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Archive for Februar 2015

Eingemauerter Urlaub

Am Pool in der schönen Normandie, von deren Schönheit man hier nicht viel sieht © Christian Brachwitz

Am Pool in der schönen Normandie, von deren Schönheit man hier nicht viel sieht
© Christian Brachwitz

Wie schön ist ein Urlaub zwischen weißen Mauern und Kübelpflanzen, ein Leben neben dem Pool? Sonne nur für uns? Wasser nur für uns? Himmel nur für uns? Reglementierte Natur? (Nur für uns).

Es lächelt der See, er ladet zum Bade, wie in Schillers Tell. Der Pool lächelt sicher nicht. Er lädt vielleicht noch zum Bade, aber das Bad mit der Menge ist doch noch was anderes. Wenn wir zum See liefen, früher: Es ging am Schützenhaus vorbei. An Bunkerresten. An einer Moorabstichstelle. An von Gräben durchzogenen Wiesen. An einer Quelle. Wo man noch mal trinken konnte, denn der Weg in der Hitze hatte die Jungs durstig gemacht. Der See war hinter einem Waldstück verborgen. Wenn man von ihm nichts gewusst hätte, erahnen hätte man ihn nicht können. Aber wenn man die vorletzte Biegung des verschlungenen Wegs erreicht hatte, sprang einen plötzlich das vielstimmige Geräusch der Lust am See an. Dann konnte man es kaum noch erwarten. Klamotten aus und rein ins Wasser. Zu den vielen, den glitzernden Körpern, schönen und weniger schönen. Rausschwimmen. Tauchen. Sich aufs Handtuch legen und von der Sonne trocknen lassen. Den Badelärm als angemessen empfinden.

Das fällt bei einem Urlaub am Pool, zwischen Mauern und Kübelpflanzen, natürlich weg. Die Ruhe kann himmlisch, aber auch tödlich sein. Ein Abenteuer bleibt. Der Pool kann überlaufen, wenn die Privatiers den Liegestuhl verlassen und ins Wasser fallen.

Und das noch. Wenn der Konkursrichter Erwin Caldwell aus Austin/Texas in Lars Gustafssons Roman „Die Sache mit dem Hund” nicht schlafen kann – etwa nachts um drei – begibt er sich aus dem Bett zum Swimmingpool, schaltet den Poolreiniger an und verfolgt die unkalkulierbaren Wege des elektronischen Monstrums. „Dämon, Diener, Haustier? Wie soll ich ihn nennen”, sinniert der Richter. „Für mich ist dieser merkwürdige Apparat eine Art Freund geworden … Irgendwie setzt er Ideen frei, die ich in meinem normalen Zustand nicht zulassen würde.” Falls es zu einer Welt ohne Freunde kommen sollte: Da ist noch der Pool, und da ist der Poolreiniger.

 

 

 

Aktuelles aus dem Leben der Raucher

Februar 26, 2015 1 Kommentar
Die Trennlinie zwischen Genussraucher und Nichtraucher kann sehr durchlässig sein

Die Trennlinie zwischen Genussraucher und Nichtraucher kann sehr durchlässig sein, in den Hackeschen Höfen Berlin

Nur am Rande bekommt man Kenntnis davon, dass das Thema Rauchen noch nicht ausgestanden ist und auf recht hohem Niveau diskutiert wird. Die Raucher wehren sich. Und nicht nur die Raucher, sondern auch ihre Sympathisanten. Von 13 000 Lokalen in Berlin sind 632 Raucherkneipen. Immerhin oder gerade mal noch 632? Die Raucher, die noch vor zehn Jahren ein normales Leben führten, müssen jetzt vor die Tür gehen, wenn sie ihre Genusszigarette rauchen wollen, oder in käfigähnliche Verschläge mit schlechter Sicht. Sie müssen sich wie Ausgestoßene fühlen. Menschlich ist das nicht. Bei einer Diskussion in den Tilsiter Lichtspielen in Berlin monierte der Redakteur Johannes Richardt, dass sich in den letzten Jahren ein paternalistisches Politikverständnis breitgemacht habe, das sich anschickt, auch Privatsachen regeln zu wollen, zum Beispiel, ob jemand raucht oder nicht. Es geht also um nicht mehr und nicht weniger als um Freiheit.

Ein Stück weiter auf dem Rand unserer Wahrnehmung die Geschichte von Raucher Friedhelm Adolfs. Ihm hat die Vermieterin nach vierzig Jahren die Wohnung gekündigt, weil es dem 76jährigen Rekordraucher gelang, durch Nichtlüften der Wohnung und überquellende Aschenbecher das Mehrfamilienhaus, in dem er wohnt, zu verpesten. Aber der Mann, dessen gesamte Existenz so auf das Rauchen reduziert wird wie einst die Schleckerfrau auf ihren Job beim Drogeriegroßhändler, zeigt null Schuldbewusstsein und wehrt sich vor Gericht. Es scheint, dass er langsam Heldenstatus bekommt. Man nennt ihn den zweitbekanntesten deutschen Raucher nach Helmut Schmidt und stellt ihn als Opfer fanatischer Nichtraucher dar. Auf Fotos sieht man ihn unerschrocken in einer selbst erzeugten Qualmwolke vor dem Bundesgerichtshof. Ein Mann mit Hut, Lulle und Krawatte. Kein Vorbild, aber ein Kämpfer für die Freiheit. Nicht ausgeschlossen, dass der Bundespräsident ihn zum nächsten Neujahrsempfang einlädt.

Kleiner Fehler, großer Makel

Hier könnte ein Narziss sich spiegeln und schönfinden. Japanischer Garten in Planten un Blomen Hamburg

Hier könnte ein Narziss sich spiegeln und schönfinden. Japanischer Garten in Planten un Blomen Hamburg

In der FAZ ist heute ein lesenswerter Artikel von Melanie Mühl über den Narzissmus als eine Erscheinung der modernen Gesellschaft. Nach dem Ausgebrannten tut sich nun der Narziss hervor. Hemmungslose Selbstbejahung. Ein anregender Essay. Ohne Zweifel. Unverständlich allerdings, dass in dem gesamten Beitrag kein einziges Mal unser Bundespräsident erwähnt wird. Ich finde überhaupt, dass Jochen Gauck oft ungerecht behandelt und immer unterbewertet wird. Nun auch noch in seiner Kernkompetenz. Wie kann das sein, Freunde!

Der Streifenpolizist als Volkserzieher

Häuser am Ende der Straße - immer ein spezielles Verhängnis

Häuser am Ende der Straße – immer ein spezielles Verhängnis

Das Haus am Ende der Straße aus Frankfurt war ein Tatort der besonderen Art. Der Ermittler Frank Steier hatte nichts zu tun, der psychisch schwer angeschlagene Mensch Frank Steier (Joachim Król sozusagen in einer Doppelrolle) hingegen alle Hände voll. Er musste sich selbst besiegen, um aus Rache nicht zum Mörder zu werden. Das alles hatte mit dem blauäugigen Gericht zu tun, das den Täter frei sprach, nur weil Steier als Zeuge am Vorabend der tragischen Ereignisse um eine Kindstötung sechs Wodka und eine Flasche Rotwein zum Essen getrunken hatte und somit als unglaubwürdig, wenn nicht unzurechnungsfähig hingestellt wurde (wer ist denn davon noch am nächsten Tag besoffen?), was letztlich dazu führt, dass er seinem arroganten Neu-Chef die Kündigung hinblättert. Und nun? Weiß er selber nicht. Er hängt sich an die Fersen des Täters, der ihn gerade noch verhöhnt hat, den Revolver mit einem Schuss Munition immer in Griffnähe. Frank Steier hat’s schwer. Er ist klein, schroff bis zum Autismus, nimmt zu und glaubt an die Gerechtigkeit. Im Haus am Ende der Straße wohnt der lebensmüde Ex-Streifenpolizist Poller, der drei junge Banditen bei einem Einbruch beobachtet. Der Rädelsführer will den Tatzeugen Poller ertränken; Steier rettet ihn im letzten Moment, und wird dafür von demselben Poller niedergeschlagen und mit den drei Halunken im Keller eingesperrt. In diesem Haus, in diesem Keller nun spielt sich der Krimi hauptsächlich ab. Poller, der seinen drogensüchtigen Sohn verloren hat, sieht in einem der Täter einen eigentlich guten Menschen und will im Stile eines naiven Volkserziehers seine Seele retten, an ihm wieder gutmachen, was er an seinem Sohn verdorben hat. Wir erleben hier den Schauspieler Armin Rohde endlich mal nicht in einer deutschen Prollkomödie und sehen, welch feiner Mime er ist, wenn man ihm die Chance gibt. Ah ja, übrigens, einer der häufigsten Sätze im deutschen Fernsehen: Wir müssen reden. Der kommt auch hier mindestens zweimal vor. Ist ja ein richtiger Angebersatz. Wir reden sowieso dauernd. Wenn zu mir jemand sagt: Wir müssen reden, schalte ich sofort auf Durchgang oder haue gleich ab. Das war wohl auch der letzte Auftritt von Joachim Król als Frank Kommissar Steier. Mancher Abschied fällt nicht leicht. („Abschied ist ein scharfes Schwert.”) Zumal, wenn man ahnt, dass danach nichts Besseres kommen wird.

Der Weg des Kriegers

Bruce Lee im Blut. Hamburg 1989 © Christian Brachwitz

Bruce Lee im Blut. Hamburg 1989
© Christian Brachwitz

Zur Stadt gehören eben nicht nur Straßen, Häuser, Parks, Plätze und Bürger, sondern auch Text, der die Orientierung wie auch Verwirrungen ermöglicht. Schilder, Reklamen, Plakate, Losungen, Hilfeschreie, Gags. Der Text der Stadt. Man möchte an ihm mitschreiben. Der neue Nachbar steht vor seiner Haustür, raucht und tippt auf sein Smartphone ein. Neu ist auch das Schild, das er neben dem Eingang anbringen ließ. Das sagt, wer er ist und was er macht. Spezialist für irgendwas mit Geld. Tolles Schild, rufe ich hinüber. Danke, ruft er zurück, und ich sehe, er freut sich wirklich, freut sich über sein Schild und freut sich darüber, dass es auffällt. Ob es ihm bewusst ist oder nicht, er schreibt mit am Text der Stadt.

Aber hier sind wir in Hamburg und im Jahr 89. Unter den hektischen Schriftzügen fällt das sauber gezeichnete „Bruce-Lee” auf. Zu diesem Zeitpunkt war Bruce Lee schon lange tot, er starb 1973 mit 32 Jahren; vielleicht muss das so sein, bei einer Ikone des Martial-Arts-Films und dem größten Kampfkünstler das 20. Jahrhunderts, wie er von vielen gesehen wurde, ein in San Francisco geborener Chinese, der sich in Hongkong gegen die Verachtung seiner englischen Mitschüler wehren musste und bei Yip Man die Kampfkunst des Wing Chun Kung Fu lernte, aber auch ein begnadeter Tänzer war. „Bruce Lee – der Weg eines Kriegers” heißt ein Dokumentarfilm, in dem 27 Jahre nach seinem Tod entdeckte Ausschnitte seiner Kämpfe verwendet wurden. Der Weg eines Kriegers ist kurz, aber wie wir an der tänzerisch-kämpferischen Haltung des Jungen vor der Mauer sehen: Er wird nicht vergessen.

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Batman Birdman Wonderman

Dämmerung. Der Blaumann auf dem Alexanderplatz auf dem Weg zum Filmtheater am Friedrichshain

Dämmerung. Den Blaumann sehen wir auf dem Alexanderplatz, als wir auf dem Weg zum Filmtheater am Friedrichshain sind

Birdman von Alejandro Gonzalez Iñárittu im Filmtheater am Friedrichshain. Die Kartenverkäuferin ist besonders nett, der Film spielt im Kino 1, wir gehen rein und sind allein. Ist ne Privatvorstellung. In einem ziemlich großen Saal, der vor gar nicht langer Zeit renoviert worden sein muss. Neue Bestuhlung würde ich schätzen. Dann kommt noch eine Frau, sieht die Leere, sieht uns und grinst. Als schon lange die Werbung läuft, erscheint noch ein Paar mit zwei Fässern Puffmais. Setzt sich zum Glück weit genug weg, so dass wir den Gestank und das Geknusper nicht vernehmen müssen. Zu den Werbespots kann man nur sagen: Sind wir denn hier im Irrenhaus? An den Haaren herbei gezogene Ideen, unsympathische Protagonisten, flaue Farben. Verkaufsstrategien sind das, da kommt man einfach nicht dahinter.

Es war Berlinale-Zeit. So erklärte sich das leere Kino. Außerdem lief fast zeitgleich in einem anderen Saal des FaF die synchronisierte Fassung desselben Films.

Bei Iñárittu fragt man sich immer: Kommt man rein in seinen Film? Auf welche Weise und wie schnell? Und während man sich das noch überlegt, ist man schon drin. Einem Schauspieler fällt ein Scheinwerfer auf den Kopf, als er sich gerade ordentlich ins Zeug legt, um dem Regisseur seine ganze Palette zu zeigen. Das ist vielleicht oder sehr wahrscheinlich ein Sabotageakt des Regisseurs, der den unbegabten Mimen loswerden will. Das war der Punkt, an dem man sich schlagartig als Bestandteil des Films fühlte. Als Ersatz kommt ein ziemlich genialer Schauspieler, der aber ein rechter Drecksack ist und sofort die Führung übernehmen will.

Michael Keaton ist Riggan Thomson. Keaton war mal berühmt als Batman-Darsteller. Nach Batman bekam die Karriere eine Delle. Der Riggan Thomson, den er spielt, war berühmt als Birdman. Birdman 1, 2 und 3. Dann verschwand er in der Unsichtbarkeit. Nun will er als seriöser Autor, Regisseur und Schauspieler eine neue Karriere starten. Das Stück hat er geschrieben nach Kurzgeschichten von Raymond Carver. Worüber wir reden, wenn wir von Liebe reden. Die Schauspielerei, sein Ehrgeiz, die Irrwege haben sein Leben aus der Bahn gebracht und seine Familie zerstört. Seine Tochter ist da, seine Frau taucht ab und zu auf, die Tochter hat schon eine Drogenkarriere hinter oder auch noch nicht hinter sich, die Frau, ja, die Frau, wahrscheinlich liebt sie Thomson noch, und er sie, aber es ist zu viel passiert.

Wir kennen Iñárritu-Filme, wir wissen, dass er seine Geschichten aus verschiedensten Teilen der Welt holt und sie dann irgendwann überraschend zusammenführt. Große Bilder. Große Kunst. Hier hat er eine ziemlich konzentrierte Geschichte am Theater mit wenigen Figuren, die aber alle ihre Geschichte mitschleppen, mit der sie Thomson, der um seine neue Karriere kämpft wie um sein Leben, zur Last fallen oder auf die Nerven gehen. Sein Schauspieler-Kollege, der ihn unentwegt aus dem Himmel in die Hölle zerrt. Die Theaterkritikerin der „Times”, die die Lizenz zum Töten von Schauspieler- und Regisseur- Karrieren hat. Und auch Riggan Thomson muss seine Geschichten zusammenbringen: die Geschichte eines seriösen Neustarters und die verachtete Geschichte des Birdman-Darstellers, die ihm am Tiefpunkt seiner Bemühungen auf wundersame Weise Kraft gibt. Verachtet mir die Blockbuster nicht. Und wenn er sich auch auf einem engen Territorium abspielt, ist der Film doch ein echter Iñárritu, allein wegen der sensationellen Wendungen, die er nimmt. Und den kantigen Charakterschädel von Michael Keaton – man kriegt ihn nicht mehr aus dem Kopf.

Supermacht Kohler

„Eines muss man Putin und seinen willigen Helfern wirklich lassen: In der Künsten der Propaganda und der Desinformation kann ihnen niemand das Wasser reichen. Auf diesen Feldern ist Russland immer noch Supermacht“, schreibt Berthold Kohler in der FAZ. Wozu diese falschen Bescheidenheit, Herr Kohler? In puncto Einseitigkeit, Voreingenommenheit und Verdrehung der Tatsachen stellen Sie nicht nur Putin und seine willigen Helfer, wie sie so sachlich sagen, eindeutig in den Schatten.

Davon abgesehen scheißen Sie sich selbst auf den Teller, wenn sie so oberflächlich mit dem Wort Propaganda umgehen. Das ist a priori gar nichts Schlimmes, sondern „intensive Werbung für bestimmte Ziele, besonders der Politik”; Propaganda macht jeder und Sie eifrig vorne weg. Trotzdem sollte man nicht vergessen, dass jede Sache mindestens zwei Seiten hat. Ein Journalist von nennenswerter Qualität sollte abwägen können. Dialektisches Denken möchte ich Ihnen empfehlen. Denken überhaupt. Wenn man stolz ist auf seinen begrenzten Horizont, ist das in Ordnung, aber dann sollte man bei der Innenpolitik bleiben. Die bietet auch genügend Anlässe, reaktionär zu sein.