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Posts Tagged ‘Berlin Alexanderplatz’

Döblin

Vor sechzig Jahren starb Alfred Döblin in Emmendingen bei Freiburg. Er war 78 Jahre alt und hatte nach seiner Rückkehr aus dem Exil keine guten Jahre mehr in Deutschland gehabt. Er fühlte sich vergessen und wenn nicht, dann auf seinen Roman „Berlin Alexanderplatz” reduziert. „Sie hatten mich auf eine Formel gebracht: Schriftsteller des Milieus, der Unterwelt, der Berliner Unterwelt, so dass, als ich in Berlin sprach, mich wieder diese Formel empfing.”

Döblin und Berlin. Er arbeitete als Armenarzt und schrieb; er schaffte ein gewaltiges Pensum. 1933 musste er die Stadt verlassen, 1947, nach dem Exil in Frankreich und den USA, nach Krieg und in der Nachkriegszeit, sah er sie wieder. Man kann nicht sagen, dass er erschüttert war. „Ich wusste schon alles. Es ist keine große Phantasie nötig, nachdem man ein Dutzend zertrümmerter Städte gesehen hat, sich auch diese vorzustellen. Verstümmelung ist Verstümmelung, also auch hier die traurigen Reihen der Häuserskelette, die leeren Fassaden, die Schutthaufen, alles, was die Kriegsfurie und der Brand übriggelassen hatten. ” Als Kind, 1888, war Döblin nach Berlin gekommen, das schon Großstadt war, aber die „eigentliche riesenhafte Entwicklung” noch vor sich hatte. Die Orte, wo er seine besten Zeiten erlebte, sind noch zu erkennen, aber zum Schweigen gebracht. Döblin versucht sich zu erklären, was falsch gelaufen war in Berlin und in Deutschland. Er erwähnt den fürchterlichen deutschen Provinzialismus, den geistigen Rückstand – man konnte sich nicht zur Großstadt, zur Demokratie, ja, nicht einmal zur Gegenwart bekennen. Alle Deutungen helfen ja nichts. Man fällt der Resignation anheim und bleibt, jedenfalls Döblin, angriffslustig und kämpferisch. „Und wieder sehe ich: Ein Mensch hat es leichter als eine Stadt, sich zu ändern. Ein Mensch kann sich wandeln. Eine Stadt stürzt ein.” Ein Kunststück so eine Bemerkung, die sowohl zu zuversichtlich als auch zu pessimistisch ist.

Zitate aus Alfred Döblin: Autobiographische Schriften und letze Aufzeichnungen, Walter-Verlag AG Olten 1980

Berlin Alexanderplatz (29): Schattenflüchter

Schattenflüchter …
© Fritz-Jochen Kopka

Es ist die Zeit des Goldregens und des Flieders. Manchmal trifft uns unvermittelt eine sympathische Duftwolke, hüllt uns sein, und schon sind wir wieder vorbei. Kein Flieder mehr, S-Bahn. Am zweiten Tag ungebremster Sonne suchen wir die Schattenseite in der Bahn, aber die ist besetzt. Man sitzt und schwitzt. Im E-Book-Reader rufe ich Balzacs Verlorene Illusionen auf und bin abermals fasziniert, was der Mann in seiner Zeit bereits über die Ambivalenz der freien Presse wusste. Nicht auszuschließen, dass er gewisse Charaktere erst auf dumme Ideen brachte, was man mit einer Zeitung alles so anstellen kann. So lande ich am Bahnhof Alexanderplatz auch gleich mal im Presseshop. Da sind ein Angeber und ein Geduldsmensch aufeinander getroffen, und der Angeber ruft aus: Dafür hatte ich früher ja nie Zeit! Aber jetzt mache ich das alles. Früher hatte ich dafür nie Zeit.

… und Seifenblasenfänger

Er ist nach Berlin geeilt, trifft sich mit anderen Netzwerkern, sie arbeiten ihre Themen ab, werden aber auch das Jüdische Museum, den Bundestag, die Baustelle des Flughafens aufsuchen. Dafür! Hatte! Ich! Früher! Ja! Nie! Zeit!, ruft er abermals aus. Ihr seid also kein Unternehmen, sondern eine interaktive Gruppe, sagt der Geduldsmensch, um auch mal was zu sagen. Dafür hatte ich früher nie Zeit, wiederholt der Angeber ein übriges Mal. Ich haue ab. Mir eitern die Ohren. (Dafür hatten sie früher nie Zeit, die Ohren.) In einer Nische des Bahnhofsgebäudes hat eine Handvoll Polizeibeamte zwei Verdächtige gestellt. Die Verdächtigen werden nach allen Regeln der Dienstvorschrift auf Waffen, Drogen und Liebesperlen durchsucht. Die Polizisten gehen mit großer Akkuratesse vor, die Verdächtigen schneiden harmlose Gesichter und zeigen Geduld. Profis unter sich.

Nach einem Jahr suche ich wieder mal den Whisky Market in der Winsstraße auf. Auch in diesen stilleren Straßen flüchtet sich alles zu den schattigen Plätzen, und der Whisky Market ist mit seiner Ruhe und seinem dezenten Halbdunkel ein besonders günstiger Ort. Der Verkäufer will wissen, welche Marke ich normaler Weise bevorzuge, und weiß sofort bescheid, in Sherry-Fässern gereifte Whiskys, er könne mir aber, wenn es mir auf eine fruchtige Note ankomme, auch in Burgunder-Fässern gereifte Whiskys nahelegen. Ich entscheide mich für einen Highland Park Single Malt und bedanke mich für die Beratung. Ach, das war doch nichts, winkt der Verkäufer ab. Doch doch, sage ich, das bringt mir schon was.

The singer and the child

An der Straßenbahnhaltestelle klagt ein Mädchen ins Smartphone, dass ihr das Make up verlaufen sei in der Hitze, deshalb schminke sie sich ja selten, aber heute habe sie mal Lust dazu gehabt, und nun sei alles verlaufen. Je weniger sie zu erzählen hat, desto mehr sagt sie. Im Schatten des Funktionsgebäudes am Alexanderplatz singt jetzt Brea Robertson, eine Frau mit einer großen Stimme und einer kleinen Gitarre. Ein Kind hat sich neben dem Gitarrenkoffer niedergelassen, es hat nicht begriffen, dass es das Geldstück hier ablegen soll, die Mutter muss kommen und die Hand führen. Brea lacht, während sie singt, vor ihr hatte Lee Lo ihren Auftritt, nach ihr ein lustiger Typ, sie zupfen alle dieselbe kleine Gitarre und gehören zu einer lockeren Verbindung von Musikanten. Zusammen sind sie weniger allein auf der schattigen Seite des großen Alexanderplatzes. Vor dem Hotel verfolgen die Kleinsten der Kleinen, sofern sie schon laufen können, die Seifenblasen der Seifenblasenmacher. Ein Abenteuer der Poesie.

Sonne im Untergang

Im Haus Berlin sitzt Verheugen, von der Sonne im Beton der Innenstadt gemartert, am kleinen Tisch vorn rechts. Der einzige Tisch im Biergarten, der für ihn in Frage gekommen wäre, wird von Kartenspielern besetzt. Alle anderen sind zu sehr der Sonne ausgesetzt. Verheugen erzählt von den Wölfen Äthiopiens und davon, dass der Löwe kein Dschungel- sondern ein Savannentier sei. Du siehst wohl keine Tiersendungen, fragt er mit leisem Vorwurf. Ich sehe Sportsendungen, sage ich, das ist vergleichbar.

Wir trinken unsere fünf Bier. Dann gehen wir. Die Sonne scheint noch. Das Pflaster dampft noch. Die Kartenspieler spielen noch.

Für den Alkohol bist du verloren

Der Rest ist Schweigen

Der Rest ist Schweigen

An einem Donnerstag in Berlin (4)

Auf dem Alexanderplatz habe ich wieder Hunger und kaufe ’ne Bratwurst. Der ambulante Händler wartet, bis er mein Geld in der Hand hat, dann übergibt er mir die Wurst. Da scheint schon mancher weggelaufen zu sein, ohne zu bezahlen. Hoch oben auf dem Dach des Abrissblocks am Anfang der Karl-Marx-Allee steht ein Mann. Wie ist der da hinaufgekommen? Er zieht sein T-Shirt aus und schwenkt es über seinem Kopf, als habe er einen schwierigen Gipfel erklommen, erhält aber keine Reaktionen von unten. (Der Bezwinger des Mount Everest geht leer aus). Auch ich kann ihn nicht fotografieren, weil ich noch die halbe Bratwurst in der Hand habe. Unter den Bäumen hat sich eine Sinti-, Roma- oder Zigeunerfamilie häuslich eingerichtet. Die Jungen streiten mit den Alten. Verheugen steht im Eingang seines Blocks. Ich höre das bis oben hin, es geht schon den ganzen Tag, sagt er. Wie soll man da nicht ausländerfeindlich sein. Das sind ja deutsche Staatsbürger, sage ich. Haha, sagt er. Dann bist du auch deutscher Staatsbürger.

Das sind so seine Scherze. Die Kellnerin kommt mit zwei Speisekarten. Die Karten können Sie wieder mitnehmen. Wir wollen nur trinken, sagt Verheugen. Die Kellnerin ist einverstanden. Ob ich was gegessen habe? ’ne Bratwurst auf dem Alex. Die sollte man nicht essen. Verheugen hat die Verkäufer beobachtet. Wenn sie morgens ihre Würste auspacken, fällt schon mal einiges davon aufs Pflaster, er hat’s selbst beobachtet, und dann tropft ihr Schweiß auf die Würste und so weiter. Ich weiß, sage ich, eigentlich kann man gar nichts mehr essen. Man kann auch kein Bier mehr trinken. Könnte immer sein, dass sich eine Wespe im Glas versteckt hat.

Verheugen hat nach einem Unfall ein halbes Jahr total abstinent gelebt. Es macht mir nichts aus, sagt er. Für den Alkohol bist du vermutlich verloren, meine ich. Ich werde schon wieder trinken, sagte er, Bier auf jeden Fall, vielleicht keinen Schnaps. Wie ein Leistungssportler nach einer lange Verletzungspause erst langsam wieder Muskeln aufbauen muss, so musst auch du dich wieder fit machen für den Alkohol.

Nun ist es also so weit. Er trinkt die fünf Bier, als wäre zwischendurch nichts gewesen. Nur bei dem Gratisgrappa am Ende zweifelt er, aber nur kurz.

So neigt sich ein Donnerstag in Berlin. Der Alexanderplatz hat sich in Dunkelheit und Schweigen gehüllt. Tut ihm mal ganz gut, wird aber nicht lange dauern.

Berlin Alexanderplatz (27): Suboptimale Idee

Jetzt geht die Party richtig los © Fritz-Jochen Kopka

Jetzt geht die Party richtig los
© Fritz-Jochen Kopka

Der Himmel überm Alexanderplatz war dunkelgrau, die Wolken hingen tief, und schwül war es obendrein. Ein Mann blies in eine Art Alpenhorn. Ein Pflastermaler hatte unter sein Work in Progress eine umfangreiche Legende geschrieben, etwa, dass er Künstler sei, leider ohne Geld, und so bat er um solches, damit seine Kreativität aufblühen könne. Ein Seifenblasenkünstler war ebenfalls bei der Arbeit. Es waren alles keine großen Sachen und die Leute hatten keine Lust, ins Portemonnaie zu greifen; ich ja auch nicht. Manchmal ist das so. In der Schreibwarenabteilung des Kaufhofs stellte ich fest, dass meine Schreibgeräte offensichtlich veraltet sind. Es gibt keine Minen und keine Patronen mehr für sie. Ich wüsste nicht, dass diese Füller und Fineliner älter wären als fünf Jahre, und jetzt kann ich sie wegwerfen, was für ’ne Welt. Ich bin ein Mensch, der seine Sachen gern lange hat, ich gewöhne mich an sie und möchte sie nicht vor den Kopf stoßen, wenn sie mir gute Dienste geleistet haben. Aber wer kann das heute noch verstehen.

Die Dame links hat schon zu viel …

Die Dame links hat schon zu viel …

Wenige Tage später überraschte der Alexanderplatz mit einem Winzerfest. „Für alle Weinliebhaber wird ein Fest für die Sinne geboten. Winzer aus den verschiedensten Anbaugebieten Deutschlands und Österreichs werden euch mit den edelsten Tropfen verführen. Für die Unterhaltung sorgen die Live-Auftritte der unterschiedlichsten Musiker”, hieß es in der Eigenwerbung. Ein mutiger Griff ins höhere Preissegment. Das Glas Wein 3 €, die Flasche 16 bis 18 €. Für den Alexanderplatz passt das nicht. Auch die Imbissstände boten vornehme Kost. Die Leute saßen auf hölzernen Bänken, rauchten und hatten schlechte Laune. Frauen hatten mutig oder modisch ihre Sonnenbrillen in die Haare verschoben. Eine betagte Schnorrerin versuchte ein Fachgespräch zu führen mit dem Ziel, die edelsten Tropfen umsonst trinken zu dürfen. Den Wein aus dem Burgenland tranken vier Männer, allesamt mit Sonnenbrillen, kurzen Hosen und Turnschuhen. Sie sahen aus wie Claqueure oder wie nennt man bestellte Weintrinker? Egal. Es war nicht viel los an diesem Tag. Aber noch fehlten ja die unterschiedlichsten Musiker mit ihren geilen Liveauftritten. Es gibt Tage, an denen findet der Alexanderplatz einfach nicht die Akteure, die zu ihm passen.

 

Der Schlaf des Gerechten (7)

Erst die Öffentlichkeit und dann den Schlaf suchen © Fritz-Jochen Kopka

Erst die Öffentlichkeit und dann den Schlaf suchen
© Fritz-Jochen Kopka

Öffentlicher kann man nicht schlafen als in der prallen Sonne auf der Umrandung des Nuttenbrosche genannten Womacka-Brunnens Berlin Alexanderplatz. Leider hat unser Freund seine Flasche nicht ganz geschafft, ehe ihn der Schlaf heimsuchte. Der Schraubverschluss ist runtergefallen, wird aber wiedergefunden werden. Die Lullen sind geraucht, wenn auch nicht ganz bis zum Filter ran. In Phasen der Not geben sie noch zwei bis drei Züge her. Eine Gefahr hat der Kollege nicht bedacht, der Schlaf muss ihn ziemlich plötzlich überrascht haben: Neben seinem geneigten Ohr plätschert der Brunnen. Da kann man leicht einpullern, und das ist eben das, was nicht passieren sollte.

Das alte Nachschlagwerk „Geflügelte Worte“ vom VEB Bibliographisches Institut Leipzig hat mir übrigens gesagt, woher die Wendung „der Schlaf des Gerechten” vermutlich herrührt. Aus der Bibel, die Sprüche Salomos 24.15 und 16: „Laure nicht als ein Gottloser auf das Haus des Gerechten; zerstöre seine Ruhe nicht, denn ein Gerechter fällt siebenmal und steht wieder auf, aber die Gottlosen versinken im Unglück.”

Eine Stunde später ging unser Gerechter durch die Halle des Bahnhofs, die Flasche lässig in der Rechten, etwas benommen von Wein und Sonneneinstrahlung, aber mit durchaus trockener Hose und dankbar für den Schatten unter der Bedachung.

Berlin Alexanderplatz (26): Kurz vor Ostern

März 25, 2016 2 Kommentare
Forder ick dir uff oder du mir?

Forder ick dir uff oder du mir?

Wieder spielte eine Band auf dem Alexanderplatz, dieses Mal unter der S-Bahnbrücke. Es war, wie ich meine, eine englische Band, eine junge Frau und fünf junge Männer. Viel Volk hatte sich um sie versammelt und fotografierte mit gezückten Smartphones. Eine Betrunkene mit bunt bemaltem Gesicht und ein Zugedröhnter, der sich eines Teils seiner Kleidung entledigt hat und seine picklige Schulter zeigt, finden sich zu einem taumeligen Tanz. Es ist Donnerstag vor Ostern und es scheint Mode zu sein, dass die Leute nicht mehr Eier bemalen, sondern ihre Gesichter. Die ewig gleiche Kulisse für alle Feste wird aufgebaut, Buden, Kinderkarussell, Biergarten, Windmühle. Ich bin auf dem Weg zu Verheugen und denke, er sollte hier nicht wohnen bleiben, es kreuzen zu viele abenteuerliche Gestalten hier rum. Bettler mit unterschiedlichen Techniken. Stille Demut in der Kälte und Frechheit siegt. Berlin Alexanderplatz wie bei Döblin. Aber es gibt auch sympathische Tage.

Mach mal Pause, Tambourineman © Fritz-Jochen Kopka

Mach Pause, Tambourine-Man
© Fritz-Jochen Kopka

Karl-Marx-Allee. Ich entsorge den Müll, dazu braucht man einen Schlüssel, sonst kommt man an das Entsorgungsparadies gar nicht erst daran. Die Container für den Hausmüll sind trotzdem am Überquellen. Und wieder gehe ich über den Alexanderplatz. Und wieder spielt eine Band, die aber hauptsächlich von der Konserve lebt. Ein Trinker tanzt mit seiner Pulle und findet es großartig, wenn er das Bier verschüttet, muss er es nicht mehr selber trinken, hat sowieso genug. Zwei Funkwagen stehen bereit. Die Bullen sehen sich das nicht lange an. Bei kik kaufe ich eine Freizeithose der Marke Identic und zwei Boxershorts. Beileibe nicht für mich. Jetzt habe ich Hunger und ordere eine Currywurst XL. Was zu trinken?, fragt der Verkäufer, Bier, Cola, Wasser, Wein, Schnaps? Nein. Nichts. Bei der Soße müssen sie noch lernen. Sie ist so dick wie Pudding und schmeckt auch ein bisschen puddingmäßig. Gegen acht gehe ich ein letztes Mal an diesem Tag über den Platz. Je dunkler der Alex ist, desto unheimlicher wird er auch. Auf in den Südosten Berlins, sage ich. Das ist eine ruhige und harmlose Gegend, meinte einst ein Mitarbeiter der Bundestagsverwaltung, der von Bonn nach Berlin ziehen musste.

Berlin Alexanderplatz (25): Bulle Bulle Spaßverderber

Suspicious Minds ohne Verstärker © Fritz-Jochen Kopka

Suspicious Minds ohne Verstärker
© Fritz-Jochen Kopka

Der Currywurstbrater im Bahnhof hat Superlaune. Er witzelt über nicht verhandelbare Preise, er pfeift, singt und wünscht jedem Kunden ein schönes Wochenende. Einmal, wenn er zahlt. Und einmal, wenn er geht. Und draußen Berliner Februarsonne. Gibt immer noch Leute, die über die Weltzeituhr staunen. Leute, die den Womacka-Brunnen, sich selbst und ihre Freunde fotografieren. Frauen, die auf dem Brunnenrand sitzen und ihre Einkäufe auswerten. Männer im vornehmen Schwarz, die, ebenfalls auf dem Brunnenrand, Ausschau halten. Nach jemandem, der das Wochenende verschönen könnte, I am a lonely boy. Es gibt keine Goldgräber auf dem Alexanderplatz, aber Müllgräber, die in den kugelrunden Behältern nach wertvollen Dingen suchen, die andere Leute wegwerfen. Stolze Eltern, die ihre Kinderwagen schieben, aber nicht mit den Kleinen sprechen, sondern mit ihren Smartphones. Vorm Kaufhof hat sich ein Bettler niedergelassen, der mit schwerem Gepäck reist. Und noch ein Stück weiter vorn singt und klampft Geraint John Jones, der Mann aus Wales, aus Brigdend, aus Leeds, aus Paris und Berlin. Das sind seine Heimatstädte, in ihnen hat er seinen Song geformt, deren Einflüsse hat er aufgenommen. Er hat seine erste CD produziert, er plant eine Tournee durch Frankreich und Deutschland, und er ist gut. Die Fans fangen an zu wippen und zu tanzen, kommen zu ihm und werfen Münzen in seinen Gitarrenkoffer und nicht nur Münzen. Und Geraint John registriert das Anwachsen seiner Einnahmen wohl, aber man sieht es ihm nicht an, er lächelt nicht, er verbeugt sich nicht, er ist ganz bei seinem Song. Und dann sind die Bullen bei ihm. Wo ist die Auftrittsgenehmigung. So ein Wort hat Geraint John wahrscheinlich noch nie gehört. Auf dem Alexanderplatz darf man nur mit Auftritts- oder Ausnahmegenehmigung spielen. Auf dem Hackeschen Markt dürfe man spielen. Und auf dem Alexanderplatz mit Verstärker und Mikrofon schon gar nicht. Geraint John hört sehr höflich zu. Er kennt die Straßen und die Polizisten dreier Länder. Kein Problem, sagt er, darf ich noch einen Song spielen, ohne Verstärker? Die Bullen heben die Schultern und gehen zu ihrem Einsatzwagen. Geraint John zieht das Kabel aus dem Verstärker und spielt Suspicious Minds. Argwöhnische Gedanken. Er muss sich ganz schön ins Zeug legen, besonders stimmlich. Dann packt er ein und wünscht seinen Fans noch einen schönen Tag.

Die Bullen stehen an ihrem Einsatzwagen. Sie haben ihren Job gemacht. Bettler, Säufer, Müllsucher und Taschendiebe lassen sie gewähren.