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Posts Tagged ‘Hundehalter’

Sauberste Stadt

Es wird jetzt hier sehr sauber werden demnächst …
© Kopka

Ich muss in die Stadt. Und wenn ich in die Stadt muss, dann will ich auch in die Stadt. So denken, fühlen und handeln Fatalisten. Von der neuen Fußgängerbrücke am S-Bahnhof herab sehe ich eine Schar von BSR-Mitarbeitern (oder Straßenbauern?), eine geballte Ladung Sauberkeit. Das wäre doch ein Slogan der Post-Wowereit-Ära: Berlin muss sauberste Stadt werden! Um jeden Preis. Mit aller Macht. Mit der Hundescheiße ist es ja schon viel besser geworden. Die Hundehalter haben ihre Tütchen dabei und sammeln alles auf, und auch die Hunde reißen sich zusammen, bis sie endlich in der freien Natur sind. Man kann einem Hund ja so unendlich viel beibringen. Wenn man kann. Bis der Hund schließlich fast ein Mensch ist. Aber macht das Sinn? Und auch die Sache mit der saubersten Stadt: Die Helden von der BSR säubern ja nicht nur die Stadt, sie erfüllen sie ja auch mit infernalischem Lärm mit ihrer Technik, die aus Horrorfilmen entliehen sein könnte. Was sie allein mit ihren verdammten Trennscheiben anrichten. Sagenhaft. Wir möchten lieber allein sauber machen. Wir können es nämlich auch leise, wir einfachen Berliner!

Das Recht des Hundes am eigenen Bild

Light in January Fotos © FJK,ADe

Light in January
Fotos © FJK, ADe

Es war wie ein Osterspaziergang im Januar. Je nachdem, wohin die winteraktive Sonne kam und wohin nicht, Eiskruste, verharschter Schnee oder Pfützen. Der alte Winter in seiner Schwäche zog sich in rauhe Berge zurück. Von dorther sendet er fliehend nur ohnmächtige Schauer körnigen Eises, doch die Sonne duldet nichts Weißes. Soviel weiß ich noch aus dem Kopf von Goethe, Faust und dem Ostspaziergang. Unsere gerade von einer nicht allzu animierenden Reise zurückgekehrte Freundin sagte „die Eltern meiner Tochter” und stutzte, weil diese Formulierung sie ja zu mindestens 50 Prozent einschloss, ohne dass sie sich selbst gemeint hatte. In der Fremde hat sie die Ästhetik halber Sätze entdeckt.

… auch Pferde

… auch Pferde

Eine Schautafel mit Verlautbarungen über das Schicksal und die Perspektiven der Zauneidechsen in der Karlshorster Heide. Auf einer verharschten Wiese eine dicke Frau mit einem dicken Pferd, daneben eine dritte sitzende, weitgehend unbeteiligte Person. Die dicke Frau hat eine schlanke Reitgerte in der Hand, eher zum Streicheln als zum Schlagen geeignet. Ein Stück weiter ist ein verschwundener Teich wieder an die Oberfläche gedrückt worden, eine Eisfläche ist entstanden. Da spielen Kinder, Erwachsene und ein riesiger brauner Hund. Sieht alles ein bisschen nach Pieter Breughel aus. Der Hund hat strenge Hundehalter, die ihr Tier vor Übergewicht bewahren wollen. Sie halten ihn knapp mit der Nahrung, er nagt vor Hunger an einem abgebrochenen Ast. Plötzlich springt er an mir hoch, legt die Pfoten auf meine Schultern, schnappt nach der Kamera. Wird von seinen strengen Hundehaltern zurückgerufen und pariert sofort. Ich bin froh, dass ich unter dem Aufprall nicht umgefallen bin, und stolz, dass ich keinen Schreckensschrei ausgestoßen habe. Allerdings entschuldigen sich die Hundehalter nicht bei mir. Wenn ich mich nicht täusche, murmeln sie etwas vom Recht des Hundes am eigenen Bild. Da hört sich doch wohl alles auf.

Breughel hätte noch einges Gewimmel hinzugemalt

Breughel hätte noch einiges Gewimmel hinzugemalt

Wir umgehen die beeindruckende Immobilie der Wasserwirtschaft und landen auf einem Deich zwischen Trabrennbahn und neuerbauter Einfamilienhaussiedlung. Ein Deich mitten in der Stadt! Die Siedlung war einst vor dem Regierungsumzug von Bonn nach Berlin für die Bundestags- und Regierungsmitarbeiter geplant. Aber die waren leicht zu erschrecken. Als sie hörten, dass in der Nähe mal die Russen hausten, schreckten sie sofort zurück. Nun ist die Siedlung zwar trotzdem gebaut, aber ziemlich kleinzügig geraten, wenig Platz zwischen den Mauern, wenig Busch und Baum. An Infrastruktur ist nur ein Kindergarten zu erblicken. Es gibt die Bauhaus-inspirierte Klar- und Schlichtheit, es gibt aber auch die unermüdlichen Kultur-am-Heim-Aktivisten, die nicht ruhen, bis  überall ein Türmchen, ein Wendeltreppchen und ein Zierleistchen angebracht ist.

Die Schatten werden länger

Die Schatten werden länger

Am Tag danach sind die Pfützen überfroren, Ostern ist vertrieben und der Winter zwischen Stärke und Schwäche zurückgekehrt. Jedenfalls müssen wir zu Ostern keinen Osterspaziergang mehr machen, den haben wir abgehakt.

Hunde aus der Nachbarschaft

Lauter Nachbarn

Lauter Nachbarn

Am Fenster. Jetzt unterhalten die sich wieder über ihre Hunde. Der eine Hund schnuppert am Hintern des anderen. Dann entdeckt er die Katze und läuft auf sie zu. Die Frauen lächeln verzückt.

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Zwei kleine Mädchen gehen mit ihrem winzigen Hund am Nachbar-Grundstück vorbei, der Hund des Hauses beginnt zu kläffen, der Winzling kläfft zurück. Komm her, Rambo, rufen die Mädchen, komm her. Wie heißt der Hund, frage ich. Rambo, sagen die Mädchen mit früher Selbstironie. Das kann nicht wahr sein, sage ich. Dieser kleine Hund?

Der kleine Hund scheint im Bell-Duell mit dem Nachbar-Hund die Oberhand zu behalten. Er trägt seinen Namen nicht zu Unrecht, sagt das eine der Mädchen mit leisem Nachdruck.

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Na, führt Ihr Hund Sie wieder aus? Jawoll. Was soll er auch machen, wenn Sie mal müssen.

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Vor dem Park. Das große Treffen der Hundehalter. Acht oder neun Personen. Jede möchte den anderen zeigen, wie gut er seine Bestie erzogen hat.

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Am Fenster. Gerade seh ich eine ziemliche naturbelassene Frau mit fünf Hunden aus dem Wäldchen kommen. Vier sehr schlanke, wahrscheinlich Windhunde, an Leinen geführt und alle mit einem wärmenden Überwurf versehen. Leinenlos trottet ein kleiner, dicker Hund in großem Abstand hinterher. Niemand kümmert sich um ihn. Und eine Decke hat ihm auch niemand übergeworfen. Warum nicht? Wärmt den Außenseiter das Fett?

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Ich bin beim Häckseln und fahre plötzlich zusammen. Ein mörderischer Krach hinter mir. Der kleine Hund von nebenan tritt als Bestie auf. Ich rufe ihn zur Ordnung und jage ihn weg. Aber kaum bleibe ich stehen, bleibt er auch stehen und glotzt mich böse an. Wenn ich weggehe, läuft er aggressiv hinter mir her. Wenn ich auf ihn zugehe, läuft er wieder weg. Er ist gleichzeitig feige und aggressiv. Ein total falsch erzogener Hund. Irgendwann taucht zwergenhaft der alte Nachbar auf, der auch Mühe hat, irgendwas bei dem Mistvieh zu erreichen. An eine Entschuldigung denkt er natürlich auch nicht.

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Vor meinen Fenstern gab es hier eine äußerst sportive Frau. Sie hatte auch einen sportiven Mann, sie kamen zusammen aus dem Wäldchen, offenbar waren sie lange gejoggt, und nun machten sie im Gehen noch einige sehr spezielle Dehnübungen; dabei lachten sie und waren glücklich. Man sah deutlich, dass die Frau der treibende Keil war; sie war noch fröhlicher als der Mann und ihre Bewegungen waren noch dynamischer.

Jetzt ist der Mann weg, spurlos verschwunden. Die Frau geht jetzt mit einem Hund; den Sport lässt sie weg, das Gesicht ist grau und missmutig, die Haltung gebeugt. Ein Hund kann viel, aber nicht alles.

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Vornehmer Hund

Herr und Hund in Budapest 1986 © Christian Brachwitz

Herr und Hund in Budapest 1986
© Christian Brachwitz

Dieser Hund lebt in Budapest, und da das Foto von 1986 ist, können wir annehmen, dass er von der Politik des Ministerpräsidenten Viktor Orbán nichts mehr hat; er war ein vornehmer Hund und wird auf einem Hundefriedhof liegen oder was geschieht mit den Hunden, wenn sie sterben? Wenn man es am wenigsten erwartet, taucht plötzlich eine Bildungslücke auf. (Es ist wohl ein Kapitel, über das nicht gern gesprochen wird.) Ein Hund kann das Leben eines Menschen schon enorm verändern. Zum Beispiel den Geruch seiner Wohnung. Ich sehe vom Fenster meines Hauses aus, dass sich viele Menschen durch ihre Hunde näherkommen. Ich sah aber auch, wie eine Hundebesitzerin auf den Hund einer anderen Hundebesitzerin einprügelte, weil der zu aufdringlich gewesen war. So etwas hätte dieser vornehme Hund aus Budapest sicher nie getan. Der erträgt es auch, wenn sein Herrchen mit anderen Dingen beschäftigt ist als mit ihm selbst. Ich bewundere die demütigen Gesten der Hundehalter, wenn sie die Häufchen oder auch Haufen ihrer Lieben in einer Plastiktüte verwahren, damit wir unschuldigen Bürger da nicht hineintreten. Neulich hat eine Hundehalterin sich bei mir sogar Plastiktüten erbeten, weil sie ihre zu Hause vergessen hatte. Ich sage, wer zu sowas bereit ist, liebt seinen Hund wirklich. Ich möchte aber nicht so weit gehen und behaupten, dass die Liebe zwischen Hund und Mensch echter und wahrer ist als zwischen Menschen. Ich denke, da verbietet sich ein Vergleich von vornherein, ja, ich bin absolut dagegen, so einen Vergleich überhaupt in Erwägung zu ziehen.

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Dieser Tage wieder mal

Deutschland – Wurstland. Hat keiner Hunger?

Deutschland – Wurstland. Hat keiner Hunger?

Früh am Morgen. Der neue Nachbar bringt die hüpfenden Mädchen zur Schule. Andere Kinder gehen zur Schule wie zum Schafott.

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Unser Freund, der Schauspieler, verkauft sich im Riverboat bestens in seiner Rolle als gutaussehender Mann.

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Auch heute muss ich einkaufen. Als ich die Halle verlasse, geht vor mir die schöne Schwarze mit ihrem stark gealterten Mann. So schön ist sie andererseits auch nicht. Von der Seite sehe ich den schnauzenartigen Mund.

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Wieder so’n doofer Film über die DDR im ZDF (Es war nicht alles schlecht, aber 99 Prozent). Andrea Kiewel, Ines Greipel-Schauer, Lutz Rathenow und so erklären, wie es wirklich war. Kulturminister Keller war, wie er jetzt mitkriegt, auch oppositionell. Roland Jahn beklagt einen Toten. Anschließend bringt Robert Atzorn die Leute reihenweise um. Ist aber schon ein anderer Film. ’n Spielfilm.

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Frau zu Frau über Mann: Er hat einfach die besseren Füße.

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Frau Merkel will gar nimmer von ihren Krücken lassen. Nein. Bei Kanzlerinnen sagt man nicht Krücken, da sagt man Gehhilfen.

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Mit fällt eine alte FAZ in die Hand mit einer Auswahl aus Jean Pauls Briefen. Manchmal macht er mich verrückt mit seinen verschlungen launigen Sätzen, von denen man oft nicht sicher sein kann, ob sie grammatikalisch sauber sind. Trinkt viel Wein, der ihm aber häufig nicht bekommt. Etwa so: Ein Oxhofft Graves-Wein mußt’ ich mit Verlust vertauschen, nachdem ich 24 mir schädliche Flaschen davon getrunken; aber auch das dafür eingetauschte Feuillett weißer Burgunder schlägt mir nicht zu. (an den Sohn) Dann geht es um zwei Flaschen 22ger Forsterwein, der ihm wegen seiner Jugend schlecht bekommt …

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Sie zahlen immer weniger für meine Arbeit und verlangen immer mehr. Zumutungen über Zumutungen, und die erste und letzte Zumutung ist das Geld.

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Ein junger Typ kam in die Tram, riss sich energisch den Rucksack von der Schulter, es folgte ein reißendes Geräusch und dann fiel etwas. Er tastete seine Jacke ab, sah mich an, da ist was runtergefallen, sagte ich, hm, meinte er, die Jacke, kaputt, hat 200 € gekostet, Berliner Firma. So reden Berliner über Berlin. Kann man so eigentlich nicht stehenlassen. Könnte auch am Rucksack gelegen haben, sagte ich, ja, sagte er. Zu heftig runtergerissen, das Temperament der Jugend. Daraufhin sagte er nichts mehr. War ihm wohl zu blöd. Vielleicht hielt er sich auch schon für alt, so wie die Alten sich für jung halten.

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Esprit d’escalier – das ist, wenn einem die besten Pointen immer erst hinterher einfallen, beim Verlassen des Hörsaals sozusagen. Eine Erscheinung, die uns unser ganzes Leben lang begleitet hat.

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Kölner Treff. Helge Schneider ist da. Die Böttiger meint, dass er fünf Kinder hat, er sagt: sechs. Sie fragt: von vier Müttern? Er lächelt geschmeichelt und sagt geheimnisvoll: Das entzieht sich meiner Kenntnis.

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Geh raus und rauch.

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Mir kommt es so vor, als ob ich schon seit Jahrzehnten die gleichen Sachen trage. Sagt Judi Dench, deren neuer Film „Philomena” in die Kinos kommt. (FAS, 23. 2. 14) Geht mir auch so.

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Was ist Ihre Lieblingsbeschäftigung? Im Bett liegen. Die Gedanken schweifen lassen. Einschlafen. Diesen und jenen Traum träumen. Aufwachen. Noch ein bisschen liegen bleiben.

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Heute denke ich, aus dem Küchenfenster schauend, da hat sich der alte Höhne, vermittelt durch seinen Hund, noch ’ne Geliebte angelacht, die sogar zwei Hunde hat. Wie das Leben so spielt. Durch ihre Hunde kommen Menschen ja oft zusammen. Und was für prächtige Hunde das sind! Sie sind so dynamisch, dass die Dame sie kaum zu halten vermag. Die dann aber aus der Nähe betrachtet doch Höhnes Frau ist. Wird ja immer verrückter. Was wollen denn diese armen alten Leute mit drei vitalen Hunden!

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Als ich nach Hause komme, liegt Schalke knapp 0:5 gegen Real Madrid zurück. Knapp deshalb, weil es auch viel höher stehen könnte, denn die Madrilenen haben weitere, genial herausgespielte Chancen, während die, ich sag mal, Knappen wütend und mit großer Härte gegen den hoffnungslos überlegenen Gegner vorgehen, um sich dabei selbst zu verletzen.

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Martin sagt: Ein Idiot war ich immer. Aber jetzt bin ich ein tränenseliger Idiot geworden. Ich lese irgendwo: Goethe fasste 1826 Grillparzer an der Hand und führte ihn in den Speisesaal. Grillparzer brach in Tränen aus. Und ich weine mit, bin zu Tränen gerührt.

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Sebastians Charme-Opfer sind meistens unschuldige Supermarkt-Kassiererinnen.

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Mittag, im TV läuft Ilja Richters alte Disco. Vicky Leandros singt Apres toi, Siegertitel Grand Prix von was weiß ich wann. Wie sie sich ins Zeug legt! Und es lohnt sich. Die linke Hand greift das Mikro, die linke Schulter ist vorgeschoben wie bei einem Boxer, der die Angriffsfläche verkleinern will, und die Rechte erzählt das Geständnis, das Bekenntnis, die große Liebeserklärung unterstützend mit. Das ist keine ausgeleierte Schlagerrhetorik, das ist der heilige Moment, der zählt.

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Robert Stieglitz gegen Arthur Abraham. Supermittelgewicht Weltmeister gegen Herausforderer. Mir gefällt dieser Stieglitz nicht mit seiner grandiosen Kondition. Wie der unablässig nach vorn stürmt und mit einem Schlagwirbel auf den Gegner eindrischt, irgend ein Haken wird schon treffen, und wenn er nicht mehr kann, legt er sich mit dem Oberkörper auf den Gegner drauf und schiebt ihn durch den Ring wie ein ungelenker Tanzschüler. Arthur ist ein bisschen aktiver als zuletzt. Verschanzt sich nicht so oft hinter seiner Doppeldeckung, schlägt allerdings zu wenig mit der Rechten. Aber in der 12. Runde erwischt er Stieglitz, der geht zu Boden, wird angezählt. Nur der Schlussgong kann ihn retten. Ein schlechter Verlierer ist er außerdem. Seiner Meinung nach hat er klar gewonnen und kann sich das 2:1-Urtei gegen ihn nicht erklären. Nun, Abraham hat sicher weniger Schläge angebracht, aber die eindeutig härteren.

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Teilweise fahren jetzt die Hundehalter hier schon von weither mit ihren PKW vor, damit ihre Tiere dann unser unschuldiges Wäldchen vollscheißen können.