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Oder kam der Tod von selbst?

Frau Highsmith in meinem Regal

Frau Highsmith in meinem Regal

Kopkas Tagebuch habe ich auch Kopkas Tagebuch genannt, weil ich an „Ediths Tagebuch” dachte, den Roman von Patricia Highsmith, der mich irgendwann in den achtziger Jahren regelrecht verblüffte. Highsmith war Krimiautorin und schon mal berühmt als Erfinderin von Tom Ripley, dem Mörder, der immer unerkannt und ungestraft davonkommt,  nicht unheikel, eine solche Figur, und die dann auch noch über fünf Romane fortzuschreiben. Nicht selten machte Highsmith Bücher, bei denen man nicht wusste, ob es noch oder schon Kriminalromane waren, nicht sicher sein konnte, ob da ein Verbrechen geschehen war (am berühmtesten „Das Zittern des Fälschers”) oder ob der Tod von selbst kam. So ein Buch ist auch „Edith Tagebuch”.  Und ein zweites. Es ist eben auch ein Buch, in dem es unvermutet einen Knick gibt und das Geschehen plötzlich mit höherem Tempo und größerer Dramatik in eine andere Richtung driftet. Das ist der Moment, in dem du merkst, dass Edith, die Tagebuchschreiberin, sich in ihren Aufzeichnungen ein besseres Leben als das, was sie wirklich führt, zusammenlügt. Meine Güte, warum tut sie das? Sie belügt sich ja nur selbst!

Edith hat einen Mann, Brett, einen Sohn, Cliffie, und einen Onkel, George. Die Familie zieht von Manhattan in eine ländliche Kleinstadt. Der Mann hat eine Geliebte, der Sohn ist ein stumpfsinniger Versager, der Onkel ein Pflegefall und eine Nervensäge, nicht auszuschließen, dass sein Tod durch eine Überdosis Kodein verursacht ist, die Cliffie ihm verabreicht. Gründe genug, die eigene Biografie umzuschreiben. Oder ist das Verschließen vor der Wahrheit die Ursache dafür, dass ein Leben misslingen muss? Von Highsmith wird man kein endgültiges und schon gar kein einfaches Urteil hören. Nach Ediths erstem lügnerischen Eintrag heißt es: „Was sie geschrieben hatte, war gelogen. Aber es würde ohnehin niemand sehen. Und ihr ging es besser, nachdem sie es geschrieben hatte; sie war nicht mehr so schwermütig, ja sogar fast fröhlich.”

Der schleichende Realitätsverlust, die fortschreitende Selbstvernichtung einer durchaus intelligenten, sympathischen Frau in Highsmith’ klarer, mitleidloser, undramatischer Diktion – das zählt für mich, wie ich sehe, zu den unvergeßbaren Lektüren. Und immer ist es so, dass Highsmith etwas herauskriegen, meinetwegen auch ermitteln will, wenn sie schreibt. Zunächst den Kriminalfall, aber dann auch den psychischen Sonderfall, die spezielle Seelenlage der Protagonisten oder sagen wir doch gleich: Täter.

„… so wie die Protagonistin das Tagebuch benutzt, um ihre unterdrückten Wünsche auszuleben und sich eine fiktive Existenz zuzulegen, so benutzt Patricia Highsmith den Roman, um die Widersprüche zu erforschen, die der schriftlichen Darstellung der Realität innewohnen”, schreibt Andrew Wilson, der Biograph. Die Biographie „Schöner Schatten” erschien im Berlin Verlag. Highsmith’ Werke gibt sehr verdienstvoll der Diogenes Verlag heraus. Lizenzausgaben erschienen in einer Zeit vor dieser Zeit im Ostberliner Aufbau-Verlag.

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