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Archive for September 2016

Von der Niedlichkeit der Welt

September 29, 2016 1 Kommentar
Und als alles perfekt war, wollte niemand mehr den Garten betreten © Christian Brachwitz

Und als alles perfekt war, wollte niemand mehr den Garten betreten
© Christian Brachwitz

Die Gartensaison neigt sich dem Ende entgegen, wobei für den wahren Gärtner immer Saison ist. Zu Ostern gab es noch keine Blätter an den Bäumen, aber es gab in einem Garten wie diesem bemalte Ostereier und natürliche Osterglocken. Wenn ich mir diese Bäumchen anschaue und die komplexe Künstlichkeit, die auf dieser Scholle obwaltet, dann kann ich mir schwerlich vorstellen, dass sie jemals Blätter oder gar Früchte tragen könnten, die Bäumchen. Könnte mir nicht mal vorstellen, dass aus den Bäumchen Bäume werden. Aber das ist meine persönliche Blödheit. Dieser Blödheit passt es nicht, dass man der Natur zu sehr in ihre Angelegenheiten hineingepfuscht hat. Von der Niedlichkeit der Welt. Die treffen wir auch da, wo die Zugezogenen zum Prenzlauer Berg Prenzelberg sagen und die einheimischen Nachmacher ihnen alles nachmachen. Man macht eine Sache nicht besser, indem man sie verniedlicht. Aber es gibt diese Tendenz im Menschen, alles klein zu machen, damit er es streicheln kann. Meinetwegen. Jeder nach seiner Fasson.

Eine Oktave höher

September 28, 2016 2 Kommentare
Wo die größten Fahnen wehen © Fritz-Jochen Kopka

Wo die größten Fahnen wehen
© Fritz-Jochen Kopka

Bei Union gegen St. Pauli hatten wir einen Opernsänger in unseren Reihen, einen frühen Freund unseres Bosses, der erst in seinen reifen Jahren zum Union-Fan wurde. Hans, der Opernsänger, ist gar nicht dick, dafür sehr groß, bärtig und langhaarig, ich sag mal, wenn man’s weiß, ahnt man den Künstler schon bei seinem Anblick. Die Fans hinter ihm mussten sich drehen und winden, um mitzubekommen, was auf dem Spielfeld geschieht, über ihn hinwegsehen konnten sie in keinem Fall.

Was gab’s da zu sehen. St. Pauli mit einigen kleinen wendigen Spielern, die vorn auf verlorenem Posten standen, da die Mannschaft nichts riskieren wollte und nicht nachrückte. Union wiederum sah man nach einer Erfolgsserie von drei gewonnenen Spielen das intakte Selbstbewusstsein an, was viel ausmachen kann, man lässt sich einfach Zeit, um die richtigen Entscheidungen zu treffen, den Ball zu erobern oder auf Fehler des Gegners zu warten. So ging Union mit 2:0 in die Halbzeit, obwohl Colin Quaner, der zuletzt immer traf, nicht im Aufgebot war, weil ihn muskuläre Probleme plagen. Hosiner und Redondo vertraten ihn gut, machten seine Tore mit viel Übersicht.

St. Pauli macht Feuer, aber nur auf der Tribüne

St. Pauli macht Feuer, aber nur auf der Tribüne

Wie wir schon vermutet haben, wechselt der alte Ewald Lienen zur zweiten Halbzeit zwei frische Offensivkräfte ein. St. Pauli macht jetzt wirklich Feuer, aber dies auf der Tribüne und weniger auf dem Spielfeld. Obwohl wir es gar nicht nötig haben, verlangen wir hysterisch die rote Karte für den foulenden Hamburger Innenverteidiger Ziereis. Das müsste gar nicht sein. Es bleibt sowieso beim 2:0. Seligkeit in der Alten Försterei. Union steht auf Platz zwei der Tabelle. Nebenbei: Ein altgedienter Fan in meiner Nähe verbirgt etwas in seiner Hand. Nach einigen indiskreten Blicken weiß ich endlich: Es ist eine E-Zigarette. Der gute Mann bedient sich ihrer eher verstohlen, als täte er etwas Verbotenes, Hasch rauchen oder so. Kann sein, dass er unter lauter jungen furchtlos rauchenden, saufenden und rumschreienden Fans fürchtet, sich mit der E-Zigarette lächerlich zu machen und verspottet zu werden.

Sieht super aus, die Tabelle

Sieht super aus, die Tabelle

Das Siegerbier nehmen wir in der Tanke, wo wir gegebenenfalls auch das Verlierer- und das Remis-Bier trinken. Der Opernsänger trägt jetzt einen flotten grünen Hut und lässt mich an den Wildschütz denken. Er hat sich in seiner Laufbahn vom Bassbariton zum Heldentenor entwickelt, was gar nicht mal so selten sein soll. Ich habe dich bei den Union-Gesängen aber nicht rausgehört, sage ich. Er lächelt und winkt ab. Dann hätte ich eine Oktave höher singen müssen als die Masse, sagt er, dann hättest du mich gehört. Das war mir heute zu anstrengend.

Mit Unschärfen

Berlin Friedrichstraße. Halten, Hupen, Tanzen, Weiterfahren in Unschärfen

Berlin Friedrichstraße. Halten, Hupen, Tanzen, Weiterfahren in Unschärfen

Kreuzung Friedrichstraße/Unter den Linden drehte ich mich um und ging zurück. Ein nervenzerfetzendes Hupkonzert in der Rotphase der Ampel. Ein Corso teurer Autos machte den Lärm. Die Insassen waren fröhlich, einige waren ausgestiegen, meistens Männer in Anzügen, und tanzten auf der Straße. Teilweise saßen Frauen mit Kopftüchern am Steuer. Die Ampel sprang auf grün, es ging weiter, aber die nächste Kreuzung würde nicht lange auf sich warten lassen und nicht das nächste Hupkonzert.

Here comes the sun

Here comes the sun and goes

Jetzt war wieder Berlin-Marathon. Den gibt es seit 1983 oder so. 1990 konnten die Läufer das erste Mal durchs Brandenburger Tor und in den Ostteil laufen. Die Abendsonne kam schon immer durchs Tor; das ist heute nicht anders und wird morgen auch nicht anders sein. Alles ist erleuchtet, auch in der Akademie der Künste.

Volker Braun stellte seinen neuen Gedichtband vor. „Handbibliothek der Unbehausten” Als wir ankamen, eine halbe Stunde vor Beginn, war Volker Braun noch nicht zu sehen. Der Veranstalter war beunruhigt, aber nicht sehr. Man wüsste nicht, dass der Dichter unpünktlich ist oder gar einen Termin verpasst; und dann erschien er auch schon, in unauffälliger Eile.

Das Publikum sieht nach Kulturbetrieb aus, sie kennen sich alle seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, und sehen genau, wie alt die Anderen geworden sind, während man selbst ja immer noch der Alte, also ziemlich Junge, ist. Man staunt, wen es noch gibt aus längst vergangenen Zeiten. Aber sie wollen sich alle so wenig erinnern, wie man sich selbst erinnern will, es ist, als hätte man sich nie gesehen.

Kathrin Schmidt begrüßt das Publikum mit einer Anekdote aus ihrem Schülerleben. Einmal rettete sie sich vor einem Tadel oder einer miesen Note durch ein Volker-Braun-Gedicht. Dann sagt Lothar Müller, dass er gefühlsmäßig in Brauns neuen Gedichten eine Dreiheit entdeckt: Bitterkeit, Heiterkeit, aber das größte ist wohl die Gelassenheit. Er weist schon hin auf den sächsischen Sound, in dem Braun seine Gedichte vortragen wird, und das ist dann auch wirklich so; es ist die Melodie, weniger die Laute, die das Sächsische transportieren, warum sollte sich einer dessen entledigen. Es klingt schon besonders.

Typische Haltung. Was der Dichter hört, geht nicht verloren

Typische Haltung. Was der Dichter hört, geht nicht verloren

Walter Ulbricht, als er die Texte des noch jungen Dichters sah, erzählt Braun, sagte: Der soll doch nach China gehen. Keine Ahnung, was er damit gemeint haben mag, eine aus dem Rahmen fallende, irgendwo irrationale Bemerkung war es auf jeden Fall. Und eine nicht mal unzutreffende. Denn Braun hat China einige Male bereist und sich mit dem Land, seiner Politik und Mentalität, nicht zuletzt der Fusion von Kommunismus und Marktwirtschaft befasst, nicht umsonst heißt eines der neuen Gedichte Chimerika, der Prozess ist spannend, der Ausgang ist völlig offen.

Das müsste man natürlich viel heiterer lesen, sagt Braun nach einem, ich weiß nicht mehr welchen Gedicht, aber er trägt die Texte das erste Mal öffentlich vor, da funktioniert nicht alles nach Belieben.

Auf halber Strecke bittet Braun Lothar Müller an den Tisch, ein Gespräch soll nun stattfinden. Es fällt nicht nur hier auf, wie freundlich der in seinen Texten doch so unerschrockene, entschiedene Braun im Umgang ist, er liebt es, andere zu bewundern und zu loben, die alten Dichter und die jungen Dichter, die Leute aus dem wirklichen Leben, denen er Sätze abgehört hat wie der fallenden Frau, die „Was bin ich müde” seufzte (müde an den Geschicken der Welt) oder die Leute im Bergbau, die „Genossen warens alle” raunen, dieser Widerspruch in seinem Wesen und seiner Literatur scheint irgendwie Teil seiner Ästhetik zu sein.

Müller macht vorsichtige Anmerkungen zu Brauns Texten, aus denen sich dann doch die Fragen nach der Tradition, derer Braun sich bedient, und nach der Verwendung des Reims, der ja mal mehr oder minder obsolet war, heraushören lassen. Ja, die Tradition, da ist Braun sofort bei Brecht, der ein wahres Füllhorn von Formen beherrschte, und dann auch bei Goethe, der ebenfalls ein Meister aller Klassen war. Und der Reim? Braun ist selbst erstaunt, wie oft es sich bei ihm in diesem Bändchen reimt, aber geht doch. Manchmal allerdings ist der Reim auch dazu geeignet, ein Gedicht ein bisschen pfiffig zu machen, was, wie ich meine, nicht in Brauns Sinn sein kann. Aber warum soll einer, der so viel riskiert, das nicht auch riskieren.

„Handbibliothek der Unbehausten” erscheint bei Suhrkamp.

Wieder in Halle

Natur in allen ihren Formen

Natur in allen ihren Formen

Sonntag

Und das ist unser Knast, der Rote Ochse, sagen die Hallenser, vielleicht stolz, weil der Rote Ochse über die Stadtgrenzen hinaus berühmt und verrufen ist. Ein roter, gleichwohl düsterer Gebäudekomplex. Heute besteht der Rote Ochse aus einem musealen und einem aktiven Teil.

Roter Ochse, aktiver Teil

Roter Ochse, aktiver Teil

Das kann nicht unser Ziel sein, der Botanische Garten ist es. Ihr Hallenser macht viel zu wenig aus euern Stärken, sagen wir, nachdem wir einige Wege zurückgelegt haben. Großartig, was hier in vielen Jahren zusammengetragen und gehegt wurde, Pflanzen aus allen Teilen der Welt, imposante Bäume. Wir erfahren etwas über das durch scheinbare Verwandtschaften ausgelöste Chaos im Bohnenkraut und über die Relativität von Seltenheiten im Pflanzenreich. Der Botanische Garten Halle, lesen wir, war einer der ersten, wenn nicht der erste Garten, der Erhaltungskulturen etablierte, das heißt, vom Aussterben bedrohte Pflanzen bewahrte und zum Teil an ihre natürlichen Standorte zurückbrachte.

In den Japanischen Schnurbaum hinaufgeschaut

In den Japanischen Schnurbaum hinaufgeschaut

Ist Sonntag. Im Opernhaus Halle hat die Matinee begonnen. Auf den T-Shirts der Mitarbeiter steht „Alles brennt”, das ist der Obertitel der neuen Produktion, vier Stücke werden gezeigt werden, der Zugriff ist radikal, die Trennung von Bühne und Zuschauerraum wird aufgelöst, überall ist Action, Akteure und Zuschauer mischen sich, der Eventcharakter ist augenfällig. Locker, lässig und hochkonzentriert setzt Florian Lutz, Intendant und Regisseur, die Besucher ins Bild.

Fäuste, geballt

Fäuste, geballt

Kernstück des Pakets wird Wagners Fliegender Holländer sein. Im Holländer sieht das Team sowas wie einen Vorgriff auf den Typus des modernen Philokapitalisten, den Superreichen, der durch ein geniales Geschäftsmodell und Glück so viel Profit gemacht hat, dass das Geld für ihn den Reiz verloren hat. Stattdessen reifen Weltrettungspläne heran. Wir sehen den Beginn des zweiten Aufzugs. Senta hat sich in das Bild des Holländers verguckt. Sie ist wie von Sinnen, nicht aufzuhalten, springt auf den Tisch, der Chor wird zum Ballett, reckt die Fäuste, es ist wirklich Feuer unterm Dach.

Die Kulturen treffen sich

Die Kulturen treffen sich

Vorm Haus ist dann Entspannung angesagt in der anhaltinischen Sonne. Bier und Wasser werden ausgeschenkt, Bratwurst gegrillt. Es ist nicht zu ermitteln, ob die Bratwurst bezahlt werden muss oder ob sie aufs Haus geht. Alles ist möglich. Die Oper ist großzügig, war sie schon immer; sie gibt so viel.

Wieder mal in Halle und Umgebung

An der Saale hellem Strande kann es auch düster sein © Fritz-Jochen Kopka

An der Saale hellem Strande kann es auch düster sein
© Fritz-Jochen Kopka

Sonnabend

Wir waren Regen und mäßige Temperaturen nicht mehr gewöhnt, vielleicht darum fuhren wir etwas verloren durch den Saalekreis (früher Saalkreis) und streiften Dörfer wie Dobis, Mücheln und Brachwitz. Dörfer von, wie uns schien, diffuser Struktur, zerstreute Straßen, unauffällige Plätze, keine Hierarchie.

Landschaft mit Windrädern

Landschaft mit Windrädern

In Dobis waren die Galerie und das Café geschlossen. Das Alte Rathaus machte einen restaurierten Eindruck, nicht weniger das Ortsgemeinschaftshaus Zur Weißen Wand, und der Schützenkönig von 2015 hatte seine Plakette an die Hauswand geklebt. Die Weiße Wand? Ja, das ist eine kreidezeitliche Hebung, durch die Schichten aus der ursprünglichen Horizontalen in eine Schräglage gedrückt wurden. Man kann sich auf diese schräge Erhebung stellen und auf die Landschaft herunterschauen, weiß ist sie nicht. Man sah in der Ferne viele Windräder, und ich werde nie begreifen, wie Energie entsteht, wenn sich die Rotoren drehen, es ist mir gerade noch mal erklärt worden und bleibt hoffnungslos.

Was mit den Templern geschah

Was mit den Templern geschah

Dann sind wir in Mücheln, betreten die alte Templerkapelle, ein kleiner Andachtsraum, eine düstere Treppe, die hinauf führt, wir hören die helle Stimme, die unerschrocken Schauergeschichten vom Schicksal der Templer erzählt, die ja Kreuzritter waren und nach schweren Niederlagen verfolgt und enteignet wurden. Ein dunkler Raum unterm Dach. Die Stimme gehört einer bärtigen Gestalt in Ritterkleidung, ein Wiedergänger der Templer spricht zu einer Gruppe ältlicher Touristen, der es wahrscheinlich vor dem Abstieg die heikle Treppe hinunter graut. Die Kapelle wurde jahrhundertelang zweckentfremdet, unter anderem als Scheune und Getreidespeicher, nun finden hier Konzerte und Ausstellungen statt, ist auch ’ne Zweckentfremdung, aber eine löbliche.

Du musst den Straußenvögeln nicht unbedingt trauen

Du musst den Straußenvögeln nicht unbedingt trauen

In einem struppigen Gehege vor einer Stallung mit zerbrochenen Fenstern stoßen wir mit einigen Straußenvögeln zusammen. Die Gelegenheit, solche Vögel aus der Nähe zu betrachten, hat man nicht so häufig und kann nun sagen, die Strauße haben überraschend freundliche Gesichter, schnappen aber gern mal zu. Einen Abhang hinauf haben sich in einem alten Gemäuer Künstler niedergelassen und ein Café eröffnet, das sieht schon ein bisschen kommunemäßig aus und dauert auch so lange.

Auf dem Weg zur Kunst

Auf dem Weg zur Kunst

An der Saale bei Brachwitz gibt’s das Café Saale Kiez; das scheint mal ein richtiger großer Dorfsaal gewesen zu sein, der Raum ist mit vielen Sammlerstücken ausgestattet, jetzt gibt’s da selbstgemachten Kuchen und im Oktober spielt The Dylan Project, da ist dann auch Wolfram Bodag dabei, der alte Blueser von Engerling. Mit der Fähre setzen wir über und sind schon gleich wieder in Halle. Wollen Sie auch ein Wasser?, fragt die Kellnerin in der Grünen Remise. Eigentlich nicht, sage ich. Auf eigentlich folgt eigentlich immer ’ne Lüge, sagt die Kellnerin. Da muss ich erst mal drüber nachdenken.

Sportschau im TV. Hansa Rostock verliert zu Hause 1:3 gegen den Aufsteiger Sportfreunde Lotte. Dieses Grundes sich zu betrinken hätte es gar nicht bedurft. Und das noch: Hilmar Thate ist gestorben, schon am Mittwoch. Er ist in der Nähe von Halle geboren, auf dem Dorfe. In seiner Autobiographie erzählt er, wie er einmal als Kind am Fenster stand und ins Dorf hinausschrie: Ich bin alleene! Ich bin alleene! So ein Kind muss Künstler werden. Und was für einer!

Die Barbaren

Schnell abgeworfen das Zeug und weg. Sie hatten die Hosen voll.

Schnell abgeworfen das Zeug und weg. Sie hatten die Hosen voll.

Da haben sie in unserem Wäldchen am Rand meiner Laufstrecke eine Couchgarnitur abgeworfen, und ich muss jeden Tag daran vorbei. Ich meine, wenn schon: Warum haben sie die Sitzmöbel dann nicht richtig aufgestellt, die Lampen in die Bäume gehängt und die Tür aufgerichtet, eine Sofaecke mitten im Wald, um zu zeigen, wie durchlässig die Grenze zwischen privatem und öffentlichem Raum sein kann, das hätte doch Charme gehabt, aber so – sind sie einfach nur Barbaren.

Für den Alkohol bist du verloren

Der Rest ist Schweigen

Der Rest ist Schweigen

An einem Donnerstag in Berlin (4)

Auf dem Alexanderplatz habe ich wieder Hunger und kaufe ’ne Bratwurst. Der ambulante Händler wartet, bis er mein Geld in der Hand hat, dann übergibt er mir die Wurst. Da scheint schon mancher weggelaufen zu sein, ohne zu bezahlen. Hoch oben auf dem Dach des Abrissblocks am Anfang der Karl-Marx-Allee steht ein Mann. Wie ist der da hinaufgekommen? Er zieht sein T-Shirt aus und schwenkt es über seinem Kopf, als habe er einen schwierigen Gipfel erklommen, erhält aber keine Reaktionen von unten. (Der Bezwinger des Mount Everest geht leer aus). Auch ich kann ihn nicht fotografieren, weil ich noch die halbe Bratwurst in der Hand habe. Unter den Bäumen hat sich eine Sinti-, Roma- oder Zigeunerfamilie häuslich eingerichtet. Die Jungen streiten mit den Alten. Verheugen steht im Eingang seines Blocks. Ich höre das bis oben hin, es geht schon den ganzen Tag, sagt er. Wie soll man da nicht ausländerfeindlich sein. Das sind ja deutsche Staatsbürger, sage ich. Haha, sagt er. Dann bist du auch deutscher Staatsbürger.

Das sind so seine Scherze. Die Kellnerin kommt mit zwei Speisekarten. Die Karten können Sie wieder mitnehmen. Wir wollen nur trinken, sagt Verheugen. Die Kellnerin ist einverstanden. Ob ich was gegessen habe? ’ne Bratwurst auf dem Alex. Die sollte man nicht essen. Verheugen hat die Verkäufer beobachtet. Wenn sie morgens ihre Würste auspacken, fällt schon mal einiges davon aufs Pflaster, er hat’s selbst beobachtet, und dann tropft ihr Schweiß auf die Würste und so weiter. Ich weiß, sage ich, eigentlich kann man gar nichts mehr essen. Man kann auch kein Bier mehr trinken. Könnte immer sein, dass sich eine Wespe im Glas versteckt hat.

Verheugen hat nach einem Unfall ein halbes Jahr total abstinent gelebt. Es macht mir nichts aus, sagt er. Für den Alkohol bist du vermutlich verloren, meine ich. Ich werde schon wieder trinken, sagte er, Bier auf jeden Fall, vielleicht keinen Schnaps. Wie ein Leistungssportler nach einer lange Verletzungspause erst langsam wieder Muskeln aufbauen muss, so musst auch du dich wieder fit machen für den Alkohol.

Nun ist es also so weit. Er trinkt die fünf Bier, als wäre zwischendurch nichts gewesen. Nur bei dem Gratisgrappa am Ende zweifelt er, aber nur kurz.

So neigt sich ein Donnerstag in Berlin. Der Alexanderplatz hat sich in Dunkelheit und Schweigen gehüllt. Tut ihm mal ganz gut, wird aber nicht lange dauern.