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Archive for the ‘Amtliche Schriften’ Category

Das lange Jahr

Oktober 3, 2016 2 Kommentare
Der Sündenbock in freier Wildbahn. In die Kneipe darf er ja nicht rein. © Klaus

Der Sündenbock in freier Wildbahn. In die Kneipe darf er ja nicht rein.
© Klaus

In den 1970er Jahren entdeckten wir als Mot.-Schützen diesen Aushang in einer Kneipe in Klietz, wo sich ein großer Truppenübungsplatz befindet. Wahrscheinlich waren wir dorthin kommandiert und mussten irgendwas bauen. Den Aushang fand ich so bemerkenswert, dass ich ihn mitgehen ließ und in meine Mappe legte, auf der „Kuriosa/Dokumente” steht. Es konnte nicht ausbleiben, dass ich mir Gedanken über den Bürger Erich B. machte, der kurz vor Beginn eines einjährigen Gaststättenverbots stand, was ihn, wie ich vermute, hart traf. Als Gnadenerweis wurde ihm das Einnehmen einer warmen Mittagsmahlzeit gewährt. Ganz klar: Das Problem war der Alkohol. Der Bürger Erich B. ist sicher nicht der einzige, der diabolische Züge entwickelt, wenn er Schnaps getrunken hat. Dann wird er zum Stinkstiefel und macht Sachen, die er normalerweise nicht täte. Leider kann er sie nicht ungeschehen machen. Ich weiß von Verheugen, dass der sich nach jedem geselligen Besäufnis am nächsten Tag hinsetzte und jedem, den er eventuell beleidigt haben könnte, eine Entschuldigungskarte schrieb. Was auch immer geschehen sein mag, ich war nicht Herr meiner Sinne. Solche Mittel standen dem Klietzer Bürger Erich B. vermutlich nicht zur Verfügung. Kann man nur hoffen, dass er sein langes Jahr ohne Schaden an Leib und Seele hinter sich brachte. Dass es ihm gar eine Lehre war, ist wohl zu viel verlangt.

Der Rat der Gemeinde Klietz

Kreis Havelberg

HO Gaststätte „Haus am Eck”

Auf Beschluß-Nr. 14/40/V/72 des Rates der Gemeinde vom 22. Februar erhält der Bürger Erich B., Klietz, S.-Straße 24, vom 1. März 1972 bis 1. März 1973 Gaststättenverbot. Zum Empfang einer warmen Mittagsmahlzeit ist der Bürger B. berechtigt die Gaststätte kurzfristig zu betreten.

Bürgermeister

Schulze

 

Als ich einmal keine Feststellungen machte

Der Täter war schon fast gefasst © Fritz-Jochen Kopka

Der Täter war schon fast gefasst
© Fritz-Jochen Kopka

Ein amtliches Schreiben aus DDR-Zeiten. Volkspolizeirevier Immanuelkirchstraße, Berlin. Eine Kollegin war in der Redaktion bestohlen worden, sie ging aufs zuständige Revier. Der Volkspolizist setzte sich an die Schreibmaschine (was einfach gesagt ist). Dass er so hartnäckig Schminktäschen statt Schminktäschchen tippte, zeugt meiner Meinung nach von sprachlichem Feingefühl. Es widerstrebte ihm einfach, zwei Mal hintereinander „ch” zu tippen. Kommata setzte er nur in Notfällen ein. Die Qualität des Protokolls hätte eigentlich bewirken müssen, dass der Täter alsbald hätte gefasst werden müssen, was aber nicht der Fall war.

Am Dienstag, den 20. 11. 84 gegen 14 Uhr kam ich vom Mittagessen im Kaffee „Praha” und legte meine Umhängetasche auf dem Radio im Zimmer 203 unserer Reaktion ab. Als ich gegen 14.20 in Zimmer 103 zurückkehrte von einer Besprechung machte ich keine Feststellungen. Gegen 15.00 Uhr bemerkte ich den Verlust meiner Brieftasche. Diesen Verlust teilte ich dem VPR 69 gegen 16.00 Uhr mit, ohne einen Diebstahl zu vermuten. Am Mittwoch bemerkte ich dann, daß auch mein Schminktäschen und mein Stockregenschirm aus dem Redaktionszimmer fehlten. Mit ist jetzt klar geworden, daß alle Gegenstände in der Zeit von 14.00 Uhr bis gegen 14.20 Uhr durch eine unbekannte Person aus meinem Zimmer entwendet wurde. Das Zimmer ist gegenüber der Treppe gelegen und durch ein Durchgangszimmer zu erreichen. Als ich mein Zimmer verließ waren beide Zimmer nicht besetzt und auch nicht abgeschlossen.

Der oder die Täter müssen meine Beutelumhängetasche aus Leder die auf dem Radio stand durchsucht haben und daraus die Brieftasche und Schminktäschen entnommen haben, um zu verhindern, dass der Diebstahl gleich bemerkt wird.

Meine Brieftasche kann ich wie folgt beschreiben:

Größe ca 10 cm x 15 cm aus rosafarbenem Leder

Inhalt: PA mit 12 bis 14 Scheckvordruckblättern 1400,– Mark Bargeld in Scheinen 95,– M Forumschecks Monatsfahrkarte für die U-Bahn und einigen persönlichen Papieren und Bildern.

Das Schminktäschen ist aus schwarzem Samt in ihm waren Schminksachen und ein silberfarbenes Pillenbehältnis

Das Schminktäschen ist österreichischer Produktion und mit Reißverschluß versehen.

Der Stockregenschirm ist altrosa und antharzid und in einem Feld ist ein schwarzer Stempel mit dem Wahrzeichen der Stadt und der Schrift: Festival International La Coruna. Nähere Angaben zum Sachverhalt oder zum Tathergang sind mir zur Zeit nicht bekannt verdächtige kann ich nicht benennen. Die Anzeige habe ich selbst gelesen, meine Angaben sind darin richtig wiedergegeben.

 

Ich will mein Geld zurück

Einschlummern? Wenn man aufwacht, ist der Zug vielleicht da

Einschlummern? Wenn man aufwacht, ist der Zug vielleicht da

Weiter geht’s mit meinen Amtlichen Schriften. Der Mensch hat nicht nur Sorgen mit dem Arbeits- und Finanzamt, sondern auch schon mal mit der Deutschen Bahn. Auch hier gilt: Ruhe bewahren, naiv tun, ein bisschen Ironie einstreuen.

Sehr geehrte Frau L.,

es ist Mitte April. Am 27. Januar schrieben Sie mir, dass Sie mein Schreiben, in dem ich die mir ungebeten zugesandte BahnCard zurückschickte und um Rücküberweisung der Gebühr (215,00 €), die Sie ungefragt von meinem Konto eingezogen hatten, bat, in sechs bis acht Wochen beantworten würden. Als Grund für die erstaunlich lange Frist nannten Sie die hohe Anzahl von Kundenschreiben, die bei Ihnen eingehen. Das letzte glaube ich Ihnen aufs Wort. Ich hoffe, dass ich Sie entlasten kann, indem ich auf eine Antwort von Ihnen verzichte. Ich möchte mein Geld zurück, und zwar umgehend. Das ist alles.

Und hier noch einmal: Ich habe nie ein Abonnement auf die BahnCard abgeschlossen, das sich automatisch Jahr für Jahr – bei ständig sich ändernden und, wie ich finde, immer schlechteren Bedingungen – erneuert. Ich kann mich auch nicht erinnern, Ihnen eine Einzugsgenehmigung erteilt zu haben.

Ich denke, mittlerweile ist es wirklich an der Zeit, dass Sie sich mit der Rücküberweisung meines Geldes beeilen.

Mit Grüßen

K.

Ich kann nur mutmaßen, was Sie meinen

Es war einmal eine Bürokratie

Es war einmal eine Bürokratie

Hier entsteht eine neue Kategorie. Sie heißt „Amtliche Schriften”. Es geht darin nicht um Schriftstücke der Ämter, sondern um Briefe, die unsereiner (in seiner Not) an Ämter schrieb. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man die Schreiben der Ämter nicht ignorieren sollte, sondern auf sie und auf jedes Detail, das sie enthalten, und mag es noch so unsinnig erscheinen, eingeht. Das wird manchem als Sisyphusarbeit erscheinen, und das ging mir auch so. Aber je mehr man sich in die Welt der Ämter vertieft, desto mehr Boden bekommt man unter die Füße, und die Angelegenheit kann hier und da sogar kuriose Züge einnehmen. Gefühle sollte man rauslassen. Wut ist ein schlechter Ratgeber, das gilt besonders im Verkehr mit Ämtern. Ungeduld ist die größte Untugend. Man kann Spurenelemente von Ironie und Arroganz einfließen lassen, falls sie den Vorzug haben, nicht nachweisbar zu sein.

Das folgende amtliche Schreiben ging (natürlich) ans Arbeitsamt.

Sehr geehrte Frau B.,

am 2. 8. habe ich Ihnen eine e-Mail geschickt, in der ich auf Ihren Brief vom 15. 7. geantwortet habe. Kurz darauf erhielt ich von Ihnen ein Schreiben ohne Datumsangabe, in dem Sie mit keinem Wort auf meine e-Mail eingehen und auch nicht zu erkennen geben, dass Sie diese erhalten haben.

Den ersten Satz Ihres Briefes möchte ich hier wörtlich zitieren:

„Sie haben Arbeitslosengeld für die Zeit vom 01. 02. bis 23. 02. in Höhe von 103,50 EUR zu Unrecht bezogen, weil Der erhöhte Leistungssatz kann nur gewährt werden, wenn die Einkommensgrenze jährlich von 7188,00 € nicht übersteigt.”

Ich kann nur mutmaßen, was Sie mit diesem Satz meinen.

Zweitens würde ich gerne wissen, ob Sie meine e-Mail erhalten haben und wie Sie die dort geäußerten Argumente bewerten. Ich füge den Text hier noch einmal ein:

„in Beantwortung Ihres Briefes vom 15. 7. teile ich Ihnen mit, dass ich für dieses Jahr kein Kindergeld für meine Tochter beantragt habe, da wir unsicher waren, ob sie auf der Einnahmeseite unter dem Bemessungssatz bleiben wird. Wenn das feststeht, wollte ich das Kindergeld rückwirkend beantragen. Ich habe schon einmal wegen einer geringfügigen (und wie ich glaube umstrittenen) Überschreitung Kindergeld zurückzahlen müssen. Insofern kann im Moment natürlich kein Bewilligungsbescheid vorliegen. Mir ist nicht bekannt, dass der erhöhte Leistungssatz zwangsläufig die Kindergeldzahlung voraussetzt. Tatsache aber ist, dass meine Tochter sich in der Ausbildung befindet und dass sie meine Unterstützung braucht.”

Soweit der Text meiner e-Mail vom 2. 8.

Drittens bitten Sie, dass ich mich „zu den für diese Entscheidung maßgeblichen Umständen” äußere und dazu den beigefügten Fragebogen benutze. Ich weise Sie darauf hin, dass Ihr Brief keinen Fragebogen enthielt. Damit haben Sie mich ein weiteres Mal ratlos gemacht. Schließlich fordern Sie mich auf, mit einer Bescheinigung des zuständigen Sozialamtes die Höhe meines monatlichen Bedarfssatzes nachzuweisen. Auch in diesem Fall weiß ich nicht, was Sie mir mitteilen wollen. Ich habe mit dem Sozialamt noch nichts zu tun gehabt.

Bereits am 10. 7. habe ich Frau F. in Beantwortung ihres Schreibens vom 26. 6. Angaben zur Ausbildungssituation meiner Tochter gemacht. Frau F. hatte in ihrem Schreiben den Wegfall des erhöhten Leistungssatzes ab 01. 02. 03 – 28. 02.  und vom 04. 03. 03 – 31. 05.  konstatiert und von einem eventuell überzahlten Betrag von 526,50 € gesprochen, den Sie in einer Summe einzuziehen beabsichtige. Anhand meiner Kontoauszüge habe ich den Eindruck gewonnen, dass dies bereits geschehen ist. Muss ich nun annehmen, dass Sie die Summe oder einen Teil der Summe ein zweites Mal einziehen wollen? Unabhängig davon habe ich auch auf meinen Brief an Frau F. vom 10. 7. keine Antwort erhalten. Am 11. 7. habe ich in einem Brief an das Arbeitsamt, in dem ich mich wegen Honorararbeiten vorübergehend abmeldete, gleichzeitig die Immatrikulationsbescheinigung meiner Tochter mitgeschickt. Ich fürchte, dass die nicht auf Ihrem Schreibtisch gelandet ist.

Ihr letzter Satz lautet:

„Sollten Sie sich innerhalb von zwei Wochen nach Empfang dieses Schreibens nicht äußern, wird die Aufrechnung mindestens bis zur Hälfte Ihres Anspruchs vorgenommen.”

Es handelt sich, wie Sie schreiben, um einen Betrag von 103,50 EUR. Nach welchen Regeln funktioniert eine Aufrechnung, die auf der Grundlage von 103,50 € „mindestens die Hälfte meines Anspruchs” umfasst?

Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie meine Fragen beantworten und meine Unklarheiten beseitigen könnten.