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Posts Tagged ‘Bastian Schweinsteiger’

Schweinsteigers Würde

Hinter jedem Fenster ein TV-Gerät und überall das selbe Programm © Fritz-Jochen Kopka

Hinter jedem Fenster ein TV-Gerät und überall das selbe Programm
© Fritz-Jochen Kopka

Drei Viertelfinales, zwei Elfmeterschießen. Die Waliser allein machen es anders. Sie zeigen den favorisierten Belgiern, wie man nach einem Rückstand zurückkommen und wie effektiv das schnörkel- und furchtlose Spiel sein kann. 3:1, das hat niemand von uns getippt.

Das Elfmeterschießen zwischen Polen und Portugal war hochwertig, ausgerechnet der bei dieser EM aufgeblühte Jakub Blaszcykowski wurde zum tragischen Helden, dabei war sein Elfer noch nicht mal schlecht geschossen, aber wenn der Torwart die Ecke ahnt und dynamisch nach dem Ball springt, dann kannst du eben Pech haben als Schütze.

Deutschland – Italien, ich würde sagen, das war das miese Spiel zweier hochklassiger Mannschaften, vermutlich der beiden besten des Turniers. Man weiß sich gegenseitig zu blockieren. Dreierkette gegen Dreierkette, was ja eigentlich Fünferkette gegen Fünferkette heißt. Keiner will ins offene Messer laufen. Das Match findet hauptsächlich im torfernen Bereich statt. Torchancen werden nicht von den Kickern, sondern vom Zufall herausgespielt. Wir sehen abermals, in welcher Sackgasse sich der hochgezüchtete, hochbezahlte Fußball befindet. Für den absurdesten Moment sorgt wiederum Jerome Boateng, vielleicht der große Held des Turniers. Er wirft künstlerisch anmutig wie im Ballett die Arme hoch, sie locken den Ball, der nicht lange auf sich warten lässt. Handelfmeter. Tor. 1:1. So wird das Elftmeterschießen erst möglich.

Man wundert sich, wie wenig Fußballverstand die Reporter Tom Bartels und Steffen Simon haben, obwohl sie ja nun seit gefühlten Jahrhunderten Fußballspiele sehen und kommentieren. Bartels konnte nicht verstehen, warum die Portugiesen nicht bedingungslos anstürmten, um das Siegtor zu schießen und machte aus lauter Unverstand und Frustration seinen Landsmann Felix Brych, den Schiedsrichter, zum Man of the Match. Patriotismus in Ehren, aber so weit sollte man dann doch nicht gehen. Es erinnert fatal an die DDR, die ihren Schiedsrichter Rudi Glöckner zum Weltmeister machte, weil er nicht auf die Reklamation des großen Pele hereinfiel (Mexiko 1970). Olle Bartels fand auch noch die krasse Fehlentscheidung Brychs, Ronaldo nach einem klaren Foul einen Elfmeter zu versagen, letztlich gut durchdacht, denn nach dem Ausgleich hätten sich die Portugiesen noch früher zurückgezogen und den Spielfluss blockiert. Solche liebenswerten Torheiten verzeihen wir natürlich gern, zumal Bartels es zu einem gewissen Ruhm gebracht hat als jener Fußballreporter, dem das Spiel der Kicker nichts, das Agieren des Schiedsrichters hingegen alles ist.

Steffen Simon wusste angesichts eines erstarrten Spiels viel Positives über den früh eingewechselten Bastian Schweinsteiger zu erfinden. Er bescheinigte ihm enorme Leaderqualitäten und eine herausragende Leistung. So viel kann man sagen: Schweinsteiger spielte mit großer Würde, bevorzugte den kurzen Alibipass sowie kurze Lauf- und Gehwege und stieß auch mal einen Verteidiger nieder, um ein Tor zu erzielen, was leider nicht anerkannt wurde (obwohl wir Deutsche mit ungarischen Schiedsrichtern eigentlich immer gute Erfahrungen gemacht haben). In der Pause vor dem Elfmeterschießen redete Schweinsteiger mit Engelszungen auf seine junge Mitspieler ein, um ihnen zu erläutern, worauf es bei den Elfern ankommt, um dann den seinen – sozusagen als Uli-Hoeneß-Gedenkelfer – in den Himmel zu jagen. Es war übrigens ein miserables Elfmeterschießen: sechs nicht verwandelte Elfer bei den ersten zehn Schützen, kein Wunder, wenn es jetzt nicht wenige Leute gibt, die sich ein Endspiel Wales gegen Island wünschen. Diese Menschen kann ich verstehen, auch wenn ich selbst ein großer Patriot vor dem Herrn bin.

Unser immer lustiger Thomas Müller hat übrigens das Zeug dazu, zum großen Unglücksraben dieser EM zu werden. Er spielt den Sisyphos, der den Ball den Berg hinauf zum Tor rollt, und wenn er ihn nur noch hineinstupsen müsste, rollt der Ball den Berg wieder hinunter, und Thomas Müller versucht es erneut. Seinen Elfer brachte er auch nicht am Torwart vorbei, ganz wie es die Mythologie verlangt. Und da wir von den Berichterstattern und Kommentatoren jetzt ständig etwas von der Genialität Mesut Özils vorgesungen bekommen, können wir schlussfolgern: Genialität ist das, was man nicht sehen kann.

Deutschland – Ukraine absurde Momente

Die Tiefenschärfe der Nachwuchssportler – von den Deutsch-Russischen Festtagen in Berlin-Karlshorst am Tag des Ukraine-Spiels © Fritz-Jochen Kopka

Die Tiefenschärfe der Nachwuchssportler – von den Deutsch-Russischen Festtagen in Berlin-Karlshorst am Tag des Ukraine-Spiels
© Fritz-Jochen Kopka

Unsere Grillgäste kamen auf scharfen schwarzen Fahrrädern quer durch die halbe Stadt. Zuletzt streiften sie noch das Deutsche Haus. Deutsches Haus? Hier bei uns in Karlshorst? Na ja, das Haus, wo die vielen Deutschlandfahnen hängen. Kapiert. Fußballeuropameisterschaft. Unser entfernter Nachbar Hans im Glück übertrifft sich noch einmal selbst. Überdimensionierte Fahnen, große Fahnen, mittelgroße Fahnen, mittelkleine Fahnen, kleine Fahnen, Wimpel schmücken das Haus. Abends kreuzen Freunde und Verwandte auf und haben Raketen im Gepäck. Auf der Terrasse steht eine große Videoleinwand. Allerdings vermochte Deutschland gegen Ukraine keine Begeisterung zu wecken. Es blieb – trotz Sieg – merkwürdig still. Keine Raketen wurden abgefeuert, es sei denn, wir sind vorsichtshalber taub geworden.

Für meinen Geschmack lieferte das Spiel einige absurde Momente. Zunächst, wie Jerome Boateng, das Selbsttor, das er zu erzielen im Begriff war, noch mit einem halben Salto oder so, für den er von jedem Turnlehrer eine 4 minus bekommen hätte, verhinderte. Das musst du erst mal können: Deine eigene Rückgabe auf der Torlinie abfangen. Ich meine, er sieht in seinen Bewegungsabläufen oft etwas ungelenk aus, aber er bringt es einfach.

Für den zweiten absurden Moment sorgte Bastian Schweinsteiger. Ja, ganz richtig. Männer dürfen seit einiger Zeit etwas fülliger sein, auch Sportler, das ist durchaus sexy (hört man aus eingeweihten Kreisen). Schweinsteigers müde Beine wurden von der erwartbaren Flanke Özils magisch angezogen, so dass dem Spieler nichts weiter übrig blieb, als ihnen zu folgen. Özils Ball erreichte seinen rechten Fuß, er drückte ihn technisch anspruchsvoll über die Linie, 2:0. Die Kraft reichte gerade noch, um zur deutschen Bank zu laufen. Noch beim Interview nach dem Spiel pumpte er wie ein Maikäfer, aber er hatte in fünf Minuten Einsatzzeit ein Tor geschossen. Man fragt sich, wie das möglich ist, aber es geschah. Absurd war natürlich auch, wie die Ukrainer es fertig brachten, aus ihren vielen Möglichkeiten in der ersten Halbzeit kein Tor zu machen, und als unser Mustafi ihnen gegen Ende des Spiels helfen wollte, gelang auch ihm das Selbsttor nur halb, und den Rest erledigte der vorzügliche Manuel Neuer, der den mitgelaufenen rumänischen Stürmer in den Rasen rammte. Dass der Schiedsrichter das laufen ließ, war auch absurd.

Und an die letzte Absurdität haben wir uns längst gewöhnt. Ersatzspieler und Stimmungskanone Podolski feierte Schweinsteiger derart triumphierend, als wären es seine, Podolskis, Beine gewesen, die den Ball erlaufen und das Tor erzielt hätten. Am Ende ist immer Podolski der Sieger, auch wenn er gar nicht gespielt hat.

Weltmeister sprechen sich an

Fußball schauen oder Eis essen? Am Ende wohl doch Fußball, vielleicht mit Eis

Fußball schauen oder Eis essen? Am Ende wohl doch Fußball, vielleicht mit Eis

Peter Körte stellt in der FAS die durchaus angebrachte Frage, ob wir uns auf die bevorstehende Fußballeuropameisterschaft überhaupt freuen können. Ich freue mich immer weniger. Einmal natürlich wegen der Bedrohungslage, die Anschläge von Paris stecken uns noch in den Gliedern. Aber sie erreichten das Stadion, in dem das Länderspiel stattfand, nur akustisch. Und wenn ich es richtig überschaue, schlagen die Terroristen nicht dort zu, wo es erwartbar ist. Denn dort ist auch die höchste Sicherheitsdichte.

Ich freue mich auch weniger nach dem vorläufigen Aufgebot des Bundestrainers und noch weniger nach dem endgültigen Aufgebot. Auf den Außenverteidigerpositionen tappt der Trainer im Dunklen. In sozialen Netzwerken witzeln sie abermals und abermals nicht zu Unrecht über die Nominierung Lukas Podolskis. Immerhin. So wenig er spielt, im Erfolgsfall wird er am meisten jubeln. Falls das das Kriterium ist …

Schweinsteiger stehen die grauen Schläfen sicher gut, das Übergewicht aber nicht. Von den Newcomern war Julian Brandt sicher der kreativste und torgefährlichste; der hätte dabei sein sollen. Von Marco Reus nicht zu reden, gegen dessen Verletzungen man anscheinend nichts machen kann. Bei anderen Verletzten sieht das anders aus. Und die beiden Testspiele gegen die Slowakei und Ungarn haben mir schon gar keine Vorfreude gemacht. Unsere Jungs sahen wie Kicker aus, die sich gegenseitig mit Weltmeister anreden, auch wenn sie nur ein paar Minuten mitgespielt haben oder nur auf der Ersatzbank saßen. Vor zwei Jahren in Brasilien. Nun schwächelt auch noch der sogenannte Abverkauf von Deutschland-Trikots zur EM. Die Fan-Artikel zum empfohlenen Verkaufspreis von 84,95 € (der DFB verdient pro Hemd lediglich 5 €) drohen zur Schleuderware zu werden.

Körte verderben allerdings UEFA und FIFA die Laune, das Versagen der Verbände, die kriminelle Energie der Funktionäre. Das weiß man, das ist ein alter Hut, das möchte man auch nicht mehr hören. Der Fußball ist zu groß geworden für die Strukturen, in denen er organisiert wird. Es müsste stringenter und demokratischer zugehen, falls sich das nicht widerspricht. Und trotzdem ist der Fußball eine Erfolgsgeschichte, trotzdem spielt er das Geld ein, das er dann verschiebt, trotzdem ist es gelungen, alle Kontinente einzubeziehen und den Entwicklungsländern eine Chance zu geben. Das ist ja eigentlich absurd. Ist aber so.

Weltmeister foult man nicht

Die WM ist gerade vorbei, und wir stecken schon wieder bis über beide Ohren in der neuen Saison. Bei uns armen Hansa-Rostock-Schweinen ist wieder der Gentleman-Trainer gelandet, der nach einer Niederlage nichts Besseres zu tun hat, als dem Gegner die herzlichsten Glückwünsche auszusprechen. Indirekt schlägt er sich auf die Seite der Sieger, indem er ihnen erläutert, warum sie gewonnen haben. Bei uns scheint die Tendenz vorzuherrschen, die Vergangenheit zurück in die Gegenwart zu holen. Denn unser Gentleman-Trainer war schon mal unser Gentleman-Trainer. Wir sind mit ihm von der dritten in die zweite Liga aufgestiegen, aber da hatte er keine Chance, die Klasse zu halten und wurde entlassen. Jetzt ist er wieder da. Und auch die Macken der Vergangenheit werden wieder lebendig. In der Regel kassieren wir die Gegentore von Einwechselspielern. Wahrscheinlich verstehen wir es nicht, uns auf einen neuen Mann einzustellen. Wie früher sind wir plötzlich nicht mehr in der Lage, das Tor zu treffen. Oder der gegnerische Torwart wird von uns berühmt geschossen.

Und jetzt schwenke ich naheliegender Weise von uns armen Hansa-Rostock-Schweinen über zu den reichen Bayern-München-Elefanten. Die haben unseren Toni Kroos nach Real Madrid verkauft, weil sie ihm nicht genauso viel Jahresgehalt zahlen wollten wie Mario Götze, der, wenn ich es richtig weiß, drei Mal so viel verdiente wie Kroos und drei mal weniger Einsatzminuten hatte. Ja. Man lässt es sich schon was kosten, wenn man dem Liga-Rivalen Dortmund was wegkaufen und ihn schwächen kann. Dass dann die Gehaltsstruktur durcheinander gerät, nimmt man billigend in Kauf. Toni Kroos spülte den Bayern 25 bis 30 Millionen € in die Kasse. Im nächsten Jahr hätte er ablösefrei gehen können. Das aber hätte dem kaufmännischen Ethos der Münchner widersprochen. Da verzichten sie lieber schon ein Jahr früher auf einen ihrer Weltmeister, ehe sie sich Geld entgehen lassen, wie das Dortmund im Fall Lewandowski tat. Was mich noch interessiert. Die Bayern besitzen ja doch auch ein hohes solidarisches Ethos. Müssten sie nicht uns armen Hansa-Rostock-Schweinen zehn Prozent des Transfererlöses für Toni Kroos zahlen, den sie doch von uns geholt haben?

Die Karte wurde den US-Boys zu selten gezeigt

Die Karte wurde den US-Boys zu selten gezeigt

Unterdessen ruhen sie sich nicht auf ihren Lorbeeren und auf ihrem dicken Konto aus, sondern verkaufen die Marke Bayern München in Amerika. Nach dem Motto: Die Weltmeister spielen vor. Zeigen euch mal, wie es geht. Fußball von Bayern München ist mehr als Fußball. Ist Show. Die Werbetour endete unverhofft mit einer 1:2-Niederlage gegen eine Allstar-Auswahl der Major League Soccer. Pep Guardiola wusste den Grund. Die Amerikaner stiegen viel zu hart ein, der Schiedsrichter wies sie nicht in die Schranken. Wissen denn die Amis nicht, dass man Weltmeister nicht foult! Plötzlich stand nicht mehr Pep Guardiola an der Seitenlinie, sondern Louis de Funès als Oscar oder Balduin oder Rumpelstilzchen und verweigerte dem amerikanischen Trainer den obligatorischen Händedruck nach dem Spiel. Den Amerikanern gefiel das nicht: „Wenn ihr nichts riskieren wollt, dann kommt gar nicht erst hierher. Auch nicht wegen des Geldes”, sagte der Ex-Profi Alexi Lalas. Zynisch, was? Dabei erlitt Weltmeister Bastian Schweinsteiger eine Knöchelprellung, ein Spieler, der allgemein geschätzt wird für eine gesunde Mischung von offenen und versteckten Fouls. Und jetzt schlagen die zurück. Foulen einen Weltmeister.

Bela Rethy klärt auf. Unabsichtlich

Wer die Kunst des Lippenlesens beherrscht (wie etwa ich), konnte erraten, dass die deutschen Spieler den Text ihrer Nationalhymne nicht beherrschen, von jenen mal abgesehen, die nicht nur nicht so taten, als sängen sie mit. Man fragt sich, woran das liegen mag. Ich suche die Schuld nicht zuerst bei den Spielern, von denen ich sicher weiß, dass sie sich Worte, Zeilen und ganze Strophen merken können. Ich glaube viel mehr, dass der Text der deutschen Nationalhymne doch nicht ganz so signifikant ist, wie wir immer glauben, mit dieser Handvoll abstrakter Begriffe. Die Melodie ist okay. Aber um den Text sollten wir uns kümmern. Wir haben doch einen so energischen und selbstgefä …, äh, … bewussten Bundespräsidenten, vielleicht kann der da was ausrichten, aber nicht, dass er nun vorschlägt, dass wir wieder Deutschland, Deutschland über alles singen, das möchte ich bitte nicht.

Wir hatten Bela Rethy an unserer Seite, um das Spiel gegen Algerien mit der richtigen, ich sag mal, Heimatliebe anschauen zu können. Der Schiedsrichter, ließ er uns wissen, bevor noch irgendein Ball rollte, wird sehr aufpassen müssen: „Wir erwarten von den Nordafrikanern ein sehr körperbetontes Spiel.” Was heißen sollte: Das sind Holzhacker, die unseren begnadeten Edelkickern ordentlich auf die Socken geben werden. Außerdem sei die Mannschaft extrem defensiv aufgestellt – die wollen sich also ins Viertelfinale mauern.

Bei der Einblendung der Aufstellungen fehlte übrigens bei Bastian Schweinsteiger und nur bei ihm der Vorname. Sollte das unterstellen, dass er Schwein Steiger heißt? Ich weiß ja nicht.

Und dann rutschte uns guten Deutschen angesichts der ach so defensiven Algerier das Fußballerherz in die Hose. Die Jungs hatten ein echtes Konzept, was man bei uns total vermisste, und spielten unsere Abwehr ein ums andere Mal aus. Manuel Neuer bekam der Fußballkrieg wie eine Badekur, er konnte endlich, was er am liebsten tut, sein Tor verlassen und das gesamte hintere Drittel des Spielfelds befrieden, auch wenn das manchmal komisch aussieht. Deutscher Spielwitz sah nach Bela Rethys Worten so aus: Lahms Idee war, den Ball nach rechts zu spielen. Und mehr Ideen waren wirklich nicht. Positives wusste Rethy über Jerome Boateng zu vermelden. Der könnte auch so schnell sein wie die Algerier – „wenn er sich rechtzeitig entscheiden könnte, loszulaufen”. In der Verlängerung wurde noch alles gut. Thomas Müller, der sich nicht so recht entscheiden kann, ob er lieber Goalgetter oder Komiker sein will, brach links durch, flankte, Schürrle rauschte heran: Das macht er mit der Hacke, schrie Bela Rethy, das macht er mit der Hacke. Und dann gab er die Erklärung, warum das Spiel so lief, wie es lief. „In Brasilien hat die deutsche Elf ein unglaubliches Image.” So muss es sein. Der brasilianische Schiedsrichter Sandro Ricci benachteiligte die Algerier konsequent das ganze Spiel über. Er gab keine rote Karte und keinen Elfmeter, aber in den Zweikämpfen waren immer die Deutschen die Opfer. Nur als Philipp Lahm Yacine Brahimi die Hose zerriss, dachte der konservative Herr Ricci: Das sollten Männer nicht mit Männern machen, und zeigte gelb. Die Hose bezahlst du mir, dachte Brahimi, aber wie sagt man das auf Deutsch?

Man muss es nur wissen

Es ist leicht, einen Fallou Diagne vom Platz zu stellen, es ist schwer, einen Bastian Schweinsteiger vom Platz zu stellen. Diagne spielt beim kleinen SC Freiburg, Schweinsteiger spielt beim großen FC Bayern, und wenn sich eine Gelegenheit ergibt, wird Schweinsteiger gern zum besten Mittelfeldspieler der Welt ausgerufen, wie unsinnig das auch immer sei, denn der Sport relativiert die Superlative im Wochentakt. Christian Eichler hat in der FAZ den Unterschied in der Verfahrensweise benannt und kommentiert: Im Zweifel immer für die Großen. Er hat dazu ein Beispiel aus England angefügt. In den letzten drei Spielzeiten betrug die Nachspielzeit dort in der Regel 79 Sekunden. Wenn allerdings Manchester United (sagen wir mal vergröbert: die englischen Bayern) hinten lag, summierte sich die durchschnittliche Nachspielzeit auf 4:39 Minuten. Die Schiedsrichter hatten Angst vor Alex Ferguson, dem Trainer von ManU. In Deutschland haben die Schiedsrichter die Hosen voll, wenn sie es mit Uli Hoeneß zu tun bekommen. Aber dass sie so weit gehen wie am Sonnabend, ist schon bemerkenswert: Schweinsteiger hieb seinem Gegenspieler Diego mit beiden Händen wie ein Henker in den Nacken. Brutaler und demonstrativer kann man ein Machtgefühl nicht ausdrücken. Und dennoch: Um diesen Spieler den Regeln gemäß vom Platz zu stellen, braucht der Schiedsrichter Charakter. So weit hat es ein Mann aus Rostock und überhaupt aus dem Osten im Fußball noch nicht gebracht. Schiedsrichter Danckert zeigte Schweinsteiger gelb. Das war besonders bescheuert. Wenn ich nicht den Arsch in der Hose habe, die richtige Entscheidung durchzuziehen, dann tue ich so, als ich hätte ich das Vorkommnis nicht gesehen. Oder ich zeige Diego gelb, weil der sich fallen ließ. Denn Schweini hatte ihn ja nur gekitzelt. Dem Feigen fällt immer etwas ein.

Ein Fräulein, äh, ein Bayer beklagt sich bitter

Was ist passiert? Die Punkte in Nürnberg wollen die Bayern im Vorbeigehen mitnehmen, Schon nach drei Minuten steht es 1:0 für die Münchner, obwohl Jupp, der Meister der Rotation, einige Kicker für die Champions-League schont. Am Ende heißt es 1:1, und man kann nicht mal sagen, dass die Bayern schlechte Verlierer sind. Sie sind schlechte Nicht-Gewinner oder schlechte Unentschiedenspieler.

Man entnahm es dem Klagegesang, den Bastian Schweinsteiger anstimmte. „Nürnberg kann nicht anders als so. Sie haben versucht, den Schiedsrichter immer zu beeinflussen, sie haben viel provoziert im Spiel mit Zeitschinden, mit Liegenlassen, mit kleinen Dingen von draußen Einfluss genommen. Es war nicht einfach, wenn man immer wieder einen Tritt bekommt.” Ja, die bösen Nürnberger. Die Bayern versuchen natürlich nicht, den Schiedsrichter zu beeinflussen. Jeden Punktverlust sehen sie als Majestätsbeleidigung, jedes Gegentor erst recht. Manuel Neuer war außer sich, als ein Interviewer den Verdacht äußerte, das Gegentor können einem Torwartfehler entsprungen sein, und wollte den Kollegen statt seiner in den Kasten stellen. Soll der es doch mal versuchen, so einen Feulner-Schuss zu halten …

Was ist das für ein seltsames Klima dort, im Bayern-Paradies? Wer nicht verlieren, ja, wer nicht einmal ein Unentschieden ertragen kann, ist im Sport fehl am Platze. Sollte in die Politik gehen. Oder ins Kloster.