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Archive for März 2014

Schon vergessen

Über eine Nebenrolle kommt das Meer nicht hinaus

Über eine Nebenrolle kommt das Meer nicht hinaus

Am Tag danach kann ich mich an kaum noch etwas erinnern vom Kieler Tatort „Borowski und das Meer”, ich glaube auch schon ein Stunde danach war so gut wie alles weg, außer Axel Milberg und Sibel Kekilli, die Ermittler, echt signifikant, wie sie so nebeneinander hergehen, die beiden. Und der Auftragskiller im Neonaziformat, einer derart einschichtige Gestalt, dass man sich fragt, warum machen sie sowas, da in Kiel, so bieder können sie doch nicht sein … Trotzdem erinnert man sich an den Typ.

Was noch? Zweimal wird gesungen. Bei der Bordparty der prosperierenden Firma Marex singen die unsympathisch übermütigen Gäste „My Bonnie Is over the Ocean”. Geht’s noch? Geht’s noch alberner? Und die in der Falle sitzenden Ermittler stimmen, um sich zu trösten, an: „Froh zu sein bedarf es wenig”. Borowski meint, seine Kollegin Brandt könne nicht singen (er kann eben alles besser, aber ihm verzeiht man sowas, ihm, Borowski, oder ihm, Axel Milberg).

Ansonsten hat der Film sich an Unübersichtlichkeit selbst zu überbieten versucht. Am Ende ist man sich sicher, dass es sich nicht lohnt nachzuvollziehen, ob denn alles einigermaßen logisch aufging und ob da nicht hauptsächlich Nebelkerzen abgefeuert wurden. Deshalb bleibt auch nichts hängen. Borowski und das Meer – warum so ein Titel? Weil ein paar Unterwasserbilder gezeigt werden? Weil das Opfer ins Wasser fällt? Die Ermittlungsarbeit geht ins Leere, weil man von falschen Voraussetzungen ausgeht, denn: Der Tote ist nicht tot. Er ist nicht einmal verwundet, vielleicht verletzt, seelisch verletzt. Er glaubt, auf der falschen Seite zu stehen, nämlich auf der Seite eines mörderischen Kapitalismus, aber in Wirklichkeit will er sich nur in ein neues Leben an der Seite einer exotischen Frau flüchten. Lebenslügen. Den Killer-Nazi bringt Borowski mit einem Besenstiel zur Strecke, das ist ja noch ganz lustig.

Die Feuilletons meckern, dass es dem Film an Spannung fehle. Ach, Spannung. Das ist ja auch so ein Totschlagargument. Dieselben Leute finden es ganz spannend, wie sich ihre Kinder in der Kita machen. Ein Krimi kann auch mit anderen Elementen glänzen. Er sollte sich nur nicht darin erschöpfen, Verwirrung zu stiften und falsche Spuren zu legen; sollte schon mehr sein als ein Gesellschaftsspiel. Problematisch finde ich die Vorabrezensionen in den Feuilletons. Sie dürfen nichts verraten und können die Filme insofern auch nicht wirklich bewerten, denn die Täterprofile sind ein wichtiger Teil des Krimis, und wenn man die außer Acht lässt, sagt man nichts Wesentliches mehr. Manchmal hat man das Gefühl, dass der Tatort gerettet werden muss. Weil er sich zwangsläufig in immer denselben Mustern wiederholt und erschöpft. Bei einer solchen Rettung sollten auch die Kritiker mitwirken. Das kann nur sinnvoll sein, wenn sie den Film komplett bewerten: nach der Ausstrahlung. Nicht davor.

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Summertime Bunkertime

Ein paar Schriftzüge und der alte Bunker ist plötzlich hochmodern Fotos © Christian Brachwitz

Ein paar Schriftzüge, und der alte Bunker ist plötzlich hochmodern
Fotos © Christian Brachwitz

Kann es sein, dass man sich den Sommer immer schöner vorstellt, als er dann wirklich ist? Dass man die Mücken vergisst, den Heuschnupfen und dass einen die Hitze an manchen Tagen regelrecht umhaut? Da ist es schon besser, wenn man die Tage an der Ostsee verbringen kann, wo es Wind, Wellen und Salzwasser gibt, oder am Atlantik in Frankreich, zum Beispiel auf dem Campingplatz in Royon, wo es schon vor zwanzig Jahren ganz explizit um saubere Ferien ging. Wenige hundert Meter entfernt findet man vielleicht einen Bunker der deutschen Wehrmacht, Teil des Atlantikwalls, unter großem Aufwand aus viel Beton und kaum noch vorhandenem Stahl gegen die erwartete Invasion der Alliierten errichtet und dann wegen der geringen Verteidigungstiefe als untauglich erwiesen, ja, wenn man einmal anfängt, sich mit der Geschichte zu befassen, dann verblasst die Gegenwart, und die Architektur verdrängt das Martialische der Wehrhaftigkeit. Bei Wikipedia können wir lesen: „Der Architekturkritiker Christoph Hackelsberger weist auf die Verwandtschaft der Formensprache der Bunkerbauten des Atlantikwalls mit expressionistischer Architektur und Betonkonstruktionen der 1920er Jahre hin … Der völlig andere Zweck wie auch die militärische Verwendung sind kein Grund, ihnen eine hohe architektonische Qualität im Sinne einer ›Schwarzen Moderne‹ abzusprechen.” Da staunt man. Wie kann sowas sein. Heute sind die Bunker Internetcafés, Pizzerien oder Kunstorte für Graffitisprayer. Die Kinder werden sich Jahre später über die Leopardenbadeanzüge wundern. Mann, Mann, Mann. Hättet ihr uns nicht was sagen können? Nein, konnten wir nicht. Ihr wolltet die Fummel unbedingt haben und wart in diesem Urlaub überhaupt völlig uneinsichtig. Das ist noch mal ein Extrakapitel: Urlaub mit den Eltern. So viel Frust, so viele Missverständnisse! Ein Kind fühlt sich im Urlaub förmlich verpflichtet, schlechte Laune zu haben. Und wenn die Eltern dann endlich alt genug sind, um allein in die Ferien fahren zu können, ist die Gefahr des Streits bis hin zur Scheidung groß. Die Kinder hatten doch einiges abgefangen.

Irgendwas muss aufgebaut werden, und schon gibt es Streit

Irgendwas muss aufgebaut werden, und schon gibt es Streit

 

Im Rat der Alten

Jeder redet mit jedem und haarscharf an ihm vorbei. Streetart aus Berlin Mitte

Jeder redet mit jedem und haarscharf an ihm vorbei. Street Art aus Berlin Mitte

Man kann Anne Will schwerlich nachsagen, es fehle ihr an Achtung vor dem Alter, und so lud sie Erhard Eppler (87) und Arnulf Baring (81), dessen Namen man nur mit dem Zusatz Professor nennen darf, in ihre Talkshow ein. Dazu passte recht gut der früh vergreiste Norbert Röttgen von der CDU, dem wieder ein Posten zugemerkelt wurde. Andrea von Knoop, die seit einigen dreißig Jahren in Russland lebt, wirkte in diesem Rahmen schon echt zu mobil. Es ging natürlich um die Krim, und wenn es um die Krim geht, geht es auch um die bösen Russen und um die vorbildlichen Demokraten aus der Ukraine mit Julija Timoschenko an der Spitze, deren Rückenleiden anscheinend noch ihr kleinstes Problem ist. Nobert Röttgen profilierte sich als Hüter der Regeln im Zusammenleben der Völker. Er sprach klar und eindimensional und erhielt den Beifall der schlichten Gemüter absolut verdient. Andrea von Knoop pochte zu Unrecht darauf, dass die Augenzeugenschaft doch manches anders aussehen lässt. Aber Erhard Eppler und Professor (da haben wir’s) Arnulf Baring machten das Treiben erst richtig verrückt. Sie holten weiter aus als ihre Gesprächspartner, brachten entlegene und noch weiter entlegene Beispiele und vergaßen schnell, was sie gerade gesagt hatten. Professor (seht ihr?) Arnulf Baring imponierte damit, dass er den anderen ins Wort fiel und sich verbat, dass sie ihm ins Wort fielen. Und letztlich schoss er auch den Vogel ab. Die Sanktionen des Westens seien nur leeres Gerede. Damit können man Putin nicht schrecken. Aber keiner rede darüber, dass wir in der Bundesrepublik mit einem Handstreich die Wehrpflicht abgeschafft hätten, ohne daran zu denken, was Putin noch alles so vorhaben könnte. Man müsse die Wehrpflicht unbedingt wieder einführen. Was er damit sagen wollte, war dieses: Mit der Wehrpflicht könnten wir den Russen, könnten wir Putin in die Schranken weisen. Ja. Achten wir den Rat der Alten. Das war irgendwie der Höhepunkt dieses munteren Kom(m)ödchens aus Berlin.

Frühgeburt einer Meisterschaft

An einem frostigen Tag in Berlin wurden die Bayern Meister

An einem frostigen Tag in Berlin wurden die Bayern Meister. Sie haben es sich verdient.

Die Bayern sind Meister. Märzmeister. Schon wieder ein Rekord. So früh wurde noch kein Team der Bundesligageschichte Fußballmeister.

Die Spitzenteams der Bundesliga hatten sich längst darauf verständigt, den Kampf um die Deutsche Meisterschaft den Münchner Bayern zu überlassen. Dort vorne kämpften die Bayern mit sich selbst, was auch heißt, mit Mathias Sammer, sie siegten und entfernten sich immer weiter vom Hauptfeld. Dahinter kämpfen nun die Spitzenteams weiter um den Meistertitel des wirklichen Lebens. Da geht es toll zu. Spannend. Favoriten kriegen die Krise. Sacken ab. Jeder Abstiegskandidat kann den aussichtsreichsten Kandidaten ein Bein stellen. Die Schiedsrichter können unbelastet agieren. Manche Favoritenkrise will gar nicht wieder aufhören, eine andere Krise währt nur ein Spiel. Jeder kann voller Tragik und Stolz auf eine lange Verletztenliste verweisen. Ich sah die besten Beine meines Vereins von Rissen des Kreuzbands lahmgelegt und eingegipst … Wenn das Transferfenster offen ist, wird nachgerüstet. Oder die Jugend bekommt eine Chance und macht sich nicht schlecht … Bis zum nächsten Debakel.

Währenddessen versuchen die Medien, die zerrissene Liga wieder zusammenzuschreiben. Versuchen, Ausdrucksvarianten zu finden für die Überlegenheit der Abgehobenen.

„Bayern ohne Verfolger. Den Bayern gehen die Gegner aus. In ihrer eigenen Welt … ein Ende der Münchner Festspiele ist nicht in Sicht. Es geht auch ohne Tiki-Taka … Die unerschöpfliche Bandbreite des Bayern-Spiels illustriert Lahm, der in der Pose eines Mittelstürmers trifft. Seriöse Aufwärmübung. Müheloser Probelauf. Schockstarre der apathischen Angsthasen. Der FC Schalke wäre vermutlich gerne geflüchtet – und wird so zur leichten Beute für den FC Bayern. Bayern gnadenlos. Und nächste Woche schon März-Meister? Egal wer gerade fehlt – die Bayern gewinnen … die Münchner können scheinbar alles und jeden ersetzen.”

Und das kam vor drei Tagen: „Schaut auf dieses Spiel. Die große Kunst genießen. ” Der Hofberichterstatter Horeni (FAZ) ist vom Hofe Löw mit fliegenden Fahnen zu Pep Guardiola übergelaufen. Nie zuvor habe die Bundesliga in fünfzig Jahren etwas erleben dürfen wie den Guardiola-Fußball: „ … so leicht und präzise, so verspielt und zielstrebig, so ausgeklügelt und improvisierend … So nah … ist der Fußball hierzulande der Kunst nie gekommen”.

Offensichtlich glaubt Horeni, dass Kunst etwas besonders Faszinierendes, Verwirrendes, Effektives, herausragend Schönes sei. Wo das Leben mit seinen normalen Maßstäben aufhört, fängt die Kunst an. Das ist Quatsch. Kunst ist nicht Erhöhung von Leben, Kunst ist eher Verarbeitung, Sinngebung, geht in die tiefsten Tiefen, kann dreckig sein, Kunst ist die Fähigkeit, für alles Geschichten, Bilder und Töne zu finden. Und so stellt Horenis Gefühlsausbruch nur einen weiteren gescheiterten Versuch dar, hymnische Worte für die Teilung der Bundesliga zu finden. Und eine Beschwerde darüber, dass Medien und Interessenten unfähig sind, funkelnde Formulierungen für die unanfechtbare Qualität der Bayern zu finden, um stattdessen ihr Mitgefühl mit den Unterlegenen zu thematisieren. Die Überlegenheit der Bayern stellt die Journaille vor unlösbare Probleme: Sie vermag nicht Schritt zu halten mit dem Niveau des Bayern-Fußballs. Sie arbeitet eher mit der Qualität der Abstiegskandidaten. Kampf und Krampf, kein Glanz. Horeni meint, dass er uns einen Weg gezeigt hat, wie man die Bayern angemessen feiern kann. Seht, was sie machen, als Kunst! Greift in die Instrumentenkiste der Kunstkritiker, wenn ihr den Fußball der Bayern bewertet!

Aber Kunst ist, wie gesagt, etwas ganz anderes.

Die Geschichte ist  unvollständig, wenn nicht miterzählt wird, dass der Macher des Bayern-Erfolgs, der Spieler, Manager und Präsident, seine Omnipotenz und seinen Hochmut mit einer Gefängnisstrafe bezahlt. Siebter Himmel und Vorhölle. Das Leben verstehen, den Erfolg verstehen, Uli Hoeneß verstehen. Verstehen, wie das alles zusammenpassen soll. Wer kriegt das hin?

 

 

Freddy, es gibt bestimmte Dinge …

Familiendrama im Tatort Köln, der Fall der Familie Reinhardt, ein Brand in einer Villa, drei tote Kinder, die Mutter verstört, der Vater, wie sich herausstellt, seit zwei Jahren unauffindbar. Ein Fall, wie gemacht für Klaus J. Behrendt als noch einmal ein paar Grad ernster gewordener, leicht zu kränkender Kommissar Max Ballauf mit einem fast apokalyptischen Gesichtsausdruck, der sich auf der anderen Seite durch eine gewisse Geradlinigkeit, ja, auch Biederkeit auszeichnet, der Mann sieht mitgenommen aus, sein Miene ist frostig, aber wenn es in diesem Gesicht mal zuckt, dann geht es einem durch und durch. Und dann hat er noch so etwas kumpelhaft Väterliches: Freddy, sagt er zu Schenk, alias Dietmar Bär, es gibt bestimmte Dinge, aus denen… Hältst du dich am besten raus, ergänzt Schenk resigniert.

Es ist ein starker Film, der dem Ruf der Tatort-Reihe gerecht wird (was zuletzt nicht oft passierte), ohne Faxen, ohne krampfigen Humor. Die Leistung von Susanne Wolff als Karen Reinhardt – ich kann mir nicht vorstellen, dass man diese Frau in ihrer Not so schnell vergisst.

Lob der Scheinantworten

„Der Wein ist harntreibendund kräftigt Magen und Darm.” Kupfer aus Diderots Großer Enzyklpädie

Der Wein ist harntreibend und kräftigt Magen und Darm.”
Kupfer aus Diderots Großer Enzyklpädie

Alle Welt sei sich darüber einig, schrieb Victor Klemperer, „dass Diderot keinen Roman zu komponieren vermag”. Und: Jacques le Fataliste könne man „nicht einmal als Romanparodie oder als ein lockeres Bündel verschiedener Erzählungen und Reflexionen bezeichnen; denn alles ist völlig ineinander gefilzt, immer wieder wird man durch neue Einfälle von einem Thema, einem Gedankengang, einem Gefühl abgelenkt”. Wie man sich doch täuschen, oder nein: Wie man doch unterschiedlicher Ansicht sein kann: Für viele fängt mit „Jacques der Fatalist” (oder„Jakob und sein Herr”) und mit Lawrence Sterne (von dem Diderot sich inspirieren ließ) der Roman erst richtig an. Und zwar gerade durch das, was Klemperer so moniert: Dass hier ein Erzähler als Vermittler zwischen Stoff und Leser in Aktion tritt, der alle Fäden in der Hand hält, mit den Geschichten und dem Leser spielt, an den spannendsten Stellen einer Geschichte abbricht, um eine andere Geschichte dazwischen zu schießen und irgendwann mit der ersten Geschichte fortzufahren und wieder zu unterbrechen. Der Roman, das kommunikative Genre an sich. Wer sich darauf einlassen kann, spielt das Spiel gerne mit, er weiß ja, dass er nicht das pure Leben erzählt bekommt, sondern dass er Opfer und Komplize des Erzählers ist, der ihn öfter mal direkt anspricht und zum Mitdenken auffordert. Man könnte sagen: ein früher Brecht, dieser Diderot, sehr geistreich und charmant.

Gefochten wird häufig in diesem Roman

Gefochten wird häufig in diesem Roman

Natürlich interessiert mich an Jacques, dem Fatalisten, zuerst sein Fatalismus. Der äußert sich gleich im ersten Absatz: „Weiß man je, wohin man will?” – Was sprachen sie? – Der Herr kein Wort; aber Jakob: sein Hauptmann habe gesagt, alles, was uns hienieden Gutes oder Böses begegne, steht dort oben geschrieben.”

„Steht dort oben geschrieben.” „Euer Wunsch ändert keinen Pfifferling daran, es wird kommen, wie es da oben geschrieben steht.” „Sehen Sie nun wohl Herr, dass niemand wissen kann, was dort oben geschrieben steht?”

Immer wieder fallen diese Worte. Und damit ist sicher kein göttliches Wesen gemeint (Diderot erschöpfte sich fast in seinem Atheismus), eher sowas wie eine nicht näher definierte Vorsehung oder das Schicksal, meinetwegen Determinismus. Zur Religion sprach Diderot im Bild: Wer nicht gehen kann, braucht einen Stock.

Also ist Jakob, dem Knecht, ziemlich gleichgültig, von wem das Geschriebene dort oben stammt: „du, der du das große Buch gemacht hast, du, wer du auch bist, der du alles das schriebst, was dort oben geschrieben steht! Du wusstest von Anbeginn her, was mir gut ist; dein Wille geschehe! Amen!”. Er setzt die Vorbestimmung einfach voraus. Was hat er davon? Man sieht es, wenn man die Mentalitäten Jakobs und seines Herrn vergleicht, der auf die Willensfreiheit setzt. Jakob führt das bei weitem weisere, pragmatischere Leben. Der Glaube an die Vorbestimmung vermindert die Schwere aller Entscheidungen, die er trifft, verhilft ihm auch, eine Scheinantwort zu finden in allen Fragen, wo es eine befriedigende Antwort sowieso nicht geben kann. Jakob hat die wesentlich glattere Stirn.

„Der Roman … handelt von Freiheit und Vorherbestimmung im Gange des Erzählens”, schreibt Horst Günther im Nachwort dieser ausgemacht schönen Ausgabe aus der Anderen Bibliothek, die auf die Erstausgabe der deutschen Übersetzung von Wilhelm Chirsthelf Siegmund Mylius aus dem Jahr 1792 zurückgreift. Auch die wirkt erstaunlich frisch.

Über allen Wiesen ist Ruh’

Einge große Ruhe lag über dem Land, himmlisch … © Christian Brachwitz

Eine große Ruhe lag über dem Land, himmlisch …
© Christian Brachwitz

Wir sind wieder in Tangermünde. Vor den Toren der Stadt, wo die kleine Tanger in die große Elbe mündet und die Industrieanlage ein Stauwerk oder ein Stück Hafen ist. Am Zaun nagt der Rost. Gelegenheit, vom Rad zu steigen und die Blicke über die Anlage schweifen zu lassen (passiert da noch was?), während die Kirchtürme von Jerichow fern am Horizont unbeachtet bleiben. Der Mann stützt des Rad, das Rad stützt den Mann, sowas nennt man heutzutage eine Win-win-Situation. Irgendwann kommt im Leben eines Mannes der Zeitpunkt, wo er auf ein Damenfahrrad umsteigt. Er bekommt das Bein nicht mehr über den Sattel rüber. Na und. Warum solle man sein Alter nicht annehmen. Warum sollte man nicht genauso alt aussehen, wie man ist. Man macht alles etwas langsamer. Man legt öfter mal ’ne Pause ein. Man hat sich ohne Zorn von seinen Illusionen verabschiedet. Aber die blaue Arbeitshose, nein, von der will man sich nicht trennen. Hat ja auch noch alle Hände voll zu tun. Man freut sich über die schwankenden Gestalten, mit denen man schon auf einer Schulbank gesessen hat und mit denen man sich über das Leben in der Rente austauschen kann. Und über die teuren Toten lassen sich Legenden erzählen. Einst ein Held. Das Wort von der guten alten Zeit hat seine Bedeutung verloren. In Tangermünde und überall.