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Archive for August 2018

Helden des Ostens (9): Gundermann

Gundermann über der aufgerissenen Karl-Marx-Allee
© FJK

Ich habe den Schauspieler Alexander Scheer in einigen Filmen gesehen, aber ich weiß eigentlich nicht, wie er aussieht. Jetzt sieht er jedenfalls aus wie Gerhard Gundermann, das kann man sich merken. Die langen glatten Haare, die große Brille, die vorspringende Nase, der Oberbiss, das flüchtige Kinn. Ein dünner Mann mit langen Armen und kräftigen Schultern. Das Fleischerhemd. Die dicken Pullover, die schon halbe Strickkleider waren. Das Schlagzeug. Die Gitarre. Die Kanzel des Baggers. Die apokalyptische Tagebaulandschaft. Das Zurückzuschieben der Brille. Das nervende Hochziehen des Nasensafts. Gundermann hat es niemandem leichtgemacht. Der Liedermacher. Der Baggerfahrer. Kulturmanager war er auch. Der Junge, den man sich nicht alt vorstellen konnte. Und er wurde auch nicht alt. 43 Jahre.

Andreas Dresens Film über Gundermann läuft jetzt in den Kinos. Alexander Scheer spielt Gerhard Gundermann. Er singt Gundermanns Lieder wie Gundermann. Der Film beginnt mit dem dunkelsten Punkt in Gundermanns Leben, aber eben auch mit dem für den Filmemacher spektakulärsten. Gundermann war bei der Firma. Bei der Stasi. Ein Puppenspieler stellt ihn zur Rede und lässt sich von Gundermanns schnoddrigem Wegmoderieren nicht einfangen. Dann zeigt der Film, wer Gundermann noch oder eigentlich ist. Ein Working Class Hero. Der mit seinem Bagger diese apokalyptischen Tagebaulandschaften schafft. Was er in einer Schicht abbaggert, ist in wenigen Stunden verfeuert. Perspektivisch baggert er sein eigenes Haus weg. Das ist Gundermann immer bewusst. Er lebt damit und denkt darüber nach. Gundermann ist daneben auch der personifizierte Bitterfelder Weg. Der Arbeiter, der die Höhen der Kultur stürmt. Aber das ist ein Bitterfelder Weg, wie ihn die Funktionäre, die sich das ausdachten, in der Wirklichkeit nicht haben wollen. Die Geister, die sie riefen, sehen anders aus, als sie sich sie vorstellten, und sie werden sie nicht los. Diese Geister, die die Höhen der Kultur stürmten, werden frech und widersetzlich. Sie werfen den Funktionären Marx-Zitate an den Kopf, und die Funktionäre sehen alt aus und sagen: So hat Marx das aber nicht gemeint.

Gundermann hat den Kopf voller eigener Ideen, er will immer was und legt sich immer mit allen an: mit den Funktionären, mit den Ingenieuren, mit den Akteuren seines Singeklubs, der Brigade Feuerstein. Wenn die anderen nach dem Konzert abhängen und Bier trinken, geht Gundermann zur Frühschicht und sieht dabei unternehmungslustig aus. Gundermann ist Kommunist. Er will unbedingt in die Partei und will sich da auch nicht wieder rauswerfen lassen. Diesen historischen Optimismus besaßen nur wenige in der DDR. Gundermann war auch voller Spitzfindigkeiten. Er hat seine eigenen Theorien, wie man leben, essen und Hygiene betreiben sollte. Er sah sich im Fernsehen bei einem dieser merkwürdigen Interviews und sagte: Können die einem nicht sagen, wie beschissen man aussieht, oder so ähnlich.

Dresen profitiert von einem Dokfilm, den Richard Engel 1981 über Gundermann gemacht hat, der irgendwann auch im DDR-Fernsehen gesendet wurde und in dem von Stasi natürlich keine Rede ist und auch nicht sein kann. Im Spielfilm taucht das Stasithema immer wieder auf. Gundermann muss sich mit einer Sache auseinandersetzen, von der er glaubte, dass er sie erfolgreich vergessen hatte. Er muss sich vor seinen Leuten und vor seinen Fans erklären. Einmal hat er Glück: Der Typ (im Film Milan Peschel), über den er berichtet hat, hat der Stasi auch über ihn berichtet. Beide sind sie Täter und Opfer zugleich, wie man so schön sagt. Beide sind erleichtert. Die Frage, die sich stellt, ist diese: Hat die Stasi Gundermann wirklich so weitgehend definiert, wie der Spielfilm es zeigt? War Gundermann deshalb so mutig und so frech, weil die Stasi hinter ihm stand (die natürlich nicht mehr hinter ihm gestanden hätte und auch nicht mehr hinter ihm stand, wenn er zu mutig gewesen wäre und war)?

Gundermann hat sich von der Stasi einfangen und austricksen lassen. Wenn seine Gruppe Konzertreisen im Westen machen wollte, dann musste einer dabei sein, auf den sich der Staat verlassen konnte. Wollte Gundermann den anderen die schönen Westreisen versauen? Sicher nicht. Aber er lebte nun mit diesem Dreck, mit dieser fahrlässigen Schwatzhaftigkeit, und musste die Suppe auslöffeln, was keinem gelang.

Ich war voreingenommen, aber der Film ist gut und Scheer als Gundermann irritierend echt. Dresen erzählt eine besondere DDR-Geschichte, die unsere seltsame Lage zwischen Utopie und Realität widerspiegelt, die Unmöglichkeit für diesen Zwiespalt eine leichte, selbstverständliche Sprache zu finden.

Einmal habe ich ein Gundermann-Konzert, ich glaube, im Haus der Jungen Talente gesehen. Mir war da zu viel Ferienlager-Feeling (was wir da alles ausgefressen haben, das tolle Bergfest, und am Ende kamen uns fast die Tränen). Wenn Gundermann (zumindest auf der Bühne) etwas fehlte, dann war das Skepsis. Das war sein Vorteil und sein Nachteil. Wie es eben auch sein Vorteil und sein Nachteil war, dass er sagte, was er dachte, wie es im Film, im Dokfilm und im Spielfilm, die Baggermutti über ihn sagt. Wer war Gerhard Gundermann? Das Rätsel konnte Dresen nicht lösen. Dazu war er zu nah an den Realien dran.

Nichts passiert

Sie haben die Sache der Poesie doch etwas unterschätzt
© FJK

Ich stehe auf dem U-Bahnhof Kienberg und sage mir: je nachdem – wenn zuerst der Zug nach Hönow kommt, fährste weiter zur Hellen Mitte, um zu sehen, was mit dem Fassadengedicht an der Alice-Salomon-Hochschule geschehen ist. Wenn aber der Zug Richtung Alex zuerst einfährt, fährste eben gleich nach Hause. Hönow kommt zuerst. Ich fahre zwei Stationen, steige aus und sehe: Eugen Gomringers Gedicht, um das vor einem Jahr so heftig gestritten wurde, weil es angeblich die Würde der Frau verletzt, indem es sie, die Frau, bewundert, ist nach wie vor am Giebel der Hochschule vorhanden, nur das „j” im dritten „mujeres” (Frauen) ist leicht beschädigt. Wahrscheinlich vom Wetter. Ich kann nicht sehen, dass das Gedicht irgendjemanden stört. Ich kann auch nicht sehen, dass irgendjemand das Gedicht beachtet. Was ist los? Sie haben sich doch fast die Köpfe eingeschlagen! Sie haben (in der Hochschule) doch beschlossen, dass das Gedicht entfernt und durch ein anderes ersetzt werden soll. Warum passiert da nichts. Ja, klar, es sind inzwischen schon viele andere Kühe durchs Dorf getrieben worden. Vielleicht sind die aufgewühlten Kritiker noch dabei, ein neues Gedicht, ein besseres Gedicht, oh Freunde, zu schreiben, eines, das niemanden stört, eines, das alle gut und bewegend finden, eines, mit dem alle einverstanden sind. Und das kann dauern.

Stimmt das denn?

Poster am U-Bahnhof Kienberg

Oscarreif ist die Kreativität, mit der „Bild der Frau” Singular und Plural vermischt. Oder ist ihnen der Relativsatz hinter „Kräfte” gerutscht, der eigentlich hinter„Musik” gehört? Wollte man von Anfang an einen verkorksten Satz abliefern, damit die Passanten sich fragen: Bin ich jetzt blöd oder die Weisen bei „Bild der Frau”? Andererseits soll der Satz ja ein Gemeinschaftswerk von Nadja Benndorf und Nicole John im Dienst der guten Sache „Kinderklinikkonzerte e. V.” sein. Hätte man ihnen nicht helfen können? Oder hat man ihnen gar geholfen und das kam dabei raus?

Helden des Ostens (8): Rentnerinnen in Fahrt

Tritt ein in die Bahn. Vielleicht triffste ja Bekannte.
© FJK

1988. Morgens in der S-Bahn. Zwei Rentnerinnen, ein Blumenstrauß.

Ich bin ja nu ooch achtzig. Warum sollst du dit nich ooch schaffen. Vielleicht schaffste ooch wie der inner Zeitung, 115 Jahr wurde der. Ick sare, der hat bestimmt die Biere mitgezählt, die er jetrunken hat.

Mein Mann is jetzt 25 Jahre tot. Ick frage mich, wo sind die Jahre hin, wie hab ick die umme Ecke jekriegt.

Mein Mann wird jetzt ooch zwanzig Jahre tot, ja, wo sind die Jahre jeblieben! Mein Schwager ooch, der starb wegen Herzinfarkt, der starb nur zwanzig Minuten, denn war er tot.

Meine Tochter ist jetzt ooch jefahren. Ich dachte, sie darf nicht, aber denn durfte sie doch. Aber acht Tage, det is ja ne Strapaze, einen Tag hin, eenen Tag zurück anne holländische Grenze, aber wenigstens hat se’s jesehen. Dann war se aber froh, wo se wieder zu Hause war.

Det versteh ick. Is ja janz schön, aber denn: Wat soll ick da. Ick hab hier meine Kinder, ick hab hier meine Enkel, ick hab hier meine Gräber, wat soll ick da!

So geht’s uns ja noch gut. Wir können zufrieden sein. Die Ärzte, die probieren ja ooch nur aus, die wissen ja ooch nüscht. Denn sagense, wir probieren mal det und mal sehen, wie es denn is. Denn isset schon besser. Man macht det so, wie man selber fühlt und macht det so.

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Korrekte Sprache

Auch wenn man es schwer erkennt: Es sind Vögel, die sich auf der Traufe der Apotheke versammelt haben, um den etwas kühleren Tag zu genießen
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Die FAS, also die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, druckt ein Interview mit Meg Ryan („Schlaflos in Seattle”). Sie hat sich von der Schauspielerei zurückgezogen und macht Regie. In den Anmerkungen „Zur Person” lesen wir: „Geboren am 19. November als Kind zweier Lehrer in Fairfield, Conneticut.” Was können Lehrer also, was wir nicht können? Na das: ein Kind machen. Aber auch, wenn wir wissen, was gemeint ist: Eine geschlechtergerechte Sprache ist das gerade nicht. Und es klingt komisch. Es würde sogar noch komischer klingen, wenn Meg als Kind zweier Tischler oder zweier Philosophen zur Welt gekommen wäre. Oder als Kind zweier Frührentner. Klar ist, auch wenn wir uns nicht allzu lehrerhaft einer korrekten Sprache bedienen wollen, können wir in diese oder jene Falle tappen. Natürlich würde es blöde klingen, wenn man sagte, sie wurde als Kind einer Lehrerin und eines Lehrers geboren. Aber als Kind eines Lehrerehepaars oder Lehrerpaars? Es ist nur ein Vorschlag.

Der Zwischenfall

Die Sonne stand hoch
© FJK

Gestern sah ich D., wie er in den Penny-Markt hineinging, was ungewöhnlich war, da er seit zehn Jahren tot ist. Es war sehr heiß, nachgerade drückend. Nicht anmerken lassen, dass hier was passiert, das nicht sein kann, dachte ich und sagte: Dünner bist du im Himmel nicht gerade geworden, Heinz. Nett, dass du mich im Himmel wähnst, sagte er. Aber ja, ich habe gesühnt und bin da oben angekommen. Und das Gewicht – wir haben keine Vergleichsmaßstäbe, weil wir alle gleich sind. Wir beurteilen uns nicht. Wir haben kein Gewicht, kein Geld, kein Geschlecht, keine Privilegien, keine Nachteile. Das einzige, was wir haben könnten, ist Langeweile, aber das bleibt bitte unter uns.

Anschließend ging ich zum Imbiss, kaufte einen Döner, ein Wasser ohne Kohlensäure, aß, trank und dachte nach.

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Die große Dürre im 10. Stock

Geliebte Schattenseiten
© FJK

Die große Dürre ist gekommen und bei mir im zehnten Stock des Zehngeschossers noch dürrer als bei irgendeinem Anderen. Andere Leute schlafen frech auf dem Balkon, den es bei mir im zehnten Stock nicht gibt. Ich könnte höchstens auf einem fliegenden Teppich oder auf einem Luftkissen schlafen, aber ich bin kein Fakir. Die Hitze hat alle Räume erobert, ich kann mich nirgendwo vor ihr verstecken, und ich kann sie, auch an einem kühlen Tag, nicht hinausbefördern. Wenn ich auf beiden Seiten die Fenster aufreiße, fliegt mir die Einrichtung um die Ohren und mich könnte der Zug an die Wand schleudern.

Bei diesen Temperaturen koche ich nicht. Ich esse ein Spiegelei auf Brot oder den Kartoffelsalat aus dem Spreewald von Edeka, der von mir persönlich mit Kräutern und anderen Zugaben verfeinert wird.

Die Hitze hat mir die Freude am Trinken genommen. Ich habe gar nichts im Haus, und was man nicht im Haus hat, kann im Haus auch nicht getrunken werden; so einfach ist das. Ich möchte fast sagen, dass ich den Alkohol vergessen habe und auch den Tabak. Die Hitze löst bei mir Schwindelgefühle aus. Man sagt mir, dass ich mir am Ende der Dürre wahrscheinlich das Rauchen abgewöhnt haben werde, da muss ich protestieren. Ich möchte kein Nichtraucher sein.

34 Grad unterm Dach und morgen Friseur. Ich wollte eigentlich nie wieder im Sommer zum Friseur. Da bricht mir der Schweiß aus und die abgeschnittenen Haare bleiben auf der Haut kleben. Ich hasse das. Sie lassen sich auch nicht ohne weiteres entfernen. Die Friseurin erzählt mir, dass sie wieder einen Freund hat. Sogar einen Zahnarzt. Na ja, genau genommen einen Zahntechniker. Der ist sogar noch älter als Sie, sagt sie, aber sehr rüstig. Was soll denn das heißen! Müssen Frauen immer nur an das Eine denken? Bei der Hitze?