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Posts Tagged ‘Evi Simeoni’

Adrenalin und Wermutstropfen

Ein paar deutsche Zwerge zwecks Kompensation

Ein paar deutsche Zwerge zwecks Kompensation

Lange gab’s für unser Land kein so erfolgreiches Sportwochenende wie gerade jetzt. Angelique Kerber gewinnt die Australian Open im Endspiel gegen Serena Williams, und die Handballer werden Europameister im Finale gegen Spanien. In beiden Fällen waren wir krasse Außenseiter. Da freut man sich natürlich doppelt, aber ein bisschen angst und bange wird einem auch. Was kommt nun aus den Medien auf uns zu. In der FAZ verkündet die Reporterin Simeoni: Der deutsche Torwart Andreas Wolff, „zeigte Reflexe, die auf nichts anderes mehr zurückzuführen sein konnten als auf eine übernatürliche Beziehung zum Ball. Danach schoss dem rothaarigen Riesen das Adrenalin so pfeilschnell in die Adern, dass er nur noch brüllen konnte. Jaaah! Einmal auch so brüllen! In diesen Zeiten des allgemein gefühlten Kontrollverlusts hat es gutgetan zu sehen, wie dieser deutsche Riese den anderen die Grenzen zeigt. Wie der Vierundzwanzigjährige zusammen mit seinem Team ganz Europa bändigt.”

Da ist dann bei mir die Freude schlagartig vorbei, da frage ich mich, ob die AfD schon einen Aufnahmeantrag geschickt hat. Das Übernatürliche! Der deutsche Riese! Den anderen die Grenzen zeigen! Europa bändigen! Das kann doch kein Zufall sein. Da wird doch über mehr gesprochen als über Sport.

Doping, Sperre, Lügenpresse

„Der deutsche Sport geht reumütig vor einer Athletin in die Knie.” So steht es in der FAZ. Es geht um die Eisschnellläuferin Claudia Pechstein, die wegen Dopings für zwei Jahre gesperrt wurde ohne Vorliegen einer positiven Dopingprobe. Es war nur eine Auffälligkeit des Blutwerts vorhanden, ein sogenannter indirekter Beweis. Claudia Pechstein hat immer beteuert, nicht gedopt zu haben. Sie konnte ein Gutachten vorweisen, das als Erklärung für den auffälligen Blutwert eine von ihrem Vater ererbte Blutanomalie anführte. Es nützte ihr nichts. Schwerer als die Sperre wog noch der Makel als Betrügerin, der von nun an ihr haftete; sie war als Sportlerin und Mensch erledigt. Das hat auch Pechstein so gesehen. Für sie gab es nur die Alternative, in den sechzehnten Stock zu gehen oder zu kämpfen. Pechstein kämpfte. Sie kämpfte, nach Ablauf der Sperre, nicht nur erfolgreich als Vierzigjährige auf dem Eis; sie kämpfte sich auch durch alle möglichen Instanzen für Rehabilitierung und Schadenersatz. Nun hat das Oberlandgericht München erkannt, dass es im Fall Pechstein keinen Beweis für Blutdoping gibt. Die Sperre des Internationalen Eisschnelllaufverbandes war offensichtlich willkürlich und nicht auf der Höhe des wissenschaftlichen Erkenntnisstandes. Claudia Pechstein war ein Opfer.

Dieselbe FAZ äußerte sich vor gar nicht langer Zeit in Gestalt ihrer Redakteurin Evi Simeoni so: „Wer schützt uns vor Claudia Pechstein? Wen darf die wildgewordene Eisschnellläuferin eigentlich noch alles als Pfeife und beruflichen Versager hinstellen, bevor jemand sie bremst?”

Welche Erkenntnisse hatte die Kollegin Simeoni, dass sie zu dieser Frontalattacke ansetzen konnte? Dazu äußert sie sich nicht. Ja, wie auch. Offensichtlich hat es ihr nicht gepasst, dass eine Sportlerin (und noch dazu eine aus dem Osten) bereit ist, mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln für ihr Recht zu kämpfen. Wenn nun der Deutsche Olympische Sportbund Claudia Pechstein um Entschuldigung bittet, darf man fragen: Wie steht es um die FAZ? Wie steht es um die Redakteurin Simeoni? Sehen sich die Medien außerhalb des Fairplay? Außerhalb der Regeln eines zivilisierten Zusammenlebens?

Vielleicht ist es ja auch das, was sie in Dresden so hilflos wie aus voller Überzeugung „Lügenpresse” rufen lässt. Natürlich lügt die Presse nicht. Aber sie wertet, sie selektiert, sie fällt Urteile, sie lässt aus, sie erhebt sich über die Wirklichkeit, sie wird ihrem Anspruch, objektiv zu sein, immer öfter nicht gerecht, und sie maßt sich an, selber Politik machen zu wollen. Ein Politiker muss die Verantwortung für das, was er verkündet, übernehmen. Die Medien haben sich daran gewöhnt, mit steilen Thesen Auflage zu machen oder zu halten, aber sie haben sich noch viel mehr daran gewöhnt, dass anschließend niemand fragt, was sie für einen verblendeten Unsinn von sich gegeben haben und was sie dazu berechtigt, mit voller Absicht unseriös zu sein. Und das kann nicht so bleiben.

Ein Zentner Nationalstolz

Evi Simeoni ist nicht nur die Frauen- und Pferdebeauftragte der FAZ bei den Olympischen Spielen, sondern auch die Rudermutter und damit die erfolgreichste deutsche Olympiateilnehmerin. Sie weiß das Erfolgsrezept der Sieger: Sie müssen ganz bei sich selbst bleiben. Das gibt doch Hoffnung für uns alle.

Wir wissen nun: Es sind hauptsächlich die Schwimmer und die Schützen, die plötzlich und unerwartet den Anschluss an die Weltspitze verloren haben. Ansonsten sind wir im Judo, im Turnen, im Radfahren mit Silber vorne dabei, die Kajakfahrer lassen sich ebenfalls nicht lumpen. Und der Ruderachter der Männer holt Gold. Das ist aus deutscher Sicht das Highlight der Spiele und nicht mehr zu überbieten. Denn der Achter, eine deutsche Legende, steht für das funktionierende Team und damit für die Nation. Kraft, Ausgeglichenheit und die taktische Finesse des Steuermanns („Martin Sauer war unser Steuermann/Aushielt er, bis er das Ufer gewann…”). Neun Leute aus acht Städten, die eine Einheit schmieden, nehmt’s euch ein Beispiel, Bürger.

Der ZDF-Reporter wusste, was die Stunde geschlagen hat. Wie auf Knopfdruck war er außer Rand und Band. Es war auch seine Chance, die Gelegenheit, eine historische Reportage abzuliefern, ein Gebrüll, das immer mal wieder eingespielt werden wird, noch nach Jahr und Tag. Verbal war er seiner professionellen Leidenschaft nicht gewachsen. „Ist das spannend” (immer wieder) … und „Jetzt brennen die Oberschenkel”, schrie er, als wären es die seinen. Aber wir wissen ja durch Waldemar Hartmann, dass die Reporter lieber ein paar Weißbier stemmen, als ihre Beine zu bewegen.

Ein Freund mailte mir: „Kennzeichnend – zwar Gold, aber als Achter.” Ach, diese verdammten Intellektuellen mit ihren noch verdammteren Spitzfindigkeiten und Sprachspielereien! Wir wollen jetzt einfach mal ein paar Tage lang angeben wie zehn Pfund Gehacktes. Feierabend.

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Ein Kilo Triumphgefühle

Sorry, ich muss mich korrigieren. Evi Simeoni ist nicht nur die Frauen-, sondern auch die Pferdebeauftragte der FAZ bei den Olympischen Spielen in London. Und die Pferde waren es, die uns die ersten Goldmedaillen bei den Spielen eingebracht haben. Simeoni sagt es schöner: fünf vierbeinige Athleten haben ihren zweibeinigen Partnern an einem einzigen Tag zu drei olympischen Medaillen verholfen. Anfangs hatten wir den entmündigten Athleten, nun können wir vom auf seine Beine reduzierten Athleten sprechen. Gleichviel: Evi Simeoni, die den Triumph der deutschen Pferde und ihrer zweibeinigen Partner, unter ihnen auch zwei Frauen, ausführlich huldigt, ist zweifelsohne die erfolgreichste deutsche Olympiateilnehmerin. Obwohl Pferde- und Frauenbeauftragte fand Frau Simeoni auch einfühlsame Worte für den Goldmedaillengewinner Michael Jung: „Der Schwabe lächelte sein etwas abwesendes  Siegerlächeln …”  Anrührend sprach sie von dem „kleinen Mann mit den starken Nerven”. Im Sog der vier- und zweibeinigen Atleten laufen auch die zweibeinigen Redakteurinnen zur Bestform auf.

Die Disziplin heißt Vielseitigkeitsreiten. Was ist das? Das ist das, was früher Military hieß. Ach so. Und was ist Military? Das ist ein Dreikampf aus Dressur, Geländeritt und Springreiten, wobei man beachten muss, dass in jeder dieser Disziplinen die Anforderungen ein paar Striche niedriger liegen als bei den Spezialisten, falls einem auffällt, dass die Stangen beim Springen ziemlich festsitzen und nicht so leicht runterfallen. Das alles habe ich jetzt gelernt.

Gelernt habe ich auch, dass es immer noch Hockey gibt oder Feldhockey, korrekt gesagt. Das war früher so: Wer im Fußball nichts zustande brachte, ging zum Hockey, wozu wir Knüppelkrieg sagten. Manche Sportart mutet heute etwas merkwürdig an, wenn man ihr des Nachts im TV beiwohnt. Auch Feldhockey auf blauem Untergrund. Wobei ich sagen muss, dass mich das Spiel der Frauen noch eher berührte als das der Männer mit den unzähligen Fehlpässen und einem Ko-Schlag (ich muss wohl aufpassen, dass ich nicht auch noch zum Frauenbeauftragten ernannt werde). Kurz und gut. Hockey mit dieser harten Kugel ist auch noch gefährlich. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass man heute  junge Leute für diesen Sport begeistern kann, gebe aber zu, dass ich etwas einseitig gestrickt bin und im olympischen Programm gern ausmisten würde. Meine Güte, Beachvolleyball! Volleyball ist ein schöner Sport, aber was soll dieses Gewühle zwei gegen zwei im tiefen weißen Sand! Das ist sowas von undurchdacht.

Nun gut. Am Ende des Vormittags bleibt, dass die deutschen Pferde begeistert und die deutschen Ruderer auf ziemlich breiter Front versagt haben. Mir persönlich wäre es umgekehrt lieber gewesen. Und auch den Männern der 4-x-200-m-Freistilstfaffel habe ich für ihren heroischen Kampf eine Medaille gewünscht. Hat leider nicht ganz geklappt.

Die kalten Krieger sind nicht müde

Heute überrascht mich die Qualitätszeitung FAZ mit der redaktionell bearbeiteten dpa-Meldung, dass Frank Ullrich Bundestrainer der Skilangläufer und damit Nachfolger von Jochen Behle wird. Interessant, da Ullrich ja erfolgreicher Biathlet und Bundestrainer der Biathleten war und somit einen Systemwechsel vornimmt. Sodann beeilt sich die FAZ mitzuteilen, was sie sonst noch weiß: „Er war zu DDR-Zeiten ins Dopingsystem eingebunden. Weil der frühere Olympiasieger und spätere DDR-Trainer im Biathlon davon nichts gewusst haben wollte, attestierte ihm der DSV 2009 einen unbewusst gesteuerten Verdrängungsmechanismus.”

Die DDR-Zeiten – wann war das? Gestern? Vorgestern? Vor einem Monat, einem Jahr? Wie sieht das aus, wenn jemand in ein Dopingsystem eingebunden ist (in welches auch immer)? Wie funktioniert ein unbewusst gesteuerter Verdrängungsmechanismus genau? Was ist davon nach 23 Jahren noch übrig? Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen. Und ein Glück, dass wir sie haben. Auch die vielen erfolgreichen Jahre Ullrichs als Bundestrainer im sauberen bundesdeutschen Sport werfen kein anderes Licht auf die Schatten vergangener Tage, von denen trotz guter Aktenlage nicht feststeht, wer welche Aktie woran gehabt hat. In keiner anderen Zeitung finde ich heute eine ähnlich dämlich tendenziöse und petzerische Meldung.

Ich stelle mir vor, dass Evi Simeoni der Nachricht den redaktionellen Schliff gegeben hat, jene Simeoni, die sich vor ein paar Wochen bemüßigt fühlte, die Eisschnellläuferin Claudia Pechstein im Plural majestatis anzugiften, weil die es wagte, ihre Unschuld im Fall ihrer auffälligen Blutwerte mit großer Hartnäckigkeit nachweisen zu wollen. „Wer schützt uns vor Claudia Pechstein? Wen darf die wildgewordene Eisschnellläuferin eigentlich noch alles als Pfeife und beruflichen Versager hinstellen, bevor jemand sie bremst?” Das ist so der Ton. Ich nehme an, die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung muss und will nicht vor Claudia Pechstein geschützt werden. Ich frage mich nur, was der kluge Kopf, der immer hinter der ausgebreiteten FAZ steckt, angesichts dieser kalten Kriegsspiele denkt. Das heißt: Ich weiß es ja.