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Archive for November 2018

Berlin Alexanderplatz (33): Uff’m Saturn

Die Galaktischen vom Saturn
© Fritz-Jochen Kopka

Ich dachte, kaufste dir mal wieder ’ne ordentliche Jeans und lässt dabei ruhig etwas Geld liegen. Versuchste es im Levi’s Shop am Alexanderplatz. Geld liegen lassen ist die eine Seite, die andere ist ja – gerade in der Winterzeit – die bedrückende Enge in der Umkleidekabine, wo dir der Schweiß ausbricht und aus der Nebenkabine die endlosen Gespräche der Teenager herüberdringen, die nie allein in so eine Kabine gehen und dort rhetorisch zur Hochform auflaufen. Wenigstens arbeiten in diesem Levi’s Shop junge Typen, die echt Ahnung von ihren Hosen haben, schnell rauskriegen, was du eigentlich haben willst und dich ohne Schleimerei beraten. Aber der Clou ist dann doch die Kabine: Die ist richtig groß und komfortabel, eine Einzelkabine, also du hörst nicht diese entzückenden Mädchengespräche von nebenan und kannst dich in aller Ruhe mit deinen potentiellen neuen Hosen auseinandersetzen. Ich hatte zwei mit rein genommen, Hüftweite 31 und 30, die 31 war schon bequemer, aber die 30 eben anspruchsvoller, und der Typ meinte, wenn man sich viel bewegt, Fahrrad fährt und so, dann gibt die auch ein bisschen nach. Ich kaufe selten die weitere Hose, man will sich Ziele setzen. Den Rest macht mein Kollege an der Kasse, sagte der Verkäufer, den bitteren Rest, sagte ich, denn ich hatte einen Blick auf das Preisschild geworfen, da grinsten die beiden Typen zufrieden.

Die Dächer des Weihnachtsmarkts

Hart am Rand des Weihnachmarktes (die Wiederkehr des ewig Gleichen) ging ich zum Saturn. Es war nicht besonders betriebsam, Weihnachten ist noch weit, die hektische Suche nach Geschenken ist noch nicht ausgebrochen. Neben der Verkaufsfläche, direkt an der Glasfassade im dritten Obergeschoss, hat die junge Generation einen neuen inoffiziellen Treffpunkt gefunden. Sie sitzen dort in Zweiergruppen und arbeiten mit ihren Handys, vielleicht auch den Smartphones, die sie erst noch zu kaufen gedenken. Zum Teil haben sie ihre Jacken abgelegt, sie brauchen keine Stühle, keine Tische, kein Käffchen und keinen Longdrink. Sie lassen sich nicht stören von den Alten, die nur mal runter auf den Weihnachtsmarkt schauen wollen, und sie können sich hier oben im Saturn nicht zu Unrecht galaktisch fühlen.

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Nicholas Nixon und die Brown Sisters

Nicht unbedingt der schönste Ort in Berlin

Heute haben wir Glück. Die Bahn fährt durch bis Bahnhof Zoo, den Sehnsuchtsort der frühen Jahre. Auch wenn unentwegt an der Aufwertung des Quartiers gewirkt wird, fällt es doch auf der Kehrseite unaufhaltsam der Verslumung anheim. Obdachlose, Trinker, Versehrte kreuzen deinen Weg und erkennen dich als Fremden. Die zahlreichen verschlossenen Türen des Kinos Delphi Lux, deren Pfeile auf den einen und einzigen wahren Eingang hinweisen. Die Schlucht neben dem Bahndamm. Ein Mofa fährt frech auf dem Bürgersteig.

Das C/O Berlin im Amerikahaus zeigt zwei Ausstellungen, Nicholas Nixon und Back to the Future, aber wir wissen schon, dass wir mit Nicholas Nixon genug zu tun haben und heute keinen Weg zurück in die Zukunft finden werden. Rein mit den Sachen in die Schließfächer und auf in die Räume.

Familienleben. Der Fotograf fotografiert Frau und Kinder

Nicholas Nixon. Jahrgang 1947. Er begann mit einer Leica M 3 (für die er seine Ersparnisse zusammenkratzte) und ging zu einer Großformatkamera 8 x 10 Zoll über. Sein Held war Henri Cartier-Bresson. Die erste große und berühmt werdende Arbeit war City Views, Blicke auf die Stadtlandschaft von Boston. In Boston bin ich mal, von New Hampshire kommend und nach Berlin zurückfliegen wollend, einen dreiviertel Tag gewesen. Die Stadt schien mir kultivierter und fröhlicher zu sein als die anderen beiden amerikanischen Städte, die ich kannte, New York und Los Angeles. Es war aber auch ein besonders freundlicher Tag. Nixon sah auch hier eine den Menschen überfordernde Umwelt. Im Anschluss ging er direkt in die Quartiere der Leute, fotografierte mit seiner umständlichen Großbildkamera am Charles River bei Boston, in den Armensiedlungen Floridas und Kentuckys. Ein Raum der Ausstellung zeigt Menschen auf ihren Veranden. Nixon musste stets lange mit seiner wuchtigen Kamera hantieren, dabei kam er den Leuten auf den Veranden nahe, sie verstellten sich nicht, sie machten, was ihnen gerade einfiel, sie schauten in die Kamera, schauten zu ihren Freunden, in sich hinein oder ins Nichts. Wir sehen übergewichtige Jugendliche, erschöpfte Kinder, verliebte Paare, einen Mann, der am Sonntag platt wie eine Flunder unter seiner Limousine liegt, die Zeit steht still.

Lost in Exhibition

Es ist nicht falsch, Nicholas Nixon als einen Mann zu sehen, den das Glück nicht vernachlässigt hat. Im Haus seiner Eltern gab es keine Bücher und keine Musik. Er arbeitete in einem Laden mit Kunstbüchern, befasste sich im Studium mit amerikanischer und englischer Literatur. „Im Sommer vor meinem letzten Bachelor-Jahr belegte ich einen Fotokurs und war sofort begeistert.” Die Lust am Fotografieren, das für ihn dauerhafter, klarer und manchmal auch schöner ist als das normale Sehen, ließ ihn nie wieder los. Er bekam eine Teilzeitstelle am Massachusetts College of Art and Design, so dass er nicht darauf angewiesen war, Bilder zu machen, die sich gut verkaufen. Er heiratete Bebe Brown, fotografierte sie und ihre drei Schwestern Heather, Laurie und Mimi auf einer Familienfeier. Mit dem Bild war er unzufrieden, er vernichtete es, aber im Jahr darauf, 1975, fotografiert er die Schwestern, von links nach rechts Heather, 23, Mimi, 15, Bebe, 25, und Laurie, 21, unter freiem Himmel, und von da an jedes Jahr bis 2017 und immer in der gleichen Aufstellung, Heather, Mimi, Bebe, Laurie. „The Brown Sisters” wurde Nixons berühmteste Arbeit. Sie zeigt, wie offen wir in der Jugend sind, was die Jahre mit uns machen und wir mit den Jahren. Der einen setzt das Leben mehr zu als der anderen; das Glück wird nicht zu gleichen Teilen vergeben, das Unglück auch nicht. Manchmal geht die Entwicklung kaum merklich voran; und im nächsten Jahr scheint etwas Entscheidendes geschehen zu sein. Die Augen, plötzlich glanzlos, der Mund, plötzlich bitter, sind verräterischer als die Falten. Wer am leidenschaftlichsten, am erwartungsvollsten war, hat vielleicht auch am meisten gelitten.

Nixon sieht dem Leben ins Gesicht, er ist ins intime Dasein von Paaren gegangen, zu Alten, zu Aids-Kranken. Aber wir denken, als wir das Amerika-Haus verlassen, an Heather, Mimi, Bebe und Laurie. Zweiundvierzig Jahre Leben mal vier. Oder mal fünf. Die Jahre des Fotografen sind mitzuzählen.

 

Den Fußball versteht nur einer

Rolltreppe runter

Als ich einschaltete, hatte Leroy Sané gerade das zweite Tor geschossen, ich sah noch die Wiederholung. Deutschland – Niederlande 2:0. Ich hatte gedacht, einer Beerdigung erster Klasse beizuwohnen und erlebte nun eine Wiederauferstehung? Heikel war die Lage trotzdem. Trainer Löw hatte sich sozusagen eine doppelte Falle gestellt. Wenn er Sané nicht aufbietet, würden alle sagen. Warum stellt dieser Versager ihn nicht auf. Und wenn er ihn mitspielen lässt, sagen sie: Mann! Warum hat er den nicht mit nach Russland genommen! Zur WM! Alles wäre anders gekommen. Ja. Werner, Gnabry, Sané. Deutschland hat jetzt einen schnellen Sturm. Und wer einen schnellen Sturm hat, hat auch die Chance steile Pässe zu spielen, die die Deckung des Gegners aufreißen. Und wir, also die Deutschen, griffen früh an, gaben den Niederländern keine Chance, ins Spiel zu finden, die Räume waren zugestellt. Und wir hatten weiter gute Gelegenheiten, das 3:0 zu machen. Jeder weiß, dass ein 2:0 ein gefährlicher Spielstand ist. Und ich wartete darauf, dass noch was passiert, etwa, dass Neuer bei seinem ständigen Rauslaufen hängenbleibt und der Ball in unserem Tod landet. Trainer Löw hatte eine lange, lange, lange Glückssträhne. Das ist jetzt vorbei, was nicht heißt, dass er jetzt eine Pechsträhne hätte, nein, er ist einfach auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Nicht wenige Leute sagen ihm – optisch durchaus nachvollziehbar – eine Verwandtschaft mit Mireille Matthieu nach. Der große Mann mit der kleinen Stimme. Der mir wie ein Schlafwandler vorkommt. Sätze wie im Halbschlaf: Wer denkt, dass wir immer unter den Top Vier der Welt sein müssen, hat den Fußball irgendwie nicht verstanden. Kein Mensch hat das erwartet. Aber wir sind ja alle blöd. Und der Schlaue wechselt seine drei schnellen Stürmer aus. In der 85. Minute machen die Holländer das 1:2. Danach bleibt ihr langer Innenverteidiger vorn, in unserem Strafraum. Nicht umsonst. In der Nachspielzeit haut er den Ball volley rein. 2:2. Welttorhüter Neuer ist verzweifelt. Wieder kein Sieg am Ende dieser total verkorksten Saison. Moderator Matthias Opdenhövel fragt in der Nachbereitung, ob man den Sané nicht doch hätte mit nach Russland nehmen sollen. So wie er jetzt spielt, sagt Trainer Löw, und unterstellt, dass Sané, den er nun wieder wie Sahne ausspricht, nur dadurch so ein guter Spieler geworden ist, dass Löw ihn aus dem Aufgebot strich. Daraus habe er seine Lehren gezogen und sei dieser Klassespieler geworden. Opdenhövel lässt nicht locker. War er nicht schon vor der WM so gut? Schnee von gestern, ruft Löw in einem missglückten Ironie-Versuch. Er gebärdet sich wie ein Gewinner, obwohl er verloren hat, was man irgend verlieren kann. Mit seiner aberwitzigen Idee, Sané zu streichen, hat er sich selbst in eine groteske Lage gebracht. Er kann nur hoffen, dass der Spieler sich demnächst verletzt oder in die Formkrise gerät. Die Dramaturgie der Löw-Epoche scheint darauf hinauszulaufen, dass er zum Totengräber des deutschen Fußballs wird, vom Weltmeistertrainer zum Totengräber.

Rolf Hoppe gedenken

Woher stammen Sie, wo leben Sie, fragt Rolf Hoppe am Telefon klammheimlich und sympathisch ungelenk, ich sage Güstrow, in Leipzig studiert, und dass ich mal von dort nach Dresden getrampt bin, um mir den Besuch der alten Dame anzusehen, das war doch mein Durchbruch, sagt Hoppe, und von dem Moment an ist seine Einstellung positiv.

Das war 2005. Der jetzt, im Alter von 87 Jahren, verstorbene Rolf Hoppe, ging auf die 75 zu. Er hatte offensichtlich keine Lust, sich von einem so karrierebewussten wie ahnungslosen Westjournalisten ausfragen zu lassen, der sich darüber wunderte, dass der DDR-Schauspieler auch nach der Wende noch große Rollen bekam, und war beruhigt, dass ich einigermaßen bescheid wusste.

Ich fuhr nach Dresden und von Dresden in den Ortsteil Weißig, wenn mich nicht alles täuscht in eine Hermann-Löns-Straße. Hoppe hatte sich auf sein Grundstück ein Blockhaus bauen lassen, was seiner Frau nicht unbedingt gefiel, aber er bekannte sich zu seinem Fimmel, der vielleicht mit den Indianerfilmen zu tun hatte, in denen er den Schurken spielte.

Wir saßen in der sogenannten Kitschecke, an einer Wand, die seine Töchter mit Bildern und Dokumenten seiner Laufbahn gestaltet hatten.

Bei der DEFA, erzählte Hoppe in seinem Blockhaus, glaubten sie nicht, dass so ein Dicker wie ich reiten kann, bei der DEFA waren sie empört, dass die Schauspieler immer schrieben, ich kann reiten, fechten, singen, tanzen, schwimmen, und da wollten sie mich Dicken vom Pferd fallen lassen. Aber das war mein erster Beruf, ich war Pferdepfleger mit fünfzehn Jahren, da hab ich kutschiert, und als ich keine Stimme mehr hatte, bin ich zum Zirkus Aeros gegangen und dort hab ich auch wieder Pferde geputzt. Reiten konnt’ ich, keine Schulreiterei! Und das ging ziemlich gut, ich rutschte runter, hing noch am Westernknauf, hab da unheimliches Zeug geschrien, und da haben sie mich genommen. Max Reinhardt hat mal gesagt, das Schönste am Schauspielerberuf ist, dass man seine Kindheit in die Tasche gesteckt hat. Das hab ich immer bei mir gehabt. Ist mir doch egal, ob da ’ne Kamera steht! Ich spiele Trapper und Indianer. Nun war ich der Böse, und man hat mich immer wieder besetzt. Das war Freude und Spiel und die schönsten Tage waren die, wo ich nicht drehte und mit den Pferden durch die Gegend ritt und Hilfsarbeiten im Stall machte. Da hab ich mich immer wohl gefühlt und Gojko war ein freundlicher Mensch. Ja ja, hab ich auch gedacht. Indianerfilme: Sowas kann doch die DEFA nicht! Als ich sie jetzt gesehen habe, hab ich nicht bedauert, dass ich da mitgespielt habe. Sie waren eben anders. Und es waren auch Träume.

Den Weg zum Schurken gehobenen Formats haben wohl wirklich die Indianerfilme Hoppe gewiesen. Vorher hatte er die Clowns, die Harlekinos, die Weichen gespielt. Er hatte auch für sich selbst etwas Un-Ausrechenbares und wunderte sich, als er die Muster sah: Als ich auf einmal so böse gucken konnte und auch so gescheit! Da war ich sehr erstaunt.

Und damit ging er dann um. Das brachte er dann zur Perfektion. Er war wohl auch ein Dichter. Er brachte in jeden dieser Bösewichte seine Deutung, eine selbst erdachte Geschichte ein. Wo kommt der her? Warum ist der so? Wo geht der hin? Am prägnantesten vielleicht als General gleich Hermann Göring in Istvan Szabos „Mephisto”, den er gar nicht spielen wollte, weil er, der vielbeschäftigte Schauspieler, seinen Töchtern einen Urlaub auf Rügen versprochen hatte. Aber Budapest ist auch eine schöne Stadt, sagte Szabo, da können Sie auch Ferien machen, und da riefen meine Kinder, wir waren noch nicht mal in der Tschechei, noch nie im Ausland, und da war ich natürlich geliefert. Da hab ich die Familie genommen und habe im Mephisto gespielt, und das war auch gut so. Szabo hat mir erklärt, warum er mich haben wollte, da hat er was von den Augen gesagt, auch davon, dass man nicht weiß, wohin mit mir, wie einordnen, das Irritierende …

So war Rolf Hoppe. Es war ein sonniger Tag in Dresden-Weißig. Er hatte dort einen Dreiseithof gekauft und ein Hoftheater daraus gemacht. „Theater, die Kunst, die dem Leben am nächsten ist, also nah, nah, nah, nah, nah. Ich würde da gerne spielen, aber ich habe kein Stück gefunden, das mir Spaß macht, und so arrogant bin ich, ich spiele nur ein Stück, das mir Spaß macht. Haben Sie ein Stück für mich? Für’n ollen Knacker? Ich hab wirklich nachgeguckt und nachgeguckt, und hab eben nichts gefunden.”

Mir ist, als wäre das vor einem Monat, einer Woche gewesen. Auch ein erfülltes Leben hat seine Leerstellen. Und auch das ist gut so.

Macht euch nicht ins Hemd

In Berlin sind die Wasserwerfer unentwegt im Einsatz
© FJK

Am Laden steht immer noch Obst und Gemüse wie zu DDR-Zeiten, aber er ist längst in vietnamesisch-chinesischer Hand, schon in der zweiten Generation. Mit der Enge zwischen den Regalen hatte der große alte Mann seine Schwierigkeiten, er hatte einen Rollator, einen Krückstock und einen Hund dabei, zeigte auf diese und jene Ware, der Chinese legte sie ihm in die Tasche. Dann fiel der Krückstock rasselnd zu Boden, und der Alte sagte genervt: Scheiße. Das konnte ich so nicht stehen lassen und sagte: Scheiße ist was anderes. Der Chinese sagte kein Wort, aber ich sah, wie er vergnügt grinste.

Wie komme ich jetzt darauf. Ich komme darauf wegen einer speziellen Sparte im deutschen Journalismus, die etwa heißt: Beschreibung der Katastrophenstadt Berlin. Der nicht fertig werdende Flughafen reicht ja nun nicht mehr, daran haben sich die Rezipienten gewöhnt. Jetzt haben drei Spezialisten von Spiegel online den neuesten Katastrophenbericht verfasst. Sie heißen Beier, Schmundt und Weidermann, ja, genau jener Weidermann, der im Konfirmandenanzug im Literarischen Quartett sitzt, ein Feingeist bestimmt. Ich habe nur den ersten Abschnitt gelesen, danach hätte ich mich anmelden oder bezahlen müssen, das reichte auch. Demnach ist Berlin Kampfzone. Jeder „will sich die Stadt untertan machen … Überall pinkeln Männer an Bäume wie Hunde … Mütter schieben mit ihren Zwillingskinderwagen wie Rollkommandos über die Gehwege … Kampfradler brettern über die Bürgersteige … ”

Wat denn, wat denn! In Köln pinkeln die Männer sogar an und in den Kölner Dom. Dass die Mütter in Berlin offensichtlich nur Zwillinge gebären, dafür können sie nichts (vor Jahren noch witzelte der Kunstkritiker Seibt aus München: „Warum lächeln Berliner Damen immer so kinderlos?”), und warum man nicht auf Bürgersteigen Rad fahren soll, leuchtet mir nicht ein; man fährt in aller Regel sehr dezent. Klar, es gibt sone Radfahrer und solche. Wer nur auf der Straße fährt, gehört zu einer anderen Generation. Man fährt einfach da, wo Platz ist.

Schon seltsam: Man lebt zur selben Zeit in derselben Stadt und bekommt von den ganzen Dramen gar nichts mit. Aber die Berichterstatter. Und da sie hier leben und sich dem aussetzen, sind sie eben auch Helden und möchten so gesehen werden.

Nach meiner Erfahrung ist Berlin eine Stadt, in der es die Leute draufhaben, ziemlich lässig miteinander auszukommen. Und es sind Leute aus aller Herren Länder.

Ich weiß ja auch: Im Journalismus wird nur noch wahrgenommen, wer mächtig übertreibt oder die besonders heiklen Teile der Wirklichkeit generalisiert. Man muss sein Blatt verkaufen. Aber wo soll das hinführen! Irgendwann pinkeln in Berlin die Männer dann nicht mehr an die Bäume, sondern sie scheißen vor die Ladentür. Und Mütter erschrecken die Feingeister von den Medien mit rasenden Vierlingskinderwagen.

 

Die Bilder des Sizilianers

Unter Tigern
© FJK,ADe

Wir waren von einem späteren Beginn ausgegangen, und dann kam noch der Schienenersatzverkehr mit seinen Unwägbarkeiten und Kampfszenen, aber auch seinen unerwarteten Solidaritätsbekundungen hinzu.

Die Galeristin, der Maler, eine Bewunderin, der Weißwein

Als wir bei Helle Coppi endlich anlangten, waren die einführenden und einfühlenden Worte längst gewechselt für Isabelle Dutoit (Sieben Tiger) und Giuseppe Madonia (Vedute Interiori), zwei Maler, die eine aus Groß- Gerau, der andere aus Palermo gebürtig, Giuseppe, der Sizilianer, der seit 1982 in Berlin lebt, wo er viele Haare verlor und seinen Weg zur Kunst fand oder wiederfand, ohne Akademien. Wir kannten ihn schon von einem Salonkonzert und sahen ihn wieder mit einem Weißweinglas in der Hand, umringt von Kunstkennern und Enthusiasten, die ihn fühlen ließen, wie sie seine Kunst verstanden und schätzten. Giuseppe, so schien es uns, war dabei nicht ganz wohl zumute, so dass ich mich bemüßigt fühlte, ihm zu sagen, dass er das Bad in der Menge genieße, aber so viel Ironie hatte er mir nicht zugetraut.

Die Stadtmetaphern des Sizilianers

Seine Bilder hingen unten, im Kabinett genannten Keller der Galerie, Ölpastelle auf verschiedene Pappen gemalt, ein Kritiker hat sie als Stadtmetaphern bezeichnet, das trifft es ganz gut, ein anderer schrieb von der Verbindung des Mediterranen mit dem Nordischen. Giuseppes Stadtmetaphern sind in der Realität nicht auffindbar, wobei die wirklichen Städte ihn durchaus inspirieren. Das wird im Kopf oder soll ich sagen in der Seele gespeichert und kommt modifiziert wieder hoch und auf die Pappe. Wir sahen seine Häuser nicht als Steingebilde, sondern als Wesen, als Individuen. Ja, sagte Giuseppe, der schon erschöpft schien von den vielen Antworten, die er geben musste, es geht mir um Humanität. Hauptsächlich wohl um Kunst, um Schöpfungen, um Stadtmetaphern, die innere Bilder wiedergeben.

Einmal hat Giuseppe gesagt: „Ich finde in der Gegenständlichkeit liegt eine gewisse Abstraktion. Ich betrachte meine Bilder als abstrakt. Man erkennt dort wahrscheinlich Gebäude und Landschaften, im Grunde genommen sind das aber Abstraktionen.” Anregende Gedanken, die einem beim Betrachten der Bilder einiges geben. Man denkt vielleicht an Italo Calvinos unsichtbare Städte und fühlt sich in diese Stadtfragmente hinein. Wie würde es einem als Teil dieser Stadtstücke ergehen? Was würde einem geschehen? Ich würde eine Verlorenheit empfinden, die mir kostbar vorkommen könnte, würde mich verbunden fühlen mit den altmeisterlichen Farbigkeiten und könnte mir vorstellen, auf Exponenten aller möglichen Zeiten zu treffen

Kinder und Hunde fallen schon noch auf unter den Freunden der Kunst

Wieder oben in der Galerie konnten wir nach den scheinbaren Wirklichkeiten die scheinabren Unwirklichkeiten Isabelle Dutoits kaum noch würdigen, diese uns so fremden Tiere und üppigen Vegetationen, die aus dem Bildhintergrund hervortreten und sich wieder auflösen. Ein anderes Mal.

Eine Galerie ist ein schöner Ort für einen Samstagabend. Es gibt so viel zu sehen und zu reden. Die meisten Kunstkenner tragen schwarze Kleider, und schließlich sind auch Kinder und Hunde unter ihnen. Der Junge in der grünen Kapuzenjacke stand ungerührt und stocksteif zwischen all den schwarzen Hosenbeinen. Eine Kunst für sich.

Herbstlaub und Stille

Im Reich der Dromedare
© FJK

Wir waren in der M 17 (und die war sehr voll), um zu den Gärten der Welt zu fahren, als uns plötzlich einfiel: Tierpark? Ja, warum nicht? In den Gärten der Welt waren wir in den letzten Jahren öfter mal, im Tierpark ewig nicht. Der Tierpark ist das Gute, das einfach zu nah liegt. Und 14 € Eintritt kostet. Mehr als eine Flasche Johnny Walker, würde Verheugen mit Bitterkeit sagen. Die Tickets muss man im Tierpark-Shop holen, wo man animiert wird, auch manches Andere zu kaufen, zum Beispiel einen Untersetzer mit bunten Vögeln drauf. Wir setzen eine Zebramaske auf und machen ein Foto. Die Verkäuferin sieht diesen Missbrauch gar nicht gern.

Dann sind wir drinnen. Ein paar bunte Totempfähle. Herbstlaub und Stille. Viel Fläche, wenig Tiere. Könnten sich in ihren Bau zurückgezogen haben. Winterschlaf. Zwischen Bäumen ein Friedhof.

Der Friedhof der Treskows

Ein Friedhof der Tiere (oder gar der Kuscheltiere)? Das Familiengrab der von Treskows. Das ist sozusagen die Gründerfamilie von Friedrichsfelde/Karlshorst. Wie groß muss die Liebe gewesen sein, wenn eine geborene von Treskow einen von Kotze heiratete?

Hinauf zum imposanten Eisbärenreich. Hier sind ooch keene Tiere. Auf den Bänken im unglaublichen Novembersonnenlicht eine vierköpfige Familie und ein Zeitungsleser als gehörten sie zum Inventar des Tierparks.

Wozu in die Ferne

Die ersten wirklichen Tiere sind dann die Zebus, im Kaukasus als Fleischlieferant und als Arbeitstier vor Pflug und Wagen genutzt. (Das Wort Arbeitstier kennen wir in einem anderen Zusammenhang) Sie haben Nachwuchs. Keine Sorge, heißt es, das Kälbchen darf sich auch außerhalb des Geheges aufhalten. Es läuft immer wieder zu seiner Mutter zurück. So soll es sein. Das Gehege ist weiträumig. In Friedrichsfelde haben die Tiere ausreichend Lebensraum.

Das Gegenprogramm zur überfüllten Tram

Der Tierpark ist eigentlich ein weiträumiger Landschaftspark, zu dem eben auch ganz natürlich Tiere gehören. Zäune, Gitter und Verschläge sind zurückhaltend eingebaut und stören das Landschaftserlebnis nicht. Wir, die wir Jahrzehnte lang nicht im Tierpark waren, können uns an diese wunderbaren Flächen, an dieses einmalige Erholungsgebiet überhaupt nicht mehr erinnern. Für uns war der Tierpark das Alfred-Brehm-, also das Raubtierhaus mit seiner Hitze, seiner dschungelartigen Vegetation und dem heftigen Geruch von Fleisch und Kot, die Affen und die Papageien. Aber diese Flächen, der Karl-Foerster-Garten, die Teiche, die Plastiken. Echt ein Tierpark für Erwachsene. An die vietnamesischen Hängebauchschweine immerhin erinnern wir uns, man wird sie schon wegen des vielfältig verwendbaren Namens nicht vergessen.

Der Sekretär im Kreise seiner Bewunderer

Was die Natur sich ausdenkt: Satyr-Tragopan

Jede Menge Vögel. Am eindrucksvollsten der Satyr-Tragopan aus den Gebirgswäldern des Himalaya, am skurrilsten der Sekretär, ein hochbeiniger Greifvogel aus den offenen Landschaften Afrikas. Tötet Schlangen durch wohlgezielte Schläge seiner Läufe, ist zu lesen. Was noch nicht erklärt, wieso dieser Vogel Sekretär heißt. So stangenartig dünn die Beine des Sekretärs sind, so gewaltig sind die Köpfe der Pekaris, die sich vor ihren Feinden durch das Absondern eines übelriechenden Sekrets schützen.

Datscha der Weißhandgibbons

Vom aufrechten Gang zum aufrechten Lauf

Am schönsten haben es die Weißhandgibbons. Die haben eine mit Kupferblech gedeckte Hütte, einen spiegelblanken Teich und ein Gerüst aus langen, dünnen Stangen. Meistens tun sie gar nichts. Aber dann rennen sie los, ohne die Arme zu benutzen, freihändig über die runden Stangen. Tänzer zwischen Wasser und Himmel. Eine Population, die das Gleichgewicht nie verliert.