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Archive for Juli 2014

Wer Stoner liest, muss durch die Hölle gehen (2)

Ihn sehe ich als Vorfahr John Williams’: Karl Philipp Moritz

Ihn sehe ich als Vorfahr John Williams’: Karl Philipp Moritz

John Williams’ Roman mutet altmodisch an, vielleicht war das schon damals so, als er das erste Mal erschien. Ein Hang zu formaler Innovation ist nicht erkennbar. Es finden sich keine funkelnden Sätze, die man anstreichen möchte, was Walter Benjamin (im Essay über Julien Green) für einen Vorzug guter Prosa hielt, „die homogene Schlichtheit der Erzählung”. Benjamin zitiert Paul Léautaud, der sagte: „Paradestücke und effektvolle Stellen sind ein Merkmal minderwertiger Bücher.” Oder denken wir an Schopenhauer: „Man brauche gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge.”

Im zweiten Jahr an der Uni hat William Stoner ein Erweckungserlebnis. Der Kurs in landwirtschaftlicher Bodenanalyse macht ihm längst keine Probleme mehr, aber der obligatorische Einführungskurs in die englische Literatur verstört und beunruhigt ihn. Archer Sloane, der Dozent, konfrontiert die Studenten mit dem dreiundsiebzigsten Sonett Shakespeares, und Stoner, direkt angesprochen, weiß kein Wort dazu zu sagen. Gut, die anderen Studenten sind ebenso ratlos, aber für Stoner wird das Thema existenziell. Er meldet sich aus den landwirtschaftlichen Kursen ab, wechselt zur Literatur und „ … wurde sich in einem zuvor ungekannten Maße seiner selbst bewusst.” Er hatte nie Freunde gehabt, aber zum ersten Mal spürte er nun seine Einsamkeit.

Zwischen Stoner und seinen Eltern werden Worte kaum ausgetauscht, Gefühle sind nur zu erahnen. Aber er muss ihnen sagen, dass er nicht auf die Farm zurückkehren wird. So habe ich mir das nicht vorgestellt, sagte der Vater, die Mutter weinte, und Stoner „lag noch lange auf seinem Bett und starrte mit offenen Augen in die Dunkelheit.”

Stoner wird Dozent, vermag es aber nicht, die Begeisterung, die er selbst für die Möglichkeiten der Prosa und der Grammatik empfindet, übers Pult zu bringen, was sich aber in mancher Sternstunde seiner Assistenzprofessorenlaufbahn auch ändert.

Das vermutlich größte Unglück seines Lebens sucht Stoner sich selbst aus. Es (oder sie) heißt Edith Elaine Bostwick und kommt aus St. Louis. Hier wissen wir schneller als Stoner: Er ist ihr vollkommen gleichgültig. Warum heiratet sie ihn? Weil sie in ihm sofort das Opfer erkennt, das der Inhalt ihres Lebens als Täterin wird. Durch Stoners Hölle musst auch du als Leser gehen. Das Buch entfaltet einen mächtigen Sog. Halt ihn aus, oder leg den Roman beiseite.

Auch an der Uni hat Stoner Feinde. Er bekämpft sie so wenig, wie er Edith bekämpft. Sein Gegengift ist die unbegrenzte Arbeitskraft. Für einige gezählte Wochen lernt er die wahre Liebe kennen. Das und der Enthusiasmus für sein Fach, die Literatur, entscheiden letztlich, dass Stoner ein Leben gehabt hat. Kein kleines Leben, ein exemplarisches vielleicht. Der Tod mit all seinen Schmerzen kommt wie eine Erlösung.

„Stoner” ist gebunden bei dtv erschienen, Bernhard Robben hat den Roman, mir scheint ganz im Sinne Williams’ (und Benjamins), übersetzt.

Wer Stoner liest, muss durch die Hölle gehen

John Williams unter den besten Köpfen seiner Generation, das heißt, ihren Büchern

John Williams unter den besten Köpfen seiner Generation, das heißt: ihren Büchern

Stoner ist ein Roman von John Williams, der 1965 erschien, Schriftsteller und Leser angeblich faszinierte, um dann – mit 2000 verkauften Exemplaren – weitgehend unbekannt zu bleiben. Das Buch ist in Deutschland damals nicht erschienen. In den mir zur Verfügung stehenden Nachschlagewerken gibt es keinen John Edward Williams und keinen Roman, der Stoner heißt.

Williams ist 1922 geboren, im selben Jahr wie Grace Paley, William Gaddis und Jack Kerouac. Vielleicht hat er einen Mann wie William Stoner, seinen Protagonisten, an den Universitäten von Missouri oder Denver kennengelernt; vielleicht war er selbst so einer. Stoner. Ein Universitätsmensch, für den das Leben jene Härten bereithält, die zu ihm passen. Die er vielleicht verdient, weil er sich nicht wehrt. Und so einer war John Williams dann doch nicht. In William Stoner hat er eine Kunstfigur geschaffen, die in sich stimmt und gegen die der Autor auch nicht anschreiben kann. Der Sohn eines armen Farmer-Ehepaars in Missouri. So wie die Arbeit auf dem Land unerschöpflich ist und nie aufhört, so ist auch die Arbeitsfähigkeit der Landleute grenzenlos. Ohne Klagen wird diese Arbeit geleistet. Schon früh zeigt sich bei Stoner die gebeugte Gestalt seines Vaters, ein Resultat der verdammten Plackerei. Völlig überraschend schickt ihn der Vater an die Universität von Missouri-Columbia, um Landwirtschaft zu studieren und den Boden der heimischen Farm besser bearbeiten zu können. Er wohnt bei den Footes, Verwandten seiner Mutter und ebenfalls Farmer, die ihn für Kost und Logis gnadenlos ausbeuten und die Gelegenheit nutzen, sich auf die faule Haut zu legen. Aber wie gesagt: Die Arbeitsfähigkeit der Landjugend ist unbegrenzt, Stoner schafft auch noch das Pensum der Universität. Ach verdammt. Man denkt unwillkürlich an den Anton Reiser von Karl Philipp Moritz, dem ging’s beinah noch schlechter, aber das war im 18. Jahrhundert.

Mehr über Stoner vielleicht morgen an dieser Stelle

Frühstück um sieben

Auch wenn man’s nicht so sieht: Der Familie hat der Urlaub gut getan © Christian Brachwitz

Auch wenn man’s nicht so sieht: Der Familie hat der Urlaub gut getan
© Christian Brachwitz

Missmutige Fressen an der Ostsee. Statt froh zu sein, dass sie einen Urlaubsplatz bekommen haben mit der ganzen Familie. Auch wenn die Bedingungen in den Ferienheimen sonderbar sein konnten. Frühstück sieben Uhr. Das steckt dir den ganzen Tag in den Knochen. Abendbrot 16.30 Uhr. Das blöde Gequatsche im Fernsehraum. Kein Westfernsehen. Da lernte der DDR-Bürger mal die DDR kennen.

Der Alte ins ND vertieft. „Nejes Dejtschland” sagten die Russen, das hat uns immer amüsiert. Die konnten kein „ei” und kein „eu” sprechen. Ab und zu wird der Alte eine DDR-typische Bemerkung fallen lassen. Die Lehren, die das Zentralorgan verbreitete, waren marxistisch-leninistisch unterfüttert. („Der Marxismus ist allmächtig, weil er wahr ist.” Oder umgekehrt? „Der Marxismus ist wahr, weil er allmächtig ist.” Auch so könnte ein Schuh draus werden.)

Die vom Strand kommen haben noch miesere Laune. Vielleicht ist es auch nur die Sonne, die die Leute triezt und sie veranlasst, stur in entgegengesetzte Richtungen zu schauen. Wahscheinlich haben sie auch einfach zu viel angezogen. Kann ja noch Vorsaison sein. Ein Rätsel gibt die Lampe auf. Was will denn die beleuchten! Hier werden doch keine Verhöre stattfinden. Auf der Freilichtbühne spielen Michael Hansen und die Nancies. Oder Sandra Mo und Jan Gregor. Der Urlaub an der Ostsee war meistens kein voller Erfolg. Schön braun seht ihr aus. An der Ostsee bräunt auch die Luft.

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Berlin Alexanderplatz (10): Von Ost nach West übers Pflaster

Diese Flamme verschwindet gleich in diesem Mund

Diese Flamme verschwindet gleich in diesem Mund

Die Grüne Renate Künast, die sich vor nicht allzu langer Zeit Hoffnungen machte, Regierende Bürgermeisterin von Berlin zu werden, dann aber an etwas so Banalem scheiterte wie der Sichtbarkeit ihrer permanent schlechten Laune, verrät uns in der FAZ, dass Leute, die einen Großteil ihres Lebens in Berlin zugebracht haben, „eher selten am Alexanderplatz vorbei” kommen. Sie kann also für diese, wie meine Oma gesagt hätte, besseren Leute sprechen. Die Gründe, dass sie den Platz meiden, Künast: „Zu laut, zu unfreundlich, zu viele Ramschmärkte mit Bretterbuden und Zuckerwatte”. Es reicht Zuckerwatte, um der Grünen Künast die Laune zu verderben. An Heruntergezogenheit der Mundwinkel schlägt sie sogar die Bundeskanzlerin, hinzu kommt die Vorgeschobenheit des Kinns. Man ist kampfeswillig.

Und jetzt passiert auch noch dies auf dem Alex. Der Billiganbieter Primark eröffnete eine Filiale, der seine Tiefstpreise durch die gnadenlose Ausbeutung der Textilarbeiterinnen in Bangladesch erzielt. Das passt, in den Augen der Grünen Künast, genau zu diesem Ort. Wir verstehen: Nun ist also der Alexanderplatz auch noch am Unglück der Arbeiterinnen in Bangladesch schuld.

Okay. Wer sich als Politiker bemerkbar machen will, muss sich was einfallen lassen. Die Bretterbuden, das sind Kioske, die dort zu Frühlings- und Oktoberfesten und Weihnachtsmärkten aufgebaut werden. Dass die Leute, die dort ihr Geld verdienen, halbwegs gute Arbeitsbedingungen haben, wünschen wir ihnen und auch der Grünen Künast, die wahrscheinlich in ihrem Berliner Leben nicht öfter als dreimal auf dem Alexanderplatz gewesen ist. Für einen hauptstädtischen Platz ist es dort eher zu still als zu laut.

Von der Leichtigkeit des Singens

Von der Leichtigkeit des Singens

Vor dem Kino überquere ich den Platz einmal von Ost nach West. Unter der Weltzeituhr ein Troubadour von vielleicht gerade mal achtzehn Jahren. Er singt und klampft seine Songs und bringt das Kunststück fertig, dabei unentwegt zu lächeln. Er freut sich, dass man ihm zuhört und ab und zu ein paar Münzen in seinen Gitarrenkoffer legt. Ein Mädchen läuft zurück zu ihrer Gruppe und ist außer sich vor Freude. Ich krieg seine Nummer, ruft sie, ich krieg seine Nummer. Zu laut, zu unfreundlich. Bretterbuden. Zuckerwatte.

Ein paar Meter weiter ist eine ältere Dame in der Hitze umgekippt. Sie sitzt jetzt auf einer Bank, die unfreundlichen Alexanderplatzbesucher kümmern sich um sie und haben längst den Rettungsdienst angerufen, der jetzt vorfährt, die benommene Frau auf eine Trage bettet und sie ins Auto hebt. Ich sehe keine Voyeure, die Maulaffen feilhalten.

Die Retter retten

Die Retter retten

Wiederum ein Stück weiter nach Westen bläst ein dünner Mann in seinen Dudelsack. Eben haben noch zwei Kleinkinder dazu getanzt, aber dann haben sie, unfreundlich wie sie sind, bemerkt, dass man nach dieser Musik nicht richtig tanzen kann und sind weitergelaufen. Zur Hauptattraktion dieses Tages auf dem lauten Alexanderplatz. Das ist Zaktakular aus Neuseeland. Der steckt die brennende Fackel in seinen Mund und beschwert sich über den schlechten Geschmack, den das hinterlässt. Sein Englisch ist so, dass auch die lachen können, die kein Englisch verstehen. Der Mann, der mit seinen Witzen darüber hinwegwischt, wieviel Können dahintersteckt, wenn er auf einem rollenden Zylinder Handstände macht. Und am Ende hat er reichlich Kohle in seiner Melone. So laut, so unfreundlich ist es auf dem Alexanderplatz. Und statt Zuckerwatte schlucken sie dort Feuer.

Der spezielle Charme des Equilibristen

Der spezielle Charme des Equilibristen

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Summer in the City

Die Schattenlinie

Die Schattenlinie

Der Rasen verfärbt sich, vereinzelte Blätter fallen schon von Busch und Baum. Im Nachbargarten haben sie ein Zelt aufgestellt. Die Nachkommenschaft ist angerückt. Es riecht nach Spiritus. Schwarze Grillwolken steigen auf. Elf Erwachsene versuchen, ein Baby bei Laune zu halten. Am ungeschicktesten stellt sich die Alt-Kindergärtnerin an, so mit Babysprache. Das sind die Berufskrankheiten. Schlimmer noch, wenn die Männer die Fußballweltmeisterschaft auswerten nach dem Motto „drei Meter im Abseits und nicht gepfiffen”. Nichts ist so alt wie eine WM vom letzten Wochenende.

*

Ich war draußen, sagt Eugen am Telefon. Die Hitze hat ihn unvermittelt und voll getroffen. Er taumelte, musste sich festhalten und eine Bank aufsuchen. Ich kann gar nicht daran denken, heute mit dir Bier zu trinken, sagt er. Ich werde das Haus nicht mehr verlassen.

Du solltest dir einen Strohhut aufsetzen, sage ich.

Ach, du hast doch ’n Knall.

Nein, sage ich, das hilft.

Ich habe gar nicht die Kleidung, die dazu passt, sagt er.

Ich hab nichts anzuziehen, sage ich im femininen Ton. Was fehlt dir denn für Kleidung?

Eine Leinenjacke, sagt er.

Ja, gut, dann kauf dir eine.

Ich habe meinen Etat in diesem Monat schon überschritten.

*

Das Rentnerehepaar Brandt schmachtet in seiner Wohnung unterm Dach. Herr Brandt, Bodo, ist mit Turnhemd und breiter Jogginghose mit Seitenstreifen bekleidet, Frau Brandt, Gretel, trägt Kittelschürze. Gegen die Hitze hilft das anscheinend nicht. Es ist bekannt, dass die Gretel den Bodo gerne triezt, der eigentlich alles schluckt. Jetzt aber setzt ihm nicht nur die Gattin, sondern auch die Hitze zu. Und er schreit. Hör auf! Ich halt das nicht mehr aus. Hör auf. Das Beunruhigende ist, dass man dann nichts von Gretel hört. Vielleicht lacht sie sich ins Fäustchen, dass sie es wieder mal geschafft hat. Vielleicht ist sie aber auch ohnmächtig oder so. Nachts um eins schreit Bodo abermals: Was ist denn jetzt schon wieder los! Mein Gott (warum hast du mich verlassen)!! Sieht so aus, als würde er auf dem Balkon schlafen, um seine Ruhe zu haben.

*

Das Sommerbad Wuhlheide macht Kasse. 5,50 € Eintritt, und die Leute stehen Schlange. Die Jungs sitzen auf der einen Seite des Beckens, die Girls auf der anderen, auf dem Sprung, zwei gegnerische Parteien, die nichts lieber täten, als sich zu umarmen. Ab und zu fliegt einer per Arschbombe ins Wasser, man muss auffallen, Testosteron gesteuert, wie man nun mal ist. Viele russische Familien, viele schwangere Frauen und unsportliche Männer, viele schwere Leiber. Neben mir Mutter, Großmutter und Sohn, 7 Jahre alt. Die Mutter ist dick, die Großmutter ist dick, der Junge ist dünn, aber sie rufen ihn Dicker, als müssten sie sich für etwas rächen, wofür er nichts kann. Mutter und Oma müssen erst mal „eene roochen”. Der Junge will ins Wasser, aber er soll sich erst mal „akklamatisieren“: Oder willste ’n Hitzschlag und tot sein? Ja, das kennen wir alle aus unserer Kindheit, die Alten können nicht anders, als vor Hitzschlag zu warnen, das Wasser mag noch so lau sein. Es dauert einige Zigarettenlängen, bis der Junge endlich ins Wasser darf. Putins Bruder ist auch im Becken und ein Bruder des Karlshorster Dokfilmregisseurs K., der versucht, sein edles weißes Haupthaar vor dem Wasser zu schützen. Er hält den Kopf wie eine bleierne Ente und bläst die Backen auf, was ihn nicht daran hindert, den jungen Mädchen verdeckte Blicke nachzuschicken.

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Auf Mallorca war es toll, sagt Deborah, meine Friseurin. Allerdings hat sie mit ihren Landsleuten ein Hühnchen zu rupfen. Warum rennen diese Engländer immer mit nacktem Oberkörper rum! Schrecklich.

Na ja, sage ich, weil sie schön strukturierte Muskeln haben.

Keinesfalls, ruft Deborah, im Gegenteil. Es gibt diese kotzhässliche Urlaubskleidung. Kein Mensch würde auf die Idee kommen, so was zu Hause anzuziehen, aber im Urlaub finden sie das toll.

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In den Abendstunden setze ich mich in den Schatten und lese zum Beispiel in „Stoner” von John Williams (da klingt ein wenig Anton Reiser durch, was für ein trauriger Roman!) oder in Juri Lotmans Text-Theorien, denen ich kaum zu folgen vermag.

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Frau Dr. Hoffmann wirft ihre überflüssigen Zucchini unters Volk und sieht sich dabei als große Geberin. Man soll an die Bergpredigt denken. Der Schriftgelehrte ist nicht erbaut. Ihm schmeckt das neumoderne Zeug nicht, welches so üppig wächst. Das kann doch nichts sein.

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Wir kommen schon etwas früher, sagen die Elektriker. Jetzt ist es noch nicht so heiß.

Der alte Bäcker

Der alte Bäcker in seinem Frohsinn zog sich in rauhe Berge zurück © Christian Brachwitz

Der alte Bäcker in seinem Frohsinn zog sich in rauhe Berge zurück
© Christian Brachwitz

Unter solchen Bedingungen entstand die Ostschrippe, die erst berühmt wurde, als die Bedingungen abgeschafft wurden, unter denen sie entstand. Weltgeschichte ereignete sich in den Backstuben. Ich backe nicht für Kommunisten, sagte der alte Bäcker an der Ecke, ungeachtet der Tatsache, dass er vierzig Jahre lang ohne Probleme für Leute gebacken hatte, bei denen der Verdacht nahe lag, dass sie Kommunisten waren (was man so Kommunisten nennt). Der junge Bäcker kam aus dem Westen zurück und brachte seine Frau mit, die schön wie eine Barbie-Puppe war. Der junge Bäcker kam aus der Backstube und tätschelte mit Besitzerstolz vor den Augen der erstaunten Kunden den Hintern seiner Frau, die von der Boulevardpresse der Engel von Karlshorst genannt wurde. Ein solchet Mädel, sagte der Lotto-Mann, die stelle ick doch nicht in einen Bäckerladen. Die kann vielleicht als Model arbeiten …

Dem alten Bäcker hatte sein Statement kein Glück gebracht. Die Beine versagten ihm den Dienst. Er saß in einer Ecke seines Ladens, drauf und dran, sein Veto einzulegen, falls jemand seine Schusterjungen kaufen wollte, der vielleicht ein Kommunist war oder eben gewesen war. Denn eines muss man auch sagen: Die Bäcker an der Ecke waren nicht jeder Innovation auf den Leim gegangen. Sie hielten ihre Schrippen von der bekannten Aufgeblasenheit fern, die mit den entsprechenden Protagonisten aus dem Westen kam. So wurde die Ostschrippe berühmt. Während die Backstuben sich änderten und das Grottenartige verloren, blieb die Ostschrippe, wie sie war, und machte damit den entscheidenden Unterschied.

Kunst am grünen Knie der Spree

Neben den Wolken … © Andrea Doberenz

Neben den Wolken …
© Andrea Doberenz

Drei Straßenbahnstationen von hier bis Schöneweide, genauer Oberschöneweide, wo heute, Sonnabend, die „Kunst in Sicht” sein soll, das Art Festival 2014, 30 Ausstellungen, 100 offene Ateliers.

Spreehöfe Aufgang D

Spreehöfe Aufgang D

Schöneweide ist Rathenau-Land. Die Edison-, Siemens-, Zeppelin- und Watt-Straßen metern hier nur so. „Die Geschichte Oberschöneweides ist eng mit der Geschichte des AEG-Konzerns verbunden, dessen Ansiedlung die Entwicklung von Schöneweide zu einem Industrie- und Arbeiterbezirk begründete. Der Architekt und Designer Peter Behrens errichtete an der Wilhelminenhofstraße einige herausragende Industriebauten (NAG-Gebäude) für die AEG”, so steht es bei Wikipedia. Im Aufblühen wurde das Quartier Elektropolis genannt. In der DDR-Zeit arbeiteten die großen Kombinate KWO (Kabel) und TRO (Transformatoren), die nach der Wende schließen mussten. Volker Braun beschrieb das Schicksal der vier Werkzeugmacher, denen der Staat in den Arsch kroch und die ohne Arbeit plötzlich auch ihre Identität verloren („Die Geschichte hatte sie bis hierher glimpflich behandelt, wenn nicht erhoben; sie schien sie höchstpersönlich bevorzugt zu haben.”).

Heute entwickelt sich das Quartier zu einem Wissenschafts- und Technologiestandort. Sagt man so. Oder zu einem Kunststandort. Sagt man auch. Im Moment ist es schon ein Sixpack-Standort. Die ihrer Identität beraubten Werkzeugmacher und Sonstige holen sich ihr Bier beim Discounter und trinken es inmitten der herausragenden Industriebauten von Peter Behrens.

Sibirien in Schöneweide

Sibirien in Schöneweide

Eine Menge Kohle ist in die Hand genommen worden, um Häuser zu sanieren und zu beleben. Kinos, Tanzstudios, Läden, Büros, Praxen zogen ein. Einiges Neue konnte sich nicht halten. Zum Beispiel ein Irish Pub, wenngleich der Wirt versprach, für die Sorgen und Nöte seiner Gäste immer ein offenes Ohr bereitzuhalten.

Man spricht von 250 Künstlern, die in Schöneweide leben oder in den leeren Räumen günstige Ateliers mieten konnten. Deshalb ist eine Aktion wie „Kunst in Sicht” am Spreeknie am richtigen Platz. Und schon sind wir mittendrin: „Die Skulpturen von Jáchym Fleig assoziieren Tierbauten oder parasitäre Strukturen in Verbindung mit Raum und Ding.” „Franziska Rutishauser verarbeitet Erscheinungen auf der Netzhaut als Gefüge mit verankerter Innenwelt.” Denn das ist ein offenes Geheimnis der modernen Kunst. Der Künstler (oder sein Galerist) muss den Leuten sagen, was sie sehen. Sonst sehen sie nichts. Wichtiger als die Malerei ist die dazugehörige Theorie.

Das große Buch

Das große Buch

Die Kunst kann alles. Die Kunst erinnert. Die Kunst formt um. Die Kunst erfindet, was es nie gab. Adrian Palka hat eine Installation zum sibirischen Tagebuch seines Vaters hergestellt. Eine Holzhütte in der Taiga. Ein Schrein, in dem Birkenrinden, Schmetterlinge, Bilder, Zeilen funkeln. Dinge des Überlebens für den Geflohenen und Versteckten. „Play ’n Pray” heißt es bei Wolfram Spyra. Man kann sich in eine Kirchenbank knien, Kopfhörer aufsetzen und mit den Händen Geräusche erzeugen, die vielfach verstärkt als Sound an dein Ohr dringen. Das ist in den Spreehöfen. Station 10 des Events. Die Wilhelminenhofstraße lang zu den Rathenau-Hallen, der Zentralstation von Kunst in Sicht. Leere Hallen, aus denen die Arbeit schon vor langer Zeit geflohen ist. Wolkenbilder über dem Ufer der Spree, über Pappeln, Fabrikdächern, alten Laternen, rostigen Außentreppen.

Von Mensch zu Tier

Von Mensch zu Tier

Von der Empore in die leere Halle sehen, ein paar Schrifttafeln pflastern den Weg, ein paar scheinbar intakte Wagen könnten eine rote Straßenbahnballade anstimmen. Die Zeit ist immer knapp. Ohne die Namensschilder sind viele Kunststücke anonym, warum auch nicht. Das große Buch in einem fast sakralen Raum, der Mensch wirkt klein, wenn er zu lesen beginnt, die Seiten sind leer, aber erleuchtet. Das Projekt heißt Truth. Ein langer Fries: Matrosen aufgereiht in Rückansicht, ein langer Fries: Matrosen in Vorderansicht. Die Rücken sind geheimnisvoller. Eine Holzplastik zeigt einen unsicher-vagen Blick von Mensch zu Tier und von Tier zu Mensch. In einer unklaren violetten Landschaft eine verlorene Gestalt, die den grenzenlosen Raum aushält.

Einige Freitreppen hinauf zur Atelieretage G 59 und der Blick hinunter auf die Spree. Die Künstler in ihren Ateliers. Helle Räume, gefährdete Räume, denn die Mieten könnten demnächst für die meisten unbezahlbar werden. Die Künstler, die auf Interessenten warten, können ihre Hände nicht still halten. Sie arrangieren Bilder um, falten Obsttaschen aus Reispapier. Wieder begegnet uns die Verlorenheit, die vielleicht auch nur eine Versunkenheit ist. Ohne Titel. Kindheitserinnerung. Ein Mann an einem Instrument, das für ein Cello zu groß und für einen Bass zu klein ist. Daneben ein schlafendes Mädchen, gelb, angezogene Knie. Auf der Gegenseite ein Junge, der aus dem Fenster schaut. Das könnte ein Bild im Bild sein, vielleicht auch ein Spiegel. Der will eigentlich weg. Jeder ist für sich. Was heißt das schon. Was das heißt, muss ich selber wissen. Daneben wieder eine violette Landschaft, am Saum zwischen Himmel und Erde jemand in der großen Leere. Die Malerin ist Regina Nieke. Hängt nicht auch in der Zentralstation ein Bild von Ihnen? Ja. Das Motiv erkennt man sofort wieder. Ein gutes Zeichen in der Fülle der Kunstwerke. Da sind wir uns einig. Wichtig sind Themen, die uns nicht loslassen. Dieses Für-sich-sein in einer weiten Landschaft, die wir nie kennen werden.

Raum und Mensch

Raum und Mensch