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Posts Tagged ‘Thomas Müller’

Die Scheiße am Schuh

Wo geht die Reise hin? Lieber ein echtes M als eine falsche Neun © Fritz-Jochen Kopka

Wo geht die Reise hin? Lieber ein echtes M als eine falsche Neun
© Fritz-Jochen Kopka

Wir sind keine Turniermannschaft mehr. Wieso denn? Wir haben gestern doch ein großes Spiel gemacht! Ja, schon. Leider ist es so, dass unsere Spieler im Laufe des Turniers umfallen wie die Fliegen und nicht mehr weiterkönnen. Ohne Einwirkung des Gegners. Zuerst Gomez und Khedira. Und gestern nun Boateng. Ich fühlte mich an das Aussterben der Saurier erinnert. Ein Teil unserer Kicker hält ein solches Turnier einfach nicht mehr durch. Und auch Schweinsteiger war nicht im Vollbesitz seiner physischen und geistigen Kräfte. Er wurde zwar bis zur Nachspielzeit der ersten Halbzeit sehr gelobt – aber brauchten wir das wirklich? Einen zusätzlichen Mann zwischen den beiden Innenverteidigern, der einen souveränen Salonfußball spielt mit vielen überlegten Querpässen? Und dann der Blackout. Ich meine, wer so mit der Faust zuerst im Strafraum zum Ball geht – wie kann der sich noch über einen Elfmeter beschweren? Na gut. Ich brauche gar nicht so blöd zu fragen, ich weiß es ja. Schweinsteiger war immer einer, der glaubte, dass bestimmte Regeln im Fußball für alle und jeden gelten, aber nicht für ihn. Etwa, dass Handspiel verboten ist. Oder dass man seinem schnelleren Gegenspieler nicht heimtückisch mit beiden Fäusten in den Rücken drischt. In Deutschland hat man ihm das alles durchgehen lassen, weil er seine Fouls mit so großer Selbstverständlichkeit beging. International ist das schon anders.

Kurz und gut. Ich empfinde jetzt so etwas wie Erleichterung. Der große Druck ist weg. Wir haben ein wirklich gutes Spiel gemacht und sind im Halbfinale ausgeschieden. Wir müssen jetzt nicht mehr leiden mit Thomas Müller, der bei dieser EM wirklich zum Karl Valentin des Fußballs geworden ist (Man konnte früh sehen, dass er in diesem Turnier die Scheiße am Schuh hat und hätte ihm ein oder zwei Spiele frei geben sollen zum Schuhe putzen oder zur Selbstbesinnung). Wir müssen nicht mehr rätseln über die Unsichtbarkeit von Mario Götze (die Legende von der falschen Neun) in unserem Offensivkonzept. Wir müssen nicht mehr bangen, dass jeden Moment Lukas Podolski eingewechselt werden könnte. Es waren eben auch solche Sentimentalitäten des Bundestrainers, die uns einschränkten. Er hätte viel früher die jungen Offensivspieler einsetzen müssen, nicht erst drei Minuten nach der Angst. Und last but not least: Wir waren meilenweit davon entfernt, einen Offensivspieler wie Antoine Griezmann in unseren Reihen zu haben. Und falls es in Deutschland ein solches Talent gäbe, dann würden wir lieber noch eine Weile glauben, dass Mario Götze besser ist als Lionel Messi und auf ihn setzen. Vor diesem Hintergrund haben wir es doch weit gebracht und können nun unbelastet das Endspiel ansehen. Und dann können wir immer noch sagen, dass das wahre Endspiel eben dieses war: Deutschland gegen Frankreich 0:2, und die Niederlage nur wegen eines zweifelhaften Elfmeters zustande kam. Er war nicht zweifelhaft. Er war irrational. Mal geht das gerade noch gut (Boateng), mal geht es schief.

 

Schweinsteigers Würde

Hinter jedem Fenster ein TV-Gerät und überall das selbe Programm © Fritz-Jochen Kopka

Hinter jedem Fenster ein TV-Gerät und überall das selbe Programm
© Fritz-Jochen Kopka

Drei Viertelfinales, zwei Elfmeterschießen. Die Waliser allein machen es anders. Sie zeigen den favorisierten Belgiern, wie man nach einem Rückstand zurückkommen und wie effektiv das schnörkel- und furchtlose Spiel sein kann. 3:1, das hat niemand von uns getippt.

Das Elfmeterschießen zwischen Polen und Portugal war hochwertig, ausgerechnet der bei dieser EM aufgeblühte Jakub Blaszcykowski wurde zum tragischen Helden, dabei war sein Elfer noch nicht mal schlecht geschossen, aber wenn der Torwart die Ecke ahnt und dynamisch nach dem Ball springt, dann kannst du eben Pech haben als Schütze.

Deutschland – Italien, ich würde sagen, das war das miese Spiel zweier hochklassiger Mannschaften, vermutlich der beiden besten des Turniers. Man weiß sich gegenseitig zu blockieren. Dreierkette gegen Dreierkette, was ja eigentlich Fünferkette gegen Fünferkette heißt. Keiner will ins offene Messer laufen. Das Match findet hauptsächlich im torfernen Bereich statt. Torchancen werden nicht von den Kickern, sondern vom Zufall herausgespielt. Wir sehen abermals, in welcher Sackgasse sich der hochgezüchtete, hochbezahlte Fußball befindet. Für den absurdesten Moment sorgt wiederum Jerome Boateng, vielleicht der große Held des Turniers. Er wirft künstlerisch anmutig wie im Ballett die Arme hoch, sie locken den Ball, der nicht lange auf sich warten lässt. Handelfmeter. Tor. 1:1. So wird das Elftmeterschießen erst möglich.

Man wundert sich, wie wenig Fußballverstand die Reporter Tom Bartels und Steffen Simon haben, obwohl sie ja nun seit gefühlten Jahrhunderten Fußballspiele sehen und kommentieren. Bartels konnte nicht verstehen, warum die Portugiesen nicht bedingungslos anstürmten, um das Siegtor zu schießen und machte aus lauter Unverstand und Frustration seinen Landsmann Felix Brych, den Schiedsrichter, zum Man of the Match. Patriotismus in Ehren, aber so weit sollte man dann doch nicht gehen. Es erinnert fatal an die DDR, die ihren Schiedsrichter Rudi Glöckner zum Weltmeister machte, weil er nicht auf die Reklamation des großen Pele hereinfiel (Mexiko 1970). Olle Bartels fand auch noch die krasse Fehlentscheidung Brychs, Ronaldo nach einem klaren Foul einen Elfmeter zu versagen, letztlich gut durchdacht, denn nach dem Ausgleich hätten sich die Portugiesen noch früher zurückgezogen und den Spielfluss blockiert. Solche liebenswerten Torheiten verzeihen wir natürlich gern, zumal Bartels es zu einem gewissen Ruhm gebracht hat als jener Fußballreporter, dem das Spiel der Kicker nichts, das Agieren des Schiedsrichters hingegen alles ist.

Steffen Simon wusste angesichts eines erstarrten Spiels viel Positives über den früh eingewechselten Bastian Schweinsteiger zu erfinden. Er bescheinigte ihm enorme Leaderqualitäten und eine herausragende Leistung. So viel kann man sagen: Schweinsteiger spielte mit großer Würde, bevorzugte den kurzen Alibipass sowie kurze Lauf- und Gehwege und stieß auch mal einen Verteidiger nieder, um ein Tor zu erzielen, was leider nicht anerkannt wurde (obwohl wir Deutsche mit ungarischen Schiedsrichtern eigentlich immer gute Erfahrungen gemacht haben). In der Pause vor dem Elfmeterschießen redete Schweinsteiger mit Engelszungen auf seine junge Mitspieler ein, um ihnen zu erläutern, worauf es bei den Elfern ankommt, um dann den seinen – sozusagen als Uli-Hoeneß-Gedenkelfer – in den Himmel zu jagen. Es war übrigens ein miserables Elfmeterschießen: sechs nicht verwandelte Elfer bei den ersten zehn Schützen, kein Wunder, wenn es jetzt nicht wenige Leute gibt, die sich ein Endspiel Wales gegen Island wünschen. Diese Menschen kann ich verstehen, auch wenn ich selbst ein großer Patriot vor dem Herrn bin.

Unser immer lustiger Thomas Müller hat übrigens das Zeug dazu, zum großen Unglücksraben dieser EM zu werden. Er spielt den Sisyphos, der den Ball den Berg hinauf zum Tor rollt, und wenn er ihn nur noch hineinstupsen müsste, rollt der Ball den Berg wieder hinunter, und Thomas Müller versucht es erneut. Seinen Elfer brachte er auch nicht am Torwart vorbei, ganz wie es die Mythologie verlangt. Und da wir von den Berichterstattern und Kommentatoren jetzt ständig etwas von der Genialität Mesut Özils vorgesungen bekommen, können wir schlussfolgern: Genialität ist das, was man nicht sehen kann.

Körpersprache

Berlin Luxemburg-Platz. Irgendwo ist immer Fußball

Berlin Luxemburg-Platz. Irgendwo ist immer Fußball. Meistens da, wo auch Bier ist

Erst kommt der Sieg. Dann kommt der Hype. Das ist es ja, was mir die deutschen Siege (bei aller – ich sag mal – Freude) immer auch suspekt macht. Die Medien sind in ihrem Selbstverständnis dazu verpflichtet, dem Sieg des Teams noch einmal einen Sieg der Worte, der Hymnen und der Superlative aufzupfropfen. Sie nennen das neuerdings eine Erzählung des Spiels zu verfertigen. Eine Erzählung, in die alles Mögliche hineingepackt wird, was man zum Spiel hinzuerfinden könnte, wenn man das entsprechende Gehirn hat. Jetzt ist Deutschland Müllerland. Thomas Müller hat drei Tore gegen Portugal geschossen und indirekt für die Rote Karte des portugiesischen Abwehrspielers Pepe gesorgt. Und da gab es doch schon mal einen Müller, der Deutschland zum Weltmeister-Titel geschossen hat, Gerd Müller, den Bomber der Nation, ebenfalls FC Bayern München. Die Welt, titelt der Berliner Kurier, die Welt feiert unseren Tore-Storch. Das ist nämlich der Clou dieser Fußball-Erzählung, der Clou und die Innovation: Thomas Müller, der in der brütenden brasilianischen Hitze rennt und rennt und immer an der richtigen Stelle steht, um auf manchmal recht unorthodoxe Art einzunetzen, hat keine Muskeln. Das ist doch ein Phänomen. Er hat original Stöckerbeine, aber sie tragen ich überall hin.

Ich glaube schon, dass er Muskeln hat. Man sieht sie nur nicht. Sie sind unsichtbar (etwa so wie bei mir). Das ist auch nicht ungewöhnlich. Die klassischen Fußballer hatten nur selten begnadete Körper. Man schaue sich die Weltmeister von 1954 an. Die hatten richtige Gebrauchs- oder Funktionskörper, mit denen man bei keinem Schönheitswettbewerb zugelassen worden wäre. Das macht auch nichts. Muskeln sind oft nur Show. Ich habe einen muskelbepackten Typen gesehen, der keinen Klimmzug zustande brachte.

Nebenbei gesagt habe ich mich gefreut, dass die FAZ in ihrer Erzählung zum Spiel Deutschland gegen Portugal den Ball flach hielt. Bei uns klappte alles, bei den Portugiesen funktionierte nichts. Ich habe mich gewundert, wie gut wir und wie schlecht sie verteidigt haben. Und wenn du in der ersten Viertelstunde des Spiels einen umstrittenen Elfmeter gegen dich bekommst, dann wird aus dem Schwung Wut (rote Karte) und aus der Wut wird Resignation und aus der Resignation wird ein 0:4. Statt den Ball ins Tor zu schießen, laufen sich zwei Portugiesen gegenseitig um.

Tags darauf, Brasilien gegen Mexiko, heißt der Held nicht mehr Müller, sondern Ochoa. Guillermo Ochoa mit diesem merkwürdigen Haarband. Der mexikanische Torwart fällt mir schon auf, als er am Anfang des Spiels beruhigend auf seine Verteidiger einwirkt, als wisse er schon: Keine Sorge, an mir kommt heute kein Ball vorbei. Du wirst dich wundern, denke ich, aber dann fischt er einen sagenhaften Kopfball Neymars aus der Ecke, blockt einen Schuss Paulinhos aus nächster Nähe, entschärft einen verdeckten Schuss Neymars und einen Kopfball Thiago Silvas aus vier Metern Entfernung. Der brasilianische Stürmer Jo ist schließlich so eingeschüchtert, dass er den Ball gar nicht erst trifft.

Was Positives über Bela Rethy: Da ist keiner. Er köpft dahin, wo er selber steht normalerweise, sagt er über einen mexikanischen Stürmer. Mehr davon bitte.

Die Männer von den Schafsinseln

Welten liegen zwischen den Färöer Inseln und Deutschland, Fußballerwelten und Geldwelten. Es leben 45 000 Menschen und 90 000 Schafe auf den Inseln, und das Stadion war ausverkauft mit 4000 Zuschauern. Und doch verteidigten die Männer von den Schafsinseln geschickt, und aufopferungsvoll sowieso, gegen die Unsrigen, die mit zunehmender Spielzeit Elfmeter forderten, denn anders kriegten sie das Runde nicht ins Eckige, die Stars aus Madrid, London, München und Dortmund gegen die Nobodys von den Inseln, die auch noch arbeiten müssen und von denen man die eine oder andere passable Passfolge bewundern konnte. Das ist ein Faszinosum des Fußballs: Der Klassenunterschied wird durch eine geschickte Taktik wettgemacht, und die Weltstars sehen klein und hässlich aus neben den Schafhirten.

Eine amüsante Szene ereignete sich auch. Da stand es allerdings schon 2:0 für Deutschland. Lahm flankt in den Strafraum auf Müller, dem springt der Ball meterweit vom Fuß, aber keiner der doch so beherzten Färinger wagt es, sich Müller zu nähern, so dass der unbedrängt verwandeln kann. 3:0. (Thomas Müller ist ja der Mann der überflüssigen Tore.) Was war geschehen? Nach dem deutschen 1:0 gab es eine lange Phase, in der die Unsrigen immer phlegmatischer und uninspirierter agierten, auch die sogenannten Kreativen. Dann rannte Thomas Müller plötzlich allein aufs Tor zu (könnte Abseits gewesen sein), der Färinger Gregersen kreuzte seinen Weg, Müller nutzte die Situation und ging dramatisch zu Boden. Elfmeter für Deutschland, Platzverweis für Gregersen. Die Szene wurde anschließend einige Dutzend Mal eingespielt, ein Foul war höchstens vermut-, aber nicht erkennbar. Nun wissen wir, dass Thomas Müller der anerkannt beste Elfmeterherausholer der Welt ist (im Kicker-Forum nennt man ihn eine Fallsau), sowas muss man eben auch können im modernen Fußball, aber ich sage: doch bitte nicht gegen die tapferen, freundlichen, prächtigen, einfachen Färinger. Gegen Frankreich ja (die machen das auch), gegen die Niederlande unbedingt (die sind da groß drin), aber bitte nicht gegen die Färöer Inseln! Nicht gegen diese wunderbaren, unerschrockenen Menschen, die danach die Nähe Müllers mieden wie der Teufel das Weihwasser. Jeder Kontakt hätte zu weiteren Strafstößen und roten Karten führen können. So kam es also zu dieser amüsanten Szene, die das 3:0 brachte.

Es nützt uns im Hinblick auf die Weltmeisterschaft nichts, wenn nun bald jeder internationale Schiedsrichter weiß, was Thomas Müller auch noch kann (oder hauptsächlich kann).

Im anschließenden Interview trat Müller die Flucht nach vorn an. Sein ganzes Knie sei aufgerissen, und zwar nicht von dem Sturz, sondern von dem Tritt des Färengers. Als Reporter hätte ich gesagt: Zeigen Sie doch mal bitte! Und: Sind Sie denn bis zur WM in einem Jahr wieder fit? Oder werden Sie jetzt Sportinvalide?

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Intelligente Bayern-Kicker

November 29, 2012 1 Kommentar

Der Vorsprung der Bayern im fast schon entschiedenen Meisterschaftskampf kann nicht groß genug sein, und so sorgte Schiedsrichter Florian Meyer im Match beim SC Freiburg beizeiten für klare Verhältnisse. In der elften Minute bekommt Freiburgs Verteidiger Sorg den Ball aus kurzer Distanz an die Hand. Meyer gibt Elfmeter. In der 18. Minute zupft Diagne den Bayern Shaqiri am Trikot, Shaqiri stürzt in einer dramatischen Glanzleistung ins Bodenlose. Meyer zeigt dem Freiburger rot. Freiburg kämpft mit Rückstand und in Unterzahl tapfer weiter. Zehn Minuten später bekommt im Bayern-Strafraum Javi Martinez den Ball an die Hand. Hoi. Schiedsrichter Meyer möchte die Verhältnisse nicht wieder verunklaren und pfeift in diesem Fall keinen Elfmeter. Man staunt. Wenig später ein Foul im Bayern-Strafraum. Wieder kein Elfmeter. Der ARD-Reporter findet alle diese sehr widersprüchlichen Entscheidungen absolut in Ordnung. Der objektive Beobachter fängt an, sich Sorgen um Deutschland zu machen. Was ist hier los? Ist Bayern München Staatsdoktrin? Warum? Wie kommt sowas zustande? Warum legt niemand die Karten auf den Tisch? Warum erklärt es uns niemand, wozu das gut sein soll?

Freiburgs Trainer, Christian Streich, gefällt mir gut. Es muss irgendwelche Worte finden auf das Unerklärliche und Unerklärte. „Alle zwei Wochen werde ich zu den kniffligen Szenen gefragt. Und immer kann, kann, kann. Bei uns immer Elfmeter, weil – wir sind klein. Wir respektieren das. Ich sage nichts zu den Schiedsrichter-Entscheidungen. Das sind alles nur Menschen. Sie halten es nicht aus offensichtlich. Es ist okay, wir respektieren es total, kein Problem.” Als Dank für seine diplomatische Äußerung unterstellt man ihm bei kicker.online einen Verfolgungswahn. Ach, der Streich, ja, das ist ein positiv Verrückter.

Wie gesagt. Der Vorsprung der Bayern kann nicht groß genug sein. In der vergangenen Saison haben sie ihn nicht über die Ziellinie gebracht. „Uns haben die letzten Jahre was gelernt”, sagte Thomas Müller, der sicher nicht zu Unrecht als einer der intelligenteren Bayern-Spieler gilt.

Schon gelaufen, das Ding

Wir haben den vierten Spieltag der Saison und schon steht, wie in jeder Saison zu diesem Zeitpunkt, fest, dass der FC Bayern München Deutscher Meister wird, wenn man die mediale  Begleitmusik hört. Der alte Jupp lässt rotieren,  Schweinsteiger findet zu alter Frische und am Ende, nach dem gewonnenen Spiel, erhebt sich der unwürdige Präsident feist, satt und zufrieden und ein bisschen höhnisch auch, denn der Meister, Borussia Dortmund, diese Erscheinung von nur regionaler Bedeutung, hat zur gleichen Zeit verloren, und Schalke hat man selbst erledigt. In der zweiten Halbzeit haben wir unsere ganze Klasse ausgespielt, sagt der Trainer. Besonders Thomas Müller. Wenn der einmal in den Strafraum des Gegners eingedrungen ist, traut sich kein Gegenspieler mehr an ihr ran, denn jeder weiß: Wenn er dem genialen Exzentriker zu nahe kommt, gibt es Elfmeter und vielleicht noch die Rote Karte. Thomas Müller ist der beste Elfmeter-Herausholer der Welt, urteilt die Süddeutsche Zeitung. Das wird wohl so sein.

Schauen wir nur zu. Dortmund muss den Titel nicht holen. Das dritte Mal in Folge, das wäre vermessen. Die Bayern aber, die müssen Meister werden. Falls es nicht gelänge – man würde keinen Grund finden. Es wäre reine Metaphysik.

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Werden wir viel Zeit haben zur EM?

Für das Vorbereitungsspiel gegen Israel hatte Bundestrainer Löw keine andere Idee als diese: Wenn ich zuvor gegen die Schweiz keine Bayern-Spieler einsetzen konnte, dann verzichte ich jetzt zum Ausgleich freiwillig auf Dortmunder Kicker. Und das Ergebnis gab ihm und seiner Idee recht. Nach dem 3:5 gegen die Schweiz ein 2:0-Sieg in Leipzig gegen ein israelisches Team, das allerdings von vornherein keine Offensivambitionen hatte. Was die armen Sachsen im Leipziger Zentralstadion sahen, war das, was sie vermutlich von ihrem Viertligaverein gewöhnt sind: deutscher Beamtenfußball. Unverdrossen über die Außenbahnen nach vorn, in die Mitte flanken auf Gomez und seinen erheblichen Körper. Fußballzauber, Kreativität waren nicht zu sehen. Mesut Özil ist offensichtlich müde. Thomas Müller erreicht seine Form nicht. Toni Kroos ist und bleibt Phlegmatiker. Mir kam der Verdacht, dass ein Team, in dem der Hektiker Müller und der Phlegmatiker Kroos nebeneinander stehen, nicht funktionieren kann. Die Bayern sollten einen dieser hervorragenden Fußballer verkaufen, und in der Nationalmannschaft muss man irgendwie eine Lösung für dieses personelle Problem suchen. Die Europameisterschaft steht vor der Tür und wir wissen nicht, was wir tun sollen. Wir haben immer noch nur einen Außenverteidiger. Schwer vorstellbar, dass man mit einem Jerome Boateng auf der Außenposition Europameister wird. Und auf der anderen Seite: Warum kann Dortmunds Trainer Klopp mit Marcel Schmelzer so viel anfangen und Jogi Löw so wenig? Rätselhaft. Die lange verletzten Klose und Mertesacker brauchen Spielpraxis, sehr richtig. Und der lange verletzte Götze, von dem man sich noch Ideen und schnelle Spielzüge erhoffen kann – hätte der nicht auch so viel Einsatzzeit wie möglich bekommen müssen und zwar ausdrücklich nicht auf der Doppelsechs? Aber da tut sich nichts.

Nur eins ist sicher. Wenn die Europameisterschaft Fußballspiele wie das gestrige präsentiert, werden wir viel Zeit für andere Dinge haben. Aber das kann und wird nicht so sein.