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Archive for April 2012

Wir armen Hansa-Rostock-Schweine, dritter Teil

Wir armen Hansa-Rostock-Schweine, die wir die Seele des Teams kennen, haben schon nach der bizarren Heimniederlage gegen den FC Ingolstadt gewusst, was die Stunde geschlagen hat: Abstieg. Und nun werden von uns nachrufende Worte erwartet. Was sollen denn das für Worte sein? Dass wir in dieser Saison endgültig erwachsen geworden sind und keinerlei Illusionen mehr hegen? Werden wir der Mannschaft nachsehen können, dass sie sich immer, wenn es im Abstiegskampf gegen unmittelbare Konkurrenten ging, dumm angestellt hat? Dass sie sich nach drei aufeinander folgenden Zittersiegen von einem limitierten Team wie dem FSV Frankfurt im eigenen Stadion abschlachten ließ? Dass sie nicht in der Lage war, nach dem Frankfurt-Spiel gegen den Intimfeind St. Pauli Wiedergutmachung zu betreiben? Dass sie sich immer wieder mit Vorliebe von Ex-Hanseaten Tore einschenken lässt? Natürlich haben wir am vorletzten Spieltag die Alte Försterei in Berlin-Köpenick gemieden. Hansa hatte noch eine Minichance auf den Relegationsplatz, aber an die haben wir armen Hansa-Rostock-Schweine nicht geglaubt. Wir lagen melancholisch am Ufer der Dahme in Grünau und wurden per SMS unterrichtet. Nach zehn Minuten 2:0 für Hansa. Das war kein Spielrausch. Das waren zwei glückliche Tore. Das war die Gunst der Stunde im schwülen Klima eines späten Apriltags. Und wenig später hieß es 3:2 für Union. Unsere Mannschaft hat gezeigt, wie man das hinkriegt: die Gunst der Stunde wieder mal und wieder mal und wieder mal nicht zu nutzen.

Aber nicht nur darum steigen wir armen Hansa-Rostock-Schweine ab und stehen am Rande der Insolvenz. Wir steigen natürlich auch ab, weil es seit Ewigkeiten nicht mehr gelungen ist, Spieler zu holen, die die Qualität der Mannschaft wirklich verbessern. Wenn das so seit zehn Jahren geht mit Namen, an die man sich kaum noch erinnern kann, und wenn die Innovation und das Konzept fehlen, dann geht es Stufe für Stufe nach unten. Dann muss, um ein Beispiel zu nennen, auch aus einem Spitzenteam wie Werder Bremen eine Mannschaft fürs Niemandsland der Tabelle werden.

Wir vergessen allerdings auch nicht, dass ein Spieler, der ungeschickt mit einem hohen Bein in den Zweikampf ging und seinen Gegenspieler traf, in der entscheidenden Phase der Saison für vier Spiele gesperrt wurde. Der DFB weiß, anders als Hansa Rostock, die Gunst der Stunde zu nutzen, klarer Fall. Ein Einspruch wurde abgewiesen, weil es sich um einen Wiederholungstäter handele. Man erinnerte sich an eine Notbremse aus der Vorsaison in der dritten Liga. Ein junger Spieler, der nie als besonders unfair aufgefallen ist. So kann man Spielerkarrieren vernichten… Manchmal mache ich mir um den DFB mehr Sorgen als um Hansa Rostock. Was das für ein Scheißladen ist.

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Herr Fuss reift

Zwei Mannschaften, zwei Vereine, zwei Fahrräder – sind sich nicht grün, bekämpfen sich, stehen Rücken an Rücken

Zwei Mannschaften, zwei Vereine, zwei Fahrräder – sind sich nicht grün, bekämpfen sich, stehen Rücken an Rücken

Was für andere das Ereignis des Jahres ist – Real Madrid gegen Bayern München – , ist für mich der typische Restfußball vom Mittwochabend. Es steht schon 2:1 für Real, der Gleichstand in Hin- und Rückspiel ist hergestellt. Nach meinem Training sitze ich da in milder Stimmung mit maladen Gliedern. Bei Bier und Schnitzel. Große Chancen werden nicht mehr herausgespielt. Beide Teams müssen höllisch aufpassen, ein Gegentor, das jetzt fällt, kann das Ende sein, für Real auf Grund der Auswärtstorregel mit ziemlicher Sicherheit. Jede der beiden Mannschaften hat die Endspielteilnahme verdient, stelle ich fest, sie sind auf Augenhöhe. Ebenfalls stelle ich fest, dass die Stimme von Herrn Fuss, dem Reporter, sich nicht modrig anhört wie gewöhnlich und dass er sich verbal zügelt. Das war ja meine Hoffnung, dass er sich gut gemeinten Ratschlägen gegenüber nicht verschließt. 2:1. Es bleibt dabei. Verlängerung. Ich habe das Gefühl, dass Real Madrid etwas mehr tun müsste, was heißt etwas mehr, nein, alles geben müsste. Passiert aber nicht. Man täuscht sich kaum, wenn man das Gefühl hat, dass die Spanier, wenige Wochen vor der EM, müde sind. Özil ist ausgewechselt worden. Bei ihm kann man immer auf einen Geistesblitz hoffen, auf der anderen Seite ist er mir zu apathisch. Kaka ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Bei den Bayern gefällt mir Alaba über die Maßen, der schwarze Wiener, wie Phönix aus der Asche aufgestiegen mit neunzehn Jahren. Elfmeterschießen. Das Ende ist bekannt. Neuer hält zwei Elfer, und zwar gleich die ersten beiden, Casillas hält ebenfalls zwei. Alles wieder offen.  Aber dann kommt Sergio Ramos und semmelt den Ball weit übers Tor.

Ich würde mich jetzt ohne weiteres mit den Bayern über den realisierten Endspieltraum im eigenen Stadion freuen, wie ich auch nicht schadenfroh gewesen wäre, wenn sie das Endspiel verfehlt hätten. Wenn ich nicht fürchten müsste, dass der Präsident bei nächster Gelegenheit seine Allmachtsphantasien nicht auslebt, aber eben doch ausdrückt. Der Herr Hoeneß. Und dabei verächtlich auf den Rest von Fußballdeutschland herabblickt. Die anderen Vereine müssten sich ein Fernrohr besorgen, um die Bayern auf ihrem Olymp überhaupt sehen zu können, da können die Borussias die Bayern so oft besiegen, wie sie wollen. Fuss reift, Hoeneß nicht. Ja, das ist der Grund, warum ich unterbewusst den Bayern den Sieg des öfteren nicht gönne. Ich habe Angst vor diesen Tiraden, dem Triumphgeheul, diesen primitiven Trompetenstößen. Sie gehen mir auf die Nerven. Der FC Bayern ist das Paradies auf Erden. Wer dort eingelassen worden ist, lebt für alle Zeit auf der Sonnenseite. Die einen huldigen der Devise, dass Not erfinderisch mache. Aber beim Spitzenfußball scheint es so zu sein, dass Luxus locker und frei macht. Das ist doch langweilig, Mensch.

Oder kam der Tod von selbst?

Frau Highsmith in meinem Regal

Frau Highsmith in meinem Regal

Kopkas Tagebuch habe ich auch Kopkas Tagebuch genannt, weil ich an „Ediths Tagebuch” dachte, den Roman von Patricia Highsmith, der mich irgendwann in den achtziger Jahren regelrecht verblüffte. Highsmith war Krimiautorin und schon mal berühmt als Erfinderin von Tom Ripley, dem Mörder, der immer unerkannt und ungestraft davonkommt,  nicht unheikel, eine solche Figur, und die dann auch noch über fünf Romane fortzuschreiben. Nicht selten machte Highsmith Bücher, bei denen man nicht wusste, ob es noch oder schon Kriminalromane waren, nicht sicher sein konnte, ob da ein Verbrechen geschehen war (am berühmtesten „Das Zittern des Fälschers”) oder ob der Tod von selbst kam. So ein Buch ist auch „Edith Tagebuch”.  Und ein zweites. Es ist eben auch ein Buch, in dem es unvermutet einen Knick gibt und das Geschehen plötzlich mit höherem Tempo und größerer Dramatik in eine andere Richtung driftet. Das ist der Moment, in dem du merkst, dass Edith, die Tagebuchschreiberin, sich in ihren Aufzeichnungen ein besseres Leben als das, was sie wirklich führt, zusammenlügt. Meine Güte, warum tut sie das? Sie belügt sich ja nur selbst!

Edith hat einen Mann, Brett, einen Sohn, Cliffie, und einen Onkel, George. Die Familie zieht von Manhattan in eine ländliche Kleinstadt. Der Mann hat eine Geliebte, der Sohn ist ein stumpfsinniger Versager, der Onkel ein Pflegefall und eine Nervensäge, nicht auszuschließen, dass sein Tod durch eine Überdosis Kodein verursacht ist, die Cliffie ihm verabreicht. Gründe genug, die eigene Biografie umzuschreiben. Oder ist das Verschließen vor der Wahrheit die Ursache dafür, dass ein Leben misslingen muss? Von Highsmith wird man kein endgültiges und schon gar kein einfaches Urteil hören. Nach Ediths erstem lügnerischen Eintrag heißt es: „Was sie geschrieben hatte, war gelogen. Aber es würde ohnehin niemand sehen. Und ihr ging es besser, nachdem sie es geschrieben hatte; sie war nicht mehr so schwermütig, ja sogar fast fröhlich.”

Der schleichende Realitätsverlust, die fortschreitende Selbstvernichtung einer durchaus intelligenten, sympathischen Frau in Highsmith’ klarer, mitleidloser, undramatischer Diktion – das zählt für mich, wie ich sehe, zu den unvergeßbaren Lektüren. Und immer ist es so, dass Highsmith etwas herauskriegen, meinetwegen auch ermitteln will, wenn sie schreibt. Zunächst den Kriminalfall, aber dann auch den psychischen Sonderfall, die spezielle Seelenlage der Protagonisten oder sagen wir doch gleich: Täter.

„… so wie die Protagonistin das Tagebuch benutzt, um ihre unterdrückten Wünsche auszuleben und sich eine fiktive Existenz zuzulegen, so benutzt Patricia Highsmith den Roman, um die Widersprüche zu erforschen, die der schriftlichen Darstellung der Realität innewohnen”, schreibt Andrew Wilson, der Biograph. Die Biographie „Schöner Schatten” erschien im Berlin Verlag. Highsmith’ Werke gibt sehr verdienstvoll der Diogenes Verlag heraus. Lizenzausgaben erschienen in einer Zeit vor dieser Zeit im Ostberliner Aufbau-Verlag.

Happy Birthday böser Blick

Scharenweise kommen sie, um zu gratulieren

Scharenweise kommen sie, um zu gratulieren

Ich weiß, wie die Fabeln entstanden sind. Jemand beobachtet etwas, schreibt es auf, stellt aber fest, dass die Beobachtungen, ohne dass er, der Beobachter, es will, irgendwie ein mieses Licht auf die Leute werfen. Da setzt er eben statt der Menschen- Tiernamen ein, und so geht es dann. Hier ein Beispiel:

Jetzt seh ich’s. Dachs hat Geburtstag. Biber überreicht mit dürrem Lächeln ein Sträußchen, Biberfrau gestikuliert mit ihren Krücken. Auch der Hirsch hat sich eingestellt und knüllt sein Taschentuch in den Händen. Dr. Braunbär gratuliert auf Gutsherren- oder Landesvaterart. Er setzt sich nicht zu der Runde, er steht hinter dem Geburtstagskind, redet auf ihn (es) ein und legt ihm die Hand auf die Schulter, damit etwas von seiner Aura herüber strömt. Brauni, sagt die Dachsfrau inständig, sag bitte deiner Anita vielen, vielen Dank. Dr. Braunbär verspricht es großmütig. Dann geht er auf vorgeblich flinken Beinen davon. Als Landesvater hat er viel zu tun. Und von den guten Sachen will er gar nichts probieren, das sollen die Tiere mit ihrem bescheidenen Wohlstand für sich behalten. Er hat das alles viel besser zu Hause. Kaum ist er aus ihrem Blickfeld verschwunden, geht er langsam und schief. Später taucht ein lautes Extremsachsentier auf und spuckt große Töne in seiner Heimatsprache. Alles lacht. Keiner ist vergnügt.

Kategorien:Berlin

Die Relativität des Unglücks

Uns armen Hansa-Rostock-Schweinen ist bekannt, dass alles Unglück des Fußballfans relativ ist. Wir gehen unter, wir steigen ab und steigen vielleicht auch wieder auf. Anderen ergeht es noch schlimmer, das wissen wir auch. Die Berliner Hertha ist, auf dem Niveau der 1. Liga, in einer noch beklagenwerteteren Lage. Der Hauptstadtverein, der den Abstiegskampf nicht anzunehmen vermag, einen Trainer, hätte ich fast gesagt, aus dem Rentenstand herauskauft und sich eigentlich für die Championsleague prädestiniert hielt. Und dann noch die Schande, dass man vor gar nicht langer Zeit nach einer Krise den Supertrainer entlassen hat, Lucien Favre, der jetzt in Gladbach zeigt, wie kreativ und erfolgreich er im richtigen Umfeld sein kann. Das Unglück relativiert sich auch auf positive Weise. Wenn wir selbst schon absteigen, dann können wir uns doch darüber freuen, dass mit der Borussia Dortmund die beste, aber nicht die reichste Mannschaft schon am 32. Spieltag Deutscher Meister ist. Alles Störfeuer aus München haben nichts gebracht und wirkten als Anachronismen (alte Rezepte der Verunsicherung) eher rührend. Wir sind gespannt auf das Rückspiel der Bayern in Madrid.

Am Sonntag suchen wir das Wettlokal auf der Trabrennbahn auf, um den tapferen Aufsteiger Augsburg, der dabei ist, sich am eigenen Schopf aus dem Abstiegssumpf zu ziehen, zu bewundern. Das ist in der Tat ein merkwürdiges Restaurant mit seinen unzähligen Monitoren. Sportfreund Pietsch und ich sind anscheinend die einzigen, die sich für Bundesligafußball interessieren. Der gewöhnliche Besucher verfolgt Trab- und Galopprennen vom Kontinent und der Insel, irgendwelche bunten Zahlentafeln, deren Ziffern sich immer mal wieder geringfügig ändern. Das größte Faszinosum für uns sind die Hunderennen, besonders wenn die Köter im gestreckten Galopp aus der Kurve gleichsam auf einen zurasen – man möchte das nicht zu Ende denken. Und woher wissen diese Hundesprinter, wo es lang geht, wo die Ziellinie ist – sind sie denn doch vernunftbegabte Wesen?

Es ist ein ständiges Auf und Ab zu vermerken in diesem Lokal. Die Gäste, die es nie lange auf ihren Plätzen hält, streifen in Hauskleidung durch den Raum oder in Wintergarderobe. Es scheint nur Solisten zu geben, mit sich, der Wettzeitung, dem Wettformular, mit Hoffnungen und Absturzängsten beschäftigt. Leben und Wetten haben an ihren Gestalten und Mienen deutliche Spuren hinterlassen. Schlaganfallpatienten sind nicht selten. Sie gehen in den großen Nebenraum und saugen an den Zigaretten, als käme von da auch Weisheit oder eben der sichere Tip. Sie verfolgen das Geschehen auf den Monitoren, kritzeln etwas auf die Formulare und treten betont langsam, eher wie im Traum, auf die beiden Schalter zu, geben den Schein ab, bezahlen. Nehmen wieder ihren Platz ein. Warten auf die nächste Depression. Wer weiß, ob sie überhaupt ansprechbar sind.

Für uns ist nur wichtig, dass Augsburg ein 1:1 gegen Schalke schafft. Man ist noch nicht gerettet, hat aber beste Aussichten. Freuen wir uns mit anderen. Der Fußball ist vielfältig.  Das Unglück ist relativ.

Die kalten Krieger sind nicht müde

Heute überrascht mich die Qualitätszeitung FAZ mit der redaktionell bearbeiteten dpa-Meldung, dass Frank Ullrich Bundestrainer der Skilangläufer und damit Nachfolger von Jochen Behle wird. Interessant, da Ullrich ja erfolgreicher Biathlet und Bundestrainer der Biathleten war und somit einen Systemwechsel vornimmt. Sodann beeilt sich die FAZ mitzuteilen, was sie sonst noch weiß: „Er war zu DDR-Zeiten ins Dopingsystem eingebunden. Weil der frühere Olympiasieger und spätere DDR-Trainer im Biathlon davon nichts gewusst haben wollte, attestierte ihm der DSV 2009 einen unbewusst gesteuerten Verdrängungsmechanismus.”

Die DDR-Zeiten – wann war das? Gestern? Vorgestern? Vor einem Monat, einem Jahr? Wie sieht das aus, wenn jemand in ein Dopingsystem eingebunden ist (in welches auch immer)? Wie funktioniert ein unbewusst gesteuerter Verdrängungsmechanismus genau? Was ist davon nach 23 Jahren noch übrig? Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen. Und ein Glück, dass wir sie haben. Auch die vielen erfolgreichen Jahre Ullrichs als Bundestrainer im sauberen bundesdeutschen Sport werfen kein anderes Licht auf die Schatten vergangener Tage, von denen trotz guter Aktenlage nicht feststeht, wer welche Aktie woran gehabt hat. In keiner anderen Zeitung finde ich heute eine ähnlich dämlich tendenziöse und petzerische Meldung.

Ich stelle mir vor, dass Evi Simeoni der Nachricht den redaktionellen Schliff gegeben hat, jene Simeoni, die sich vor ein paar Wochen bemüßigt fühlte, die Eisschnellläuferin Claudia Pechstein im Plural majestatis anzugiften, weil die es wagte, ihre Unschuld im Fall ihrer auffälligen Blutwerte mit großer Hartnäckigkeit nachweisen zu wollen. „Wer schützt uns vor Claudia Pechstein? Wen darf die wildgewordene Eisschnellläuferin eigentlich noch alles als Pfeife und beruflichen Versager hinstellen, bevor jemand sie bremst?” Das ist so der Ton. Ich nehme an, die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung muss und will nicht vor Claudia Pechstein geschützt werden. Ich frage mich nur, was der kluge Kopf, der immer hinter der ausgebreiteten FAZ steckt, angesichts dieser kalten Kriegsspiele denkt. Das heißt: Ich weiß es ja.

S-Bahn-Abenteuer

Die nächste S-Bahn kommt bestimmt

Die nächste S-Bahn kommt bestimmt

Donnerstag lasse ich mich auch durch mich nicht mehr abhalten und fahre in die Stadt, es sind nur zwanzig Minuten bis zum Alexanderplatz. Am Ostbahnhof gibt es einen Zwischenfall. Drei Seniortouristen betreten die wartende S-Bahn und wollen forsch ihre Fahrkarten entwerten, ein Mann und zwei Frauen, die offenkundig des Schutzes des Mannes im Moloch Großstadt bedürfen. Als er im Wagen keinen Entwerter entdeckt, wird der knorrige Senior ungnädig und fragt die Insassen in ihrer Gesamtheit um Rat.

Es gäbe so viele Möglichkeiten zu antworten. Warten Sie nur auf den Schaffner. Oder: In Berlin fährt man eigentlich immer schwarz. Oder: Man beißt einfach ein Loch in den Fahrschein. Oder: Man lässt seinen Fahrschein von einem Passagier seiner Wahl mit dem Kugelschreiber abzeichnen.

Wir aber sind ohne Arg und sagen hilfsbereit: Draußen, auf dem Bahnsteig, und zeigen dem Führer der kleinen Gruppe die roten Apparate. Der Held aus der Provinz schüttelt nur das Haupt über solche Umständlichkeiten (Scheiß-Berlin)(Und sowas nennt sich Hauptstadt). Er bedeutet den Frauen, sich zu setzen, strafft seine Gestalt und sagt, dass er noch einmal hinausgehen werde, um die Entwertung der Fahrscheine persönlich vorzunehmen. Die Frauen haben aber Angst ohne ihn im bösen Berlin und folgen ihm nach. Und schon fährt die Bahn ab. Über das weitere Schicksal der kleinen Gruppe in der großen Stadt ist uns nichts bekannt.

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