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Archive for Oktober 2015

Schriftzüge der Natur

Ein Wellenbrecher erzählt © Christian Brachwitz

Ein Wellenbrecher erzählt
© Christian Brachwitz

Im Urlaub kann das passieren. Man hat Zeit, es geschieht sowieso nichts, man wendet den Blick ab von Bäuchen und Tattoos und kümmert sich um die Sensationen der Natur. Muscheln, Steine, Sand, der durch die Finger rieselt. Aus dem Zusammentreffen von menschlicher Aktivität und Naturkräften geht dann so ein Wellenbrecher hervor, hineingetrieben in die flache Uferzone, das Meer tobt sich an ihm aus oder streichelt ihn, Blasen und Schaum umkränzen ihn, eine Vielfalt flacher Farben stellt sich ein, Risse und Maserungen, der Zahn der Zeit nagt am Stein und malt ein abstraktes Bild. Es kommt auch zu einer Begegnung von abstrakter und gegenständlicher Malerei. Denn ist das nicht ein Tiergesicht, am linken Rand des unteren Sektors? Sehr lehrreich.

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Der Schlaf des Gerechten (4)

Auf halber Treppe zum Bahnsteig

Auf halber Treppe zum Bahnsteig

Mit einiger Selbstverständlichkeit legt sich der Gerechte hier nieder: Berlin Bahnhof Friedrichstraße, östlicher Aufgang. Dieser Treppenabsatz bildet einen Raum, dem nur die vierte Wand fehlt. Wer fähig ist, auf dem Steinfußboden zu schlafen, sollte auch vermögen, sich die fehlende Wand hinzudenken oder die Leute wegzuzaubern, die die Treppe hinauf- und hinabsteigen. Ich habe einmal in jungen Jahren eine Nacht bei einem Freund auf dem Fußboden geschlafen. Das hatte ich mir, verdammt noch mal, leichter vorgestellt. Am nächsten Tag taten mir alle Knochen weh. Kann man sowas trainieren? Ich weiß nicht. Es sollte nicht sein. Der Fußballtorwart Jens Lehmann hat mal gesagt, dass er Fußballtorwart wurde, weil es ihm nicht wehtat, wenn er sich nach dem Ball warf und auf dem Boden aufschlug. Es mag solche besonderen Körper geben, ich kann es nicht glauben. Manche leben auf der Straße, weil sie es so wollen, manche leben auf der Straße, weil sie ins Unglück gestürzt sind. Mit ihren Plastiktüten verdecken sie immer ihren Kopf. Ein letzter Rest geschützter Intimsphäre. Der Mensch im Überlebenskampf. Kann so etwas Kräfte frei setzen, auch Stolz? Wir gehen mit schlechtem Gewissen an ihnen vorbei, mit noch schlechterem Gewissen fotografieren wir sie, die Bilder werden alle unscharf. Uns fällt auf, dass es immer Außenseiter sind, Einzelgänger, die sich dem öffentlichen Schlaf hingeben. Sie sind voller Misstrauen. Nähe kann wehtun. Aber doch nicht wirklich! Das Licht in der Finsternis, die Telekomwerbung, verstehe ich nicht, wie ich die Telekomwerbung noch nie verstanden habe. Aber ich bin ja nicht umsonst nicht bei der Telekom; das sind so unsere Probleme.

Wo sind all die Leute hin

Gebannt von der Höhe © alle Fotos: Wolf Jobst Siedler jun.

Von der Höhe gebannt
© alle Fotos: Wolf Jobst Siedler jun.

 

 

Man hat sich oft gewundert, dass Siedler jun. immer die Kamera umhängen hatte, dass man ihn aber nie fotografieren sah. War die Kamera nur ein modisches Accessoire, etwa wie die Sonnenbrille, die gewöhnliche Leute in den Haaren tragen?

Nun, es gab unerwartet eine Einladung zu Siedlers Fotoausstellung, Berlin, Fotografien 2010 – 2015, er muss also doch ab und zu auf den Auslöser gedrückt haben, die Spannung war groß, welche Bilder macht ein Fotograf, den man nie fotografieren sieht.

Der Auftakt war schon mal vielversprechend. Mit dem Schienenersatzbus im Berufsverkehr durch Neukölln. Junge Türken, die sprechen wie junge Türken im Fernsehen. Strecken, die nie zu enden scheinen. Die U-Bahn, Station auf Station. Die Frau, die liest, die Frau, die telefoniert, die Frau, die mit ihrem Koffer ein ganzes Abteil einnimmt.

Ich bin da. Im Lokal gegenüber lasse ich mir einen Puerto Rico-Burger zum Mitnehmen machen. Ein klar gegliedertes, blitzsauberes Latino-Restaurant. Eine junge Frau hinterm Tresen, ein älterer Farbiger auf dem Barhocker, sie reden spanisch miteinander und haben viel zu lachen. Ab und zu tanzt die Frau zu der Musik, die aus einem kleinen DVD-Player kommt. Der Kellner, auch ein Farbiger, der Koch, ein dünner Latino. Eine angenehme Leere, eine angenehme Müdigkeit, ein eigentlich inhaltloser Moment in einer der Metropolen der Welt, könnte auch New York sein oder Lima. Eine perfekte Einstimmung auf die Ausstellung, wie ich gleich sehe.

Siedler jun. inmitten seiner Bilder © Corinna Fricke

Siedler jun. inmitten seiner Bilder
© Corinna Fricke

Der Fotograf sitzt an einem langen Tisch inmitten seiner Freunde. Sie essen minder begeistert Sushi und trinken Weißwein.

Siedlers Fotos sehen auf sie herab. Ich denke im ersten Augenblick, das sind doch keine Fotografien, das sind Gemälde! Sind aber doch Fotos. Die hast du doch stark am Computer bearbeitet oder? Eigentlich kaum, sagt Wolf Jobst Siedler jun. Die Bilder sind von einer großen Ausschließlichkeit, puristisch, rein. Strukturen, Flächen, Farben, Winkel, Kurven. Lichteinfall und Schattenfelder. Die Farben oft von einer Eindeutigkeit wie im Bilderbuch. Elemente der Stadtmöblierung wie Straßenlaternen, Verkehrsschilder, Papierkörbe. Es ist so leer in Berlin, es ist so leer.

Wo sind all die Leute hin.

Festgefahren am Potsdamer Platz

Festgefahren am Potsdamer Platz

Jetzt kann ich mir den Siedler mit der Kamera, die nichts tut, erklären. Wenn wir uns sehen, hat er das Terrain schon längst gecheckt und sich entschieden, nicht auf den Auslöser zu drücken oder erst später. Er wartet, bis die Räume verlassen sind. Wenn sie voll zur Wirkung kommen. Beton ohne Leben. Oder ist Beton doch auch Leben? „Straßen und Plätze als skurriles Bühnenbild und als Kulisse für den Auftritt von Passanten nutzen, die sich in ihrer mitunter grotesken architektonischen Umgebung eigenartig vereinzelt und verloren ausnehmen”, sagt Siedler dazu. Die wenigen Menschen werden auch zu Stein. Menschen wie bei Edward Hopper. Der Radfahrer, der über den nächtlichen Potsdamer Platz fährt – er kommt nicht voran. Das Paar, das auf die Dächer blickt – er wird auch morgen noch hier stehen. Die Ewigkeit hat Einzug gehalten. Man mag es nicht Häuser nennen, was ihn interessiert, es sind Gebäude, Blocks, Bauten. Sie scheinen zu sagen: Warum lassen uns die Leute nicht in Ruhe. Ja, auf den Bildern ist festgefügte Ruhe. Der so kostbare wie erschreckende Moment der Stille. Das Gleichgewicht der Welt (das sie nicht mehr hat). Von der Künstlichkeit der Welt. Oder von der Kälte der Welt. Verlorenheit als hoher Wert. Das aseptische Berlin. Selbst Keime scheint es an diesen Orten nicht zu geben. Elegien in silbergrau. Die Moderne wirbt für sich. Mit zweifelhaftem Erfolg.

Da scheint sich etwas verselbständigt zu haben. Die Gebäude dienen nicht mehr den Menschen, sondern sich selbst. Vielleicht ist das auch gut so, wie in Berlin das eher Negative ja oft „gut so” ist. Was stört uns noch, wenn alle Störfaktoren ausgeschlossen sind. Bilder, die von selbst entstanden sind, nun brauchen sie noch den Fotografen, der sie entdeckt. Das ist Siedler jun. Der Lektor und Verleger, den es ab und zu danach verlangte, den Schreibtisch zu verlassen, um „die Welt da draußen in Augenschein zu nehmen” und für sich festzuhalten. Der schon als Junge die Architekturgespräche im Hause Siedler verfolgte. Was an ihm immer auffällt, ist sein Talent, etwas zu entdecken, das ihn begeistern kann. Über anderes sieht er liebend gern hinweg. Er sieht jetzt auch liebend gern über die Arbeit des Verlegers hinweg. Er ist jetzt Fotograf. Ein Fotograf, den man nicht fotografieren sieht. Einer, der sich freuen würde, wenn er ein paar seiner Bilder öfter an die Wand hängen könnte. Das Wichtigste sind ihm, die „unendliche Vielfalt der Perspektiven, … die meditative Versenkung in den Augenblick, die ihm das Flanieren mit der Kamera beschert”.

Egon Friedell. In seiner „Kulturgeschichte der Neuzeit” sagt er: „Auch das Objektiv ist nicht objektiv. Es ist nämlich eine unerklärliche wie unleugbare Tatsache, dass jeder Photograph, ganz wie der Maler, immer nur sich selbst abbildet.”

Die Moderne wirbt für sich

Die Moderne wirbt für sich

Der Fotograf betrachtet seine Bilder und erkennt sich – Stück für Stück – selbst. Ist es so? Will ich diese Welt? Oder das Gegenbild dieser Welt?

Atelier Kirchner, Grunewaldstraße 15, Erster Hinterhof, Seitenflügel links, bis 8. November, Mo – Fr. 16 – 18 Uhr

Der enthaltsame Patient

Auch Hunde sind nicht durchgängig sorgenfrei Streetart bei Haus Schwarzenberg Berlin Mitte

Auch Hunde sind nicht durchgängig sorgenfrei
Streetart bei Haus Schwarzenberg Berlin Mitte

Als es noch warm war, saß im Biergarten eine Dame mit einem großen Humpen Tschechenbier, der nicht zu ihr zu passen schien. Solche Frauen trinken Apfelsaftschorle, im Höchstfall ein Glas Weißwein.

Die Köchin und Besitzerin persönlich trat an meinen Tisch, eine Slowakin von großer, etwas ungeschlachter Gestalt mit auseinanderstehenden Schneidezähnen. Ich bestellte, ohne in die Karte zu sehen, den Rindergulasch und ein Wasser (was auch nicht zu mir zu passen schien).

In meinem Rücken wurde die Dame mit dem Handy aktiv.

Ich sitze jetzt hier in Karlshorst, sprach sie, mache mir nach wie vor große Sorgen, auch wenn das alles etwas komisch ist.

Man habe ihr gesagt, es könne etwas Ernstes sein, sie solle sofort kommen, während sie woanders gar keinen Termin bekommen habe, da konnte sie noch froh sein, dass es in Karlshorst klappte. Es sei irgendwie anämisch, man habe auch die Milz untersucht, aber nichts gefunden, kurz und gut, nach dem Termin waren alle Fragen offen.

Inzwischen hatte ich mitgekriegt, dass sie nicht beim Arzt, sondern beim Tierarzt gewesen war, der bewusste Hund war groß, hatte schwarzes Fell und lag apathisch zu ihren Füssen. Wahrscheinlich hätte das Tschechenbier ihm auf die Beine geholfen, aber auf solche Hausmittel kommen Frauen einfach nicht. Wie auch.

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Der Spielmann

Steigt die Party noch? © Christian Brachwitz

Steigt die Party noch?
© Christian Brachwitz

Straßenmusik dreißig Jahre später. Der Musikant betritt die Bahn. Er kommt von weit her und ist kein Demütiger, kein an der Menschheit Leidender, kein Zukurzgekommener. Sein Akkordeon kann auch weinen, aber der Musikant weiß, dass die Leute Spaß haben wollen, und wenn das Akkordeon („das Schifferklavier”) weint, dann setzt er die tragische Mine auf, zwinkert aber ab und zu mit den Augen. Der S-Bahnwagen wird leicht zum Partyraum, und Spaßverderber gibt es überall. Sie sind angestrengt mit ihrem Handy beschäftigt, mit dem man vor dreißig Jahren noch nichts im Sinn hatte. Damals musste man seinen Lieben noch nicht mitteilen, dass man in der S-Bahn sitzt irgendwo zwischen Greifswalder Straße und Prenzlauer Allee. Heute interessiert das im Prinzip ja auch niemanden. Der Professor hatte sein Katzenauge noch nicht direkt am Fahrradhelm. Er war damals auch noch nicht so verliebt in seine Klarsichtfolien. Die Zufallsgesellschaft im S-Bahnwagen war nicht so bunt, so international. Deshalb werden die Leute doch wohl irgendwann anfangen, zu tanzen oder wenigstens mitzusingen, verdammt noch mal. Ansonsten reicht es auch, wenn ihnen das Portemonnaie locker sitzt. Sie brauchen gar nicht so blöde wegzugucken.

Berlin Alexanderplatz (23): Rainy Day

So’n Schirm kann ooch fliegen, wenn’s sein muss

So’n Schirm kann ooch fliegen, wenn’s sein muss

Ich fahr mit dem Regio und lese ein paar Zeilen Adorno über den Standort des Erzählers im zeitgenössischen Roman. Sowas kommt in den öffentlichen Verkehrsmitteln immer gut an (aber nicht darum tue ich es). Der Mann neben mir sieht aus wie Gregor. Er fixiert mich, ohne zu reagieren, klar, wir sind nach einem Stellvertreterkrieg durch eine Feindschaft verbunden. Als er aufsteht, ist er nur halb so groß wie Gregor, und da Menschen durch Feindschaften nicht schrumpfen, kann er nicht Gregor sein.

Alexanderplatz im Dauerregen. An einem solchen Tag hellen die Schirme das Bild etwas auf. Der rote Schirm des Bratwurstverkäufers, der bei diesem trostlosen Wetter seine Ware schützt, die sowieso keiner kauft. Unter der S-Bahn-Brücke ein paar Trommler, die auf Plastikeimer eindreschen. Im New Yorker statten sich selbstverliebte Jugendliche mit Klamotten aus. Dieser Shop ist ihre Welt. Immer im Trend. Wer hier kauft, kann sich im Vergleich zu den Primark-Kunden sogar als was Besseres fühlen. U-Bahn. Eine einsteigende Dame deutet herrisch auf den Rucksack des langen Lulatschs; er soll den wegnehmen, damit sie sitzen kann. Der Lulatsch und ich, wir grinsen uns an.

Im Restaurant ist die Rentnerhölle los, und auch unser Tisch ist nur bis 18 Uhr frei, dann kommt das Bundespresseamt. Das Bundespresseamt in Ostberlin? Das gab’s ja wohl noch nie. An den Rentnertischen werden drei festliche Reden geschwungen, teils im Sitzen, teils im Stehen. Diese fröhlichen Rentner sind ein Problem. Ich bin auch einer, aber ich fühl mich nicht zugehörig, sagt Verheugen. Er ist stolz auf seine Plastiktüten, die ihn nichts kosten und die jedes Kulturgut, ob Buch, Film oder Schnaps beherbergen. Es sind meistens Apotheken- oder Buchhandlungstüten. Er gibt mir den zweiten Band von Raddatz’ Tagebüchern zurück und leiht mir einen Band mit Interviews von Iris Radisch aus. Ich könnte mir was Schöneres vorstellen. Er meint, das Buch sei amüsant. Außerdem schenkt er mir eine Flasche mit Güstrower Klarem, meine Heimat. Alles in passende Plastiktüten eingehüllt. Von dem Schnaps hält er nicht viel, er hat nur 32 %, ich könne ihn zum Fensterputzen verwenden.   Verheugen bekennt seine Abneigung gegen die Kichertalkshows. Wozu auch die vom NDR mit Schöneberger und Burkhardt gehört, die er einmal mochte. Jetzt hat er genug von der lachenden Frau. Ich denke auch, dass die weichgespülten lachenden Moderatoren fehl am Platze sind, die Zeiten haben sich geändert. Die Kellnerin der Rentnertische war mal eine Handballnationalspielerin, man sieht es an der Statur, und der hintergründige Wirt ein Fußballprofi, der den Durchbruch nicht ganz geschafft hat. Heute erzählt er Geschichten, wenn er sich mal von seiner hintergründigen Rolle löst. Von der durch den Fernsehturm hervorgerufenen Sonnenfinsternis oder von den Flüchtlingen, die das Restaurant betreten und, ohne zu säumen, in die Küche gehen, wo sie anfangen, Gemüse zu schnippeln und zu kosten. Bisher sind es immer nur zwei von den vielen Tausend, aber was soll er tun, wenn sie zu zehnt kommen oder zu hundert? Er kann die Polizei rufen, aber er weiß auch, dass die Polizei nicht reagieren wird.

Nun müssen wir unseren Platz verlassen, denn der Tisch muss für das Bundespresseamt eingedeckt werden. Als dann Koryphäen des Bundespresseamts in einer Schlange, die gar nicht wieder aufhören will, erscheinen, wissen wir auch, was von den Erzählungen des Wirts zu halten ist. Es sind übergewichtige Touristen mit aufdringlichen Anoraks, die es keine zehn Minuten aushalten, ohne vor die Tür zu gehen und eine Lulle durchzuziehen. Ha ha, Bundespresseamt! Herr Karl, der Wirt, ist nicht auffindbar. Wahrscheinlich hat er sich in seiner Küche versteckt und verhandelt mit den Flüchtlingen. Mit Händen und Füßen.

Wieder mal St. Pauli in der Alten Försterei

Oktober 20, 2015 1 Kommentar
Nach dem Spiel: Erleichterung

Nach dem Spiel: Erleichterung

Thiel macht heut den Doppelpack, sagt ein Unioner in der S-Bahn.

Schön, dass er wieder dabei ist, sagt sein Kumpel.

Guter Mann, ergänzt der Unioner. Höchstes Lob.

Die Schlange vorm Einlass ist lang und kompakt. So schlimm war’s noch nie, sagt unser Boss, wieso eigentlich, ausverkauft ist doch sowieso immer. Was soll denn heute anders sein! Vorne zeigt sich, dass die Ordner heute nicht nur Ordner sein wollen, sondern auch Entertainer und immer mal wieder Pause einlegen bei der Kontrolle der Karten, um mit Kindern zu scherzen oder ihren Kollegen Anweisungen zu geben.

Wir haben kaum einen Platz gefunden im Gedränge auf der Tribüne, da geht’s schon los. Union Berlin gegen St. Pauli, das heißt elf Fußballgötter gegen elf Na-und-Fußballer. Unser alter Freund Ewald Lienen hat St. Pauli gut eingestellt. Die Jungs sind bissig vor dem Tor. Und bei Union ist die Handschrift des neuen Trainers schon wieder verblasst. Im Abwehrzentrum herrscht öfter mal Konfusion. So fällt das 1:0 für St. Pauli zwangsläufig. Die Union-Fans singen und singen, aber es hilft erst kurz vor der Pause. Zwei Glückstore, die Bälle rutschen einfach so durch. 2:1 (Thiel!) für die Union. Ich kriege einen mächtigen Hieb auf den Schädel von dem feisten Premiumfan hinter mir, es ist keine böse Absicht, einfach die Tolpatschigkeit der Besserverdienenden.

Nach dem Ausgleich wird nicht mehr angepfiffen

Nach dem Ausgleich wird nicht mehr angepfiffen

Nach der Pause wollen die Unioner die Führung mit verstärkter Deckung gemütlich nach Hause schaukeln, aber es kommt wieder zu Irritationen in der Innenverteidigung, St. Pauli gleicht aus und macht auch noch das 3:2. Es ist ein Jammer, nun über zwanzig Minuten die hoffnungslosen Sänger mit ihren kopflastigen B-Songs anhören zu müssen; da steckt keine Power mehr drin, während die Spieler noch mal alles versuchen; aus Krampf wird Kampf und Rausch. Wie kann der den halten, sagt der Premiumfan hinter mir, und noch mal: Wie kann der halten, wie ist das möglich! Zweimal fliegt St. Paulis Torwart Himmelmann durch die Luft und hält todsichere Schüsse. Er hat seinen Namen nichts umsonst. Verhindert den in der S-Bahn vorhergesagten Doppelpack Thiels. In der Nachspielzeit der Nachspielzeit der Nachspielzeit drückt Fußballgott Kessel den Ball doch noch den Ball über die Linie. 3:3. Ich bringe meinen Schädel in Sicherheit. Ewald Lienen zerreißt sich fast wie Rumpelstilzchen, um dann sportlich fair den Fußballgöttern von Union die Hand zu drücken. Ein Unentschieden, das sich für Union wie ein Sieg anfühlt. „Eine Werbung für den Fußball” – wohlgenährte Premiumfans müssen so reden. Das Spiel hat an den Nerven gezehrt. Oder gezerrt. Hoffnungslos Betrunkene taumeln durchs Uniongelände. Ihre Freunde stützen sie. Ansonsten allgemeine Erleichterung. Wir finden uns im kleinen Kreis zusammen. Ick denke, dass Union dieses Jahr eher gegen den Abstieg spielt als um den Aufstieg, sagt Gunnar. Man nickt und geht zur FIFA über. Warum klären die USA den Skandal auf, warum ausgerechnet die? Weil sie es nicht ertragen, dass sie in der Weltsportart Nr. 1 nie einen Blumentopf gewinnen werden? Diese Verschwörungstheorie liegt für die einen auf der Hand, für die anderen geht sie zu weit. Ich kenne keine belastbaren Fakten. Die kennen wir auch nicht, aber es geht doch immer um Interessenlagen.