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Archive for the ‘That’s my song’ Category

Herbert Roth und die Berge

Herbert Roth, wahrscheinlich am Rennsteig

Herbert Roth, wahrscheinlich am Rennsteig

„Erinnerungen an Herbert Roth” brachte der MDR. Das weiß jeder im Osten: Herbert Roth schrieb das Rennsteiglied, sang das Rennsteiglied und machte das Rennsteiglied zum Hit. Jeder kann es singen. Der Film zeigt Fernsehstudios und Säle. Das Rennsteiglied erklingt, die Leute singen selig mit und schunkeln noch dazu. Die Sendung war auch für Leute interessant, die über sowas spöttisch lächeln oder es gänzlich ablehnen. Denn Herbert Roth war ein Phänomen. Er war ein musikalisch begabter Sohn von Thüringer Friseurmeistern aus Suhl, sollte den Salon übernehmen und wurde Friseur, der viele Instrumente spielte und Melodien erfand. Dann kam der Krieg, und Roth wurde Soldat, kam nach einjähriger englischer Kriegsgefangenschaft zurück nach Suhl, da war Karl Müller, sein bester Freund, schon ein Jahr wieder zu Hause, hatte im Krieg aber den linken Arm verloren. Müller schrieb die Texte, Roth die Melodien, Waltraud Schulz war die Gesangspartnerin, beide standen mit riesigen Akkordeons neben den drei Musikern, und die Leute wollten das hören. 1956 gab Roth den Friseurjob auf. Wo der Erfolg übermächtig wird, formieren sich die Gegenkräfte. Da ging es auch um Begrifflichkeiten. Waren Herbert Roths Lieder Volkslieder, nur weil das Volk sie mitsang? Wenn man so will, waren Herbert Roth und seine Musikanten die Gartenzwerge der DDR-Musik. Der Kitschverdacht wurde nicht umsonst geäußert. Es ging in den Texten um die Berge und das Wandern, kleine Häuser am Wald und Vöglein, die Lieder sangen, um Pulverschnee und frisch gewachste Ski. Und genau so waren die Melodien und die Instrumentierung. Die Schroffheit der Berge, die Unbilden der Natur, die Launen des Schicksals kamen nicht vor, von sozialen Problemen zu schweigen. Die Harmonieschraube wurde immer noch ein Stück weitergedreht. Na und? Das konnte man aushalten, auch wenn man der Meinung war, dass authentische Folklore immer auch etwas Irrationales, Unerklärbares, Zufälliges, Unverdientes enthält.

Diesen Konflikt, der durchaus auch mit Niedertracht ausgetragen wurde, hätte man so genau wie möglich beschreiben können. Beide Seiten hatten Argumente. Aber dem war der Film nicht gewachsen. Er huldigte Herbert Roth mit einer Ansammlung von Sprachschablonen und sah ihn von böswilligen Übeltätern umstellt. Das hätte man offener und unvoreingenommer gestalten können. Die Sendung hat man dennoch mit Anteilnahme gesehen. Herbert Roth hatte ein Gesicht ohne Arg, er schrieb sicher nicht aus geschäftlichem Kalkül, sondern so, wie er empfand. Seine Duettpartnerin Waltraud Schulz besaß einen frischen Charme und war anscheinend ein Naturtalent auf der Bühne. Wieso sie sich letztlich aus der Roth-Gruppe zurückzog, konnte nur angedeutet und nicht geklärt werden.

Herbert Roth war auch ein Familienmensch. Das erzählt seine Tochter Karin, die später an die Stelle von Waltraud Schulz trat, aber eben keine Waltraud Schulz war. Rührend, wenn sie berichtet, wie die Mutti (Edeltraud) nachts, wenn der Vati von den Konzerten nach Hause kam, immer noch eine warme Mahlzeit für ihn bereithielt, zum Beispiel Spaghetti mit Sauce. Denn wenn er unterwegs war, aß Herbert Roth nichts, nur die Stulle, die die Mutti ihm mitgegeben hatte.

Herbert Roth starb 1983 mit 56 Jahren an Magenkrebs. Ich glaube, dass dieser Mann und seine Geschichte ein großes Thema sein könnten, wenn man sich ihm offen stellt.

 

Als ich David Bowie war

Masters of communication on venice beach © Fritz-Jochen Kopka

Masters of communication on Venice Beach
© Fritz-Jochen Kopka

Wir werden seine Musik jetzt mit anderen Augen hören, sagt der Moderator im Deutschlandfunk am Morgen zum Tod von David Bowie. Der Tod scheint ihn doch sehr getroffen zu haben. Oder er benutzte die Augen als Metapher für die Ohren, wie sinnvoll oder -los das auch immer sein mag. Ich muss sagen, seit ich mich vom Journalismus verabschiedete, hat sich da nichts verbessert und vieles verschlechtert. Auf diese Weise lässt sich schließen, dass meine Generation sich doch einige Verdienste zugute halten kann. Von alleine wären wir auf diese Idee nicht gekommen. Mich nerven diese gecoachten Typen mit ihren selbstgefälligen Stimmen, die mit beispielhafter Ahnungslosigkeit Verdrehtheiten und Banalitäten von sich geben. Jetzt halten sie der Politik eine Taktik des Verschweigens vor, die sie ja bis zu den Vorfällen von Köln hochengagiert mitbetrieben haben.

Ich saß auf einem Felsen am Strand von Venice Beach und schaute mir die fremde kalifornische Strandwelt an. Über zwanzig Jahre ist das her. Zwei Jungs mit Basecap und Pferdeschwanz fingen ein Gespräch an. Sie waren psychologisch gesehen wahre Meister der Kommunikation. Sie attackierten mich, indem sie meinten, als Deutscher sei ich doch bestimmt ein Nazi. Sie schmeichelten mir mit der Frage, ob ich David Bowie sei, jedenfalls sehe ich so aus (ich wusste nicht genau, wie David Bowie wirklich aussieht, aber wer wusste das schon?) So vorbereitet gingen sie zur praktischen Philosophie über. „There’s a million ways to get money!” Sie wählten den einfachsten. Sie sagten, sie wollten Bier für uns holen, dafür brauchten sie zehn Dollar. Die gab ich ihnen. Natürlich kamen sie nicht wieder und das Bier, das sie davon vermutlich nicht gekauft hatten, auch nicht. Letzten Endes waren wir alle zufrieden. Das ist meine private Erinnerung an David Bowie. Und dass er eine Zeitlang in Berlin lebte und sich auch für die Ostseite der Stadt interessierte.

Deshalb muss man aber noch lange nicht über den Journalismus von heute herziehen. Nee, muss man eigentlich nicht. Aber nun steht es eben mal da.

Das Geburtstagskonzert

August 5, 2015 3 Kommentare
Wenzel mit Kapitänsmütze, an der Gitarre Künstlerfreund Andreas Dresen

Wenzel mit Kapitänsmütze, an der Gitarre Künstlerfreund Andreas Dresen

Die Schlange erstreckte sich über den Hof des Admiralspalasts und über ein gutes Stück der Friedrichstraße, und sie bewegte sich kaum vorwärts. Da es um das Geburtstagskonzert von Wenzel (60; ich glaub, er mag das Wort Liedermacher nicht, schon wegen des unschönen Verbs machen) war es eigentlich unvermeidlich, dass man einige Leute in der Schlange zumindest flüchtig kannte, aber an die Dame, die vor mir stand, musste ich mich doch mit einer Frage wenden: Hab ich mich so verändert oder hast du dich so verändert, dass wir uns nicht mehr erkennen? Ach, sagte sie, ich erkenne die Leute doch nur an ihrer Stimme, das war schon immer so, es ist so eine Anomalie der Augen, die sonst gar nicht so schlecht sind, ich kann die Leute eben nur an ihrer Stimme erkennen. Aber du redest noch so wie früher. Sie nannte auch den Namen dieser Anomalie, aber ich hatte schon in diesem Moment keine Hoffnung, dass ich mir den merken könnte, und so kam es auch. Als wir schon ziemlich weit vorn an dem Tisch mit den Karten waren, ging ein ehemaliger Bundestagspräsident stolz an der Schlange vorbei und ließ sich seine Karten sofort aushändigen. Ich möchte wissen, welche Berechtigung er dafür anführen kann, sagte die Dame. So einfach ist es mit der Demokratie nicht, dass immer alle gleich sind, sagte ich, wahrscheinlich hat er das Minibuch mit dem Text des Grundgesetzes bei sich und findet für jede heikle Frage die geeignete Antwort. Später erinnerte ich mich, dass es vor knappen vierzig Jahren eben diese Dame gewesen war, die mich an die Kunst von Wenzel und damals noch Mensching heranführte, indem sie mir sagte, dass die besondere Ästhetik der beiden darauf beruhe, dass sie Anarchisten seien; wenn man das nicht wisse, könne man sie nicht verstehen. Ich dachte an Bakunin und an Herrschaftslosigkeit und muss zugeben, dass mir trotz einer unerklärlichen Voreingenommenheit das, was die beiden mit ihren Ensembles und Bands machten, von Anfang bis Ende gefallen hat. Es war einfach anders als alles andere und vielleicht schon aus diesem Grund anarchistisch. Sie haben immer Schwerstarbeit auf der Bühne geleistet und es dabei immer so aussehen lassen, als ginge das leicht und lässig, abgesehen davon, dass sie irgendwann getrennte Wege gingen, so dass Wenzel der Clown, der er eben auch war, abhanden kam, allein konnte er, glaube ich, kein Clown sein, der große Clown, Wenzel, brauchte den kleinen Clown, Mensching, und der kleine den großen. Wenzel konnte auch ernste und traurige Lieder im Clownskostüm singen, es schadete den Liedern nicht, ihm Gegenteil, es gab ihnen noch eine Extraportion Anarchie dazu. Allein war er dann Poet, Sänger, Instrumentalist, Schauspieler, Anarchist, aber eben nicht mehr Clown, was ich sehr bedauerte, weil da eine wichtige Seite fehlte.

New Generation Mascha, Karla und Theo plus Gitarristen

New Generation Mascha, Karla und Theo plus Gitarristen

An diesem Tag, dem 31. Juli, wurde er 60 und gab sein Geburtstagskonzert zusammen mit seiner Band und einigen Künstlerfreunden. Er kam allein auf die Bühne, griff sich das Akkordeon und legte los. Der Mann, der in diesen Momenten sechzig wurde, hat das unbezahlbare Talent einer leichten wie selbstverständlichen Bühnenexistenz. Du siehst, dass die Leute auf der Bühne sich wohl fühlen, und du, im Zuschauersaal, fühlst dich auch wohl, du gehörst fast dazu und wartest nicht umsonst darauf, dass Wenzel einige seiner charmanten Unverschämtheiten von sich gibt, dass er den Prenzlauer Berg, wie er war, adelt oder Europa, wie es gerade wird, mit Stirnrunzeln betrachtet. Er nimmt seine drei Kinder mit auf die Bühne (das jüngste ist fünf) und jedes hat etwas beizutragen, am eindrücklichsten natürlich Karla, die Älteste, und am rührendsten Mascha, wenn sie das Lied von der kleinen Insel singt. Wenzel ist auch ein großer Katzenfreund, aber so weit hat er es noch nicht getrieben, dass er auch die Katzenfamilie mit auf die Bühne nimmt, obwohl er absurde Geschichten über sie erzählen kann (seinen Landkater musste er persönlich sexuell aufklären). Ob er auf der Bühne steht oder an seinem Gartentisch in Vorpommern sitzt, er ist der Fürst in seinem Reich (Capote über Brando), die Sätze fallen ihm zu, er schert sich nicht darum, dass sie ungerecht sind, wenn er gerechte Sätze sprechen wollte, würden sie schlapp werden, er sagte: In diesen Städten hast du keine Chance. Damals meinte er Zwickau, aber er spielte auch in vielen anderen Städten, in denen er keine Chance hatte, und er hat sie immer genutzt. Wenn ich etwas an Wenzel auszusetzen hätte, dann wäre das die Theorielastigkeit seiner Interviews, aber auf der Bühne ist von dieser Last nichts zu spüren. Die Theorielastigkeit, die sich plötzlich in nichts auflöst, gehört mit dazu, dass ich denke: Dieser Wenzel mit seiner witzigen Melancholie ist eigentlich unentschlüsselbar.

Orden um Orden, Zahn um Zahn. Wenzel und Mensching als Clowns Weh und Meh

Orden um Orden, Zahn um Zahn. Wenzel und Mensching als Clowns Weh und Meh

Er hat eine gute Band, die naturgemäß etwas gegen die Textverständlichkeit anarbeitet, aber der Geist der Songs überträgt sich doch, weil ein Lied bekanntlich immer Redundanz hat. (Ein Lied ist alles, was allein laufen kann.) Auf der Bühne ging es manchmal zu wie in einem Traum oder wie in Phantasiestücken von E. T. A. Hoffmann. Musiker sind sonderbare Gestalten, ich denke an die schöne singende Riesin im schwarzen Gewand oder an den Akkordeonisten, der weiß, wie man die Instrumente richtig halten muss. Wenzels Lieder sind atmosphärisch, poetisch, ironisch, polemisch. Balladesk eher selten. Sie haben keine Helden, nur das lyrische, zweifelnde Ich und die mehr oder minder ferne Geliebte. Typisch für ihn ist „An mich, nachts” mit der Refrainzeile: „Ich habe mir für morgen so viel vorgenommen”, kann aber nicht schlafen, verdammt. Am Ende trafen sich die Wege von Wenzel und Mensching nach all den Jahren noch einmal. Sie zogen die alten schäbigen Klamotten an, die immer noch nicht auseinander gefallen sind (und auch noch passten) (( und nicht weggeworfen wurden)), sie spielten die Ordensverleihung und die Pikoeisenbahn-Szene, und alle, die diese Stücke von früher kannten, sagten mit Tränen in den Augen: Wie schön, dass wir das noch einmal erleben durften.

Peter Gabriel was here

Wer zählt die Völker, nennt die Namen Fotis © Fritz-Jochen Kopka

Wer zählt die Völker, nennt die Namen
Fotos © Fritz-Jochen Kopka

Bahnhof Friedrichstraße war ein Radfahrer zusammengeklappt, wahrscheinlich dehydriert. Wir sahen nur seine Beine, bis eine Feuerwehrcrew ihn auf die kompakte Krankentrage hob. Er war noch so jung, und wie er da so halb lag, halb saß, hatte sein Gesicht einen friedlichen Ausdruck angenommen, und in der Hand hielt er zu unserer Beruhigung eine Wasserflasche. Die Feuerwehmänner trugen ihn fort. Sein Freund versuchte, die beiden bunten Fahrräder zu bergen.

Mit vier Kindl bist du dabei

Mit vier Kindl bist du dabei

Wenn man zur Waldbühne will, steigt man besser Pichelsberg aus, nicht Olympiastadion. Auf dem Weg begegneten uns Leute, die noch Karten suchten, als auch solche, die Karten verkauften. Ein Kavalier kaufte seiner Lady schon mal vorab ein Piccolöchen. Ein Radfahrer war in Doppelfunktion dabei. Er sammelte leere Flaschen, suchte aber auch noch eine Eintrittskarte für Peter Gabriel und sein letztes Konzert der Back to Front: So Anniversary-Tour. Ein Mädchen hielt ein Schild hoch. Auf dem Schild stand: Suche Freikarte, und ich sah wieder mal so harmlos aus, dass die Security nicht mal in meinen Rucksack schauen wollte. Wo ist der Mensch bereit, 4 € für 0,4 l Kindl Bier zu bezahlen? Doch nur in der Waldbühne. Die Waldbühne bei schönem Wetter ist eine Klasse für sich, ein Riesenpicknick unter 20 000 Leuten, und am Ende gibt’s dann auch noch ein Spitzenkonzert. Ich wundere mich nur, dass kein Mensch diese steilen Treppen runterrasselt, aber die sind in der Tat so besorgniserregend abgründig, dass jeder Gast alarmiert ist, und Kinder und Besoffene passiert sowieso nüscht, sagt der Volksmund, ich weiß nicht, ob’s stimmt. Mir ist schon mal was passiert.

Jennie, oh, Jennie

Jennie, oh, Jennie

Wir hatten Glück oder Pech. Vor uns saß ein Paar, das gemeinsam eine merkwürdig aussehende Zigarette rauchte, aber trotzdem nicht in Stimmung kam. Ganz im Gegensatz zu dem Mann hinter uns, der laut und lachend unentwegt den Eindruck zu vermitteln suchte, dass er mit Peter Gabriel schon etliche Male Schweine gehütet hatte. Für seinen erwachsenen Sohn stellte er sich als warmherziger Lebensweiser dar, muss nicht immer Liebe sein, zwischen Mann und Frau, kann auch Freundschaft sein, Nähe, zusammen essen gehen. Er werde demnächst nach Thailand fliegen, wo sein Geld noch was wert sei. Das gibt mir eine Sicherheit, die ich noch nicht kannte. Dann wandte er sich an sein Umfeld und erläuterte in Bezug auf Peter Gabriel: Wir sind zusammen alt geworden.

Peter Gabriel stand plötzlich auf der Bühne und sagte den Support Act an. Jennie Abrahamson und Linnea Olsson, zwei junge Schwedinnen, am Anfang ihrer Laufbahn, und Gabriel mit 64 ein Mann, der sich nicht verstellt, wenig Haar, weißer Bart, rundlich. Die Schwedinnen gaben eine intensive, melancholische Visitenkarte ab, Stimme Stimme, Cello, Xylophon, mal eine Vorband, die absolut nicht überflüssig war. Als Peter Gabriel wieder die Bühne betrat, setzte er die Zuschauer davon in Kenntnis, was er vorhatte. Ein Konzert in drei Teilen wie ein Menü aus Vorspeise, Hauptgang und Nachtisch.

Heaven over Peter

Heaven over Peter

Am Anfang handgemachte Musik im Experimentierstadium, dann der eher elektronische Teil und schließlich das wiederbelebte Jubiläumsalbum So. Sein Intimus hinter uns kannte natürlich alle Songs und alle Interna und einmal schrie er aus Leibeskräften: Ich liebe dich, Peter, aber dann begab er sich zu den Imbissständen, um Bier und Nahrung zu holen, wie ja das ganze Konzert über die Karawane hinauf zu den Ständen und wieder hinunter zu den Plätzen nie abriss. Das ist Waldbühne. Das Geschehen auf der Bühne wurde auf zwei Projektionswänden videokünstlerisch aufbereitet, es gab Power, es gab Trauer, Family Snapshots, Secret Worlds, Mercy Streets, Red Rain, Sledgehammers. Schwarzweiße, rote, gelbe, violette, blaue und orangene Songs. Nachdenklichkeit und Trotz, als Gabriel und Jennie Abrahamson Don’t Give up sangen. Grandios. Ganz bestimmt. Dem Intimus fiel die Pizza aus dem Mund. Was kann man sagen gegen einen echten Enthusiasten.

Night falls

Night falls

Die Stadt ist voll Musik

Erstarrung in der Grafton Street Fotos © Fritz-Jochen Kopka

Erstarrung in der Grafton Street
Fotos © Fritz-Jochen Kopka

Samstagabend ist Dublin voll von Musik. Beers, Wines, Spirits im Szeneviertel Temple Bar. Guinness is good for you. Kneipe an Kneipe. Wo ist das Glück zu finden. Die Unruhe ist greifbar. Erwartung ohne Grenzen. Wir wollen nicht sein, wo es voll ist. Wir wollen nicht sein, wo es leer ist. Warum gehen wir nicht über die Liffey in unseren freundlichen Norden. Auch hier heißt das Zauberwort Live Music. Sie dringt aus den Pubs auf die Straßen.

Volle Hütte Temple Bar

Volle Hütte Temple Bar

Parnell Bar (Stimme, Gitarre, Geige), Murray’s (da tanzen sie schon, drinnen und draußen), Madigan’s O’Connell Street, Madigan’s North Earl Street. Da bleiben wir sitzen. Solotrinker am Tresen. Rugby auf dem Flachbildschirm. Am Nebentisch feiert Tony mit seiner Frau den 51. Hochzeitstag. Der Künstler (the Artist) mit seiner Gitarre wird zwischen den Räumen kaum beachtet. Bis wir nach dem verklungenen Song anfangen zu klatschen. Ein Lächeln gerät auf sein Gesicht, die Stimmung hellt sich auf.

Blechmusik

Blechmusik

Am Tresen singt ein knorriger Alter mit struppiger Haartolle jeden Song mit. Und dessen Mundwinkel runter hängen, wenn der Künstler bejubelt wird. Der Beifall sollte besser ihm zugedacht sein. Seine Augen gehen ins Ungewisse, unmöglich, einen Blick von ihm aufzufangen. Streets of London gehört zum Standardrepertoire aller Pubs. Ich erfahre, dass Dortmund gegen Bayern 0:1 zurückliegt, dann 0:2. Was ich nicht weiß: Dass das schon in der Verlängerung geschieht und dass die Borussia in der 65. Minute das 1:0 geschossen hat (Hummels), was der Schiedsrichter nicht anerkennt. Das kriege ich erst wieder in Berlin mit, wo ich mich auch über die merkwürdige Berichterstattung wundere.

Die bunte Welt der Parnell Bar

Die bunte Welt der Parnell Bar

Tonys Frau wünscht sich einen Song. Der Künstler ruft sie nach vorn. Sie soll selbst singen. Lehnt sie ab. Warum? Sie hat fünf Kinder, drei Mädchen, zwei Jungen, alle machen sie Musik, von wem haben die das denn. Eine junge Frau versucht an einem Amy-Winehouse-Lied, vom Künstler selbstlos begleitet und gerettet.

Der Sänger macht einen Bob-Dylan-Ausflug. Dann einen Johnny-Cash-Ausflug. Und einen Simon & Garfunkel-Ausflug. The Boxer. I’m just a poor boy. Dann tritt auch der knorrige Alte ans Mikro. Singt – beinahe vorhersehbar – wie Tom Waits. Scheint das Publikum weitgehend zu ignorieren. Dreht ihm den Rücken zu. Die Augen starr nach oben gerichtet, als bilde sich dort sein Leben ab. Hätte alles besser sein können. In the clearing stands the boxer.

Tony ermuntert uns, weiter Bier zu trinken. Das Guinness schmeckt nicht, meint er, wird aber besser von Glas zu Glas. Ich muss sowieso weiter trinken, die Chicken Wings nach Art des Hauses sind so scharf, dass ich das Gefühl habe, innerlich zu verbrennen. Mittlerweile singt der ganze Pub mit, zum Teil zweistimmig, es ist ein glorreicher Abend, wie er einem nur selten im Leben geschenkt wird. Und mitten in der Nacht sind die Streets of Dublin noch immer voller Musik.

Der Künstler zwischen den Räumen

Der Künstler zwischen den Räumen

Am Tag auch. Sie spielen mit zerschrammten Gitarren oder Banjos, die sie aus großen Blechschachteln gebaut haben, sie trommeln auf Holzplatten. Ein Mädchen singt Arien. Eine alte Dame nutzt die Pause, um sie zu beraten. Eine Gruppe von vier pechschwarz angemalten Erstarrern in der Grafton Street. In der Parnell Bar nennt mich der Barkeeper beim dritten Five Lamps Lager Beer einen guten Mann und bei jedem nächsten Bier werde ich ein noch besserer Mann, bis ich schließlich über allen Dingen bin. In Carrolls Irish Gifts Shop in der Talbot Street steht der rundliche Verkäufer hinter der offenen Tür und singt mit einer schlanken, geschmeidigen Stimme. Jeder soll es hören. Und jeder hört es auch.

Uni-age

Uni-age

Viel Lärm um eigentlich nichts

Wer hat gestern noch gewonnen beim ESC? Conchita Wurst. Der Österreicherin in Anführungsstrichen mit dem Bart. Ist alles Wurst oder Wurscht – das wurde des Öfteren gesagt und getwittert. Der Song war volles Pathos, Festivalsound. Warum hat Conchita gesiegt und das auch noch so eindeutig? Wer kann das wissen. Das Schlagereuropa rühmt sich seiner Toleranz. Will nach den Länder- auch die Geschlechtergrenzen überwinden. Und in der Schlagerwelt den Alltag, das normale Leben, die Routine vergessen. Conchita ist ein Fabelwesen aus Fleisch und Blut, nahe am Mythos. Die ehrlich Ergriffene musste gestützt und gelenkt werden, als sie zum Triumphgesang auf die Bühne ging, aber da, beim Singen, war sie wieder voll da.

Wenn man von den Schlagern ausgehen will, muss man sagen, dass Europa wohl auf dem falschen Weg ist. Diese krampfhafte Suche nach Einfällen, Sidekicks, Nebengeräuschen, die mit der Sache nichts zu tun haben von Trapezen über  Männerballette zu Butterfässern. Diese gepumpte Leidenschaft, die triefende Melancholie, die hysterischen Zuckungen, diese Selbstverliebtheit, die höchst unglaubwürdig ist. Und fast alle sind sie Kopisten, jeder kopiert irgendwen. Von diesen Liedern wird nichts bleiben, die werden nicht irgendwann Oldies but Goldies sein. Die Schlagerweisen aus den deutschen Medien gaben The Common Linnets aus den Niederlanden mit „Calm after the Storm” keine Chance, weil man Countrymusik hier nicht schätze. Aber es zeigte sich, dass die Genres unwichtig sind, wenn der Song und die Präsentation stimmen, und das war hier so. Die schlichten Niederländer wurden zweite.

Deutschland, Elaiza, landete wieder mal im letzten Drittel. Kann man auch fragen warum. Das sind drei begabte Mädchen, lustig, romantisch, noch ganz entzückt von ihrem unerwarteten Erfolg im nationalen Wettbewerb, der Song hatte Schwung, war aber vielleicht ein wenig harmlos, wie das meiste eben auf diesem Eurovision Song Contest in Kopenhagen. Was ist eigentlich aus den großen Schlagerländern geworden: United Kingdom, Frankreich, Italien, Spanien. Sie spielen keine Rolle mehr. Frankreich wurde mit zwei Pünktchen regelrecht abgestraft für seine bunte Deppennummer. Respekt für die diskrete Kamera, die sich nicht an der Enttäuschung der Abgeschlagenen im Sängerlager weidete.

Das süße Gift

YouTube animierte mich heute morgen, mir zwei Ostschlager anzuhören und anzusehen, „Als ich fortging” (Dirk Michaelis bzw. Karussell) und „Sag ihr auch” (Gerd Christian). „Als ich fortging” in großer Besetzung mit Sinfonieorchester und einem ergrauten Dirk Michaelis und „Sag ihr auch” mit einem irgendwie und glücklicherweise nur halb erwachsen werden könnenden Gerd Christian in einem Sommergarten. Zwei Schnulzen, vielleicht auch Edelschnulzen. Ich gebe zu, dass ich machtlos bin. Ich kann mich gegen diese Lieder vom Liebesverlust und von der Dauer der Trauer nicht wehren. Und gegen die Lauterkeit, mit der sie gesungen werden. Warum auch. Ich sehe, das Publikum schmilzt dahin. Schon lange denke ich über Kitsch nach und dass man ihn respektieren kann, wenn er anständig gemacht ist. Lieder, die uns an irgendwas erinnern. Wenn sie uns nur nicht allzu unerbittlich verfolgen. Aber das liegt ja auch in unserer Macht. Oft enthalten solche Lieder geheime Botschaften, irgendeine Zeile, die magische Kräfte entfaltet und die manchmal unabsichtlich untergestreut wurde.

Ich habe mal was über die verlassenen und vergessenen Schlagersänger der DDR in der Wochenpost geschrieben. Damals habe ich auch mit Gerd Christian gesprochen, in einer Eckkneipe am Bahnhof Berlin Lichtenberg. Die Reportage hieß dann „Ich heiße Gerd Christian, und ich war mal ein guter Mann”. Er war ziemlich desillusioniert, sang auch in Autohäusern. Den Hit „Sag ihr auch” hatte ihm sein Bruder, der genialische Holger Biege, geschrieben, mit dem er sich stritt und halbwegs versöhnte. Er dachte an seine Anfangszeit und sagte: Ich bin zwar immer heiser, aber ich kann auch immer singen, Tag und Nacht. Durch das Training von klein auf.  Dass es für ihn einen solchen Hit nicht noch ein zweites Mal geben würde, das ahnte er, damit lebte und lebt er. Die Ost-Schlagersänger hatten es im vereinigten Deutschland verdammt schwer. Man wollte sie alle in einer Rumpelkammer unterbringen. Stellvertretend für alle anderen. Die populären Leute wurden einfach mit dem gescheiterten Staat gleichgesetzt. Sollen die Schlagersänger allein Gespenster der Vergangenheit sein? – die Frage stand, und sie reimte sich sogar. Fair war das nicht.