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Archive for November 2012

Wer ist Autist?

Indem ich Pierre Bertaux’s Buch über Hölderlin lese, stoße ich nicht selten auf eine aufschlussreiche Seitenlinie (dazu später irgendwann mehr). Es ging Bertaux darum zu entkräften, dass Hölderlin verrückt war. Eine kaum lösbare Aufgabe. Inwiefern Bertaux sie trotzdem löst, kann jeder Leser nur für sich entscheiden. Bertaux  erwähnt die Diagnose der autistischen Psychose und erzählt beiläufig, dass der Dramatiker Marcel Achard  einmal gefragt wurde: „Was ist denn für Sie ein Egoist?” Und Achard antwortete: „Ein Egoist ist einer, der nicht an mich denkt.”

Nun sagt Bertaux: Ich würde sagen, die Frage lautet nicht: wer ist ein Autist? Die wirkliche Frage lautet: wer ist denn keiner.

Damit ist er wieder bei Hölderlin. War Hölderlin Autist? Bertaux: „Um etwas in der Welt zu schaffen, muss man wohl schon stark autistisch geprägt sein … Ich rede nur von der Ichbezogenheit des inneren Lebens bei gewissen außerordentlich begabten Menschen.”

Damit können wir alle leben. Der Autist vielleicht am wenigsten.

 

Intelligente Bayern-Kicker

November 29, 2012 1 Kommentar

Der Vorsprung der Bayern im fast schon entschiedenen Meisterschaftskampf kann nicht groß genug sein, und so sorgte Schiedsrichter Florian Meyer im Match beim SC Freiburg beizeiten für klare Verhältnisse. In der elften Minute bekommt Freiburgs Verteidiger Sorg den Ball aus kurzer Distanz an die Hand. Meyer gibt Elfmeter. In der 18. Minute zupft Diagne den Bayern Shaqiri am Trikot, Shaqiri stürzt in einer dramatischen Glanzleistung ins Bodenlose. Meyer zeigt dem Freiburger rot. Freiburg kämpft mit Rückstand und in Unterzahl tapfer weiter. Zehn Minuten später bekommt im Bayern-Strafraum Javi Martinez den Ball an die Hand. Hoi. Schiedsrichter Meyer möchte die Verhältnisse nicht wieder verunklaren und pfeift in diesem Fall keinen Elfmeter. Man staunt. Wenig später ein Foul im Bayern-Strafraum. Wieder kein Elfmeter. Der ARD-Reporter findet alle diese sehr widersprüchlichen Entscheidungen absolut in Ordnung. Der objektive Beobachter fängt an, sich Sorgen um Deutschland zu machen. Was ist hier los? Ist Bayern München Staatsdoktrin? Warum? Wie kommt sowas zustande? Warum legt niemand die Karten auf den Tisch? Warum erklärt es uns niemand, wozu das gut sein soll?

Freiburgs Trainer, Christian Streich, gefällt mir gut. Es muss irgendwelche Worte finden auf das Unerklärliche und Unerklärte. „Alle zwei Wochen werde ich zu den kniffligen Szenen gefragt. Und immer kann, kann, kann. Bei uns immer Elfmeter, weil – wir sind klein. Wir respektieren das. Ich sage nichts zu den Schiedsrichter-Entscheidungen. Das sind alles nur Menschen. Sie halten es nicht aus offensichtlich. Es ist okay, wir respektieren es total, kein Problem.” Als Dank für seine diplomatische Äußerung unterstellt man ihm bei kicker.online einen Verfolgungswahn. Ach, der Streich, ja, das ist ein positiv Verrückter.

Wie gesagt. Der Vorsprung der Bayern kann nicht groß genug sein. In der vergangenen Saison haben sie ihn nicht über die Ziellinie gebracht. „Uns haben die letzten Jahre was gelernt”, sagte Thomas Müller, der sicher nicht zu Unrecht als einer der intelligenteren Bayern-Spieler gilt.

Mein Senf zur Zeitungskrise

November 28, 2012 1 Kommentar

In der Zeitungskrise bekommen auch jene Zeitungsleute kalte Füße, die glaubten (oder noch glauben) im Trocknen zu sitzen. Qualitätszeitung, kluger Kopf usw. Die „Zeit” fragt die (angeblich) wichtigsten Medienmanager, was man in den vergangenen fünf Jahren falsch gemacht habe. Man könnte antworten: Das, was wir in den fünf Jahren davor und den fünf Jahren davor auch schon falsch gemacht haben – bloß da schlugen die Fehler nicht zu Buche. Da glaubten die Leser noch an die Zeitung und die Bosse meinten, dass ihre Anzeigen den Konsum befördern. Und das Geld, das sie dafür ausgaben, tat ihnen nicht weh. Die Leute waren stolz, Spiegel-, oder SZ- oder FAZ-Leser zu sein und dachten, dass bringe sie karrieremäßig nach vorn. Oder sie lasen trotzig die taz oder anders-trotzig das ND. In den Medien gab’s Dienstautos, Korruptionsreisen, zentnerweise Selbstgefälligkeit und Journalistenrabatte. Trotzdem stand man, wenn’s um Vorteilsnahmen ging, mit vollen Backen und erhobenem Zeigefinger außerhalb der Debatte.

Nenn mir mal eine Zeitung, die wirklich sympathisch ist. Gut, darum geht’s nicht, aber ein bisschen doch. Als Leser erträgt man auf Dauer die Wadenbeißer, die hochnäsigen Schnösel, die selbstherrlichen Kampagnenmacher, die an ihren Obsessionen leidenden und immer wieder auf sie zurück kommenden Alarmschreiber, die selbstverliebten Systemchaoten nur noch bedingt. In meiner Zeitung gibt es einige Verfasser, die ich aus Erfahrung prinzipiell nicht lese (es bringt nichts, und so viel Zeit habe ich nicht) und einige, die ich nur lese, wenn ich mich ärgern will. Ich würde aber das Geld nicht ausgeben, wenn nicht mehr eben doch Schlaues, Gebildetes, Cooles, Anregendes, Überraschendes und Aufklärendes in der Zeitung stünde, für die mich nun mal entschieden habe.

Ich erinnere mich eines Zeitungsverlegers oder Medienmanagers, der nach dem Prinzip „Not macht erfinderisch” handelte. Wenn die Zeitung rote Zahlen schreibt, dann müssen sich die Redakteure was einfallen lassen. Dieses Prinzip mag vor dreißig Jahren funktioniert haben, aber vor fünfzehn Jahren funktionierte es eben schon nicht mehr. Ansonsten wusste der Mann noch, dass man mehr über Tiere schreiben müsse. Das interessiere die Leute immer. Mehr muss man zu solchen Leuten nicht sagen.

In der Not werden die Blattmacher konfus. Rufen nach Relaunches, Spiegel-Themen, bundesweiten Debatten. Ein Rezensent wundert sich, dass derzeit so viel Shakespeare gespielt werde und glaubt, einen Trend entdeckt zu haben, nur, weil er keine Ahnung hat, denn Shakespeare auf unseren Bühnen – das ist nicht ohne Grund schon immer so gewesen. Und dann glaubt er, nah dran zu sein, wenn er die Regisseurin Katharina Thalbach so zitiert: „Nach de Pause schmeeß ick euch aber raus”. So, glaubt der Hesse, geht Berliner Dialekt. Wir sind vor Ort, wir wissen bescheid.

Der Dezember hat noch nicht angefangen, da werden schon – im eher einseitigen Bruderbund mit der Wirtschaft – die großen ambitiösen Geschenke-Sonderteile rausgeschleudert. Irgendwelche abgefahrenen Tips, mit denen man vor allem zeigen möchte, dass man zu „einer kleinen, aber feinen Schicht” gehört, lauter Insidern, und welche abseitigen Geschichtchen man sich zu den Empfehlungen aus den Fingern saugen kann. Wenn es irgend geht, sucht man dazu neuerdings Fotos raus, auf denen Waffen abgebildet sind, Revolver, Armbrustpistolen, Säbel, MPis. Selbst noch der Lamy-Füller sollte als Nahkampfwaffe eingesetzt werden können. Anscheinend lebt man in einer Traumwelt, in der Waffen coole Filmutensilien sind und sonst nichts. Oder ist die Stimmung so hilflos-aggressiv, dass man zur Waffe greifen möchte, einen Befreiungsschlag führen?

FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher kämpft weitgehend mit sich selbst, wenn er in den Zeiten der Zeitungskrise nach der Zukunft des guten Journalismus fragt. Erinnere ich mich falsch oder war er es doch, der jede Gelegenheit wahrnahm, um Debatten über die Aussichten der neuen Technologien zu begrüßen, war er es nicht, der die großen Möglichkeiten erwartungsvoll feierte? Nunmehr ist er es, der – nach einem verlustreichen Jahr seiner Zeitung – der Enttäuschung über die Wirklichkeit im Netz Ausdruck verleiht, in welchem nur die skrupellosen Großunternehmer Geld verdienen, während der gute, der Qualitäts-, der FAZ-Journalismus bedroht ist. Wenn man der Meinung ist, dass das, was man selbst liefert, naturgegeben gut ist, dann muss man eben einfach öfter und genauer die eigene Zeitung lesen, um der Wahrheit, die unter anderem mit Hochmut und Unernst zu tun hat, ins Auge zu sehen.

Es gibt, glaube ich, eine unerklärte Sehnsucht nach einem freien, individuellen Schreiben (und Lesen), einem Schreiben, das freier ist, als es in den Großredaktionen mit ihren festgefahrenen Strukturen und Selbstgefälligkeiten möglich ist.

Die „Zeit”-Frage nach den Fehlern der Branche in den vergangenen fünf Jahren beantwortet Schirrmacher so: „Wie kann man von Fehlern reden, wenn eine ganze Branche sich einigt, dass geistige Arbeit keinen materiellen Wert hat?”

Einerseits klingt das resignativ. Andererseits ist es kryptisch.

Unüberhörbar bleibt die Frage: Wie lange kann man mit bedrucktem Papier noch Geld verdienen. Und wie viel wird es sein? Reicht es, um davon existieren zu können?

Kannste vergessen

Tatort Münster lief unter dem Titel „Das Wunder von Wolbeck” und unter dem Motto „Die Deppen aus der Stadt treffen die Deppen vom Land”. Münster ist bekanntlich der lustigste und damit auch der beliebteste Tatort. Wer über Kommissar Thiel und Professor Boerne nicht lachen kann, kriegt auf die Mütze. Thiel ist der Proll, Boerne der Popper, dieses Modell soll’s richten, und richtet es anscheinend auch. In einem Bauernhaus liegt ein Leichnam, die Frau des Toten wirkt leicht verrückt, der Nachbar züchtet Kühe, die Boerne ins Gesicht scheißen, die Frau des Kuhbauern ist Polin und wird von der Schwiegermutter gehasst. Kommissar Thiel ist wieder schlanker geworden, er kann es nur nicht so zeigen, Axel Prahl spielt diese Rolle, warum auch immer, etwas laientheaterhaft, vielleicht ist das auch beliebt. Und der feine Schnösel Boerne, von Jan Josef Liefers dargestellt – eine solche zweifelsfreie Gestalt kann man sich im Leben nicht vorstellen. Am Ende ist der Fall gelöst, die Leiche aber hinter den einfältigen Plänkeleien längst in Vergessenheit geraten, und wahrscheinlich ging es auch nicht um Mord, sondern um einen Unfall. Man hätte sich die Mühe sparen können, jegliche Mühe.

Zuviel Demut ist auch Mist

„Bayern München war saustark. Wir haben viele individuelle Fehler gemacht. Die Bayern waren viel zu stark. Nach dem 0:1 hatten wir eine gute Phase, aber das 0:2 war dann ein Schock. Die Bayern sind eine Klasse für sich.”

Man kann es wohl nichts anders als peinlich nennen, was Mirko Slomka nach der 0:5-Niederlage von Hannover 96 gegen Bayern München sagte und auf kicker.online zusammengestoppelt wurde. Wie könnte man es noch ausdrücken: Wir traten in München mit gestrichen vollen Hosen an. Und am Ende waren die Hosen so voll, dass sie platzten.

Bayern München mag in dieser ordinären Lexik „saustark” sein, aber man hat es doch gerade in Nürnberg und Valencia auch anders gesehen. Slomka ist als Nachfolger des irgendwann ja doch wohl in Rente gehen müssenden Jupp Heynckes im Gespräch, was den alten Jupp irgendwie nicht gerade amüsiert. Aber auf diese kleinlaute, schleimige Weise empfiehlt Slomka sich nicht gerade. Man mag sich auch über die merkwürdige Ansetzungsmethodik des DFB wundern. Hannover musste knapp 48 Stunden nach dem Europaleaguespiel wieder antreten. Bayern München, die Übermannschaft, hatte zwei Tage mehr zur Regeneration. Wie sagt man? Wer den Stempel hat, prägt die Münze. Da sind die Chancen verdammt ungleich verteilt, und zwar mutwillig. Das Trauma der letzten Saison, als der FC Bayern zu diesem Zeitpunkt auch schon mit acht Punkten Vorsprung führte, um dann im Meisterschaftskampf noch unterzugehen, scheint nicht nur bei den Münchnern, sondern auch beim DFB, tief zu sitzen. Bloß nicht Uli Hoeneß verärgern. Bei den Toren der Münchner wirkten die Hannoveraner Abwehrspieler zahm wie Altenpfleger. Konnten sie nicht? Wollten sie nicht? So macht Fußball kein Vergnügen. Ganz davon abgesehen, dass der Fallrückzieher von Javi Martinez keineswegs mit dem von Zlatan Ibrahimovic zu vergleichen war. Aber behaupten kann man’s ja. Vielleicht glaubt es einer.

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Zwei Deutsche im Zug

November 22, 2012 1 Kommentar

Im Zug von Hamburg nach Berlin. Zwei Männer, zweimal Jugend, zwei Krawatten, zwei Handys, zwei Notebooks, zwei Büchsen Jever. Alles gleich. Der eine scheint indische Vorfahren zu haben. Spricht so gut englisch wie deutsch. Der andere hat ein unberatenes deutsches Jungengesicht. Frauen haben sie auch. Sie rufen bei ihnen an bzw. werden angerufen. Sie telefonieren noch mal mit der Firma. Das Leben liegt vor ihnen. Sie werden sich nicht dumm anstellen. Die ganze Fahrt über haben sie das Notebook auf den Knien. Am Fenster ein englisches Paar, Shorts, Basecaps. Sie lesen ein Buch, über das sie beide laut lachen, und wollen nach Mahlow. Wie kommt man da hin? Keiner weiß.

Ich erinnere mich aber auch an eine andere Fahrt, von Berlin-Friedrichstraße  nach Hamburg. Ein junger Manager begleitete seinen alten Vater in den ICE, verstaute den Koffer, legte die Brille, das Buch, die Zeitung, die Wasserflasche des Vaters zurecht. Der Vater drängte ihn auszusteigen. Der coole Typ winkte lässig ab. Wir nähen alles auf Kante, Vater. Der Zug fuhr ab. Er hielt erst wieder in Hamburg. Der Manager und sein Vater sagten kein einziges Wort. Die ganze Fahrt über. Sie trennten sich in Hamburg ohne Abschied.

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Wer kann lachen?

Der Mobilat Fantalk auf Sport1. Da sitzen sie, schlürfen ihr Weißbier und kommentieren das, was der Zuschauer nicht sehen kann, weil es im Bezahlfernsehen läuft. Wer gibt sich für eine solche Perversion her? Es sind, meist rheinländische, Comedygestalten, die sich offiziell Fußballexperten nennen: Peter Neururer, Hansi Küpper und in einer Doppelrolle als prüder Ehrenmann und beleidigte Leberwurst Thomas Herrmann, der irritierend vehement die Meinung vertritt, dass man – in dieser globalisierten Welt – als Deutscher immer auch für einen deutschen Verein jubeln müsse und nicht schadenfroh sein darf, wenn der FC Bayern mit seinem verbissen-verbitterten Präsidenten ein Gegentor frisst. (Uli Hoeneß wird nie wirklich glücklich sein, weil er nicht vergessen kann.) Frank Buschmann forciert als Moderator gern die sogenannte gute Laune, um dann Mühe zu haben, die aus dem Ruder laufenden Fans zu bändigen bis hin zur Androhung des Alkoholverbots. In dieser kultig genannten Peinlichkeit treffen wir – als Kapaziät – auch unseren alten jungen Freund Fuss, der mittlerweile glaubt, ein Schwein pfeift, wenn er dem FC Bayern zutraut, in dieser Saison alles erreichen zu können. Große Diskussion über die Frage, ob Franck Ribery als Schlüsselspieler der Bayern unersetzbar sei. Ob Bälle, die Manuel Neuer durchlässt, grundsätzlich als unhaltbar zu gelten haben oder ob man auch in seinem Fall mal von einem Torwartfehler sprechen darf, ohne vor Gericht gezerrt zu werden. Und immer mal ein fieses Witzchen über den abwesenden Lothar Matthäus. Ganz klar: Es ist Comedy. Aber wer kann lachen?

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