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Archive for Juli 2013

Die Unbesiegbaren sind nicht unbesiegbar

1953 kam ein DEFA-Film heraus, der „Die Unbesiegbaren” hieß. Den Film habe ich nie gesehen, ich erinnere mich an das Programmheft, in dem einige Schauspieler zu sehen waren, die man danach ausgesucht hatte, ob sie kantige Arbeiterköpfe auf den Schultern trugen. Protagonisten des Films waren Frau Schulz, Herr Schulz und Gertrud Schulz. Karl Paryla spielte August Bebel, Erwin Geschonneck spielte Wilhlem Liebknecht. Ich irre mich nicht, wenn ich denke, dass die Unbesiegbaren dieses Filmes  die Arbeiter waren, das Weltproletariat. Auch wenn sie eine Schlacht verloren, waren sie aufs Ganze gesehen unbesiegbar.

Die Unbesiegbaren von heute sind die Münchner Bayern, die Triple-Gewinner im Fußball. Am Sonnabend fand der deutsche Supercup statt, die beiden besten Mannschaften der Republik, München und Dortmund, und da ich mich für Unbesiegbare, seien es soziale Klassen, seien es Sportteams, nicht interessiere, schaue ich nur mal so auf Probe hinein. Und was ich sehe, ist toll.

Dortmund spielt in der gewohnten Aufstellung, ohne die Neuverpflichtungen, bei Bayern fehlen Neuer und Ribery. Nach acht Minuten 1:0. Lewandowski rüber zu Bender, Bender flankt vors Tor, Starke, durch einen  Verteidiger irritiert, klatscht den Ball ab, Reus köpft ein. Ähnlich wie beim Championsleaguefinale ist Dortmund schneller, strukturierter, wacher. Von Pep Guardiolas Handschrift ist nichts zu sehen. Ist der beste Trainer der Welt nicht genug für die beste Mannschaft der Welt? Oder umgekehrt? Will er zuviel von  einer Mannschaft, der Jupp Heynckes die einfachen Dinge eingeimpft hat? Ist sie nur langsam in der Lage zu lernen, wenn überhaupt? Die Bayern werden besser, aber man sieht nicht, worauf sie hinaus wollen. Die Innenverteidiger Boateng und van Buyten haben gehobenes Comedy-Format. Schließlich ist es eine schon im Ansatz als perfekt erkennbare Flanke von Lahm und ein Kopfball von Robben, der konsequent ausgepfiffen wird, die das 1:1 besorgen. Danach bricht der Borussia-Sturm los. Nach dem Gegentor wirken die Dortmunder wie befreit. Gündogan zieht ab, van Buyten wirft sich aufopferungsvoll in den Schuss und vollendet mit dem Kopf ins eigene Tor. Eine Minute später zieht derselbe Spieler, Gündogan, von rechtsaußen nach links, schlägt einen Haken nach rechts und schlenzt mit dem rechten Fuß genauso perfekt ins Tor wie Lahm zuvor flankte. Inzwischen ist Schweinsteiger eingewechselt worden, der für sein Lebenswerk als Fußballer des Jahres geehrt wurde. Robben macht, abermals nach Lahm-Flanke, das Spiel wieder offen. Bei Dortmund kommt der erste Neuzugang ins Spiel, Aubameyang, der superschnelle Mann. Der sofort eine Chance hat, aber an Starke scheitert. Schließlich bedient der Neue Reus und der macht sein zweites Tor und alles klar.

Guardiola sieht melancholisch aus. Sportdirektor Sammer hat einen Imagewechsel vorgenommen. Er trägt kein Strickjäckchen mehr, sondern ein gestärktes Oberhemd wie der neue Cheftrainer. Für den er sich noch keine Strategie zurechtgelegt hat. Das nur nebenbei. Ich habe gesehen, was ich sehen wollte. Die Unbesiegbaren sind nicht unbesiegbar. Die neue Saison kann beginnen. Demnächst.

Der Mann, der die Zigaretten halbierte

Juli 27, 2013 1 Kommentar

Der Briefwechsel zwischen der berühmten Schriftstellerin Brigitte Reimann und dem unberühmten Schriftsteller Siegfried Pitschmann ist jetzt als Buch erschienen („Wär schön gewesen!” Briefwechsel 1958 – 1971, Hrsg. Kristina Stella, Aisthesis, Bielefeld). Brigitte Reimann war wohl die leidenschaftlichste Frau, die je ihre Texte in die Schreibmaschine gehackt hat, Siegfried Pitschmann war ihr zweiter Ehemann, ich lernte ihn 1969 zur Ostseewoche beim Bücherbasar kennen, an seinem Stand bildete sich keine Schlange wie etwa bei Erwin Strittmatter, sein Buch, ein dünner Prosaband, hieß „Kontrapunkte”, ich machte ein Interview mit ihm für das Pressebulletin der Ostseewoche, irgendwie kriegte er raus, dass ich Geschichten schrieb und lud mich ein in seine Neubauwohnung in Rostock. Da saß ich nun und sah mich um, während er meine Texte las, und es war, wie es geschrieben steht: Pitschmanns Arbeitszimmer war von peinlichster Ordnung und Übersichtlichkeit. Er war nicht nur von Uhren fasziniert wie Joseph Roth, er hatte den Beruf des Uhrmachers auch erlernt. Die Zeit mit Brigitte Reimann lag weit hinter ihm. Darüber redete er nicht. Er sah aus wie ein Mann, der das Schlimmste und Schönste seines Lebens hinter sich hat und zur Ruhe gekommen ist. Er rauchte Karo oder Kenty, die starken Ostzigaretten, aber er schnitt sie in der Mitte durch, um nicht so viel zu rauchen, was auch immer das bringen mochte, er machte sich keine Illusionen. Er war ein penibler Schreiber, der schrieb und umschrieb und strich und verbesserte, und doch hatte er einen großen Roman geschrieben, den ihm aber der Verlag oder die Kulturfunktionäre um die Ohren schlugen, er hatte sich in bester Absicht der harten Schreibweise eines Hemingway bedient. Für einen sensiblen Autor wie Pitschmann war das tödlich. Er hatte Schreibblockaden und musste sich wieder und wieder die Sinnfrage stellen. Meine Texte gefielen ihm ganz gut. Nach einiger Zeit klingelte das Telefon. Pitschmann nahm ab und lächelte. Ich bin eben Vater geworden, sagte er, Sie haben mich wunderbar durch die Wartezeit gebracht.

Er borgte mir „Mutmaßungen über Jakob” von Uwe Johnson. Er war auch der einzige, der noch nach Jahr und Tag das ausgeborgte Buch zurück erbat, was auch nur richtig ist.

Gone with the Wind

Windstille und Sonnenschein am Bahnhof von Naumburg © Christian Brachwitz

Windstille und Sonnenschein am Bahnhof von Naumburg
© Christian Brachwitz

Der Roman „Vom Winde verweht” hat mich mein Leben lang begleitet, obwohl ich ihn weder gelesen noch den Film gesehen habe. Aber die Worte, noch mehr die originalen „Gone with the Wind” als die übersetzten, sind magisch, die Schwärmerei für Vivien Leigh als Scarlett O’Hara und Clark Gable als Rhett Butler, die Geschichten, die die Leute dem Roman und dem Film nacherzählten und der Mythos der starken Frau, deren Glück am Ende doch vom Wind, sag ich mal, nicht vom Winde, verweht wird, waren unvergessbar. Das galt als Kitsch, ist klar, deshalb haben wir das nicht gelesen, deshalb kaufen wir auch nicht die DVD für 9,99 € oder so, was für ein Quatsch, wir beugen uns doch sonst auch oft genug dem Kitsch. Sind wir denn was Besseres, wenn wir sagen können: Vom Winde verweht, ich habe das nie gelesen? Gott bewahre. Bis zum Bahnhof von Naumburg hat uns der Wind geweht. Es sind nur noch ein paar hundert Meter bis zur Fähre im Blütengrund am Zusammenfluss von Unstrut und Saale. Dort habe ich einmal ein paar Stunden mit dem Fährmann zusammengesessen. Auch das war mythisch. Ich konnte mich die ganze Zeit nicht von dem Gedanken lösen, dass er auch so ein Fährmann aus dem Märchen war, dem einmal irgendjemand das Ruder in die Hand gedrückt hat und der es nun nicht wieder loswird. Verdammt, überzusetzen, Tag für Tag. Verdammt in alle Ewigkeit. Schon wieder ein Roman, schon wieder ein Film. Ach, diese amerikanischen Mythen

Erinnerung an einen polnischen Sommer

Leba gefiel mir sofort. Die Stadt an der polnischen Ostsee. Es ist dreißig Jahre her. Noch in der kommunistischen Zeit (was man natürlich in Anführungsstriche setzen müsste). Überall Läden und Kioske, mondäne Pavillons. Über eine große Fläche verteilten sich Zelt- Camping-, Fußball- und Rummelplätze, Kinderferienlager, ein Naturpark, übervölkerte und leere Strände. Der Sand sehr fein und sehr weiß. In meinem Kopf sang Halina Frackowiak „Du liebst noch das Mädchen”. Es gab Rybi (Fische), Frytki (Fritten), Placki (Puffer) und Lody (Eis). Auf den Straßen dicke Westwagen mit polnischen Kennzeichen, wie auch immer das ging.

Wir wohnten bei Frau J. Ihr Mann, der ehemals eine Firma als Schildermaler betrieb, trug seit unlängst eine Beinprothese, hatte die Firma aufgegeben und spielte seine Rolle als Randfigur. Damals, im Juni, hatte Frau J. im Seitenflügel des Hauses und verschiedenen Anbauten drei dreiköpfige Familien untergebracht, die ihr pro Tag 225 Mark einbrachten. Im Kernsommer wurde auch das Vorderhaus vermietet, in jenem Jahr wurde aus Dresden die Schauspielerin Böhme nebst Familie erwartet, die Familie J. musste sich dann wohl unsichtbar machen. Frau J. erklärte, dass sie „an Unsere” prinzipiell nicht mehr vermiete.  Sie habe nichts dagegen, dass getrunken wird, aber wenn sie um die Wette saufen und zählen, wer die größere Menge leerer Flaschen vorweisen kann, dann gehe ihr das zu weit.

Vormittags lagen wir am Strand, Mittag aßen wir im Gemeinschaftsraum bei Frau J., nachmittags schliefen wir, das Seeklima machte müde. Abends durchstreiften wir die Promenade und die Bars, nachts vernahmen wir aus der Ferne die Sehnsuchtsschreie der Discostars. Boney M., Baccara, Pussycat, Bonnie Tyler. Georgie and the Rivers of Babylon waren dann für immer mit der polnischen Ostsee verbunden. In Lebork, der nächstgrößeren Stadt im Binnenland, erzählte uns ein alter Mann, dass er schon eine Woche lang kein Brot mehr bekommen habe. Breshnews Soldaten hätten alles aufgefressen.  Die Gedanken strömten groß, belanglos und vage dahin. Den Sand, sagte Frau J., werden Sie noch ein halbes Jahr mit sich herumtragen. Sie hatte recht; wie in allen anderen Fragen auch.

Tief im Süden

Juli 22, 2013 1 Kommentar
Von links Hugo Laartz, Uschi Brüning, Ernst-Ludwig Petrowski, Connie Bauer, Klaus Lenz. Verdeckt Wolfgang Nicklisch

Von links Hugo Laartz, Uschi Brüning, Ernst-Ludwig Petrowski, Connie Bauer, Klaus Lenz. Verdeckt Wolfgang Nicklisch

Manchmal passt alles auf unerwartete Weise zusammen. Die Freunde aus Halle, die mit Klaus Lenz, dem Bigbandleader, befreundet sind und uns nach Köpenick lotsten, zum Konzert der Modern Soul Band. Ach, Jazz. Wie lange waren wir nicht bei einem Jazzkonzert. Und denkt man nicht immer an die Wiederholbarkeit der Wiederholbarkeit der Wiederholbarkeit der Dixielandfröhlichkeit, dass man am Ende ganz traurig wird? Ja, denkt man. Aber dann hat man die Rechnung ohne Modern Soul gemacht, MSB, die Band, die 45 Jahre existiert. Wir fotografierten uns mit dem Hauptmann von Köpenick und begaben uns in den Rathaushof, wo das Konzert bei guter Bewirtung mit Wernesgrüner Bier und handfesten Brotzeiten stattfand. Die Hallenser Freunde, die von der anhaltinischen Grundschlaffheit ein Lied singen können, verneigten sich vor der perfekten Organisation des Konzerts, aber gut: Wie sollte das Köpenicker Blues & Jazzfestival auch schon zum achtzehnten Mal stattfinden können, wenn es nicht gut gemacht wäre. Hugo Laartz hat die Band 1968 mitgegründet, er leitet sie immer noch, sitzt an den Tasteninstrumenten und spricht mit seiner kruden Berliner Schnauze unverbindliche verbindende Worte. Wir hatten uns unbewusst auf Alt-Herren-Jazz eingestellt, aber da war nix. Die Band ist frisch und dynamisch, die Bläsergruppe mit der gelenkig-eleganten Saxophonistin Mercedes Wendler schier unwiderstehlich, sie spielte alte MSB-Hits wie „He, alter Junge”, „Himmel und Hölle”, „Novemberblues”, aber auch große Rock- und Popnummern, und dann kamen ja noch die Helden früherer, gleichwohl jetziger Tage, die alle mit MSB zu tun hatten: Henry Kotowski, Michael Barakowski, Peter Pabst, Conny Bauer, Klaus Lenz, Ernst-Ludwig Petrowski, Regine Dobberschütz und Uschi Brüning. Das alles an einem schönen Samstagabend in Köpenick, ein paar Schritte neben der Spree. Gutmütiger Spott in die Jahre gekommener fahrender Leute. Hugo Laartz witzelte über den Stuhl, den Petrowski beanspruchte und sagte nach dessen Part: Ernste, kannst dir erholen jetzt. Klaus Lenz hat ein Jägerhütchen zu seinem Markenzeichen gemacht, das er nur allzu gerne lüftet, um zu zeigen, war er noch für einen Mähne auf dem Schädel hat. In jeder Stadt der DDR konnte man seinerzeit Lenz mit seinen immer neu zusammengestellten Bigbands erleben. Ich habe ihn als Student in Leipzig mit Günther Fischer und Uli Gumpert gesehen und als Soldat in Brandenburg mit Manfred Krug und einer fast noch unbekannten Uschi Brüning. Ich erinnere mich, wie Uschi Brüning früher wie eine Sphinx oder eine Salzsäule auf der Bühne stand. Noch nie habe ich sie so gelöst, so heiter, so beweglich gesehen wie jetzt in Köpenick, fast möchte ich sagen: noch nie so jung wie jetzt im Alter. Das Konzert war vorbei. Köpenick mit seinen kleinen Bars und Kneipen war in dieser Sommernacht ein imaginärer Ort irgendwo auf der Welt, auf jeden Fall tief im Süden. Kaum vorstellbar, dass wir in Berlin waren.

Die Ostsee in Polen …

Vater, Mutter, Wolken, Kind © Christian Brachwitz

Vater, Mutter, Wolken, Kind
© Christian Brachwitz

… oder der Himmel über uns allen? Beides bemerkenswert. Wir wollen festhalten, wie die Sonne ins Meer eintaucht. Was heißt wir. Die Frau, die für die Romantik in der Familie zuständig ist. Das Kind ist desinteressiert. Der Mann vergisst, den Bauch einzuziehen. Die Pepsi-Cola ist immer dabei. Befürchtungen, dass die dünnen Rohre den Ausguck und die Familie nicht werden halten können, sind unbegründet. Die Wolken haben so eine flüchtige Struktur. Sie wollen nach Westen. So ist es schon immer gewesen. Und es war schon immer ansteckend. Die Wolken sind frei, die Gedanken auch, die Grenzen offen, mehr oder minder.

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Perfektion und Gleichgewicht

Die Fassade bleibt gewahrt

Die Fassade bleibt gewahrt

Empfindliches Gleichgewicht

Wo warst du denn, verdammt noch mal, zeterte Ritters Frau. Wieso denn, sagte er scheinheilig, dort in der Gasse für Bretter und so. Er wusste, dass Angelika sich in Bau- und Supermärkten gern aggressiv aufführte. Sie verstellte anderen Leuten den Weg, griff in Regale hinein, an denen gerade andere Menschen beschäftigt waren, fluchte hinter ihnen her, kurz, sie erwartete schlicht und einfach, dass sich ihr Mann ihretwegen mit anderen Männern kloppte, es zumindest darauf ankommen ließ. Ritter hatte diese unangenehme Eigenschaft im Gespräch mit seiner Frau nie thematisiert, wahrscheinlich war das was Unterbewusstes, Archaisches, Unterleib irgendwie, er wusste jedenfalls, was zu tun oder besser nicht zu tun war und verkrümelte sich. Und wenn der Konflikt vorüber war und Angelika mit hochrotem Kopf in der Gasse stand, stellte er sich doof und lächelte hinterhältig. Männer und Frauen. Das war schon ein Kapitel für sich.

Perfekte Ehe

Ganz schön heiß heute, Jünter, wa?

Ja. Kühl. Kühl geworden.

Hast recht. Gar keen richtiger Sommer mehr.

Wie früher, die Sommer.

Ja, früher gab’s.

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