sein kann. Aber warum soll einer, der so viel riskiert, das nicht auch riskieren.

„Handbibliothek der Unbehausten” erscheint bei Suhrkamp.

Drei Leben in einem Haus

„Die Hauswände bestanden aus Jerusalemer Steinen, die ihre wilde, unbehauene Außenseite zeigten …”

„Die Hauswände bestanden aus Jerusalemer Steinen, die ihre wilde, unbehauene Außenseite zeigten …”

Von Amos Oz hatte ich nichts gelesen, aber jetzt „Judas”, erschienen bei Suhrkamp.

„Er war ein kräftiger junger Mann, fünfundzwanzig Jahre alt, empfindsam, ein Sozialist und Asthmatiker, schnell zu begeistern und leicht zu enttäuschen.” – Das war der Satz, auf der ersten Seite, der mich sofort hineinzog ins Buch, so geht das. Der kräftige junge Mann ist Schmuel Asch. Er bricht sein Studium ab wegen einer unglücklichen Liebesgeschichte, aber auch wegen seiner M. A.-Arbeit „Jesus in den Augen der Juden”, mit der er nicht weiterkommt, obwohl er sie einst mit großer Begeisterung begonnen hat. Alles, was ihm einfällt, alles, was er entdeckt, haben längst schon andere geschrieben. Weiter las ich, immer wieder animiert von Beschreibungen wie dieser: „Professor Eisenschloss” (Schmuels Lehrer) „war ein kleiner, penibler Mann mit einer bierglasdicken Brille und scharfen, eckigen Bewegungen, die denen eines Kuckucks glichen, der plötzlich aus dem Türchen einer Wanduhr schoss.” Ich bekomme ein anschauliches Bild davon, wie man in Jerusalem lebt. Ich kriege einiges an überraschender Bibel-Auslegung. Zum Beispiel: Judas war ehrenwerter Mann. Unter den Jüngern war er der glühendste Verehrer Jesus’, und wenn er seinen Meister verriet, dann nur darum, damit er seine historische Mission erfüllen konnte: Ans Kreuz geschlagen werden und vor den Augen der Menschen auferstehen, um das Zeichen der Erlösung zu setzen. Nie und nimmer hätte Judas Jesus für dreißig Silberlinge verraten. Im Gegensatz zu den anderen Jüngern, armen Fischern und Bauern, war er ein vermögender Mann, schon darum ist dieser Teil der Erzählung unwahrscheinlich.

Schmuel Asch, der Student, der sich selbst exmatrikuliert, findet einen Job in einem abgelegenen, ramponierten Haus, wo er den verkrüppelten, geistig hellwachen Gerschom Wald zu betreuen hat. „Er war ein hässlicher Mensch, lang und breit und krumm und bucklig, mit einer Nase so spitz wie der Schnabel eines Vogels, und die Krümmung seines Kinnes erinnerte an eine Sense.” Wald spricht polemische Monologe ins Telefon. Auch Asch muss ihm sein Ohr leihen und kann schüchtern seine Argumente vortragen. Im Haus lebt nicht zuletzt Atalja, Walds Schwiegertochter, deren Mann auf bestialische Weise getötet wurde, eine Frau in mittleren Jahren, schön, rätselhaft, unnahbar. Die Situation zwischen diesen drei Menschen in dem verfallenden Haus ist hochintensiv, voller Zwischenfälle und Offenbarungen, Hingabe und Verweigerung.

Schließlich noch ein Satz aus den Gesprächen zwischen Gerschom Wald und Schmuel Asch: „Die Wahrheit ist, dass alle Macht der Welt den Feind nicht in einen Freund verwandeln kann. Man kann den Feind zum Sklaven machen, aber nicht zu einem Liebenden.”

Die Großfressen im Glashaus

Die Jugendfreunde von der Literaturbeilage der Tageszeitung „Die Welt”, die sich kühn „Die literarische Welt” nennt, schwadronieren in ihrem Editorial (oder wie man das nennen soll)  über das „notorisch querfinanzierte Geschäftsmodell der bibliophilen ›Anderen Bibliothek‹” und darüber, dass der im Umbau befindliche Suhrkamp Verlag einen Aufsichtsrat brauche, bei dem es weniger darauf ankomme, schöne Bücher zu machen, als darauf, Bücher zu verkaufen.

Sieh mal einer an, die Großfressen im Glashaus. Weiß ja jeder, dass die „Welt” Jahr für Jahr notorisch Gewinne abwirft, mit denen der Springer Verlag, vor allem die Bild, querfinanziert wird. Oder bringen wir da jetzt was durcheinander?

Sie haben ein schweres Leben, nicht wahr?

„Das Gewicht der Welt” – wegen dieser Aufzeichnungen von November 1975 bis März 1977 gab es Zoff zwischen Peter Handke und Siegfried Unseld. Handke veröffentlichte das Manuskript im heimatlichen Residenz Verlag und nicht bei Suhrkamp. Unseld war schwer enttäuscht und schrieb: mit Deiner Entscheidung hast Du dem Verlag und mir Schaden zugefügt. Nun war Handke erbost: … vor allem sehe ich nicht ein, warum ich mir sagen lassen soll, dass ich dem Verlag Schaden zugefügt hätte. Wenn man den Briefwechsel der Beiden liest, hat man nicht selten den Eindruck, dass überraschender Weise Handke der Stärkere war. Schon wegen der Unberechenbarkeit seiner Reaktionen und weil es Unseld und Suhrkamp wirklich Schaden zugefügt hätte, wenn Handke zu einem anderen Verlag gewechselt wäre. So las Unseld das in einem fremden Verlag erschienene Buch seines Autors mit gemischten Gefühlen. „Es ist ein Buch mit vielen Schwächen, aber doch mit vielen faszinierenden Aufzeichnungen. Wie wäre der Lektoratsgang bei uns verlaufen? Hätte ich ihn überzeugen könne, zu ändern, wegzulassen?”

Hätte er nicht, vermute ich. Denn der Briefwechsel zwischen Unseld und Handke zeigt nur allzu deutlich, dass Unseld nicht den Arsch in der Hose hatte, den er hätte haben müssen, um Handke diesen oder jenen Irrweg auszureden. Eine Arbeitsfreundschaft zwischen Verleger und Autor müsste anders aussehen. Und wenn der Verleger ein Mal versäumt hat, seine Bedenken offen auf den Tisch zu legen, dann ist das Verhältnis für alle Zeit gestört.

Als ich Handkes Journal jetzt (erst) gelesen hatte, meinte ich, enttäuscht zu sein. Dann habe ich das Taschenbuch, das ja knapp zwei Jahre nach der Originalausgabe bei Suhrkamp erschien, noch einmal durchgeblättert und kam zu dem Resultat, dass für Enttäuschung kein Anlass ist. Handke lebte damals in Paris, in die Zeit der Aufzeichnungen fallen ein durchaus Besorgnis erregender Krankenhausaufenthalt und ein Umzug. Er nahm jeden Tag mindestens zehn Eintragungen vor, meistens mehr, selten weniger. Natürlich trifft einen manche Notiz überhaupt nicht, „warum muss man sowas aufschreiben”, auf der anderen Seite ist der Autor oft genug (für mich jedenfalls) mit einem außergewöhnlichen Blick begabt  und in der ideologiefreien Sprachfindung frappierend. Er beobachtet die Frauen, mit denen er zusammen lebt, mit einem derart ungetrübten Blick, dass man eher weiß als er selbst: es kann nicht lange dauern. Ein immer wiederkehrendes Motiv ist die Angst, die Handke empfindet, die er aber anscheinend braucht, um empfinden, erleben und schreiben zu können. Und welcher erwachsene Mensch wagte es, einen solche Notiz zu veröffentlichen: „Ihr meinen Körper zu kosten geben.” Wer Peter Handke verstehen will, muss wissen, dass er ein Narziss ist. Ein Narziss von der Art, die häufiger vorkommen sollte. Das Leben mit dieser Art könnte heiterer, verrückter, origineller sein. Und natürlich ist ein Autor wie Peter Handke kaum kritisierbar. Weil er der festen Überzeugung ist, dass seine Selbstkritik viel genauer und substantieller ist als alles, was andere Kritiker leisten können.

Und wer noch ein wenig Anleitung im wahren Leben braucht:

„Frauenansprechformel: ›Sie haben ein schweres Leben, nicht wahr?‹”

Welche Frau würde sich nicht sofort verstanden fühlen?

Wie ein Leben zu Ende geht

Sie hat das Ihre gegeben

Sie hat das Ihre gegeben

Seit 1960 schrieb Christa Wolf Tagesberichte über den jeweiligen 27. September. Als Buch erschien das, noch bei Luchterhand, 2003: Christa Wolf „Ein Tag im Jahr 1960 – 2000”, ein beachtetes und beachtliches Werk zweifellos, das die Frage stellt, wie Leben zustande kommt und Antwort gibt wie von selbst, eine Antwort von Milliarden möglichen. Da äußerte sich eine – immer sorgende – Stimme der Vernunft, die nichts anders kann als Anteil zu nehmen. Man wollte das oft und von bestimmten Seiten nicht gern wahrnehmen, musste es aber bei jedem neuen Werk doch konstatieren: Christa Wolf ist eine moderne Prosaautorin, war immer interessiert an neuen Formen, war nicht selbstzufrieden, ist nie stehengeblieben. Sie schreibt auch über den Kleinkram des Lebens, was auch den Autor oft klein zu machen scheint, sie schont sich nicht, sie scheut nicht das Banale.

Am 1. Dezember 2011 ging dieses Leben zu Ende. Nun erschien, bei ihrem neuen Verlag Suhrkamp, die Fortschreibung des 21. September von 2001 bis 2011. Ein schmales Buch dieses Mal, ein wertvolles Dokument, nahe an uns dran. Wir lesen betroffen, wie ein Leben zu Ende geht. Wie man sich weniger freut, wie man sich weniger aufregt, wie man weniger zürnt. Wie die Familie immer wichtiger wird, und welch ein Glück, dass man sie hat. Den Mann, die Töchter, die Schwiegersöhne, die Enkel.

Christa Wolf hat viel mit Krankheiten zu tun gehabt, die Hüfte, das Knie, das Vorhofflimmern. Sie hat sich dem gestellt, sie hat mit „Leibhaftig” ein enormes Buch über eine Operation geschrieben. Schreiben über das, was man gern ignorieren würde. Ausprobieren, ob man darüber reden kann. Und ob es sich bewahrheitet, dieses „benannt – gebannt”. Wenn man die Kinder besucht, die Angst vor der Qual des Treppensteigens. Die Unlust, überhaupt zu gehen, es wird ohne Schmerzen nicht möglich sein.

Christa Wolf scheut sich nicht, davon zu erzählen, dass sie Zeit mit trivialen Dingen vertut (wie wir alle). Fernsehen, Krimis lesen. Das gewöhnliche Leben in der Wohnung am Amalienpark in Berlin-Pankow. Gerd geht einkaufen, Gerd zeigt und berichtet, was er eingekauft und beim Einkauf erlebt hat (sie beneidet ihn fast darum), Gerd kocht. Er lässt sich immer was einfallen. Es gibt wohl keine Schriftstellerin, bei der sich so oft der Satz findet: „Es schmeckt”. Und so kommt es zu dieser schlichten, gleichwohl großartigen Passage: „Gerd hat alles mit großer Lust zubereitet und freut sich an meiner Begeisterung. Soll ich dir mal was sagen? sage ich. Ich habe dich lieb. – Das beruht auf Gegenseitigkeit, antwortet er trocken.”

Auch so kann man das Resümee eines geglückten Zusammenlebens ziehen.

Reden wir über das Wort alt. Schreibt hier eine alte Frau? Möchte man nicht sagen. Man spürt es, das Alter, nur an den körperlichen Beschwerden, den Mühsalen, der Klage über das schnelle Vergessen der Lektüren und Filme, der Sehnsucht nach dem Mittagsschlaf. Im Denken war Christa Wolf nicht alt. Nicht im Beobachten und Aufschreiben: „Wir sitzen auf Klappstühlen im Flur, so dass die Patienten an uns vorbeiparadieren müssen. Fast alles ältere und alte Leute, wenig ansehnlich. Die Frauen meist kompakt bis dick – wie ich auch. Dazu ungünstig gekleidet. Und die alten Ehepaare – man hat das Gefühl, die langweilen sich miteinander und überhaupt, haben aber eine fast kindliche Abhängigkeit voneinander entwickelt. Wie sehen die anderen uns?”

Unter den täglichen Bemühungen die Zeitungslektüre, hier der Berliner Zeitung. Christa Wolf schreibt auf, was im Großen und Kleinen wichtig ist, den Sportteil überblättert sie wie immer, sagt sie fast stolz. Ja, wenn es einen Bereich des Lebens gab, der ihr verschlossen blieb, war das der Sport. Der aber wichtig ist und immer wichtiger wurde. Es scheint so zu sein, dass sich der Sport an seinen Ignoranten und Verächtern rächt (was ernsthafter Weise nicht sein kann).

Christa Wolf soll einmal, wie mir Eugen Verheugen erzählte, jungen Autoren zugerufen haben: Ihr müsst groß von euch denken! Auch das ist Christa Wolf. Kleinmütig wird man den Fragen der Zeit und aller Zeiten nicht beikommen. Andererseits dürfte es schwerfallen, als Leser der Berliner Zeitung groß zu denken. Aber auch das hat einen gewissen Charme.

Die Autorin zieht die Konsequenz im Strom der Ereignisse: „Das alles betrifft mich nicht mehr. Meine Zeit ist vorbei. Ich sehe den Ereignissen zu. Man 80 ist man nicht mehr dabei. Dies ist nicht mehr meine Zeit.”

Liegt das ausschließlich an dem Menschen, der das so empfindet? Oder liegt es auch an der Zeit mit ihrer Selbstbezogenheit und Geschichtslosigkeit …

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Suhrkamp und wir

Auch das Feuilleton der FAZ nimmt das vergangene Jahr in Augenschein, fragt ressortmäßig, was überragend war und wo das Negative bleibt. Für die Literatur spricht Andreas Platthaus, eigentlich der Mann für die Comicsparte. Er nennt Karl-Heinz Bohrer und Ursula Krechel etwas kindlich König und Königin der deutschen Literatur 2012, drückt sich aber auch nicht um das Negative herum. Das sind für ihn die Querelen um den Suhrkamp Verlag. „Die Gemüter der Beteiligten”, schreibt Platthaus, „sind vielfach außer Fasson geraten. Wir deutschen Leser stehen fassungslos davor. Denn das, was wir sind, verdanken wir vor allem Suhrkamp.”

Hier müssen wir einschreiten. Der Suhrkamp Verlag mag trotz großer Verdienste einiges falsch gemacht haben. Deshalb dürfen wir ihn aber nicht für alles Unheil verantwortlich machen. Wir sind selbstbestimmte Wesen und allein zuständig für das, was aus uns geworden ist. Wenn wir das nicht begreifen, kann sich nichts zum Besseren wenden.

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