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Archive for Dezember 2013

Die Bitch aus Kiel

Wenn der Tatort „Borowski und der Engel” heißt, dann ist schon mal klar, dass der Engel kein Engel, sondern eine Bitch ist. Das Wort hat gerade Konjunktur. Bitch. Besonders im Popmusikbereich.  Männer dürfen es nicht verwenden. Aber Frauen können sich als Bitch feiern (Britney Spears, Lady Gaga). Für mich ist eine Bitch eine Frau, die eben mit allen Waffen einer Frau kämpft und dabei keine Gnade kennt. So eine Bitch ist die junge Altenpflegerin Sabrina Dobisch (Lavinia Wilson) im Tatort aus Kiel. Warum die wohl Altenpflegerin ist. Aus Güte natürlich, aus Nächstenliebe, aus sozialer Verantwortung. Und auch, weil die Lebenserwartung alter Menschen gering ist, der Tod kann jeden Tag an die Tür klopfen, und jeder dieser alten Menschen hat eine Hinterlassenschaft, manchmal eine erhebliche. Der Engel=die Bitch muss nur auf die Gelegenheit warten, und sie ist geschult darin, die Gelegenheit beim Schopf zu ergreifen. Neben ihrem Kerngeschäft wird die Bitch Zeugin eines Verkehrsunfalls mit tödlichem Ausgang und erkennt sofort ihre Chance. Sie schleicht sich mit ihrer frei erfundenen Zeugenaussage in höchste Kreise ein und vernichtet als Kollateralschaden die Existenz einer Frau. Borowski, also Axel Milberg, braucht eine Weile, um herauszufinden, dass die tricksende Bitch so clever ist, dass er ihr mit sauberer Polizeiarbeit nicht beikommen kann, sondern nur, wenn seine Tricks noch besser sind als die ihren. So siegt in Kiel die Gerechtigkeit durch einen Betrug. Wir sind damit einverstanden.

Erwartung

Das andere Ufer lockt nur mäßig © Christian Brachwitz

Das andere Ufer lockt nur mäßig
© Christian Brachwitz

Noch einmal die Elbe bei Werben. Die Fähre legt am anderen Ufer an. Es ist der Tag, an dem alles anders ist. PKW werden nicht mitgenommen, der Andrang der Leute ist zu groß. Auf der anderen Seite, in Havelberg, lockt der berühmte Heiratsmarkt (wir haben berichtet). Wir sehen die Vielfalt ostdeutscher Freizeitkleidung, eine Schiffermütze, einen Sturzhelm, einen Strohhut, banale Sonnenbrillen, keine einzige modisch ins korrekte Haar gedrückt (man ist hier noch nicht so weit), es wird kleinstädtisch-provinziell-familiär zugehen auf dem Heirats- und Pferdemarkt in Havelberg. Man hält sich umschlungen, man hat die Hände cool in den Hosentaschen versenkt. Das Wasser der Elbe macht alles zum abstrakten Gemälde. Für mich heißt das Bild Erwartung. Erwartung, die bei den einen Abwehr und Distanz bedeutet, bei den anderen (den Kindern!) Vorfreude, Spannung. Die Männer trinken ihr Bier grundsätzlich lieber zu Hause und wollen in Ruhe die Sportschau sehen, können sich aber schlecht verweigern. Kurz und gut, das andere Ufer, die fremde Welt, ein neues Jahr werden – auch wenn wir es mit dem mobilen, unternehmungslustigen Teil der Bevölkerung zu tun haben – nicht unbedingt mit heiteren Gefühlen erwartet. So sind wir nun mal, wir Menschen.

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Im Grabe umdrehen

Tatort im Comedy- und Kleinstadt-Format – wollen wir das? Na gut, ausnahmsweise, weil nicht Sonntag, sondern Donnerstag und 2. Weihnachtsfeiertag ist. Kommissar Lessing, das ist Christian Ulmen, landet aus der Weltstadt Hamburg in der Kulturstadt Weimar, wo die hochschwangeren Kommissarinnen ermitteln, bis die Fruchtblase platzt, zumindest wenn sie Kira Dorn bzw. Nora Tschirner heißen. Es ging um realitätskonforme Stresskonzepte und andere Verstiegenheiten, war von Anfang an lustig, die Schurken hatten kleinstädtisches Format oder kamen von vornherein nicht als Täter infrage, weil sie ständig Nasenbluten hatten wie kleine Kinder. Etwa ab Mitte des Films war die tiefgefrorene Leiche hochpräsent, wurde versteckt, zur Schau gestellt und wieder versteckt, die Mörderin war auch nur ein armes Schwein und Dominik Horwitz sagte den denkwürdigen Satz: Dein Vater würde sich im Grabe umdrehen, wenn er wüsste, was du uns unterstellst! Tschirner (empört): Mein Vater lebt noch! Horwitz: Ich hab ja auch gesagt: würde.

So lustig kann’s aber nicht weitergehen.

Ein Tag im Leben von Niko Fischer

Nicht jeder ist ein Gruppenmensch

Nicht jeder ist ein Gruppenmensch

Genau das und ’ne ganze Menge mehr ist der Film „Oh Boy”: Ein Tag im Leben von Niko Fischer (Tom Schilling). Den haben wir verpasst, als er in die Kinos kam. Das Glück, dass es DVD’s gibt, ist manchmal kaum zu fassen. Auch kaum zu fassen, dass sich Jan Ole Gerster in seinem Debütfilm traut, von einem Jungen zu erzählen, Ende zwanzig, der mit stiller Beharrlichkeit nichts macht und sich dabei nicht panisch fragt: Mein Gott, was ist mit mir los. Vor zwei Jahren hat er das Jura-Studium geschmissen, das sein Vater in seiner Unwissenheit nach wie vor mit 1000 € im Monat finanziert. Nikos größte Lüge: Ich hab Termine …

Und was passiert an diesem gewöhnlichen Tag im Leben von Niko Fischer: Am Morgen macht seine Freundin, Nikos Antriebslosigkeit und Phlegma spürend, mit ihm Schluss. Er tritt, wegen 0,7 Promille am Steuer (nicht zum ersten Mal), zum Idiotentest an und kriegt es mit einem hundsgemeinen amtlichen Psychologen zu tun, schlägt sich großartig, der Führerschein ist trotzdem weg. Er geht ins Café, bekommt keinen Kaffee. Er tritt an den Geldautomaten, der seine Karte einbehält. Sein Nachbar traktiert ihn mit seinen Fleischbällchen und seinen Tränen, Matze, sein Freund, mit seinen Mätzchen. Eine alte Klassenkameradin läuft ihm über den Weg, an die er sich nicht erinnert. Sein Vater bestellt ihn auf den Golfplatz und konfrontiert ihn mit der Tatsache, dass er die ganze Wahrheit weiß. Er verbringt einen Stunde am Film-Set, eine Nazi-Schmonzette wird gedreht. Matze nimmt ihn mit in eine Haschhöhle, Niko probiert den Sessel der ahnungslosen Oma aus. Matze zerlacht in seinem Drogenrausch die Vorstellung eines Off-Theaters. Es gibt Krach mit dem Regisseur, es schließt sich ein Konflikt mit Hooligans an. In einer Bar erzählt ein alter Trinker Niko sein Leben und fällt um. Niko fährt mit in die Notaufnahme. Als er erwacht, ist der Alte tot. Ein Leben spurenlos ausgelöscht. Und den ganzen Tag über ist es Niko nicht gelungen, einen Kaffee zu bekommen. Ein Running Gag der dezenten Sorte. Absurd, was einem nebenbei so widerfahren kann und sich zum Verhängnis aufbaut.

Was kann normaler sein, als ein Jura-Studium zu schmeißen! Was ist nachvollziehbarer, als ein Gespräch mit dem Vater zu meiden, der sowieso keine Ideen und Ratschläge hätte, nur eben das Geld, das er verdient. Was liegt näher als der Verdacht, dass der Apparat mit seinen Geschäftsmodellen einen nicht will! Warum nicht eine Weile durch Berlin ziehen, dieser Stadt, in der man immer jemanden trifft, der ein offenes Ohr braucht. Warum soll ich nicht zugeben, dass ich nicht weiß, was ich mit mir vorhabe.

Tja, scheint so, dass Leute wie Niko Fischer gebraucht werden, es gibt nur niemanden, der sie bezahlt, von Vätern abgesehen, so lange sie ahnungslos sind. Die Deformationen erkennen wir eher an den Leuten, die Niko Fischer begegnen, dem Psychologen vom Amt, den Fahrkartenkontrolleuren, den heimtückischen Hooligans, der hysterischen Hobbyschauspielerin, den naiven Dealern, dem gnadenlos effektiven, golfspielenden Vater.

Wir brauchen keine Sorge zu haben, dass mit einem Niko Fischer das Land in Untätigkeit erstarrt. Es wird immer genug Leute geben, die die Hand heben, wenn die Karriere ruft. Wir leben in Deutschland.

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Doswidanja Dostojewski

Unglaublich. Ich hatte doch etwas über die Dostojewski-Serie auf Arte in den Computer getippt, wo ist das geblieben? Wo ist das hingerutscht?

Zeichnung: H. Thannhaeuser, Transmare Verlag

Zeichnung: H. Thannhaeuser, Transmare Verlag

Die Frage war: Was bleibt von diesen sieben Folgen Dostojewski. Eine russische Produktion. Insofern nicht überraschend, dass sie etwas altbacken wirkte. Die Russen sind entweder konservativ oder ungemein progressiv. In der Mehrheit wohl eher konservativ. Nach einer halben Stunde dachten wir, dass man sich auf diese Serie vielleicht doch nicht einlassen sollte, aber in genau diesem Moment, als wir abrücken wollten, hatte uns der Film eingenommen. Was bleibt von Dostojewski? Ein negativer Held. Ein Mann, der sich immer wieder selbst eine Falle stellt. Der prädestiniert ist dafür, Leute aus seinem Umfeld in sein Unglück hineinzuziehen. Der sich immer wieder auf pubertäre Weise einer Frau unterwirft. Ein Spieler, der um sein Leben spielt, und ein Schriftsteller, der um sein Leben schreiben muss. Ein Spieler eben, der so wenig aufhören kann zu spielen, wie ein Trinker aufhören kann zu trinken. Wie hätte Dostojewski geschrieben, wenn er nicht um sein Leben hätte schreiben müssen, um die nackte Existenz, manchmal wie im Akkord? Wenn er nicht von seinen Ideen und seinen Schimären, von seinen Weltanschauungen und Heilslehren besessen gewesen wäre? Wenn er seine Texte vor Leuten vortrug, war er dann noch ein Autor? Oder nicht vielmehr ein Seher, ein Sektengründer, ein Aufrührer?

Zwei der unerfreulichsten Szenen der Serie zeigen Dostojewskis Begegnungen mit Turgenjew. Ein Satz, den jemand zu ihm gesagt hatte, lässt ihn nicht los: dass er längst nicht so gut schreibe wie Turgenjew. Und der freundliche, gewiss auch hochmütige Turgenjew scheint Dostojewskis natürlicher Feind zu sein. Der Gutsbesitzer, der von den Höllen, durch die Dostojewski gegangen ist, keine Vorstellung haben kann. Ein Mann, dem es nach Dostojewskis Verständnis immer gut gegangen ist. Dostojewski begegnet Turgenjew mit einer unverhohlenen Aggressivität, fast schon mit körperlicher Gewalt, er bedrängt ihn, wo er nur kann. Auch von Turgenjew bleibt nichts Positives haften: ein steifer, arroganter Hagestolz, und das ist, wie wir wissen, ebenso wenig die Wahrheit über Turgenjew, wie wir in dieser Serie die Wahrheit über Dostojewski erfahren. Aber wir erfahren immerhin, wie es ist, ein Spieler zu sein, wie es ist, ein zum Schreiben verurteilter Schriftsteller zu sein und wie es ist, wenn dieser Schriftsteller dann doch die Frau findet, die sein Verhängnis duldend mitträgt, und allein diese Duldsamkeit und Leidensfähigkeit der Anna Dostojewskaja können Dostojewski retten. So sehen die Russen ihren Dostojewski, die konservativen Russen. Doswidanja Dostojewski, auf Wiedersehen.

Die Eiferer

Im Tatort aus München („Allmächtig”) stoßen mediale und religiöse Eiferer aufeinander. Die Leiche liegt anschließend im Hochwald. Wie realistisch auch immer: Es überrascht schon die schnöselige Arroganz der Medientypen, die sich dummstolz Entertainer nennen und die Welt- und Zeitabgewandtheit der Kirchenleute. Man fragt sich auch, ob es mehr die Medien- oder mehr die Spaßgesellschaft ist, an der wir uns offensichtlich laben und unter der wir leiden bis hin zum Untergang der einen oder anderen Existenz. Denn so ist es wohl: Was den einen die Tasche füllt und den Voyeurismus der anderen befriedigt, zerstört die Lebensgrundlagen der dritten. Also muss man wohl die Vermischung von Medien- und Spaßgesellschaft als verhängnisvoll empfinden. Wenn man die Schnösel agieren sieht in ihrer TV-Produktionsfirma, dann kann man schon das Kotzen kriegen. Wer ein Geschäftsmodell gefunden hat, will nach den Opfern nicht mehr fragen. Und im Netz beginnt nach Ausstrahlung der „soziale Abwärtsvergleich”, wenn man im TV wieder mal einen Messi vorgeführt hat.

Das Kreuz mit dem Kreuz und der Spaßgesellschaft

Das Kreuz mit dem Kreuz und der Spaßgesellschaft

Dazwischen die bewährten Kommissare Leitmayr (Udo Wachveitl) und Batic (Miroslav Nemec), beide mit korrektem weißen Haar, zu keinerlei modischen Verstiegenheiten neigend, höchstens mal zu einem undramatischen, müden Geplänkel, mal sagt es der Franz, mal sagt er der Ivo: Und das hast du jetzt ganz allein herausgefunden? Der Batic hat mittlerweile schon so ein empfindsames Gesicht, dass man ihm jedes kommende Verhängnis ansieht. Auch die freundliche Arroganz der beiden Profis gegenüber Neulingen und Berufsanfängern können wir teilen.

Wie immer der Himmel über Deutschland (hier mal gelb-schwarz), die Lichter der Metropole, Berge, Chausseen, federleichte Ironie. Gerechtigkeit gegenüber allen Berufsgruppen. Die Pfarrer sagen, was sie immer sagten (Wenn man mit dem Schmerz und der Not allein ist, das zerstört die Seele), und die Geschäftsführerin der Produktionsfirma weiß anzuklagen: Sie kennen sowas nicht, Sie haben Ihre festen Gehälter.

Man war träge genug, anschließend noch an einem Wallander hängenzubleiben („Vermisst”).  Da wird das kriminalistische Genre kompletter bedient, ohne dass sie dabei allzu konservativ vorgehen. Na ja, sie haben den Autor, der einfach die besseren Geschichten schreibt.

Aber wir kommen gerade aus dem Theater

Volksbühne am Luxemburgplatz. Aber am Tage. Aber im Sommer.

Volksbühne am Luxemburgplatz. Aber am Tage. Aber im Sommer.

Die Volksbühne leuchtet in die Berliner Dunkelheit aus tausend Glasscheiben. Da möchte man gern dazugehören, und wir gehören auch dazu mit den Tickets für „Glanz und Elend der Kurtisanen” von René Pollesch nach Honoré de Balzac. Oh ja, die berühmten Romandramatisierungen! Das fing schon in den fünfziger Jahren an mit der „Amerikanischen Tragödie” nach Theodore Dreiser, dann kam „Schau heimwärts Engel” nach Thomas Wolfe, und es wurde immer schlimmer, wie der FAZ-Stadelmaier sagen würde, denn auf die Bühne gehören Stücke und keine Romane. Wir sitzen im oberen Foyer, wo sie um uns herum Weißwein trinken, und stellen fest, dass wir lange nicht mehr im Theater waren. Es ist zuletzt immer zu lang, zu teuer und zu unzeitgemäß gewesen, aber in der Volksbühne kosten die Karten auch kaum mehr als im Kino, und das Publikum beeindruckt mit einem niedrigen Altersdurchschnitt; die Jungs machen doch normalerweise ganz was anderes, als Theater aufzusuchen; und auch dieser oder jener pensionierte Dampfplauderer – kann der denn so lange stille sitzen oder wird  er – besonderer Aufführungsgag – als Enthüllungsjournalist in die Handlung eingreifen?

Apropos Handlung: äußerst verschlungen. Ich („Bravo, Möller. Gut vorbereitet.”) erzähle Andrea, welche Verwicklungen auf uns zukommen werden. Lucien de Rubempré ist liiert mit der Kurtisane Esther, was dem Großschurken Vautrin gut in seine Pläne passt. Unter der Maske des Abbé Carlos Herrera verkauft Vautrin die Kurtisane an den liebeskranken greisen Bankier Nucingen für 1 Million Francs. Die schöne Esther, genannt Zitterrochen, nimmt sich das Leben, Lucien, unter Mordverdacht verhaftet, nimmt sich ebenfalls das Leben. Vautrin steigt auf in den Polizeiapparat. Wir haben es mit einer umfassenden soziologischen Studie der Pariser Unterwelt zu tun. Umso überraschender die wichtigste Nachricht vorab: Die Inszenierung wird nicht fünf Stunden dauern, sondern eine Stunde und 36 Minuten. Das Programmheft enthält acht bedruckte und 32 leere Seiten. Ein Bleistift wird mitgeliefert. Der Zuschauer darf seine eigenen Gedanken eintragen. Und los geht’s. Mein Bleistift ist stumpf. Ich protestiere und kriege Ersatz. Die Typen sind übrigens alle sehr freundlich und kommunikativ in Castorfs angeblich verrotteter Volksbühne, die deutliche Konturen des Theaters der Zukunft zeigt, auch es wenn vielen nicht passt, dass dieser „Ossi” und Sohn eines Eisenwarenhändlers sich das riesige Theater, diesen Panzerkreuzer, gekapert hat und seit über 20 Jahren mit seinen Ideen und Kartoffelsalaten beherrscht.

Die Bühne ist ein gewaltiger Lamettahorizont, der Fußboden verspiegelt. Verspiegelungen, was könnten Schauspielern besser gefallen als Verspiegelungen , sich immer beobachten zu können. Fünf Schauspieler laufen auf und tanzen. Jeder von ihnen könnte einer Figur aus Balzacs Roman entsprechen. Birgit Minichmayr ist Esther, Martin Wuttke ist Vautrin. Könnte sein. Aber was reden sie denn da? Wird das Komplott geschmiedet, die Intrige eingefädelt? Sie ergehen sich in einem Diskurs über schauspielerische Befindlichkeiten in unserer Zeit. Das Ich und das Selbst. Das Innere und das Äußere. Authentizität und Identität. Was hat die Rolle mit einem gemacht. Was hat man mit der Rolle gemacht. Das ist es. Und dabei bleibt es. Und das ist echt komisch. Das sind Tonfälle, Mienen, Grimassen, Gesten, Haltungen, Verbiegungen, wie man sie kennt von draußen, von der Straße, von der Party, von der Talkshow. Uns scheint das große Kunst zu sein. Stellenweise Theater wie zu seinen besten Zeiten. Nichts da von Glanz und Elend der Kurtisanen Wie gut, dass ich dir vorher die Handlung erläutert habe, sage ich. Ja, das ist grotesk. Nach Balzac. Da lachen die Hühner. Die Schauspieler fassen sich an den Händen und laufen selbstverliebte Kreise. Die letzte in der Reihe wirbelt den Lamettahorizont auf. Sieht schön aus. Fass mich an den Arsch, sagt Wuttke, damit ich weiß, dass er da ist. Ein Fesselballon schwebt herab. Vom Namen Balzac ist ein ZAC übrig geblieben. Das ist die größte Nähe zur Romanvorlage. Wuttke, im Priesterkostüm, tanzt mit dem Ballon, der Ballon tanzt mit ihm. Noch mal große Kunst, warum auch immer man das so nennen kann. Wuttke schwingt sich in die Gondel, verschwindet mit dem aufsteigenden Ballon, kehrt zurück mit dem sich absenkenden Ballon im Kostüm des Schokoladenmädchens. Das alles ist wahrscheinlich ohne Sinn und Verstand. Es gibt großen Beifall und ein paar Buhrufer, die sich die Sache im ausverkauften Haus schnell anders überlegen. Die Dame neben uns verweigert mit erstarrten Händen jegliche Anerkennung. Auch amüsant. Die zahlreich anwesenden Schauspielstudenten sind begeistert: das ist ja genau das, was man irgendwie mal erreichen will, dieses luftig Sinnfreie, Leichte, diese Spielastik.

Dazu passt, dass wir am Bahnhof Alexanderplatz tänzerisch versuchen, eine rotweiße Absperrung zu unterqueren. Eine Polizistin, die sich in ihrem dicken Kostüm kaum bewegen kann, treibt uns zurück. Wir wollen nur zur S-Bahn. „Die S-Bahn fährt nicht. Der Bahnhof ist gesperrt.” Warum denn? „Ein herrenloser Koffer steht auf dem Bahnsteig.” Ach, so ein grauer? Mit Metallecken? Den habe ich vorhin da stehen lassen. „Seien Sie vorsichtig”, sagt die Polizistin. Da haben Sie recht, sagen wir. Aber wir kommen gerade aus dem Theater.

Kategorien:Berlin