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Archive for Dezember 2015

Friedhöfe an der Grenze

Kräne, wollt ihr ewig schuften

Kräne, wollt ihr ewig schuften

Wir trafen uns in der Linienstraße, überquerten die Torstraße in westlicher Richtung und befanden uns in einem Gebiet, Wöhlertstraße undsoweiter, das wir nie betreten hatten, Grenzgebiet früher. Da waren auch die Friedhöfe, die wir suchten, Domfriedhof I, Friedhof der Französisch-Reformatorischen Kirche, Alter Domfriedhof der St-Hedwig-Gemeinde, wir konnten sie nicht auseinanderhalten, ich schon mal gar nicht.

Der Tod verliert seinen Schrecken

Der Tod verliert seinen Schrecken

Es waren kleine Friedhöfe mit freien Flächen, sie suchen Tote, hörten wir, sie haben nicht genug Tote. Ob das wohl damit zusammenhing, dass es zum Teil katholische Friedhöfe waren, im protestantischen Berlin, ob es wohl damit zusammenhing, dass der Grenzstreifen nach dem 13. August 61 mitten durch die Friedhöfe ging und etliche Gräber aufgelöst wurden, ob es wohl damit zusammenhing, dass die Grabstätten nach der Vereinigung von Buntmetalldieben und anderen Schurken geplündert wurden – ja, sicher.

Neues Wohnen am alten Friedhof

Neues Wohnen am alten Friedhof

Die Friedhöfe waren von Mauern umgeben. Jenseits der Mauern war früher nichts, plötzlich stehen da kühle Wohnblöcke, aus denen willkürlich und demonstrativ Balkons herausragen. Merkwürdige Winkel, keine Symmetrien. Muss man sich erst dran gewöhnen. Oder auch nicht.

Von Mauern umgeben

Von Mauern umgeben

Der Tod verliert seinen traditionellen Schrecken, wenn man über Friedhöfe geht. Am totesten sind noch die früh verstorbenen Söhne, deren Mütter wöchentlich Zeichen ihrer Liebe hinterlassen. Am totesten ist der Engel mit dem zerbrochenen Flügel, mit der zerstörten Stirn, mit den Einschusslöchern im Leib. Wir hören, dass die Russen die Friedhöfe als strategische Punkte nutzten, um die Reichshauptstadt zu erobern, ja, auch zu befreien.

Theodor und Emilie

Theodor und Emilie

Wir stehen an Fontanes Grab und dem seiner Frau. Emilie. Es ist nicht authentisch. Wurde von Geschossen getroffen, die Knochen zusammengesammelt, welche auch immer, später neu angelegt. Aber wir sehen: Fontane ist nicht tot. Und schon gar nicht vergessen. Wir haben ihn gestern gelesen und werden ihn morgen noch mehr lesen.

Wo Fontane ist, ist auch das echte Berlin, ist Brandenburg. Wenn wir Identitätsprobleme haben sollten, können wir uns bei ihm orientieren.

Wer spricht noch von siegen

Wer spricht noch von siegen

Neben Fontane der Zeichner Arno Mohr, neben Mohr der Dramatiker, Dichter und Snob Peter Hacks. Und ihre Frauen. Ja, Hacks. Auch zu früh gestorben. Ihm hat die Geschichte, wie sie letztlich verlief, nicht gefallen, vielleicht sogar gegrämt. Umso spöttischer wurden seine Gedichte.

Strand von Berlin

Strand von Berlin

Wir sehen (oder könnten sehen) die Gräber mehrerer Erfinder von Kurzschriften, das Grab des Hotelgründers Adlon, des Brauereigründers Patzenhofer, der Zirkusreiterin Renz, der königlichen Mätresse Enke geadelte Lichtenau. Wir sehen, dass wir als Förderer ausgewählter Grabmale deren Instandsetzung finanzieren und uns später dort auch begraben lassen könnten. So weit wollen wir noch nicht gehen. Wir haben ein Geburtstagskind unter uns, das sich angesichts der friedhöflichen Ruhe in gehobener Stimmung befindet.

Wir verlassen die Schädelstätten in der Liesenstraße. Man kann hier ständig mit einem Bein im Westen und dem andern im Osten stehen. Die Westler, hören wir, fuhren mit der S-Bahn unter uns Ostlern hindurch. Im trüben Licht der Geisterbahnhöfe sahen sie die Grenzer wie Gespenster.

Liesenbrücke stillgelegt

Liesenbrücke stillgelegt

Die Gegend lebt. Die Kräne bauen weiter wie zum Selbstzweck ihre modernen Blocks. Das Kletterparadies Mount Mitte hält einen kurzen Winterschlaf, Beach Mitte, Europas größte innerstädtische Beachvolleyballanlage ebenso.

Der Busfahrer sitzt im leeren Bus und lädt uns ein, ein Stück mitzukommen, ausdrücklich, um etwas für den guten Ruf der Berliner Busfahrer zu tun, den es ja nicht gibt. Wir landen im Quadmous, dem Libanesen in der Straße am Friedrichshain, und sind begeistert wie jedesmal, wenn wir an dieser exotischen Küche teilhaben dürfen.

Vorlesen

Wenn Hexen philosophisch werden © Christian Brachwitz

Wenn Hexen philosophisch werden
© Christian Brachwitz

Das ist die kleine Hexe vom Theater an der Parkaue in Berlin, einem Kinder- und Jugendtheater, das früher Theater der Freundschaft hieß. Das Stück geht zurück auf das Kinderbuch von Otfried Preußler, „das haben wir ja wohl alle vorgelesen”, sagt Brachwitz. Ich nicht. Ich habe das nicht vorgelesen. Ich saß abends am Kinderbett und las einige Bücher von Astrid Lindgren vor und Nils Holgerssons wunderbare Reise mit den Wildgänsen von Selma Lagerlöf; das war ein ganz schöner Brocken. Außerdem gab es ein Buch, an dessen Titel ich mich nicht mehr erinnere, in dem fünf Geschichten enthalten waren. In einer davon ist richtiger Winter mit Schnee und Eis, ein Fuchs verfolgt einige unschuldige Tiere, sie locken ihn auf den gefrorenen See, wo er in voller Fahrt zu Fall kommt, „auf der Fresse”, jubelte Emi, und in der Tat verformte sich der Kopf des Fuchses vom Aufprall beträchtlich, ich musste die Geschichte immer wieder vorlesen, und jedesmal wurde „auf der Fresse” gejubelt.

Die kleine Hexe vom Theater an der Parkaue scheint auch schon einiges mitgemacht zu haben, sie sieht nachdenklich aus und scheint über den Sinn des Hexens oder der Hexerei nachzudenken. Und wenn man das tut, wenn man beginnt, über das Hexen nachzudenken, dann geht einem die Fähigkeit dazu verloren. Hexerei ist letzten Endes keine Hexerei.

Der Pole nach Krause

Steige hoch, du roter Adler …

Steige hoch, du roter Adler …

Der RBB (d. i. der Rundfunk Berlin-Brandenburg) ist dafür bekannt, dass er sich viel vornimmt. Jetzt hat er ein binationales Polizistenteam für seinen Polizeiruf 110 etabliert, und da es, wenn man hohe Ansprüche hat, noch nicht reicht, wenn Deutsche und Polen in ihren Sprachen aneinander vorbeireden, werden zusätzlich noch Tschetschenen herbeigeholt, die aber entweder deutsch sprechen oder schweigen. Das ist schon mal eine Erleichterung für den Zuschauer, der es schon schwer genug hat, auch wenn er sprachbegabt oder sprachinteressiert ist. Kommissarin Lenski fährt durchs schöne Brandenburger Land und denkt an nichts Böses, als ein Polizeiauto einen Privat-PKW ausbremst, der Fahrer flieht, der Mitfahrer ist am Verbluten. Kommissarin Lenski rettet ihn mehr oder minder, verhält sich dabei aber nicht hundertprozentig korrekt (wie rettet man hundertprozentig korrekt und nach Dienstvorschrift einen Menschen?) und muss deshalb für ihren strengen polnischen Chef einen Bericht schreiben. Das zieht sich durch, durch diesen Fall, wie auch der Hund im Kommissariat, der nicht sprachbegabt ist, sondern nur polnisch versteht. Solche Gags, öfter mal. Der Fall läuft letztlich auf ein großes Familiendrama hinaus, man möchte an die griechische Tragödie denken. Man hat sich etwas vorgenommen, dem man dann nicht gewachsen war. Wem passiert das nicht. Hauptwachtmeister Krause hat uffjehört, das war ein Alleinstellungsmerkmal, der dicke Mann mit seinem Seitenwagengespann und seinem Hund. Die verträumte Olga Lenski, das ist Maria Simon, ist noch dabei mit ihren klassischen kurzen Beinen, ab und zu telefoniert sie am Handy mit ihrem Kind, vom Kindesvater lebt sie getrennt. Für Krause ist nun ein junger polnischer Kommissar dabei, ziemlich cool, stolz, wie alle Polen so sind, natürlich nicht so kauzig wie der alte Krause. Wir werden damit leben können. Sind ja nicht verpflichtet einzuschalten.

Im sakralen Raum

Seid der Bedeutung bewusst © Christian Brachwitz

Seid der Bedeutung bewusst
© Christian Brachwitz

So ’ne kleine Stadt und schon so alt. Tausendjahrfeier in Werben an der Elbe. Da sitzen sie dicht gedrängt in der Kirche (wo sie sonst nicht sitzen, sagt Brachwitz, sondern in der Laube, beim Angeln am Fluss und vor dem Bier in der Kneipe), und schauen so bedeutungsvoll in den sakralen Raum, als hätten sie sämtliche tausend Jahre miterlebt. Man weiß sich zu verhalten in Werben, man denkt nicht an die Zukunft. Man huldigt der Vergangenheit, die allerdings eine Frage offenlässt: Warum sind wir so klein geblieben als eine früh gegründete Stadt an einem bedeutenden Fluss! Warum sind wir nicht Dresden geworden und Dresden Werben? Aber, sagt der Fatalist, wer weiß, wozu es gut war, und wer weiß, wozu es weiterhin gut sein wird. Der Mensch in der Kleinstadt kann das Leben viel besser verstehen als der in der Masse immer vom Verschwinden bedrohte Großstädter. Sollen andere ihre Stadt loben, ich lobe die meine.

Ein letztes Netto-Wort

Nur noch Schutt und tiefe Furchen …

Nur noch Schutt und tiefe Furchen …

Monate hat’s gedauert, aber nun liegt unsere Kaufhalle/unser Supermarkt danieder. Viel mehr als ein Haufen Betonbrocken ist nicht von ihr oder ihm übriggeblieben. Im Licht der Dezembersonne sieht das fast versöhnlich aus. Ein roter Bagger bereitet den Baugrund für ein neues Abenteuer oder Geschäftsmodell vor. Hätten, fällt uns ein, in dem aufgegebenen, aber intakten Gebäude nicht Flüchtlinge unterkommen können, vorübergehend? Nein, dafür stellen wir lieber unsere nicht aufgegebenen Turnhallen zur Verfügung, denn unsere Kinder sind noch nicht übergewichtig genug. Wozu da Sport, wozu Bewegung.

Eine letzte Erinnerung an die braven Kunden füge ich an:

Bei Netto machte ein Rentnerehepaar aus dem Einkauf eine Haupt- und Staatsaktion. Die Frau moderierte, der Mann schwieg und schob den Einkaufswagen. Die Dame war überaus kritisch. Nichts genügte ihren Ansprüchen. Schon gar nicht die Kartoffeln, die sie lange prüfte. Die Bananen waren ihr zu grün. Wollen wir anderes Obst mitnehmen, Günter, eine Melone? Günter drückte sich um Antworten. Wo ist unser Wagen, Günter? Hier drückte sich Günter nicht nur, hier wusste er nicht mehr. Das ist ja auch schwer, wenn man den Wagen nicht durch irgendwelche Waren markiert hat, aber es lag buchstäblich nichts darinnen, weil die eben zu anspruchsvoll war, und Günter nicht dagegen ankam. Keine Chance.

 

Probleme im Rechtsstaat

Die Katze ist natürlich zwölf Jahre alt bzw. zwölf Jahre älter als die Holzpuppe

Die Katze ist natürlich zwölf Jahre alt bzw. zwölf Jahre älter als die Holzpuppe

Antonia Baum bespricht in der FAS den NSU-Prozess mit der schweigenden, lächelnden und leidenden Beate Zschäpe, als wäre er eine Story, „mit der wir nichts zu tun haben: Beate Zschäpe hatte 248 Verhandlungstage lang nichts gesagt, und nun sollte sie sich am vergangenen Mittwoch das erste Mal zum NSU und dem Vorwurf der Mittäterschaft äußern. Man wusste, dass sie nicht sprechen würde, sondern ihr etwa zwölf Jahre alter Verteidiger Mathias Grasel ihre Erklärung verlesen würde.”

Kann mir mal bitte jemand helfen? Will Frau Baum sagen, dass wir in Deutschland Kinderarbeit haben, ohne uns darüber noch zu erregen? Kann nicht sein. Der Anwalt Grasel ist offensichtlich erwachsen, hat studiert und alles, ist sicherlich Volljurist, wie das so schön heißt, während Antonia Baum nicht nur Volljournalistin, sondern auch noch Schriftstellerin mit ganzen Romanen ist. Hat sie sich bei ihrer Idee, den Prozess nach Storygesetzen zu schildern, verrannt und wollte einfach nur sagen, dass Herr Grasel zwölf Jahre älter ist als Frau Zschäpe? Nein, kann auch nicht sein, eher wird umgekehrt ein Schuh draus, denn Frau Zschäpe ist zehn Jahre älter als dieser Pflichtverteidiger ihrer Wahl. Ich komme und komm nicht dahinter, welcher Sinn hinter dieser Behauptung steckt. Antonia Baum, lese ich bei faz.net, „interessiert sich für die Mafia, Feminismus, Rap-Musik und globale Zusammenhänge”. Könnte das eine Erklärung sein? Hängt es irgendwie mit dem Feminismus zusammen? Oder mit globalen Zusammenhängen? Aber wie?

Es ist schon so. Dieser Prozess macht uns irgendwie alle verrückt. Neulich sagte Verheugen, er müsse noch mal zum Friseur, er habe da seinen Baseballschläger vergessen. Ich sage, geh da bloß nicht hin, vielleicht haben sie das schon der Polizei gemeldet und dann findest du dich ganz schnell neben Frau Zschäpe auf der Anklagebank wieder. Weihnachten mit Beate Zschäpe und Christstollen vom Dresdner Striezelmarkt. Beate Zschäpe backt für uns an Weihnachten.

Also ich weiß nicht. Wie schwer macht es sich doch der Rechtsstaat, er sieht sogar der Gefahr ins Auge, sich lächerlich zu machen und uns alle, die Medien und ihre Rezipienten, gleich mit.

Dürfen wir hoffen?

Ja, wir dürfen hoffen. Warum auch nicht © Christian Brachwitz

Ja, wir dürfen hoffen. Warum auch nicht
© Christian Brachwitz

Das ist ein Foto von den Arbeiterfestspielen in Neubrandenburg, irgendwann in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Ich gehe nicht fehl in der Annahme, dass ich da selbst dabei war als Reporter. Wir waren alle mehr oder minder volkstanzgeschädigt. Lehrer, Ausbilder und Erzieher wussten in der Freizeit mit uns nichts anderes anzufangen als Volkstanz und Laienspiel. Wir wurden mit Volkstänzen und fietirallalala und trullatrullatrullala gepeinigt, und wenn du als Junge aus lauter Gutmütigkeit in einer Volkstanzgruppe gelandet warst, dann konntest du dich auch gleich begraben. Von daher gesehen waren die Arbeiterfestspiele viel besser, als man erwarten durfte. Es roch durchdringend nach Rostbratwurst, und das Bier floss in Strömen. Die Girls in den Tanzgruppen hatten sich von den altmodischen Liedern und Tänzern emanzipiert und tanzten Bossa Nova, Twist und Letkiss. Sie durften sich kostümieren, verkleiden und schminken nach Herzenslust. Durften auch hoffen, dass ein Regisseur vorüberging und sie entdeckte. Mehr und mehr gab es auf diesen Arbeiterfestspielen auch echte, authentische Folklore. So lernten wir den Maultrommelbauer und Folkmusiker Friedrich Schlütter aus Suhl kennen, der einen zähen Kampf gegen die verkitschte Volksmusik kämpfte und ab und zu auch mal einen bescheidenen Sieg errang. Und nicht anders erging es uns allen.