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Archive for August 2015

Was machen wir mit dem Theater

Wer wird über dieses Turngerät dahinten, dieses Pferd, springen? © Christian Brachwitz

Wer wird über dieses Turngerät dahinten, dieses Pferd, springen? Oder steht das nur so da, als Gegenwelt? © Christian Brachwitz

Neulich las ich in der FAS: „Mit dem Theater ist es wie mit der Kirche. Das Angebot übertrifft die Nachfrage, und die Sitzreihen lichten sich ebenso wie die Haupthaare der verbliebenen Besucher.”

Das war mal ein Anfang! Und was kam dann? Nicht so sehr viel, schien mir, aber dann doch, dass die Chance des Theaters in unserer Welt der Bilderflut, der dramatisierten Talkshows und der ausgreifenden Fernsehserien im „radikalen Bekenntnis zum Unrealistischen und Gegenweltlichen” liege. Das leuchtet ein. Realistischer als die abfotografierte Gegenwart kann man auf dem Theater nicht sein. Aber Gegenwelten schaffen, der Phantasie folgen, Magie entfalten – das ist einfacher gesagt als getan. Wir wissen ja erst, wie sehr wir am Realen hängen, wenn wir uns etwas Unreales, Künstliches ausdenken, eine Gegenwelt schaffen wollen.

Ich weiß nicht mal, in welchem Theater wir uns hier befinden, auf jeden Fall handelt es sich um eine schräge Hamlet-Inszenierung. Ophelia und Polonius sind im Bild, und sie widersprechen unserer realistischen Vorstellung dieser Shakespeare-Figuren. Polonius, wie wir ihn zu sehen gewöhnt sind, ist ein seniler, intriganter Greis, immer auf der Seite der Macht gegen die Schwächeren agierend; er ist es, der seiner sensiblen Tochter Ophelia die Liebe zu Hamlet madig macht.

Hier sehen wir kein nymphenhaftes Mädchen, keinen greisenhaften Intriganten, sondern eher einen Bauerntrampel mit dem nuttenhaft überschminkten Mund und einen Salonlöwen. Bringt diese Umdeutung was? Fangen hier schon Gegenwelten an? Das Mädchen ist rat-, aber nicht hilflos. Der Mann ist sich seines Opportunismus bewusst und damit nicht glücklich, aber er kann nicht anderes als die Intrige. Weiter voneinander entfernt können Vater und Tochter nicht sein. Über das Theater in unserer Zeit ist damit noch nichts gesagt.

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Ein Handstreich

Ausgangspunkt des Abenteuers: Berlin Hauptbahnhof

Der Steidl Verlag Göttingen verschickt keine PDF-Dokumente seiner Neuerscheinungen; es gibt nur das fertige Buch zu gegebener Zeit, vor dem Erstverkaufstag sollen eben keine Rezensionen erscheinen. Und was ist, wenn es sich um das neueste und letzte Werk des Nobelpreisträgers Günter Grass handelt, „Vonne Endlichkait”? Keine Ausnahme? Keine Ausnahme. Aber Deutschland Radio Kultur will doch seinen Hörern schon am Erstverkaufstag die Rezension des Buchs präsentieren. Wie soll das gehen? In der Redaktion steckt man die Köpfe zusammen und plant einen Handstreich, dessen Kühnheit einmalig sein dürfte. Man wird sich am Dienstag bis ins ferne Göttingen durchschlagen und das Buch persönlich aus dem Verlag herausholen. Von allen Helden des Deutschland Radios wird die unerschrockenste ausgewählt, die sagenumwobene Ann-Kathrin Büüsker. Früh um fünf betritt sie zu allem entschlossen den Hauptbahnhof, ist noch mit „den letzten Gestalten der Nacht” konfrontiert, atmet den „Duft von frisch gebackenen Croissants”, aber mit den schönen Dingen des Lebens kann sie sich nicht abgeben, sie kapert den Zug und erreicht tatsächlich (nach langen und bangen zweieinhalb Stunden) Göttingen, wo sie ein Taxi erobert und mutig ihr Ziel benennt, Düstere Straße 4, Steidl Verlag. Der Taxifahrer staunt nicht schlecht.

„Es dauert eine Weile, bis ich das Klingelschild entdecke”, schildert die Heldin das nächste Abenteuer. Dann muss sie eine kleine, dunkle Treppe hinauf, und dann ist sie im Allerheiligsten und erobert den Gral, das heißt den Grass.

Aber wird sie auch die weiteren Abenteuer bestehen? Wird sie den Grass heil und unversehrt in die Redaktion bringen können? Sie schlägt das Buch auf und gibt erst mal auf. „Einen Grass liest man nicht, wenn man so früh aufgestanden ist.” Das Wichtigste ist ja auch, die Redaktion zu erreichen.

Wow, stößt der Rezensent im Berliner Funkhaus überwältigt aus, ein Wunder ist geschehen, eine Heldentat vollbracht. Das Buch ist wider alle Befürchtungen heil angekommen. Schön gemacht, fährt er fort. Liegt schwer in der Hand. Aber, erhebt er warnend seine Stimme, das ist nur der erste Eindruck!

Er wird sich nicht blenden lassen, weder durch das Gewicht des Buchs, noch durch den Autor, der nicht mehr unter den Lebenden weilt, noch durch die Heldentat der jungen Frau, die das Werk im Handstreich vom fernen Göttingen (quasi vom Südpol) nach Berlin brachte. Er wird das Buch fair und gnadenlos bewerten.

Natürlich kann das Deutschland Radio nicht jeden Tag ein Glanzstück der Reportagekunst bringen, das den heißen Atem der Zeit spüren lässt. Aber ab und zu so ein Highlight im Dienste des Hörers – das wär schon schön.

Wie man sich täuschen kann

2002 – 2012 auf dem Weg zur Redlichkeit

Ich dachte gar nicht daran, den zweiten Band der Tagebücher von Fritz J. Raddatz (Rowohlt Verlag) zu lesen, schon gar nicht habe ich daran gedacht, Geld dafür hinzulegen. Es geht um die Jahre 2002 – 2012. Ich hatte den ersten Band mit einem voyeuristischen Interesse und einer Verwunderung darüber konsumiert, wie sich jemand immer wieder selbst ins Knie schießen kann, ohne es selbst zu merken. Mein Freund Verheugen hat mich stark gerügt, weil ich in diesem ersten Band ständig eben solche Stellen (leicht mit Bleistift) angestrichen habe und nicht die bedeutenden, schönen Passagen. Verheugen war von Raddatz begeistert, hat ihn schon immer geschätzt („eine schillernde Persönlichkeit”) und hat sich gleich weitere Bücher des Autors gekauft und sofort verschlungen.

Ich bin nicht uneinsichtig. Ich revidiere mich, und ich revidiere mich gern, wenn es zum Guten eines anderen Menschen ist. Ich habe den zweiten Band der Tagebücher gelesen und bin nicht nur beeindruckt, sondern betroffen. Am Anfang des Bandes ist Raddatz 71, und er spürt das Alter. Er spürt es von Jahr zu Jahr mehr. Der Lack ist ab, was für jemanden, der sich auch gern mal als Dandy verkaufte, schwerer ins Gewicht fällt als für andere. Die menschlichen Enttäuschungen mehren sich, die Leere um ihn wird verschlingender. Raddatz verliert Freunde, einmal durch den Tod, dann aber auch Unstimmigkeiten und Streit. Letztlich hat Raddatz keine seiner Anekdoten als üble Nachrede geplant, aber sie wurden doch so aufgefasst. Na ja, denkt Raddatz, was hat man nicht alles über mich erzählt; warum soll ich denn diese Geschichten für mich behalten.

Er stellt fest, dass er sich nicht mehr begeistern kann, nicht an seinen geliebten Blumen, nicht an den Kunstwerken, die er in seinem Leben zusammengetragen hat. Was ist wirklich geschehen in seinem Leben; was hat er phantasiert? Es war doch so, dass er viele bedeutende und mächtige Leute beeindruckt hat. Er kann sie alle aufzählen. Seine Einfälle, seine Schnelligkeit! Aber immer war es so, dass er nicht halten konnte, was diese Leute sich von ihm versprochen haben. Seine Schuld? Wer protestiert denn, wenn er überschätzt wird. Und wie soll er denn auch protestieren, wenn er gar nicht mitbekommt, dass er überschätzt wird.

Raddatz’ Urteile über seine Zeitgenossen werden immer klarer und treffender. Er trauert um die Leute, die nur noch ein Schatten ihrer selbst sind. Er sieht, das trifft auch ihn. Er spürt, wie die Alten und Kranken aus jener strahlenden Schicht herausgedrängt werden, die ihm einmal so viel bedeutet hat. Jetzt nicht mehr. Raddatz beschreibt an sich einen Mann, der seine Illusionen verloren hat. Alle. Was geschieht mit uns, wenn wir uns die Welt nicht mehr schön reden können, nicht mal ein bisschen? Was bleibt von mir, fragt Raddatz immer wieder. Und wenn er am Anfang noch sucht, was das sein könnte, antwortet er schließlich: nichts. In Großbuchstaben. Was man am wenigsten von ihm erwartet hat: Er hinterlässt ein Dokument der Redlichkeit. Eindrucksvoll. Bewegend.

Turnen ohne Turnlehrer

Warum ist Geräteturnen in Deutschland so wichtig? Soll doch jeder seine Bewegungsfreude da austoben, wo es ihm gefällt © Christian Brachwitz

Warum ist Geräteturnen in Deutschland so wichtig? Soll doch jeder seine Bewegungsfreude da austoben, wo es ihm gefällt © Christian Brachwitz

Berlin 1990. Der Bus schiebt Reklame für Wodka Moskovskaya, die Mauer steht noch, aber nur halb, und die Jungs haben jeden Grund, die Absperrung zu beturnen. Sie müssen nicht in der Schule turnen unter den strengen Augen eines Turnlehrers, der ihnen Hilfestellung und Haltungsnoten gäbe, sie sind im Offenen und bewegen sich frei Schnauze, keiner wird sagen: Du hängst an der Stange wie ein nasser Sack. Das mussten wir uns jedenfalls im Turnunterricht anhören. Geräteturnen wurde in Deutschland groß geschrieben. Die Mädchen standen zu Teilen am Rand und konnten sich retten, weil sie ihre Tage oder Atteste hatten. Wir Jungs bekamen weder unsere Tage noch Atteste (Was bist du denn für’n Junge!!!) Wir konnten uns gar nicht retten vor diesen beschissenen Felgauf- und Felgumschwüngen (wir sagten natürlich Feld-). Uns konnte auch keiner erklären, was das heißen sollte. Seit Turnvater Jahn (auch so ’ne umstrittene Persönlichkeit), kann man heute im Duden (Herkunftswörterbuch) lesen, „bezeichnet ›Felge‹ auch eine Turnübung am Reck, bei der die Füße nach Art einer Radfelge den Schwung geben”. Damit hätte man vielleicht schon was anfangen können. Aber seit wann liest ein Turnlehrer im Duden oder so. Von all diesen Turnlehrern, die wir hatten, konnte nur einer technisch und praktisch erklären, auf welche Details es bei diesen Auf- und Umschwüngen ankam. Die anderen waren alle Sadisten und wollten uns kläglich scheitern sehen.

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In the Garden

Abriss ist leichter als Abtransport und Neuaufbau

Jeden Tag (außer mittwochs) laufe ich an diesem abgerissenen Garten vorbei, der in diesem Zustand das Gegenbild eines Gartens ist, der Anti-Garten. Das Fahrrad liegt irgendwie schräg an den Zaun geworfen da, als wäre es an allem schuld. Schuld daran, dass man alles schöner und besser und vor allem moderner machen wollte. Daran, dass man sich entschloss, den Bungalow und den Geräteschuppen abzureißen. Daran, dass man das auch alles tat. Und vor allem daran, dass man dann keine Lust mehr hatte, das alles wegzuschaffen und neu zu bauen. Eine Zeichnung ist schon da. Und das Skelett einer Hollywoodschaukel ist noch da und dieser bildschöne berankte Rundbogen im hohen Gras. Better times will come. Und kaum habe ich das Foto gemacht, kaum habe ich das gesagt, ist schon das Dach abtransportiert, eine Schubkarre steht da, bereit zu neuen Taten.

Alles, was noch bleiben kann

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Berlin Alexanderplatz (20): Sidekicks

Die jungen Coolen © Fritz-Jochen Kopka

Die jungen Coolen, weitgereist
© Fritz-Jochen Kopka

Ich sage. „Fish and Chips”, und füge „ohne Sauce” hinzu, ich würde mich sowieso bekleckern. Der Jugendfreund am Tresen beginnt zu arbeiten und fragt nach einer Minute: Bei Ihnen war mit Remoulade? Ohne Sauce, sage ich, ich würde mich sowieso bekleckern. Jetzt versteht er, kann es sich auch merken, vergisst aber das Salz.

Sängerin, Spenderin, Sidekick

Sängerin, Spenderin, Sidekick

Die Straßenmusiker haben sich in den Schatten des Platzes verzogen. Es spielt Daiana Lou, das sind Daiana, die Sängerin, und Luca, der Gitarrist, der außerdem das Schlagzeug bedient. Sie spielen für einen stattlichen Kreis von Leuten, und sie spielen in der Hoffnung, ihr erstes Album zu realisieren. Dass die Leute ihnen helfen mit ihrem Geld. Eine Frau im Holzfällerhemd legt ein Kissen neben die Sängerin, ordnet ihre Plastikbeutel drum herum an und lässt sich nieder mit einer zerbeulten Bierbüchse in der Hand. Immer in der Nähe der Künstler sein. Im Sitzen lauscht sie mit geschlossenen Augen dem Song, bis sie glaubt, seine transzendenten Strömungen erfasst zu haben, nun folgt sie ihnen mit verklärten Mienen und meditativen Armbewegungen. Mehr noch als Daiana, die Sängerin, mehr noch als Luca, der Gitarrist, glaubt sie, die tiefere Wahrheit der Musik zu erkennen und fühlt sich im Recht, wenn sie den Musikern ein wenig die Show stiehlt.

Und jetzt komme ich auf den Sidekick. Für mich ist ein Sidekick jemand, der sich einmischt und irgendwie ungefragt mitmischt, ohne dazuzugehören. Offiziell ist ein Sidekick wohl ein Handlanger oder so, aber es passt ja beides für das, was ich sehe. Die Sidekicks erscheinen immer öfter, sie sind zu emotional, um sich mit der Zuschauerrolle zu begnügen. Sie fühlen sich als Seelenverwandte der Künstler, sie gehören dazu, und eigentlich sollten sie auch an den Einnahmen beteiligt werden.

Fern von Polen

Fern von Polen

Ich gehe in den New Yorker und probiere eine zerrissene Jeans. Anscheinend habe ich abgenommen. Hüftweite 32 ist zu groß, und irgendwie bin ich zu faul, mich noch mal anzuziehen, eine 31 zu holen, die mir wahrscheinlich zu eng sein wird. Draußen haben sich die Zuschauer verkrümelt, Daiana sitzt allein auf dem Hocker und greift ein paar Akkorde. Die Frau, die die Seele der Musik erfasst hat, hat die Position gewechselt, sitzt ein paar Meter neben einem Jungen mit knielangen Hosen und blauen Turnschuhen. Neben ihm steht eine Flasche Bier, die Stützen des Mikroständers halten die Blätter mit den Songtexten fest. Der Junge hat klirrende Stahlsaiten aufgezogen, ich frage mich, wie man in so jungen Jahren schon zu so einer rauen Stimme kommt, er spielt so hart und aggressiv, dass die Frau im Holzfällerhemd nicht in der Lage ist, die geheimen Tiefen der Songs zu erspüren und ihnen Ausdruck zu verleihen. Dafür ist sie nicht allein. Ein androgynes Wesen mit Basecap und überschminkten Lippen versucht, die Songs zu vertanzen. Dann haben sich die beiden Sidekicks erkannt, umarmen und küssen sich, die eine gibt der anderen einen langen dünnen Zigarillo, die andere gibt der einen Feuer; sie sind nicht mehr allein, sie werden nie mehr auseinander gehen. Der Junge an der Gitarre hat sie komplett übersehen, er nennt sich Matthew und kommt aus Polen, ich denke, er hat noch einen langen Weg vor sich, aber er wird seine Chance bekommen.

Die Post geht gleich ab

Die Post geht gleich ab

Am Abend bieten drei Breakdancer eine perfekt durchgestylte, auch witzige Performance. Die Androgyne mit dem Basecap hält es nicht am Rand, sie möchte die Darbietung mit ihren Mitteln bereichern, bis einer der Tänzer sie ermahnt. Wäre ja auch gefährlich, in ihre wilde Sprünge und Wirbel zu geraten. Die Androgyne ist wieder allein. Ihre neue Freundin hat sie schon verloren. Vielleicht auch längst vergessen.

Happiness im Oderbruch

Weite Flächen, Nächstenliebe © Christian Brachwitz

Weite Flächen, Nächstenliebe
© Christian Brachwitz

Freundlicher, furchtloser und gleichzeitig interessierter können Frauen nicht lachen als diese beiden – wir vermuten: kampferprobten – Damen aus dem Oderbruch in ihren schicken Stadtmänteln. Die Einkaufstaschen sind vermutlich aus Bakelit, das ewig halten konnte. Sie könnten auch heute noch im Gebrauch sein. Wobei: Man hat sich umgestellt. Verdient Kohle mit dem Windrad auf dem eigenen Land oder mit Mais, der ebenfalls zu Energie verzaubert wird. Man geht zur Kosmetik und lässt sich die Nägel maniküren. Und auch pediküren. (Die Fußpflege ist super. Ich kann wieder viel besser gehen.) Man wartet nicht mehr unter dem zerbrochenen Haltestellenschild auf den verspäteten klapprigen Bus, sondern fährt mit dem Skoda in die Stadt. Wir lieben diese stämmigen Frauen trotzdem. Vermutlich ruht auf ihnen die Welt. Brachwitz meint, man sieht eine Art Glück.

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