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Die Relativität des Unglücks

Uns armen Hansa-Rostock-Schweinen ist bekannt, dass alles Unglück des Fußballfans relativ ist. Wir gehen unter, wir steigen ab und steigen vielleicht auch wieder auf. Anderen ergeht es noch schlimmer, das wissen wir auch. Die Berliner Hertha ist, auf dem Niveau der 1. Liga, in einer noch beklagenwerteteren Lage. Der Hauptstadtverein, der den Abstiegskampf nicht anzunehmen vermag, einen Trainer, hätte ich fast gesagt, aus dem Rentenstand herauskauft und sich eigentlich für die Championsleague prädestiniert hielt. Und dann noch die Schande, dass man vor gar nicht langer Zeit nach einer Krise den Supertrainer entlassen hat, Lucien Favre, der jetzt in Gladbach zeigt, wie kreativ und erfolgreich er im richtigen Umfeld sein kann. Das Unglück relativiert sich auch auf positive Weise. Wenn wir selbst schon absteigen, dann können wir uns doch darüber freuen, dass mit der Borussia Dortmund die beste, aber nicht die reichste Mannschaft schon am 32. Spieltag Deutscher Meister ist. Alles Störfeuer aus München haben nichts gebracht und wirkten als Anachronismen (alte Rezepte der Verunsicherung) eher rührend. Wir sind gespannt auf das Rückspiel der Bayern in Madrid.

Am Sonntag suchen wir das Wettlokal auf der Trabrennbahn auf, um den tapferen Aufsteiger Augsburg, der dabei ist, sich am eigenen Schopf aus dem Abstiegssumpf zu ziehen, zu bewundern. Das ist in der Tat ein merkwürdiges Restaurant mit seinen unzähligen Monitoren. Sportfreund Pietsch und ich sind anscheinend die einzigen, die sich für Bundesligafußball interessieren. Der gewöhnliche Besucher verfolgt Trab- und Galopprennen vom Kontinent und der Insel, irgendwelche bunten Zahlentafeln, deren Ziffern sich immer mal wieder geringfügig ändern. Das größte Faszinosum für uns sind die Hunderennen, besonders wenn die Köter im gestreckten Galopp aus der Kurve gleichsam auf einen zurasen – man möchte das nicht zu Ende denken. Und woher wissen diese Hundesprinter, wo es lang geht, wo die Ziellinie ist – sind sie denn doch vernunftbegabte Wesen?

Es ist ein ständiges Auf und Ab zu vermerken in diesem Lokal. Die Gäste, die es nie lange auf ihren Plätzen hält, streifen in Hauskleidung durch den Raum oder in Wintergarderobe. Es scheint nur Solisten zu geben, mit sich, der Wettzeitung, dem Wettformular, mit Hoffnungen und Absturzängsten beschäftigt. Leben und Wetten haben an ihren Gestalten und Mienen deutliche Spuren hinterlassen. Schlaganfallpatienten sind nicht selten. Sie gehen in den großen Nebenraum und saugen an den Zigaretten, als käme von da auch Weisheit oder eben der sichere Tip. Sie verfolgen das Geschehen auf den Monitoren, kritzeln etwas auf die Formulare und treten betont langsam, eher wie im Traum, auf die beiden Schalter zu, geben den Schein ab, bezahlen. Nehmen wieder ihren Platz ein. Warten auf die nächste Depression. Wer weiß, ob sie überhaupt ansprechbar sind.

Für uns ist nur wichtig, dass Augsburg ein 1:1 gegen Schalke schafft. Man ist noch nicht gerettet, hat aber beste Aussichten. Freuen wir uns mit anderen. Der Fußball ist vielfältig.  Das Unglück ist relativ.

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